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Basti in

Vancouver Bericht vom 26.9.2009 – 26.11.2009


SA 26.9. - DO 1.10. New Westminster, British Columbia Couchsurfing bei Nicole (36) aus den USA, 5 Nächte

Meine erste Stunde in meiner neuen Heimat auf Zeit verbrachte ich damit, sie erstmal wieder zu verlassen. Das Mädel, bei dem ich aufgenommen wurde, wohnte südöstlich von Vancouver in New Westminster. Dies ist zum Glück noch an den örtlichen Personennahverkehr angeschlossen, oder wie es hier heißt: an den Skytrain. Das Besondere an dieser Bahn ist, dass sie vollkommen fahrerlos über die Gleise rauscht. Es gibt demnach an der Zugspitze keine Fahrerkabine, was es einem erlaubt, sich in die erste Reihe zu setzen und selber Fahrer zu spielen. Wer nicht das Glück hat, dies vor Ort auszutesten, kann dies virtuell nachholen: Expo Line von King George Station (JWD, noch 5 Stationen östlicher als New Westminster) bis Waterfront (Vancouver downtown). Nicole hat selber mal für vier Jahre in Deutschland Kreis Stuttgart gelebt und dort als Sprachlehrerin gearbeitet. Sie selber spricht aber kein Stück deutsch. Erstaunlich, wie sprachresistent Amis – sie kommt ursprünglich „von drüben“ - doch sein können. Alle bürokratischen Angelegenheiten hat damals ihr Freund für sie erledigt. Dieser war ein paar Jahre zuvor übrigens deutscher Meister im Bodybuilding. Sie hat mir ein Foto von ihm in besten Tagen gezeigt – huiii! An dieser Stelle möchte ich Euch einen Filmtipp ans Herz legen: Pumping Iron mit Arnold Schwarzenegger. Ich habe ihn letzte Nacht angeschaut. Der Film zeigt die Vorbereitung und die Ausscheidungen zum Mr. Universe und Mr. Olympia im Bodybuilding 1975. Die Kraft und der Ehrgeiz, den dieser Mann für sein Ziel aufbringt, und auch die Tatsache, dass er anschließend noch erfolgreicher Hollywood-Filmstar sowie Gouverneur von Kalifornien wurde, macht ihn schon zu einer wirklich beeindruckenden Persönlichkeit. Aber allen voran sind die Sprüche des damals 28-jährigen Schwarzeneggers einfach großartige Unterhaltung. Kostprobe: „I was always dreaming about very powerful people, dictators and things like that. I was just always impressed by people who could be remembered for hundreds of years, or even, like Jesus, be for thousands of years remembered.“ Ja, Jesus und Diktatoren waren schon echt klasse. Genau, Arnold. Ideale Unterhaltung für eine größere Gruppe in geselliger Atmosphäre! Aber zurück zu Nicole. Sie war leider die ungeeignetste Person, um mir Vancouver schmackhaft zu machen. Sie selber ist bewusst nach draußen gezogen, da sie Vancouver nicht mag. Sie hatte insbesondere ein Problem mit dem zuweilen dogmatischen Ausleben alternativer Lebensformen. In der Tat sah ich bei der Wohnungssuche in vielen Anzeigen auf craigslist, dass ausschließlich vegan oder vegetarisch gekocht wird, niemand raucht und man daher bitte zum Rauchen vor die Tür gehen solle oder noch besser: keine Raucher gewünscht sind, auch nicht draußen. Insbesondere die Gegend um den Commercial Drive soll alternativ ganz weit vorne mitspielen. In einer Stand-Up-Comedy-Show, in der ich vor kurzem war, wurden die typischen Drive-Bewohner (wie der Commercial Drive lässig abgekürzt wird) ordentlich auf's Korn genommen. Junger Mix aus Bioschlampen und Medienäffchen, die so krass ihren eigenen, unspießigen Weg gehen, dass sie sogar in neonfarbenen Trainingsanzügen oder dem elfenhaften Lumpen-Look auf die Straße gehen. Im Grunde die gleiche Soße wie im Berliner Prenzlhain oder Hamburger Schanzbush. Sofern man jedoch bedenkt, dass diese Leute nur ca. 10% der Bewohner dort ausmachen, auch wenn es gefühlte 50% sind, ist diese Gegend sehr attraktiv. Zudem kristallisiert sich dies wohl erst seit geraumer Zeit heraus, sodass die Mieten noch recht human


ausfallen. Zu guter Letzt ist kein Punkt in Vancouver mit zwei Skytrain-Linien und dem zur UBC (Universität British Columbia) fahrenden Expressbus 99 nahverkehrstechnisch so gut erschlossen. Ich versuchte also, in dieser Gegend eine Unterkunft zu finden.

DI 29.9. Couchsurfing Treffen im Brickhouse Mein Wohnungsproblem löste sich gleich an meinem vierten Tag in Vancouver beim alldienstaglichen Couchsurfing-Treffen. Ich hatte ein paar Wochen zuvor im CS Forum geschrieben, dass ich bald nach Vancouver komme und dann daran interessiert bin, mit Couchsurfern oder anderen netten Leuten zusammenzuziehen. Ein Gerald hatte mir eine SMS geschrieben, als ich noch in Ontario in der Wildnis war. An diesem Abend lernten wir uns dann kennen. Er und seine Freundin Emilie zogen mit einer Kanadierin in eine Wohnung, in welcher zumindest für den Oktober noch ein Zimmer frei war. Perfekt!

DO 1.10. Umzug in die Ritterstraße

Emilie (28), Gerald (32), Daniel (26) und Merissa (23) bei einer Teamgeist fördernden Umzugsaktion (mein Gott, hat die Schlafcouch ein Gewicht...) Zwei Tage nach dem Treffen im Brickhouse war es dann auch schon soweit. Der Umzug in meine erste Bleibe. Daniel, ein Brite aus Manchester, der ebenfalls nur für ein Jahr hier ist, wohnte den Oktober zuerst in einer anderen WG, bei der er zuvor bereits zugesagt hatte. Dies war der Grund, warum die anderen mir ein Zimmer für den ersten Monat anbieten konnten. Mein Zimmer bestach durch sein zeitloses Design. Mit seinen gradlinigen, gropiäsken Strukturen eine Ode an schlichte Einfachheit. Nach dem materialistischem Mekka in meiner Berliner WG ein ganz neues Gefühl, einmal mit nichts auszukommen. Eine Matratze, ein Wandschrank. Das war's.


FR 2.10. Job klargemacht Von Daniel erfuhr ich, dass der Sicherheitsdienst für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver und Whistler noch riesigen Personalbedarf hat. Ich morgens hin, Einstufungstest gemacht, kurzes Vorstellungsgespräch gehabt, Fingerabdrücke machen lassen, dieselben ausführlichen persönlichen Angaben in bestimmt sechs verschiedene Formulare eingetragen und ein Problem weniger. Genaueres über die Tätigkeit später, wenn ich von der ersten Schulung berichte. Nachmittags kam unser Vermieter in unsere Wohnung, da noch etliche Reparaturen erledigt Blick von der Matratze zum Fenster werden mussten. Ich sprach ihn auf eventuell leer werdende Wohnungen an, da ich mein Zimmer schließlich im November räumen musste. Und in der Tat: die Wohnung im Keller würde Mitte Ende Oktober frei werden. Sie sei sogar noch günstiger als unsere bisherige. Ich äußerte mein großes Interesse und machte einen Besichtigungstermin aus. Innerhalb von nur sechs Tagen Job, Wohnung für Oktober und Wohnung für danach klargemacht. Mein Gott hab ich mich an diesem Abend gut gefühlt! Um es vorwegzunehmen: die Wohnung im Keller war unzumutbar: dunkel, versifft, Käfer sowie angeblich sogar Mäuse. Eine weitere Wohnungssuche stand somit noch bevor.

SO 4.10. Wandern am Mount Seymour Vermutlich wird es wetterbedingt das einzige Mal gewesen sein, dass ich in diesem Jahr in der Umgebung Vancouver wandern war. Aber ich beschwere mich nicht, den Sommer und sonnigen Frühherbst, den es hier in Vancouver gegeben hat, habe ich schließlich in anderen schönen Teilen Kanadas verbringen können. Von oben hat man einen wundervollen Blick auf sowohl den Mount Seymour Provincial Park mit weiteren Bergen der North Shore Mountains sowie über ganz Vancouver auf der Südseite.

Auf der Spitze des Mount Seymour, 1449m. Im Hintergrund weitere Gipfel der North Shore Mountains.


Vancouver Downtown Nach knapp zwei Wochen verirrte ich mich zum ersten Mal in der Innenstadt von Vancouver. Auf meiner bisherigen Reise suchte ich die größten Sehenswürdigkeiten stets gleich in den ersten paar Tagen ab, da ich halt oft nicht viel mehr als diese ersten paar Tage in dieser Stadt hatte. Kaum entschließt man sich, in einer Stadt für eine Weile zu leben, wird der Punkt „Sightseeing“ erstmal weit nach hinten priorisiert. Kenne ich ja schon von mir. Aufgrund dieser Eigenschaft konnte ich über 6 Jahre in Berlin ohne Besuch des Pergamon Museums leben, 26 Jahre in Hamburg ohne Fleetfahrt, und auch das Umland kann man ja immer nochmal besuchen, später wenn man mal Zeit hat. Eilt ja nicht. Z.B. Städte wie Amsterdam oder Prag, die bis heute auf meinen Besuch warten. Mach ich dann, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin. Aber nicht sofort. Erstmal ankommen. Eilt ja nicht.

Die abendliche Vergnügungsmeile "Granville Street" mit gut 200m langen Schlangen während des Vancouver International Film Festivals Letzten Endes habe ich es nun aber doch innerhalb des ersten Monats geschafft, mir ein paar Highlights anzuschauen. Nach der Besichtigung Torontos erscheint Downtown doch wieder angenehm fußläufig. Auch beeindruckt Vancouvers Skyline weniger mit riesigen Wolkenkratzern sondern besitzt mit seinen fast ausschließlich weißen Wohnsilos einen ganz eigenen, hellen freundlichen und weniger protzigen Charme als obengenannte Metropole. Die Lage an der Straße von Georgia, dem Teil des Ozeans, der von der vorgelagerten Insel Vancouver Island vom Pazifik getrennt wird, macht Vancouver wirklich zu einer traumhaft gelegenen Stadt. Da kann auch die Elbe nicht mehr mithalten, Sorry nach Hamburg. Eine der als Attraktionen beschriebenen Museen Vancouvers, das Museum of Anthropology, war sogar bereits unter meinen Ausflugszielen. Ich besuchte es zusammen mit Leslie, einer halb-indigenen Kanadierin. Ihre Mutter ist Coast Salish, einer indigenen Bevölkerungsgruppe Nordamerikas. Sie arbeitet als Künstlerin und hatte sogar ein Exponat, einen Webteppich, in dem Museum ausgestellt. Das Museum hielt insgesamt jedoch leider nicht meinen Erwartungen stand, etwas zu klein und wenig informativ. Kleine Anekdote zum Schluss: ich fragte Leslie, ob sie meine Squaw werden will. Jetzt weiß ich, dass die Bezeichnung „squaw“ im Englischen das „nigger“, “bitch“ oder “faggot“ für die indigene Bevölkerung ist. Heißa! Auf zum nächsten Fettnäpfchen.


Stanley Park

Mit Isabell (25), einer Deutschen, die ich auf einem der Couchsurfing Meetings kennengelernt habe, machte ich einen netten Spaziergang in Vancouvers größtem Park, dem Stanley Park. Er liegt auf einer der Innenstadt vorgelagerten Halbinsel. An dem Tag schafften wir es lediglich, die Insel einmal zu umrunden, das Innere des Parks haben wir nicht geschafft. Was soll ich sagen: wunderschön, das obige Bild mag dies ein wenig aufzeigen. Anschließend kehrten wir noch in einem japanischen Restaurant direkt mit herrlichem Blick auf die See zum Sushi ein, und dennoch unerwartet günstig, da sie erst seit einer Woche bestand hatten und mit, für diese Gegend, Kampfpreisen ins Geschehen eingriffen.

Westspitze Vancouvers an der UBC

Am Westzipfel der Hauptinsel von Vancouver, hinter der Universität von British Columbia (UBC) gelegen und lediglich durch lange Busfahrten zu erreichen (Berlin hätte bereits 3 U-Bahnlinien dorthin verlegt), liegt ein traumhaft gelegener Strand. Der Zugang erfolgt über lange Treppen durch den Laubund Nadelwald, welcher den Strand und das ca. 50m höher gelegene Gelände der UBC voneinander trennt. Außer der Waldfront im Rücken ist man somit ausschließlich von Wasser umgeben. Vancouver im Sommer muss wundervoll sein, wenn man die ganze Nacht dort verbringen kann. Von solchen Temperaturen konnten wir Ende Oktober leider nur träumen. Isabell und ich erwischten zumindest einen trockenen Abend und genossen Bier und Gin Tonic aus Plastikkelchen. Später gesellten wir uns


noch zu einer Gruppe von Leuten, die ein Lagerfeuer am Strand machten, an welchem wir uns aufwärmen konnten.

Couchsurfing-Gäste im Oktober Wir alle, Emilie und Gerald, Merissa sowie ich, haben bisher lediglich bei anderen Couchsurfern übernachtet, nie jedoch selber Leute im eigenen Heim beherbergt. Wir alle lernten uns über diese Plattform kennen, nichts stand also näher, als in unserem neuen Heim selber Leute aufzunehmen. Zudem starteten wir das Projekt CookSurfing, ein Rezeptbuch für alle Besucher, die uns besuchen und bekochen. Unsere erste Person war Sigrid (21) aus Karlskrona, Schweden. Herrlich für mich zum Auffrischen alter Sprachschätze, aber enorm, wie schwer es mir gefallen ist, diese Sprache, die ich vor sieben Jahren mal fast flüssig gesprochen habe, nach all dem Englisch in der letzten Zeit wieder aufzunehmen. Sigrid brachte den zweiten Abend noch Paola (27, Garmisch-Partenkirchen) mit, die allerdings sehr verschlossen war und daher leider nicht unbedingt in die Kategorie „herausragende Couchsurfing-Erfahrung“ fällt. Sigrid war der erste Gast, der ein Rezept in unser CookSurfing Buch schrieb. Es gab leckere Svenska Pannkakor (schwedische Pfannkuchen) mit Erdbeeren und allerlei Krimskrams. Wir befreiten Isabell (25, Halle/Thüringen), die ich oben schon erwähnt hatte, aus ihrem Hostel. Sie schlief ein paar Nächte bei uns, bis sie ein Zimmer in einer Wohnung gefunden hatte. Auch sie kochte für uns: eine tradionell deutsche Chili con Carne. Wir hatten ein englisches Pärchen bei uns zu Gast, Jess und James aus Newcastle-upon-Tyne. Sein

Stolze Kürbisschnitzkünstler (v.l.n.r.): Gerald, James, Jess, Emilie, Merissa und ich


Bruder lebt zur Zeit in Vancouver, hatte allerdings keinen Platz, sie zu beherbergen. Über ihn ergab sich jedoch eine Halloweenparty, zu der auch unsere komplette WG eingeladen war und auch erschien, sowie ein wöchentliches Fußballspielen, an welchem Gerald auch immer noch dran teilnimmt. Es findet allerdings weit außerhalb in Burnaby in einer Halle statt, die ansonsten 8 Eishockeyfelder beherbergt. Dementsprechend niedrig ist die Raumtemperatur. Während des Spielens merkt man es nicht, aber sofern man sich 2 Minuten nicht bewegt, merkt man die Eiseskälte. Zudem findet es Montag nachts von 23:30 bis 1:00 Uhr statt. Ich habe einmal dran teilgenommen, dann aber entschieden, dass ich das Risiko, mir eine dabei Erkältung zuzuziehen, doch zu hoch einschätze. Der bisher bemerkenswerteste Gast war jedoch Jeremy (25) aus Frankreich. Er hatte eine Anfrage in das CS-Forum geschrieben. Ich sah es, las mir sein Profil durch und schrieb ihn sofort an, dass er bei uns übernachten könne. Er startete vor zwei Jahren das Projekt, per Anhalter einmal um den Erdball zu reisen. Zuerst gab er sich einen Zeitrahmen von 2 Jahren, merkte allerdings recht bald, dass dies nicht ausreichen werde und verlängerte die Tour auf insgesamt 5 Jahre. Er ist nun seit 2007 unterwegs und wird noch 3 weitere Jahre bis 2012 reisen. Ein paar Bilder von seinen bisherigen Stationen:

(1)

per Anhalter mit dem Traktor unterwegs, Sudan

(2)

auf einem Truck, Sudan

(3)

1 Monat in einem Waisenheim, Tansania

(4)

2 Nächte auf einem Bett auf einer Tankstelle übernachtet, Sudan

(5)

zu Gast bei TV Kanal 5, Türkei

(6)

warten auf eine Mitfahrgelegenheit, Sudan

(7)

Dusche während seiner Atlantik-Überquerung auf einem Katamaran, ebenfalls per Anhalter

(8)

bei einem Vortrag in einem Waisenheim, Tansania

Jeremy kommt mit einem Budget von täglich 7 US$ aus. Zum Vergleich: mein Tagesbedarf lag die letzten vier Monate bei über 40 US$. Es war sehr interessant, sich mit ihm zu unterhalten. Zu sehen, wie wenig man eigentlich benötigt, um solch immense Erfahrungen sammeln zu können. Er bestätigte meine Auffassung, dass der schwerste Schritt einer solchen Reise der ist, sich dazu zu entschließen, es wirklich zu tun. Sobald jedoch der erste Kilometer in Richtung weite Welt getan ist, geht der Rest wie von selbst. Beeindruckend, wie er mit zwei kleinen Rucksäcken auskommt (auf Bild 6 zu sehen). Einen trägt er auf dem Rücken, den anderen vor dem Bauch. Wie er darin Platz für Kleidung für den Sudan (bis 50°C) sowie Alaska (merklich weniger) auskommt, ist mir schleierhaft. Und für sein Netbook ist darin auch noch Platz. Seine Geschichten und Bilder waren mehr als einfach nur unterhaltend: sie


waren inspirierend. Ich hatte direkt vor mir eine Person, die mir aufzeigte, dass ein Leben à la Into The Wild (exzellenter Film über die Reise eines Aussteigers in Nordamerika nach einer wahren Begebenheit – anschauen!) möglich ist. 2012 kommt er aus Polen über Berlin nach Frankreich zurück, vielleicht treffe ich ihn dann ja erneut. Auf seiner Webseite hat er ausführliche Informationen über seinen Trip, unter anderem die bisherige sowie noch geplante Reiseroute.

MO 19. - FR 24.10. X-Ray Operator Training Nach einer entbehrlichen Einführungsveranstaltung in der Woche zuvor („We are all so exciiiited about the coming Winter Games and you gonna be part of it, guys! Isn't that GREAT!?“) hatte ich nun eine Woche Training am Computer, jeweils morgens von 10 bis 13 Uhr. Ich werde bei den Olympischen Winterspielen sowie den Paralympics im Anschluss als X-Ray Operator im Sicherheitsteam arbeiten. Ihr kennt die Jungens am Flughafen, die sich den Inhalt Eures Handgepäcks am Bildschirm anschauen? Genau das werde ich an den Eingängen zu den Stadien oder den Wohneinheiten der Sportler machen. Tag für Tag, acht Stunden täglich, im 20-minütigen Wechsel mit meinem Röntgen-Kollegen. Sehr gute Bezahlung für eine fast ungelernte Tätigkeit (11,50€ pro Stunde). Während der Winterspiele ist hier generell sehr gutes Geld in Vancouver zu verdienen. Dazu bekomme ich sogar eine komplette

Mein Arbeitsgerät Uniform inklusiv wetterfester Schuhe, die ich anschließend behalten darf.

„Diese Tasche enthält keine verbotenen Gegenstände“ - mein Rucksack in der Kontrolle. War übrigens eine Lüge: es befand sich zusätzlich eine Plastikpistole aus dem 1-Dollar-Shop darin.

Das Training war eigentlich ganz unterhaltend und nicht besonders fordernd. Nach drei Tagen an der Software wurden wir auch an echte Geräte gelassen, um ein Gefühl für die Praxis zu gewinnen. Da ich vorher schon wusste, dass wir an diesem Tag auch unsere eigenen Taschen durchleuchten dürfen, ordnete ich zuhause ein paar Nägel zu einem Schriftzug an, welchen ich zwischen zwei Pappen klebte. Von außen vollkommen harmlos, erst mit Röntgenstrahlen wurde der Text sichtbar.


MO 12. - FR 16.10. Wohnungssuche / SO 1.11. Einzug in die neue WG Wie bereits erwähnt konnte ich lediglich den Oktober über mit Merissa, Emilie und Gerald zusammen wohnen, da sie mein Zimmer ab November bereits an Daniel versprochen hatten. Ich startete daher eine Woche zeitraubender Suche nach einer neuen Unterkunft. Ich suchte hauptsächlich in der Gegend um den „Drive“, schaltete aber auch eine eigene Anzeige mit ausführlicher Beschreibung und Fotos meiner Person, um mein Chancen auf eine nette WG zusätzlich zu erhöhen. Ich bekam auf meine Anzeige einige Zuschriften. Allerdings wirkten die meisten recht verzweifelt, da sie, obwohl ich die Gegend auf den Commercial Drive oder andere gut an den Skytrain angebundene Gegenden begrenzt hatte, hauptsächlich außerhalb Vancouvers lagen: angefangen in Burnaby (noch gut an den Skytrain angeschlossen) über Port Moody und Coquitlam (Skytrain und anschl. Bus) bis hin zu weit im Süden liegendem White Rock, das so ungefähr das Lüneburg Hamburgs bzw. das Königs Wusterhausen Berlins ist. Wer zieht denn freiwillig dorthin? Die letzte von sechs Wohnungsbesichtigungen hatte ich bei vier Jungs. Von der Art, wie sie ihr Haus und die Wohngemeinschaft beschrieben haben, hatte ich gleich ein gutes Bauchgefühl. Zudem war die Miete mit 425$ erträglicher als viele andere Zimmer, bei denen bis zu 700$ genommen wurde. Ich kam gerade gut gelaunt von einem anderen Besichtungstermin, habe den Jungs eine gute Show geboten und hatte gegen Ende schlagartig ein noch sichereres Gefühl, dass ich eine gute Partie bin, als ich sah, wer sich als nächstes vorstellte. Eigentlich wollte ich am nächsten Tag denen noch die Jeopardy-Melodie zumailen, die sie bei ihrer Entscheidungsfindung als Hintergrundmusik verwenden sollten, aber sie kamen mir bereits zuvor und teilten mir mit, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatten und ich der Auserwählte war. Die Aufgabe „Unterkunft für meine Zeit in Vancouver finden“ war somit erfolgreich gelöst. Die Jungs waren im Einzelnen: •

Andy the Researcher

Robert the Architect

Craig the Student

Sam the Carpenter

Auf Englisch deshalb, weil ich mir ihre Berufe und Namen sehr gut merken konnte, da sie mit denselben vier Buchstaben (A, R, C und S) beginnen. Um dies fortzuführen müsste ich mir somit einen Beruf mit B aussuchen. Basti the Bartender, Basti the Baker, Basti the Butcher, Basti the Banker, Basti the Bookbinder, Basti the Bus Driver oder Basti the Business Consultant. Oder ich rette die Welt als Bicycle Repair Man. Weitere Vorschläge sind willkommen. Die Jungs sind alle ganz nett. So richtig eingelebt habe ich mich eigentlich erst dieses Wochenende, also nach ca. drei Wochen, nachdem ich das erste mal mit zwei von denen, Sam und Robert, zusammen auf einer Party war. Suff schweißt doch irgendwie zusammen. Ich lebe nun mit ausschließlich englischen Muttersprachlern zusammen. Andy, gebürtiger Ami und mit 34 Jahren endlich mal eine noch ältere Person als die meinige, arbeitet an der Uni als Wissenschaftler im Bereich Entwicklungshilfe. Er ist berufsbedingt daher des Öfteren für längere Zeit im Ausland. Als ich ausgesucht wurde und zwei Wochen später einzog, war er z.B. gerade in Bangalore, Indien. Sam (25) kommt eigentlich aus Sheffield, ist mit seiner Mutter allerdings nach Kanada immigriert und lebt nun seit knapp 3 Jahren in Vancouver. Er arbeitet zur Teilzeit als Schreiner und hilft noch einmal die Woche bei dem Gemüselieferservice aus, über welchen wir wöchentlich frisches Gemüse und Obst ins Haus geliefert bekommen. Er hat allerdings vor, demnächst wieder nach Europa zu gehen. Dafür


hat er sich Kopenhagen ausgesucht, mit der Begründung, dass Dänemark ziemlich im Zentrum von Europa liegt und man überall gut hinkommt. Ich meinte zu ihm, das mit dem Zentrum Europas solle er mal einem Schweizer erzählen. Er hat in der Schule einige Jahre Deutsch gelernt und kann durchaus komplizierte Sätze bilden („Ich brauche eine Gabel.“). Er ist von elektronischer Musik wie Drum&Base und Trance angetan, ich denke, dass ich mit ihm durchaus mal diesbezüglich unterwegs sein werde. Robert (28) kommt aus Dublin. Er ist seit Mitte September in Vancouver und hat innerhalb von 2 Wochen einen Job als Architekt bekommen. Dafür hat er jedoch insgesamt 80 Bewerbungen abgeschickt und lediglich ein Büro hat sich daraufhin zurückgemeldet. Er spielt zudem recht gut Klavier, hat Unterricht seitdem er 10 Jahre alt ist und hat sich nun hier ein Digitalpiano gekauft, auf dem regelmäßig übt. Craig (22) aus England ist unser Küken. Er studiert, hat aufgrund seiner hervorragenden Kenntnisse sogar von seiner Heimatuni ein Stipendium für sein Studium finanziert bekommen und ist, laut meiner Mitbewohner, vom Kopf her vielen Altersgenossen weit voraus. Aber er scheint, wie Andy vor kurzem in einer geselligen Runde verlauten ließ, aufgrund seiner celebraphoben Gesetztheit der eigentliche Opa der WG zu sein. In der Tat ist er diejenige Person, mit der ich mich bisher am wenigstens unterhalten habe. Aber er ist sehr sympathisch und bis auf seine zuweilen interessante Auffassung von Ordnung ein angenehmer Wohngenosse. Das Haus verfügt über ein großes Ess- und Wohnzimmer, offene Küche, 5 Schlafzimmer sowie 3 Bäder. Mein Zimmer ist das kleinste von allen, dafür auch das günstigste. Es liegt im Keller und ist dank der fast 27 Quadratdezimeter großen Fensterfront dementsprechend lichtdurchflutet, sofern denn die Sonne herauskommt und von der hellen Außenwand des Nachbarhauses abstrahlt. Über mir ist die Küche, sodass ich zu Beginn meiner Zeit morgens oft von den Schritten der Mitbewohner wach wurde. Wenn dies nicht bereits vorher während der Benutzung des Bades geschehen war. Mein Zimmer ist lediglich mit einer Schiebetür zum Flur verschließbar und das Badezimmer befindet sich direkt neben meinem Raum. Klingt allerdings schlimmer als es ist. Man gewöhnt sich an alles und ich wache mittlerweile auch nicht mehr davon auf. Wir zahlen jeden Sonntag 40$ in die Kitty. Dies ist eine Dose in der Küche, auf welches jemand einen eigentlich gar nicht niedlichen Katzenkopf gezeichnet hat. Der Inhalt dient gemeinsamen Essensausgaben. Von Sonntag bis Donnerstag kocht immer jemand von uns. Einmal die Woche muss man dann selbst mal ran. Kann anstrengend und zeitaufwändig sein, ist aber die anderen 4 Tage dann umso netter. Die geben sich teilweise sogar richtig Mühe, ist also nicht 3x Nudeln und 2x Pizza pro Woche. Tag

Essen

Koch

Sonntag

Burritos, die einzelnen Zutaten selbst liebevoll zubereitet

Andy

Montag

Pizza, sogar eine ohne Käse für mich

Sam

Dienstag

Thailändisches Curry-Gemüse (scharf) mit Basmatireis

Craig

Mittwoch

Steak mit Baked Potatoes und Sour Cream, Knoblauchbroten Ochse Bulko (ich) und frischem Salat

Donnerstag

Eintopf (ich war zum Glück Sushi essen)

Robert


Allgemeine Eindrücke von der Stadt Vancouver bietet sich hervorragend zum Ausbauen der Fremdsprachenkenntnisse an: mein Japanisch wird immer besser! Lediglich mit stümperhaften Wortfetzen wie kappa (Salatgurke), sushimi (Krabbenimitat) und unagi (gekochter Aal) bewaffnet kam ich Ende September in Vancouver an. Nach nur 1,5 Monaten ist mein Wortschatz bereits so angereichert, dass mir selbst Bezeichnungen gehobenen Wissensstandes auf der Speisekarte keine Probleme mehr machen. suzuki (Wolfsbarsch), sakana (Fisch), ohashi (Stäbchen), sakana ohashi (demnach: Fischstäbchen) sowie einer meiner Favoriten: ein Uramaki (inside-out) mit kappa, sushimi und Avocado, der den Namen kali fonia Diese Form der Darreichung ist bei Menüs trägt, sind nur einige der anzuführenden Beispiele. unterhalb 10$ eher selten anzutreffen. Grund ist ein meist 1-3x wöchentliches Training. Kein Wunder, denn das Sushi-Menü von 18 Makis inkl. Miso-Suppe startet bei 6$ (ca. 3.85€). Letztens habe ich es für 4.99$ (3.20€) gesehen. Doch drei Tage später ist der Laden ärgerlicherweise mitsamt der umliegenden Geschäfte abgebrannt. Preistreiber der Sushi-Mafia? Ich werde es wohl nicht erfahren. [Link: dieses Haus existiert lediglich noch in Google Street View]. „Alles-was-Du-essen-kannst“Menüs gibt es auch zuhauf. In meiner ersten Woche in Vancouver habe ich ein solches Angebot für 12,95$ wahrgenommen. Damals dachte ich, dass dies meine Hauptbezugsquelle von Sushi sein wird. Nach ein paar Besuchen anderer Orte weiß ich nun, dass es sich allerhöchstens für Nigiri-Liebhaber lohnt. Wer wie ich eh nur Maki-Rollen isst, wird für 13$ in jeder anderen Sushi-Bar mehr als satt. Ein Paradies!! Recht zu Beginn meines Aufenthaltes musste ich eine verblüffende Entdeckung machen: Busfahrer sind Menschen! Diese Information muss insbesondere für die Berliner Leser unter Euch vollkommen unvorstellbar sein. Ernsthaft: diese Wesen, die meist vorne links im Bus gleich hinter der vorderen Eingangstür sitzen und von denen ich bisher lediglich dreistes Gepampe in regionaltypisch gefärbten Mundarten gewohnt war, das sind echte Menschen. Wie Du und ich. Man kann sie grüßen und sie grüßen zurück, sogar freundlich! Bei Fragen helfen Sie einem und auch, wenn man mal keine Fragen hat, sind sie auch gern für ein Pläuschchen zu haben. Wenn man den Bus verlässt, auch bei den hinteren Türen, ruft man ein kurzes „Thank you!“ nach vorne. Tun nicht alle aussteigenden Fahrgäste, aber einige. Und ich versuche meist dazuzugehören. Nach Berlin komm ich noch früh genug zum wieder Abgewöhnen. Obwohl dies bestimmt Stoff für eine prima Sozialstudie wäre, wenn ich das dort beibehalte. Neulich machte sich ein Busfahrer den Spaß, jede Station wie auf einer Flugreise anzusagen. Neue Fahrgäste begrüßte er kurz nach dem Losfahren mit: Welcome, ladies and gentlemen, on board of the 99 express line. Our next stop will be Cambie Street. For your information: this bus won't stop at Willow Street. If you want to go to Willow Street, please get off at Cambie Street and wait for the bus #9 to Broadway at Alma Street. Next stop: Cambie street. Kurz vor Eintreffen bei der nächsten Haltestelle setzte er dann fort: Ladies and gentlemen: we are now arriving at Cambie


Street. If you get off here please mind not to forget any bags or umbrellas. In the name of the whole crew I wanna say 'Thank you' for choosing Translink. We hope to see you again and have a nice day. Das in Deutschland? Schwer vorstellbar. Ich kann mich an eine Busfahrt 1997 in Hamburg erinnern. Damals hat sich ein Busfahrer den Scherz erlaubt, jeden Fahrgast einen guten Morgen zu wünschen. Einige Fahrgäste grüßten erfreut und freundlich zurück. Andere aber waren ziemlich irritiert, grüßten etwas unsicher zurück oder schauten ganz weg und man merkte ihnen die unangenehme Situation an. Ich konnte dies damals aus nächster Nähe betrachten, da ich mich bewusst auf den Einersitz ganz vorne gesetzt hatte. Wie es der Zufall wollte, erwischte ich am Nachmittag auf meinem Weg zurück denselben Busfahrer. Ich kam ihm damals zuvor und begrüßte ihn mit einem freudigen 'Guten Tag!'. Es gibt es also auch in Deutschland. Die Tatsache aber, dass diese vor 12 Jahren stattgefundene Geschichte immer noch erzählenswert ist, spricht nicht für die lockere Art des durchschnittlichen ÖPNV-Fahrers. Nächstes Thema. Ist eigentlich einigen unter Euch bereits einmal die phonetische Verwandtschaft hiesigen Landes zu einem populären inhalierbaren Rauschmittel aufgefallen? Canada … Cannabis? Insbesondere Vancouver sagt man solch einen Ruf nach, nicht umsonst heißt diese Stadt unter Insidern auch „Vansterdam“. Da man hier gesund lebt und Tabakrauch ungesund ist, raucht man das Zeug hier grundsätzlich pur. Und das Gras haut ordentlich rein. Hab ich mir sagen lassen. Wobei "Oh, Cannaba, ..." ♪♫♪ man sich vermutlich an alles gewöhnen kann. Wie unser Nachbar. Ein Typ etwa Anfang 20, der mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in der Wohnung unter uns wohnt, raucht ca. 3-6 mal am Tag draußen auf dem Treppenaufgang zum Hintereingang. Es kam nicht selten vor, dass wir in unserem Wohnzimmer saßen und ihn durch die geschlossene, 7m von uns entfernte Balkontür gerochen (!) haben. Einst kam ich aus der Stadt und habe 50 Meter von unserem Haus einen eindeutigen Geruch wahrgenommen (siehe Grafik). Ich wollte es erst nicht glauben, aber ich vergewisserte mich, als ich von Weitem unseren Nachbarn auf den Treppenstufen sitzen sah. Der Wind stand natürlich günstig, aber dennoch betrachte ich diesen Vorfall als beeindruckend. Ab und an lädt er sich auch ein paar Freunde ein. Dann stehen sie alle 1,5 Stunden draußen und rauchen und husten um die Wette. Wir sind gespannt, wann sie diesbezüglich einen Nachbar auf 50m am Geruch erkannt kausalen Zusammenhang bemerken. Nun zum Wetter. Es saugt. Und zwar sich in jeden Stoff, der nicht wasserabweisend beschichtet ist. Gut, ik als ursprünglich Hamboorger Jung sollt da ma nich rumnöölen. Do tut dat ja ook alltied pieseln. Wirste doch meschugge bei. Nu bin ik ja aber ook 'n ganz plietscher Schietbüdel (okay, ich beende mal


das Nordic Talking) und hab mal bei Google Maps geguckt, wer denn noch mit mir auf einem Breitengrad liegt. Und siehe da: auch wenn Vancouver (Regen bei 3°C – 7°C) wettermäßig mit dem auf gleicher Höhe liegenden deutschen Gut-Wetter-Reservat Karlsruhe (teils bewölkt, teils sonnig bei 7°C - 16°C) liegt, hätte es mich mit Ulan Bator / Mongolei (leicht bewölkt bei -9°C bis -23°C) doch reichlich härter getroffen. Außerdem ist in Ulan Bator bestimmt das Sushi teurer und die Busfahrer sprechen kein Englisch.

NOV

OKT

Vancouver: oben der kleine Downtown-Zipfel, da drunter der Rest, wo sich mein Leben abspielt. Darin meine WG im Oktober und meine jetzige WG seit November. Mit einem Klick auf das Bild gelangt man zu meiner persönlichen Vancouver-Karte mit allen Stationen. An dieser Stelle noch eine Bemerkung zu meinen Links zu Google Maps Street View: Ich bin erstaunt, was man damit alles machen kann. Dass man mit den Pfeiltasten sich drehen und richtig auf der Straße „entlangfahren“ kann, ist vermutlich schon einigen aufgefallen. Was Google Maps Street View noch alles wirklich Verblüffendes kann, zeigt dieses Video [Englisch, aber auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse verständlich].

SA 7. 11. Free Hugs Ich hatte im Bericht aus Quebec bereits einmal von der Free Hugs Kampagne erzählt und auf dieses Musikvideo verwiesen, durch welches die Kampagne 2006 weltweit berühmt geworden ist. Im Couchsurfing Forum startete jemand den Vorschlag, sich an den Eingang der Skytrain Station Broadway / Commercial Drive zu stellen und kostenlose Umarmungen anzubieten. Wann kommst Du das nächste Mal dazu? sagte ich mir und schloss mich der Gruppe an. Wir waren insgesamt über zwanzig Personen. Die meisten hatten sich „kostenlose Umarmungen“ in ihrer Landessprache auf ihr Schild geschrieben. Ich war der Einzige, der ein Schild mit manueller Sprachrotation dabei hatte: Klarsichtfolie mit 15 Blatt Papier, von Englisch, Deutsch, Spanisch über


Holländisch („Gratis Knuffels“, mein Favorit!), Schwedisch, Polnisch bis hin zu Thailändisch, Mandarin und Arabisch. Am besten gefiel den anderen jedoch das Schild „Please choose your favourite hugger“ [„Bitte wählen Sie Ihren bevorzugten Umarmer“]. Die meisten Passanten reagierten etwas verschüchtert, wir waren ja auch nicht gerade wenige, vielen war aber zumindest ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Einige, vornehmlich jüngere Leute, sahen die Aktion nicht zum ersten Mal und kamen zielgerichtet für eine Umarmung auf uns zu. Für die meisten aber war dies Neuland und wir trafen (und umarmten) viele Personen, die total begeistert von dieser Aktion waren. Bis auf einen jungen Herren. Er kam auf mich zu und fragte mich, was das soll. Ich erklärte ihm, dass wir kostenlose Umarmungen geben für alle, die eine wollen. Er deutete auf die Rückseite des Schildes, auf dem gerade die deutsche Version zu lesen war. Ich erklärte ihm, dass das „Free Hugs“ auf deutsch heißt und dass ich selber aus Deutschland komme. Er schaute mich ein paar Sekunden an und ging dann kopfschüttelnd weiter. Ich schaute ihm ebenso verständnislos hinterher, wurde aber nicht Geringsten aus seiner Reaktion schlau. Die meisten aber reagierten durchweg positiv. Einem Jungen gefiel unsere Aktion so sehr, dass er im Anschluss an die Umarmungen in einen Blumenladen ging und für jeden eine gelbe Rose kaufte und sie uns überreichte. Eines unserer teilnehmenden Mädchen war von seiner Mitmenschlichkeit so emotional berührt, dass ihr sogar die Tränen kamen. Hach – was kann die Welt doch schön sein. Dann passierte allerdings etwas, womit ich und niemand anders auch nur im weitesten Sinne gerechnet hatte. Ich war gerade dabei, mein Schild von Mandarin auf Japanisch umzustellen, da merkte ich, dass jemand auf mich zukam. Ich schaute auf, sah nur noch für Bruchteile einer Sekunde eine Faust und hatte diese auch schon mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen bekommen. Ich hastete zurück, hielt mir sofort die Nase und Oberlippe und sah, dass dieser merkwürdige, kopfschüttelnde Typ von vorhin wieder erschienen ist. Er entfernte sich sofort wieder, ich ging ein paar Schritte in seine Richtung hinterher – etwas überfordert von der Situation, was ich nun zu tun habe –, die Mädels um mich herum hielten mich aber sofort zurück und beruhigten mich, dass es keinen Sinn mache, diesem Typen hinterherzulaufen. In der Tat. Hätte dieser Mensch, der ohne Frage ein paar Schläge verdient gehabt hätte, diese nun auch bekommen, wäre die Welt nun auch nicht besser. Ich hätte mit meiner nicht vorhandenen Nahkampferfahrung – ich habe mich noch nie in meinem Leben geprügelt, toi toi toi – lediglich riskiert, noch weitere Schläge einzustecken. Ich blieb also zurück und schaute diesem Menschen fassungslos nach. 33 Jahre, 10 Monate und einen Tag lang habe ich es also geschafft, einer Schlägerei zu entgehen. Dass diese friedliche Serie ausgerechnet unterbrochen wird, wenn ich Umarmungen an die Menschheit verteile, ist mehr als skurril. Es begann nun auch aus der Nase zu bluten. Gebrochen war nichts, das hatte ich sehr schnell ertasten können, nun begann der schöne Teil der Aktion: ich wurde von ca. 8 Mädels umsorgt und bemitleidet, während ich lässig


den Tapferen raushängen lassen konnte („ach was, tut nicht wirklich weh...“). Zwei Mädels eilten um die Ecke in ein Fast-Food-Restaurant und besorgten Eiswürfel zum Kühlen. So stand ich dann ca. 15 Minuten neben den Mädels und kühlte meine Oberlippe, während die anderen bereits wieder kräftig Passanten umarmten. Nachdem alle Blutungen gestoppt und die weichen Knie der normalen Standfestigkeit gewichen waren, fasste ich mir ein Herz und griff zu meinem Schild. Wir hatten noch eine schöne Stunde, selbstverständlich wurden auch viele Fotos für die Selbstdarstellung in einschlägigen Community-Portalen geschossen und der Nachmittag wurde auch für mich noch zu einem schönen Erlebnis.

Parties FR 9.10. „Crazy Hat“ Einweihungsparty bei Daniela

Marie (29, Lübeck), ich, Svea (19, Stuttgart) und Matt (30, Neuseeland) draußen bei der Raucherpause Die erste große Party nach Einzug in meine neue WG war ausgerechnet bei einem Mädel zuhause, mit


der sich meine alten Mitbewohner verkracht haben. Zu Recht. Aber Einzelheiten führen nun zu weit. Aus diesem Grunde blieben Emilie und Gerald zuhause. Merissa, die Schwedin Sigrid, die grad bei uns zu Gast war, sowie drei deutsche Mädels kamen mit zur „Crazy Hat Party“ bei Daniela. Den Tag zuvor war ich in einen asiatischen Dollarshop gegangen und hatte eine ganz konkrete Vorstellung, was ich mir für die Party kaufen wollte: einen Haarreifen mit zwei rosa Puscheln, die lustig auf Spiralen hinund herwippen. Auf dem obigen Foto sieht man das Resultat. Ich liebe Dollarshops – man bekommt einfach alles! Die Party war sehr amüsant, viele Couchsurfer, teils lokale, teils reisende, und ich blieb bis zum bitteren Ende der Party. Fazit: 8 von 10 Punkten. FR 30.10. + SA 31.10. Pre-Halloween und zwei Halloween-Parties

Als "Hairy Butter" unterwegs

Auf meinem Rücken prangte das Markenetikett.

Halloween in Nordamerika macht wirklich um Längen mehr Spaß als das, was die letzten Jahre nach Deutschland herübergeschwappt ist. Wirklich jeder ist unterwegs, jeder verkleidet sich, und ich sah wirklich viele sehr kreative und arbeitsintensive Kostüme. Meines war auch mit ein wenig Arbeit verbunden, immerhin konnte ich es dann aber auf insgesamt drei Partys an zwei Abenden tragen. Als Schulterpolster verwendete ich übrigens ein Nacken stützendes Kissen von IKEA, um mein Kostüm einigermaßen zu einem Quader zu formen, was ein Stück Butter ja nun mal meist ist. Immerhin 34 $ kostete mich das Kissen inklusiv der Steuern, welches ich allerdings nicht benutzte, da es mir zu hart war. Ich schnitt ein Loch für meinen Kopf hinein und befestigte die beige-weiße und die grüne Plastiktischdecke daran. Es gab sogar ein Happy End: nachdem ich das Kostüm wieder auseinandergebaut und das ausgeschnittene Stück Schaumstoff wieder in das Loch gesteckt hatte, sah es wieder aus wie neu. Das fand auch IKEA und gab mir das volle Geld zurück. Freitagsparty: 7 von 10 Punkten Halloween am Samstagabend: 10 von 10 Punkten SA 7.11. Michael Jackson / Black&White party

Lange nicht mehr auf einer so stümperhaft vorbereiteten Party gewesen. Normale, grell weiße Deckenbeleuchtung und keinem Möbelstück auch nur ansatzweise zu einer Raum gewinnenden Position verholfen. Unnötig zu erwähnen, dass es sich um eine Sockenparty handelte. Auch das Verkleidungsmotto wirkte eher behelfsmäßig als originell: „Kommt alle als Michael Jackson verkleidet … oder wenigstens in schwarz oder weiß“. Mit dem Ergebnis, dass ein einziger Gast mit krauser Perücke und Mundschutz aus dem Baumarkt herumlief. Aber ich wäre kein Basti, wenn mir nicht auch dazu was Tolles eingefallen wäre: Ich ging als Disko!


Ein blaues und ein pinkes Blinklicht auf die Schultern geklebt, vorher die Lampen aufgeschraubt und den Stromkreis mit zwei Kabeln unterbrochen, die ich nun durch meine Jackenärmel führte. Somit konnte ich bequem mit den bei meinen Händen ankommenden Drahtenden die Lichter steuern. Zusätzlich bommelte eine kleine Diskokugel über meinem Kopf, die ich mit einem zurecht gebogenen Kleiderbügel im Nacken meiner Jacke befestigte. Die oben beschriebenen Umstände der Party wurden von den anwesenden Gäste allesamt schön getrunken, daher: 7 von 10 Punkten.

FR 20.11. Unsere House warming party

Meine WG aus dem Oktober hat es nicht geschafft, noch im Oktober einen gemeinsamen Termin für unsere Einzugsparty zu finden. Daher feierten wir erst am 20. November unsere, also auch meine, Wohnungseinweihungsparty zu einem Zeitpunkt, als ich schon gar nicht mehr dort wohnte. Aber ich gehörte offiziell zu den Gastgebern und durfte auch selber Leute einladen. Allerdings waren die vier anderen sehr restriktiv, was das Einladen betraf. Sie wollten unbedingt vermeiden, dass zu viele Leute auf der Party erschienen, insbesondere keine Leute, die sie nicht zuordnen können. Ist eigentlich auch verständlich, sogar für mich, nur fühlte sich die Art und Weise, wie dies mir bei dem Planungsgespräch mitgeteilt wurde, so an, als ginge man davon aus, dass ich ohne diesen Hinweis vermutlich ohne Rückfrage zig Bekanntmachungen in Couchsurfing, Facebook und Craigslist getätigt hätte. Zur Party selber: trotz der schönen Beleuchtung, um die ich mich gekümmert hatte •

Diskokugel gekauft und an die Decke gebohrt

Taschenlampe davor aufgehangen

die zwei sich drehenden Lichter von meinem Disko-Kostüm auf den Boxen befestigt

eine orange Halloween-Stofftasche über den Standstrahler gestülpt, sodass die Küche in orange anstatt in grellem Weiß erstrahlte


Wer hat denn dort einen Spiegel aufgestellt?

Meine neuen Mitbewohner: Robert und Sam

ist die Party aufgrund der merkwürdigen Mixtur von Gästen (75% Typen, davon viele zwischen 19 und 23) nicht gerade optimal verlaufen. Es waren wirklich einige Gäste dort, die niemand kannte. Diese stammten aber von einem der vier Personen, die vorher diesbezüglich solch eine Aufregung um das Thema gemacht hatten. Nach einer harmlosen Diskussion mit Merissa, meiner früheren WGMitbewohnerin, in der ich sie nach dem Grund fragte, warum sie gerade drei Leute von der Party geschmissen hat und sie mir androhte, mich gleich auch noch rauszuschmeissen, wenn ich weiter mit ihr darüber diskutieren will, verlor ich endgültig den Willen nach einer gelungenen Party. Eigentlich wurde die Party danach sogar wieder gut. LoLa-Übung1 mit PE-Gefühl2. Hab mir daraufhin schön ein paar herrliche Bierchen hinter die Kimme gebügelt und es mir u.a. pupsegal sein lassen, dass einer meiner Mitbringsel, mein bereits wesentlich betrunkener Mitbewohner Sam, mit seinem Stimmungspushen und Frauenangraben auf dem dünnen Drahtseil zwischen grad noch amüsanter Unterhaltung und bereits störender Aufdringlichkeit balancierte. Insgesamt war die Party aus meiner Sicht leider kein großer Erfolg, auch wenn viele Gäste es für eine wirklich gelungene, nette Party hielten. Nette Party. Sag ich ja. Kein großer Erfolg. 5 von 10 Punkten Alkoholverbot

Schlimm ist hier nicht das Alkoholverbot auf offener Straße. Schlimm ist, dass sich der Kanadier dran hält. Zum Glück bin ich kein Kanadier. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Aber so eins für'n Weg muss doch mal drin sein, oder? Will man allerdings selbst gekaufte Spirituosen auch innerhalb von Bars trinken, um den horrenden Getränkepreisen zu umgehen, muss man hier in Kanada aufgrund der Taschenkontrolle am Eingang durch die Türsteher schon ein wenig erfinderisch werden. Zum Glück bin ich das, was die folgende Fotoserie aufzeigt: Die Ansicht, die der Taschenkontrolleur zu sehen bekommt 1 LoLa = loslassen 2 PE = pupsegal


Auch bei der detaillierten Begutachtung des Inhalts Erst nach Öffnen des Kameradeckels kommt der Beutel edlen Liquides zum erscheint nichts verdächtig. Vorschein. Leider befindet sich die Entwicklung noch in der α-Phase: derzeit sind noch schwere Ausnahmefehler in der Isolationseigenschaft der inneren Abschirmung zu beobachten. Oder um es kürzer zu formulieren: es dröppelt.

Die aktuelle Woche Um nicht den Eindruck zu erzeugen, ich wäre hier durchweg am Zelebrieren, möchte ich diesen ersten Bericht aus meiner Übergangsheimat nicht mit vorangegangenem Abschnitt enden lassen. Meine letzten Wochen waren davon geprägt, mir auch für die zwei Monate vor den Olympischen Winterspielen einen Job zu besorgen. Derzeit bin ich immer noch dabei, Bewerbungen zu verschicken bzw. persönlich vorbeizubringen. Die Art des Jobs ist mir ziemlich egal, Hauptsache ich kann ziemlich bald den Sinkflug meines Konto zumindest stoppen, besser jedoch zu einer aufsteigenden Bewegung verhelfen. Zwei Vorstellungsgespräche hatte ich immerhin bereits, allerdings rechne ich mir dort nicht viel aus. Über Probleme, eine Anstellung zu finden, klagt hier jeder. Vancouver ist einfach zu beliebt. Teures Leben gepaart mit dem kanadaweit niedrigsten Mindestlohn von 8$ (5€) pro Stunde sowie Mangel an Jobs. Es bleibt also spannend. Bzw. bei derzeit Dauerregen und Jobsuche fast genauso ätzend wie ein ödes Leben daheim. Wer sich also nach diesem Bericht sehnsüchtig in meine derzeitigen Lebensumstände wünscht, dem möchte ich dieses Luftschloss hiermit zerstören. Aber es wird sich bald wieder zu einem beneidenswerten Lebensabschnitt entwickeln. Versprochen! Für Briefe, Pakete, CD Abonnements, für Leute, die im Besitz einer Frankiermaschine sind oder für alle, die einfach gern mal kurz vorbeikommen wollen: hier meine neue und feste Adresse bis mindestens April nochmal zum Mitschreiben. Bastian Schulz 433 E 22nd Ave Vancouver, BC V5V 1T9 Kanada Mobiltelefon:

+1-778-628-9486 +1-778-MAUZIUM

Was heißt denn das eigentlich? Ganz einfach: Ich wohne im Haus mit der Nummer 433 in der östlichen (E) Stadthälfte in der 22. Allee (Avenue). Die Stadt heißt Vancouver und liegt in der Provinz British Columbia (BC). Nachfolgend die Nordamerika weit eindeutige Postleitzahl für meine Nachbarschaft und zum Schluss das Land mit „K“, schließlich muss es ja die deutsche Post verstehen, um es in das richtige Land befördern zu können. Das Gewinnspiel ist beendet! Die Einsendung 778-MAUZIUM wurde zur besten Wortdarstellung meiner Telefonnummer gewählt. Die überglückliche Gewinnerin, Frau Horst W. aus N. bei H. (Name v. d. Red. geändert) wird die kommenden Tage schriftlich über ihren Gewinn benachrichtigt.


10 Sekunden Selbstauslösezeit sind nicht für jeden ausreichend. Im Hintergrund bereits fertig für das Gruppenfoto aufgestellt: Die Wohnsilos von Vancouver Downtown.

In der nächsten Folge: Basti gewinnt ein Preisausschreiben (was weiß ich was in der nächsten Folge passiert...)

Ausgabe Nr. 6 [10-2009] - Neue Heimat Vancouver  

Basti erreicht die Stadt, in der er nun die nächsten knapp 2 Jahre verbringen wird: Vancouver. Doch neben Neuem und Interessantem bringt das...

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