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Basti in den

USA 17.8.2009 – 1.9.2009 Reisedistanz (dieser Abschnitt / gesamt): 2,6 Deutschlands / 5,3 Deutschlands


Willkommen zu meinem kleinen Abstecher ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie im letzten Bericht angekuendigt, habe ich mich dazu entschlossen, Kanada zu verlassen. Für einen kleinen Rundtrip um drei der Großen Seen (Lake Huron, Lake Michigan und Lake Superior) auf USamerikanischer Seite. Chicago klang einfach interessanter als Sudbury in Kanada. Anschließend geht es selbstverständlich wieder zurück in den Norden für die restlichen 10 Monate. Ich war bisher nie in den Staaten, es ist also meine erste Einreise gewesen. Diese erwies sich auch gleich als etwas tricky. Der Greyhound-Bus von Toronto nach Chicago hielt an der Grenze zwischen Windsor / Ontario und Detroit / Michigan. Alle Fahrgäste mussten aussteigen und mitsamt der Koffer durch den Zoll. Aufgrund vieler Horrorgeschichten war ich sichtlich nervös. Ich hatte mich zwar gut vorbereitet und ein paar Unterlagen dabei: ein ausgefülltes Formular für das Visa Waiver Program, welches seit 1.Juli dieses Jahres erforderlich ist, sowie einer Bestätigungsmail meiner Unterkunft in Vancouver. Gut, die war natürlich von mir, ich hab noch keine Unterkunft in Vancouver. Aber wenn die an der Grenze eine Zieladresse in Kanada haben wollen, dann gebe ich ihnen halt eine. In diesem Fall war es die eines Altersheims im Zentrum Vancouvers. Nur an eines hatte ich nicht gedacht: ein Rückfahrtticket aus den USA heraus. Da ich bisher nie mehr als 4 Tage im Voraus geplant hatte, hatte ich mir darum bisher keine Gedanken gemacht, wie lange ich in den Staaten sein und wann ich von Minneapolis nach Winnipeg wollen würde. Dies fand der Officer nun mal so gar nicht lustig. Ich hab beim Ausfüllen des Formulars richtig mit der Hand richtig gezittert, was ich zu unterdrücken versuchte, damit sie nicht noch auf die Idee kommen, irgendwas in meiner Reisetasche zu vermuten. Sie hätten dort auch nicht gefunden, aber den Reisebus weitere 30 Minuten aufgehalten und ich war bereits zum einen der Letzte, der kontrolliert wurde, und zum anderen derjenige, dessen Kontrolle am Längsten andauerte. Nach der Aufnahme sämtlicher Fingerabdrücke und der mahnenden Hinweis, dass dieser Vorfall des nicht vorhandenen Rückfahrttickets nun in meiner Akte vermerkt sei und dies das letzte Mal sein wird, dass man solch eine Ausnahme mit mir machen wird, wurde ich über die Grenze gelassen und mein Reisebus konnte seine Reise fortsetzen.

MO 17.8. - FR 21.8. Chicago 5:05 Uhr Ankunft in Chicago. Zu Fuß zum Hotel gelaufen, da der Fahrkartenautomat der Metro kein Rückgeld rausgibt und ich dann beschloss, mir somit gleich zu Fuß ein paar Eindrücke von der Stadt zu verschaffen. War dann leider eine halbe Stunde unter einem Vordach gefangen, da es plötzlich innerhalb von weniger als 20 Sekunden wie aus Eimern zu Gießen anfing. War demnach erst um 7 Uhr im Hotel und holte ein wenig Schlaf nach, den ich im Greyhound-Bus nicht bekommen hatte. Übernachten bei Sebastian (33) aus Deutschland, 2 Nächte

Sebastian war ein wirklich komischer Kauz. Mit ihm habe ich mich überhaupt nicht verstanden. Zu allem Unheil bestand er darauf, die zwei Tage auch noch komplett gemeinsam zu verbringen. Zudem musste ich für fast alles alleine bezahlen, da er sich als extrem knauseriger Zeitgenosse herausstellte. Aber das Schlimmste ist: er liest gerade mit!


Okay, Spaß beiseite: es handelte sich um einen alten Schulfreund, der mittlerweile mit Lufthansa in der Weltgeschichte herumtingelt, und es hat sich ergeben, dass wir zufällig zur selben Zeit in Chicago waren. Dies haben wir wiederum ebenfalls rein zufällig über facebook herausgefunden. Sorry an alle, die die folgende Auszeichnung gerne für sich innegehabt hätten: er war somit mein erster Besucher!

...und Silber in der Kategorie "Hottest Body 2009" geht an Bastian Schulz! Vermutlich auch nicht das letzte Mal, dass wir uns auf unserer Tour begegnen. Sommer 2010 werden wir übrigens gemeinsam eine Herrenboutique in Wupp... nee, Vancouver eröffnen. ;-) Wenn auch nicht billig, lohnen sich doch Leihfahrräder, um kilometerweit entlang des Lake Michigan zu fahren. Wir hatten uns das Museum of Sciency and Industry (http://www.msichicago.org/) als Ziel gesetzt, da es von einigen seiner Kollegen empfohlen wurde. Macht auch sicherlich Spaß. Wenn man jünger als 16 ist. Oder wenn man kein Museum, sondern Disneyland erwartet. Denn das, was einem dort geboten wird, unterschied sich lediglich noch durch ein paar Informationstafeln von einem Vergnügungspark. Wunder mich, dass es nicht auch noch einen Themenbereich „The History of Rollercoasters“ gab...

Videospiel im "Museum": Sorge für eine reibungslose Rohöl-Lieferung aus Saudi-Arabien für das NASCAR Race in Chicago

Auf dem Rückweg nahm ich noch ein kurzes Bad im Lake Michigan (..und zwar completely nakedei, dear Americans). Auch eine Serie, die ich bisher nicht unterbrochen habe, jeden See auf meiner Tour mitzunehmen. Demnach bereits im Lac St. Jean beim Schwimmwettbewerb in Quebec, Lake Ontario in Toronto und nun auch im Lake Michigan in Chicago gebadet. 33$ wie in Toronto muss man in Chicago nicht ausgeben, um die Stadt aus guter Höhe betrachten zu können. Man gehe dazu nicht in den Sears Tower, sondern in den recht ähnlich ausschauenden


Hancock Tower und besucht dort nicht für 16$ die Aussichtsplattform, sondern geht in das Restaurant Signature Room (http://www.signatureroom.com/) und bestellt dort einfach ein Getränk. Oder, sofern wie in unserem Fall nach 5 Minuten keine Bedienung erscheint und man sich satt gesehen hat, geht einfach, ohne irgendetwas dafür zu bezahlen.

Chicago bei Nacht in HDR (High Dynamic Range). Herrlich kitschiger Spielkram. Mittwoch in aller Herrgottsfrühe ging Sebastians Maschine zurück nach Frankfurt (bzw. musste gegangen werden), ich schlief noch aus und machte mich auf den Weg zu Drea, meiner nächsten Couchsurferin. Couchsurfing bei Drea (27) aus Illinois / USA (Halbkoreanerin), 2 Naechte

Drea, Kurzform von Andrea, hat mich eine Tag lang von Best Buy zu Best Buy herumgefahren. Insgesamt waren wir in drei verschiedenen Läden. Best Buy ist hier und in Kanada so etwas wie Saturn oder Media Markt. In Kanada gibt es noch zusätzlich Futureshop, welches zum gleichen Betreiber wie Best Buy gehört. Drea fuhr mich also viel herum, bis ich all meine Besorgungen abgehakt hatte. Abends gingen wie in China Town essen. China Town ist bei weitem nicht so groß wie in Toronto. Aber immerhin weiß


ich jetzt, dass ich ein Hase oder Kaninchen bin (mein chinesisches Sternzeichen). Die Personenbeschreibung dazu hat mich umgehauen, da die meisten Punkte nicht besser hätten auf meine Persönlichkeit hätten zugeschnitten sein können. Rabbits are fun people to be around. They are pleasant, obliging and affectionate but have a tendency to get too sentimental at times in social circles. The rabbit is gregarious and visible while in private, they prefer simple pleasures and a tranquil lifestyle. Rabbits seek safety in numbers and avoid confrontation at all cost. The rabbit is blessed with good fortune and thus is very successful in business politics and law. Auf deutsch ungefähr: Hasen sind lustige Zeitgenossen. Sie sind freundlich, zuvorkommend und liebevoll, aber haben zuweilen die Tendenz, in gesellschaftlichen Kreisen zu sentimental zu werden. Der Hase ist gesellig und sichtbar im Privatleben, sie bevorzugen einfache Freuden und einen ruhigen Lebensstil. Kaninchen suchen Sicherheit in Zahlen und vermeiden Konfrontation um jeden Preis. Hasen sind mit Glück gesegnet und somit sehr erfolgreich in Wirtschaft, Politik und Recht. Hätte ich man Jura studiert... Zudem fand ich gerade im Netz, dass Hase gut zu Ziege (z.B. 28. Januar 1979 – 15. Februar 1980) und Schwein (z.B. 13. Februar 1983 – 1. Februar 1984) passt. Fühlt sich da irgend'ne Sau angesprochen? Später zeigte Drea mir noch ein paar nette Ausgehviertel, fuhren am Station der Chicago Cubs vorbei (eine der großen Baseball Vereine in Chicago) und später durch die teuersten Gegenden Downtowns. Waren nicht schöner als Paul Lincke Ufer oder das Westfälische Viertel in Berlin oder Eimsbuettel in Hamburg. Aber schöne alte Bauten findet man hier in Nordamerika nun mal nicht. Zumindest nicht bezahlbare.

So bettet sich's gut: Skyline mit Sears Tower (rechts neben Fuß)


Couchsurfing bei Melissa (37) aus Minnesota / USA, mind. 4 Naechte

Melissa besitzt ein eigenes Haus (eigentlich sogar zwei), wohnt aber noch mit zwei Untermietern zusammen. Es ist sehr entspannt hier, den ganzen letzten Tag hab ich z.B. hier bei ihr im Haus oder im Garten verbracht (und diese Mail hier geschrieben). Gleich am Tag meiner Ankunft nahm sie mich mit auf ein Radrennen bzw. eine Radtour, zu der man sich anmelden musste. 16 Meilen (25.75km) in Minneapolis waren abgesperrt und konnten mit Fahrrädern befahren werden. War eine sehr nette und mal andere Art, eine neue Stadt zu erkunden. Das Rennen fand dieses Jahr zum ersten Mal statt, daher waren es nur ca. 200 Teilnehmer. Es startete gegen 20 Uhr, daher war es binnen kurzer Zeit eine Nachtfahrt. Offizielle Website: http://www.nightowlclassic.com/

Melissa und ihre coole Granny

Einen anderen Tag besuchte ich die Mall of America. Es war bei seiner Eröffnung 1992 das zweitgrößte Einkaufszentrum der Welt (nach der Edmonton Mall in Kanada, wo ich vielleicht auch noch hinkommen werde) und ist immer noch das meist besuchteste der Welt. Als ich es betrat, wusste ich: ja, jetzt biste in den Vereinigten Staaten angekommen. Mitten im Einkaufszentrum ein Vergnügungspark: Die Nickelodeon World. Unglaublich. Hoffe, dass so etwas nie Deutschland erreichen wird.

Lediglich der Westflügel

Ein Paradies: Der Sponge Bob Fanshop

Nickelodeon World in der Mitte des Komplexes

Think Happy!

Sag mal 'Klettergerüst'..!


Ich kann mich nicht daran erinnern, ein Eis in meinem bisherigen Leben nicht aufgegessen zu haben. Premiere also, als ich beschloss, die Eistüte nach zwei Dritteln des Verzehres zu entsorgen. Es ist nicht möglich, in Nordamerika (schließt Kanada mit ein) eine einfache, kleine Eiskugel zu bekommen. Das kleinste Eis kostet in Eisläden ca. 4$ und entspricht ca. drei deutschen Kugeln. In Deutschland kaufte ich übrigens öfter ein McFlurry bei McDonald's, wenn ich einem etwas größeren Eisgenuss nachgehen wollte. Hier tue ich es nun meist, wenn ich ein kleines Eis haben möchte. Aufpassen muss man hier generell mit Größenangaben bei Essensportionen. „Small“ bedeutet hier „groß“, „medium“ steht für „sehr groß“ und „large“ ist oft jenseits aller Vorstellungskraft. Während Chicago mit metropolitanem Charme glänzt, hat mich an den Twin Cities, wie die dicht nebeneinander McFlurry large size (ungefähr) liegenden Städte Minneapolis und St. Paul genannt werden, gereizt, dass ich einen guten Einblick in den typischen American Way of Life zu bekommen schien. Dazu zähle ich auch die weiteren Erlebnisse: Thailändisch Essen mit fetter Cousine Einen Abend begleitete ich Melissa und ihre Cousine, also die Tochter von ihrem Vetter. Die Gute ist 24 Jahre alt, wohnt mit ihrem Freund in einer Kleinstadt in der Nähe von Duluth, welches ebenfalls eine Kleinstadt ist, nur größer als die Ihrige, und war gar nicht einmal unattraktiv: man konnte sehr wohl das einst hübsche, zarte Gesicht inmitten nun umrahmendem Gewebe erahnen. Sie hatte noch nie zuvor die asiatische Küche ausprobiert, von Fast Food China-Nudeln vielleicht mal abgesehen. Ich erfuhr im Gespräch, was sie sonst die Woche über esse, ob zum Beispiel auch mal ein paar italienische Pasta dabei wären. Nee, seien nicht dabei. Sie möge Burger. Und Steak. Aber auch mal Mexikanisch! Ich gehe nicht davon aus, dass sie diese Gewohnheiten in ihrem restlichen Leben noch abändern wird und befürchte somit, dass sie sich irgendwann wundern wird, warum die Diet Coke nicht anschlägt. Meine Ausführungen sind trotz aller Zynismen bitte nicht als Diffamierung ihrer Figur zu sehen. Es ist vielmehr ihre dazu führende Naivität in diesem Feld, die mich erschrak. Ich wählte dieses Beispiel, allerdings zeigte sich ihre unbekümmerte Einstellung auch in allen anderen Themen, über die wir sprachen. Geographie hätte vermutlich zu ähnlichen Erkenntnissen geführt. Sie war für mich schlicht ein exzellenter Schnupperkurs in U.S.-amerikanischer Provinzkultur. Hmm, klingt immer noch fies, was ich da geschrieben habe. HEY!! Vielleicht sollte ich Kolumnen schreiben!! Oder Fresse halten... Anschließend war ich Salsa tanzen mit einigen Leuten, die dies im Minneapolis-Forum von Couchsurfing.org bekanntgegeben hatten. Hatte eigentlich keine Lust dazu, hab mich aber dennoch dazu bewogen, daran teilzunehmen. Auch, da Melissa mich ständig überzeugen wollte, in meiner Zeit in St. Paul doch noch ein paar andere Couchsurfer zu treffen. Die traf ich dann auch, der eine 23, die andere 20, mehr sind nicht erschienen. Publikum war zum Glück zuweilen auch älter, insgesamt aber ein verzichtbarer Abend. Bis auf die Erkenntnis, in Zukunft meinem Bauchgefühl vorweg mehr trauen zu können. Auch was wert.


VALI-HI Drive In Theatre Ebenfalls ein Stueck amerikanisches Kulturgut: Autokino. Sage und schreibe drei Filme fuer 7,50$. Eigenen Grill dabei, lecker Burger druff und Film ab. Gut, unter cineastischen Gesichtspunkten wurde man nach District 9 und Final Destination 44 ¼ erst beim dritten Film (Taking of Pelham 1 2 3) einigermaßen entlohnt. Aber darum ging es bei diesem Abend nicht. Es war mehr das WIE als das WAS. Offizielle Website des Autokinos: http://www.valihi.com/ Minnesota Deep Fried State Fair Eigentlich nur Minnesota State Fair, die jährliche zweiwöchige Messe des Bundesstaates Minnesota. Die von mir gewählte Ergänzung daher, da so ziemlich alles frittiert wurde, was mal laufen konnte. Aber auch vor Süßigkeiten wurde nicht Halt gemacht, sondern diese auf Sticks in Maispaste getunkt und ab ins heiße Fett damit. Ich besuchte die Messe mit Melissa, einer Freundin von ihr sowie Melissas cooler Oma. Letztere hatte bereits die 80 voll gemacht und war nicht mehr ganz fit auf den Beinen, sodass wir sie den Tag über im Rollstuhl über das Messegelände schoben. Der Tag bestand nur aus Herumlaufen und Fressen, was ganz schön anstrengend sein kann. Weitere Highlights: • Jede Menge Kühe, Hühner, Schweine, Ziegen, Pferde, Kanickel und andere Farmtiere • Pferdereitshow, bei der ich allerdings fast eingeschlafen bin • Becher Milch für 1$ inkl. Free Refill (!) für den gesamten Tag • Halle mit hochschwangeren Farmtieren, denen man LIVE bei der Geburt zuschauen konnte • Amerikaner, die aufgrund unausgewogenem Körpergewicht-Muskelmasse-Verhältnisses an einen elektrischen Rollstuhl gebunden waren (sorry, schon wieder dieses Thema, aber das MUSS man einfach mal mit eigenen Augen gesehen haben!)

SPAM Fan-Shop Zusammenfassend ergab die Messe für mich ein anschauliches Bild Minnesotas: Farmer und Fressen.


Insgesamt blieb ich zehn Tage bei Melissa. Nicht, weil St. Paul und Minneapolis so unglaublich viele touristische Attraktionen zu bieten hatte. Vielmehr war es ein netter Ruhepol auf meiner Reise. Schönes Häuschen, hübscher kleiner Garten, mit Melissa verstand ich mich gut, ebenso mit ihrem zwar schrägen, aber sehr nettem Mitbewohner Tom (43). Und schließlich habe ich mich heimlich in Sabrina verliebt (rechts im Bild). Minneapolis hat allerdings nicht wenig zu bieten. Nach New York befindet sich hier die höchste Theaterdichte der Vereinigten Staaten. Die Musikszene ist ebenfalls sehr lebendig. Dies beteuerte mir Tom. Tom arbeitet u.a. als Musikredakteur für unterschiedliche und nicht unbekannte Musikmagazine. Zum anderen ist er DJ. Der An- und Verkauf von LPs bringt ihm zusätzlich den einen oder anderen Dollar Taschengeld. Canon Powershot G10

Hab ich eigentlich schon erwähnt, wie geil ich meine neue Digital-Kamera finde? Neben automatischen Belichtungsreihen, die für die HDR-Fotos (siehe kitschiges Foto von Chicago bei Nacht) vonnöten sind, hat die Kamera einen Zoom, der mich immer wieder beeindruckt. 5Fach optisch ist schon nicht schlecht. Aber dank der 14 Megapixel Auflösung ist nun auch der Digitalzoom sehr interessant, wenn man wie ich meist weit unter 14 Megapixel bleibt. Links nun die Skyline von Minneapolis, rechts dasselbe Bild ohne Zoom.

Pussyfinger11

Meine Fahrt zurück nach Kanada hätte mit dem Greyhound-Bus über 12 Stunden gedauert. Dies war mir zu lang und zu teuer, daher schaltete ich bei craigslist eine Annonce. Craigslist ist die weltweit größte Anzeigenseite, eher jedoch im englischsprachigen Raum, daher die Erklärung an dieser Stelle. In Kanada außerhalb Quebecs wurden durch ein Gerichtsurteil einige Mitfahrgelegenheitsportale verboten, da die klagenden Reisebusunternehmen Umsatzeinbußen befürchteten. Somit ist craigslist die beste Adresse für Mitfahrgelegenheiten. Allerdings dennoch keine gute Adresse. Leider hört man immer wieder von Personen, die über Annoncen auf Craigslist Verrückten oder Kriminellen in die Hände fallen, insbesondere in den USA. Daher reagierte ich ein wenig skeptisch, als mich eine E-MailRückmeldung von pussyfinger11@gmail.com*) erreichte. Nach kurzem googeln fand ich diese Adresse unter einer Anzeige, in welcher er Mitbewohner in Vancouver sucht. Das Besondere daran war, dass sein Gesuch auf dem Portal www.420roommates.com*) erschien. *) Adresse zur Wahrung der Privatsphäre verändert Die Zahl 420, das hatte ich bereits vor einem halben Jahr in Deutschland ausfindig gemacht als ich Zimmerangebote in WGs in Vancouver durchgelesen hatte und dort oft von „420 friendly“ (gesprochen: four twenty friendly) die Rede war, steht für den Gebrauch von Cannabis (mehr Infos zum Begriff 420). Generell sind solche Zeitgenossen ja eher friedlich, aber „pussyfinger“ und Drogen in einem Kontext machte mich erstmal nicht entspannter. Ich zeigte Tom die E-Mail, da er als Muttersprachler vielleicht noch eher sprachliche Nuancen erkennen und deuten könne. Tom fand seine


Mail und das, was er schrieb, etwas bedenklich. Es seien in den Staaten unheimlich viele Spinner und gefährliche Typen unterwegs. Allein in der letzten Woche seien in den umliegenden fünf Block unseres Hauses 53 bewaffnete Raubüberfälle gemeldet worden. Er erzählte mir von zwei Geschichten, die er in seinen jüngeren Tagen mit Trampen gemacht hat. Tom ist einst im Alter von 20 von der amerikanischen Westküste bis nach Minneapolis nach Hause getrampt. Er wurde von einem gleichaltrigen Kerl mitgenommen. Dieser entpuppte sich als gewitzter Hochstapler, welcher u.a. Kleidung in der einen Stadt klaute und sie in der nächsten Stadt gegen Bargeld umtauschte. Tom entdeckte sogar, dass er eine Schusswaffe im Handschuhfach mitführte. Dennoch ließ er sich von ihm bis zu seinem Zuhause fahren. Dort brachte der Kerl Toms älteren, väterlichen Freund mit seiner charismatischen Art dazu, für ihn in die Stadt zu fahren und einen neuen Motor für seinen Wagen zu besorgen. Indessen haute er mit seinem 16jährigen Sohn ins Nachbardorf ab. Tom war völlig hilflos und verstand die Welt nicht mehr, warum man ihm nicht zuhören wolle, dass es sich bei dem Kerl um einen Gauner handelte. Tom verglich ihn mit Frank Abagnale Jr. (gespielt von Leonardo di Caprio in „Catch Me If You Can“), einem Menschen, der es verstand, Leute im Nu um den Finger zu wickeln und sie auszunutzen. Die Geschichte endete damit, dass sie einen Anruf der Polizei aus dem Nachbarsdorf erhielten, dass dieser Kerl zusammen mit dem 16jährigen Sohn auf der Wache eingesperrt wurde. Der Kerl hatte den Teenager mit Alkohol abgefüllt, bis dieser volltrunken auf dem Boden des Volksfests von der Polizei aufgesammelt wurde. Nach einigen Ermittlungen ergab es sich, dass dieser Kerl unter fünf verschiedenen Identitäten auftrat und als schizophrener Patient einer psychischem Anstalt gesucht wird. In Toms anderer Geschichte war er mit einem Schulfreund auf dem Weg in die Stadt und wollte den Weg durch Trampen verkürzen. Sie wurden von vier Typen indianischer Abstammung mitgenommen. Während der Fahrt hob Tom seinen Kopf und schaute plötzlich in den Lauf einer Pistole, die ihm einer der Kerle an die Stirn hielt. Nach kurzem Hin- und Her-Überlegen, ob er ihn umlegen sollte, entschied sich der Kerl für saubere Rücksitze und ließ von ihm ab. Die beiden Jungs baten, am Casino herausgelassen zu werden. Das passte prima, dort wollte die vier Kerle auch gerade hin. Dort angekommen eilten Tom und sein Kumpel zügig in das Casino und aus dem Blick der vier irren Kerle. Wenig später hörten sie Schüsse fallen. Die vier Männer hatten das Casino ausgeraubt und lieferten sich nun einen Schusswechsel mit dem einzigen Polizisten der Stadt. Einer konnte flüchten, die anderen drei konnte der Polizist festnehmen. Später erfuhren Tom und sein Kumpel, dass diese vier Kerle direkt aus dem Gefängnis kamen und somit als erste Handlung auf freiem Fuß direkt zum Casino zum Überfallen desselben steuerten. Tom erzählte mir noch weitere Geschichten, die er in seinem Leben in den Staaten erlebt hat. In keiner von denen würde ich mich selbst gern als Protagonisten sehen. Zudem hatten Melissa, ich und zwei Freunde gleich an meinem ersten Abend in St. Paul eine nette Bekanntschaft. Wir waren nach dem Fahrradrennen durch Minneapolis gemeinsam in eine Bar und anschließend zum Weiterfeiern zu ihr nach Hause gefahren. Wir tranken Frozen Margeritas, meinen Zabrowka (polnischer Wodka mit Büffelgras) und ich unterhielt die Meute mit Gassenhauern am Piano Forte. Plötzlich meinte ihre Freundin Heather, draußen jemanden gegen unsere Hauswand pinkeln zu hören. In der Tat: ein vollkommen betrunkener älterer Mexikaner torkelte anschließend in ihren Garten und fiel an der Hausecke auf den Boden, wo er verharrte. Wir wussten nicht, was zu tun sei. Ich wollte zu ihm rausgehen und ihn ansprechen, aber die anderen drei waren einstimmig für die 911. Sie riefen also die Polizei, die nach nur etwa 3 Minuten erschien (es ist also wirklich so schnell wie im Film!). Als die Cops in unseren Garten kamen, ging ich ebenfalls heraus, um mit ihnen zu sprechen. Der Mexikaner regte sich erst gar nicht, obwohl der Cop ihm mit seiner Taschenlampe direkt ins Gesicht leuchtete. Der Mexikaner kam etwas zu sich, verstand aber sichtlich kein Englisch und sprach auf Spanisch. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich ein paar Bröckchen Spanisch verstand, worauf er mir irgendwas mit „amigo“ und „casa“ erzählte. Konnte ihn aber nicht wirklich verstehen. Als er abgeführt


wurde, tat er mir fast ein wenig leid. Die Polizisten besaßen nicht im geringsten etwas von der aus Deutschland gewohnten Freund-und-Helfer-Ausstrahlung. Ich sagte zu dem abführenden Polizisten, dass sie ihn gut behandeln sollen. Er hätte nichts gemacht. Wir hatten lediglich Angst, dass es sich um eine bewaffnete Person handeln könnte, und verständigten daher die Polizei. In der Nacht darauf tat mir der Mexikaner irgendwie leid. Doch zurück zu meiner Mitfahrgelegenheit nach Kanada. Nun machten mir all diese Geschichten und Vorfälle keinen großen Mut, mich nun mit Pussyfinger, oder auch PF11, wie wir ihn WG-intern zuweilen nannten, in seinen Wagen zu setzen. Er schrieb mir aber noch ein paar Male und ich bekam irgendwo doch ein gutes Bauchgefühl mit diesem Kerl, sodass ich beschloss, die Reise nach Winnipeg mit ihm zusammen anzutreten. Pussyfinger, oder James, wie er eigentlich heißt, entpuppte sich als sehr sympathischer Zeitgenosse. Ebenfalls 33 Jahre alt, verdient sein Geld als Fahrer, derzeit allerdings krankheitsbedingt arbeitslos. Dies führte nach sich, dass er derzeit nicht sehr viel Geld besaß, ca. 500 US-$. Er wurde im Juni bei seinem letzten Versuch, nach Kanada einzureisen, nicht hineingelassen und musste eine zweimonatige Frist abwarten, bevor er es wieder versuchen konnte. Auch dieses Mal gab es erhebliche Probleme. Wir mussten den Grenzübergang wechseln und auch am zweiten Übergang wurde er lange ausgefragt. Ich wurde ebenfalls ausgefragt, woher wir uns kennen Ich und James a.k.a. Pussyfinger glücklich nach würden, was ich über ihn wüsste, usw. Die ganze über 12 Stunden Fahrt nach Winnipeg Prozedur des Überquerens der kanadischen Grenze dauerte insgesamt dreieinhalb Stunden. Problematisch dabei war lediglich seine Einreise. Ich wäre an beiden Grenzübergängen stets nach 2 Minuten durchgelassen worden (ich küsste heimlich meinen Reisepass). James brachte mich sogar direkt bis vor die Haustür und bat noch um ein Abschiedsfoto mit mir. Er mailte mir auch ein paar Tage später, was er in Winnipeg bisher erlebt habe und wie er mir ergehe. Insgesamt ein sehr lieber Kerl, der mir an der kanadischen Grenze wirklich leid tat. Ihm standen zuweilen die Tränen in den Augen. Ich fragte ihn übrigens gegen Ende der Tour, wie er auf seine E-Mail-Adresse gekommen sei. Er meinte, er habe sie zusammen mit einem Freund eingerichtet. Es sei ein Mix aus den James Bond Titeln Goldfinger und Octopussy. Es handelte sich demnach nicht wie irrtümlich angenommen um die Destination seines elften Fingers sondern galt als eine – in der Tat eigentümlich geartete – Hommage an jene britischen Kriminalfilme. In der nächsten Folge: Ab durch die Mitte: Manitoba, Saskatchewan und Alberta

Ausgabe Nr. 4 [08-2009] - Basti in den USA  

Ontario hat in der Gegend oberhalb des Lake Huron und Lake Superior humangeographisch weniger Vielfalt als die Vereinigten Staaten im Süden....

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