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Menschenskinder | Portrait

Evangelische Lungenklinik

Kopfüber ins Nichts Im Beruf ist sie ein Organisationstalent, sie managed das Sekretariat der Geschäftsführung in der Lungenklinik. Privat will sie hoch hinaus und verliert dabei gerne mal den Boden unter den Füßen. Wir haben Regine Zehler bei ihrem Sprung aus 125 Meter Höhe am Alexanderplatz begleitet. „Ich mach’s nie wieder.“ Gerade ist ­Regine Zehler vom Dach eines Hotels gesprungen. 100 Meter geht es dort in die Tiefe bis zum Vordach, wo man landet. Bis zum Pflaster des Alexanderplatzes sind es 125 Meter. Gesichert war sie mit einem Seil, bekleidet mit einem weißen Anzug, der wie ein Astro­nauten-Kostüm aussieht. Base Flying nennt sich dieses Vergnügen. Es unterscheidet sich vom BungeeJumping dadurch, dass man unten sanft abgebremst wird, nicht zurückfedert. Im Juni hat Regine Zehler diesen Sprung schon einmal gemacht. Und davor war sie mal Bungee-Jumpen am Olympiastadion. „Aber da waren es ja nur 70 Meter, die es von einem Kran hinab ging“, sagt sie, als ob 70 Meter gar nichts wären. Hoch aufs Hoteldach kommt sie mit dem Fahrstuhl, der bis zum 37. Stock fährt, in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. An die neun Meter pro Sekunde, die der fast freie Fall danach bietet, kommt der Aufzug trotzdem nicht heran. Auf dem Dach könnte man auch auf einem Sonnenstuhl liegend Cocktails schlürfen, den Sonnenuntergang beobachten. Aber an diesem Abend ist Schmuddelwetter angesagt. Es zieht, ist kalt und der Himmel ist suppig grau. Und unten, ganz unten auf dem Alexanderplatz laufen die Menschen, ameisengroß. Die Neugierigen blicken nach oben. Sie warten darauf, dass Regine springt. Doch so schnell geht das Ganze nicht. Erst muss sie sich in den Anzug perlen, dann wird die Halterung angelegt,

schließlich getestet. Trocken fliegen sozusagen, den Boden noch unter den Füßen. Erst danach geht es auf die Rampe, durch die Gitter kann man frei nach unten blicken. „Oh mein Gott“, denkt Regine, während ihr die Knie weich werden. Doch es kommt noch schlimmer. Dass sie es schon einmal hinter sich gebracht hat, ändert daran nichts. Sie wird mit einer Winde ein Stück hoch gezogen, hängt jetzt frei in der Luft. Endlose Sekunden dauert es, bis sie vor der Rampe in Stellung gebracht ist. Von unten wirkt sie wie ein hilfloser weißer Käfer, der Arme und Beine von sich streckt. „Macht einfach“, sagt sie sich. „3-2-1“, los! Ein Sog, ein Ziehen. Die ersten anderthalb Sekunden ist es wie in einem Tunnel. Mit geschlossen Augen rast sie hinab, kann nur schreien, atmet nicht. Dann, zwei Sekunden später, kommt so etwas wie Erleichterung. Sie öffnet die Augen, sieht die Rampe, auf die sie zuschießt. Es gelingen einige Atemzüge, das Schreien wird zum Lachen und die Angst schlägt in Glück um, als der fast freie Fall sanft abgebremst wird. Acht Sekunden sind vorbei. Jetzt pumpt der Körper Adrenalin und Glückshormone. Die Hände werden warm, die Lebensgeister kehren zurück – und als sie im Eingang des Hotels zur Ruhe kommt, ist plötzlich die Müdigkeit da. Typisch nach so einer Dosis Adrenalin. „Ich mach’s nie wieder“, sagt Regine Zehler und strahlt dabei übers ganze ­Gesicht. Volker Hofmann

Regine Zehler vor, während und nach ihrem Sprung.

PGD-Mitarbeiterzeitung | 4. Quartal 2012 | 27


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