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Anouar Brahem „Blue Maqams“ Dave Holland, Django Bates & Nasheet Waits

Einführungstext von / Program Note by Kevin Le Gendre


Anouar Brahem „Blue Maqams“ Dave Holland, Django Bates & Nasheet Waits

Mittwoch

13. März 2019 19.30 Uhr

Anouar Brahem Oud Dave Holland Bass Django Bates Klavier Nasheet Waits Schlagzeug

Opening Day La Nuit Blue Maqams Bahia Persepolis’s Mirage Unexpected Outcome The Recovered Road to Al-Sham Bom Dia Rio Alle Kompositionen von Anour Brahem

Keine Pause

This concert is supported by the Abu Dhabi Festival.

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Die Tradition verwandeln Anouar Brahem und seine Musik

Kevin Le Gendre

„Blue Maqams“ ist eine interessante Wortkombination. Es ist der Titel des jüngsten Albums und Live-Programms des tunesischen Oud-Virtuosen Anouar Brahem, gleichzeitig stellen diese Worte aber auch eine faszinierende Begegnung zwischen englischer und arabischer Sprache dar – ein Gedanke, der aus dem Wunsch des Künstlers entspringt, ­etwas Spezi­ fisches zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei zu viel zu verraten. „Ich wollte unbedingt ein arabisches Wort im Titel haben, deshalb ‚maqam‘, und ich hatte die Farbe Blau im Kopf, ohne eine besondere Bedeutung“, erklärt Brahem. „Der Titel fiel mir ein, bevor ich das Album gemacht habe. Aber als wir dann im Studio waren, stellte ich fest, dass ich im maqam spielte.“ Dieser Ausdruck bezeichnet die uralten Melodiemuster oder Modi, die das Herzstück der hochexpressiven klassischen Musik Nordafrikas und des Nahen Ostens bilden. Dies ist die Kultur, in der Brahem aufwuchs und von der seine musikalische Identität durchdrungen ist, doch hat er sich in einer seit mehr als drei Jahrzehnten andauernden, experimen­tier­freudigen Karriere auch vielen westlichen Kunstformen z­ ugewandt. Dazu zählt vor allem Musik afroamerikanischer Herkunft. „Ich habe nie versucht, Jazz­ musiker zu sein, und ich halte mich auch für keinen“, sagt Brahem. „Aber ich glaube, ich habe die Mentalität eines Jazzmusikers, jeden­falls fühle ich mich dieser Musik sehr verbunden.“ Ganz unabhängig davon ist Blue Maqams klingende ­Bestätigung seiner kompositorischen und improvisato­r ischen Fähigkeiten zusammen mit amerikanischen und euro­päischen Musikern, die sich auf dem allerhöchstem Niveau der ­Kreativität bewegen: dazu gehören der Bassist Dave Holland, der Pianist Django Bates und (für die Aufnahme) der Schlagzeuger Jack DeJohnette, an dessen Stelle im heutigen 5


­ onzert N K ­ asheet Waits zu hören ist. Sie alle sind selbst Bandleader und gefragte Begleiter, die mit einer Reihe von hochkarätigen Künstlern aufgetreten sind, darunter Dudu Pukwana, Miles Davis, Evan Parker, Sidsel Endresen und ­Jason Moran. Brahem selbst erntet seit seinem 1991 entstandenen ­Debütalbum Barzakh immer wieder Lobeshymnen. Sein Name steht für einen durch und durch fortschrittlichen Geist innerhalb der arabischen Musik, der zutiefst seinen heimatlichen Wurzeln verpflichtet, aber dennoch von einer internationalen Perspektive geprägt ist. Sein Album Madar von 1994, auf dem Brahem gemeinsam mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek und dem indischen Tabla-Meister Ustad Shaukat Hussain zu hören ist, zählt zu den wichtigsten Werken in der Diskographie des Oud-Spielers: es nimmt den Hörer gefangen mit majestätisch-lyrischem Ausdruck, fein ausbalancierten Soli und komplexem Z ­ usammenspiel. Thimar, aufgenommen 1998 zusammen mit Holland und dem Multi-Holzblasinstrumentalisten John Surman, war ein weiteres herausragendes Werk mit einem „universellen Klang“, das sich durch die leuchtende Schönheit der Musik ebenso auszeichnet wie durch unaufdring­liche Improvisation. Die stilistische Breite seines bisherigen Schaffens erklärt Brahem mit einer nicht nachlassenden Spontaneität bei der Zusammensetzung jeder Gruppe, die er leitet. „Ich lege die Kombination der Instrumente nie im Voraus fest“, verrät er. „Ich glaube, ich versuche einfach, zuerst die Gedanken fließen zu lassen und dann, je nachdem was passiert, wenn mir diese Gedanken kommen, denke ich genauer über die Instrumente und die Musiker nach.“ Trotz alledem war es ein ganz bestimmter Klang, der in seinem Kopf Gestalt annahm, als er die Aufnahme von Blue Maqams vorbereitete. „Diesmal dachte ich schon in einem frühen Stadium vor allem ans Klavier“, erzählt Brahem von der Entstehung seines jüngsten Ensembles. „Ich habe lange nach dem richtigen Pianisten gesucht. Es gibt heute natürlich viele sehr gute, aber es musste jemand mit großem Fingerspitzengefühl sein. Mit der Arbeit von Django Bates war ich nicht vertraut, aber nach einigen längeren Diskussionen mit Manfred Eicher [dem Produzenten und Gründer von ECM, Brahems Plattenlabel] und dem Anhören vieler Aufnahmen spielte mir Manfred etwas vor, das er gerade mit Django aufgenommen hatte. Als ich es hörte, dachte ich sofort, ‚Ja, ich sollte dieses Album mit ihm machen.‘ 6


Ich hatte das Gefühl, dass Django etwas ganz Besonderes beitragen würde zu dem, was wir vorhatten“, fährt Brahem fort. „Sein Anschlag, sein Pianissimo, ist sehr gut, und das war deshalb so wichtig, weil die Musik vor allem melodisch ­geprägt ist. Damit sich Oud und Klavier gut mischen, braucht es wirklich diese Leichtigkeit im Anschlag, diesen sehr sensiblen Zugang. Ich habe schnell gemerkt, dass er die richtige Kombination aus Nachdruck und Zurückhaltung hat.“ Brahems Interesse für Musik, das eine ätherische Perspek­tive ebenso beinhaltet wie eine ganz anschauliche, existiert parallel zu seiner langjährigen Begeisterung für darstellende Kunst; insbesondere das Kino spielte eine wichtige Rolle in seiner persönlichen Entwicklung. ­Obwohl er seine Ausbildung am Konservatorium in Tunis absolvierte, erweiterte Brahem schon als 18-Jähriger seinen musikalischen Horizont, indem er zu den unterschiedlichsten Plattenaufnahmen beim Hören mitspielte. Einige seiner ­ersten öffentlichen Auftritte in den achtziger Jahren waren der Instrumentalmusik gewidmet, nicht der (für einen Oudspieler eher typischen) Begleitung von Sängern, womit er sofort die Aufmerksamkeit mehrerer Film- und Theater­ regisseure erregte. Tatsächlich fand seine erste professionelle Begegnung mit Jazzmusikern bei einer gemeinsamen Aufnahme für einen tunesischen Filmregisseur statt. Insgesamt tendiert Brahems Œuvre in die Richtung einer intimen, oft poetischen Form von Kammermusik, in der die von einer zurückhaltenden Dynamik geprägte Spannung entweder ganz ohne Schlagzeug auskommt oder es nur sehr dezent einsetzt. Traditionelle nahöstliche und türkische ­Instrumente wie Bendir, eine Rahmentrommel, und die Bechertrommel Darbuka haben sich in seinen Arrangements als höchst wirkungsvoll erwiesen, weshalb der Einsatz eines herkömmlichen Schlagzeugs in Blue Maqams umso be­ merkenswerter ist. An Brahems Album Khomsa von 1994 war auch der bekannte norwegische Schlagzeuger Jon Christensen beteiligt, doch der zusätzliche rhythmische ­Drive, wie er durch die Einbeziehung von Snare, Bassdrum und Becken entsteht, muss, ebenso wie das Klavier, in ­Brahems Musik immer besonders sensibel gehandhabt ­werden. Die wahre Begabung seiner Partner, sagt Brahem, zeigt sich für ihn in dem hohen Maß an Konzentration, zu dem sie während des Musizierens fähig sind. „Egal in welcher 7


S­ ituation, ob auf der Bühne mit einer Band oder im Studio“, erklärt er, „zuoberst in meinem Bewusstsein, und das ist wirklich unabdingbar, steht immer die Frage, wie gut ein Musiker zuhören kann. Auf der Bühne hat heute natürlich jeder Lautsprecher vor sich stehen, damit wir uns unter­ einander besser hören können. Aber wissen Sie was? Ich mag das überhaupt nicht. Man darf sie nur im R ­ ahmen des Notwendigen einsetzen und dabei nie vergessen, dass Musik, ganz sicher in meinem Fall, akustisch passiert, und dass es vor allem aufs Zuhören ankommt. Eine der ganz großen Qualitäten der Musiker, mit denen ich a­ rbeite, ist ihre Fähigkeit zum Zuhören und dazu, sich voll aufeinander einzustellen.“ Sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen spielt für die Entwicklung von Brahems Schaffen ebenfalls eine ­zentrale Rolle, was seinen ersten Auftritt im Pierre Boulez Saal, mit seinem stilistisch weitgefächerten Programm, nur folgerichtig erscheinen lässt. Die internationalen Bands mit Musikern aus Afrika, Amerika und Europa, die er geleitet hat, spiegeln direkt den transkontinentalen L ­ ebensstil wider, der ihm sowohl Tunis als auch Paris zur Heimat hat werden lassen und ihn zu Auftritten auf der ganzen Welt führt. „Musik ist für mich schon immer eine außergewöhnliche Form von Reisen gewesen. Alles, was ich als junger Mensch an Musik entdeckt habe – Flamenco, Musik vom Balkan usw. – war Teil einer Reise. Ich kannte als Kind meine ­heimatliche Umgebung, und Musik brachte mich an andere Orte. Ich habe das Reisen durch Hören sehr genossen – es gehört zu den faszinierendsten Dingen in meinem Leben.“ Auch das Instrument, das er spielt, ist in gewisser Weise symbolisch. Die Oud hat eine vielfältige und abwechslungsreiche Geschichte. „Sie ist ein weitgereistes Instrument“, ­erklärt Brahem. „Man kannte sie im Irak und Iran, sie hat die arabische Welt erobert, den Balkan, die Türkei, und selbst in Europa lässt sich ihr Einfluss erkennen. Sie ist der Vor­ läufer der Renaissancelaute. Manche Menschen behaupten, dass es in der Geschichte keine kulturellen Objekte gibt, die weiter g­ ereist sind als Musikinstrumente.“ Übersetzung: Philipp Brieler

Kevin Le Gendre ist der Autor des Buches Don’t Stop the C ­ arnival: Black Music in Britain.

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Transcending Traditions The Art of Anouar Brahem

Kevin Le Gendre

“Blue Maqams” is an intriguing combination of words. It is the title of the latest album and live program by the Tunisian oud virtuoso Anouar Brahem, and it is also a fascinating encounter between English and Arabic—an idea that stems from the artist’s desire to say something specific without giving away anything in particular. “I wanted an Arabic word in the title, that’s why maqam is there, and I just had the color blue in mind, with no special meaning,” Brahem says. “I came up with it before making the album. But when we were recording I found myself playing in the maqam.” The term refers to the age-old patterns of notes—or modes—at the heart of the deeply expressive classical music made in North Africa and the Middle East. This is the culture in which Brahem is steeped, yet he has also embraced many Western art forms in the course of a highly adventurous career spanning more than three decades. Among these, most of all, there is African-American music. “I’ve never tried to be a jazz musician and I don’t consider myself to be one,” Brahem says. “But I feel as if I have the mindset of a jazz musician, or that I’m still very connected to the music.” In any case, Blue Maqams is a resounding confirmation of his composing and improvising skills in the company of American and European players working at the highest ­creative level: double bassist Dave Holland, pianist Django Bates, and (on the recording) drummer Jack DeJohnette, who for tonight’s concert is replaced by Nasheet Waits. These musicians are leaders in their own right as well as in-demand accompanists who have backed a number of iconic artists including Dudu Pukwana, Miles Davis, Evan Parker, Sidsel Endresen, and Jason Moran. Brahem himself has been winning plaudits since his 1991 debut Barzakh. He has consistently represented an entirely 10


progressive spirit in Arabic music that is deeply rooted in ­local traditions but also shaped by an international outlook. His 1994 album Madar, for which Brahem was joined by Norwegian saxophonist Jan Garbarek and Indian tabla maestro Ustad Shaukat Hussain, is one of the key entries in the oud player’s discography, capturing the listener with its majestic lyricism, measured solos, and advanced interplay. 1998’s ­Thimar, recorded together with Holland and multi–reed player John Surman, was another sublime offering that ­unveiled a “universal sound,” distinguished by the glowing beauty of the songs as well as the stealthy improvising. The breadth of his output to date is something Brahem ascribes to an enduring spontaneity with regard to the lineup of every band he leads. “I never decide on the instrumentation beforehand,” he reveals. “I think that I just try and let the ideas flow and then, according to what happens when those ideas come to me, I’ll think more specifically about the instruments and players.” Having said that, there was a definite sound that popped into his head when he was preparing to record Blue Maqams. “This time around the piano was uppermost in my mind from an early stage,” Brahem says of the genesis of this latest ensemble. “I spent a long time looking for the right pianist. There are lot of very good ones around today, but [the best person] had to be very subtle. I didn’t know Django Bates’s work, but after some lengthy discussions with Manfred Eicher [producer and founder of the ECM label, to which Brahem is signed], and after a lot of listening, Manfred played me something that he’d just recorded with Django. As soon as I heard that I thought, ‘Yeah, it would be good if I made the album with him.’ “I felt Django brought something special to what we were doing,” Brahem clarifies. “His touch, his pianissimo, is really good, and that was very important because the music is mostly melodic. So for the oud and the piano to blend, that lightness of touch, that very sensitive approach really had to be there. He seemed to have the right kind of emphasis and restraint.” Brahem’s interest in music, which is both ethereal and evocative, is paralleled by a long-held passion for the dramatic arts, and the moving image in particular has had a pivotal place in the oud virtuoso’s personal development. Although he studied at the National Conservatory of Music in Tunis, Brahem expanded his musical horizons by playing along 11


to all kinds of records at the age of 18. Some of his first public performances in the 1980s saw him focus on instrumental music rather than—more common for an oud ­player—accompany vocalists, which duly attracted the ­attention of several film and theater directors. His first ­experience playing with jazz musicians in fact was a studio session for a Tunisian film director. By and large, Brahem’s work has leaned towards an ­intimate, often poetic form of chamber music, in which ­tantalizingly low volume is well served by either an absence of percussion or its discreet presence. Traditional Middle Eastern and Turkish instruments such as the bendir, a frame drum, and the goblet drum darbuka have been very effective in his arrangements, so it is notable that there is a drum kit featured in Blue Maqams. The lineup of Brahem’s 1994 album Khomsa did include the renowned Norwegian ­drummer Jon Christensen, but the additional rhythmic drive that comes from the use of snare, kick, and cymbals must, like the piano, be very carefully handled in the oud player’s work. The true ability of his accompanists, Brahem says, is really measured by the high levels of concentration they can keep in the midst of a performance. “In any situation that I’ve been in, whether it’s with a group on stage or in the studio,” he explains, “one thing that has always been uppermost in my mind, and it really is an absolute pre-requisite, is how well musicians can listen. On stage, of course, everybody has monitors now so that we can hear each other better. Well, you know what? I really don’t like that at all.You have to use them within reason and bear in mind that music, certainly in the case of what I do, is acoustic, and overall listening is what counts most. One of the great qualities of the players I work with is their excellent listening ability, really tuning in.” Relating to other cultures has also been crucial to ­Brahem’s creative growth, which makes his first appearance at the Pierre Boulez Saal, with its stylistically wide-ranging program, seem like a natural fit. The international bands he has led, with players from Africa, America, and ­Europe, are a direct reinforcement of a transcontinental ­lifestyle that has seen him live in both Tunis and Paris and perform all around the world. “Music has been an ­extraordinary way to travel for me. All the music I dis­covered as a youngster— flamenco, Balkan, etc.—was part of a journey. I had my local surroundings as a kid, and music took me to other places. 12


I relished the journey through listening—it has been one of the most fascinating things in my life.” There is also a certain symbolism in the instrument he plays. The oud has a rich and varied history. “This is an ­instrument that has traveled,” Brahem says. “It was found in Iraq and Iran, it conquered the Arab world, the Balkans, Turkey, even became influential in Europe. It’s the ancestor of the Renaissance lute. Some people say the cultural object that has traveled the most in history is the musical instrument.”

Kevin Le Gendre is the author of Don’t Stop the Carnival: Black Music in Britain.

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Anouar Brahem - Blue Maqamas  

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