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Joe Lovano Trio Tapestry Marilyn Crispell & Carmen Castaldi EinfĂźhrungstext von / Program Note by Kevin Le Gendre


JOE LOVANO TRIO TAPESTRY MIT MARILYN CRISPELL & CARMEN CASTALDI

Mittwoch

15. Mai 2019 19.30 Uhr

Joe Lovano Saxophon Marilyn Crispell Klavier Carmen Castaldi Schlagzeug

Das Programm wird von den Künstlern angesagt. Keine Pause

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Dreiecksbeziehungen Joe Lovano und die Textur des Trios

Kevin Le Gendre

Triokonstellationen sind in der improvisierten Musik eine der zentralsten Besetzungsformen. Ein Standardmodell gibt es dabei aber nicht: Klavier, Kontrabass und Schlagzeug sind nur eine unter vielen möglichen Instrumentenkombi­ nationen. Der amerikanische Saxophonist Joe Lovano hat im Laufe seiner langen und erfolgreichen Karriere mit vie­ len verschiedenen Trioformationen experimentiert. Seine Zusammenarbeit mit Dave Holland und Elvin Jones in den späten 1990er Jahren kommt einem da zunächst in den Sinn; wenige Jahre später stellte er mit Partnern wie dem Harmonikaspieler Toots Thielman, dem Pianisten Kenny Werner, dem Trompeter Dave Douglas oder dem Kontra­ bassisten Mark Dresser verschiedene Trios in höchst unter­ schiedlichen Konfigurationen zusammen. Die Ursprünge von Lovanos Faszination für musikalische Dreiecksbeziehungen liegen allerdings noch weiter zurück. In den frühen 1980er Jahren gehörte er einem der wichtigs­ ten „kleinen“ Ensembles des Jahrzehnts an – der Band von Schlagzeuger Paul Motian, zu der außerdem Gitarrist Bill Frisell gehörte und die bis zu Motians Tod 2011 auf der ganzen Welt auftrat. Mit anderen Worten: Joe Lovano ist al­ les andere als unbeschlagen in dieser spezifischen Besetzung. „Trios ohne Bass sind im Laufe all dieser Jahre zu einem Teil meines Lebens und meiner Entwicklung geworden“, betont er. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Lovanos jüngstes Projekt, Trio Tapestry, ist eine beeindruckende Leistung, die mehrere wichtige Stränge seiner Vergangenheit zusammen­ führt. Zum einen markiert das Album Lovanos Debüt als Bandleader beim Label ECM, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit als Sideman u.a. von Paul Motian, John Abercrombie, Marc Johnsson und Steve Kuhn verbindet. Zum 5


anderen ist es das Ergebnis neuer und alter musikalischer Freundschaften. Am Klavier ist Marilyn Crispell zu hören, eine hervorragende Improvisatorin und Komponistin; am Schlagzeug sitzt der außerhalb der USA wenig bekannte Carmen Cristaldi, über den Joe Lovano in den höchsten Tönen spricht: „Wir sind zusammen in Cleveland aufge­ wachsen, und einige meiner besten musikalischen Momente habe ich mit ihm erlebt. Es ist großartig, mit ihm im Studio zu arbeiten.“ Trio Tapestry ist das fesselnde Statement eines der ton­ angebenden Künstler in der improvisierten Musik der letzten drei Jahrzehnte. Für Lovano, der als einer der produktivsten Musiker des Blue Note Labels dort zwischen 1991 und 2016 beeindruckende 25 Alben veröffentlicht hat, war es stets das Ziel, sich mit einer großen Bandbreite musikalischer For­ mationen zu beschäftigen, mit Musikerinnen und Musikern aus sämtlichen Bereichen des Jazz und darüber hinaus. Er stand an der Spitze von Bigbands, Quartetten und Quin­ tetten mit zwei Schlagzeugern und spielte mit Legenden wie Hank Jones und Gonzalo Rubalcaba im Duo. Im ­Bebop fühlt er sich genauso zuhause wie in der freien ­Improvisation, und seine starke Persönlichkeit kommt in jeder Konstellation immer im Sinne der Gruppe zum Aus­ druck. Seine intensive Beschäftigung mit verschiedensten Blasinstrumenten – Tenorsaxophon, Altsaxophon in gerader Bauart oder Aulochrom, einem ungewöhnlichen Instrument aus zwei Sopransaxophonen – stellt ihn in eine Linie mit Eric Dolphy und Rhasaan Roland Kirk. Als herausragender Solist, dessen Improvisationen reich an Timbres und rhyth­ misch geschickten Phrasen sind, kann sich Lovano aber ­genauso auch zurücknehmen, wenn es notwendig ist. Im Trio, an dessen Spitze er heute Abend steht, ist ihm sehr genau bewusst, was diese Zusammenarbeit von ihm ­sowohl als Begleiter als auch als Leader erfordert. „Schön daran ist, dass ich gewissermaßen auf dem Basshocker sitze“, erklärt Lovano. „Oder zumindest auf der Position zwischen Klavier und Schlagzeug, was mir und meinem Klang eine andere Färbung und auch einen anderen Stellenwert gibt. Ich begleite aus der Mitte der Musik heraus, und das ist wirklich schön. Durch meine Zusammenarbeit mit vielen großartigen Jazz-Bassisten habe ich Wege gefunden, in ­Besetzungen ohne Bass für mich und mein Instrument einen neuen klanglichen Raum in der Musik zu schaffen. Außer­ dem verwende ich Gongs. Ich halte beim Spielen auf 6


­ enorsaxophon oder Taragato einen Schlägel in der rechten T Hand und kann mich so selbst begleiten, das gibt der Musik eine weitere Dimension.“ Ein Basssolo, ohne begleitendes Fundament, habe ihn immer fasziniert, sagt Joe Lovano. „Dieses Gefühl entsteht auch in diesem Trio. Man sollte nicht zu sehr versuchen, den klanglichen Raum aufzufüllen, den normalerweise der Bass einnimmt. Stattdessen versuche ich, diesen Raum mit den anderen zu teilen. Der spezifische Klang und die musi­ kalischen Ideen der Gruppe müssen immer an erster Stelle stehen. Mein Sound ist stark von der Vorstellung geprägt, dass jeder in der Band Schlagzeuger ist, genauso Pianist, und jeder muss mit der Impulskraft eines Bassisten spielen – alle decken also jederzeit alles ab. Dieser Ansatz war für meine Entwicklung entscheidend.“ Doch beim Phänomen Trio geht es um mehr als reinen Klang, erklärt er: „Man kann mit zwei anderen Menschen im Trio spielen und den musikalischen Raum noch auf ­andere, magische Weise miteinander teilen. Meine Entwick­ lung im Jazz war bestimmt von vielen Erfahrungen in Duos und Trios, denn wenn man so intim miteinander Musik macht, beginnt man miteinander zu atmen und die Dinge anders wahrzunehmen. Es gibt auch viele Momente der Stille, die ich immer sehr genieße, weil sie im Grunde die Sprungbretter in eine neue Phase eines Songs sind.“ Vielleicht schätzt Lovano die Gelassenheit und Ruhe des Trioformats deswegen so sehr, weil sie sich so stark von ­seinen musikalischen Ursprüngen abhebt. In Cleveland wuchs er in einer Familie von Musikern auf – sein Vater Tony „Big T“ Lovano war ebenfalls Saxophonist – und inter­essierte sich als Teenager vor allem für R&B, Soul und Jazz. In seiner Jugend spielte er viel in Combos mit Orgel und trat nach seinem Abschluss am renommierten Berklee College of Music mit einigen der großen Meister dieses Genres auf – darunter „Brother“ Jack McDuff und Lonnie Smith, auf dessen Album Afro-desia aus dem Jahr 1975 er zu hören ist. „Das war meine erste Aufnahmesession, als ich nach New York kam“, erinnert sich Lovano. „Es war fantastisch, diese Sachen zu spielen. Ich war zwar noch Teenager, aber das Umfeld war mir sehr vertraut und angenehm. Ich hörte damals Miles Davis, Coltrane und Rollins, aber auch Motown, Sly and the Family Stone und James Brown. Ich spielte in einer Reihe von Bands Funk und Soul, deshalb fühlte es 7


sich großartig an, Lonnie Smiths Unterstützung zu haben, denn seine Musik verkörpert diese Atmosphäre sehr.“ Diese frühe Phase seiner Karriere hat bis heute einen be­ sonderen Platz im Herzen Joe Lovanos, und seine Anfänge in Cleveland sind nach wie vor präsent. Das Stück Smiling Dog vom Album Trio Tapestry ist eine Hommage an den Smiling Dog Saloon in Cleveland, in dem er früher regel­ mäßig auftrat. Nach seinem Umzug nach New York, wo er bald begann, in der Jazzszene für Aufsehen zu sorgen, kam in Joe Lovanos Leben schnell Bewegung. In den folgenden Jahrzehnten stand er mit Legenden wie dem Thad Jones / Mel Lewis Orchestra, John Scofield und Dave Liebman auf der Bühne. Er spielte als Gastmusiker mit europäischen Künstlern wie dem französischen Bassisten Henri Texier und dem schottischen Saxophonisten Tommy Smith. Den Drang auf die Bühne zu gehen hat Joe Lovano auch nach fünf Jahrzehnten nicht verloren. Live vor Publikum zu spie­ len ist und bleibt eine seiner größten Freuden, menschlich wie musikalisch. „Wenn man auf Tour geht, ist man auf Entdeckungsreise“, erklärt Lovano. „Man teilt mit anderen Menschen das Glück, gemeinsam in der Welt der Musik zu leben. Es ist etwas wirklich Inspirierendes, in einem Konzertsaal für die Leute zu spielen, die mit einem im Raum sind. Wenn man die Energie dieser gemeinsamen Erfahrung spürt, so wie ich sie bei Keith Jarrett und Dewey Redman oder im wunder­ vollen Spiel von Dexter Gordon gespürt habe, dann ist das etwas ganz Besonderes. All das bewegt mich dazu zu ver­ suchen, den Menschen, für die ich spiele, dasselbe zu ermög­ lichen. Es geht um Liebe, nicht nur darum, bloß Musik zu spielen und Karriere zu machen. Es ist ein spiritueller Ort – mit all den Schwingungen im Raum.“

Übersetzung aus dem Englischen von Christoph Schaller

Kevin Le Gendre ist der Autor von Don’t Stop the Carnival: Black Music in Britain.

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Triangular Communication Joe Lovano and the Spirit of the Trio

Kevin Le Gendre

The trio format is one of the essential line-ups in i­mprovised music. But there is no standard model: piano, double bass, and drums are just one possible combination. American saxophonist Joe Lovano has explored many ­variations on the trio in a long and distinguished career. ­Audiences may recall his sessions with Dave Holland and Elvin Jones in the late 90s, but a few years after that he ­assembled several trios of vastly different configurations, with his partners ranging from harmonica player Toots Thielman and pianist Kenny Werner to trumpeter Dave Douglas and double bassist Mark Dresser. The roots of Lovano’s “trio fascination,” however, run deeper. In the early 80s he was a member of one of the great small groups of the decade—a band led by drummer Paul Motian that also featured guitarist Bill Frisell and ­performed all over the world until Motian’s passing in 2011. Lovano, in other words, is well versed in a very specific kind of instrumentation. “The trio format with no bass had become a part of my life and my development over all these years,” he says emphatically. This has not changed. Lovano’s latest program, Trio Tapestry, is a fine achievement that brings together several notable strands of his personal history. On the one hand the record­ ing marks his debut as leader for ECM, the record label with which he has had a lengthy association as a sideman with Motian as well as such luminaries as John Abercrombie, Marc Johnson, and Steve Kuhn. On the other hand, the new work is a celebration of musical relationships that are new and old. Heard on piano is Marilyn Crispell, a superb improviser and composer, and the drummer is Carmen Castaldi, a little-known musician outside America who is nonetheless highly rated by Lovano: “We grew up together 10


in Cleveland, and we’ve done some of my most beautiful playing together,” he says. “It’s really great to be able to record with him.” Trio Tapestry is a compelling statement by a musician who has been a towering figure in improvised music for more than three decades. One of the most prolific recording artists on the Blue Note label, for which he made a staggering 25 albums between 1991 and 2016, Lovano has been ceaseless in his desire to explore a vast range of musical settings with musicians from all areas of the jazz tradition and beyond. He has led big bands, quartets, quintets with two drummers, and also formed memorable duos with legends such as Hank Jones and Gonzalo Rubalcaba. He is at home playing bebop as well as free improvisation, and in each case the multi–reed player is able to assert a strong personality that serves the particular group. His work on tenor saxophone, straight alto, and the uncommon aulochrome, which is made of two soprano saxophones, stems from a relentless exploration of wind instruments that places him in a lineage that includes Eric Dolphy and Rhasaan Roland Kirk. ­Although Lovano is a formidable soloist who produces timbrally rich and rhythmically deft phrases in his improvi­ sations, he is also subtle when need be. In the trio he leads tonight, he is deeply aware of what the context requires from him as both accompanist and leader. “One thing about it that’s really beautiful is I’m in the bass chair,” he explains. “Or let’s say I’m in the position between piano and drums, in the middle range. It gives me and my tonalities a different kind of color and importance. I’m accompanying within the music, and that space is really beautiful. Through my experience of playing with great bassists in jazz I’ve found a way of creating a different sonic space for myself within the music when there is no bass. I’m also incorporating my approach with gongs. I’ve developed a way of playing holding a mallet in my right hand and ­accompanying myself on tenor and taragato; that gives the music another dimension. “I’ve always loved when a bass player performed a solo,” he continues, “that there was no bass accompanying him, and that feeling is also there in this group.You shouldn’t try too much to fill that space where the bass might be. For me it’s a matter of sharing the space with others—the sound and ideas in any particular group or ensemble have to come first. The way I’ve approached developing my sound is that 11


everybody in the band is a drummer, or a pianist where you’re playing in the voicings, and everyone has to play with the momentum of a bass player—so you’re covering everything all the time. That’s always been a major part of my development.” But the trio phenomenon goes beyond the idea of mere sound, Lovano explains: “You can play in a trio with two others and share the space in another magical kind of way. Developing in jazz for me has meant experiencing a lot of duets and trios, because when you get intimate like that you’re breathing together, feeling things in a different way. There are a lot of silent moments, too. I was so happy to feel many silent moments as they’re really springboards into the next phase of a song.” Perhaps Lovano appreciates the tranquility of this context because it is a far cry from his beginnings as a musician. Born and raised in Cleveland, Ohio, he hails from a musical family (his father Tony “Big T” Lovano was also a saxophonist) and as a teenager gravitated toward R&B, soul, and jazz. He worked extensively in organ combos in his youth and after graduating from the prestigious Berklee College of Music he played with some of the masters of that particular kind of band—“Brother” Jack McDuff and Lonnie Smith, on whose 1975 album Afro-desia Lovano appeared. “It was my first recording when I came to New York,” Lovano recalls. “It was a thrill performing that stuff. I was a teenager then but it was a very familiar and comfortable setting. I was listening to Miles Davis, Coltrane, and Rollins, but also Motown, Sly and the Family Stone, and James Brown. I was in a number of bands playing funk and soul, so it felt great to have Lonnie Smith’s embrace, as his music had that vibe in a major way.” This early stage of Lovano’s career has a special place in his heart, and his beginnings on the Cleveland scene are still referenced to this day. On the Trio Tapestry album, the piece Smiling Dog is an homage to Smiling Dog Saloon, a venue in the city where he used to perform regularly. Once he ­relocated to New York and started to make a major impact on the jazz scene, things moved considerably for Lovano. In the decades that followed he was able to play with iconic American musicians such as the Thad Jones / Mel Lewis Orchestra as well as John Scofield and Dave Liebman. He also made guest appearances with Europeans such as French bassist Henri Texier and Scottish saxophonist Tommy Smith. 12


Almost five decades into a glittering career, Lovano has not lost any of his drive to perform. Playing live remains a great pleasure for the saxophonist, from a human as well as musical point of view. “The main thing is that when you’re on tour you explore,” he points out. “You share the blessing of living in the world of music together. In a concert it’s really inspiring when you’re playing for people who are in the room with you. It’s a special moment when you have that energy of the shared experience, like I felt when I heard Keith Jarrett with Dewey Redman, or when I heard Dexter Gordon and could feel his beautiful delivery on stage. All these things ­inspired me to try to get myself together so I could do that for the people I play for. It’s all about the love. It’s not just playing music and having a career. It’s a spiritual place—all the vibrations in the room.”

Kevin Le Gendre is the author of Don’t Stop the Carnival: Black Music in Britain.

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Joe Lovano - Trio Tapestry