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Franui & Nikolaus Habjan „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ Einführungstext von / Program Note by Michael Horst


FRANUI & NIKOLAUS HABJAN „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ 19. Dezember 2018 19.30 Uhr Donnerstag 20. Dezember 2018 19.30 Uhr

Mittwoch

Markus Kraler, Andreas Schett Komposition und musikalische Bearbeitung Nikolaus Habjan, Markus Kraler, Andreas Schett Konzept und Dramaturgie Nikolaus Habjan Puppenspiel und Rezitation Franui – Musicbanda Johannes Eder Klarinette, Bassklarinette Andreas Fuetsch Tuba Romed Hopfgartner Sopransaxophon, Altsaxophon, Klarinette Markus Kraler Kontrabass, Akkordeon Angelika Rainer Harfe, Zither, Gesang Bettina Rainer Hackbrett, Gesang Markus Rainer Trompete, Gesang Andreas Schett Trompete, Gesang, musikalische Leitung Martin Senfter Ventilposaune, Gesang Nikolai Tunkowitsch Violine


Programmfolge

Frühling Franz Schubert (1797–1828) Abschied „Über die Berge“ D 475 Der Wanderer an den Mond D 870 (Text: Johann Gabriel Seidl) Im Frühling D 882 Johannes Brahms (1833–1897) Mein Mädel hat einen großen Mund (nach „Mein Mädel hat einen Rosenmund“ und anderen Liedern aus Deutsche Volkslieder WoO 33)

Sommer Franz Schubert An den Mond D 259 Abschied „Ade, du muntre, du fröhliche Stadt“ D 957/7 Gustav Mahler (1860–1911) Wunderhorntanz (nach „Des Antonius zu Padua Fischpredigt“, „Rheinlegendchen“ und „Wer hat dies Liedlein erdacht?“ aus Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“) Franz Schubert Wandrers Nachtlied II „Über allen Gipfeln ist Ruh“ D 768


Herbst Franz Schubert Das Grab D 330 (Text: Johann Gaudenz von Salis-Seewis) Du bist die Ruh D 776 (Text: Friedrich Rückert) Robert Schumann (1810–1856) Variationen für Klavier Es-Dur WoO 24 „Geistervariationen“ („Der Mond ist aufgegangen“, Text nach Matthias Claudius) Johannes Brahms Die Meere op. 20 Nr. 3

Winter Franz Schubert Totengräberlied D 44 (Text: Ludwig Hölty) Abendstern D 806 Gustav Mahler Das irdische Leben aus Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ Franz Schubert Abschied „Über die Berge“ D 475 (Text: Johann Mayrhofer)

Textdichter sind bei denjenigen Liedern angegeben, die gesungen werden. Bei allen übrigen handelt es sich um rein instrumentale Bearbeitungen.

Zwischen den Musikstücken: Texte von Robert Walser (1878–1956) und Jürg Amann (1947–2013)


Über allen Gipfeln Ist Ruh’, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch. Johann Wolfgang von Goethe, Wandrers Nachtlied

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Auf der Suche nach dem Ich Wanderung durch die Jahreszeiten des Lebens

Michael Horst

Das Wandern ist uns in unterschiedlichen Formen vertraut. Jüngste Errungenschaft dürfte das sportliche Wandern sein: hier geht es um Tempo und Leistung, kontrolliert ­womöglich durch einem Pulsfrequenzmesser. Die Urform des Wanderns aber ist die zielgerichtete Bewegung von Ort zu Ort – das Reisen an sich, das in vorindustriellen Zeiten dem Abschluss eines Handels, einem privaten Anlass oder der Pilgerschaft galt. Als eine dritte Form hat sich, vor allem in der literarischen Romantik, jener Typus von Wanderschaft ausgeprägt, die über sich selbst hinausweist und als Symbol des Lebens alle Facetten zwischen Aufbruch und Ankunft, Werden und Vergehen, Mühsal und Erfüllung ­widerspiegelt – die Fußreise als Mittel zur Selbsterkenntnis. Novalis und Ludwig Tieck machten hier dichterisch den Anfang; auf sie folgt eine eindrucksvolle Reihe unterschiedlichster Wanderbeschreibungen, die sich von Eichendorff bis hin zu Georg Büchner zieht. Dessen Novelle Lenz beginnt mit den berühmten Sätzen: „Den 20. ging Lenz durch’s ­Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. […] Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht’s am Weg, bald auf- bald abwärts. […] es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts.“ Der Wanderer als ziellos Sinnsuchender, angetrieben mehr von Ängsten als von Neugier, angelockt von bezaubernden Eindrücken, dann wieder abgeschreckt 9


von der unwirtlichen Umgebung – in diese Fußstapfen treten die Musicbanda Franui und der Puppenspieler Nikolaus Habjan mit ihrem gemeinsamen Programm. Schubert und Schumann, Brahms und Mahler mischen sich hier mit Texten des Schweizers Robert Walser, der einen Satz über das ­Wandern beisteuert, welcher ebensogut als Motto über dem Abend stehen könnte: „Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man sieht so schon viel.“ Der Rhythmus des Abends orientiert sich an den vier Jahreszeiten – dabei werden Musik und Texte frei-assoziativ miteinander verschnitten, sie überlagern und überlappen sich.Vor allem aus Franz Schuberts Liedschaffen ist das Motiv des Wanderers nicht wegzudenken, und nicht zufällig gibt sein Wanderer an den Mond den Ton vor: „Ich wandre fremd von Land zu Land, / So heimatlos, so unbekannt; / Berg auf, Berg ab, Wald ein, Wald aus, / Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus.“ Schubert hat auch das letzte Wort. Wenn im Winter der Schnee Einzug gehalten hat und Walsers „Mann mit dem Kürbiskopf“ das Ende des Lebens signalisiert, zieht sein Abschied nach einem Gedicht des Freundes Johann Mayrhofer nüchtern-traurige Bilanz: „Über die Berge zieht ihr fort; / Kommt an manchen grünen Ort, / Muß zurücke ganz allein; / Lebet wohl! Es muß so sein.“ Besondere Intensität erhält die Wanderstimmung durch Franuis musikalische Arrangements. In dem zehnköpfigen, überaus variablen Ensemble beherrscht jedes Mitglied ­mindestens zwei Instrumente. Andreas Schett, künstlerischer Leiter und Trompeter, beschreibt die Möglichkeiten so: „Wir verfügen über eine einzigartige Klangbatterie: Holzund Blechbläser, dazu Streicher und Volksmusikinstrumente wie Hackbrett, Zither und Harfe. Mit diesem Instrumentarium können wir uns die romantische Musik wunderbar anverwandeln.“ Schett selbst ist, gemeinsam mit dem Bassisten Markus Kraler, auch für die Arrangements verantwortlich. Die Bandbreite der Bearbeitungen ist bewusst breit gefächert: „Manchmal zelebrieren wir in aller Schlichtheit und Schönheit das wunderbare Stück Musik – und setzen nur einen neuen Ton als Tupfer hinzu. Dann wieder stellen wir alles vom Kopf auf die Füße, indem etwa das Thema im doppelten oder im halben Tempo gespielt wird.“ Die ­Wirkung stellt sich unmittelbar ein: Durch die Veränderungen wird ein Perspektivenwechsel erzeugt, so dass der Zuhörer auch wohlbekannte Stücke in ganz neuem Licht zu sehen bekommt. 10


Gern unterlaufen die Musiker gängige Hörerwartungen, wie in dem berühmten Schubert-Rückert-Lied Du bist die Ruh, das als schlichtes Wiegenlied daherkommt, während dazu ein Hymnus auf das Wandern in dunkler Nacht aus der Feder Walsers rezitiert wird: „Es war so hell und zugleich so schwarz. Die Nacht war göttlich. Hohe Tannen ragten vor mir auf, Quellen hörte ich gurgeln und murmeln, das war eine so köstliche Melodie, ein so geheimnisvolles Sagen und Singen. Ich sang selber ein Lied in die Nacht ­hinein, während ich auf der hellen Straße immer höher stieg.“ Einen anderen Weg geht Franui im direkt folgenden Der Mond ist aufgegangen: Statt der wohlbekannten Melodie von Johann Abraham Peter Schulz stammt die Musik von Robert Schumann, dessen späten „Geistervariationen“ für Klavier der fantasievoll verknappte Text von Matthias Claudius ­unterlegt wird. Ihre Vielseitigkeit stellen die Musiker auch in Schuberts Das Grab unter Beweis. Die abgrundtiefe Trauer des Textes von Johann Gaudenz von Salis-Seewis zog den jungen Komponisten so sehr in seinen Bann, dass er ihn mehrfach musikalisch umsetzte: „Das Grab ist tief und stille / Und schauderhaft sein Rand. / Es deckt mit schwarzer Hülle / Ein unbekanntes Land.“ 1815 vertonte der 18-Jährige das Gedicht für vier Männerstimmen – und so wird es auch von Franui gesungen. Eine entscheidende Erweiterung und Vertiefung gewinnt das Thema Wandern durch die Texte Robert Walsers, jenes schweizerischen Einzelgängers, der es vorzog, den Momenten des Rückzugs und der Betrachtung mehr Bedeutung beizumessen als dem kraftvollen Voranschreiten – sowohl literarisch als auch privat. Gegen alle Zeitströmungen anschwimmend, gelang es ihm trotz gelegentlicher Momente der Anerkennung weder in der Schweiz noch während seiner Jahre in Berlin zwischen 1906 und 1913, im Literaturbetrieb wirklich Fuß zu fassen. Dennoch beharrte er auf seinem eigenen Weg und schrieb weiter seine Gedichte und Prosa von suggestiver Bildkraft und melancholischer Sensibilität, deren Rang erst lange nach seinem Tod die verdiente Würdigung gefunden hat. „Ich liebe Walser sehr, aber es ist unglaublich schwer, seine Texte mit Schauspielern zu gestalten“, erklärt Schett. „Sie beschreiben große Gefühlskurven, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, oft mit fünffachem Boden, das lässt sich kaum sprechen.“ Walser selbst war ein passionierter, geradezu fanatischer Wanderer, der nach seiner 11


Rückkehr in die Schweiz seine eigenen Erfahrungen durch Nacht- und Gewaltmärsche systematisch zu erweitern ­versuchte. Wanderungen durch die schneebedeckte Landschaft sind ein häufig wiederkehrendes Motiv in Walsers Prosa; sein Gedicht Schnee steht im Mittelpunkt des letzten Teils von Franuis Programm, der vom Winter erzählt: „Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde / mit weißer Beschwerde, so weit, so weit. / Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel, / das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee. / Das gibt dir, ach, eine Ruh, eine Weite, / die weißverschneite Welt macht mich schwach. / So dass erst klein, dann groß mein Sehnen / sich drängt zu Tränen, in mich hinein.“ Umso eigentümlicher ist es in diesem Zusammenhang, dass Walser selbst bei einer Wanderung durch den Schnee der Tod ereilte. Am Weihnachtstag 1956 unternahm der 78-Jährige, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in einer Heilanstalt bei Appenzell lebte, einen Spaziergang, von dem er nicht zurückkehrte. Erst am Neujahrstag wurde er gefunden; ein berühmt gewordenes Foto zeigt die Leiche des Dichters im Schnee, daneben wie in surrealer Verfremdung sein Hut liegend – dies Bild gab auch die Inspiration für die Gestaltung der Puppe, von der die Texte Walsers zum Leben erweckt werden. Herr und Meister dieser Puppe ist Nikolaus Habjan, mit dem Franui bereits bei einem Shakespeare- und einem ­Georg-Kreisler-Abend zusammengearbeitet hat. „Die Puppe ist der Mittelpunkt des Ganzen“, betont Habjan, „die Figur, um die es geht: Mensch, Robert Walser, Publikum.“ Also Betroffener, Beobachter, Kommentator. Auch die Puppe ist in die Wanderschaft miteinbezogen, sie altert wie ein Mensch. Zu Anfang wird sie aus einem Reisekoffer herausgeholt und zusammengesetzt, am Ende gleichermaßen wieder in alle Teile zerlegt und in den Koffer zurückgepackt. ­Verteilt ist das Spiel auf eine sogenannte Klappmaulpuppe und eine Läuferpuppe mit Beinen. Habjan wechselt bewusst zwischen dem kleinen Wanderkörper und dem großen Sitzkörper, je nachdem ob die Texte eines Schubert- oder Mahler-Liedes erklingen oder ob ­Robert Walser rezitiert wird. Als dritte Perspektive ist außerdem der Schweizer Schriftsteller Jürg Amann mit einbezogen. Der „begnadete Verwandlungskünstler“ (wie die Neue ­Zürcher Zeitung ihn bezeichnete) hat sich Walser literarisch-biographisch genähert; Reflexionen über dessen Person und das Schreiben fließen immer wieder in den Abend ein, 12


so wenn Amann über eine fiktive Begegnung Walsers mit einer „Serviertochter“ in einem Gasthaus sinniert: „Aber statt dass er ihr nun von der Unruhe, die ihn bei all dem ­erfasst, etwas sagt, geht er weit von ihr weg, um ihr zu schreiben. Den Mond zwängt er in ein Gedicht und in ein anderes die Sterne und in ein drittes die Sonne und den Wald und die Felder. Nicht zu vergessen die einzelnen Bäume und Halme und Blumen. Die ganze Landschaft. Sich selber mitten darunter. So dass er sich in diesem Dickicht fast selbst nicht mehr findet.“ Dabei tritt Habjan auch in einen Dialog mit seiner Puppe – ein raffiniertes Spiel mit der ­Verfremdung. Mit den Werken Schuberts ist die Musicbanda Franui seit ihren Anfängen vor 25 Jahren bestens vertraut. Trotzdem sind die beiden Liederzyklen Die schöne Müllerin und Winterreise, in denen es fortwährend um das Wandern geht, in ­diesem Programm ausgespart – einzelne Lieder aus ihrem Zusammenhang zu reißen, wäre den Musikern schlicht unangemessen erschienen. Wilhelm Müller, der Textdichter beider Zyklen, ist indirekt dennoch vertreten mit dem ­Gedicht Die Meere, das Johannes Brahms als Duett für Sopran, Alt und Klavier im Barcarolen-Rhythmus komponiert hat. Es erklingt hier allerdings als reines Instrumentalstück. Auch Gustav Mahler darf nicht fehlen, nicht zuletzt aufgrund eines starken persönlichen Bezugs, wie Schett erklärt: „Wir stammen aus dem kleinen Dorf Innerwillgraten in Osttirol, und wenn man von dort über den Berg geht, kommt man direkt nach Toblach in Südtirol, wo Mahler sein Komponierhäuschen hatte und viele Symphonien geschrieben hat.“ Drei Lieder aus Des Knaben Wunderhorn wurden von Franui zu einer kurzen Tanzsuite komprimiert. Dazu gibt es, im Winter-Kapitel, das Lied Das irdische Leben, unmittelbar nach dem berührenden Text „Bettelkind“ aus Walsers Roman Geschwister Tanner: „In des Kindes Auge glänzte eine Träne, aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, dass es weinte.Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, aber es spürte nichts, spürte gar nichts, es war zu klein, um etwas zu spüren. Gott sah das Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.“ Aus all diesen verschiedenen Ingredienzien haben Franui und Nikolaus Habjan ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk komponiert, in dem die Grenzen bewusst verschwimmen: „Uns ist am Ende wichtig, dass nicht eindeutig klar wird, was arrangiert, neu komponiert, improvisiert oder 13


interpretiert ist“, sagt Schett. Das Werk soll als Ganzes für sich sprechen. Und so zeitlos das Thema des heimatlosen, vielgehassten Wanderers auch sein mag: auf konkrete aktuelle Bezüge, wie sie in unseren Tagen der großen Migrantenströme mit Händen zu greifen sind, haben die Künstler ­bewusst verzichtet. Zuschauern und Zuhörern wird es nicht schwer fallen, sie selbst zu entdecken.

Der Berliner Musikjournalist Michael Horst arbeitet als Autor und Kritiker für ­Zeitungen, Radio und Fachmagazine. Außerdem publizierte er Opernführer über Puccinis Tosca und Turandot und übersetzte Bücher von Riccardo Muti und ­Riccardo Chailly aus dem Italienischen.

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Was weilst du einsam an dem Himmel, O schöner Stern? und bist so mild; Warum entfernt das funkelnde Gewimmel Der Brüder sich von deinem Bild? „Ich bin der Liebe treuer Stern, Sie halten sich von Liebe fern.“ So solltest du zu ihnen gehen, Bist du der Liebe, zaud’re nicht! Wer möchte denn dir widerstehen? Du süßes eigensinnig Licht. „Ich säe, schaue keinen Keim, Und bleibe trauernd still daheim.“ Johann Mayrhofer, Abendstern

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Franui & Nikolaus Habjan  

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