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„Ich liege im Graben und schreibe“


„Ich liege im Graben und schreibe“ Briefe aus dem schmutzigen Krieg vor 100 Jahren von meinem Onkel Karl

Dienstag

6. November 2018 19.30 Uhr

Jürgen Flimm Sprecher Katharina Kammerloher Mezzosopran Sarah Aristidou Sopran* Corinna Scheurle Mezzosopran* Adam Kutny Bariton* Adrian Heger Klavier

Gustav Mahler (1860–1911)

Lied des Verfolgten im Turm (1898) aus Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ sarah aristidou, adam kutny Aus! Aus! aus Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit (1887–90) katharina kammerloher Robert Schumann (1810–1856)

Muttertraum op. 40 Nr. 2 (1840) corinna scheurle Der Soldat op. 40 Nr. 3 (1840) adam kutny Zwielicht op. 39 Nr. 10 (1840) katharina kammerloher


Gustav Mahler

Ablösung im Sommer aus Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit (1887–90) sarah aristidou Wo die schönen Trompeten blasen (1898) aus Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ katharina kammerloher Der Schildwache Nachtlied (1892) aus Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ corinna scheurle, adam kutny Alban Berg (1885–1935)

Schlafen, schlafen op. 2 Nr. 1 (1909/10) katharina kammerloher Eric Zeisl (1905–1959)

Schrei (1935) katharina kammerloher Gustav Mahler

In diesem Wetter (1904) aus Kindertotenlieder katharina kammerloher

Keine Pause Wir bitten, das Programm nicht durch Applaus zu unterbrechen.

* Mitglieder des von der Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung geförderten Internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden

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Als vor 100 Jahren die Schrecknisse des Ersten Weltkrieges vorbei waren und der Schlachtenlärm zur Ruhe kam, war der Fahnenjunker Karl Varges, 18 Jahre, tot. Er war kurz zuvor in diese Schlachten gezogen – zu Beginn wie in ein Feriencamp auf einer fröhlichen ­Reise. Doch in den rührenden Briefen, die er nach Hause schickte, wich dieses Bild immer mehr dem eines ­schrecklichen Albtraums. Mein Großvater, der Historiker Prof. Willi Varges, hat die Briefe meines ­Onkels Karl g­ esammelt. Ich möchte Ihnen heute abend daraus vorlesen. Jürgen Flimm

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In Stellung, den 11.10.17 4 ¾ Nachm.

Liebe Eltern, seit 3 Tagen habe ich von Euch keine Nachricht ­bekommen, aber es kann ja hier auch in Stellung nicht möglich sein. Nun habe ich gestern einen 8 Seiten langen Brief an Euch geschrieben, konnte ihn aber nicht mehr ­zukleben, da schon die Briefordonnanz wartete. Nun habe ich ihn nur eingesteckt. Schreibt, ob Ihr ihn habt. Heute hats wieder ­geregnet. Heute Nacht fror ich so, daß ich in unseren a­ nderen Stollen flüchtete und mich am Ofen wärmte und 4 Std dort auf der Treppe geschlafen. Heute bin ich in den Stollen eingezogen, da ein Mann ­abgegeben werden mußte. Heute Nacht von 7–11 ­Drahtziehen. Große Art[illerie] und Fliegertätigkeit. Eine Menge ­französischer Fesselballons stehen an der Front. Ich liege im Graben und schreibe. Gruß, Karl

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Gustav Mahler

Lied des Verfolgten im Turm Der Gefangene Die Gedanken sind frei, Wer kann sie erraten? Sie rauschen vorbei Wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, Kein Jäger sie schießen; Es bleibet dabei, Die Gedanken sind frei. Das Mädchen Im Sommer ist gut lustig sein Auf hohen wilden Heiden, Dort findet man grün Plätzelein, Mein herzverliebtes Schätzelein, Von dir mag ich nit scheiden. Der Gefangene Und sperrt man mich ein Im finstern Kerker, Dies alles sind nur Vergebliche Werke; Denn meine Gedanken Zerreißen die Schranken Und Mauern entzwei, Die Gedanken sind frei. Das Mädchen Im Sommer ist gut lustig sein Auf hohen wilden Bergen; Man ist da ewig ganz allein, Man hört da gar kein Kindergeschrei, Die Luft mag einem da werden. Der Gefangene So sei es, wie es will, Und wenn es sich schicket, Nur alles sei in der Stille; Und was mich erquicket, 8

Mein Wunsch und Begehren Niemand kann’s wehren; Es bleibet dabei, Die Gedanken sind frei. Das Mädchen Mein Schatz, du singst so fröhlich hier Wie’s Vögelein in dem Grase; Ich steh so traurig bei Kerkertür, Wär ich doch tot, wär ich bei dir, Ach, muß ich denn immer klagen? Der Gefangene Und weil du so klagst, Der Lieb ich entsage, Und ist es gewagt, So kann mich nicht plagen! So kann ich im Herzen Stets lachen, bald scherzen; Es bleibet dabei, Die Gedanken sind frei. Des Knaben Wunderhorn

Aus! Aus! „Heute marschieren wir! Juch-he, im grünen Mai! Morgen marschieren wir Zu dem hohen Tor hinaus, Zum hohen Tor hinaus! Aus!“ „Reis’st du denn schon fort? Je, je! Mein Liebster! Kommst niemals wieder heim? Je! Je! Mein Liebster?“ „Heute marschieren wir, Juch-he, im grünen Mai! Ei, du schwarzbraun’s Mägdelein, Uns’re Lieb’ ist noch nicht aus, Die Lieb’ ist noch nicht aus, aus!


Trink’ du ein Gläschen Wein Zur Gesundheit dein und mein! Siehst du diesen Strauß am Hut? Jetzo heißt’s marschieren gut! Nimm das Tüchlein aus der Tasch’, Deine Tränlein mit abwasch’!

Sie küßt ihn und herzt ihn, sie hält sich kaum. Vergessen der irdischen Schmerzen, Es schweift in die Zukunft ihr ­Hoffnungstraum. So träumen Mütter im Herzen.

Heute marschieren wir! Juch-he, im grünen Mai! Morgen marschieren wir, Juch-he, im grünen Mai!“

Der Rab indes mit der Sippschaft sein Kreischt draußen am Fenster die Weise: Dein Engel, dein Engel wird unser sein! Der Räuber dient uns zur Speise!

„Ich will in’s Kloster geh’n, Weil mein Schatz davon geht! Wo geht’s denn hin, mein Schatz? Gehst du fort, heut schon fort?

Adelbert von Chamisso (1781–1838) nach Hans Christian Andersen (1805–1875)

Und kommst nimmer wieder? Ach! Wie wird’s traurig sein Hier in dem Städtchen! Wie bald vergißt du mein! Ich! Armes Mädchen!“ „Morgen marschieren wir, Juch-he, im grünen Mai! Tröst dich, mein lieber Schatz, Im Mai blüh’n gar viel Blümelein! Die Lieb’ ist noch nicht aus! Aus! Aus!“ Des Knaben Wunderhorn

Robert Schumann

Muttertraum Die Mutter betet herzig und schaut Entzückt auf den schlummernden ­Kleinen. Er ruht in der Wiege so sanft und traut. Ein Engel muß er ihr scheinen.

Der Soldat Es geht bei gedämpfter Trommel Klang; Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang! O wär er zur Ruh und alles vorbei! Ich glaub’, es bricht mir das Herz ­entzwei. Ich hab’ in der Welt nur ihn geliebt, Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch gibt. Bei klingendem Spiele wird paradiert, Dazu bin auch ich kommandiert. Nun schaut er auf zum letztenmal In Gottes Sonne freudigen Strahl, Nun binden sie ihm die Augen zu, Dir schenke Gott die ewige Ruh! Es haben dann Neun wohl angelegt, Acht Kugeln haben vorbeigefegt; Sie zittern alle vor Jammer und Schmerz Ich aber, ich traf ihn mitten in das Herz. Adelbert von Chamisso nach Hans Christian Andersen

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Zwielicht Dämmrung will die Flügel spreiten, Schaurig rühren sich die Bäume, Wolken ziehn wie schwere Träume – Was will dieses Graun bedeuten? Hast ein Reh du lieb vor andern, Laß es nicht alleine grasen, Jäger ziehn im Wald und blasen, Stimmen hin und wieder wandern. Hast du einen Freund hienieden, Trau ihm nicht zu dieser Stunde, Freundlich wohl mit Aug’ und Munde, Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden. Was heut gehet müde unter, Hebt sich morgen neugeboren. Manches geht in Nacht verloren – Hüte dich, sei wach und munter! Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Wir warten auf Frau Nachtigall; Die wohnt im grünen Hage, Und wenn der Kuckuck zu Ende ist, Dann fängt sie an zu schlagen! Des Knaben Wunderhorn

Wo die schönen ­Trompeten blasen Wer ist denn draußen und wer klopfet an, Der mich so leise, so leise wecken kann? Das ist der Herzallerliebste dein, Steh auf und laß mich zu dir ein! Was soll ich hier nun länger stehn? Ich seh die Morgenröt aufgehn, Die Morgenröt, zwei helle Stern, Bei meinem Schatz, da wär ich gern, Bei meiner Herzallerliebsten. Das Mädchen stand auf und ließ ihn ein; Sie heißt ihn auch willkommen sein. Willkommen, lieber Knabe mein, So lang hast du gestanden!

Gustav Mahler

Ablösung im Sommer Kuckuck hat sich zu Tode gefallen An einer grünen Weiden, Kuckuck ist tot, hat sich zu Tod’ gefallen! Wer soll uns denn den Sommer lang Die Zeit und Weil vertreiben? Ei das soll tun Frau Nachtigall, Die sitzt auf grünem Zweige; Die kleine, feine Nachtigall, Die liebe, süße Nachtigall! Sie singt und springt, ist allzeit froh, Wenn andre Vögel schweigen.

Sie reicht ihm auch die schneeweiße Hand. Von ferne sang die Nachtigall, Das Mädchen fing zu weinen an. Ach, weine nicht, du Liebste mein, Auf ’s Jahr sollst du mein eigen sein. Mein Eigen sollst du werden gewiß, Wie’s keine sonst auf Erden ist. O Lieb auf grüner Erden. Ich zieh in Krieg auf grüner Heid, Die grüne Heide, die ist so weit. Allwo dort die schönen Trompeten ­blasen, Da ist mein Haus, von grünem Rasen. Des Knaben Wunderhorn

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Der Schildwache ­Nachtlied

Alban Berg

„Ich kann und mag nicht fröhlich sein, Wenn alle Leute schlafen, So muß ich wachen, Muß traurig sein.“

Schlafen, schlafen, nichts als schlafen! Kein Erwachen, keinen Traum! Jener Wehen, die mich trafen, Leisestes Erinnern kaum. Daß ich, wenn des Lebens Fülle Niederklingt in meine Ruh’, Nur noch tiefer mich verhülle, Fester zu die Augen tu’!

„Lieb’ Knabe, du mußt nicht traurig sein, Will deiner warten, Im Rosengarten, Im grünen Klee.“ „Zum grünen Klee, da geh ich nicht, Zum Waffengarten Voll Helleparten Bin ich gestellt.“ „Stehst du im Feld, so helf ’ dir Gott! An Gottes Segen Ist alles gelegen, Wer’s glauben tut.“ „Wer’s glauben tut, ist weit davon, Er ist ein König, Er ist ein Kaiser, Er führt den Krieg.“ Halt! Wer da? Rund! Bleib mir vom Leib! Wer sang es hier? Wer sang zur Stund’? Verlorne Feldwacht Sang es um Mitternacht. Mitternacht! Mitternacht! Feldwacht! Des Knaben Wunderhorn

Schlafen, schlafen

Friedrich Hebbel (1813–1863)

Eric Zeisl

Schrei Eine wilde Lokomotive Schrie in der Nacht, In den Häusern, in den Betten Sind die Menschen aufgewacht, In den Herzen, die sich hoben, Zitterte der weiße Schrei. Durch die eisgefror’ne Stille Sauste er im fahlen Flug, Roter Rauch auf seiner Stirne, Leuchtend bleich ein Leichenzug. Mit den Kolben, die sich warfen, Bohrte er sich ein mit Gier In den grenzenlosen Abgrund, Und umarmend wie ein Tier, Schrie er: „Du bist mein, du Erde, Meer und Lande, mein, du Nacht!“ In den Häusern, in den Betten Sind die Menschen aufgewacht! Walther Eidlitz (1892–1976)

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Gustav Mahler

In diesem Wetter In diesem Wetter, in diesem Braus, Nie hätt’ ich gesendet die Kinder hinaus; Man hat sie hinaus getragen, Ich durfte nichts dazu sagen. In diesem Wetter, in diesem Saus, Nie hätt’ ich gelassen die Kinder hinaus, Ich fürchtete sie erkranken; Das sind nun eitle Gedanken. In diesem Wetter, in diesem Graus, Nie hätt’ ich gelassen die Kinder hinaus; Ich sorgte, sie stürben morgen, Das ist nun nicht zu besorgen. In diesem Wetter, in diesem Braus, Nie hätt’ ich gesendet die Kinder hinaus; Man hat sie hinaus getragen, Ich durfte nichts dazu sagen. In diesem Wetter, in diesem Saus, in diesem Braus, Sie ruh’n als wie in der Mutter Haus, Von keinem Sturm erschrecket, Von Gottes Hand bedecket. Sie ruh’n wie in der Mutter Haus! Friedrich Rückert (1788–1866)

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Profile for Barenboim-Said Akademie gGmbH

In Memoriam - Briefe aus dem Ersten Weltkrieg  

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