Page 1

Š 2010 by Scuderia-Santo-Stefano.srl


AM ANFANG Immer wenn die Frau an meiner Seite ihren Platz an meiner Seite verlässt, zur Mitte des Raumes schlendert und sinnenden Blickes stehen bleibt, dann hat sie eine Idee. Meistens handelt es sich dabei um eine Idee, die ich in die Tat umsetzen soll. “Schreib doch mal was über uns”, sagte sie diesmal.

“Was soll ich denn schreiben?” “Nun, die Wahrheit, was wir so alles erlebt haben bis

heute.” “Das glaubt uns ja doch keiner!” “Wenn du es schreibst, schon”. “Du meinst, ich soll

schreiben, wir leben hier in einem wunderschönen alten Bauerngut

hoch über dem Meer zusammen mit elf

Pferden,

zwölf

Hunden,

zwei

Katzen,

einer

Schildkrötenfamilie, diversen freifliegenden Nachti-gallen, Fledermäusen und Glühwürmchen, mit freilaufenden Enten,

ungezählten

freikriechenden

Lurchen

und

anderem Getier. Ganz zu schweigen von den beiden Haushaltshilfen, dem Stallmeister, dem Schabbesgoi und seinem Sohn, dem Gärtner, ...” “Das wäre zwar die Wahrheit, aber nicht die Wirklichkeit.” “Und was wäre die Wirklichkeit?” “Die Wirklichkeit ist, daß wir Tag und Nacht arbeiten

müssen, damit wir all die Leute bezahlen können, die wir

nur deswegen eingestellt haben, damit wir etwas

weniger arbeiten müssen, um endlich hier im Süden unser Leben zu geniessen.”


“Jetzt verstehe ich: Du möchtest, daß ich all das

aufschreibe, um es anschließend an einen Verlag zu verkaufen, der uns dafür so viel bezahlt, damit wir endlich sorgenfrei leben können und weniger arbeiten müssen. Mal abgesehen von den Film- und Fernsehrechten, die uns dann endlich reich machen.” “... !”

Immer, wenn sie “...!” macht, dann weiß ich, daß sie keinen wesentlichen

Widerspruch mehr erwartet, denn sie ist die einzige Frau, die ich kenne, die “...”! mit einem Ausrufezeichen versehen kann.

Also setzte ich mich an den PC und beganndarüber nachzudenken, ob all das die logische Konsequenz dessen ist, was damals in München so normal begann. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Konsequenz ist nicht etwa eine gerade Strecke, deren Ende man bereits sehen kann,

wenn

man

noch am

Anfang steht.

Konsequenz kann sich ohne weiteres in gewundenen Linien vollziehen. So gesehen ist “all das” schon irgendwie konsequent, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als ganz am Anfang zu beginnen. Doch beim weiteren Nachdenken fällt mir auf: So normal, wie es mir im Nachhinein erscheint, war es dann auch wieder nicht. Oder doch? Ort: München


Zeit: jederzeit möglich

Szene: Zwei Menschen beginnen, sich kennenzulernen.

Problem: Sie ist ein gebranntes Kind, und ich bin

Der Mann danach Ich gebe zu, es ist ein wenig „out“, der Dame des Herzens zum Zeichen der Zuneigung eine einzelne Rose zu überreichen. Heute bringt man schon eher ein Sträußchen Wiesenblumen zum Selbertrocknen aus dem alternativen Blumenladen mit. Aber ich gebe ja auch zu, daß ich da eher ein bißchen altmodisch bin, und daß mir die rote Rose, die einzelne, ein Herzensbedürfnis ist. Und schließlich - meine Freundin ist ja doch auch in einer Zeit geprägt worden, als die rote Rose noch eine Bedeutung hatte. Also dachte ich mir nichts Schlimmes, als ich - einfach so, weil ich sie sehr lieb habe - meiner Freundin besagte Rose (einzeln) mit nach Hause brachte. Und das hätte ich lieber bleiben lassen sollen. „So! Eine Rose“, sagte sie spitz. „Da möchte ich bloß wissen, was das nun wieder zu

bedeuten hat?“ Der Abend war hin, ehe er begonnen hatte. Ich zermarterte mir das Hirn, was ich denn „nun schon


wieder“

angestellt

Erläuterungen

hatte,

bereit,

und

sie

sondern

war

zu

keinen

verbreitete

jenes

Unbehagen, das die eindeutige Botschaft aussendet: „Sei froh, daß ich überhaupt noch mit dir rede.“ Wie hätte ich denn auch wissen können, daß Claus ihr immer eine rote Rose mitbrachte, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Claus ist mein direkter Vorgänger und ein Schlitzohr. Aber irgendwann hat er wohl überzogen. Sie hatte gemerkt, daß er sie mit der Rose wiederholt hinters Licht geführt hatte, und war seither auf das „Imponiergemüse“, wie sie es nannte, schlecht zu sprechen. Und ich armes Würstchen bekam es ab - und mit mir jene meine unschuldige Rose. Aber dieser verpatzte Abend war nicht der einzige, an dem ich mir leid tat und nicht wußte, wie mir geschah. Nur weil Claus ein Schlitzohr war. Ich bin der Mann „danach“. Alles, was mein Vorgänger an meinem Mädchen verbrochen hat, das habe ich geerbt. „Schau, ich bin doch ganz anders als Claus“, höre ich mich immer wieder sagen. Aber das nützt nichts, denn sie gibt es nicht einmal zu, daß sie mich vergleicht. Da ist zum Beispiel die Sache mit der Eifersucht. Ich bin rasend eifersüchtig. Aber ehe ich das zugäbe, würde ich mich lieber von feurigen Rossen vierteilen lassen. Und so pflege ich - zur eigenen Beruhigung - den Satz zu sagen: „Ich vertraue dir. Und wenn ich Grund zur Eifersucht hätte, dann wäre ohnehin alles zu spät.“ Dabei komme ich mir natürlich ungemein edel vor. Lange Zeit habe ich nicht begriffen, daß ich sie damit bitter enttäuschte. Erst, als sie mir eines Abends - solche


Gespräche finden bei uns leider immer abends statt tränenüberströmt entgegenhielt: „Wenn du mich liebst, dann bist du auch eifersüchtig. Du bist nicht eifersüchtig, also liebst du mich nicht. Ist doch logisch!“ dämmerte mir, daß ich den Salat hatte. Ich hatte den Salat. Mangelnde Eifersucht gleich mangelnde Liebe. Verflixt nochmal.

„Vermute ich richtig,

daß Claus rasend

eifersüchtig war?“ fragte ich tastend. Sie entschloß sich zu einem Teilgeständnis: „Eifersüchtig war er schon...“ Als ich fortan, wenn auch verfrüht, wie man sehen wird, meinen eifersüchtigen Gefühlen etwas freien Lauf ließ, zog ich mir bereits wieder einen Tadel zu, und ich mußte zerknirscht einsehen, daß das nun auch wieder nicht richtig war. „Hör auf mit dieser lächerlichen, gespielten Eifersucht“,

lautete ihr strenger Verweis, als ich einmal richtig in Fahrt war. „Dieses Affentheater ist ja ekelhaft.“

Sie vermuten richtig: Claus, das Schlitzohr, hatte nämlich seine Eifersucht nur gespielt, weil er eben von Hause aus nicht mit diesem Charaktermangel behaftet war. Er spielte den rasend Eifersüchtigen, um seine rasende Verliebtheit zu beweisen. Und als diese nachließ, da ließ auch die gespielte - Eifersucht nach. Dummerweise hatte er das eines Tages im Zorn gestanden und sie damit bis auf meine Tage verletzt. Verstehen Sie jetzt mein Dilemma? Ich nicht. Ich vermute


nämlich, daß Claus, das Schlitzohr, in Wahrheit rasend eifersüchtig war und nur so tat, als ob er seine Eifersucht nur spielte, um... Aber es stimmt schon, daß ich in der letzten Zeit etwas ins Grübeln geraten bin. Nun soll man nicht glauben, wir hätten ein gespanntes Verhältnis. Im Gegenteil. Es ist nur etwas schwierig, wenn man die Fehler des Vorgängers vermeiden will und sie dann gerade macht. Schwierig ist es auch dann, wenn man sich ganz normal gibt und gerade das mißverstanden wird. Ich bin zum Beispiel ein mäßig begabter Lügner. Wenn es sein muß, dilettiere ich in dieser hohen Kunst. Im Privatleben jedoch versuche ich, nicht zu lügen. Das gelingt natürlich nicht immer, aber oft. Ich würde auch niemals einem Partner gestatten, mich zur Lüge zu zwingen, wie das so oft vorkommt - und ganz abgesehen davon finde ich es einfach bequemer, die Wahrheit zu sagen. Aber wie kann ich wissen, daß meine Freundin

in

Gedanken bei allem, was ich sage, immer das Quantum an Lüge abzieht, das sie aus ihrer früheren Beziehung gewohnt ist. Das läuft dann etwa so: „Du, heute ging mir alles schief. Ich haben den ganzen

Tag nur Mist gebaut“, sage ich etwa. Und sie: „Und wovon wirst du leben?“

Sie

hält

mein

Eingeständnis

für

eine

maßlose

Untertreibung und rechnet fest damit, daß ich fristlos entlassen worden bin. Sie könnte aber auch sagen: „Ich


weiß ein gutes Versteck bei meiner Tante Berta im Westerwald. Dort bist du erstmal sicher.“ Oder: „Wir sind geschiedene Leute. Mit einem solchen verkommenen Subjekt will ich nichts zu tun haben.“ Daß ich wieder einmal einen Fehler gemacht habe, merke ich immer daran, daß sie ohne erkennbaren Anlaß einschnappt. Wie zum Beispiel dann, wenn ich einen Witz erzähle. Das liegt nicht daran, daß sie alle meine Witze bereits kennt, oder daß ich ein todlangweiliger Witze Erzähler bin. Wenigstens liegt es nicht n u r daran. Es hat auch nichts damit zu tun, daß sie keine Witze mag. Im Gegenteil - sie hat ein ansteckendes Lachen und kann sich über einen guten Witz gar nicht beruhigen. Falls er nicht von mir erzählt wird. Claus?.... Claus! Der hat nämlich in einer Phase der abkühlenden Beziehung nur noch Witze gerissen, damit er die Probleme nicht zu konfrontieren brauchte. Vor allem hat er harte Männerwitze gerissen. Nun reiße ich keine harten

Männerwitze

-

solange

es

besseren

Gesprächsstoff und bessere Witze gibt. Aber sie hat Angst, ich könnte es tun, wenn ich einmal in Fahrt gerate. Mein Hinweis: „Selbst, wenn ich in deiner Gegenwart einen harten Männerwitz erzählen sollte, würde das nicht bedeuten, daß mit unserer Beziehung etwas nicht stimmt, höchstens, daß ich kein besonders gutes Benehmen habe“, wird von ihr gekontert. „Siehst du, es ist dir ein Bedürfnis. Ich hatte doch recht.“ Und dann weint sie, und


das Witze Erzählen findet ein natürliches Ende. Er ist, so höre ich, ein Autodidakt, der sich schwer nach oben gekämpft hat und im Grunde genau weiß, daß weder seine Bildung noch seine Manieren ganz abgerundet sind. Gebildete Frauen sind ihm unheimlich. Vor allem dann, wenn er neben ihnen etwas verblaßt. Die Folge ist, daß er mit dem, was er weiß, auftrumpft und vor allem weibliche Gesprächs-partner niedermacht. Es hat ihr sehr an mir gefallen, daß ich das nicht tue. Das ist kein besonderes Verdienst von mir. Ich bin so. Basta. Und ich sehe auch nicht ein, daß ich das, was ich weiß, besonders herausstellen soll. Und

jetzt

wirds

etwas

kompliziert.

„Du

hast

mir

verheimlicht, daß du eine abgeschlossene Ausbildung hast“, sagte sie eines Abendessens betont beiläufig. Etwas zu betont beiläufig. Ich suchte nach Ausflüchten, weil mir Unheil schwante: „Ach, die paar Semester...“ „Schweig, ich habe dein Diplom gefunden!“ herrschte sie mich an. Es war hoffnungslos. Ihre Enttäuschung war echt und tief. Das soll nun um Himmels Willen nicht so klingen, als wäre sie ein kleines Schaf. Sie ist zwar manchmal eines aber doch eher ein Lämmchen, das mich sehr rührt. Sie ist aber die meiste Zeit des Tages eine gebildete, ausgeglichene, beherrschte Frau, fast eine Dame (fast!), die mitten im Leben steht und allen Leuten imponiert. Auch mir. Claus konnte all das schlecht ertragen.

Sie hatte

gedacht, ich sei einfach ein anständiger Mann, der aus


Herzensbildung kein Chauvi ist. Daß ich nur deswegen keiner bin, weil ich es gar nicht nötig habe, war ein harter Schlag für sie. Ich bin der Mann danach - und was ich auch anstelle - es ist immer falsch, wenn ich´s genauso mache wie er es getan hat. Auch wenn ich aus einem völlig anderen Grund handle. Es ist aber auch falsch, wenn ich genau das Gegenteil tue, wenn ich dafür kein zufriedenstellendes Motiv habe. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, mit einer originalen Handlungsweise ungeteilte Bewunderung und Zustimmung zu erringen. Das war nach unserer ersten Nacht, als ich mich morgens noch ein bißchen verschlafen räkelte und mit Entzücken hörte, wie sie draußen mit dem Frühstücksgeschirr klapperte. Dieses Geräusch der Zweisamkeit hatte ich lange vermißt. Normalerweise würde ich das Frühstück selber machen. Aber ich war echt verschlafen und genoß meine Faulheit. „Schön, daß du zum Frühstück bei mir geblieben bist“, sagte sie einfach und küßte mich auf die Nase, nachdem sie das Tablett abgestellt hatte. Ich war glücklich. Erst später erfuhr ich, daß Claus verheiratet war, und in jeder Nacht, die er mit ihr verbrachte, lange vor Morgengrauen verschwand... Es ist manchmal nicht einfach, der Mann danach zu sein. Und so bemühte ich mich fortan, tiefer in die Mentalität


meiner

Freundin

einzusteigen.Tief

genug,

um

wenigestens den Fährnissen des Alltags gewachsen zu sein. Da ist zum Beispiel die Sache mit der Reputation. Sie hat es gern, wenn man von ihr denkt, daß es ihr nicht wichtig ist, was man von ihr denkt, damit man von ihr denkt, daß sie über den Dingen steht. Sogar beim einkaufen. Und so ist es mir gelungen, ihr einen Zugang zum inneren Feinkostkreis zu verschaffen. Und das will in München was heißen

Der innere Feinkostkreis

Unser Viertel hat ein Feinkostgeschäft. Das Viertel war früher mal fein. Das Feinkostgeschäft ist es immer noch. Es

ist

beileibe

Etablissements, Zweierreihen

nicht vor

parken

eines denen

und

jener die

grau

eher

lauten

Luxusautos

livrierte

in

Chauffeure

beflissen Wagenschläge aufreißen. Es gehört auch nicht zu den Geheimtips der Gourmets, die bereits ab neun Uhr morgens Champagner und Austern in einer verschwiegenen Kellerbar schlürfen. Es geht eher dezent zu. Nicht, daß es hier keine Austern und keinen Champagner gäbe! Es gibt sogar vier Sorten Kaviar und die erlesensten


Wildpasteten. Ganz abgesehen von den gepflegten und edlen Weinen. Vorausgesetzt, all die schönen Dinge sind gerade vorrätig..... Oft heißt es nämlich bedauernd: „Leider gerade ausgegangen. Aber morgen bekommen wir´s garantiert wieder frisch rein.... Wollen Sie vielleicht vorbestellen?“ Denn der feine Mann bestellt vor. Die feine Dame auch. Nur wer vorbestellt, gehört sozusagen zum inneren Kreis und wird mit Namen angesprochen. Alle übrigen sind „Laufkundschaft“. Man braucht sie nicht weiter zu beachten. So trennt unser Feinkostgeschäft die Spreu vom Weizen. „Ist dir schon einmal aufgefallen, daß hier nur Akademiker und ganz feine Leute verkehren?“ fragte meine Freundin, die es gelegentlich unvorbestellt in den Laden zieht. Vor allem

wegen

Lieblingsfarben.

der

hübschen

Aber

auch

Dekoration wegen

des

in

ihren wirklich

vorzüglichen Bündner Fleisches, von dem sie ab und zu fünfzig Gramm ergattern kann. Tatsächlich, nur ganz feine Leute! „Nehmen Sie doch für Ihre Kanapees noch etwas von der Foie Gras, Frau Doktor Häberle!“ Oder: „Ach, wissen Sie, Herr Doktor Klöbner, die Petits fours beziehen wir von der Confiserie Larousse in Lyon - die liefern täglich frisch“, sind so die Standardsätze des Personals. „Dieser Schillerwein, Herr Doktor Cornelius, kommt von den besten Lößlagen des schwäbischen Unterlandes - ganz aus der Nähe von Schillers Geburtsort, gelle.“ Solche profunden Sätze spricht natürlich der Herr Feinkost persönlich. Es gibt unter den Kunden auch


einige Professoren, einen „Herrn Professor Doktor“ und sogar

eine

„Frau

Professor“.

Die

wenigen

Nichtpromovierten, die hier verkehren, scheinen - von einigen Ausnahmen abgesehen - in der Mehrzahl immerhin Akademiker zu sein, zumindest Menschen mit Hochschulreife. Und wer noch nicht einmal Abitur hat, kann doch wenigstens einen Bindestrich im Namen vorweisen. „Ach, Frau Müller-Lüdenscheidt, da habe ich Ihnen doch noch eine Baguette reserviert. Ist leider ein wenig angestoßen.“ Strafe muß sein. Die Crème de la crème bildet natürlich der promovierte Adel. Er wird herzlich, jovial und laut begrüßt, daß alle Kunden im Laden es hören müssen: „Hallo, Frau Doktor von Tunketief. Nett, daß Sie uns mal wieder beehren!“ Etwas devoter - und mit gedämpfterer Stimme, aber doch unüberhörbar - wird der Hochadel behandelt. Selbst dann, wenn er nichtakademisch sein sollte, was offenbar häufiger vorkommt: „Meine Empfehlung an die Frau Gemahlin, verehrter Graf Stenz!“ Oder: „Liebe Prinzessin, gestern habe ich Ihren Herrn Vetter in der Oper getroffen. Nein, nicht den mit dem Antiquitätengeschäft - den Herrn Rechtsanwalt!“ Eine

Sonderklasse

bilden

die

seit

Jahrzehnten

ansässigen Ausländer, vorausgesetzt, es handelt sich um Engländer,

Franzosen

oder

zumindest

Amerikaner,

obwohl letztere nicht so gern gesehen sind, weil sie so viel fragen. Jeder bekommt ein aufmunterndes Wort in seinem Heimatidiom mit. Etwa: „Hello, Mister Goldstein, I have here what really good for you.“ Und: „Oh, Madame Lapoitrine...“

Französisch ist indes nicht direkt die

Spezialität des Hauses.


„Wie machen die Leute das bloß, daß sie jeden Kunden

mit Namen anreden?“ grübelte meine Freundin. „Jeden wohl nicht“, überlegte ich, „wir zum Beispiel haben weder Rang noch Titel - nicht einmal den kleinsten Bindestrich. Und sogar das Initial hinter meinem Vornamen habe ich als Jugendsünde abgelegt - uns läßt man folglich in Ruhe.“ „Was heißt: in Ruhe?! Auch ich möchte gefälligst wie eine Dame behandelt werden“, protestierte meine Freundin, der offenbar viel daran liegt, zum inneren Feinkostkreis zu gehören. „Stell dich doch vor, wenn`s so wichtig für dich ist“, riet

ich. „Das ist popelig. Oder glaubst du, die Frau Doktor Häberle hat gesagt: „Guten Tag, ich bin die Frau Doktor Häberle ? Nie! Dafür ist die Frau viel zu distinguiert.“ „Sie ist eben eine Dame“, gab ich zu bedenken. „Wie meinst du das?“ fragte meine Freundin. Ich zerbrach mir den Kopf, woher die Feinköstler wohl die Namen all ihrer vielen Kunden kennen könnten. Viele, so überlegte ich, scheinen wohl Ärzte, Anwälte, Notare und Apotheker aus der unmittelbaren Umgebung zu sein nebst Gattinnen, denn in Süddeutschland ist ja auch die Frau eines Doktors eine „Frau Doktor“. Doch von denen allein konnte das Unternehmen wohl nicht existieren, selbst wenn sich das ganze Personal aus hilfsbereiten und nicht sehr lohnintensiven Söhnen, Töchtern und Schwiegerkindern

von

Herrn

und

Frau

Feinkost

zusammensetzte. Dann fiel mir ein, wie meine Freundin zu ihrer Spezialbehandlung als Dame kommen könnte. Natürlich! Die Vorbestellung! Ich hatte es die ganze Zeit über gewußt.


Als sie das nächste Mal sagte: „Wir brauchen wieder Bündner Fleisch, mal sehen, wieviel ich diesmal ergattern kann“, griff ich zum Telefon, kaum daß sie das Haus in Richtung Feinkostladen verlassen hatte: „Hier ist der Haushalt von Doktor von Lewiandowski-

Ostertag“, näselte ich. „Haben Sie noch dieses köstliche Bündner Fleisch? Fein, dann reservieren Sie doch zweihundert Gramm. Die gnädige Frau wird gleich selbst vorbeikommen. Ach ja, sie ist leicht zu erkennen. Sie trägt einen dieser weißen Overalls mit Mickymaus vorn und hinten drauf. Sie wissen schon.“ „Ich versteh´ die Welt nicht mehr“, sagte meine Freundin

verwirrt, als sie von ihrem Einkauf zurückkam. „Kaum betrete ich den Laden, schon ruft mir die Chefin zu: ,Ach, Frau Doktor von Lewiandowski-Ostertag! Ihr Bündner Fleisch! Kleines Momentchen - ich bin gerade am Aufschneiden!`

Und

nötigt

mir

doch

tatsächlich

dreihundert Gramm auf... Stell dir vor, dreihundert Gramm!“ „Aber was mir nicht aus dem Kopf geht - wieso Lewiandowski-Ostertag? Und dann noch Doktor von.... So heiße ich doch gar nicht!“ „Seit heute schon, meine Liebe, seit heute schon, sagte

ich mit näselnder Butlerstimme. Nachdem sich das Problem meiner Freundin so leicht lösen ließ, frage ich mich, wie viele der feinen Leute in dem feinen Laden wohl durch den gleichen Trick geadelt und betitelt wurden...Und im Falle meiner Freundin trotzoder

womöglich

sogar

wegen

äusserer

Nonkonformismen, wie zum Beispiel ein MickmouseOutifit, mit dem sie allen möglichen Modeströmungen


standhaft trotzte. Und das schon seit geraumer Zeit:

Mickymouse - oder Snoopy ist unheimlich krank Das Mädchen, in das ich mich verliebte, besaß - unter anderem natürlich - ein winziges weißes Köfferchen. Auf diesem Köfferchen waren Minimouse und Mickymouse abgebildet, und sie trug das Köfferchen mit sichtlichem Vergnügen auch bei ziemlich offiziellen Anlässen. Als ich das Köfferchen zum ersten Mal sah, gab mir sein Anblick einen kleinen freudigen Stich. Es war wie ein Wiedersehen nach langer Zeit. Früher als Bub hatte ich alles verschlungen, was mit Mickymouse zu tun hatte. Natürlich auch mit Donald und seinen Neffen und der übrigen Verwandtschaft. „Meinst

du nicht, du seist ein bißchen groß für

Mickymouse“, fragte mich dann später meine Frau. Zuerst fragte sie es freundlich neckend. Später dann aber mit immer schärfer werdendem Unterton. Und als eines Tages

alle

Heftchen

meiner

Knabenzeit

spurlos

verschwunden waren, wagte ich nicht einmal, danach zu fragen. Vielleicht ist meine Ehe nicht gerade daran gescheitert aber irgendwie daran auch. „Magst du Mickymouse?“ fragte mich das Mädchen mit dem Köfferchen, als ich


beide einghend betrachtete. Ich will nicht sagen, daß ich mich deswegen in sie verliebte - aber irgendwie deswegen auch. Mein Nachholbedarf in Sachen Mickymouse wurde seither reichlich befriedigt. Sie besitzt nämlich nicht nur das besagte Köfferchen. Sondern auch zwei Tassen. Eine mit Micky und eine mit Mini. Und nicht nur die beiden Tassen - auch ein Telefon. Das Telefon ist ein stehender Micky, der einen Arm ausstreckt. Das ist die Gabel. Und darauf liegt der Hörer. Außer dem Köfferchen, den Tassen und dem Telefon hat sie auch noch ein T-Shirt. Vorne ist Micky von vorne drauf und hinten von hinten. Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, daß sie einen Mickymouse-Fimmel hat, sondern sie benutzt diese Gegenstände genauso selbstver-ständlich wie übrige auch.

Wie

ihre

Mickymouse-Zahnbürste,

Mickymouse-Umhängetasche,

ihre

ihre

Mickymouse-

Armbanduhr und die Mickymouse-Blechdose, die sie sogar als Geldbörse benutzt. „Du sollst nicht denken, daß ich einen Mickymouse-

Fimmel habe“, sagte sie daher, als ich all diese Gegenstände eingehend betrachtete. „Das denke ich auch gar nicht - ich mag Mickymouse“, beeilte ich mich zu bemerken. „Ich finde es niedlich“, fügte ich verstärkend hinzu. Sie war nicht ganz beruhigt. „ Du glaubst, daß ich spinne“, sagte sie skeptisch. „I wo, kein bißchen. Ich mag ...“ aber das sagte ich ja bereits. Zum Glück hatte sie ziemlich zu Beginn unserer


Freundschaft Geburtstag. Und so fiel es mir gar nicht schwer, ein sinniges Geschenk für sie zu finden. „Wo kriegt man denn alle diese Mickymouse-Dinger?“ fragte ich aus diesem Grund eine Kollegin, die ein T-Shirt trug mit einem reliefartig gestalteten Micky darauf. Wenn man dem auf die Nasenspitze drückte. dann quiekte es. „Du bist mir aber einer“, sagte sie, und es kam mir für

einen Moment vor, als ob sie errötete. Dabei hatte ich es ganz anders gemeint. Als das Mißverständnis aufgeklärt war, sagte die Kollegin lachend: „Ich bring dir morgen was mit - für deine Süße.“ Das tat sie dann auch. Es war eine allerliebste Minimouse. Besser, der Kopf von Minimouse. Ganz aus durchscheinendem

Plastik.

Obendrauf

eine

blaue

Haarschleife und innen drin eine Glühlampe. „Das ist schön krank“, sagte die Kollegin. Und ich erfuhr

bei dieser Gelegenheit, daß „krank“ für höchstes Lob in Sachen ausgeflippte Gegenstände steht, und daß die Mickymouse-Mode eben „schön krank“ ist. Man lernt immer noch was dazu. „Au Klasse, sowas hat mir gerade noch fürs Klo gefehlt“,

sagte meine Freundin, als sie die Minimouse aus dem zähen Gebilde von Geschenkpapier und Klebeband befreit hatte- ich bin ein schlechter Einpacker. Ich nahm an, daß Geschenke fürs Klo besonders krank sind und freute mich mir ihr. Mit geschärftem Blick bin ich seither durch die Stadt München gegangen. Zu meiner großen Freude entdeckte ich, daß Mickymouse - ohne, daß ich darauf geachtet hatte - einen bedeutenden Teil


der Großstadtjugend erobert hat. Was für uns damals - mein Gott, wie das klingt „damals“ die Mickymouse-Heftchen waren, das ist für die heutige Jugend - ich will sie deswegen nicht weniger literat nennen - das absolut kranke „Durchgestyl-Sein“ mit freundlich grinsenden Gestalten aus Entenhausen. Ich darf gar nicht daran denken, daß meine Eltern - und später meine Frau- das bloße Lesen von MickymouseHeften für den Beginn des absoluten Untergangs der abendländischen Kultur hielten. Ich mag Mickymouse. „Bernd Eichinger hat auch ein Mickymouse-Telefon,

widersprach meine Freundin, als ich ihr meine These von der durchgestylten Mickymouse-Jugend erläuterte. „Aha, und wer ist Bernd Eichinger?“ „Na, der Typ von der Neuen Constantine.“ „Soso“. Ich nahm an, daß Bernd Eichinger ein gebrechlicher älterer Herr sei und stellte mir vor, wie er mit schwacher Hand die Drucktasten seines Micky-Telefons bediente. Inzwischen habe ich ihn kennengelernt. Das ist ein total durchgestylter

Typ

mit

superkurzen

Haaren

und

Turnschuhen an den Füßen. Gut zehn Jahre jünger als ich. Das Phänomen hat demnach alle Altersstufen erfaßt. Und ich ertappe mich selbst, wie ich beim Bedienen unseres Mickymouse-Telefons unwillkürlich

die Stimme eine

Oktave höher schraube und auch viel schneller spreche. Genau wie Mickymouse. Für meine Notizen habe ich mir einen MickymouseSchreibblock

zugelegt.

Mein

Schreibgerät

ist

ein


entsprechend gestalteter Kugelschreiber. Übrigens bin ich froh, daß mir mein Einkommen die Erfüllung von ein paar Sonderwünschen erlaubt, denn billig ist es nicht, sich dem Trend anzuschließen. Allein die Anschaffung des dringend benötigten Telefons beläuft sich auf 475 Mark im Schatten. Rechnet man all die übrigen nicht minder dringend benötigten Utensilien dazu, so kommt man spielend auf zweitausend Mark. Spielend sage ich. So klingelte zum Beispiel jedesmal in einem der schätzungsweise drei Dutzend Münchner Geschäfte, die seinerzeit ganz vom Vertrieb von Mickymouse leben, die Kasse, wenn meine Freundin „Ui“ sagt. Ui sagte sie das letzte Mal, als sie eines Andy-WarholBildes ansichtig wurde. Es stellte -Sie haben richtig vermutet - Mickymouse dar. Nicht einmal sonderlich verfremdet. Lediglich mit einer Art Gloriole um den Kopf, die ihm vermutlich der Groß- und Einzelhandel verliehen hat zum Dank für vorzügliche Umsätze. Da es sich bei dem Warhol-Bild um ein Geschenk von mir an sie handelte - nämlich um das unabdingbare Bild über unserem Bett, werde ich an dieser Stelle den Preis nicht verraten. Mit Rahmen war er jedenfalls gesalzen. Jetzt sind auch wir total durchgestylt. Mickymousemässig. Deshalb hat mich der neuerliche Besuch in einer kranken Münchner Boutique

auch besonders hart

getroffen. Keine Spur von Mickymouse! Fast keine. Nur ein schäbiger Radiergummi und ein plastiküberkuppeltes


Micky-Mini-Hochzeitspaar, bei dem es schneite, wenn man es auf den Kopf stellte. „Micky-Klamotten?“ fragte das Mädchen an der Kasse und bekam einen grünlichen Schimmer um die Nase. „Mickymouse ist out. Ich habe drei Jahre lang jeden Tag Mickymouse verkauft. Ich kann nichts mehr sehen.“ Ich war erschüttert. Sie sah die Tränen in meinen Augen und versuchte mich zu trösten: „Nehmen Sie Snoopy. Snoopy ist unheimlich krank. Snoopy kommt.“

Da half es auch wenig, daß wir neuerdings das lebende Vorbild von Mickymouse zu Gast hatten:

Mus musculus, die gemeine Hausmaus Zum ersten Mal erblickten wir unsere ungebetene Besucherin beim Fernsehen. Sie saß auf der Lehne eines Sessels und schaute angestrengt in Richtung Bildröhre. „Was sitzt denn da Komisches auf der Sessellehne?“

fragte meine Freundin beiläufig. „Das ist eine gemeine Hausmaus, Mus musculus“, klärte ich sie auf. „Möchtest du damit im Ernst behaupten, daß sich in unserem Haus eine Maus aufhält?!“ rief sie ungeachtet ihrer Vorliebe für zweidimensionale Mickymäuse im Weglaufen von der Tür her. „Schaff sie gefälligst hinaus!“ Als hätte ich das Untier persönlich hereingebeten.


Inzwischen

hatte

sich

Mus

musculus

hinter

den

Bücherschrank verkrümelt. Von Hinausschaffen konnte keine Rede mehr sein. Und da der Fernsehabend ohnehin geplatzt war, nahm ich „Knaurs Tierreich in Farbe“ aus dem Bücherschrank, hinter dem die Maus saß, und las: „Die Hausmaus folgt dem Menschen nahezu überallhin. Sie ist einfarbig grau, wiegt 26 Gramm und mißt 20 cm bei 10 cm langem Schwanz.“ Das hatten wir gesehen. Aber das wußten wir noch nicht: „Das

Weibchen

wird

mit

zwei

bis

drei

Monaten

geschlechtsreif, es wirft nach 20 Tagen Trächtigkeit dreibis achtmal im Jahr neun Junge...“ Klarer Fall: Wir hatten die Vorhut einer Mäuseplage im Haus. „Sie fressen alles, was sich zerbeißen läßt“, hieß es weiter. Meine Manuskripte zum Beispiel. Da mußte ein Kammerjäger her. Schluß mit der Mäuseplage! Am nächsten Abend saß Mus musculus wieder auf der Sessellehne, machte Männchen, putzte sich und beäugte uns ernsthaft. „Eigentlich ist sie ja ganz niedlich“, meinte meine Freundin, die ihren Schreck vom Vorabend überwunden hatte. „Nein, sie ist nicht niedlich, sondern der Beginn einer

Mäuseplage, die meine Manuskripte vernichten wird“, widersprach ich. „Heute habe ich den Kammerjäger angerufen.

Er

kommt

morgen.“

„Was

macht

ein

Kammerjäger?“ wollte die Frau an meiner Seite wissen. „Er vernichtet Ungeziefer.“ - „Und wie, bitte schön, gedenkt er in unserem Haus Ungeziefer zu vernichten?“


Sie war hellwach und sehr mißtrauisch. Auch die Maus hatte sich wieder hinter den Bücherschrank verzogen. Vermutlich baute sie bereits an ihrem Nest oder legte ein Gängesystem an. „Er wird Gift legen.“ - „Gift!“ „Genau, Gift.“ „Dieser

entmenschte Typ wird also dieser unschuldigen Maus Gift einflößen, an dem sie qualvoll zugrunde gehen wird.“ Und in den Augen meiner Freundin konnte ich lesen: „Mörder!“ Es war klar, daß sie damit mich meinte, als Helfershelfer eines finsteren Mordgesellen. Die Maus blieb. Sie sah jeden Abend mit uns fern. Mir schien, daß sie „Tom und Jerry“ besonders schätzte, wo immer die Maus gewinnt. Aber das konnte auch Einbildung sein. „Es ist nicht nötig, daß du die Maus fütterst“, sagte ich

nach einer Woche, als ich sah, daß meine Liebste ein Schälchen Milch hinter den Sessel stellte. „Sie ernährt sich von meinen Manuskripten!“ Das tat sie wirklich. Vom Deckkblatt einer Kurzgeschichte hatte sie eine große Ecke abgefressen. Meine Freundin fand das komisch. Ich nicht. Nach einer weiteren Woche hatte sich die Maus halbwegs durch ein Interview mit Ephraim Kishon durchgefressen. Immerhin schien sie einen gewissen Sinn für Humor zu haben „Du mußt deine Sachen eben einschließen“, sagte meine

Freundin tadelnd. Von jetzt an fütterte ich die Maus selber. Aber sie verschmähte Speck und Käse. Sie bestand auf Papier. Auf Schreibmaschi-nenpapier. Auf meinen Manuskripten! Meine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt.


Zwar blieb unsere Maus Single, aber sie entwickelte einen unglaublichen Appetit auf Literatur. „Vielleicht übt sie auf diese Weise Literaturkritik“, meinte meine Freundin mit dem ihr eigenen Humor. Am nächsten Tag kaufte ich eine Falle. Eine sogenannte Schlagfalle.

„Schnell

und

schmerzlos“,

hatte

der

Verkäufer gesagt. Heimlich stellte ich sie hinter einem Stapel Manuskripten auf. Es war nicht heimlich genug. Die Dame des Hauses hatte mich beobachtet. Sie hatte sich hinter mich geschlichen. Wortlos

ließ

sie

die

Falle

mit

einem

Brieföffner

zuschnappen. Wortlos ging sie zu Bett und schloß die Tür hinter sich. Eine Woche lang sprach sie kein Wort mit mir. Eine Woche lang brachte ich kein Wort zu Papier. Indes fraß die Maus einen Zettelkasten nebst Inhalt. Das Ergebnis jahrelanger Recherchen. „Ich sehe ein, daß wir die Maus loswerden müssen“,

sagte meine Freundin, als sie wieder mit mir sprach. „Wir kaufen eine Falle, in der man Mäuse lebend fangen kann.“ Sie hatte sich bereits erkundigt. Es gab noch einen alten Fallenbauer, der humane Mäusefallen herstellte. Er lebte weit draußen vor der Stadt auf einem alternativen Bauernhof, wo er seinem human Handwerk nachging. Die Falle, handgemacht, versteht sich, hatte den Preis einer raren Antiquität. Den Köder bildete ein Gedicht von mir, das ich besonders schätzte. Natürlich hatte ich es vorher kopiert, ohne daß die Maus es bemerkt hatte. In der Nacht fraß die Maus den Köder aus der Falle nebst


der im Schreibtisch versteckten Kopie. Die Falle blieb leer. Ich bog die Stäbe des Einschlupflochs enger zusammen und versuchte es noch einmal mit Lyrik sowie mit einer kleinen Menge feinsten Champagners. In jener Nacht fraß die Maus die Lyrik, trank den Champagner und schlief an Ort und Stelle ein. Ich hoffe über dem Champagner. Jedenfalls saß sie am Morgen etwas beduselt in der Falle und blickte mich aus ihren schwarzen Knopfaugen haßerfüllt an. Ein Blick, der mich an irgend etwas erinnerte. „Sie ist einfach süß. Schau mal, wie sie sich putzt!“ sagte

meine Freundin, die alle natürliche Scheu verloren hatte, die Frauen beim Anblick von Mäusen zu empfinden haben.

Die

Maus

saß

in

ihrer

Falle

auf

dem

Frühstückstisch und wurde mit Käsekrümeln gefüttert, die sie gnädig annahm. „Hausmäuse können in der freien Natur nicht überleben. Sie sind quasi domestiziert“, dozierte mein Gegenüber. “Wir können sie aslso nicht einfach aussetzen”. Sie hatte sich inzwischen mit einschlägiger Lektüre eingedeckt und auch ein passendes Terrarium besorgt. Es stand in der Garage und mußte nur noch an die Maus übergeben werden. Inzwischen stehen Maus nebst Mausehaus im Regal. Ich schreibe ihr täglich zwei Gedichte, um sie bei Laune zu halten. Aber es passiert mir trotzdem noch, daß mir aus einem aktuellen Manuskript zum Beispiel plötzlich das letzte Blatt fehlt. Ich habe meine Freundin im Verdacht, daß sie hinter meinem Rück....


Tiere, solange sie die Größe unserer Mus Musculus haben, die wir inzwischen “Mausepaul” getauft haben, weil wir annehmen, daß es sich um einen Mauseherrn handelt, kleine Tiere, wie gesagt vermögen mich nicht zu schrecken. Anders sieht die Sache bei Lebewesen aus, die größer sind als ich selbst. So groß, wie zum Beispiel ein Untier namens “Genua”. Tiere die Namen tragen wie “Genua”, “Weltmeister”, “Abendröte” “Bettgestell” oder “Appartementhaus” sind der Kundige hat es längst erraten der Gattung Equs zuzuordnen - zu deutsch: Pferd. Pferde sind nicht nur furchterregend groß, sie sind vor allem hoch. Und ich hatte zwar schon früh begriffen, daß man von ihnen sehr leicht herunterfallen kann nicht aber, wie man erst hinaufkommt. Beide Erfahrungen standen mir unmittelbar bevor, auch wenn ich davon noch nichts ahnte...

Wie man Genua um den inneren Schenkel biegt... Von allen Sportarten interessiert mich der Reitsport wegen der erwähnten Übergröße des Sportgeräts am


zweitwenigsten. Doch aus lauter Gemeinheit hat mir das Schicksal eine Freundin beschert, die den Reitsport am zweitliebsten mag. Die erste Stelle nehme - zum Glück immer noch ich und die einzige von mir aktiv ausgeübten Sportart ein. Ein geringer Trost für mich, denn eingedenk meiner equestrischen Abneigung schlich sie sich jeden Morgen, den Gott schenkte, allein aus unserem warmen Bett und in einen weit entfernten Reitstall. Sie besaß nicht nur besagte Vorliebe, sondern auch noch ein Reitpferd namens Genua, das bewegt zu werden begehrte. Dann kam der Tag, den ich lange genug hergeschoben

hatte:

eine

persönliche

vor mir

Begegnung

zwischen dem Gaul und mir war unvermeidlich geworden. Schließlich gehörte er ja gewissermaßen zur Familie. Genua zu treffen, das bedeutete nachtschlafende Zeit, denn Pferde scheinen aus unerfindlichen Gründen nur vor dem Aufstehen ansprechbar zu sein. „ Du mußt ganz ruhig

von vorn

auf

sie zugehen und die Hand

ausstrecken“, sagte meine Freundin, „ das beruhigt sie.“ „Was heißt `beruhigt sie`?“ fragte ich zaghaft- „Ist sie denn so aufgeregt?“ „Was heißt aufgeregt“, erwiderte meine Freundin, die keine Ahnung hatte, daß mir allein der Gedanke an ein Pferd Angstschauer über den Rücken jagte, „sie ist ein Satan.“ „Aha, ein Satan“, brachte ich tonlos hervor. Der Satan wieherte schon, als wir in den Reiterhof einbogen, wo Genua in Vollpension lebte. . „Sie erkennt meinen Automotor“, erläuterte meine Freundin.


Ich habe Pferde schon immer für furchterregend groß gehalten. Genua

war das erste Pferd, das ich aus

nächster Nähe sah. Jetzt sah ich: Pferde sind nicht nur groß, sondern riesengroß. Zum Glück trat sie mich nicht gleich, dafür machte sie Anstalten, mich zu fressen. Sie begann mit meinem Hemd. „Sie bettelt“, sagte meine Freundin. „Jetzt will sie eine Mohrrübe. Wir kaufen dir ein neues Hemd.“ Seit jenem Tag trage ich ständig Mohrrüben bei mir. Nachdem Genua mich beinahe vernascht hatte, kam einer jener Typen auf mich zu, die ich schon aus Prinzip nicht leiden kann: groß, braungebrannt, weiße Zähne, wiegender Gang, kräftige Muskeln. „Aha, du bist also der Neue“, sagte er und zerquetschte mir die Hand. „Laß dich mal ansehen!“ Er ging um mich herum wie beim Pferdekauf. Jetzt erst dämmerte mir, worauf ich mich bei meinem Besuch im Pferdestall eingelassen hatte, denn der Kerl hatte jenen informierten Gesichtsausdruck aller Ausbilder der Welt: man wollte mir das Reiten beibringen! „Bißchen schlaff,“ meinte der Braungebrannte. „Übrigens:

Manfred.“ Mit ersterem meinte er mich, mit zweitem sich. Unter der Versicherung, daß wir das schon hinkriegen werden, wandte sich Manfred seinem eigenen Pferd zu und unterhielt sich mit ihm in einer mir unverständlichen Sprache. Auf meine dringende Einlassung hin blieb mir an jenem Tage immerhin die erste Reitstunde erspart. Aber ich sollte mir (aus sicherer Entfernung) den Reitbetrieb mal


anschauen. Als wir uns der Reithalle näherten, hörte ich besagten Manfred brüllen: „Das einzige, was bei dir klappt, ist der Arsch!“

Und

:

„Mensch,

laß

doch

diese

Ehestandsbewegungen!!“ Das machte mich neugierig. Sollte ich doch gleich erfahren, womit meine Freundin ihre Morgenstunden verbrachte, statt bei mir im Bett zu bleiben... Aber ich bekam nur ein armes Menschenwesen zu Gesicht, das sich krampfhaft mühte, nicht von einem Pferd herunterzufallen. Jetzt rief Manfred: „Terrab!“ Woraufhin sich das Pferd viel rascher bewegte. Der Mensch auf dem Pferd mußte sich noch den Vergleich mit dem Glöckner von Notre Dame gefallen lassen sowie die Aufforderung, gefälligst zu Hause zu pennen, ehe er, völlig gebrochen, entlassen wurde. Meine Freundin kommentierte: „Rauh, aber herzlich.“ Manfreds Ton änderte sich entscheidend, als eine kleine, aber üppige junge Dame die Arena betrat. „Nun zeig mal schön, was du hast“, forderte er sie auf. „Brust raus. Ja, so haben wir es gerne“, säuselte er. Sie schenkte ihm einen langen schmelzenden Blick und tat, was von ihr verlangt wurde. In mir begann es zu kochen. „Mit dem Kreuz mußt du arbeiten, mit dem Kreuz!“ rief

Manfred jetzt mit Emphase. Nicht, ohne hinzuzufügen: „Sonst kannst du das doch auch!“ Er schien es zu wissen. „Weißt du was“, sagte meine Freundin, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete, in einem plötzlichen Einfall: „Ich werde dich selbst unterrichten...“


Ich hatte ohnehin bereits beschlossen gehabt, in Zukunft öfter mal dabei zu sein, schon um die Dinge unter Kontrolle zu halten. Noch im Wegfahren hörte ich hinter mir Manfreds Stimme: „Mehr Druck mit dem inneren Schenkel, Herr Gott noch mal...“ Meine

Freundin

verkündete,

daß

ich

erst

einmal

eingekleidet werden müßte, und zwar bei ihrer besten Freundin Brigitte, die ein Reitsportgeschäft betreibt... Wenn ich schon Reitstiefel zu tragen hätte, so wünschte ich mir ein Paar schicke braune, wie ich sie im Schaufenster gesehen hatte. Aber meine Freundin raunte mir ins Ohr: „Um Himmels Willen, keine braunen. Sowas tragen nur Angeber und Italiener. Man trägt schwarz.“ Schwarze Reitstiefel machen mir aber Angst. Doch, was sollte ich tun, wollte ich nicht als Angeber oder Italiener dastehen.... Ein paar Grundbegriffe der Reiterei sind ja jedem klar: man zieht am linken Zügel, das Pferd geht nach links. Man zieht am rechten Zügel, das Pferd geht nach rechts. Man gibt die Sporen, das Pferd wird schneller. Man zieht an beiden Zügeln, das Pferd steht. So jedenfalls habe ich es in tausend Western-Filmen gesehen. Doch am nächsten Tag dämmerte mir dann, daß Reiten etwas anderes ist, als ich bisher gedacht hatte. Zum Beispiel zog ich am linken Zügel (als ich mit einiger Mühe endlich oben saß) - Genua blickte mich über die linke Schulter an. Ich zog am rechten Zügel, Genua blickte mich über die rechte Schulter an. Ich wollte ihr die Sporen geben - ich hatte keine. „Die gibt es erst, wenn du richtig


reiten kannst“, sagte meine Freundin. „Sporen muß man sich verdienen.“ Ich war auf der Spur der Quellen des Volksmundes. Von nun an erfuhr ich Dinge, die mir nicht in meinen kühnsten Träumen eingefallen wären. Daß es nämlich darauf ankommt, „das Pferd um den inneren Schenkel zu biegen“, daß man „am äußeren Zügel so tut, als ob man einen

Schwamm

ausdrückt“,

daß

man

„mit

den

Gesäßknochen Signale gibt“, daß man „mit dem Kreuz treibt“ und daß all das zusammen einen Dreck nützt, wenn man es nicht mit Gefühl macht. Während sie mir all das erläuterte, stand meine Freundin in der Mitte der Reitbahn. Das kleine Persönchen hatte plötzlich die Autorität von drei Feldwebeln. Sie war ein völlig anderer Mensch. Ich auch. Ich hing wie ein Häuflein Elend auf Genua, während sie mit mir - deutlich unwillig und sich ab und zu spöttisch lächelnd nach mir umsehend - im Kreise trottete. Als ich am nächsten Morgen versuchte

aufzustehen,

sank

ich

mit

einem

Schmerzenslaut wieder in mich zusammen. Mir taten sogar Körperteile weh, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte. „Das

beweist

zweierlei“, dozierte meine Freundin.

„Erstens, daß Reiten echtes Körpertraining ist, und zweitens, daß dein Körper das vermißt... “Mir dämmerte, was Manfred mit `schlaff` gemeint hatte.

Meine Fortschritte zu Pferde konnte ich am Nachlassen meiner Schmerzen ablesen. Aber jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Meine


Freundin zu sehen, wie sie Genua dazu brachte, elegant zu tänzeln, zu galoppieren, aus vollem Galopp auf der Stelle zu stehen und sogar rückwärts zu gehen, das nötigte mir Neid und Bewunderung ab. Denn schließlich tat Genua mit mir nichts dergleichen. Hätte mir meine Freundin nicht ständig versichert, was ich für gewaltige Fortschritte mache, ich hätte es nicht geglaubt. Mein Damaskus kam an dem Tag, als es mir gelang, Genua aus dem Trab mit einem Schlag zum Stehen zu bringen und ich infolgedessen zwischen ihren Ohren durch kopfüber in den Torfmull stürzte. „Siehst du“, sagte meine Freundin, indem sie mir aufhalf.

„So wird´s gemacht. Jetzt hast du es begriffen. Schade nur, daß du zum Schluß vergessen hast, oben zu bleiben.“ Ich glühte vor Stolz. „Bekomme ich jetzt Sporen?“ fragte ich. „Nein, jetzt wirst du anfangen, reiten zu lernen!“ Das war das Ende der sanften Tour. Sie hat mich geschliffen wie für eine Nahkampfausbildung und dabei geflucht wie ein Kutscher. Genua indessen hat immer seltener spöttisch gelächelt. Der zwangsweise häufige Aufenthalt unter freiem Himmel hat mich gebräunt, und das harte Training hat meinen Körper gestählt. Männliche Neulinge betrachten mich mit jenem scheelen Blick, der besagt: „Typen wie dich kann ich schon aus Prinzip nicht leiden.“ Und seltsam, während es mich in aller Herrgottsfrühe hinaus zum Pferdestall zieht, sagt meine Freundin jetzt immer häufiger: „Ach, laß uns noch eine Weile im Bett bleiben...“


Das stärkt natürlich mein Selbstbewusstsein, das im Lauf unseres bisherigen Zusammenlebens ein wenig gelitten hatte, ungeheuer.

***

Ich war jetzt soweit, unsere Beziehung auf eine ganz besondere Probe zu stellen, und ich beglückwünschte mich zu meinem genialen Gedanken. Ehe ich diesen Gedanken näher erläutere, muss ich - zum besseren Verständnis- ein wenig ausholen: Als wir uns

kennenlernten, geschah das anläßlich einer

jener vorweihnachtlichen Münchner Edel-Parties mit Käfer-Buffett, Klavierspieler, Zauberkünstler sowie der zugehörigen Partybe-setzung von Drehbuch-Autoren, Dauerfreundinnen, Prinzen,

Schönheitschirurgen,

Pornoproduzenten,

Schnorrern,

Jungstars,

Jet-Set-

Malerinnen, Regisseuren und Journalisten. Zu jener Zeit pflegte ich Einladungen dieser Art, wenn auch zögernd, so doch zu akzeptieren, zumal man als Junggeselle in München gut daran tut, über das Angebot und die Neuzugänge auf dem laufenden zu sein. Die Konkurrenz schläft nicht, beziehungsweise mit den falschen Damen. An jenem Abend wurde ich auch einer kleinen quirligen Person vorgestellt, an der mir vor allem das strahlende Lächeln auffiel, das sie mir schenkte. „Vermutlich ist sie kurzsichtig“, dachte ich dann gleich


darauf, als ich sah, daß sie eben jenes Lächeln auch anderen schenkte, die nicht halb so attraktiv sind wie ich. „Sie ist die linke und die rechte Hand des Veranstalters,

zuständig

für

Werbung

und

PR

und

im

übrigen

Teilhaberin einer Finanzierungsgesellschaft“ erfuhr ich, als ich mich diskret nach ihr erkundigte „und außerdem, laß lieber die Finger von ihr. Der bist du nicht gewachsen“... So

etwas

darf

man

mir

nicht

zweimal

sagen.

Augenblicklich schaltete ich auf Charme. Meiner SunnyBoy-Nummer hat so leicht noch keine widerstanden. Sie widerstand. Tagelang. Wochenlang. Ich heftete mich an ihre Fersen. Sie widerstand. Ich schickte Blumen - sie dankte kühl. Ich begann, schlecht zu schlafen und abzumagern. Ich war verliebt. Sie blieb freundlich. „Ich glaube, es war deine Ausdauer, die mich überzeugt

hat“, sagte sie später, als sie mir das Leben gerettet hatte, indem sie mich dann doch noch erhörte. Sie

war

mir

überlegen.

Und

so

blieb

es.

Das

verunsicherte mich. Sie hatte die Schickeria, ihren Chef und mich fest im Griff und außerdem noch ein halbes Dutzend von ihr veranstaltete Stammtische. Sie war die Tüchtigkeit in Person. Daran hatte sich in der letzten Zeit auch wenig geändert - sie dachte an alles, wusste alles, war immer und überall Herr der Situation oder müsste man besser sagen “frau der Situation?” Soweit die Vorgeschichte. Und nun zurück zu meinem genialen Gedanken:


Die Reise nach Jerusalem Mein genialer Gedanke ging also wie folgt: Hier in München hatte sie Heimvorteile. Wie wäre es, sie auf ein Terrain zu entführen, das sie verunsichern würde, und wo ich zudem die Heimvorteile auf meiner Seite hätte. Ich dachte an eben jenes ferne Land im Nahen Osten, von dem einmal ein bedeutender Humorist sagte: „Es ist so klein, daß man nicht weiß, was man am Nachmittag tun soll, nachdem man es am Vormittag besichtigt hat.“ Ein Land, in dem ich nichtsdestoweniger aus gegebenem Anlaß einen wichtigen Lebensabschnitt verbrachte und wo ich jeden Hund auf der Straße kannte. Ich dachte auch nicht an ein schickes Strand-Hotel, wo sie sofort wieder auf bekanntem Terrain wäre, sondern eher an das einfache Leben auf dem Lande, fernab jeder Zivilisation. „Das ließe sich im Prinzip einrichten“, sagte sie, als ich ihr

meine Idee unterbreitete. „Wo werden wir wohnen?“ „Mein Freund Zuri besitzt einige Wohnmobile. Eines

davon würde er uns zur Verfügung stellen. Auf diese Weise

könnten

wir

Land

und

Leute

am

besten

kennenlernen.“ „Wann wollen wir fahren?“ fragte sie. Immer tüchtig,

immer auf der Höhe der Ereignisse. Na warte!


Als erfahrene Alleinreisende bestand sie darauf, selbst zu packen. Sie tat das gründlich und ausdauernd. Sie brauchte dazu fast einen Tag.“ Schließlich werden wir einige Zeit unterwegs sein,“ meinte sie. Gespannt beobachtete ich ihre Miene, als ihr der Kontrollbeamte am Flugplatz erklärte: „Bitte, packen Sie aus“, „Alles?“ fragte sie. „Alles. Tut mir leid.“ Täusche ich mich, oder sah ich einen Anflug von Unsicherheit auf ihren Zügen?“ Offenbar

lernte

der

Kontrollbeamte

gerade

einen

Assistenten an, denn er verkündete laut, was zum Vorschein kam: „Eine Pfeffermühle, Messing“ - der Assistent

wiederholte.

“Ein

Eßbesteck

gold.“

„Ein

Eßbesteck gold“, kam das Echo. „Noch ein Eßbesteck gold“ „noch ein Eßbesteck gold.“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Ein Käsebrett - groß“ „Wie bitte?“ „Das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ protestierte meine Freundin. Zum ersten Mal vibrierte es verräterisch in ihrer Stimme. „Aha“, sagte der Kontrollbeamte, der bei Reisenden in besagtes Land einiges gewohnt ist. Nach dem Bügeleisen und der

elektrischen Saftpresse kamen noch ein

Getränkemixer,

ein

Sektkühler,

eine

beschichtete

Bratpfanne sowie eine vollständige Gewürzsammlung ans Licht - abgesehen von Dingen, die jede Frau in ihrem Koffer hat, wenn sie in die Ferien fährt. Was mich am meisten wunderte, war die stoische Ruhe und das unbewegte Gesicht des Beamten, wie er sich zum Beispiel die Funktion des Föns erläutern ließ. Mein Gesichtsausdruck

dagegen

muß

unbeschreiblich


gewesen sein. Als ich wieder Worte fand, sagte ich nur: „Eigentlich bin ich

ganz

froh,

daß

du

keine

Schneeschippe

mitgenommen hast.“ „Wie meinst du das?“ fragte sie. Ich sagte es lieber nicht. Kaum im Flugzeug, begann sie damit, eine Reihe von Hebräisch-Büchern sowie den „gedeckten Tisch“, das Standardwerk des jüdischen Brauchtums und den Talmud auszubreiten. „Wenn ich schon in ein unbekanntes Land reise, dann

möchte ich wenigstens die Grundbegriffe der Sprache und der Landes-Sitten beherrschen“, sagte sie. Die Passagiere des Flugzeugs - zumeist Heimreisende waren begeistert. Die Bücher gingen von Hand zu Hand. Meine

Freundin

war

sofort

Mittelpunkt

einer

improvisierten Unterrichts-Szene. Als die Küste Israels unter uns auftauchte, und alle Passagiere

das

Lied

„Heveinu

Shalom

Aleichem“

anstimmten, was sie an dieser Stelle immer tun, um dem Piloten Mut zur Landung zu machen, beherrschte sie bereits in Wort und Schrift Dinge wie „Diese Schuhe sind mir viel zu teuer, ich zahle die Hälfte“, sowie: „Ich lasse mir doch keinen vergammelten Fisch andrehen!“ Sie hatte die Einladungen zu sieben Grillparties, fünf Picknicks,

einer

Beschneidungsfeier

und

einer

Besteigung der Festung Massada angenommen. Zwei anwesende Rabbiner stritten sich darum, welche ihrer ebenfalls anwesenden Ehefrauen meiner Freundin nach welcher Lehre das Judentum beibringen sollte, und ein


Steinhändler bot sich an, sie zum Ehrenmitglied der Diamantenbörse von Ramat Gan zu machen. Für die überreichten Visitenkarten mußte sie von der Hostess eine zusätzliche Plastiktüte erbitten. „Nette Landsleute hast du“, sagte sie, als wir den Boden

des Heiligen Landes betraten und uns durch das Spalier der Taxifahrer schlugen, die an unserem Gepäck zerrten. „So, findest du?“ fragte ich. Die erste Runde ging an sie. Zuri mit dem Wohnmobil war bereits da. Das war weder zu übersehen noch zu überhören: Eine beflissene Polizistin muß ihn aufgefordert haben, mit dem Gefährt aus der Anfahrt zu verschwinden. Er muß ihr gesagt haben, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, zum Beispiel um ihren Mann und ihre Kinder. Daraufhin müssen sich unter den Umstehenden zwei Lager gebildet haben. Jedenfalls ging es hoch her, als wir durch unser Dazwischentreten den Streit beendeten. Alle brachen in Beifallsrufe aus. Meine Freundin dankte nach allen Seiten.

„Die Dusche solltet ihr nur im Notfall benutzen“, meinte

Zuri. Das Duschbecken hat einen Riß. Manchmal läuft das Wasser in den Wagen. Den einen Koffer klemmt ihr am besten zwischen Tisch und Kühlschrank, sonst öffnet sich während der Fahrt die Kühlschranktür, und die Sachen fallen heraus. Ach ja, und die Lüftungsklappe über der Toilette ist abgerissen. Am besten stellt ihr euch


nicht

unter

Bäume,

damit

keine

Schlangen

oder

Skorpione von oben hineinkriechen.“ „Schlangen und Skorpione“, hauchte meine Freundin „alles verstanden“. Unsere erste Station war Eilat. Die Fahrt dahin verlief ereignislos, wenn man davon absieht, daß sie unterwegs auf einer frischgepflückten Orange bestand. Die Orange war

sauer

und

ungenießbar.

Aber

eine

Gruppe

trampender Soldaten und Soldatinnen benutzte die Gelegenheit, unser Gefährt zu entern und sich sofort zum Schlafen niederzulegen. In Israel reisen die Soldaten grundsätzlich per Anhalter zu ihren Einheiten zurück, nachdem sie ihren Müttern die Schmutzwäsche zum Waschen gebracht haben. Wenigstens sangen sie nicht, was sie sonst meistens tun. In Eilat empfing uns Rafi Nelson mit offenen Armen, nachdem wir ihm die Whiskyflasche aus dem Duty Free Shop überreicht hatten. Rafi, Gott hab ihn selig, war so eine Art Alt-Hippie mit nur einem Auge. Das andere hatte er angeblich im Krieg verloren. Eingeweihte sprechen indes von einem eifersüchtigen Ehemann. Die Narbe verbarg er unter einer schwarzen Augenklappe. Deshalb hieß er Nelson. Er besass einen Strandabschnitt hart an der ägyptischen Grenze. Und weil auf Rafis Strand immer so viele Oben-OhneMädchen rumlagen, behaupteten die Ägypter, daß der Strand eigentlich ihnen gehört. Deshalb wurde eine internationale Komission eingesetzt, um den Streitfall zu schlichten. Darauf war Rafi sehr stolz. Einige Jahre später haben Shimon Peres und Jassir Arafat an genau dieser Stelle das Autonomie-Abkommen


für Palästina besiegelt. Rafi hat das nicht mehr erlebt. Er starb

trotz

der

großzügigen

Entschädigung

an

gebrochenem Herzen, als man ihm seinen Claim wegnahm. Aber zurück aus der Zukunft: Rafi bot uns gleich seine Dusche an, da unsere nicht funktionierte. Diese Dusche steckt im Sand und ist von einer Schilfmatte umgeben. Das heißt, zum Teil. Zum Meer hin ist sie offen. Man hat von hier einen schönen Blick auf ein Kanonenboot. Wäre es

nicht da, würde man von hier aus einen

schönen Blick auf das jordanische Akaba und die Berge von Edom haben. Meine Freundin wollte duschen. Als sie zurückkam, fragte sie: „Welche Funktion hat eigentlich das Kriegsschiff?“ „Die Soldaten beobachten mit starken Ferngläsern Rafis Dusche“, sagte ich. Aber sie glaubte mir nicht, obwohl es wahr ist. „Ihr könnt gern die Eier essen, die unsere streunenden

Hühner legen“, sagte Rafi. Wir fanden die Eier überall - in unserer Spüle, in unseren Betten und eines, nachdem meine Freundlin sich draufgesetzt hatte. Meist waren sie noch warm. Meine Freundin benutzte den Nachmittag dazu, das Innere des Wohnmobils einer gründlichen Reinigung und einer ebensolchen Neuorganisation zu unterziehen. Bald sah es aus wie bei uns zu Hause. Zwischendurch hatte sie sich Rafis Landrover ausgeliehen, war zum Markt gefahren Früchten,

und

hatte

sich

mit

den

Gemüsen

und

Getränken

Milchprodukten, des

Landes

eingedeckt. Zwei Beduinen-jungen halfen ihr, das Zeug ins Wohnmobil zu schleppen.


Als dann der Vollmond am grünlichen Wüsten-AbendHimmel über den Edomer Bergen aufstieg und von drüben vom Kanonenboot getragene Weisen aus rauhen Männerkehlen

herüberklangen,

gab

es

Yoghurt-

Fruchtsalate mit Sabralikör, kalte Gemüseplatte aus Auberginen, Kichererbsenmus und gemischten Salat mit viel

Knoblauch

und

Olivenöl.

Dazu

eine

Flasche

Carmelwein. „Damit du dich zuhause fühlst“, sagte sie. „Ist alles strikt

koscher.“ Auch das noch! Auch die zweite Runde war an sie gegangen. Von einer weiteren Fahrt in den Ort brachte sie nicht nur Stangeneis für unsere campierenden Nachbarn mit, denen sie zugleich die Post besorgt hatte, sondern auch eine Reihe von weißen Beduinengewändern, die sie fortan trug. „Der arabische Händler wollte sie mir eigentlich nicht

geben, weil es Männergewänder seien“, berichtete sie. „Da habe ich einen arabischen Satz gesagt, den mir die kleinen Beduinen beigebracht haben. Das hat funktioniert. Er

hat

rasch

alles

eingepackt

und

mich

hinauskomplimentiert.“ „Welchen Satz hast du denn gesagt?“ Sie sagte es mir. Ich erbleichte. „Sag das nie wieder“, bat ich sie. „Wenigstens nicht zu einem Araber.“ Seither lernt sie auch noch arabisch. Nur schwer trennten wir uns von Rafi und den streunenden Hühnern, denen sich mit der Zeit auch noch zwei streunende Ziegen, vier streunende Hunde, eine streunende Gans und ein offenbar herrenloses Kamel zugesellt hatten, die allesamt von meiner Freundin


versorgt wurden. Vor allem das Kamel hatte es ihr angetan. Sie hat ein Herz für die leidende Kreatur, und ich war froh, daß das Kamel nicht ins Wohnmobil paßte. Unbehelligt kamen wir durch die Wüste Negev voran, bis wir eine Tankstelle erreichten, die ein Tankwart mit umgehängter Uzi-Maschinen-Pistole bediente. Nachdem wir ihm alles erzählt hatten, was er wissen wollte, zum Beispiel, warum wir noch keine Kinder hätten und wie es sei, sich in einem Wohnmobil zu lieben, wieviel man verdienen müsse, um sich ein Wohnmobil leisten zu können und warum wir nicht für immer in Israel blieben, wollten wir weiterfahren. Aber der Rückwärtsgang klemmte. „Werden wir gleich haben“, sagte der Tankwart und gab meiner Freundin die Maschinenpistole zum halten. Danach begann er, das Getriebe unseres Autos auseinander zunehmen. Das dauerte bis in die Abendstunden, denn er wurde von einer Gruppe von LKW-Fahrern sachkundig beraten, die auf der Piste herangerollt waren und jetzt die Gelelgenheit zu einem improvisierten Picknick benutzten. Bald prasselte ein lustiges Feuer, in dessen Schein sie mit meiner Freundin die „Hora“ tanzten. Das ist der israelische Nationaltanz. Als der Morgen dämmerte und die Frau des Tankwarts mit einem Trecker auftauchte und das Frühstück brachte, verabschiedeten sich alle. Sie versprachen, über Funk Hilfe herbeizuholen. Es wurde rasch heiß. Meine Freundin wollte duschen. Die


Frau des Tankwarts erklärte ihr, wie das in der Wüste funktioniert: „Du gehst immer geradeaus entlang der Sandpiste. Bis zu dem Strauch dort am Horizont. Dort ragt ein Rohr aus dem Sand. Dahinter ist eine DrehHantel. Wenn du nach links drehst, fließt aus dem Rohr Wasser in ein eingegrabenes Ölfaß. Darin kannst du sogar baden.“ Und während ich mich mit einem alten Bekannten unterhielt, einem alten Beduinen, der mit fast ebenso

alten

Fernsehapparaten

handelt,

die

mit

Autobatterien betrieben werden, machte sie sich mit einem Handtuch auf den Weg. „Sie hat mir verschwiegen, daß die Wasserstelle von den

Beduinen zum Kamele-Tränken benutzt wird,“ sagte meine

Freundin,

als

sie

von

ihrem

Bade-Ausflug

zurückkam. „Kaum saß ich im Faß, tauchten sie hinter einer Düne auf. Aber wenigstens haben sie mit dem Tränken gewartet, bis ich fertig war.“ Sie war nicht zu erschüttern. Am

Nachmittag

erschien

ein

Zwilling

unseres

Wohnmobils in einer Staubwolke. Zuri, von den LKWFahrern alarmiert, hatte ihn geschickt. Nebst drei Mechanikern, die ihrerseits wieder zwei trampende Soldatinnen unterwegs aufgelesen hatten. Alle fünf begaben sich alsbald zur Kamel-Tränke, um ein Bad in der Wüste zu nehmen. Bald hörte man es juchzen. In Israel gehen die Geschlechter sehr unkompliziert miteinander um. Schließlich dienen sie gemeinsam in der Armee. Anschließend ging unseren Rettern die Arbeit umso

flotter

von

der

Hand.

Meine

Freundin

vervollkommnete indessen ihre Hebräisch-Kennnisse und lernte drei weitere Kapitel aus ihrem Lehrmaterial...


Vielen unserer zahlreichen Besucher hatte es vor allem die

Chemikalientoilette

angetan.

Alle

wollten

sie

ausprobieren, was zur Folge hatte, daß sich bei unserer Weiterfahrt

in

Richtung

Jerusalem

ein

gewisser

unangenehm-süßlicher Geruch auszubreiten begann. In der brütenden Hitze war er nicht lange zu ignorieren. „Ich glaube, unsere Toilette ist voll“, sagte ich schließlich.

„Das glaube ich auch“, meinte sie. Nach einer weiteren Weile mußten wir anhalten. Es ging beim besten Willen nicht mehr. „Wohin mit dem Zeug?“ fragte ich. „In die Wüste“, sagte sie. Gemeinsam schleppten wir das überschwappende Gerät aus dem Wagen. Gemeinsam zerrten wir es durch den Sand. Gemeinsam gossen wir es aus, während sich eine Wolke von Milliarden Fliegen über uns senkte. Vermutlich hatten sie uns schon eine Weile verfolgt. „Wir müssen uns ein Insektenspray besorgen“, sagte sie,

als wir wieder im Auto saßen. Meine Heimvorteile begannen, sich gegen mich zu wenden. Während ich mich zum Beispiel auf die Suche nach einem Spezialgeschäft für Chemikalien-ToilettenChemikalien machte (in Israel muß man dazu ein BunkerBedarfs-Magazin finden), hatte sie einen Apotheker in Arat dazu überredet, das Nötige in seinem Labor zusammenzumixen. Er bestand darauf, seine Création selbst an Ort und Stelle zum Einsatz zu bringen und brachte dazu seine Frau und seine ältliche Ladengehilfin mit. Alle drei stammten nämlich aus Berlin und waren zusammen zur Schule gegangen. Es wurde noch ein reizender deutscher


Heimatabend. Für Jerusalem hatte ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht. „Weißt du sagte ich, als wir auf dem Ölberg standen, zu unseren Füßen die Mauern, Türme und Kuppeldächer der ewigen Stadt, „am gewaltigstsen ist der Eindruck, wenn gerade die Sonne aufgeht. Dann leuchtet alles in einem goldenen Licht auf. Am besten stellen wir den Wagen dort unten zwischen die Gräber auf dem alten Friedhof. Dann sind wir bei Sonnenaufgang gleich an Ort und Stelle.“ „Wird das denn gehen?“ Sie schaute mich groß an.

„Sicher, Friedhöfe sind hierzulande sozusagen Orte der Begegnung. Deshalb werden sie auch nachts nicht verschlossen.“ Ich erzählte ihr noch (wobei ich altchristliche und neujüdische Mythologie ein wenig mixte): „An dieser Stelle begraben fromme Juden seit Tausenden von Jahren ihre Toten, damit sie an jenem Tag gleich an Ort und Stelle sind, wenn das zugemauerte Goldene Tor dort drüben rechts neben dem Tempelberg - aufgeht, der Messias hervortritt und sich alle Gräber öffnen.“ Und ich fügte hinzu: „Damit wird übrigens hierzulande stündlich gerechnet!“ „Sehr praktisch“, meinte sie. „Aber vorher müssen wir

noch etwas einkaufen. Uns ist der Wein ausgegangen, und neue Kerzen brauchen wir auch.“ Drei bärtige, schwarzgekleidete Gerechte mit langen Schläfenlocken, die gerade Steine auf die Gräber ihrer Ahnen legten, wie es Landes-Sitte ist, fanden unser


Vorhaben hochinteressant. Am liebsten hätten sie die Nacht mit uns verbracht, zögerten dann aber doch, als der Älteste von ihnen zu bedenken gab: „Und was wird sein, wenn - Gott behüte - ausgerechnet heute Nacht diese Toten - sie mögen in Frieden ruhen - vor dem Angesicht des Erhabenen - gesegnet sei sein Name erscheinen müssen?“ Da hatte er aus seiner Sicht nicht so unrecht. Außerdem mußten sie ja zum Abendgebet und zum Frühgebet in der Synagoge

von

Mea

Shearim

sein.

Unter

vielen

Segenswünschen überließen sie uns unserem Schicksal. Von allen tausend Minaretten ertönten die Lautsprecher der Muezzin, und die Nacht kroch aus dem Kidron Tal den Ölberg hoch, als die drei mit flatternden Kaftanen um die Ecke von Gezemaneh verschwanden. Wir waren allein mit den Toten. Das heißt nicht ganz, denn über unseren Köpfen stimmte eine Pilgergruppe vom Rhein das schöne Lied „Jesus meine Zuversicht“ an. Danach sangen sie noch „Ein feste Burg ist unser Gott“, während die arabischen Andenkenhändler versuchten, Kruzifixe aus Olivenholz, Rosenkränze und Kamelsättel an den Mann zu bringen. Dazu krächzte ein Esel wie eine rostige Pumpe... Noch vor Sonnenaufgang rumorte meine Freundin am Herd. Sie braute uns einen starken arabischen Kaffee, den zwei kamerabewehrte amerikanische Touristen mit uns teilten, die offenbar die Nacht in Schlafsäcken zwischen

den

Gräbern

verbracht

hatten,

um

das

Schauspiel der aufgehenden Sonne nicht zu versäumen.


Und das war es wirklich wert. Die Sonne ging so schnell auf, daß es schien, als hätte jemand das Licht angeknipst. Und die silbernen, goldenen und kupfernen Dächer leuchteten auf. „Siehst du, das Goldene Tor ist immer noch zu“, sagte meine Freundin und lächelte hintergründig. Da gab ich es auf, ihr imponieren zu wollen. Nur einmal noch - es war an den Gestaden des Sees Generareth - flackerte der letzte Rest von Hoffnung in mir auf. Sie sagte: „Weißt du was, im Wagen ist es so stickig. Wollen wir nicht auf dem Dach schlafen?“ „Du weißt, was Zuri über die Schlangen und Skorpione gesagt hat...“ „Hier ist weit und breit kein Baum, von dem sie fallen könnten“, widersprach sie. Mein letzter Rest von Hoffnung sank wieder in sich zusammen. Und so trafen wir die Vorbereitungen für die Nacht auf den geräumigen Dach. Wir hatten Wein dabei und unsere Kandelaber. Zur Sicherheit hatte ich auch noch eine Taschenlampe mitgebracht. Und einen dicken Prügel! Ganz wohl war mir nämlich nicht. Einen Tag zuvor hatte man in der Gegend Terroristen gejagt, und die syrische Grenze war gleich hinter der nächsten Hügelkette. Den Prügel dicht an mich gepreßt, schlief ich endlich ein. Ein schriller Schrei weckte mich. „Hilfe, mich hat etwas gebissen! Tu doch was! Irgendwas hat mich in die Nase gebissen!!“ „Du hast geträumt“, versuchte ich sie zu beruhigen. Aber im Schein der Taschenlampe sah ich einen winzigen Blutstropfen an ihrem linken Nasenflügel. Und ich sah noch etwas: eine kleine braune Springmaus, die sich von


unserem Lager flüchtete und elegant vom Dach hüpfte. „Es war doch nur eine Maus. Eine Wüstenspringmaus“, sagte ich. „Eine Maus - Hilfe!!!“ Den Rest der Nacht verbrachte sie (ich schwöre - es ist wahr!!) blaß und cognactrinkend im Wageninnern. Das feindliche Untier kam nicht zurück. Dafür war mein Selbstbewußtsein wiedergekehrt, und ich dankte im stillen der Zaubermaus vom See Genezareth. An dieser Stelle darf ich Ihnen nicht vorenthalten, was ich kurz nach dieser Reise in der Illustrierten “Cosmopolitan” gefunden

habe,

gelegentlich

für

filigrane

die

meine

Freundin

Betrachtungen

in

damals Sachen

Emanzipation anstellte. Nicht, daß sie etwa hemmungslos den Emanzen das Wort geredet hätte - es ging ihr wohl eher um eine Art innerer Emanzipation. Für mich jedenfalls war die Lektüre ihres Artikels nach den soeben geschilderten Ereignissen ein “Aha”-Erlebnis der besonderen Art: Es verhalf mir mehr dazu, mein Selbstbewusstsein wieder zu erlangen, als die ganze Reise nach Jerusalem. Auch, wenn es ohne besagte Reise so nicht möglich gewesen wäre. Aber lesen Sie selbst. Ich zitiere den Artikel im Wortlaut. Er trug den sinnigen Titel:

Der Härtetest oder


Eine Ziege zuwenig

Mein schlimmster Alptraum ging so: Ich stehe morgens zerzaust und verklebt vor dem Badezimmerspiegel. Da geht die Tür auf. Er kommt herein und sieht mein nacktes, ungeschminktes Gesicht. Wenn ich an diesem schrecklichen Traum in kalten Schweiß gebadet bibbernd erwachte, brauchte ich eine ganze Weile, mich zurechtzufinden. Gottlob - er lag neben mir, atmete ruhig und hatte nichts gemerkt. Nie, ich wiederhole: nie sollte er mich so sehen wie in meinem Nachtmahr. Nicht einmal, wenn wir - Gott behüte - eines Tages verheiratet sein sollten. Es gibt eben Dinge, die müssen ein Leben lang privat bleiben. So dachte ich noch, als er mir diesen hirnverbrannten Vorschlag machte: „Weißt du, wir kennen uns nun schon recht gut. Aber eigentlich kennen wir voneinander nur die Schokoladenseite...“ („Jawohl - und so soll es auch bleiben“,dachte ich ins Abseits)... „und da habe ich gedacht, ich miete für uns beide ein Wohnmobil, und wir fahren ganz einfach los. Nur wir beide, du und ich. Ganz auf uns allein gestellt. Keine Kneipengespräche, keine Restaurants, kein aufgesetztes Verhalten. Keine Tünche. Wie gesagt, nur wir beide und total aufeinander angewiesen.

Dann

werden

wir

wissen,

ob

wir

zusammenpassen.“ Panik erfaßte mich. Keine Tünche... Das war ja schlimmer als der schlimmste Alptraum. Nun und nimmer


würde ich so etwas über mich ergehen lassen! Mein Entschluß stand bereits unabänderlich fest. Trotzdem galt es, Haltung zu wahren und Zeit zu gewinnen. Und so fragte ich: „Und wohin wolltest du fahren mit diesem - diesem Mobildings?“ „Nach Israel..Wir fliegen nach Tel Aviv. Dort übernehmen

wir das Fahrzeug. Es ist schon alles arrangiert. Du brauchst bloß noch zu packen.“ Das war nun doppelt unfair. Ich konnte gar nicht mehr nein sagen: Israel, das war mein bislang unerfüllter Traum. Israel - Jerusalem. Mit ihm auf dem Ölberg stehen, ganz eng an ihn gekuschelt. Und unter uns die heilige Stadt. Das Rote Meer - wir beide braungebrannt ich in irgend etwas atemberaubend Luftigem. Tel Aviv - ein Restaurant, nein, eine Hotelterrasse hoch über der Küste. Mein Haar flatternd im sanften warmen Seewind. Ein Literaten-Café auf der Dizengoff. Kishon setzt sich an unseren Tisch und sein Freund Jossele... „Wann fahren wir?“ hörte ich mich zu meinem Entsetzen

fragen. Jetzt war alles zu spät. Einen Tag

lang

verbrachte ich mit Packen. Ich bin ein praktischer Mensch. Außer den Dingen des täglichen Lebens mußten ja auch noch die Sommerkleider und die Schminksachen mit. Vor allem die. Am Flugplatz brach der Taxifahrer beim Ausladen unter der Last des großen Koffers zusammen. Aber sein entsetzter Blick war nichts gegen den meinen, als ich erfuhr, daß ich bei der Sicherheitskontrolle alles, buchstäblich alles, auspacken mußte, was ich einen Tag


lang sorgsam verstaut hatte. „Zwei Kerzenleuchter“, sagte der Kontrollbeante laut.

„Zwei Kerzenleuchter...“ äffte sein Assistent nach. „Ein goldenes Besteck.“ „Ein goldenes Besteck...“ „Noch ein goldenes Besteck.“ „Noch ein goldenes Besteck...“ „Ein Käsebrett.“ „Ein Käseb...“ „Nein, das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ rief ich verzweifelt. Mein Freund musterte mich schweigend mit einem langen Blick. Natürlich hatte ich alles mitgenommen, was man für eine

romantische

Zweisamkeit

brauchte.

Auch

die

Kerzenleuchter. Jawoll. Ich bin eben praktisch u n d romantisch. Später, in unserem Wohnmobil sagte er dann ja auch ganz selbstverständlich „Bitte, den Eierpiekser“, oder „Wo hast du die Pfeffermühle?“ Und wenn wir auf unserem Käsebrett

im

Bett

Weingläser,

Trauben

und

Käsestückchen balancierten, dann war das eben wie zu Hause. Da machten wir das ja auch so. Unsere erste Station war Eilat am Roten Meer.

Es war

heiß. Es war staubig. Es gab nicht die geringste Spur von Schatten. Das Wohnmobil stellten wir bei Rafi Nelson ab, einem bärtigen

einäugigen

Späthippie,

der

sich

an

der

ägyptischen Grenze einen Claim im Sand abgesteckt hatte und darauf die Kunst der Geldvermehrung betrieb. Gegen die Hitze gab es im Wohnmobil auch eine Dusche, wie es überhaupt alles gab. Einen Kühlschrank, einen Herd, eine Klimaanlage, ein Chemikalien-Klo. Aber das Plastikbecken unter der Dusche hatte einen Riß. Das


Duschwasser

lief

unter

dem

Teppich

durch

Wohnraum und machte dunkle Flecken.

den

Und die

Klimaanlage... Schwamm drüber. Dafür gab es auf Rafis Gelände hinter einem Schilfzaun eine Dusche unter freiem Himmel im Sand. Und wenn einen die Mücken und das Gedudel auf Rafis Musicbox nicht störten, dann konnte man ja alle Fenster der rollenden Villa öffnen und Durchzug machen. Dabei hatte man dann freien Blick auf das Kanonenboot, das auf der Reede schaukelte und seinerseits den Blick auf die jordanische Küste versperrte. Die israelische Schiffsmannschaft hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit damit, den Strand und die hier sonnenbadenden Damen durch starke Ferngläser zu beobachten. Es war zum Heulen. Dafür tröstete uns Rafi, indem er uns anbot, morgens die Nester seiner streunenden Hühner auszunehmen - quasi als Entschädigung dafür, daß sich das Federvieh überall breit machte. Auch in unseren Betten. „Wenigstens verscheuchen sie die Skorpione“, meinte mein Freund lakonisch. Die streunenden Hunde, die streunenden Ziegen und die streunende Gans lernte ich erst später kennen, als sich alle während unserer kurzen Abwesenheit friedlich über den Inhalt unseres Kühlschranks hermachten, den ein streunender Beduinenjunge auf der Suche nach Whisky geöffnet hatte. Gleich am ersten Tag wurde mir klar, daß man in Israel grundsätzlich von guten Freunden umgeben ist. Tag und Nacht. Sie liehen sich von uns Liegestühle, Wasser,


Zigaretten, das Radio und das Schachspiel. Dafür baten sie uns, ihnen für ihre Kühlbox im nahegelegenen Eilat

Stangeneis zu besorgen und

unterwegs gleich ihre Post einzuwerfen. Und am Abend des ersten Tages dämmerte mir, daß mein Freund unsere Beziehung einem Härtetest zu unterziehen gedachte. Das machte mich wütend. Das machte mich so wütend, daß

ich

mich

aus

Trotz

ungeschminkt

und

mit

ungekämmten Haaren an den Abendbrottisch setzte. Innerlich schluchzend, denn ich hatte mir diesen ersten Abend v i e l romantischer vorgestellt. Doch als die ersten Sterne zitternd riesengroß und zum Greifen nahe über uns am grünlichen Wüstenhimmel hingen, der Mond hinter den Bergen von Edom aufging und von drüben vom Kanonenboot seltsam verhangene Weisen in Moll herüberklangen, war ich dann doch etwas versöhnlicher gestimmt. Der Carmelwein, die frischen Früchte mit Sabralikör und der warme Nachtwind taten dann noch das ihre, daß die Nacht für den Tag entschädigte. Es muß so gegen sechs Uhr früh gewesen sein, als mich schlagartig die schlagartig aufgehende Sonne weckte. Es wurde sofort heiß. Mein Süßer war schon im Wasser. Und ich - ohne auch nur einen einzigen Blick in meinen Taschenspiegel zu werfen, hüpfte aus dem Bett und rannte - so wie ich war - den Strand hinunter und hinein in die lauwarmen Fluten. Es war herrlich.


Aus unserem Wohnmobil erscholl aufgeregtes Gegacker. Als wir zurückkamen, lag ein Ei auf dem Fenstersims. Es war noch warm. Ein weiteres Ei fand sich neben Rafis Dusche im Sand. Da wir beide Eier in unserem Teewasser kochten, bekam der Tee ein gewisses ungewohntes Aroma. Und ich hatte noch immer kein Make-up aufgelegt. Ich hatte es glatt vergessen. „Später“, dachte ich, als es mir dann doch einfiel. „Vielleicht am Abend, wenn wir ausgehen!“ Dabei war mir gar nicht klar, daß mein schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden war. Meinem Freund scheint es nicht aufgefallen zu sein. Jedenfalls floh er nicht schreiend bei meinem Anblick. Doch

natürlich

sollten

sich

noch

andere

Alptraumsituationen ergeben. Solche, an die ich nicht einmal im Alptraum gedacht hätte. Zum Beispiel die: Irgendwann muß der Mensch aufs Klo. Und das bei praktisch nicht vorhandenen, weil viel zu dünnen Wänden unserer Chemikalientoilette. Soll man nun sagen: „Geh doch mal spazieren, ich müßte mal!“ Ich jedenfalls brachte das nicht. Und dann kommt der Punkt, wenn einem das alles egal ist, weil es nicht mehr anders geht. Bei solchen und vielen anderen Gelegenheiten kann sich, das weiß ich heute, die Tragbarkeit einer Beziehung erweisen: wer es fertigbringt, dem anderen auf allerengstem Raum und trotz denkbar größter Nähe, seine Würde zu erhalten, erweist sich zum Beispiel als der wertvollere Partner als


derjenige, der einem bei jeder Gelegenheit zur Hand geht oder sich übertrieben rücksichtsvoll verhält. Letzteres nervt nämlich mit der Zeit - ersteres verbindet. Doch eine einzige falsche Bemerkung zum falschen Zeitpunkt, eine einzige unsensible Reaktion des Partners kann vor allem bei großer Nähe alles kaputtmachen. Ebensowie allzu große Selbstver-ständlichkeit. Wie das funktioniert und wie man solche Fehler vermeidet? Keine Ahnung. Man muß es erleben, um zu wissen, ob man richtig gewählt hat. Uns jedenfalls hat der Härtetest in der israelischen Wüste Jahre des mühsamen Kennenlernens erspart - das weiß ich heute. Da war zum Beispiel die Sache mit dem erwähnten Chemikalien-Klo: Als unser Gefährt nach einigen Tagen Eilat, das eine Liebe auf den zweiten Blick wurde und daher eine dauerhafte Liebe ist, gen Norden rollte, erwies sich besagtes Utensil als übelriechend, weil voll. Und das mitten in der Wüste bei 45 Grad im nichtvorhandenen Schatten. Zunächst ignoriert man das Übel - ist ja auch kein Thema für ein verliebtes Paar. Später, wenn es unerträglich wird - was dann? „Also gut“, sagte er und hielt an. „Werde ich halt das Zeug in die Wüste kippen.“ Und ich - ich sehe mich noch heute, wie ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit ihm gemeinsam den ominösen überschwappenden Gegenstand durch den Sand zerre. Sowas verbindet. Spätabends erreichten wir eine einsame Tankstelle


irgendwo im Negev. Ohne Übergang fragte uns der Tankwart aus. Nach unserer Beziehung, ob wir schon Kinder hätten und wieviele wir uns wünschten, ob es Spaß machte, sich in solch einem rollenden Haus zu lieben und ob er sich´s mal anschauen dürfe - vor allem die Betten. Israelis sind so. Als wir endlich weiterfahren konnten, konnten wir nicht weiterfahren, denn der Rückwärtsgang klemmte. „Werden wir gleich haben“, grinste der Tankwart und

begann, das Auto zu zerlegen. Im Lauf der Nacht halfen ihm noch sieben LKW-Fahrer von der vorüberführenden Nord-Süd-Achse sowie ein Professor der Meereskunde, den es in die Wüste verschlagen hatte. Am Morgen, als die Frau des Tankwarts das Frühstück brachte, waren bereits alle in unserem Wohnmobil heimisch. Mehrfach hatte man uns aufgefordert, doch ins Bett zu gehen, man werde das schon regeln. Jetzt frühstückten wir gemeinsam. Nur schwer trennten wir uns von den LKW-Fahrern, die sich entschlossen, im Pulk nach Norden zu fahren. Sie kannten sich alle aus der Armee und wollten zu Mittag in Beerscheba sein, weil einer von ihnen ein Kind erwartete oder so etwas ähnliches. Der Gang klemmte immer noch. Später tauchte am Horizont ein Gefährt auf, das dem unsrigen zu gleichen schien. Als es näher kam, entpuppte es sich als sein Zwillingsbruder. Das Fahrzeug hielt direkt neben uns. Es entstiegen ihm drei Männer sowie zwei Soldatinnen. Schweigend machten sich die Männer ans Werk, unseren


klemmenden Gang zu reparieren. Es stellte sich heraus, daß es sich um drei Mechaniker handelte, die der Eigentümer der Wohnmobil-Vermietung geschickt

hatte.

Die

LKW-Fahrer

hatten

sie

von

unterwegs telefonisch alarmiert, denn in der Tankstelle gab es kein Telefon. Jetzt war die Eingreifftruppe mehr als zweihundert Kilometer gefahren, um uns zu helfen. Unterwegs

hatten

sie

noch

zwei

Tramperinnen

aufgelesen. Denn in Israel trampen die Soldatinnen zu ihren Einheiten. Zwischendurch hatte ich unter fachkundiger Anleitung der Tagschicht der Tankstelle gelernt, wie man in der Wüste badet: man folgt zu Fuß der Piste bis zu einer Stelle, wo ein dickes Rohr aus dem Sand ragt. Dann dreht man an einem großen Rad, woraufhin aus dem Rohr ein dicker Wasserstrahl in ein eingegrabenes Ölfaß schießt. Jetzt kann man baden. Meist sind die Beduinen so nett und warten, bis man fertig ist, ehe sie ihre Kamele tränken. Der Gebrauch von Seife scheint sie indes in Erstaunen zu versetzen. Der Beduine mit

dem

größten

Silberdolch

verhandelte

in

der

Zwischenzeit mit meinem Freund und beschrieb dabei große Kurven mit den Händen in die Luft. „Er hat gesagt, er könne nur zwei Kamele und drei Ziegen

für dich bieten“, erläuterte später mein Freund, denn du seist viel zu dünn und hättest zu kleine Brüste. Du würdest sicher nur Mädchen gebären und zur Arbeit seist du auch kaum zu gebrauchen.“ „Oh, meint er das“, hauchte ich. Dann fiel es mir ein:


„Und wieviel hast du gefordert?“ „Eine Ziege mehr“, sagte er und wich geschickt der Seifenschale aus, die ich nach ihm warf.

Von jetzt an waren wir Kumpel. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß wir miteinander durch dick und dünn gingen. Da war der Steinhagel, der uns in einem Arabernest in den besetzten Gebieten empfing, der Kühlschrank, der sich bei dieser Gelegenheit aus seiner Verankerung riß und seinen Inhalt über den Fußboden verteilte, und die Nacht im Friedhof. Die Friedhofsnacht ergab sich aus meinem eingangs erwähnten romantischen Wunsch, mit meinem Freund engumschlungen auf dem Ölberg zu stehen - zu unseren Füßen die heilige Stadt. „Am schönsten ist das Licht, wenn die Sonne aufgeht“, sagte mein Freund. „Und den schönsten Blick hat man von dem alten Friedhof aus.“ Also verbrachten wir die Nacht nebst Wohnmobil zwischen den alten Grabsteinen, eine Tat, die von einer Gruppe schläfengelockter Kaftanträger in gutturalem Jiddisch wohlwollend kommentiert wurde, während sie unser karges Nachtmahl teilten. „Man mechte nochamol jung sein“, sagte der Älteste sehnsüchtig und fast hochdeutsch, und man konnte ihm anmerken, daß es ihm schon immer ein Bedürfnis war, eine Nacht bei den Gräbern seiner Ahnen zu verbringen. Wir benutzten bei dieser Gelegenheit bereits reichlich Knoblauch. Aber nicht gegen etwaige Vampire, sondern weil wir uns an dieses landesübliche Gewürzgemüse gewöhnt hatten. Und wie das riecht, war uns mittlerweile


egal. Die anderen rochen ja ebenso... Und als wir endlich engumschlungen auf dem Ölberg standen und die Morgensonne die goldenen, silbernen und

kupfernen

aufleuchten

Dächer

ließ,

des

umgab

ewigen uns

Jerusalems gemeinsamer

Knoblauchduft. So wurden wir ein Paar. Natürlich saßen wir dann Hand in Hand hoch über der Küste von Tel Aviv auf einer Hotel-Terrasse. Beide braungebrannt. Mein Haar flatterte im sanften Seewind... Und neben mir stand der Plastikbeutel mit den auf dem Markt

erstandenen

Knoblauch,

dem

Avocados,

Wein

und

den dem

Zwiebeln, Fisch,

den

dem wir

anschließend in unserem rollenden Heim braten würden. Mein Begriff von Romantik und Zweisamkeit hat sich nämlich auf dieser Reise gründlich geändert. Er hat eher praktische Züge angenommen, alles Mondäne ist daraus gewichen. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du wissen willst, ob ein Mensch dein Freund ist, dann sollst du mit ihm tausend Meilen reisen...“ Ich möchte hinzufügen: „Wenn du ganz schnell in Erfahrung bringen willst, ob ihr zueinander paßt, dann versucht es mit unserem Härtetest.“ Wir jedenfalls haben uns seither nie mehr getrennt. Keinen einzigen Tag lang. Soweit das Zitat. Ich enthalte mich jeden Kommentars. Der geneigte Leser möge sich sein eigenes Bild machen. Und nachdem das geschehen ist, wird es ihm auch leichter fallen, die Logik im nun folgenden zu entdecken.


Ich bin gleich fertig.....

Wir sind also wieder in München. Mit zwiespältigen Gefühlen, denn einerseits lieben wir unser Haus, unseren Garten, unsere Rituale - andererseits können wir uns nach unserem Härtetest sehr gut vorstellen, zum Beispiel in Israel zu leben. Und so haben wir uns vorgenommen, mögllichst oft dorthin zurückzufahren. Bei der Gelegenheit fällt mir auf, daß ich ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und herspringe. Das liegt natürlich daran, daß die Vergangenheit Teil unserer Gegenwart ist, und daß die Gegenwart ohne diese Vergangenheit so nicht denkbar wäre. Ich bitte also die Sprach- und Stilpuristen unter meinen Lesern mit diesem Argument um Entschuldigung.

***

Das ganze Jahr über nehmen wir uns vor: Diesmal gehen wir hin. Doch meistens kommt etwas dazwischen, und so pflegen wir dann am letzten Tag der “Dult” früh aufzustehen. Wenigstens ist das unser fester Vorsatz am Vorabend des letzten Tages des Flohmarkts. In der Regel


stellen wir sogar den Wecker. Da wir die feste Absicht haben, etwa gegen neun Uhr früh aus dem Haus zu gehen, stellen wir den Wecker auf sieben. Eine Stunde rechnen wir zum Teebereiten, Teetrinken und so weiter, was in der Regel im Bett geschieht. Eine weitere Stunde rechnen wir sodann zum Duschen, anziehen und Frühstücken. Diesmal natürlich außerhalb des Bettes. Macht zwei Stunden. Somit könnten wir Punkt neun abmarschbereit sein. Aber da hat die Dult nicht mit meiner Freundin gerechnet. Nicht etwa, daß sie zu der Sorte von Frauen gehört, die nie fertig werden. Im Gegenteil: Wenn wir einmal verreisen, dann hat sie schon drei Tage vorher die Koffer gepackt und tut in der Nacht vor der Abreise kein Auge zu, weil sie ständig darüber nachgrübelt, was sie noch vergessen haben könnte. Meistens hat sie nichts vergessen. Im Gegenteil: Sie hat viel zuviel eingepackt. Am Flohmarkttag wartet aber kein Flugzeug auf uns. Nicht einmal ein Taxifahrer. Nur der Flohmarkt selber. „Ich möchte mir nur noch die Haare waschen. Das geht

auch ganz schnell“, sagt sie während des Frühstücks, ohne aufzusehen. Sie weiß aus Erfahrung, daß ich an dieser Stelle die Augen verdrehe. Und diese Art von Kritik kann

sie

schlecht

ertragen.

Es

ist

das

Unausgesprochene, was sie am meisten ärgert... Ich muß dann auch vermeiden, hörbar auszuatmen - auch das könnte als Kritik gewertet werden. Natürlich sehe ich nicht ein, daß man sich zum Flohmarkt eigens die Haare waschen muß. Und wenn schon, warum


das nicht bereits während des Duschens erledigt wurde... Vermutlich hat sie bei einem Blick in den Spiegel gesehen, daß sie „unmöglich ausschaut“, was nicht stimmt. Aber ich sage nichts, verdrehe kein Auge - und atme nicht! „Du brauchst gar nicht den Atem anzuhalten, ich weiß, was du denkst“, sagt sie dann und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „Du brauchst es nur zu sagen, wenn du keine Lust hast, zum Flohmarkt zu gehen. Dann gehe ich eben allein.“ Während sie die Haare wäscht und sie anschließend fönt, gehe ich schon mal dran und erledige eine Reihe von Briefen, die schon lange erledigt sein müßten. Meine Freundin hat langes Haar, und es dauert eine Weile, bis das trocken ist. Ich tippe gerade den letzten Brief, da taucht meine Freundin auf. Schick sieht sie aus, mit den engen Jeans und dem Blouson, richtig zünftig zum Flohmarkt. Allerdings sehe ich nicht ganz ein, warum sie das frisch gewaschene Haar unter einer Ballonmütze versteckt. „Warum versteckst du denn dein frisch gewaschenes Haar unter einer Ballonmütze?“ frage ich folglich. Aber das stellt sich als schwerer Fehler heraus. „Gefällt dir etwa die Mütze nicht? Du hast sie mir doch geschenkt“, sagt sie. Mir gefällt die Ballonmütze - es war ja nur so eine Frage. Aber meine Freundin ist schon in die oberen Räume enteilt, und ich höre sie in ihrem Schrank kramen. Sie sucht sich wohl eine andere Kopfbedeckung, denke ich und mache mich schon einmal daran, den kleinen Lackkratzer am Auto zu reparieren, denn meine Freundin hat

viele

Kopfbedeckungen,

und

es

dauert


erfahrungsgemäß eine Weile, ehe sie die für den Anlaß passende gefunden hat. Ich hätte besser den Mund gehalten. Nach der Autoreparatur mache ich mich daran, das Laub im Garten zusammenzurechen. Ich kann es nämlich nicht ausstehen, wenn ich einfach nur so rumstehe

und

warte.

Außerdem

könnte

das

als

Provokation aufgefaßt werden. Nach dem Laub-Rechen - es ist mittlerweile viertel vor elf - rufe ich nach oben: „Von mir aus können wir jetzt gehen.“ Dabei ist es wichtig, jede Ungeduld oder gar Schärfe im Ton zu vermeiden, denn das könnte sie als unausgesprochene Krititk auffassen. Und wir haben uns doch so auf den Flohmarkt gefreut. Schon deswegen, weil wir unsere Küche in diesem Jahr weiß gestaltet haben und daher wegen des Kontrastes dringend noch einige rote Gegenstände brauchen, die es eben nur auf dem Flohmarkt gibt... „Ich komme!“ flötet sie von oben, und da weiß ich, daß es

höchstens noch dafür reicht, die Fotos einzusortieren, die seit Wochen auf meinem Schreibtisch herumliegen und auf eine passende Gelegenheit warten. Während ich das tue, höre ich jemanden hinter mir mit deutlicher Betonung ausatmen. Als ich mich umdrehe, steht sie hinter mir. Sie trägt jetzt einen weißen Faltenrock, eine weiße seidene Bluse, darüber eine flauschige weiße Jacke und ganz oben ein keckes Barett. Süß sieht sie aus - aber das Kompliment bleibt mir im Hals stecken, denn sie faucht mich an: „Wenn ich eines hasse, dann ist es, einfach so dazustehen und auf jemanden zu warten. Das mit den Fotos hätte doch sicher noch Zeit gehabt. Jetzt ist es halb zwölf, und um neun


wollten wir aus dem Haus gehen...“ Da hat sie freilich recht. Ich habe keine Ahnung, wo ich in diesem Augenblick die Kraft zu keiner Erwiderung hernehme... Als wir auf dem Flohmarkt ankommen, erwartet uns geschäftiges Treiben. Männer sind dabei, Lkws zu beladen. Kisten weden geschleppt, und Kolonnen von orangegekleideten Südländern fegen den Platz. Der letzte Tag des Flohmarkts war gestern. Und so beschließen wir, statt dessen ein schickes Restaurant aufzusuchen. Denn erstens ist es jetzt Essenszeit, und zweitens

hassen

wir

es

beide,

auf

überfüllten

Flohmärkten von der großen Menschenmenge bedrängt und geschoben zu werden. „Nicht wahr, das findest du doch auch?“ sagt sie,

nachdem sie mir ihre diesbezügliche These - uns beide betreffend - auseinandergesetzt hat. Und da ich das auch finde, äußere ich, daß sie drittens in ihrer gegenwärtigen Aufmachung auch wesentlich besser ins Restaurant paßt als auf den Flohmarkt. Doch mit dieser Bemerkung muß ich wiederum nicht ganz den richtigen Ton getroffen haben, denn sie mustert mich mit seltsamem Blick von Kopf bis Fuß. Erst jetzt bemerke ich, daß an meinen Händen noch Lackspray klebt und an meinen Jeans eingetrockneter Gartenschmutz. Sie sagt nichts, doch sie nimmt einen kleinen, aber deutlichen Abstand zu mir. So, als ob wir eigentlich nicht zusammengehörten. „Ich möchte bloß wissen, was du die ganze Zeit über


gemacht hast?“ sagt sie endlich. „Während ich mich für dich schöngemacht habe, läufst du rum wie der letzte Gammler.“ Da ich mich sofort für mein ungebührliches Betragen entschuldige, ist uns noch ein sehr harmonischer Nachmittag vergönnt. Aber im nächsten Jahr gehen wir garantiert zum Flohmarkt. Schon auf den ersten des Jahres - am ersten Tag. Das haben wir uns ganz fest vorgenommen, falls an diesem Morgen nicht etwas Entscheidendes dazwischenkommt, wie zum Beispiel das Anstellungsgespräch mit einer neuen Putzfrau...

Aischa, oder die Perle des Orients

Andere Leute haben Schwierigkeiten, eine Putzfrau zu bekommen. Wir haben Aischa. Damit fingen unsere Schwierigkeiten an. Aischa

entstammt,

wie

man

leicht

dem

Namen

entnehmen kann, dem Orient, und sie ist stolze Nachfahrin eines uralten Adelsgeschlechts. Immerhin war eine

Namensvetterin

von

ihr

eine

der

Ehefrauen


Mohameds. Ersteres ließ sie durchblicken, letzteres behauptete sie. Nichtsdestoweniger ist Aischa unsere Putzfrau, obwohl sie das früher nicht nötig hatte, wie sie betonte. Harte Arbeit verrichteten in ihrem Haus die Dienstboten. Aber damals lebte sie noch im Schoß ihrer steinalten Familie. In den Augen meiner Freundin ist Aischa der Inbegriff der tapferen jungen Frau, die mit ihrer Hände Arbeit sich und die Ihren in schlechten Zeiten über Wasser hält. Eine wahre Scarlett O’Hara in dunkel. „Vom Winde verweht.“ Seit meine Freundin Aischa kennt, liest sie auch wieder Margaret Mitchell. Aber das nur nebenbei. Als ich Aischa das erste Mal begegnete, küßte sie mir die Hände und nannte mich „Herr“. Das war eine Geste. Wirklich nur eine Geste... Zwei Tage darauf begann sie, in unserem Haus zu wirken. Langsam zwar - und fast unmerklich -, dafür aber stetig veränderte sich unser Leben. Es fing damit an, daß es bei uns morgens statt meines unentbehrlichen Kaffees plötzlich Earl Grey Tee gab. „Weißt

du,

Aischa

hat

eine

englische

Erziehung

genossen. Und da gehört Tee einfach dazu. Und weil ich schon beim Teekaufen war, habe ich gleich eine Großpackung

genommen“,

erhielt

ich

auf

eine

diesbezügliche Bemerkung zur Antwort. Sehr logisch. Seither trinken wir morgens eben Tee. Hat ja auch was für sich. „Trinkt Aischa auch Alkohol?“ fragte ich ein paar Tage

später. „Ich denke, sie ist Mohammedanerin.“ Ich hatte


mich über die Anwesenheit von Grand Marnier in unserer Bar gewundert, der uns bislang immer zu teuer gewesen war. „Nur zum Tee“, sagte meine Freundin. „Und überhaupt ist sie nicht so strenggläubig. Schließlich ist sie modern erzogen und aufgewachsen.“ „Was macht eigentlich ihr Mann?“ fragte ich, um vom

Thema abzulenken und um es mir selbst unmöglich zu machen, das zu sagen, was mir auf der Zunge lag. „Der Mann ist zu Hause und paßt auf die Kinder auf.“ „Und warum geht der Mann nicht zur Arbeit und läßt die Frau auf die Kinder aufpassen?“ (Hoffentlich war das nicht schon wieder falsch!) „Weil der Mann“, belehrte mich meine

Freundin,

„in

seiner

Heimat

Schulbücher

geschrieben hat.“ Das verstand ich nicht. „Er ist eben noch sehr traditionell“, klärte sie mich auf.

„Für ihn ist es unter seiner Würde, niedere Arbeiten zu verrichten; er wäre bei seinen Landsleuten sofort unten durch. Er würde sein Gesicht verlieren.“ Daß ich daran nicht gedacht hatte! Ich zitierte deutsches Volksgut in abgewandelter Form. Ich konnte nicht anders: „Hauptsache, meine Frau arbeitet, und ich behalte mein Gesicht.“ Meine Freundin zögerte einen Augenblick und wußte nicht so recht, worüber sie beleidigt sein sollte. Dann fiel es ihr ein: „Du hast einfach Vorurteile gegen die Leute, deshalb bist du ungerecht.“ Vielleicht hatte sie sogar recht damit... Und so beschloß ich, toleranter zu sein. Ich ignorierte es einfach, daß es jetzt dreimal wöchentlich Lamm-Curry zum Abendessen gab; beziehungsweise das, was Aischa davon übriggelassen hatte. Nur einmal sagte ich: „Ich


habe den Eindruck, daß deine Putzfrau etwas sehr mollig geworden ist. Behindert sie das nicht bei der Arbeit?“ Ich hätte es lieber nicht sagen sollen. Daß sich das Innenleben unseres Gewürzschrankes immer mehr in Richtung

orientalisch

änderte,

vermochte

ich

hinzunehmen, und auch, daß Kaffee, wenn es ihn denn gab, nach Kardamom schmeckte und ziemlich dicklich war. Ich

lächelte

milde

darüber,

daß

unser

Haus

Durchgangsstation für Lollys und Kinderkleidchen wurde: Schließlich hatte Aischa ja drei Kinder. Ich konnte auch einsehen, daß Aischas Stundenlohn erhöht werden mußte, denn inzwischen war auch noch der Bruder ihres Mannes aus dem Orient eingetroffen. Und der mußte mit ernährt werden. Was mich indes ärgerte, war der leichte Schmierfilm, der sich

in

unserer

Küche

über

viele

Gegenstände

ausbreitete. Das kam von dem vielen Braten mit Öl. Da Aischa bei uns saubermachen mußte, hatte sie natürlich keine Gelegenheit, für ihre Familie zu kochen. Das erledigte sie dann bei uns und nahm das fertige Essen in Warmhaltebehältern mit. Sehr praktisch. Und vor lauter Kochen blieb dann ja auch keine Zeit mehr, die Küche zu putzen. Vielleicht waren wir auch nur falsch eingerichtet für orientalische Gerichte. „Findest du nicht, wir sollten uns eine offene Feuerstelle und einen Lehmofen für die Brotfladen zulegen?“ fragte ich daher eines Tages. Ich hatte den Eindruck, daß meine Freundin ernsthaft


darüber nachdachte und die feine Ironie in meinen Worten gar nicht registrierte. Die Veränderungen in den übrigen Räumen des Hauses vollzog

sich

schrittweise.

Zunächst

fielen

mir

die

grellbunten Sofakissen auf. „Hat Aischa für uns genäht. Ist sie nicht rührend? Sogar einen Hohlsaum hat sie gemacht!“ Einen Hohlsaum. Man denke! Die Sofakissen waren, so erfuhr ich, der Ausdruck immerwährender Dankbarkeit. Schließlich hatte meine Freundin Aischas ältester Tochter zum Geburtstag ein Mountainbike geschenkt. Mit acht Gängen. „Die Kleine war immer so traurig, weil die anderen Kinder im Kindergarten schon ein Fahrrad hatten und sie nicht.“ „Woher wußtest du das?“ „Aischa hat es mir erzählt.“ Aha. Später gesellten sich zu den Sofakissen Wandbehänge in Grellbunt. Ich wollte nicht mehr wissen, aus Dankbarkeit wofür. Ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit zum Nachdenken, denn ich mußte etwas mehr arbeiten, seit auch noch Aischas alter Vater aus dem Orient gekommen war und ihr jüngster Bruder in Amerika studieren sollte. Allein unsere Telefonrechnung mußte verdient werden. Gespräche in den Orient und nach Amerika sind nicht gerade billig. Vor allem, wenn sie stundenlang dauern. An dem Tag aber, als meine Freundin begann, eine Stunde früher aufzustehen, um sauberzumachen, „damit Aischa nicht den Eindruck hat, daß wir Schmutzfinken sind, außerdem kann sie nicht so schwer heben...“ an jenem Tag kam mir der Gedanke, mich nach einer anderen Putzfrau umzuschauen. Heimlich natürlich.


Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Neulich fand ich den Entwurf einer Anzeige auf dem Schreibtisch meiner Freundin - in ihrer eigenen Handschrift: „Gesucht! Fleißige und zuverlässige Reinemachefrau für sofort...“ „Und Aischa?“ fragte ich entgeistert, als ich es las. „Sie

hat mich gebeten, ihr Geld in Zukunft aufs Konto zu überweisen. Sie hat keine Zeit mehr, extra dafür herzukommen“, sagte meine Freundin, und ich sah, daß sie enttäuscht war. Wir hatten Aischa. Nun hatten wir die Schwierigkeit anderer Leute, eine Putzfrau zu finden. Auf die Annonce meldeten sich viele. Manche gingen gleich wieder, weil wir keinen Stellplatz für den jeweiligen PKW nachweisen konnten, andere erklärten, in unserem Hause gäbe es zuviel Arbeit, manche wollten sich versprechen lassen, daß wir nie Kinder haben würden, wieder andere fürchteten sich vor unseren drei Hunden, die mit feinem Instinkt diejenigen verbellten, von denen sie sich am wenigsten erwarten durften. Aber das war alles vor der Zeit, als wir Tamara trafen. Tamara kam, sah sich um, streichelte die Hunde und blieb. Eine andere Wahl hätte sie auch nicht gehabt: Die Hunde hätten sie unter keinen Umständen wieder weggelassen.... Aber wenn ich an Tamara denke, dann fällt mir zunächst einmal die Zeit ein, als sie einmal n I c h t da war. Es war eine Zeit der härtesten Prüfungen meines Lebens: Die folgende Episode fällt in die Zeit ihres Jahresurlaubs:


Bratbrot mit Knoblauch

„Das kannst du mit mir nicht machen, mein Lieber“, hörte

ich meine Freundin ins Telefon rufen. Erschrocken eilte ich hinzu und bekam gerade noch den Satz mit: „‘Weißt du was, wenn das so ist, dann machst du von jetzt an deinen Dreck allein!“ Dann schmiß sie den Hörer hin. Blicklosen Auges eilte sie an mir vorüber und schloß sich im Schlafzimmer ein. Wenn sie so ist, dann störe ich sie besser nicht, denn sonst bekomme ich alles ab, was eigentlich für jemand andern gedacht ist. In diesem Fall für einen Auftraggeber, für den sie schon seit vielen Jahren arbeitete und der sich wohl auch gewisse private Hoffnungen gemacht hatte, bis dann ich auftauchte. Und nun hatte sie ihm also den Krempel vor die Füße geworfen - und damit die Hälfte unseres Monatseinkommens.

Nichts

gegen

Bürgerstolz

vor

Fürstenthronen - solange sich das ganze innerhalb von Schillerdramen abspielt. Aber in unserem Fall war das doch ziemlich tollkühn. Die Schauspieler gehen zusammen einen trinken, wenn der Vorhang gefallen ist. Aber wer würde von nun an unsere Drinks bezahlen? Ich hatte mich nicht nur an die trockenen Martinis gewöhnt, sondern auch an den Zweitwagen, Stadt

die französischen Restaurants unserer

und an die ganzen Unabdingbarkeiten des

gehobenen Lebensstandards. „Macht nichts“, sagte ich deshalb großspurig zu ihr, als


sie wieder mit mir sprach, „schrauben wir eben unsere Ansprüche ein wenig zurück. Verzichten wir auf die Martinis, den Zweitwagen, die Restaurants und den ganzen Quatsch, und leben wir von meinem Einkommen. Ich werde doch wohl noch eine Frau ernähren können!“ „So, meinst du...“, sagte sie. In solchen Fällen beendet

sie ihre Sätze immer mit drei Punkten, ohne mich direkt zu beleidigen. „Wozu brauchen wir schließlich zweimal wöchentlich

eine

Putzfrau,

Staubsaugen

und

Fensterputzen übernehme ich“, fuhr ich unbeirrt for. „Einverstanden“, sagte sie, „zumal Tamara in Urlaub ist. Ich hätte dich ohnehin darum gebeten.“ An diesem Abend aßen wir zu Hause. Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich esse Bratbrot mit Knoblauch für mein Leben gern. Und es ist billig. Anschließend schwang ich fröhlich noch ein halbes Stündchen den Staubsauger. „Sparen macht Spaß“, sagte ich, als sie sich an mich kuschelte. Ausnahmsweise waren wir früh ins Bett gegangen. Schließlich war das Restaurant ausgefallen. Fensterputzen macht nicht soviel Spaß wie Staubsaugen. Man sieht hinterher immer Streifen. Egal, wieviel Mühe man sich auch gibt. Meine Freundin mußte am nächsten Morgen viel telefonieren. Deshalb waren die Eier ein wenig hart geworden. „Komisch, dabei hast du sie so lange gekocht“, sagte ich. Es sollte komisch sein: Sie schenkte mir ein halbes Lächeln. Wir besannen uns wieder auf das einfache Leben. „Wir können viel Geld sparen, wenn wir uns die Konzerte und Theaterbesuche schenken. Schließlich besitzen wir einen


ganzen Bücherschrank voller ungelesener Bücher. Und außerdem könnte ich ja wieder anfangen, Guitarrre zu spielen“, regte ich an. „Aber nur, wenn du ein zweites Stück lernst“, wandte sie milde ein. Um abzulenken, sagte ich: „Mit meiner Garderobe komme ich noch lange aus - und wenn ich so in deinen Schrank schaue, dann brauchst du auf absehbare Zeit auch nichts Neues.“ „Also schön“, sagte sie mit ungewohnter Schärfe. „Du kannst eine Frau ernähren. Du kannst sie auch unterhalten, denn du kannst ‘When the saints go marching in’ spielen. Aber kannst du sie auch kleiden...?“ Wieder diese drei Punkte. Irgend etwas mußte ich falsch gemacht haben. Ich versuchte zu erklären, wie ich das gemeint hatte, aber sie ging wortlos in die Küche. Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich liebe Bratbrot mit Knoblauch, wenn es mit frischem Brot gemacht wird. Unser Brot war noch von vorgestern. Ich begann die Hausarbeit zu rationalisieren, wie das eben nur ein Mann kann. Es ist wichtig, alle Griffe, die nun

einmal

getan

werden

müssen,

in

Gruppen

einzuteilen. Das spart viel Zeit. Wenn ich zum Beispiel ein Bier aus dem Kühlschrank hole - Martini war ja gestrichen -, dann kann ich doch gleichzeitig auch schon mal Eier herausholen, damit sie die richtige Temperatur haben, wenn man sie braucht. Nur darf man nicht vergessen, daß man sie in die Schürzentasche gesteckt hat, wenn man die Schürze ihrerseits in die Waschmaschine steckt. Aber mit einiger Übung bekommt man das schon hin.


Und daß man beim Einholen viel Geld spart, wenn man große Mengen von den Dingen kauft, die man ohnehin täglich braucht, versteht sich ja von selbst. Aber irgend etwas muß mit meinen Berechnungen nicht gestimmt haben. Jedenfalls gaben wir für die Dinge des täglichen Bedarfs auf diese Weise wesentlich mehr Geld aus, als wenn wir, wie früher, ins Restaurant gegangen wären. Am Abend dieses und einiger weiterer Tage gab es abwechselnd Bratbrot mit Thunfisch und Bratbrot mit Knoblauch. Ich traute mich nicht mehr unter die Leute. Zur Krise kam es, als unser Erstwagen, der mit dem inzwischen abgemeldeten Zweitwagen die Garage teilte, nicht mehr mitmachte und in die Werkstatt mußte. Jetzt waren wir endgültig auf das Niveau von Fußgängern reduziert. Vorbei war es mit den rationellen Einkaufsfahrten. Alles mußte

einzeln

herangeschafft

werden.

Auch

die

Hausarbeit machte längst nicht mehr soviel Spaß wie zu Beginn unserer Sparmaßnahmen, und allein der Klang des Wortes Knoblauch war mir inzwischen zuwider. Ich fühlte mich auch als Mensch reduziert bei der Erkenntnis, daß mein Einkommen allein hinten und vorn nicht ausreichte. Doch von dieser Erkenntnis zu dem Satz, „Liebling, ich sehe es ein, ohne dich geht es nicht“, war noch ein langer, mühsamer Weg. Ich hätte nie gedacht, daß es so schwer ist, vom eigenen hohen Roß herunterzusteigen. „Gut, daß du es einsiehst“, sagte sie, als ich mich endlich

zu besagtem Satz durchgerungen hatte. „Und übrigens,


du kannst deine Schürze wieder an den Nagel hängen. Morgen kommt Tamara zurück...“ „Ja, können wir uns das denn leisten?“ fragte ich zaghaft.

„Wir können! Ich habe einen neuen Auftraggeber“, sagte sie. Wir haben seitdem übrigens große Teile unseres Sparprogramms beibehalten. Tamara hat uns an ihrem ersten Tag mit einer heimischen Spezialität überrascht: Bratbrot mit Knoblauch. Jetzt, wo wir es uns leisten können, macht Sparen wieder Spaß. Und es muß ja wirklich nicht immer Kaviar sein.

“Und das was wir sparen, könnten wir jedenfalls sinnvoll

anlegen”, sagt meine Freundin, die zum Sparen eine ganz besondere Beziehung hat, wie wir noch sehen werden. “Zum Beispiel sollten wir dem Zeitgeist folgen und uns endlich modernisieren. Du zum Beispiel hämmerst immer noch auf dieser nervtötend lauten alten Schreibmaschine herum.” Wenn sie mich so anspricht, meint sie in der Regel sich selbst, und da sie in diesem Zusammenhang den Zeitgeist zitierte schwante mir Unheil.


Sollte indes jemand auf den Gedanken kommen, bei uns herrsche im Grunde nichts als eitel Harmonie, den muss ich enttäuschen: Harmonie ist zwar so etwas wie ein gemeinsamer

Akkord,

oder

besser,

wie

eine

Begleitmelodie, die durch unser Leben zieht, aber es gibt durchaus auch dunkle Stunden. Stunden des Zweifels. Dann nämlich, wenn sie Dinge auf unser Privatleben anwendet, die darin absolut nichts zu suchen haben. Das war zum Beispiel so, als sie das werbekundliche Seminar absolviert hatte, das sie in ihrem Beruf weiterbringen sollte: Sie wandte das eben Erlernte auf mich an:

Juh-Es-Pieh

„Was dir fehlt, ist ein Juh-Es-Pie“, sagte meine Freundin,

als ich ihr zu erklären versuchte, daß ich am nächsten Tag eine dringende Dienstreise anzutreten hätte. Und sie fuhr fort: „Wenn du den nämlich hättest, dann würden die Leute zu dir kommen und um einen Termin mit dir bitten, satt umgekehrt.“ „Aha“, sagte ich, „und wo kriegt man so was?“ „Das kriegt

man nicht, das hat man“, sagte sie. - „Und mir geht dieser, dieser Pie also ab.“ - „Juh-Es-Pie heißt das. Das ist englisch.“ - „Klar“, sagte ich und bemühte mich, die Bildungslücke hinter einem Scherz zu verbergen und bei dieser Gelegenheit Näheres zu erfahren. Das ist ein alter Trick von mir.


Deshalb fragte ich: „Sicher ist so ein Ding nicht gerade billig. Was müßte ich also anlegen, wenn ichso einen Juh-Es-Pie erwerben wollte?“ „Ich fürchte, bei dir ist es hoffnungslos“, sagte sie traurig.

“Nichts zu machen.” Was so ein Seminar alles anrichten kann! Seither gehen ihr zum Beispiel Worte wie „Point of Sales“ oder „Rackjobbing“ glatt über die Lippen. Sie sagt auch schon mal ganz unvermittelt Dinge wie „warenbezogene Leistungsatmosphäre

in

der

Eingangszone“,

und

neuerdings weiß ich auch, daß die „Griffzone“ bei achtzig Zentimeter über der Erde liegt. Nicht, was Sie jetzt denken. Es geht um den „Frischdienst“ - richtig. Und deshalb liegt die „Blickzone“ auch 160 bis 170 Zentimeter über der Erde. Das war mir alles inzwischen klargeworden. Auch, daß es darauf ankommt, „im Zeitgeist zu operieren“. Nur „Juh-Es-Pie“ - das ging mir nicht ein, trotz all meiner „Medienorientiertheit“. Dabei scheint das vermaledeite Ding inzwischen zum Allgemeingut geworden zu sein von mir selbst mal abgesehen. Das merkte ich, als ich am nächsten Tag das neuerworbene, wenn auch nicht definierte

Wort

versuchsweise

während

eines

Arbeitsessens auf eben jener Dienstreise fallenließ. „Was uns fehlt, ist einfach ein Juh-Es-Pie“, bemerkte ich

kauend, um so eine womöglich unkorrekte Aussprache zu kaschieren. „Genau“, sagte einer aus der Runde, „genau! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Was sage ich die ganze Zeit, Huber - uns fehlt der Juh-Es-Pie!


Sagte ich das nicht?“ Wieder nichts. Immerhin hatte ich soviel begriffen: Man kann das Wort ungestraft in eine Debatte werfen - auch im Sinne einer konstruktiven Selbstkritik.

Bei der

nächsten Gelegenheit ging ich noch einen Schritt weiter: Ich verwendete den Begriff positiv. Als die Leistung eines Kollegen herausgestellt wurde, warf ich ein: „Kein Wunder, bei seinem Juh-Es-Pie!“ - „Wirklich?“ fragte der Gelobte, „finden Sie?“ und errötete dabei. Später hörte ich ihn sagen: „Fabelhafter Mann, dieser Stern.“ Da jeder außer mir mit dem Begriff etwas anfangen zu können

schien,

griff

ich

zu

Cassell`s

englischem

Wörterbuch, um der Sache endlich auf den Grund zu gehen. Der Cassell`s ist anerkannt und sehr dick. Er enthält auch Amerikanismen und Redensarten. Dennoch schaffte ich die Entschlüsselung nicht. Zwar gelang mir mit Cassell`s Hilfe die Konstruktion eines amerikanischen Slang-Satzes, der aber so recht keinen Sinn ergeben wollte, es sei denn einen leicht abszönen: „You ass pee!“ - Das konnte es also nicht sein. Da besagter Begriff offensichtlich die Umschreibung für etwas Erstrebenswertes zu sein schien, begann ich zu bedauern, damit nicht ausgestattet zu sein, jedenfalls laut Aussage meiner Freundin, soweit meine Freundin in Sachen Juh-Es-Pie überhaupt kompetent zu nennen war. Und das sagte ich ihr auch nach meiner Rückkehr von erwähnter Dienstreise glatt ins Gesicht: „Ich muß dir nach meinen neuesten Erkenntnissen sagen, daß ich dich in Sachen Juh-Es-Pie einfach nicht für kompetent halte“,


warf ich ihr hin. „Ich weiß nämlich jetzt genau, auf welcher Schiene und mit welchem Schrittmaß ich in die nächste Runde gehe. Ich habe meine Zielgruppe klar aufgefaßt und fürchte mich auch nicht mehr vor Streuverlusten!“ Das hatte gesessen. Sie bekam wässrige Augen und eine rote Nase, und ich fühlte mich wie ein Rohling, wie immer, wenn sie meinetwegen weint. „Du kannst dich auf den Kopf stellen - das bringt dir noch lange keinen Juh-EsPie!“ sagte sie, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte. Die halbe Nacht lag ich wach und grübelte. Ein Juh-EsPie mußte her - koste es, was es wolle. Diese Sorge schien ich übrigens noch mit anderen Leuten zu teilen. Der Chef einer aufstrebenden Werbeagentur lud mich nämlich zu einer internen Besprechung im kleinen Kreis ein und sprach mich folgendermaßen an: „Stern, bitte behandeln Sie dieses Gespräch vertraulich. Wir haben Sie hergebeten, weil wir Sie Ihrer ausgefallenen Einfälle wegen schätzen... Nehmen Sie das ruhig als Kompliment. Wir sind nämlich auf der Suche nach einem Juh-Es-Pie, sonst

schnappt

uns

die

Konkurrenz

noch

mehr

Marktanteile weg. Was fällt Ihnen dazu ein?“ Ausgerechnet mir! „Aha!“ sagte ich. Und dann ging ich aufs Ganze: „Sie sind also auf der Suche nach einem neuen und besseren Image...“ - „Menschenskind - es geht nicht ums Image, davon haben wir genug. Nein! Um den Juh-Es-Pie! Oder soll ich`s Ihnen buchstabieren?“ „O ja, bitte. Ich bitte Sie darum“, sagte ich wider Willen flehentlich. Er schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Dann verklärte sich sein Gesicht: „Ich wußte es doch, Stern. Sie sind der richtige Mann. Buchstabieren - das ist es. Klar und präzise. Ohne alle


Schnörkel. Wir nennen die Dinge beim Namen! Ohne jede Beschönigung! Die nackte Wahrheit sozusagen, die von anderen verbrämt, verdreht und geschönt wird. Das ist unsere Marschrichtung! Herr Stern, ich danke Ihnen!“ Unter

weiteren

Dankesbezeugungen

wurde

ich

hinauskomplimentiert. Allen kann ich helfen, nur mir selbst nicht, sinnierte ich vor mich hin und begab mich in meine Lieblingsbar. „Charlie“, sagte ich „bitte bringen Sie mir einen großen

Martini-Cocktail mit wenig Martini und viel Juh-Es-Pie.“ Es rutschte mir einfach so raus. Charlie zuckte nicht mit der Wimper. Er brachte mir den Cocktail - mit einer Melonenscheibe am Rand. „Charlie, bitte, was ist das?“ „ „Das...? Oh, das ist der Unique-Selling-Point. Sie hatten doch um einen U.S.P. gebeten.“ „Charlie, erzählen Sie mir mehr darüber“, flehte ich. „Was

bedeutet das?“ „Nun“, sagte Charlie, hob die Augen zur Decke und begann zu dozieren: „Dieses Kürzel steht für die Unverwechselbarkeit eines Produkts, für seine Einzigartigkeit und für augenfällige Eigenschaften, die es von anderen deutlich unterscheiden...“ „Danke, Charlie“, sagte ich bewegt. „Wo haben Sie das bloß alles her?“ „Denken Sie, ich war immer Barkeeper?“ sagte er, ohne zu lächeln. Abends im Bett ließ ich die Schuhe an. „Was in aller Welt soll das?“ fragte meine Freundin. „Das ist mein U.S.P.“, sagte ich. Erst war sie ein wenig eingeschnappt. Später konnte sie dann aber doch meiner „flächendeckenden Strategie“ und meinem übrigen „Handling“ in dieser Nacht einigen Geschmack abgewinnen.


Bis am nächsten Morgen der Schäferhund des Nachbarn uns daran erinnerte, daß ein neuer Tag begann, denn immer dann, wenn der alte Schäferhund unseres Nachbarn frühmorgens heiser und gelangweilt vor sich hinbellt, geht meine Freundin schon mal langsam zur Haustür. Sie weiß aus Erfahrung, daß innerhalb der nächsten zwei Minuten der Briefträger zweimal klingeln wird. Und da sie für ihr Leben gern Post bekommt, setzt sie dabei ihr schönstes Lächeln auf. Auch der Briefträger lächelt, und er hat auch eine Erklärung dafür, warum er morgens die Post nicht in den dafür vorgesehenen Schlitz des Hausbriefkastens steckt: „ Ihr Briefkasten ist viel zu klein.“ Kein Wunder:

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt Die aller-liebste Post meiner Freundin besteht aus Versandhauskatalogen, die sie in großer Zahl anfordert. Und dieser Flut ist der altersschwache Briefkasten nun wirklich nicht gewachsen. Deswegen, und weil es manchmal schon etwas lästig ist, schon in aller Herrgottsfrühe voll angekleidet, gekämmt und gepflegt hinter der Haustür zu lauern, beschloß meine Freundin: „ Wir brauchen einen neuen Briefkasten.“


Sie hatte auch eine genaue Vorstellung davon, wie dieser Briefkasten auszusehen hätte: „Weiß mit Gold und ziemlich groß.“ Sie nahm damals gerade ihre Weiß-GoldPhase und da war es klar, daß außer den Wasserhähnen, den

Blumenvasen,

dem

Eßbesteck,

der

Badezimmergarnitur, dem Telefon, den Tassen und Tellern natürlich auch der Hausbriefkasten ein weißgoldenes Dekor haben mußte. Zumal auch die Rosenstöcke in der Einfahrt in weiß und gold erblüht waren. „Wozu habe ich denn meine Versandhauskataloge“,

sagte meine Freundin. „ Da wird doch was passendes dabei sein...“ Deutsche Hausbriefkästen kommen in der Regel in zwei Ausführungen vor. Der sogenannten Standardausführung und der Luxusausführung Über die Standardausführung nach DIN-Norm brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren. Die ist grau, eloxiert, wetterfest und viel zu klein. Die Luxusausführung hingegen ist schwarz, eloxiert, außen mit einem Posthorn-Dekor versehen und ebenfalls viel zu klein. Es gibt auch noch eine Super-Luxusausführung im edlen Bronze-Dekor. Gehämmert. Auch zu klein. Und schließlich wird noch eine Röhre angeboten, wahlweise in schwarz gehämmert oder weiß lackiert. In beiden Fällen ist sie mit dem Schriftzug „Zeitungen“ versehen.

„Vielleicht

sollten

wir

den

einschlägigen


Fachhandel aufsuchen“, schlug ich vor, nachdem wir zwei Tage lang erfolglos Kataloge durchgeblättert hatten. Ich träumte nämlich bereits von Posthörnern und wollte die Sache zu einem Abschluß bringen. Meine Freundin fand, daß dies eine gute Idee sei, denn sie liebt auch den einschlägigen Fachhandel. Sofern man dort Dinge in Weiß und Gold erwerben kann. Wir kauften sechs weiß-goldene Aschenbecher, obwohl keiner von uns raucht, zwei weiß-goldene Seifenschalen für die Gästetoilette, eine Tischglocke aus weißem Porzellan mit goldenem Rand sowie einen Rasierpinsel mit goldfarbenem Plastik-Griff und weißen Borsten, obwohl ich mich elektrisch rasiere, sowie dazu eine Garnitur Zahnbürsten in ebensolcher Ausführung - jedoch keinen Hausbriefkasten. Hausbriefkästen im einschlägigen Fachhandel kommen nämlich in der Regel in zwei Ausführungen vor - richtig geraten! „Die Deutschen haben keinen Geschmack“, entschied

meine erschöpfte Freundin über einer Tasse Tee in einem freundlichen Straßencafé und spielte dabei wieder einmal auf ihren englischen Vater an. Ich verkniff mir Bemerkungen über den Geschmack der Engländer, wenn auch mit Bedauern, und tröstete sie statt dessen : „Das nächste Mal, wenn wir in England sind, bringen wir einen richtig schönen, geschmackvollen Briefkasten mit. Soviel ich weiß, sind sie dort rot.“ Normalerweise wirft sie an dieser Stelle mit dem Gegenstand, den sie gerade in der Hand hat. Aber zum Glück für mich hatte ihre Tasse ein weiß-goldenes Dekor...


Wir haben den weiß-goldenen Briefkasten schließlich während einer Wochenendfahrt in Italien erstanden. Dort ist zur Zeit alles in Weiß mit Gold. Außerdem ist den Italienern die Deutsche Industrie Norm DIN vollkommen schnurz. Deshalb gibt es dort auch Briefkästen, die groß genug sind für Versandhauskataloge. Unserer war noch größer. Wir waren sehr stolz und ich durfte das gute Stück sogleich in der Nacht unserer Rückkehr an unserer Haustür befestigen. Wir freuten uns wie die Kinder auf das Gesicht unseres Briefträgers und standen extra eine Stunde früher auf, um das Klappern des Briefkastendeckels nicht zu verpassen. Pünktlich zur gewohnten Zeit klingelte der Briefträger zweimal. Wir waren maßlos enttäuscht. „Wir haben einen neuen Briefkasten“, sagte meine Freundlin zu dem davor stehenden Briefträger. „Ach tatsächlich?“ sagte der. „Ich habe das für ein Vogelhaus gehalten. Wissen Sie, im allgemeinen sind die Briefkästen viel kleiner, und sie haben auch eine andere Farbe.“ Das war uns bekannt. Um ja keinen Irrtum aufkommen zu lassen, hatte ich unter Aufsicht

meiner

Freundin

inzwischen

den

alten

Briefkasten entfernt und in den Müllkasten geworfen. Der nächste, der klingelte, war ein Junge, der immer den Stadtteil-Anzeiger bringt. „Ihr Briefkasten ist nicht mehr da“, sagte er und überreichte die Zeitung. „Wir haben einen neuen Briefkasten“, sagte diesmal ich. „Du stehst direkt davor.“ „Ach das - ich habe gedacht, Sie hätten ein Vogelhaus“, sagte der Junge und schwang sich auf sein Rad. Am nächsten Morgen klingelte es Sturm. Es war viel


früher als sonst, und daher konnte es nicht der Briefträger sein. Ich stand also auf und öffnete die Tür einen Spalt. Draußen stand der Eilbote. „Ich dachte schon, es sei niemand da”, sagte er. “In

diesem Fall hätte ich den Brief wieder mitnehmen müssen. Ihr Briefkasten entspricht nämlich nicht der DINNorm. Da dürfen wir nicht so einfach was reinwerfen. Es könnte ja auch ein Vogelhaus sein.“ Einige Zeit später bellte der alte Schäferhund des Nachbarn gelangweilt vor sich hin. Wie gebannt blickten wir

in

Richtung

Haustür.

Gleich

würde

der

Briefkastendeckel zum ersten Mal klappern. Doch statt dessen klingelte es zweimal. Meine Freundin hatte sich diesmal gar nicht zurecht gemacht. Schließlich erwartete sie niemanden. Aber das hatte sie wohl vergessen, und so öffnete sie die Tür.Draußen stand der Briefträger und sagte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Ihnen diesmal die Post in den Kasten geworfen habe.“ „Das will ich Ihnen auch geraten haben“, hörte ich meine Freundin fauchen. Seither hat der Briefträger nie wieder geklingelt. „Es ist wegen des neuen Briefkastens“, behauptete ich. „Nein, es ist, weil ich wie eine Furie auf ihn losgegangen bin und weil ich aussah wie eine Schlampe“, behauptete meine Freundin. Sie steht jetzt jeden Morgen noch früher auf als sonst und macht sich besonders sorgfältig zurecht. Jedesmal wenn der Nachbarshund bellt,

nimmt ihr Gesicht einen

gespannten Ausdruck an. Und jedesmal, wenn der


Briefkastendeckel klappert, wird sie traurig. Ich glaube, sie nimmt es mir übel, daß ich das Ding angebracht habe. Möchte vielleicht

jemand einen leicht gebrauchten

Briefkasten haben? Er ist weiß, hat ein goldenes Dekor und ist sehr groß...

*

An die Zeit vor unserer ersten Begegnung kann ich mich nur dunkel erinnern, obwohl das kaum ein paar Jahre her ist. Das hat nur zum Teil mit meinem altersbedingt nachlassendem Kurzzeitgedächtnis zu tun. Zum größeren Teil liegt das daran, daß meine Freundin mich und mein Leben völlig umgekrempelt hat. Manchmal

allerdings

überfallen

mich

jäh

Erinnerungsfetzen. Etwa dann, wenn unsere Putzfrau Tamara von ihrem Ehemann abgeholt wird. Er trägt nämlich kleidsame Sakkos, die mich irgendwie an mein früheres Leben erinnern. Vor allem das graue mit den Lederflecken an den Ärmeln habe ich, so kommt es mir vor, einmal sehr geliebt. Auch das eierschalenfarbene Jackett, das ich seit einiger Zeit aus den Augen verloren hatte, steht ihm gut. Kein Wunder, es war ja auch sündhaft teuer und kaum getragen...


Probier doch mal Wenn ich versuche, an die Zeit davor zu denken und an den Menschen, der ich über 40 Jahre lang gewesen bin, dann ist mir, als sei ich flott und doch seriös und mit dezent-jugendlichem Geschmack gekleidet vor meine Mitmenschen getreten. „Unsinn, du warst der letzte Spießer“, widerspricht meine

Freundin, wenn ich diese Gedanken laut werden lasse. „Jedenfalls scheinst du eine gewisse abartige Vorliebe für Spießer gehabt zu haben“, fällt wir dazu ein, „denn schließlich fandest du mich seinerzeit so attraktiv, daß du mich mit zu dir genommen hast.“ - „Im Gegenteil - ich hab’ dich mit raufgenommen, weil ich mich mit dir in der Öffentlichkeit nicht sehen lassen konnte. Ohne Klamotten warst du dann ja ganz passabel:“ Im nachhinein fällt mir auf, daß sie schon nach einer Woche an einem Morgen danach einen weißen Pulli und eine passende weiße Jeans für mich parat hatte. „Probier doch mal“, hatte sie gesagt. Von diesem Augenblick an und vor allem, seit wir endgültig zusammengezogen sind -hat sich ein steter Wandel meiner Garderobe vollzogen... Meine sorgsam gebügelten Flanell-Hosen ver-schwanden wie von Geisterhand aus meinem Kleiderschrank, ebenso Schuhe und Anzüge. Jeans, Overalls, Turnschuhe und Jogginganzüge nahmen ihre Stelle ein. Meist in Weiß. Anfangs wagte ich noch zu protestieren: „Und was ziehe ich an, wenn ich mich mal irgendwo vorstellen muß?“„Die Leute müssen dich eben so akzeptieren wie du bist“,


sagte sie kategorisch. Aber wie bin ich denn? Immerhin haben mir Bügelfalten, blankgeputzte Schuhe und die Goldknöpfe an meinem Blazer so eine Art Persönlichkeit verliehen. Aber jetzt? Meine

nadelgestreifte

Anzugsweste

zu

Jeans,

die

wunderschönen ehemaligen Button-down-Hemden mit abgeschnittenem Kragen. Dazu weiße Turnschuhe! Eine gewisse trotzige Eigenständigkeit gegenüber dem Modediktat meiner Freundin, die mich wie ihre Puppe anund auszog, habe ich aber doch bewahrt: Ich erklärte, daß ich gegen hochgekrempelte Jackenärmel im Winter sei

und

daß

ich

mir

weder

einen

hochrasierten

Popperhaarschnitt noch wahlweise einen italienischen Dreitagebart zulegen würde. Und zwar aus ästhetischen Gründen! „Das sehe ich ein“, sagte sie. „Du bist nicht der Typ.“ Das

hat mich dann allerdings doch irgendwie berührt.

Der äußere Wandel vollzog sich, wie gesagt, stufenweise. Sie machte sich den Umstand zunutze, daß ich vor allem zwei Dinge hasse: Einkaufen und Auswählen. Sie dagegen kennt meine Maße - und ihren Geschmack. “Probier doch mal!“ ist einer ihrer Standardausdrücke, wenn sie von ihren Einkaufsbummeln zurückkommt. Und immer passen die Sachen wie angegossen. Ich nehme an, daß inzwischen eine Reihe von Münchner InBoutiquen ganze Kollektionen speziell in meinen Maßen führt.


Meine innere Anpassung ans äußere Unangepaßtsein vollzog

sich

im

Ausgewogenheit

gleichen meines

Zeittakt.

Urteils

und

Die

bisherige

meine

ruhige

Selbstbeherrschung machten einer gewissen Ungeduld meiner Umwelt gegenüber Platz. Wenn mir früher jemand ein Unrecht antat oder versuchte, mir einen Vorteil abzujagen, pflegte ich zu sagen: „Man muß sich in seine Lage hineindenken.“ Und der indianische Leitsatz: „Ich sitze am Ufer und sehe die Leichen meiner Feinde vorbeitreiben“ ging mir damals glatt über die Lippen. Heute indes bin ich eher geneigt, einem Widersacher auf der Stelle zumindest verbal in die Zähne zu hauen. Dazu fallen wir sogar spontan Formulierungen ein, über die ich früher tagelang nachgrübeln mußte, ehe ich sie als spontane Einfälle verkaufen konnte. Zugleich erhöhte sich die Anzahl meiner Strafmandate für unorthodoxes Parken. Gewichen ist mein Respekt vor dem Verhalten mancher Zeitgenossen, die wissen, daß man finanziell von ihnen abhängt. Seither hänge ich nicht mehr von ihnen ab. Denn schließlich kann ich auf die verzichten. Ich beiße mich schon durch. Was

zählt,

die

die

innere

Selbständigkeit.

Der

Nonkonformist in mir hat lange geschlummert. So hat er zum Beispiel das Jahr 1968 glatt verschlafen. Mit Mickymaus auf meinem Bademantel ist er zum Leben erwacht! Auf mein Auto habe ich neulich sogar den Sticker „Rettet den Wald“ geklebt, und auf einem der Buttons an meinem Trenchcoat - Marke 1955 - steht: „Lieber Petting als Pershing!“ „Warum laden wir eigentlich niemanden mehr ein?“ fragte


dieser Tage meine Freundin. „Ach weißt du, diese ganze angepaßte Bande hängt mir zum Hals heraus“, erwiderte ich. „Und wie die schon angezogen sind!“- „War aber doch eigentlich immer ganz nett“, sagte sie sinnend. „Wir können uns ja einen neuen Kreis suchen“, schlug ich vor. „Zum Beispiel in der Friedensbewegung oder unter den Grünen. Da gibt es wirklich ein paar hochinteressante Leute nach unserem Geschmack.“ Sie warf mir einen undefinierbaren Blick zu. Schon einige Zeit fällt mir auf, daß sie keine so rechte Freude mehr daran

hat,

mich

einzukleiden.

Hier

und

da

ein

Lederschlips oder ein Pulli. Eher schon mal

ein

Kugelschreiber oder ein Stapel Manuskriptpapier.


Es ist auch noch nicht lange her, daß sie beim Anblick einer Fernsehsendung von und mit Thomas Gottschalk meinte: „Der hat sich ja richtig rausgemacht!“ An dem Abend trug Thomas einen Frack... Die allerneueste Entwicklung zwingt mich nun, meinen Standpunkt neu zu überdenken: Gestern, als ich nach Hause kam, war sie dabei, meinen letzten Flanellanzug, den sie vom Boden geholt hatte, auszubürsten. „Probier doch mal“, sagte sie. Und ehe ich mich versah, fühlte ich mich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. In die Zeit davor, als es noch eine Andere gab... Wenn sich jemand ungalanterweise nach meiner längst Verflossenen erkundigte, so pflegte ich - nicht minder ungalant zu antworten: „Sie hat sogar das Klavier mitgenommen.“ Das entsprach zwar der Wahrheit, war aber nicht weiter tragisch,

da

Klavierstunde

seit

den

Klaviere

unseligen

Zeiten

mich

bestenfalls

für

meiner einen

materiellen Wert besitzen. So wollte ich mit jener stehenden Redensart auch bloß zum Ausdruck bringen, daß besagte Verflossene keine Mühe

und

Arbeit

gescheut

hatte,

mir

die

Bude

auszuräumen. Sogar das Klavier hatte sie mitgenommen. Und das wog vier Zentner... Das war die Vorgeschichte, die mir bei Gelegenheiten immer wieder in den Sinn kommt und die ich nicht müde wurde, bei - wie mir schien


- passenden Gelegenheiten zu erzählen.

Man müßte Klavierspielen können „Warum hat sie dir das bloß angetan?“ sagte meine

Freundin eines Tages als Auftakt zu einem jener Gespräche, die bei uns immer bei Vollmond stattfinden und unvermeidlich zu Rotweinflecken auf dem Fußboden, zu Tränen und anschließender inniger Versöhnung führen. Was ich bei Vollmond sage, entzieht sich in der Regel meiner Kontrolle. Und so ritt mich der Teufel und ich entwarf das Bild des begabten Jungen, der eigentlich Pianist

werden

wollte

und

dem

wunderschönen

Instrument aus uraltem Familienbesitz, das jener begabte Junge bereits perfekt beherrschte, noch ehe er richtig laufen konnte. Es versteht sich von selbst, daß jener Junge ich war, und daß

ihm

eine

entmenschte

Megäre

das

Liebste

genommen hatte, was er auf der Welt besaß, nämlich das Klavier... Bei Vollmond möchte ich möglichst bemitleidet werden. Das ist nun mal so. Doch was da in den Augen meiner Freundin aufblitzte, war kein Mitleid. Und als sie sagte: „Wenn du so etwas zuläßt, dann bist du entweder ein ausgemachter Trottel, denn mir nimmt man so etwas nicht weg - oder aber...“


Den Trottel stecke ich leicht weg. „Oder aber...“ ist dagegen schwierig. Sie meint damit nämlich, daß mich noch immer ein Band inniger Sympathie mit der Verflossenen verbindet. Ein überlassenes LieblingsKlavier ist für sie das beste Indiz. Außerdem ist sie dann längst so wütend, wenn sie „oder aber...” sagt, daß kein Argument etwas fruchtet. Das läuft dann ab wie bei einem Computer-Programm: Erst fliegt der Rotwein in meine Richtung, dann folgt das Glas - falls es nicht gerade eines unserer wertvollen Kristallgläser ist - und dann müssen wir uns wieder versöhnen. Wir können uns noch so oft vornehmen, bei Vollmond Weißwein aus Plastikbechern zu trinken - wir schaffen es nicht. Nach jener denkwürdigen Vollmondnacht beschenkte mich meine Freundin laufend mit Schallplatten aller Art, die eines gemeinsam hatten: Immer waren es Aufnahmen von

berühmten

Interpreten,

die

noch

berühmtere

Klassiker auf dem Klavier vorführten. Sie wollte mir damit eine Freude machen, und da ich es nicht übers Herz brachte, ihr die Freude zu verderben, die sie mir machen wollte, zeigte ich mich hingerissen, obwohl mich jede Art von Klavierspiel unweigerlich an meinen Klavierlehrer erinnert. Und der sprach nicht nur breitestes Sächsisch - er war auch noch Rohköstler. Seine Lieblings-Rohkost war Knoblauch. Sie hingegen lauschte innig den Bemühungen großer Meister um Chopin, Beethoven und Tschaikowski, um nur die Hauptschuldigen zu nennen. Gerade mit diesen


dreien war ich in früher Jugend traktiert worden. „Schade, daß wir kein Klavier haben“, sagte meine

Freundin, dann könntest du mir all diese schönen Sachen selber vorspielen.“ „Ach, erinnere mich bloß nicht -“ sagte ich, und ich meinte es ehrlich. Doch sie muß in diesen meinen Satz so viel Wehmut hineininterpretiert haben, daß es ihr die gute Seele zerriß. Jedenfalls stand an meinem nächsten Geburtstag, als ich nach Hause kam, im Schein von festlichen Kerzen an der Stelle, an der sich sonst meine Hausbar befand...Sie haben es erraten! Sie weinte vor Glück, als sie mein fassungsloses Gesicht sah. „Das muß doch ein Vermögen gekostet haben“, brachte ich schließlich hervor. „Es geht“, meinte sie leichthin. „Ich habe es günstig bekommen. Außerdem kann ich es in Raten abzahlen.“ Immerhin, auf solche Geschäfte versteht sie sich. Hätte jemals die Chance bestanden, ihr die Wahrheit über mein Verhältnis zu Klavieren und Klaviermusik zu gestehen, jetzt war es dafür entschieden zu spät. Soviel war mir klar. Und das mir, wo ich nicht verstehen konnte, warum sich die Leute bei entsprechenden Szenen in amerikanischen Komödien schlapp lachen. Ich finde so was überhaupt nicht komisch. Normalerweise würde ich sagen: Nun gut, die Situation ist da, laß uns in den sauren Apfel beißen... Aber ich wußte ja nicht einmal, wie ich das anstellen sollte. Mehr als den Kaiserwalzer oder bestenfalls „Für Elise“ mit schwerer Hand vorgetragen, hatte ich nie geschafft. Und dabei


wurde von mir meisterliches erwartet. Ich konnte sie weder verletzen noch enttäuschen, soviel war mir klar. An jenem Geburtstag konnte ich noch Verwirrung vorschützen und mogelte mich so um die fällige Einweihung des guten Stücks herum. Außerdem fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, daß man zum Vortrag Noten benötigt. Und die gab es zum Glück nicht. Die Lage wurde auch nicht besser, als sie am nächsten Tag einen Wäschekorb voller Noten aus dem Auto hievte. „Habe

ich

günstig

bei

einer

Nachlaßversteigerung

erstanden“, sagte sie triumphierend. So etwas tut sie für ihr Leben gern. Ich gönne es ihr. In diesem Fall war ich jedoch einem hysterischen Ausbruch nahe. „Wie gut, daß du daran gedacht hast“, brachte ich mühsam hervor, als mein Blick auf einen Titel mit der Aufschrift „Klavierschule für Anfänger“ stieß, den sie in der Versteigerungsmasse miterworben hatte. Da kam mir die rettende Idee. „Weißt du was, ich werde es dir beibringen“, sagte ich. „Was beibringen?“ „Na, das Klavierspielen.“ Und maliziös setzte ich hinzu - „wer weiß, vielleicht können wir dann eines Tages vierhändig spielen.“ Das gab den Ausschlag - und obwohl ich damals vermutete, daß sie vom aktiven Klavierspiel ebensoviel hält wie ich, stimmte sie freudig zu. „Und solange werde ich natürlich selbst nicht spielen, um dich nicht zu entmutigen...“ Innerlich klopfte ich mir selbst auf die Schulter für diesen Einfall. Immerhin kann ich aus meiner unseligen Klavierschul-Zeit her noch Noten lesen. Und so schaffte ich es, nach


schweißtreibendem

und

notgedrungen

heimlichem

Selbststudium immer einen Schritt weiter zu sein als sie. Und mehr braucht ja ein Lehrer nicht zu können. Es sei denn, der Schüler sei begabt. Leider ist sie begabt. Und fleißig. Sie übt mit der Hingabe eines angehenden Virtuosen. Und wenn ich jetzt häufiger spät nach Hause komme, so liegt das daran, daß ich im Hinterzimmer einer aufgelassenen Kegelbahn auf der Ruine eines alten Klaviers heimlich Fingerübungen mache. Meine Lage ist verzweifelt. Eines Tages wird sie mich auffordern, mit ihr das versprochene Vierhändige einzuüben. Ich hole inzwischen alles nach, was ich als Knabe versäumte. Üben, üben, üben, üben! „Das ist der einzige Weg zum Erfolg,“ pflegte mein längst verewigter Klavierlehrer zu sagen. Wie recht er doch hatte. Manchmal denke ich, daß er sich aus dem Jenseits für meine Faulheit rächt. Immerhin: „Für Elise“ kann ich inzwischen schon recht flüssig. Viel besser als damals. Und wenn dann der Tag kommt, an dem es ans Eingemachte geht - nun vielleicht habe ich dann bei meiner Freundin den Meisterbonus. Es bleibt mir auch nicht viel mehr übrig, als das zu hoffen... Zum Glück ist inzwischen der Lenz eingetroffen, die langen Abende werden kürzer und es gibt erfreuliche Ablenkungen durch die erwachende

Natur, denn in

unserem Viertel gibt es bis auf den heutigen Tag den ungeheuren Luxus des Hausgartens. Und im Gegensatz zu heute, wo jeder zeigen muss, was er hat, liegen die Gärten von einst, versteckt vor den Blicken der Passanten, hinter dem Haus. “Machen Sie sich keine Mühe mit dem Garten“, sagte der


Hausbesitzer, nachdem wir den Mietvertrag für das Haus in dem einstmals feinen Viertel unterschrieben hatten. „Da wächst doch nichts. Die Vormieter haben alles verunkrauten lassen.“ Meine Freundin und ich schauten uns an und zuckten mit den Schultern. Gartenarbeit liegt uns sowieso nicht. Schließlich sind wir Kinder der Großstadt. Aber wir hatten nicht mit dem Frühjahr gerechnet und nicht mit den ungeahnten Kräften, die der Frühling in uns weckte und nicht mit der Eigendynamik des Gartens.

Rosen, Tulpen und Narzissen

Sobald die ersten Strahlen der Frühlingssonne lockten, meinte meine Freundin: „Wenn wir schon den Garten haben, könnten wir uns wenigstens ein paar Liegestühle anschaffen.

Dann

sparen

wir

das

Geld

für

das

Sonnenstudio. Und weil wir uns sowieso ein paar Sachen anschaffen mußten, brachten wir von unserer nächsten Fahrt in die Stadt das Notwendigste für den Garten mit. Das heißt, eigentlich waren es ja drei Fahrten, denn wir mussten


einsehen, daß unser Wagen die beiden Liegestühle, den Gartentisch, und die sechs Stühle nicht auf einmal faßte. Nicht zusammen mit den übrigen Dingen wie den Schilfmatten als Sichtblende. Mit dem Fortschritt des Frühjahrs stellte sich heraus, daß unter

dem

prächtig

gedeihenden

Unkraut

einige

Rosensträucher vor sich hinkümmerten. Meine Freundin kann keine Kreatur leiden sehen, nicht einmal einen mickrigen Rosenstrauch. Und so beschloß sie: „Weißt du, so ein wenig Bewegung an der frischen Luft könnte uns gar nichts schaden.“ Dabei kopfte sie mir mit jovialmitfühlender Geste auf meinen Embonpoint, den sie bei dieser Gelegenheit respektlos als „Wampe“ bezeichnete. „Kommt überhaupt nicht in Frage,“ sagte ich, als sich

herausstellte, daß sie unter „Bewegung an der frischen Luft“ Unkrautjäten verstand. Deshalb brachten wir von unserer nächsten Fahrt in die Stadt auch nur einen kleinen Handspaten, eine Harke, eine Grabgabel, eine Hacke

und

einen

Gegenstand

mit,

der

uns

als

„Vertikulierer“ verkauft wurde. „Unbedingt notwendig zur Bodenbelüftung im Rasen“, sagte der Verkäufer und stellte es neben den Eimer mit Unkrautvernichtungsmittel und das Spritzaggregat mit Schultergurt. Zum Glück hatte gerade ein verlängertes Wochenende begonnen, und so konnte ich statt der längst fälligen Steuererklärung, die ich mir vorgenommen hatte, einige dringende Handgriffe im Garten erledigen. Meine Freundin hatte sich inzwischen - oben ohne, denn es waren warme Tage, und die Sichtblenden waren ja


auch in weiser Voraussicht angeschafft worden - auf einen

der

beiden

Liegestühle

zurückgezogen

und

studierte Berge von Gartenliteratur, die sie in einem unbewachten

Augenblick

in

der

Bücherecke

des

Gartenbedarfsgeschäftes erstanden haben mußte. Wir sind, wie gesagt, Kinder der Großstadt und Gartenarbeit nicht gewohnt. Während mir meine Freundin abends liebevoll

die

schmerzenden

Rückenmuskeln

mit

Rheumasalbe einrieb, lief im dritten Fernsehprogramm ein Film an mit dem Titel „Das feuchte Biotop.“ Dieser Film erwies sich als die Komplett-Anleitung zur Anlage eines Gartenteichs mit Fröschen, Seerosen, Goldfischen und einer Sumpfzone. Meine Freundin hörte auf mit Einreiben und schaute mit leuchtenden Augen zu. Ich sagte fest: „Nein!“ und schaltete ab. Sie ging weinend ins Bett. Ich hatte nie zuvor von der Existenz von Teichfolie gehört, und daß man sie zur Anlage eines Feuchtbiotops dringend benötigt. Jetzt wußte ich es. Aber ich konnte keine erwerben. Sämtliche einschlägigen Läden, die ich gleich am frühen Montag abklapperte, waren ausverkauft. „Da muß irgend ein

Film

im

Fernsehen

gelaufen

sein“,

war

die

übereinstimmende Auskunft der Folien-Verkäufer.“ „Das macht nichts,“ sagte meine Feundin, die angesichts

meiner reuevollen Aktivitäten wieder mit mir sprach. „Erst muß man nämlich die Grube ausheben“, fügte sie sachverständig hinzu, denn sie besaß längst das einschlägige Buch. Diesmal wurde es preiswert, denn zur Anlage einer Teichmulde benötigt man lediglich eine Spitzhacke, eine


Schaufel und eine Schubkarre, heutzutage bereits auf vollpneumatischen

Reifen.

Kein

Vergleich

zu

der

Schinderei früherer Jahre. Jedenfalls gaben wir weniger als zweihundert Mark aus. Das heißt, für die Teichfolie, die wir dann doch noch mitbrachten, weil uns ein netter Verkäufer heimlich die Adresse des Zentrallagers in der Nachbarstadt verriet, wurden dann doch noch einmal zweihundert Mark fällig. Aber wozu haben wir schließlich eine Urlaubskasse, die man ja wieder auffüllen kann... „Du siehst schlecht aus“, sagte mein Agent. „Ich glaube,

das faule Landleben bekommt dir nicht. Ich habe dir gleich gesagt, daß es ein Fehler ist, die Großstadt zu verlassen. Schließlich brauchst du Umtrieb, Action und ständig etwas zu tun, sonst schlaffst du ab...“ Der hatte gut reden. „Hast du jemals einen Teich angelegt?“ fragte ich ihn deshalb. „Ob ich w a s habe?“ gab er entgeistert zurück. Ich winkte ab. Er hatte ja recht. Kopfschüttelnd blickte er mir nach, als ich ging, und ich vermute, daß er immer noch mit dem Kopf schüttelte, als er mich von seinem Fenster aus abfahren sah. Ich mußte nämlich mit offenem Verdeck fahren, trotz des Regens. Das war wegen der fünf Rosen-Hochstämmchen und der Stützpfähle auf den Nebensitz. Der Fortschritt meiner Erdarbeiten erfüllte mich mit tiefer Befriedigung. Täglich kam ich um einige Zentimeter tiefer. Es war eine harte, aber notwendige Arbeit. Schließlich galt

es,

die

schweren

Schottersteine

zu

lockern,

auszugraben und abzutransportieren. Niemand hatte ja


ahnen können, daß unser Haus in einem trockenen Flußbett stand. Aber die runden, kopfgroßen Steine machten sich schön als Einfassung für die Dahlienbeete. Den restlichen Aushub konnte man gut gebrauchen als Untergrund für die Pergola. Die Rankengewächse, die sie künftig beklettern würden, hatte meine Freundin vorsorglich bereits erworben. Sie besiedelten mehrere Plastik-Container und mußten täglich begossen werden, damit sie die Zeit bis zur Pflanzung überlebten. Meine Freundin hatte überhaupt einen neuen Zug entwickelt, den ich an ihr bislang noch nicht kannte: sie war dazu übergegangen, Vorräte anzulegen. Kaum hatte sie eine Pflanze in einem ihrer Bücher entdeckt, die farblich zu den übrigen paßte, gab sie nicht eher Ruhe, bis das neue Pflanzenkind eingekauft und in der Pflanzenkinderstube in unserer Garage eingemummelt war. Unser Wagen parkte längst auf der Straße. Weiß und blau würde dieser Sommer werden. Weiß die Rosen, der Jasmin, die Gladiolen und die Dahlien. Blau der Rittersporn, der Eisenhut, die Hortensien und die Wasseriris. Der einzige Stilbruch waren die Goldfische, auf denen ich bestand. Ihre rote Farbe würde das Bild stören. Am liebsten hätte sie die schönen blauen Diskus-Fische aus der Zoohandlung mitgenommen. Aber der Händler beschwor sie, daß diese besonders schönen und


wertvollen Fische ins warme Wasser und keinesfalls in den Gartenteich gehören. „Nein, sie gewöhnen sich auch nicht - sie sterben!“, sagte er abschließend auf ihre entsprechende Frage. Auf der ganzen Heimfahrt war sie einsilbig. Ihr taten die Fische leid, die sie beinahe umgebracht hätte. „Gut, daß der Mann uns aufgeklärt hat“, meinte sie und schneuzte sich. Aber sie freundete sich dann doch mit den beiden dicken Goldfischen an, nannte sie „Bello“ und „Bella“ und hoffte, daß sie viele Kinder bekommen würden. Daß

man

das

Geschlecht

von

Goldfischen

nicht

bestimmen kann, nahm sie nicht zur Kenntnis. Die Farbe der Fische brachte sie im übrigen auf die Idee, der Teichufer-Bepflanzung noch ein paar rubinrote Azaleen hinzuzufügen. Es macht fast gar nichts aus, daß unsere Urlaubskasse inzwischen ganz erschöpft ist. So ein Garten ist nun mal ein teures Hobby. Aber wenn erst einmal die vielen Pflanzen angewachsen sind, wird unser grünes Zimmer ein wahres Paradies sein. Bis dahin können wir ohnehin nicht in Urlaub fahren. Jemand muß den Rasen sprengen, das Unkraut jäten, die jungen Pflanzen beobachten, die zwölf Goldfische, die sieben Molche, die zwanzig Stichlinge und die Igelfamilie füttern. Wir bleiben zu Hause. Nur eines bekümmert uns. Wir haben festgestellt, daß wir doch ein wenig mehr eingekauft haben, als unser Garten faßt. Die Angebote waren

halt

zu

verführerisch.

Von

den

vielen


Sonderangeboten ganz zu schweigen. Wenn Sie also noch

Bedarf

haben,

an

sorgfältig

vorgetriebenen

Gartenpflanzen in größerer Menge - bitte wenden Sie sich an uns. Sie müssen nur versprechen, sie gut zu behandeln. Darauf besteht meine Freundin. Sie will ihre Kinder nur in gute Hände abgeben!

* Von der großen Erneuerungskraft des Frühlings profitierte indes nicht nur der biologische Teil unseres Gartens Haus und Terrasse bekamen auch ihr Teil ab. Die Erneuerung erfasste sozusagen alle jene Bereiche, die sich durch Veränderung verschönen lassen. Und welche Bereiche das sind, das kündet eben der Frühling meiner Freundin. Und zwar regelmäßig in jedem Jahr: Immer wenn es Lenz wird, fällt meiner Freundin auf, daß es an der Zeit ist, neue Einrichtungsgegenstände anzuschaffen. Und immer hat sie dafür, wie es ihre Art ist, praktische und handfeste Gründe anzuführen. Um

ihr

Ziel,

nämlich

Selbstbedienungs-Möbelhaus

eine weit

Fahrt

zu

draußen

einem auf

der

grünen Wiese vor der Stadt zu erreichen, schreckt sie aber auch vor Intrigen und geistigen Rösselsprüngen nicht zurück. Das geht zum Beispiel so: „ Ich glaube, es ist an der Zeit, daß unsre armen Topfpflanzen ins Freie kommen, damit sie auch etwas von der Sonne haben.”


Schwedisch für Anfänger

Kaum habe ich die zahllosen Töpfe mit den armen Pflanzen von ihrem Platz geräumt, mühsam ins Freie getragen und auf der Terrasse arrangiert, meint sie : „Schau mal, wie hässlich und leer die Stelle an der Wand aussieht, wo vorher die Pflanzen standen... Da müßte eigentlich ein Regal hin!“ Die Bemerkung „Warum sagst du nicht gleich, daß du ein neues Regal willst, statt mich Töpfe schleppen zu lassen?“ wäre vollkommen überflüssig. Sie wollte ja a u c h, daß die Pflanzen etwas von der Frühlingssonne haben. Also werden die Dachträger des Autos entrostet, geölt, aufmontiert und dann doch in den Grobmüll geworfen. „Siehst du, wie gut, daß mir das mit dem Regal

eingefallen ist, sonst hättest du nie bemerkt, daß du neue Dachträger brauchst. Die können wir ja bei dieser Gelegenheit gleich mitbesorgen“, sagt sie dann etwa und meint es versöhnlich. Daß ich gar keine Dachträger brauche, sondern sie - und zwar

ausschließlich

zum

Transport

neuer

Einrichtungsgegenstände, entgeht dabei entweder ihrer


Logik, oder sie glaubt, daß ich es nicht bemerke. Auf diese Weise können wir dann auch gleich die neue Schubkarre

(die

alte

hatte

unter

der

Last

der

Wackersteine aus dem Teich den Geist aufgegeben), und einen weiteren Satz Liegestühle (“falls mal Gäste kommen”) und den beim letzten Mal vergessenen Gartengrill

mit

motorgetriebenem

Bratspiess

unterbringen. Am meisten freue ich mich auf den Zusammenbau der neuen Dinge. Am einfachsten geht noch die SelbstbauSchubkarre. Die besteht aus einem Bausatz von Rohren, Schrauben,

Zwischenscheiben,

einem

-

nicht

aufgepumpten - Laufrad und einer Aluminiumschale. Die Probleme des Gebrauchs-anweisungs-Lesens entfallen, da die Gebrauchs-anweisung in chinesisch, finnisch und arabisch gehalten ist und daher von mir ohne weiteres weggeworfen wird. „Alle technischen Dinge haben etwas mit Logik zu tun“,

zitiert michmeine Freundin, die mir freudig erregt zuschaut, wenn ich die verlorenen Unterlagscheiben unter Grasbüscheln suche. „Ja, aber in diesem Fall mit ostasiatischer Logik, denn der Bausatz stammt aus Malaysia, fällt mir dazu ein, wenn ich feststelle, daß die Radgabel mittels einer Zwinge aufgespreizt werden muß, und daß man den Reifen erst aufpumpen darf, nachdem das Rad montiert ist. Die werden bei der Tankstelle staunen, wenn ich nachher noch einmal zum Aufpumpen komme. Diesmal mit einer Schubkarre mit plattem Reifen! Richtig spannend wird es dagegen erst bei der Montage beispielsweise des Regals,


das in

Polen

hergestellt wurde und deshalb eine

schwedische Gebrauchsanweisung hat. Schwedisch ist eine germanische Sprache, und ich weiß zum Beispiel, daß ‘Tak somygge’ ‘dankeschön’ heißt. Ich gebe nicht zu, daß damit meine Schwedischkenntnisse im wesentlichen erschöpft sind und schaue verbissen auf die Zeichnungen neben dem Text. Es ist sehr gut, daß die Schweden Zahlen ebenfalls von eins bis hundert durchnumerieren, so kommt eine gewisse Reihenfolge in die Sache. Man muß nämlich erst die Brettchen von eins bis siebenundzwanzig sortieren, sodann die beigepackten Schrauben numerieren und dazulegen. Dann müssen die Holzdübel in die zugehörigen Löcher geklebt werden mit Hilfe des ebenfalls beigepackten Holzleims. Leider muß es sich jedoch bei den Löchern von achtundzwanzig bis zur laufenden Nummer vierundvierzig um etwas anderes gehandelt haben, denn die Sache sieht

eher

aus

wie

ein

Wanderwegweiser

im

Hochgebirge, wenn man die festverleimten Dübel in die angeblich zugehörigen Löcher des anderen Werkstücks steckt, als das Grundgerüst eines Regals. Und Holzleim können sie machen in Polen. Der hält bombenfest! Die Löcher sind jedoch bald mit Hilfe meiner Bohrmaschine wieder ausgebohrt. Und wer braucht schon Holzdübel - es gibt ja noch genug Schrauben. Meine Freundin hat inzwischen festgestellt, daß ich mich umsonst aufgeregt habe, „Ich habe vorhin beim Auspacken die Gebrauchsanleitungen verwechselt“,


gesteht sie. „Die hier gehört zum Grill.“ Kein Wunder. Wo aber ist die Anleitung für das Regal? „Damit hast du doch vorhin den Rasenmäher montiert.“ Jetzt wird die Sache langsam klarer. Brauche ich nur noch die Anleitung für den Rasenmäher zu finden, wenn ich das Regal zu Ende bauen will. Sie hat eben recht: Technische Dinge haben immer etwas mit Logik zu tun. Jetzt erst merke ich, daß es verkehrt war, die Brettchen zurechtzusägen, um sie so der Abbildung in der Anleitung ähnlicher zu machen. Aber schließlich habe ich ja noch etwas von dem Polen-Kleister. Klebt man die abgesägten Stücke eben wieder an. Später kann man ja die Klebefugen überlackieren. Verkehrt war es auch, die Hartfaserplatte, die nirgends dazuzugehören

schien,

zusammen

mit

dem

Verpackungsmaterial wegzuwerfen. Es war, wie sich zeigte, nämlich die Rückseite des Regals und nicht die Transportsicherung. Zu retten ist da nichts mehr, denn ich hatte ja die Platte zerkleinert, um sie in den Mülleimer stecken zu können. Und ohne Rückseite würde das Regal, wie sich zeigt, nicht halten. Endlich zusammengebaut, neigt es sich bedenklich zur Seite, weil von hinten die Stabilität fehlt. „ Du solltest es vielleicht an der Wand befestigen.“ Wenn

meine Freundin die Logik packt, ist sie nicht zu bremsen. Sie hat recht. Und dazu braucht man gar nicht so zu tun, als ob man schwedisch lesen kann. Bald ist das Regal mittels eingedübelter Wandhaken und


einer Rolle Draht bombenfest an der Wand verankert. Man müßte schon das Haus abreißen, um da das Regal wieder wegzukriegen. Und da fällt es mir ein: „Und was machen wir, wenn wir die Pflanzen im Winter wieder reinholen müssen? Wohin damit?“ Und man soll es nicht für möglich halten: Sie hat auch jetzt eine Lösung parat: „Ich habe heute im Möbelhaus eine

entzückende

freistehende

Pflanzenwand

als

Raumteiler gesehen.” Gleich morgen werde ich mir den Bausatz besorgen. Besser übermorgen, denn für morgen droht Wolfgangs Besuch. Mindestens einmal im Jahr sucht er uns mit schöner Regelmäßigkeit heim, und er bringt regelmäßig eine Kiste voll wirklich gutgemeinter Ratschläge mit...

Das Parfum Mein

Freund

Wolfgang,

ein

alter

Haudegen

und

Schwadronneur, ist nämlich der Auffassung, daß essen und trinken zu den drei schönsten Dingen der Welt gehören. Sein Eifer, mich davon zu überzeugen, noch

intensiver

mit

dem

Ding

Nummer

beschäftigen, ist missionarisch zu nennen.

drei

mich zu


Vergebens sind meine zaghaften Hinweise, daß noch niemand

in

meiner

unmittelbaren

Umgebung

sich

beschwert hat. Kalt läßt es ihn auch, wenn ich behaupte, daß ich für meinen Geschmack und meine Bedürfnisse voll ausgelastet bin. So läßt er sich´s nicht nehmen, mir von jeder seiner zahlreichen Reisen etwas Sinniges mitzubringen. Mal ist es

ein

ausgefallenes

Aphrodisiakum,

mal

ein

Stärkungsmittel mit Garantie-Erfolg, und einmal war es gar eine technische Vorrichtung - unauffällig anzubringen und

zu

tragen

-

zur

Verlängerung

des

Durchhaltevermögens, made in Japan. „Er meint es eben gut mit dir“, sagt meine Freundin dazu,

die jedesmal vor zurückgehaltenem Lachen beinahe platzt, wenn er mir mit Verschwörermiene und betont beiläufig einen Umschlag überreicht. Neulich bestand er darauf, mich unter vier Augen zu treffen, als er aus Amerika zurückkam. Kein Wunder, denn was er mir diesmal zugedacht hatte, war zu groß für einen seiner unauffälligen Umschläge. Er lächelte wie ein Kater, der die Sahne geklaut hat, als er mir das blaue Päckchen über den Tisch unserer Stammkneipe schob. „Andron by Jovan“ stand darauf. Unterzeile: „The Pheromone-Based Cologne for Man.“ „Na?...“

sagte er erwartungsvoll. „Nu...“ sagte ich

verständnislos. „Pheromone, Junge, Pheromone! Die größte Entdeckung seit Galilei. „Also, Pheromone, das ist, wenn Frauen unwiderstehlich von einem Duft angelockt werden,

den sie bewußt

gar nicht wahrnehmen,“

versuchte er, mir zu erklären. „Aha“, so ist das! sagte ich


verständnislos. „Rein sexuell - sozusagen unterbewußt“, setzte er erläuternd hinzu. Noch einmal „Aha“. „Bei Tieren weiß man schon lange, daß es sowas gibt“,

dozierte er. „Gewisse hormon-ähnliche Duftstoffe, eben die

Pheromone,

werden

unterhalb

der

Wahrnehmungsschwelle empfangen und wirken direkt aufs Sexual-Zentrum. „ Das macht die dann unheimlich geil.“ „Wen - die Frauen?“ „Nein, Schweine zum Beispiel!“ Er ließ sich nicht erschüttern. „Man nennt das in der Schweinezucht „Ebersprung“ und setzt es ein, um müde Eber wieder munter zu machen. Und lahme Sauen empfängnisbereit!“ „Ich bin aber weder ein müder Eber - noch treib ich´s mit

lahmen Sauen“, versuchte ich zaghaft einzuwenden. Es half nichts: Ich mußte die „größte Entdeckung seit Galilei“ ausprobieren. „mir zuliebe“, bettelte er. “Betrachte es als wissenschaftlichen Versuch”. Heute weiß ich übrigens, warum er all diese fabelhaften

Dinge nicht selbst

verwendete. Aber das wäre ein Kapitel für sich. Ich

schnupperte

Flasche.

„Von

an

der

futuristisch

wegen,

unterhalb

aufgemachten der

Wahr-

nehmungsschwelle“, fiel mir auf. „Das Zeug duftet wie ein babylonischer Männer-Puff. Nie und nimmer kommt das an meinen Luxus-Körper.“ Mein letzter Versuch. „Das sind doch die Begleit-Fragrancen. Die arbeiten noch dran.“ Nun war ich restlos überzeugt. Er besprühte mich persönlich, ehe ich fliehen konnte. Irgendwie war meine Neugier geweckt. Ich vertraute meinen

so

präparierten

Körper

den

öffentlichen


Verkehrsmitteln an: Feldstudie 1 - In der U-Bahn bot mir dann gleich eine ältere Dame ihren Platz an, als ich neben ihr stand. „Ich muß sowieso gleich aussteigen!“ behauptete sie. Nie zuvor

war

mir

aufgefallen,

wie

intensiv

Frauen

miteinander tuscheln. Kaum wurden sie meiner ansichtig, - schon steckten sie die Köpfe zusammen. Sollte das Zeug sogar auf größere Entfernung wirken - unterhalb der Wahr-nehmungsschwelle? Ich rückte auf. „Was starren Sie mich denn so an? Wollen Sie vielleicht

ein Paßfoto?“ riß mich eine weibliche Stimme aus meinen Betrachtungen. Eine der Damen hatte reagiert! „Ist das bei Frauen die pheromon-bedingte Art, Interesse zu signalisieren?“ fragte ich mich und rückte noch mehr auf. „Unverschämter Kerl! Man sollte die Polizei rufen“, sagte

eine zweite Stimme. Allmählich wurden die übrigen Fahrgäste aufmerksam. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich: es waren alles Frauen! Und alle starrten mich an! Es gelang mir mit knapper Not, mich dem beginnenden Tumult durch Flucht zu entziehen. „Donnerwetter, ein Teufelszeug“, murmelte ich im Laufen vor mich hin. Feldstudie 2 - eine Gemäldegalerie. Ich stellte mich dicht hinter eine junge Dame, die in die Betrachtung einer Turner-Landschaft versunken war, ließ sie teilhaben an meiner Pheromon-Ausstrahlung, ohne daß sie es bewußt wahrnahm. Allmählich wurde sie unruhig, drehte sich schließlich um


und musterte mich von oben bis unten. Vielleicht war ich doch

ein

wenig

zu

nahe

herangetreten?

Der

unterschwellige Duft mußte sie verwirrt haben. „Merken Sie etwas?“ stammelte ich daher - quasi entschuldigend. „S o l l t e ich etwas merken?“ fragte sie und mir schien, als ob etwas seltsam Verhaltenes in ihrer Stimme mitschwinge. Ich mußte ihr´s erklären. „Na -, der Duft, der von mir ausgeht...“ „Ferkel“, sagte sie sehr laut und ging weg. Wieder wandten sich mir Köpfe zu. Alles Frauen. Außer dem Museumswächter, und der schlenderte jetzt mit wiegenden Schritten auf mich zu. Da ging auch ich. In der Fußgängerzone schließlich ließ ich selbst die Dinge auf mich zukommen. Aus einer Gruppe von jungen Leuten

löste

sich

ein

junges

Mädchen,

trat

mit

herausforderndem Lächeln auf mich zu und sprach mich an: „Na, Opa - schenkste mir ´ne Mark für die U-Bahn?“ Das war wohl nichts. Aber dann, -wenige Minuten später - ich saß am Rand eines Brunnens - vernahm ich neben mir ein süßes Stimmchen: „Ich liebe dich.“ Tatsächlich, ich hatte mich nicht verhört - und ich war gemeint. Zugegeben, die Besitzerin der Stimme entsprach nicht ganz meinem Ideal von Schönheit und Pflegezustand, aber als wertfreies Ergebnis des Pheromone-Tests geradezu überwältigend. Etwa: Unscheinbares Mädchen läßt unter der unwiderstehlichen Wirkung von Pheromonen alle Hemmungen fallen, wächst über sich hinaus und macht einem wildfremden Mann eine Liebeserklärung! Toll. Und so faßte ich nach: „ Und warum liebst du


ausgerechnet mich?“ - „Weil Gott dich liebt“, kam die Antwort. Und schon hatte ich ein Pamphlet der Kinder Gottes gekauft. Nur zehn Mark. Nachdenklich machte ich mich auf den Heimweg. Etwas ungewohnt fiel dann zu Hause die Begrüßung aus. Meine Freundin hatte - am hellichten Tag- ein Negligée angelegt. Schwarze Spitze. Auf dem Tisch brannten schwarze Kerzen, Räucher-Stäbchen verbreiteten einen betäubenden Duft, eine Flasche Champagner kühlte im Kübel. Ohne viel Federlesens zog sie mich auf die Couch. Mitten am Tag. Sollten Pheromone Fernwirkung haben?? Später meinte sie dann: „Ist dir an mir nichts aufgefallen, als du heimkamst?“ - „Doch, ich fand dich - ähumwerfend.

Richtig

unwiderstehlich!“

„Es

hat

also

geklappt!“ Sie freute sich wie ein Kind. Und dann zeigte sie mir ein rotes Päckchen. Darauf stand: „Andron by Jovan“ - The Pheromone-Based Cologne for Women“. „Hat

mir

Wolfgang

zu

Testzwecken

aus

Amerika

mitgebracht“ hauchte sie.

***

“Wie macht ihr das bloß?“ fragen unsere Freunde, „wie

macht ihr das bloß, eine so harmonische Beziehung zu haben?“ Wenn unsere Freunde so etwas fragen, dann freuen wir uns, daß unsere Freunde eine so gute Meinung von uns haben. Meine Freundin und ich leben an 24 Stunden des Tages zusammen, denn wir haben ein


gemeinsames Haus und seit einiger Zeit sogar einen gemeinsamen Arbeitsplatz in diesem Haus. Unsere Freunde leben natürlich nicht 24 Stunden des Tages mit uns zusammen und wissen daher nicht, daß wir uns nicht immer nur streicheln und liebkosen.

wenn der Herzkönig mit der Herzdame oder:

Glück über den kurzen Umweg

Vor kurzem ergab es sich, daß wir nicht ganze vierundzwanzig Stunden zusammen waren. Ich hatte einen Auswärtstermin. Als ich zurückkam, war die Harmonie unseres Zusammenlebens gestört. „Du betrügst mich“, sagte meine Freundin, ohne von ihrer

Beschäftigung aufzublicken, als sie meine Schritte hinter sich hörte. „Du betrügst mich, und ich werde mich scheiden lassen.“ „Aber wir sind doch gar nicht verheiratet“, wandte ich zaghaft ein. „Du

gibst

es

also

zu“,

sagte

sie

in

jenem

geschäftsmäßigen Ton, der das Schlimmste befürchen läßt, immer noch ohne aufzublicken. „Ich gebe gar nichts


zu, was soll der Unsinn“, erwiderte ich, nun schon etwas verunsichert. In Gedanken ging ich mein Sündenregister durch. Es war leer. Wenigstens fast. Keine heimlichen Küsse in schwülen Sommernächten auf ausgelassenen Parties, kein auch noch so kleiner Flirt, kaum ein Verstoß gegen das neunte Gebot, oder ist es das zehnte? „Du sollst dich nicht lassen begehren...“ Nach dieser heimlichen Bilanz war ich ernstlich beunruhigt, denn nichts ist schlimmer, als fiktive Rivalinnen meiner Freundin. Solche, die nur in ihrer

Vorstellung

existieren.

Sie

sind

nur

schwer

abzuleugnen, gerade weil es sie gar nicht gibt. „Hast du deine PMS-Tabletten genommen?“ fragte ich

daher. PMS ist die neueste Entdeckung meiner Freundin. PMS steht für „Prämenstruelles Syndrom“. Populär ausgedrückt, für die „Tage vor den Tagen“. Meine Freundin hat nämlich herausgefunden, daß sie an gewissen Tagen des Monats unter PMS leidet. Dann ist sie - laut Beipackzettel ihrer PMS-Pillen - „ungerecht, streitsüchtig,

aggressiv,

irrational

und

neigt

zu

unbegründeter Eifersucht“. Um dieses zu vermeiden, nimmt sie eben jene Pillen zu sich, die aus dem Öl der Nachtkerzen-Pflanze gewonnen werden. Das soll helfen. „Hast du deine PMS-Pillen genommen?“ war also eine berechtigte Frage in diesem Zusammenhang. „Ich brauche keine PMS-Pillen - lenk nicht ab - ich will die Wahrheit“, entgegnete sie finster. Erst jetzt wurde ich gewahr, womit sie sich während meiner Büchlein,

Abwesenheit auf

dessen

beschäftigt

hatte:

Einband

„Merlins

Mit

einem

Atlas

der


Kartenlegekunst“ gedruckt war und wo auf schwarzem Grund Karo König, Herzdame und Kreuzbuben abgebildet waren. Außerdem hatte sie eine Art Patience gelegt. Jedenfalls hatte sie Herzdame, Herzkönig, Pique Sieben und Herz Neun vor sich gelegt. „Hier bitte“, sagte sie triumphierend. „Hier ist der Beweis.“ „Aha“, sagte ich. „Ich sehe.“ „Sei nicht schon wieder so abgrundtief ironisch und

selbstgerecht“, fauchte sie mich an. „Ich bin ja weiß Gott nicht abergläubisch, aber es ist schon komisch, daß ich ausgerechnet diese Kartenkombination ziehe. Die Autorin stammt schließlich - genau wie ich - von irischen Vorfahren ab. Und die haben sich schon immer auf ihr Ahnungsvermögen verlassen können...“ Immer wenn meine Freundin aufgeregt ist, achtet sie weder auf die Logik ihrer Argumente noch auf die Grammatik. Ich schaute näher hin und sah nichts als die bereits erwähnten Karten. „Hier“, sagte meine Freundin, „hier: Herzdame und

Herzkönig schauen in verschiedene Richtungen. Und in der Deutung steht ganz klar: ‘Die Köpfe schauen sich nicht an - beide Partner sind anderen Dingen oder anderen Personen zugeneigt. Untreue!“ „Aha“, sagte ich triumphierend. „Du betrügst mich also auch. Es heißt doch ganz eindeutig: Beide Partner. Betonung auf beide.“ „Du hast es schon wieder zugegeben“, flüsterte sie

tonlos. Diesmal mit Tränen in den Augen. Und anklagend zeigte sie auf die Herz Neun und die Pique Sieben. „Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte: ‘Herz Neun


in Zusammenhang mit Pique Sieben: Gestörte Ehe oder Partnerschaft, Scheidungspläne!’ Was sagst du nun?“ „Das kann sich nur auf deine Scheidungspläne beziehen.

Du hast sie eingangs bereits erwähnt“, erwiderte ich. „Erst habe ich der Sache keine Bedeutung beigemessen“,

sagte sie, nun deutlich um Sachlichkeit bemüht. „Aber als ich, nur so aus Interesse, in dem Buch geblättert und ganz zufällige Karten aufgedeckt habe, ist mir immer wieder diese Kombination in die Hand gefallen. Ich war nur erschrocken. Aber deine Reaktion...“ sie kam nicht weiter, weil sie schlucken mußte. Jetzt blätterte ich selbst in dem Werklein. Früher war ich einmal ein gefürchteter Geber beim Pokern. Aber das war, bevor ich meine Freundin kennenlernte. Sie weiß nichts von meiner diesbezüglichen Fingerfertigkeit. „Darf ich auch mal?“ sagte ich, „schließlich ist es

ungerecht, wenn nur du ziehst und ich als der Angeklagte keine Chance bekomme.“ Sie nickte gnädig. Ich mischte absichtlich ungeschickt. Und dann sagte ich: „Weißt du was, zieh du aus meiner Hand. Und was du ziehst, soll gelten.“ Es ist ein alter Falschspielertrick, dem Ziehenden die Karten zuzuspielen, die er nehmen soll. Infolge-dessen lagen diesmal die richtigen Karten vor ihr: Herz König und Herz Dame mit einander zugewandten Gesichtern, Herz Neun und statt der verdammten Pique Sieben die Herz Acht. Und das bedeutet: Liebe, Treue, Harmonie, und im Zusammenhang mit der Herz Acht ein froher Urlaub. So kam es, daß wir an diesem Abend nach dreimaligem


Ziehen und Legen fröhliche Reisepläne schmiedeten. Und wenn einer unserer Freunde meinen sollte, daß soviel Harmonie gar nicht möglich ist, wenn man 24 Stunden am Tag zusammen lebt, dann lächle ich in mich hinein. Denn ich weiß ja, daß man dem Glück manchmal ein wenig nachhelfen muß. Und wenn es mit einem Taschenspielertrick ist... Wir nahmen uns an jenem Abend vor, für ein verlängertes Wochenende

mit

verkaufsoffenem

Samstag

nach

Hamburg zu fahren, in jene Stadt, zu der ich ein langjähriges gemischtes Verhältnis und daher viele Heimvorteile hatte.

Die weiße Tasche

Unsere Reise nach Hamburg haben wir sorgfältig vorbereitet: Die Zimmerpflanzen waren für eine Woche im voraus gegossen, denn die Reise sollte immerhin drei Tage dauern, der Igel, der auf Katzenfutter abonniert ist und sich jeden Abend seine Ration abholt, würde sich aus den aufgestellten Näpfen selbst versorgen. Zu diesem Zweck hatten wir sie mit „Freitag“, „Samstag“ und „Sonntag“ beschriftet und zur Sicherheit noch einen „Montag“ zugegeben. Alle sieben Koffer waren gepackt, und die drei Hunde saßen aufgeregt auf dem Rücksitz des Autos, weil sie für


ihr Leben gern verreisen. Es konnte losgehen. Meine Freundin fragte „haben wir auch nichts vergessen?“, aber das war kurz vor Nürnberg. Infolgedessen zermarterte ich mir bis Hamburg das Gehirn, was wir denn nun wirklich vergessen hatten, schließlich stellt sie eine solche Frage nie rein rhetorisch. Diesmal war es nur das Rezept für die Pille. Aber das merkten wir erst nach unserer Rückkehr. Es lag noch auf der Flurgarderobe. Auf Hamburg hatten wir uns beide sehr gefreut. Wie sich herausstellte, aus verschiedenen Gründen. „Ich werde dir den Hafen zeigen“, sagte ich als Ex-Hamburger. „Gibt es da nicht diese sagenhaften zollfreien Läden?“ fragte sie darauf. „Nein, das verwechselst du mit Helgoland.“ „Warum fahren wir eigentlich nicht nach Helgoland?“ Sie war sehr enttäuscht, als ich ihr erklären mußte, daß wir für einen Ausflug nach Helgoland keine Zeit hätten. Um sie für das entgangene zollfreie Vergnügen zu entschädigen, verzichtete ich auf Hafenrundfahrt und die Einkehr in den Övelgönner Fischereikneipen. Statt dessen besichtigten wir ausführlich die Fußgängerzone Hamburgs, die sich von anderen Fußgängerzonen der Bundesrepublik

nur

durch

das

schlechtere

Wetter

unterscheidet. „Morgen vormittag sollten wir das Haus der Kunst

besuchen“, schlug ich vor, als wir die Hunde noch einmal um den Häuserblock führten, in dem unser Hotel war. „Ja“, stimmte sie begeistert zu. „Ich habe gehört, von da könne man zu Fuß in dieses tolle Ladenzentrum beim


Gänsemarkt gehen. Schließlich sind morgen die Läden offen.“ Natürlich

fingen

wir

im

Ladenzentrum

an.

„Und

anschließend gehen wir dann zu deiner Kunst“, sagte sie gönnerhaft. Es war klar, daß sie die beiden Begriffe Hamburg und Kunst nicht zusammen-brachte. Ja, wenn wir nach Florenz gefahren wären... Da ich bereits nach ganz kurzer Zeit stark nach verschiedenen

schweren

Parfums

duftete,

die

mir

beflissene Drogistinnen auf den Wunsch meiner Freundin auf Handrücken, Handgelenke und Unterarme gesprüht hatten - „nur so kann man es ausprobieren“... verzichtete ich auch auf „meine“ Kunst. Ich hätte dort ja einen alten Bekannten treffen können. Dafür fiel mir ein Kompromiss ein: „In der Gegend rund um die Michaeliskirche gibt es viele Antiquitätenläden.“ Das

überzeugte

sie.

Nachdem

sie

im

ganzen

Ladenzentrum kein einziges Paar weiße Ballerinaschuhe gefunden hatte („Hamburg enttäuscht mich“), war sie bereit, auf meinen listigen Plan hereinzufallen - die Michaeliskirche ist nur einen Katzensprung von Hafen und Fischmarkt entfernt.... Aber es kam ganz anders. Zwischen dem Dammtor und dem „Michel“ liegt ein wahres Einkaufsparadies. Unter Glaskuppeln, in Galerien und in mehreren Stockwerken. „Das versöhnt mich nun wieder mit Hamburg“, sagte sie. Mich erfüllte diese Bemerkung mit patriotischem Stolz. Kein Wunder, daß wir etwas länger verweilten als vorgesehen. Zum Glück kann man dort recht gut essen, so daß wir uns stärken konnten, als der Tag fortschritt


und sich erste Anzeichen von Erschöpfung bei mir und den Hunden einstellten. „Nein, Jil Sander ist nicht hier in der Innenstadt“, sagte

die freundliche Kellnerin auf eine diesbezügliche Frage meiner Freundin. „Da müssen Sie schon rausfahren nach Pöseldorf.“ Also fuhren wir nach Pöseldorf. Ich begann, Hamburg mit neuen Augen zu sehen, zumal mir meine Freundin unterwegs etwas anvertraute: „Jil Sander hat übrigens auch eine tolle Herrengarderobe.“ „Was du nicht sagst - und was macht sie damit?“ fragte ich daher. Der Blick, den sie mir daraufhin zuwarf, war vernichtend. Jil Sander entpuppte sich als eine sehr schicke und sehr teure Mode-Angelegenheit. Die Bemerkung „nicht gerade preiswert“, hätte ich mir lieber verkneifen sollen. „Wenn Sie sich das hier nicht leisten können - warum gehen Sie dann nicht zu C & A?“ sagte eine Kundin spitz, die sich gerade als Dame verkleidete. Und meine Freundin sekundierte: „Immerhin verdiene ich zum Glück mein eigenes Geld!“ Das trug ihr anerkennende Blicke ein. Ich bekam einen roten Kopf. Wie dumm von mir, nicht daran zu denken. Aber meine Freundin ist zum Glück nicht nachtragend. Und als ihr Auge auf eine weiße, rechteckige PlastikHandtasche fiel, die auf einem Tischchen lag, war sie vollends versöhnt. „Die ist ja irre! Genau das suche ich!“ jubelte sie. Leider war die Tasche unverkäuflich. Sie gehörte einer Dame, die ausführlich schilderte, wo und unter welchen Umständen sie das weiße Plastikdings


erworben hatte. „Sie ist übrigens von Valentino“, fügte die Dame

hinzu.

„Siehst

du!“

rief

meine

Freundin

triumphierend. Was wohl bedeuten sollte: „Habe ich nicht einen guten Geschmack!“ Das Bier in der Pöseldorfer Milchstraße fiel aus, denn wir mußten nun dringend nach Eppendorf. Von dort stammte nämlich

die

Handtasche.

„Leider“,

bedauerte

die

Verkäuferin, als wir das Geschäft endlich gefunden hatten, “leider haben wir eben das letzte Stück verkauft. Aber

wenn

Sie

nächste

Woche

noch

einmal

vorbeischauen wollen. Wir haben nachbestellt, denn diese Taschen sind im Augenblick sehr gefragt.“ Sie hatte auch eine und mochte sich auch dann nicht von ihr trennen, als wir ihr erklärten, daß wir schon morgen nach München zurück müßten. Die Suche nach der weißen Tasche gestaltete sich etwas schwierig, denn erstens galt es, die infrage kommenden Läden noch vor Geschäftsschluß zu erreichen und zweitens setzt in Hamburg kurz vor fünf die rushhour ein. Zurück in der Innenstadt fanden wir kurz nach sechs einen Parkplatz und schafften gerade noch fünf Läden. Ohne Erfolg. Inzwischen war der Wagen abgeschleppt. Es war doch kein Parkplatz gewesen. Zum Glück hatten wir die Hunde an der Leine mitgenommen. Abends im Thalia-Theater tragen alle Damen weiße Plastiktaschen von Valentino. Es war zum Heulen, denn keine einzige von ihnen stammte aus Hamburg und somit konnte

uns

niemand

eine

noch

unentdeckte

Einkaufsquelle verraten. „Das ist typisch“, meinte meine


Freundin. „Die Hamburger gehen eben nicht ins Theater!“ Immerhin erfuhren wir beim Rumfragen, daß es in München auf der Theatinerstraße solche Taschen gab. Auch im Leopoldmarkt seien sie gesehen worden. „Warum fahren wir eigentlich nicht nach München?“

fragte meine Freundin. „Aber wir fahren doch nach München. Morgen schon. Wir wohnen doch da!“ „Sag mal, hältst du mich für blöd? Das war ein Scherz!“ „Gottseidank,

ich

dachte

schon,

du

hättest

das

galoppierende Taschensyndrom.“ Es war wieder alles gut. Wir haben dann am nächsten Morgen doch noch die Hafenrundfahrt gemacht. Die Sonne schien ausnahmsweise, und meine Freundin hatte alle Lust zum Einkaufsbummel verloren, da es ohnehin Sonntag war und die Läden geschlosssen blieben. Gekauft hat sie übrigens bei all der Hektik überhaupt nichts. Und die Tasche haben wir dann in München erstanden. Freilich erst, nachdem wir unterwegs von meinem geliebten alten Mercedes in einen Leihwagen umgestiegen waren. Doch davon soll im nächsten Kapitel die Rede sein...


Jaguar - Zebra - Mercedes oder Alte Liebe rostet

Welcher Mann kann schon von sich sagen: „Ich habe mir alle meine Träume erfüllt!“ Wäre ja auch gar nicht gut, wenn es nichts mehr zu träumen und zu wünschen gäbe. Einer meiner unerfüllten und unerfüllbaren Träume war die Anschaffung eines britischen Sportwagens der Marke Jaguar. In diesem Traum sah ich mich dahingleiten durch eine parkähnliche Landschaft. Gekleidet in Harris Tweed, die Pfeife im Mund und hinter mir im Fahrtwind flattert ein Kaschmir-Schal. Wie gesagt, ein Traum. Und ein pubertärer obendrein. Deshalb habe ich mir auch vor vielen Jahren einen Mercedes gekauft. Mit Schiebedach immerhin. Die Jahre gingen ins Land. Mein Traum blieb - der Mercedes auch. Wir wurden zusammen älter. Letzterer sichtbar älter. Bis meine Freundin eines Tages sagte: „Meinst du nicht, daß die alte Karre langsam ausgedient hat?“ Sie sagte tatsächlich „alte Karre“. Wo mir das Fahrzeug so treu gedient hatte in all den Jahren. Wie ein echter Freund.


Und außerdem, wo doch der Mechaniker um die Ecke immer so günstig reparierte. Ein wahrer Experte im Zuschweißen von Rostlöchern. „Daß die jährlichen Reparaturkosten den Wert dieses - edlen Gefährts - bei weitem seinen Wert übersteigen, ist dir wohl auch noch nicht aufgefallen“... Frauen sind in solchen Dingen geradezu widerlich sachlich. Aber ich weiß ja, wo ich sie packen kann - an ihrer sozialen Einstellung. Deshalb sagte ich: „Herr Schröder (so

heißt

der

Reparaturkosten

Mechaniker) als

festen

hat

die

Faktor

bescheidenen in

seinen

Lebensunterhalt einkalkuliert. Schließlich hat er drei Kinder. Und außerdem? Nur auf diese Weise halten wir die Volkswirtschaft in Gang.“ (Das Letztere hatte ich mal irgendwo gehört, und es imponierte mir mächtig, obwohl ich eigentlich nicht genau sagen kann, was damit gemeint ist). Jedenfalls verfehlte meine Einlassung nicht ihre Wirkung. Denn sie sagte - deutlich geschlagen: „Wie du meinst.“ Trotzdem konsultierte ich Herrn Schröder. Er gehört zu der aussterbenden Spezies des aufrechten, ehrlichen Handwerksmeisters, der von seinen Kunden keine Mark zuviel abverlangt. Auch auch keine zuwenig. Und so sagte er mir unverblümt: „Was können Sie für den Wagen noch kriegen? Fünf-, sechshundert Mark vielleicht. Und dann, was dann? Sie brauchen einen neuen Wagen. Das wird Sie etliche Tausender kosten. Sie wissen ja selbst, was so ein Wagen kostet. Und dann der Wertverlust! Wenn der vom Hof rollt, dann ist er schon ein paar Hunderter weniger wert. Nehmen Sie dagegen Ihren alten Wagen: Mit zwei, - höchstens dreitausend Mark Einsatz


kriegen wir ihn noch einmal durch den nächsten TÜV. Und dann können Sie noch einmal zwei Jahre damit fahren!“ Der Mann hatte recht. Er hatte absolut recht. Der Mercedes blieb. Die dreieinhalb tausend Mark für den fälligen

TÜV

zahlte

ich

seufzend.

Auch

die

Mehrwertsteuer. Auch die neuen Stoßdämpfer, die dann doch noch fällig wurden. Aber dann hatte ich für meine fünftausend Mark - nun ja, eben eine in Ehren ergraute Familienkutsche mit neuer TÜV-Plakette. Natürlich fuhr ich nicht schneller als 120. Schließlich mutet

man

ja

einem

alten

Pferd

auch

keine

stundenlangen Gallopaden mehr zu, und schließlich war es noch der erste Motor und das erste Getriebe. Leider ließen

meine

diesbezüglichen

Bemerkungen

meine

Freundin völlig unbeeindruckt. Ich unterstellte ihr in Gedanken, daß sie das Auto nicht mochte,

weil

sie

sich

vorstellte,

daß

schon

ihre

Vorgängerin darin gesessen hatte. Und vielleicht sogar deren Vorgängerin. Frauen sind so. Ich jedenfalls liebte das Fahrzeug um seiner selbst willen. Wie sich das für eine echte Liebe gehört. So wurde ich auch nicht müde, Dinge zu sagen wie: „Stell dir vor, er läuft schon zweihunderttausend Kilometer mit derselben Maschine.“ Und sie meinte höchstens kühl: „So, und ich laufe schon zwei Winter mit demselben Mantel. Aber das läßt

dich

kalt.“

Natürlich

war

ich

von

meinen

Knabenträumen weiter entfernt als je zuvor, und um die Wahrheit zu sagen: Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, mich für den Rest meiner Tage behäbig,


rheumatisch und leise keuchend durch die Gegend zu bewegen, und der Gedanke, daß meine Freundin mich insgeheim mit dem alten Auto verglich, war mir noch nicht einmal unangenehm. Bis dann eines Tages - ich weiß nicht, was mich ritt Tollkühnheit über mich kam. Es war auf der Rückfahrt von Hamburg zwischen Kassel und Würzburg. Sie muß wohl irgend etwas Abfälliges über unser treues Gefährt gesagt haben... nein, im Gegenteil, ich erinnere mich jetzt genau. Sie hatte gesagt: „Eigentlich ist er doch recht brav. Er hat wirklich noch nie ernstlich gestreikt.“ Da passierte es. „Und er macht noch glatt seine hundertachtzig Sachen!“ setzte ich triumphierend obendrauf und beschleunigte rasant. Bei hundertvierzig erzitterte der alte Knabe in allen Schweißnähten. Bei hundertfünfzig setzte ein hohes Pfeifen ein und bei hundertsechzig gab er ratternd seinen Geist auf. „Es

sind

die

Lager“,

sagte

der

Mann,

der

uns

abschleppte. „Ich gebe Ihnen noch hundertfünfzig Mark für die Reifen.“ „Sag jetzt bitte nichts“, sagte ich zu meiner Freundin und unterdrückte ein Schluchzen. Da sah ich, daß sie gar nichts sagen konnte, denn sie weinte bitterlich. Von nun an sah ich täglich bis zu zehn Jaguars. Es war ganz so, als sei plötzlich ein Riesenschwarm dieser englischen Nobelkutschen über München hergefallen. Ich machte

auch

Kreuzchen

an

enstprechenden

Zeitungsanzeigen. Nur so zum Spaß. Denn im Ernst war nicht daran zu denken. Viel zu teuer, viel zu extravagant,


viel zu unseriös! Aber da war dieser Händler in Schwabing. Und da war dieser dunkelblaue Jaguar bei diesem Händler. Ich machte kilometerlange Umwege mit dem kleinen Sportwagen meiner Freundin, nur um an diesem Jaguar vorbeizufahren. Und eines Tages sagte sie: „Warum fragst du nicht nach dem Preis?“ „Der Wagen ist geschenkt“, sagte der Händler. „Der

Vorbesitzer konnte eine Reparatur nicht bezahlen. Sie bekommen

ihn

praktisch

gegen

Erstattung

der

Reparaturkosten und eine kleine Provision für mich.“ „Lassen Sie die Finger davon“, sagte Herr Schröder. „Sie

zahlen ein Vermögen für Reparaturen. Denn ich bin auf Jaguar

nicht

eingestellt.

Dafür

braucht

man

Spezialwerkzeuge.“ Klar, das alte Schlitzohr sah mich am liebsten in einem altersschwachen Mercedes. Ich schlug seinen Rat in den Wind. Dabei hätte es mir auffallen müssen, daß die Reparaturkosten seltsam hoch waren. Wir feierten den neuen Besitz mit Champagner. Und wir waren beide sehr glücklich. Ich, weil ich mir meinen Knabentraum erfüllt hatte, und sie, weil ich nicht mehr so bedrückt war. Es war herrlich, langsam die Leopoldstraße auf- und abzufahren. Ich fühlte mich um Jahre verjüngt. Und ich zog Blicke auf mich, an die ich längst nicht mehr geglaubt hätte. Als ich das erste Mal abgeschleppt werden mußte, ließ ich den Wagen zu Schröder bringen. Der lehnte kühl ab. „Da laß ich die Finger davon. Viel zu kompliziert.“ Bilde


ich es mir ein, oder lag Hohn in seiner Stimme? Vielleicht war es auch Genugtuung. In der Fachwerkstatt zahlte ich ein Vermögen. Mit der Zeit überstieg mein Traum meine Verhältnisse. Ich hatte mich total verausgabt, als ich den Wagen für einen Spottpreis dem Händler zurückbrachte. „Komm, ich muß dir was zeigen“, sagte meine Freundin, als ich traurig nach Hause kam. Sie fuhr mit mir - zu Schröder. „Da“, sagte sie und zeigte auf einen Mercedes. Dem

alten wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur ein paar Jahre jünger. Es hätte sein Sohn sein können. „Das ist jetzt unserer. Herr Schröder hat ihn für uns ausgesucht.“ Als sie mir die Schlüssel in die Hand drückte, verzog sich Schröder feixend in seiner Werkstatt. Und sie haben ja alle recht. Der Neue wird wieder viele Jahre halten. Und schließlich- man ist ja auch nicht mehr in dem Alter, wo man seiner Umwelt mit der Automarke imponieren muss. Oder ist das altersunabhänig?

Alles eine Frage der Optik Mein Übertritt in die ältere Generation vollzieht sich etappenweise. Ich selbst merke es kaum. Ich merke es aber zum Beispiel daran, daß es mir immer schwerer fällt, meine wirkliche ungeheuchelte Meinung zu sagen, ohne dabei jemandem, der noch nicht die Schwelle des Greisenalters erreicht hat, auf die Füße zu treten.


Dabei kommt es mir gar nicht darauf an, a n d e r e r Meinung

zu

sein.

Ich

habe

eben

nur

meine

Schwierigkeiten damit, g l e i c h er Meinung zu sein. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Ich

merke

das

auch

an

entsprechenden

Rückversicherungsfragen meiner Freundin. Wenn sie nämlich in einem bestimmten Ton sagt: „Was meinst du eigentlich damit?“, dann weiß ich, daß ich wieder einmal etwas von mir gegeben habe, was zum Beispiel ein junger, emanzipierter Mann mit Baby im Brustbeutel gar nicht verstehen könnte. Etwa die Bemerkung: „Wieso schleppt der eigentlich das arme Wurm

zur

Haupteinkaufszeit

durchs

dick-ste

Menschengewühl?“ Oder gar meine Schlußfolgerung daraus: „Möglicherweise ist der gar nicht so emanzipiert, wie er tut. Er möchte es nur gern sich und anderen demonstrieren...“ Solche

Bemerkungen,

so

habe

ich

dem

Internet

entnommen, sind Alterserscheinungen. Und vor allem ist es

die

Grundeinstellung,

die

dahintersteckt.

Das

wiederum weiß ich von meiner Freundin. „Siehst du nicht, daß hier ein junges Paar ideale

Arbeitsteilung vornimmt“, sagt sie etwa, und wenn ich daraufhin „nein“ sage, dann sagt sie „eben!“ Und ich weiß genau, was sie mit diesem „eben!“ meint. Die Zeit beginnt mich zu überholen. Früher habe ich immer gedacht, daß besagte Schwelle zum Greisenalter dann erreicht ist, wenn man beginnt, über den oberen Rand der Brille hinwegzuschielen und sich dabei nach


vorn zu beugen. Aber diese Schwelle hat sich offenbar deutlich nach unten verlagert. Männer, die in der Blüte ihrer Jahre stehen, können mit der jüngeren Generation nicht mehr Schritt halten. Meine Freundin gehört zur jüngeren Generation, die ich offenbar im Begriff bin zu verlassen. Es ist noch gar nicht lange her, da fand sie Jünglinge in weiten Schlappergewändern mit Strickzeug entzückend. Vor allem, wenn sie über den Strickstrumpf hinweg mit der

jeweiligen

Partnerin

die

jeweilige

Beziehung

durchdiskutierten. Nächtelange Debatten bei schwarzen Zigaretten mit Rotwein habe auch ich schon auf zahlreichen Fußböden in ebenso zahlreichen Studentenbuden erlebt. Aber wenn ich es erwähne, bekomme ich schon wieder einen Punktabzug: „Damit machst du doch überdeutlich, daß du zur 68-iger

Generation gehörst.“ Unausgesprochen aber deutlich im Raum steht die Fortsetzung des Satzes: „Zu diesen angepaßten Schlappschwänzen...“ Bin

ich

ein

angepaßter

Schlappschwanz

mit

nostalgischen Erinnerungen? Natürlich versuche ich nach Kräften, gegenzusteuern. Jogging-Anzüge mit Emblemen amerikanischer Universitäten und Trunschuhe ohne Schnürsenkel sind nur ein äußeres Anzeichen meiner Anstrengungen. Auch habe ich die Anschaffung eines Strickzeuges erwogen

und

mich

in

Fachgeschäften

fachkundig

gemacht, wie man einen Baby-Brustbeutel handhabt.


Denn

auch

mit

dem

Gedanken

an

verjüngenden

Nachwuchs habe ich mich bereits getragen. Die Anwandlung mit dem Strickzeug habe ich bloß deswegen unterdrückt, weil mir noch rechtzeitig das Gesicht meiner Mutter eingefallen ist, das sie machte, als ich sie seinerzeit mit einem selbstgehäkelten Topflappen zu ihrem Geburtstag überraschte. Ich war zehn, sie war vierzig. Und ich begriff damals, daß ich unbegabt zur Handarbeit war. Aber andere Äußerlichkeiten, die mich von meiner jugendlichen Umwelt unterschieden, habe ich rasch überspielt. Da die jungen Väter mit den Babybeuteln immer schüttere Bärte zum blassen Gesicht tragen, habe auch ich mein Barthaar sprießen lassen. Auch mein Haupthaar weht länger als sonst. Ich habe das Rauchen aufgegeben sowie den Verzehr von fettem Fleisch. Dafür esse ich jetzt morgens Müsli. Ich habe mir auch schon ein paar CDs mit Meditationsmusik angeschafft. Aber das Alter ist schneller als mein Wille zur Anpassung. Ich habe nicht gemerkt, daß mich die Entwicklung bereits wieder überrollt hat. Es ist mir entgangen, daß man als wirklich junger Mensch jetzt das Haar militärisch kurz trägt und auszusehen hat wie aus einer Illustrierten der Dreißiger Jahre nebst dazugehörigem glattrasierten Gesicht und forschem Machoblick. Meine Freundin hat es mir nicht direkt gesagt, weil sie weiß, wie sehr es mich trifft, wenn man mir meine Vergreisung vorwirft.


Aber einer ihrer Lieblingssprüche der letzten Tage ist: „Der sieht ja aus wie aus den Siebziger Jahren übriggeblieben...“ Dabei deutet sie ausnahmslos auf Herren, die sich so tragen wie ich neuerdings. Nicht einmal die Arbeitsteiler mit Brustbeutel nimmt sie seit Jüngstem davon aus. Und ich habe sie auch das Wort „Beziehungskiste“ mit deutlich ironischem Unterton aussprechen hören. Es handelt sich dabei nicht etwa um einen Wandel, der in ihr vorgeht. Sie bleibt dabei so jung und jugendlich wie eh und jeh. Es ist die Zeit, die sich verändert. Sie nimmt die Zeitströmungen auf der Stelle wahr und lebt mit ihnen. Und ich... Während die Jugend um mich herum beginnt, konservativ zu tragen, versuche ich noch immer unter Aufarbeitung meiner Vorurteile, modern zu werden. Und genau das ist ein bedenkliches Zeichen. Sagt meine Feundin. Sie findet altmodisch voll abgefahren und ausgeflippt und besitzt bereits eine reichhaltige Garderobe Marke 1953 nebst Petticoat und hochhackigen vor zugespitzten Schuhen. Wie sie damals Sophia Loren trug. Und während ich mich noch mit Alice Schwarzer quäle, vergießt sie Rührungstränen über den „Förster vom Silberwald“ und „Conny und Peter“. Den „Förster vom Silberwald“ habe ich seinerzeit spöttisch belächelt. Sehr zu Unrecht, wie ich jetzt weiß, seit man für die Alterszielgruppe, zu der ich nunmal gehöre,

die

„Schwarzwaldklinik“

gedreht

hat.

Aber

Nierentische finde ich nicht etwa „herrlich altmodisch“,


sondern nach wie vor scheußlich, und ich bin froh, daß meine Freundin so modern nun doch nicht ist, all das alte Zeug herrlich zu finden. Um selber nicht ganz den Überblick zu verlieren, habe ich dieser Tage einen Optiker aufgesucht. „Wenn Sie sich keine neue Brille zulegen“, sagte der

Optiker, „dann werden Sie in kurzer Zeit beginnen, über die Gläser zu schielen und sich dabei nach vorn zu beugen...“ Jetzt trage ich eine Brille mit „gleitendem Fokus“, der man äußerlich nicht anmerkt, daß es eine Altersbrille ist. Nur ich weiß es. Und natürlich weiß es auch meine Freundin. Und die ist, seit sie es weiß, viel rücksichtsvoller zu mir als früher.

Und

gemeinsam

mit

mir

beginnt

sie

sich

zurückzubesinnen an eine Zeit, die wir beide nicht erlebt haben, die Zeit, in der Pfarrer Kneip die Leute mit kalten Wassergüssen erschreckte und durch Wald und Flur strich,

um

heilsame

Kräutlein

zu

sammeln

und

anschließend in all ihrer Zauberkraft zu beschreiben. Wer heutzutage bereit ist, sich in die Apotheke Gottes zu begeben, dem tut sich eine ganz neue Welt auf...


Der Geist der Kräuter Es begann an dem Tag, als unsere Schildkröte, die damals noch “Jerry” hieß, das linke Auge nicht öffnen konnte. „Ich glaube, Jerry hat sich erkältet“, sagte meine Freundin

besorgt und mit jenem ganz bestimmten Unterton, der bedeutet: ‘Sicher hast du wieder einmal die Tür aufgelassen, obwohl ich dir schon hundertmal gesagt habe, daß Jerry sich dann erkältet’. In diesem Augenblick gefiel es Jerry, vernehmlich zu niesen. „Wenn Schildkröten niesen, besteht höchste Lebensgefahr“, sagte meine Freundin nunmehr aufs höchste alarmiert, indem sie das Tier in ein Handtuch wickelte, auf dem „Plaza Hotel“ stand. „Was hast du vor, wo willst du hin?“ fragte ich vorsichtig, obwohl ich die Antwort kannte. „Zu Dr. Friedl natürlich.“


Dr. Friedl hat früher Elefanten und Giraffen im Zoo verarztet. Aber nachdem eine der Giraffen an chronischer Halsentzündung erkrankte und er beim Auspinseln des Giraffenhalses von der Leiter stürzte, gab er den Job auf und spezialisierte sich auf Kleintiere. Zum Beispiel auf unsere. Da hat er genug zu tun. Dr. Friedl hat an sich für alles eine Spritze. Nur bei Schildkröten tut er sich naturgemäß etwas schwerer. So beschränkt er sich hier im allgemeinen auf gute Ratschläge, wie zum Beispiel diesen: „Kein Grund zur Aufregung. Tränken Sie einfach einen Wattebausch mit Kamillentee, und tupfen Sie der Schildkröte das Auge aus. Das hilft. Und achten Sie darauf, daß sie keinen Zug bekommt. Manchmal läßt man aus Versehen eine Tür auf, und schon ist es passiert. Schildkröten sind empfindlicher, als man denkt...“ Ja, wenn wir den guten Dr. Friedl nicht hätten. Zum Erwerb des Kamillentees begaben wir uns in ein alternatives Fachgeschäft für Kräuter, wo uns eine junge Dame in roten Gewändern, die ein Bildnis ihres Großvaters an einer schwarzen Perlenkette um den Hals trug, mit allem Nötigen versorgte. So erstanden wir zum Beispiel eine Flasche mit Sanddornsirup „reich an Vitamin C“, ein Badeöl aus Rosmarinextrakt gegen plötzliche Frühjahrs-müdigkeit, ein Päckchen Kamillentee aus unge-düngter Erde von freilaufenden Bauern, einen Vitamin-B-Komplex und das Buch „Wunder aus der Apotheke Gottes“, schluckweise auf nüchternen Magen zu trinken.


Der Kamillentee wirkte Wunder. Er befreite Jerry von ihrem dicken Auge und unseren vergesslichen Basset Wum von seinem Rheuma, das er sich auf der Suche nach seinen selbst vergrabenen Knochen im windigen Garten zugezogen hatte. Jedenfalls raste er wie ein junger Hund treppauf und treppab, nachdem er den Rest des Tees aus einer Untertasse geleckt hatte. „Es muß was dran sein an den Heilkräutern der Natur“,

sagte meine Freundin daraufhin und vertiefte sich in das mitgebrachte Buch. „Es ist unglaublich“, sagte sie daraufhin. „Da hat eine alte Frau ihr Leben lang Schwedenkräuter getrunken. Und jetzt ist sie schon achtzig und hat immer noch keinen Gebärmuttervorfall ist das nicht verblüffend? Und ein Fünfzigjähriger hat sich den

Kopf

Haarausfall

mit

Brennesselsaft

eingerieben

und

braucht

noch

jetzt

immer

gegen keine

Altersbrille.“ „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“, zitierte ich einen

alten Medizinerspruch und vertiefte mich nun - neugierig geworden - meinerseits in das Buch. Es war ganz erstaunlich, was da alles zu finden war: Wenn ich zum Beispiel täglich einen Umschlag mit Ringelblumensalbe machen würde, bekäme ich nie eine Brustentzündung. Kindbettfieber und Schlangenbiß wären kein Problem, wenn man unverzüglich frisch gepflücktes Schöllkraut in einem Eimer mit französischem Cognac ansetzt und 24 Stunden

stehenläßt.

„Man

findet

das

heilkräftige

Schöllkraut selbst im tiefen Winter unter dem Schnee“, bemerkte die Verfasserin.


Es war klar - wir müßten uns viel intensiver als bisher mit Naturheilkunde

befassen.

Unglaublich,

welche

Krankheiten man dann nicht bekommen würde. Man denke nur an die Pest oder den Veitstanz... Das

Wunderbarste

waren

die

schon

erwähnten

Schwedenkräuter. Wir erfuhren, daß sie bereits 1871 von einem schwedischen Arzt entdeckt wurden, als er im Alter von 106 Jahren vom Pferd stürzte und sich den Hals brach. Oder so ähnlich. „Auf

diese

Weise

starb

er

nicht

an

seinem

Prostataleiden“, stand da. Und das gab den Ausschlag. Schwedenkräuter mußten her, denn sie bewahren nicht nur vor Bettnässen, Schweißfüßen, Blähungen und Nachgeburtswehen, sondern auch vor Sprachstörungen und Gliederzittern nach dem Stuhlgang. „Wenn man bedenkt, was wir auf diese Weise der

Volkswirtschaft an Arztkosten ersparen...“, bemerkte meine Freundin, „ganz zu schweigen von der Vernichtung der Pharmaindustrie mit ihren Tierversuchen“, ergänzte ich. Wir waren uns einig und kauften eine Familienpackung Schwedenkräuter „zum Selbstan-satz“. So eine richtige Schwedenkräutermischung besteht aus Dingen wie Sennesblätter, Aloe, Zitwerwurzel, Manna, Theriak und Kampfer sowie einem Dutzend weiterer Wunderkräuter aus der Apotheke Gottes. Das Ganze ist „in einem guten 40prozentigen Obstwasser in einer breithalsigen 2-Liter-Flasche anzusetzen und 14 Tage in die

Sonne

zu

stellen“.

Heißt

es

in

der


Gebrauchsanweisung. Danach soll man es in regelmäßigen kleinen Schlucken genießen. In großer Spannung warteten wir darauf, daß unser Allheilmittel fertig würde. Mit uns warteten all unsere Freunde, denn mit der ihr eigenen Überredungsgabe hatte meine Freundin die meisten davon überzeugt, daß es nichts Besseres gäbe als selbstangesetzte Schwedenkräuter. Und so standen auf vielen Fenstersimsen breithalsige Flaschen in der Sonne. Manche unserer Freunde versprachen sich wirklich etwas davon. Die meisten jedoch wollten einfach meiner Freundin nicht weh tun. Der erste Schluck der mit großer Aufregung erwarteten Arznei schmeckte niederschmetternd, und so probierten wir weiter. Der fünfte und sechste Schluck waren schon erträglicher. Und nach dem zehnten Schluck sanken wir uns selig lallend in die Arme. Ein wahres Wundermittel: Noch nie zuvor war ich so schnell betrunken gewesen. Die mußten schon ganz schön was vertragen haben, die alten Schweden, auch wenn sie anschließend vom Pferd fielen. Allerdings stellten wir am nächsten Morgen dasjenige Leiden fest, das von dem Wundermittel nicht kuriert wird: AlkoholKater. Immerhin: Wir hatten zu zweit vor lauter Probieren einen ganzen Liter des Getränks geschafft. Unser

Freund

Schwedenkräuter

Manfred,

der

angesetzt

hatte

ebenfalls -

mit

seine ähnlich

umwerfender Erfahrung -, brachte das Ganze auf eine


versöhnliche Formel, an die wir uns seither halten: „Wenn man beim Ansatz all die vielen Kräuter wegläßt, erhält man einen vorzüglichen Obstgeist...“

*

Ich erwähnte es bereits eingangs, was mir heute geläufig ist, aber damals noch neu war: Immer wenn die Frau an meiner Seite..., also immer wenn sie sinnenden Blickes mitten im Raum bewegungslos stehenbleibt, dann kommt etwas auf mich zu. Sie sagt dann Dinge wie: „Könnte man nicht eben mal die Wand zwischen Arbeitszimmer und Wohnzimmer wegnehmen? Dann bekämen wir einen schönen

großen

Raum!“

Gegenfragen

wie:

„Was

verstehst du eigentlich unter ,eben mal’?“ habe ich längst aufgegeben,

denn

ich

bekomme

lauter

logische

Antworten. Zum Beispiel die: „Du nimmst einen Meißel und einen Hammer und schlägst die Steine heraus.“ Ihr geht es eben ums Prinzip. Und so finden Dinge wie tragende Wände, Licht- und Wasserleitungen und die Frage „Wohin mit dem Schutt?“ in ihren Erwägungen keinen Platz. Ganz abgesehen von meiner Zeit oder meiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Das letzte Mal, als sie sagte: „Man müßte eigentlich ein paar Bilder aufhängen“, erlebte ich mein persönliches Waterloo... Ich hatte in meinem Eifer, ihr zu Willen zu sein, übersehen, daß sie sinnend vor einer Betonwand stand.


Es dauerte zwei Dutzend krummgeschlagene Nägel, einen abgebrochenen Handschlagbohrer und eine zu diesem

Zweck

schließlich

gekaufte

und

dann

heißgelaufene Bohrmaschine lang, ehe ich aufgab. Aber eigentlich nur, weil sonst das Blut, das von meinen zerschundenen Händen rann, den Teppich ruiniert hätte. An diesem Tag beschloß ich: Für künftige Ansinnen dieser Art ist das Handwerk zuständig! Auch meine Freundin

hatte

inzwischen

erkannt,

daß

eine

Taktikänderung angebracht wäre. Sie sagt jetzt: „Findest du nicht auch, daß die Vinyltapete im Badezimmer scheußlich aussieht? Vielleicht sollten wir einen Mann holen, der uns das Badezimmer richtet...“ Seit der Sache mit der Betonwand sind wir nämlich gleichberechtigt: Ich bin kein Mann mehr. Aber sie hat ja recht- was kann man schließlich mit zehn verbundenen Fingern noch leisten? Und seit sie ihre Vorliebe für die Farbe weiß in sämtlichen denkbaren Varianten, an allen denkbaren Gegenständen und jeder möglichen Umgebung entdeckt hat, ist mit mir eh nicht allzuviel anzufangen, weil nichts weiß bleibt, das ich einmal angefasst habe. Dabei weiß auch ich:

Weiß ist in Der Mann, der uns das Badezimmer richten sollte, war


ein Fliesenleger. Wir hatten uns vorgestellt, das Bad vom Fußboden bis zur Decke vollkommen mit weißen Fliesen zu belegen. „14 Kacheln hoch - und keine einzige mehr. Darüber

kommt die Ölfarbe“, sagte der Handwerker kategorisch. Die Frage: „Und warum nicht bis zur Decke?“, konnte der Experte erst nach einigem Nachdenken beantworten. „Weil man das in Wohnräumen so macht. So hat das schon mein Vater gehalten und vor dem mein Großvater. Und überhaupt - weiße Kacheln! Sieht aus wie eine Metzgerei. Wo es doch so schöne farbige Kacheln gibt. Und sogar mit Mustern drauf!“ Ich neigte sofort dazu, dem Mann recht zu geben. Sein Großvater mußte es schließlich wissen, wo doch die Fliesenlegerei seit Generationen in Familienbesitz war. Aber meine Freundin blieb hart. „Bis zur Decke! Und um die Farbe der Kacheln machen Sie sich keine Gedanken. Wir wollen das so!“ Der Handwerker kam an nächsten Morgen (ehrlich: Handwerker kommen neuerdings am nächsten Morgen!). Aber er ging gleich wieder mit der Bemerkung: „Sie glauben doch nicht, daß ich meine Fliesen auf Ihre Tapeten klebe! Und die Armaturen müssen bis morgen früh auch weg!“ Das war die Rache des Fliesenlegers. Vinyltapeten sind schwer zu entfernen. Alte Armaturen auch. Vor allem, wenn man kein Klempner ist. Aber der wäre erst für den nächsten Morgen zu haben gewesen. Bis zum Morgengrauen hatte ich es unter sachkundiger Anleitung meiner Freundin geschafft. „Pfusch!“ sagte der


Fliesenleger sofort. „Diese tiefen Löcher kann man nicht überfliesen. die muß man zugipsen!“ Den Ton kannte ich. Ich erschauerte. Da stellte sich meine Freundin kämpferisch neben mich: „Gips ist in der Garage. Ein ganzer Sack voll. Bedienen Sie sich!“ Es funktionierte tatsächlich! Der gute Mann ging fluchend in die Garage, schleppte fluchend den Gipssack herein, rührte fluchend seinen Brei an, schmierte ihn fluchend in die Löcher und begann fluchend mit der Arbeit. Mit

der

Zeit

wurden

die

Flüche

spärlicher

und

verstummten schließlich ganz. Am Abend stand er bewundernd vor seinem Werk. Das Badezimmer war schneeweiß gekachelt. Vom Fußboden bis zur Decke. „Sieht gar nicht so übel aus“, meinte er. Drei Tage späger war er wieder da. Er brachte einen halbwüchsigen Burschen mit. „Mein Sohn“, stellte er ihn vor. „Mach deinen Diener!“ Der Junge sollte sich doch auch mal das Badezimmer anschauen, meinte der Vater. Für mindestens drei weitere Generationen würden die Badezimmer nun weiß gekachelt werden. Und zwar bis zur Decke. Den Artikel in der Fliesenlegerzeitschrift „Die Kachel“ unter

der

Überschrift:

„Praktische

Hinweise

zur

Ganzbekachelung von Räumen im Naßzellen-bereich“, verfaßt von unserem Handwerksmeister, fand ich ein paar Monate später zufällig im Wartezimmer von Dr. Friedl, unserm Tierarzt, der gerade umbaute. Weiß wäre die Farbe der Wahl, dozierte der Autor und verstieg sich sogar zu dem Wort „in“. „Weiß ist in“, schrieb er. „Hast du


schon gewußt, daß weiß in ist?“ fragte ich meine Freundin. Sie hatte es gewußt. Deshalb beschlossen wir, zusätzlich zum übrigen Weiß in unserem

Haus

uns

von

einem

Töpfer

weißes

Trinkgeschirr fertigen zu lassen, aus dem wir in unserem weißen Badezimmer mal einen Schluck Weißwein trinken würden. „Unmöglich“, sagte der Töpfer. „Erstens können Sie einen

Tonscherben nicht wie ein Trinkglas formen. Das ist nicht materialgerecht. Und zweitens - wie sieht denn eine weiße Glasur auf Ton aus?!“ „Auf unsere Verantwortung“, sagte meine Freundin. Und ich fügte diplomatisch, wie es meine Art ist, hinzu: „Und niemand wird jemals erfahren, daß die Gefäße aus Ihrer Werkstatt stammen.“- „Das heißt Atelier“, sagte der Meister und blickte mich strafend an. Als wir die fertigen Sachen abholten, hatte er selbst für die neuen Gläser den Ausdruck „Pokale“ gefunden und war voller Eifer, uns die Kollektion vorzuführen. Ganz aus eigener Initiative hatte er zu den sechs Pokalen noch einen passenden weißen Krug gefertigt, den er uns anbot. Und im Boden der Pokale hatte er sein Signum eingraviert. Auch sein Fenster hatte er umgestaltet: weiß glasierte Tongefäße für den täglichen Gebrauch. Pokale. Krüge. Kerzenhalter. „Das spricht doch für die Lernfähigkeit des Handwerks“,

meinte ich. „Nein, das spricht für unsere Blödheit“, konterte meine Freundin. „Wir geben anderen Leuten unsere Ideen, und die machen ein Geschäft daraus! So


etwas passiert uns nicht noch einmal. Auch wir sind lernfähig!“ Was das für mich bedeutet, ist klar: Immer dann, wenn meine Freundin sinnenden Blickes mitten im Raum bewegungslos stehenbleibt, hole ich schon mal meinen Werkzeugkasten und das Verbandszeug...

Aber sie hat recht: Lernfähig sind wir schon. Das haben wir bereits ganz zu Beginn unseres gemeinsasmen Lebens unter Beweis gestellt. Aber mit der Lernfähigkeit ist das auch wiederum so eine Sache: Meine Freundin ist Stier. Das heißt, sie ist unter dem Sternzeichen des Stiers geboren. Und das wiederum heißt: Jede Erfahrung, die sie einmal gemacht hat - und aus der es etwas zu lernen gab, wird bei ihr - und damit bei uns- fortan zur Tradition. Und das bedeutet dann:

Same procedure as every year

“Dieses Jahr”, sagt meine Freundin, „dieses Jahr wird

heuer einmal ganz anders.“ Das sagt sie jedes Jahr. Sie


sagt es indes nicht zu mir, sondern zu unseren Freunden. Und zwar immer dann, wenn diese damit beginnen, die bekannte Frage zu stellen: „Was macht ihr eigentlich zu Silvester?“ Das ist meist so gegen Anfang November. Meine Freundin möchte damit sagen (ohne ausfallend zu werden!):

„Laßt

uns

bloß

in

Ruhe

-

wir

sind

silvestergeschädigt.“ Und laut sagt sie: “Wir verreisen. An einen geheimen Ort.” Das begann bereits an unserem ersten gemeinsam erlebten Jahreswechsel. Wir hatten uns gerade, ich erwähnte es bereits, anläßlich einer Vor-Weihnachtsfeier kennen- und etwas später liebengelernt. Genau genommen, wir waren gerade mitten dabei, als es sich herausstellte, daß wir zu Silvester verschiedenartige recht komplizierte Verabredungen hatten, die wir nicht koordinieren, aber auch nicht mehr rückgängig machen konnten - sie mit ihrem Noch-Ehemann, von dem sie seit Jahren glücklich getrennt lebte, und dessen Freunden ich mit meiner Exfreundin und einem Freund, die ich bei dieser Gelegenheit miteinander verkuppeln wollte. Am

Nachmittag

herzzerreißenden

des

31.

Abschied

Dezember

nahmen

voneinander,

um

wir uns

unseren jeweiligen Verpflichtungen hinzugeben. Gegen 19 Uhr rief ich sie allerdings bereits wieder an: „Mein Smoking ist zu eng - kannst du mir helfen?“ „Tut mir leid,“ sagte sie, „aber mein Mann, er steht gerade neben mir, hat in Berlin einmal ein HerrenausstattungsGeschäft geleitet. Der kann mit sowas umgehen.“


Und so kam es, daß ich wenig später in Unterhosen dem Noch-Ehemann meiner neuen Freundin gegenüberstand, während er mit Nadeln im Mund an ihrer Nähmaschine saß und meinen Smoking erweiterte. „Ganz schön rundlich um die Hüfte rum“, murmelte er und

brachte das Kunststück fertig, dabei keine einzige Nadel fallen zu lassen. Es war klar, was er meinte - und er war eindeutig in der besseren Position. Wenig später traf ich mich dann mit Freund und Exfreundin im Foyer des neueröffneten Deutschen Theaters (so lange ist das nun schon her!). Ich

hatte

Karten

zur

Silvester-Gala

ergattert.

„Abendgarderobe ist Vorschrift“, stand auf den Karten. Deswegen hatte sich die Exfreundin in Schottenkaro gehüllt, was viele Blicke auf uns zog. „Das ist doch nicht dein Ernst“, flüsterte mir mein Freund

ins Ohr, indem er versuchte, sich hinter der großzügig bemessenen

Speisekarte

der

starken

allgemeinen

Beachtung zu entziehen. Ich zuckte mit den Schultern. Das hätte ich nicht tun sollen, denn ich spürte, wie die Rückennaht

meines

eben

erweiterten

Smokings

nachzugeben begann. Da mußte wohl einer mit der heißen Nadel genäht haben. Das Nahen des Kellners unterbrach meine Rachegedanken. Wir bestellten wenigstens ausgiebig und wurden während der Wartezeit durch eine Tanzgruppe ergötzt: Ein Dutzend

ältere

Damen,

an

deren

Rückseiten

Straußenfedern befestigt waren, und die dummerweise ihre Oberteile in der Garderobe gelassen hatten, hüpften


zu

-

laut

Prospekt

-

„heißen

südamerikanischen

Rhythmen“ auf und ab. Aus den Reihen der vollzählig versammelten Münchner Schickeria wurden die ersten Unmutsäußerungen laut. Als die Damen gegangen waren, kam noch ein Jongleur, der nicht jonglieren konnte, ein Zauberer, der nicht zaubern konnte, und ich glaube, noch eine Tanzgruppe. Was aber nicht kam, war das Essen. Das Murren im Publikum wurde immer lauter, denn alle hatten in Erwartung des angesagten Gala-Diners zu Hause nichts gegessen und bekamen nun erst recht nichts. Binnen kurzem hatte sich die ganze Kir-Royal-Society im Bierkeller des Etablissements versammelt und verspeiste Würstchen mit Kraut, was nebst Bier reichlich vorhanden war. Die Zeitungen berichteten später, die Silverster-Gala im neueröffneten Haus sei nicht besonders gut gelungen gewesen, die Damen der Tanzgruppe hätten sich erkältet, und die Kellner und die Köche hätten sich um die zwar bestellten, aber nie fertig gewordenen Gala-Diners eine Schlacht geliefert. Nur der Besitzer des Bierkellers sei zufrieden gewesen. Meine Exfreundin, mein Freund und ich beschlossen, um den Abend zu retten, noch eine stadtbekannte Bar der Schickeria aufzusuchen, wo wir uns den Weg zur Theke nach Münchner Art freiküssen mußten. In einer Ecke machte ich im Halbdunkel einige Gestalten aus, die ich ganz woanders wähnte: meine Freundin, deren Noch-Ehemann sowie eine weitere Figur aus ihrem Vorleben.


Der Abend meiner Freundin muß auf ähnliche Weise mißlungen sein. Jedenfalls freuten wir uns sehr, einander wiederzuhaben, und ich fand im Überschwang meiner Gefühle sogar ihren Ehemann sympathisch und verzieh ihm großmütig die Sache mit der heißen Nadel. In diesem Kreise konnte ich mein Jackett ohnehin ablegen. Meine Freundin und ich entfernten uns in einem passenden Augenblick, um den Abend doch noch harmonisch ausklingen zu lassen, fanden jedoch bei unserer Ankunft in meiner Wohnung in meinem Bett meine Exfreundin und meinen Freund vor. Erstere nunmehr ohne Schottenkaro. Ich hatte ganz vergessen, daß ich ihm vor langer Zeit meinen zweiten Hausschlüssel überlassen hatte und wohl auch nicht damit gerechnet, daß er davon noch Gebrauch machen würde. Trotz der späten Stunde fanden meine Freundin und ich noch ein nettes Hotelzimmer, denn in ihrer Wohnung gastierte ja ihr Noch-Ehemann. So wurde dieses unser erstes gemeinsames Silvester zu einem durch und durch Münchner Ereignis, wie es auch Kir-Royal-Regisseur Helmut Dietl nicht hätte besser in Szene setzen können. Weitere

Silvesterparties

planten

wir

von

nun

an

gemeinsam. Freilich zunächst ohne bessere Ergebnisse. Denn entweder brach die einladende Hausfrau Punkt zwölf in Tränen aus oder die anwesenden Herren kriegten sich mit steigendem Alkoholkonsum der anwesenden Damen wegen in die Wolle oder es stellte sich heraus, daß

die

schließlich

von

uns

Eingeladenen

die

Temperamente von Schlaftabletten hatten oder es


entstanden

aus

nichtigem

Anlaß

lebenslange

Feindschaften oder alles zusammen. Von zu warmem Champagner und Zigarettenlöchern in den Teppichen soll hier gar nicht die Rede sein. Jedenfalls beschlossen wir anläßlich eines solchen Jahreswechsels, uns im kommenden Jahr dem ganzen Rummel zu entziehen. Folglich buchten wir kurz vor Weihnachten eine Reise nach

Ägypten.

Sonne,

Orient,

Exotik

und

am

Silversterabend, ein Glas Champagner unter sternklarem Himmel in einer lauen Nacht hoch über dem Nil... dachten wir. Das war indes nicht so einfach. Es stellte sich nämlich heraus, daß alle, aber auch alle infrage kommenden Lokalitäten mit Blick auf den Nil bereits Monate im voraus für die Silvesternacht für Silvesterflüchtlinge aus Europa ausgebucht waren. „Macht nichts, wir hätten doch wieder ganz München

getroffen“, meinte meine Freundin. Und so bestellten wir uns beim Zimmerkellner eine Flasche Champagner, öffneten Punkt zwölf das Fenster und prosteten den fünf Ziegen und den drei Katzen auf dem nachbarlichen Flachdach zu - im Hintergrund ahnten wir im Dunst den Nil. Dieses Erlebnis brachte uns auf eine Idee fürs kommende und alle künftigen Jahre: Wir betrachten uns am Abend des 31. Dezember im Fernsehen das alljährliche „Dinner for one“ und lachen wie stets an der Stelle, an der James nicht über den Kopf der Jagdtrophäe stolpert.


Und dann steigen wir - same procedure as every year hinauf auf unsere Dachterrasse - dick in unsere Wintermäntel gehüllt - und prosten uns mit eigenem Champagner aus eigenen Gläsern auf das neue Jahr zu. Das Feuerwerk über München genießen wir kostenlos, wir wissen, daß unser Bett nur für uns reserviert ist und daß uns auch das Telefon nicht mit Neujahrswünschen stört. Denn alle denken ja, wir seien verreist... Wir haben bei einer dieser Gelegenheiten - der Weg zur Dachterrasse fürht

über den Boden des Hauses-

festgestellt, daß man da oben ein sehr gemütliches Studierzimmer einrichten könnte. Bloß wohin mit dem Krempel verflossener Jahre. Ich trenne mich schwer vom Ballast des Gewesenen , schließlich bin ich Krebs - und meine Freundin noch schwerer - schließlich ist sie- ich erwähnte es bereits - Stier. Und so kam es, daß sich unsere

jeweiligen

Vergangenheiten,

die

wir

nach

Möglichkeit nicht bei Vollmond und nicht nach dem Genuss von Rotwein erwähnen dürfen, sich auf unserem Boden ein nostalgisches Stelldichein geben. abgesehen

von

überzähligen

Gegenständen

Ganz der

gemeinsamen Vergangenheit, wenn sie auch noch relativ jung war: Ein defekter Rasenmäher war darunter, alte, von

mir

eigenhändig

herausgerissene

Türstöcke,

sorgsam, zur eventuellen Wiederverwendung, säuberlich gestapelte

Ziegelsteine

aus

dem

erwähnten

Mauerdurchbruch und zahllose Kartons - stumme Zeugen der regen Einkaufs- und Bestelltätigkeit meiner Freundin. Und all das zusammen war sehr platzraubend. Das sollte jetzt - so beschlossen wir in einem Anfall von Tollkühnheit- anders werden...


Die Containerbörse In einem Punkt waren wir uns also einig: „Das Zeug muß weg.“ Nur die Frage des „Wie“ war noch nicht ausdiskutiert. „Wir sollten im Garten einen großen Scheiterhaufen

aufrichten und alles verbrennen.“ meinte meine Freundin mit ihrem bekannten Sinn für Romantik. „Wir sollten es vielleicht der Heilsarmee oder dem Roten

Kreuz geben. Oder der Caritas“, entgegnete ich sinnend mit

meinem

nicht

minder

bekannten

Sinn

fürs

Praktische. „Was meinst du, was die Caritas mit morschen Fenstern

und überflüssigen Türen macht, die schließlich auch noch auf dem Boden rumgammeln, und was die Heilsarmee mit einzelnen Schuhen, zwanzig Jahre alten Schlipsen, einer

zerbrochenen

Guitarre,

leergetrunkenen

Chiantiflaschen voller Kerzenwachs und dem übrigen Gerümpel vom Boden anfängt?“ Wenn meine Freundin nämlich eine romantische Idee durchsetzen will, dann wird sie noch praktischer als ich. Und mindestens ebenso logisch. „Und was denkst du, was die Feuerwehr zu einem

offenen Feuer in einem Wohngebiet sagen wird?“ stach ich sie aus. Patt. In zwei Zügen. Da sahen wir uns an und sagten wie aus einem Munde:


„Wir werden einen Müllcontainer mieten!“ Die wirklich guten Ideen haben wir sehr häufig gemeinsam. „Das geht nicht“, sagte der Mann, der den Müllcontainer

anlieferte, als er unsere Einfahrt sah. „Zu eng.“ Auf der Basis von einem Kasten Bier ließ er sich dann überreden, die Einfahrt doch nicht zu eng zu finden. „Aber das Tor muß offen bleiben. Anders geht es nicht“,

entschied er und setzte das Ungetüm von sieben Kubikmetern Rauminhalt in unsere Hofeinfahrt. Am

nächsten

Morgen

wollten

wir

anfangen,

den

Container zu beladen. Aber am nächsten Morgen sahen wir uns konfrontiert mit einer Stehlampe aus den Fünfziger Jahren mit tütenförmigen Lampenschirmen, einem

Kohlenfüller

und

einem

Cocktailsessel

mit

schrägen Beinen. Eine Gabe von Unbekannten, die in unserem Container eine Goldene Möglichkeit sahen, das eigene Gerümpel loszuwerden. „Weißt du, was wir auf dem Flohmarkt dafür bezahlen

müßten?“ fragte meine Freundin und reichte mir die Stehlampe. Ich wußte es nicht. „Mindestens dreihundert Mark. Wenn das reicht!“ Mir reichte es. Eine Stehlampe mit tütenförmigen Lampenschirmen hatte ich mir schon immer gewünscht... „Und dieser Kohlenfüller - der ist einfach

unbezahlbar!“

Unbezahlbar

-

einen

unbezahlbaren Kohlenfüller hatte ich mir schon immer gewünscht... „und dieser Sessel -“ „Nein“, sagte ich. „Was heißt nein - Sachen aus den Fünfziger Jahren sind heute hochmodern!“ „Ich dachte, wir wollten unseren neuen Raum eigentlich modern einrichten,“ wandte ich zaghaft ein. „Eben“, sagte sie. „Steh nicht so rum und faß mit an.


Das Ding ist mir zu schwer!“ Einen Cocktailsessel aus den Fünfzigern hatte ich mir schon immer - nein, das wäre die dritte Lüge. Ich hasse die Dinger, habe sie immer gehaßt und werde sie nie schön finden können. „Das wäre doch was für die leere Ecke in deinem

Arbeitszimmer“, hörte ich unter meinem finsteren Brüten. In dieser Ecke hätte ich mir eigentlich eine ganz bestimmte Plastik vorgestellt. „Neulich wurden solche Sessel bei einer Ausstellung im Haus der Kunst als ‘objet d`art’ vorgestellt.“ Sie schien meine Gedanken zu erraten. Nun habe ich eben einen Kunstgegenstand aus den Fünfziger Jahrhen statt meiner Plastik. Ich hoffte inständig, daß die unbekannten MüllcontainerPiraten ein Einsehen haben würden, und begann mit der eigentlichen

Arbeit

des

Renovierens

des

Bodens.

Bänglich schaute ich am Morgen danach in den Container. Es hatte sich das Wunder der Erneuerung vollzogen: Verschwunden waren der herausgerissene Türstock und das altersmorsche Fenster. Sogar die Ziegelsteine aus dem Wanddurchbruch waren fort. Dafür stand da eine nur leicht verbogene Zinkbadewanne mit Bodenventil. Ich traute meinen Augen nicht. So eine Wanne hatte ich im Ernst seit Wochen gesucht als Pflanzenbehälter für den Garten! „Man könnte die Wanne ja rot anstreichen..“ sinnierte meine Freundin, und es war ihr anzumerken, daß sie mit Zinkwannen nicht viel im Sinn hatte. „Kommt


nicht in Frage“, sagte ich fest und trug das Gerät innerlich jubelnd in den Garten. Unseren alten Rasenmäher, die rostige Sichel, die Hacken,

die

zerschlissenen

ausgediente Schubkarre Zinkwannen,

eine

Liegestühle

und

die

tauschte ich gegen weitere

Zink-Gießkanne

und

zwei

Zinkschüsseln. Bedenken über die Verwertbarkeit kamen mir erst, als sich auch noch eine gußeiserne Badewanne von Familiengröße anfand, die mindestens drei Zentner wog, und die nun den Platz unserer Gartenbank einnimmt. Während meine Freundin meine Gartentransaktio-nen über die Containerbörse zurückhaltend bis skeptisch beobachtet hatte, wurde sie wieder lebhaft, als jemand ein komplettes Set schwarzer Musterkoffer gegen unsere ausgediente Badezimmereinrichtung nebst Waschbecken mit

Halterung

eintauschte.

„Fabelhaft

für

meine

Reitutensilien!“ freute sie sich. Ein kurzes Gastspiel unser

ehemaliger

im Container-Ringelreihen gab

Rasenmäher.

Dem

Ersterwerber

scheint er doch nicht gut genug gewesen zu sein. Er tauschte ihn gegen den ausgedienten Staubsauger eines Unbekannten wieder zurück. Der Rasenmäher muß dann endgültig von unserem Nachbarn zur Linken in nächtlicher Aktion abgeholt worden

sein,

denn

von

dort

ertönt

seither

das

wohlbekannte nervtötende Klappern, das mich daran erinnert,

daß

ich

einst

nach

einer

schwedischen

Gebrauchsanweisung selbst zusammengebaut habe.


Außerdem erhielten wir das auf diese Weise frisch geschnittene

Gras,

das

sich

dann

wieder

ein

Kaninchenfreund gegen Stallmist eintauschte. Selbst griffen wir in das Geschehen dann noch einmal ein, als sich gläserne Gewürz-Schubfächer aus einem Kolonialwarenladen einfanden nebst zugehörigem Regal, das kaum beschädigt war. („Ein Vermögen auf dem Flohmarkt!“). Manche

unserer

Lieferanten

verhielten

sich

dann

allerdings recht sorglos. So wurde eine Doppelbettcouch nicht auf den Container geladen, sondern auf den Bürgersteig davor. Doppelbettcouch ist nun wirklich nicht unser Stil. So etwas muten wir nicht einmal denjenigen unserer Gäste zu, von denen wir hoffen, daß sie nicht lange bleiben.

An dieser Stelle griffen die Ordnungshüter in den illegalen Tauschmarkt ein: Ein Streifenwagen hielt vor unserem Haus.

Zwei

Beamte

stiegen

aus

und

gingen

kopfschüttelnd und gestikulierend um das Monstrum herum. Ich wollte schon erklären, daß diese Couch mit unserem Container nichts zu tun hatte. Aber der größere der beiden Beamten kam mir zuvor. Mit einer herrischen Geste winkte er mich heran: „Sie, brauchen´s die Couch noch?“ fragte er, wie mir vorkam in lauerndem Ton. Und ich beeilte mich, seine Frage zu verneinen. „Ja, dann helfen Sie uns vielleicht, das Trum in unseren Kofferraum zu schieben“, sagte er allen Ernstes. Das Ding ragte bestimmt noch um zwei Meter hinten aus dem Streifenwagen heraus, aber die beiden zogen


glücklich und im Schrittempo ab. Keine Ahnung, was sie mit der Doppelbett-Couch vorhatten. Zur Sicherheit rief ich ihnen noch nach: „Aber lassen Sie sich nicht von der Polizei erwischen mit der Ladung!“ Doch das wäre wohl nicht nötig gewesen. Das

Auftreten

der

Polizei

scheint

jedoch

unsere

unsichtbaren Tauschpartner verschreckt zu haben. Fortan fiel nichts mehr an. Und als der Mann, der uns den Container geliefert hatte, vereinbarungsgemäß nach einer Woche wiederkam, um ihn abzuholen, blickte er lange sinnend ins leere Innere des stählernen Kolosses. Und während er die Winde an seinem LKW betätigte und den hohl tönenden Behälter hochhob, murmelte er vor sich hin: „Also, Leute gibt`s...“ Muss ich noch erwähnen, daß wir die endgültige Umgestaltung unseres Bodenraumes vorerst verschieben müssen. Schließlich brauchen wir den Platz für all die schönen Dinge aus der Vergangenheit anderer Leute, nachdem sich herausgestellt hat, daß doch nicht alles auf diese Weise Erworbene zu unserem Stil passt... Das Geld,

das wir

für

bechlossen

wir,

einer

in

die Renovierung sparten, lange

geplanten

Reise

anzulegen. Beziehungsweise, wie ich meine Freundin kannte,

beim

verschiedensten

Erwerb Art

von

Reiseandenken

auszugeben:

Hauptsächlich

der für

Handtaschen. Aber es sollte - wie schon so oft - alles anders kommen...


Statt Frühstück harte Semmeln mmer dann, wenn eine Reise bevorsteht, wird meine Freundin besonders aktiv: Sie betraut unsere Perle Tamara

mit der Ablage der Post, der Anlage eines

Textarchivs und der Neuordnung meines Zettelkastens, während sie sich selbst über die Bügelwäsche hermacht. „Für eine Reise muß alles besonders ordentlich sein,

deswegen kann ich das Tamara, die ich im übrigen sehr schätze, nicht überlassen. Du weißt doch, daß sonst womöglich Knöpfe an deinen Hemden fehlen...“ „Gut, daß es in meinem Zettelkasten keine Knöpfe gibt“, habe ich an einer solchen Stelle einmal gesagt. Aber nur einmal. Denn ich wurde umgehend darüber aufgeklärt, daß man schließlich nicht erwarten könne, daß sich Menschen wie Tamara an echte Aufgaben heranwagen, wenn man ihnen nicht zeigt, daß man ihnen vertraut. Das mußte ich einsehen und überlasse Tamara seither auch die Korrektur meiner Texte. Diesmal gab sich meine Freundin mit solchem Eifer der ungewohnten Bügelarbeit hin, daß sie sich beim Anheben eines

Wäschekorbs

vor

Überanstrengung

einen

Hexenschuß zuzog. „Bettruhe“, sagte der Notarzt, „strenge Bettruhe“, gab ihr

eine

Spritze

und

veranlaßte

mich,

ein

Brett

ins

gemeinsame Bett zu legen. Weder die Absage der geplanten Reise, noch die


Bettruhe, noch die Spritze noch das Brett im Bett vermochten

indes,

den

ziehenden

und

reißenden

Kreuzschmerz meiner Freundin zu lindern. Ein

hinzugezogener

Spezialist

riet

zur

sofortigen

operativen Entfernung der Bandscheibe, ein weiterer, der sich aufs Einrenken verstand, bat mich aus dem Zimmer. Dann erhob sich hinter der geschlossenen Tür großes Gepolter, gefolgt von durchdringenden Schmerzlauten: Der

Spezialist

hatte

sich

beim

Einrenken

einen

Hexenschuß zugezogen. „Wenigstens war er billig“, sagte meine Freundin und

blätterte auf der Suche nach einem weiteren Spezialisten bereits wieder in den Gelben Seiten des Telefonbuches. Der nächste hatte sich auf Sportverletzungen festgelegt. Er

fertigte

eine

Röntgenbildern

Serie

vom

von

besonders

verlängerten

hübschen

Rücken

meiner

Freundin an und riet zu Bädern, Massagen und Bestrahlungen in seinem eigenen Institut. Dieser Spezialist war zwar nicht billig. Aber dafür half er ebensowenig wie seine Vorgänger. Zum Ziehen und Reißen im Kreuz gesellten sich bei meiner Freundin nun auch noch üble Ischias-Schmerzen im linken Bein: Die Sache war dank der intensiven und verschiedenartigen Behandlungsmethoden chronisch geworden. An Reisen war vorerst nicht zu denken . In dieser Situation beschloß ich, die Konvention der klassischen Medizin über Bord zu werfen und einen Mann hinzuzuziehen, dessen Name für Erfolg stand: Den dank seiner immensen Medienpolitik weit über die Grenzen


unserer

Heimatstadt

München

hinaus

bekannten

Heilpraktiker Dr. Arm-Leychter. Der ließ sich den Fall von einer Assistentin vortragen, die uns alsbald den folgenden Bescheid schickte: Leider sei es Herrn Dr. Arm-Leychter aus Zeitgründen nicht möglich, sich des Falles vor Ablauf von sieben Jahren persönlich anzunehmen. Er empfehle jedoch einen Mann seines Vertrauens, einen Naturarzt, der sich auf Hexenschüsse und Bandscheiben verstehe, und der möglicherweise im Laufe der nächsten drei, vier Monate einen Termin freimachen könnte. Durch

diesen

erfreulichen

Bescheid

ermuntert,

verschoben wir die Anschaffung eines Rollstuhls und kauften

uns

statt

dessen,

um

die

Wartezeit

zu

überbrücken, viel Literatur über alternative Medizin. „Ich werde“,

sagte

meine

Freundin

eines

Tages

mit

schmerzverzerrtem Gesicht, „ein Buch über die Natur des Schmerzes und seine Überwindung aus eigener Kraft schreiben. So viel habe ich bei der Lektüre dieser Bücher immerhin gelernt, daß man eigentlich keine Schmerzen zu haben braucht, wenn man sie nicht will.“ Ich konnte dem nur zustimmen: „Mit den Tantiemen von diesem Buch kannst du dir dann endlich wirksame Schmerzmittel

kaufen.“

Unter

derlei

Galgenhumor

vertrieben wir uns die Zeit, bis uns der von Dr. ArmLeychter empfohlene Naturarzt empfing. Aus den zahlreichen Emailleschildern an seinem Haus konnten wir entnehmen, daß sich dieser nicht nur auf Naturheilkunde

pur

verstand,

sondern

auch

auf


Irisdiagnostik,

Fußsohlendiagnostik,

Neuralthera-pie,

Moorbäder, Lehmwickel und Kaltwassergüsse. Das war sehr ermutigend. Irgendeine dieser Methoden würde doch sicher zum Erfolg führen. Unser Naturarzt sah ganz anders aus, als wir insgeheim gedacht hatten. Weder trug er einen roten Rauschebart noch einen angeschmuddelten Jeans-anzug, geschweige denn hatte er schmutzige Fingernägel. Es handelte sich vielmehr um ein winziges, gepflegtes Männchen in reines Arztweiß gekleidet. Er war so dünn, daß man sich wunderte, daß ihn nicht der Luftzug vom geöffneten Fenster aus dem Raum wehte. „Ich weiß bereits Bescheid“, sagte das Männchen mit

hoher Stimme. „Sie werden zunächst einmal damit aufhören, sich innerlich zu vergiften“. Dabei schaute er uns beide durchdringend über den Rand seiner Brille hinweg an. „Ganz recht, ich meine Sie alle beide!“ sagte er, als ob er

meine Gedanken lesen könnte. „Der Tod sitzt im Darm“, fuhr er fort. „Sie zum Beispiel“, und dabei tippte er mir schmerzhaft auf einen Punkt knapp über der Gürtellinie, „haben einen entzündlichen Kotbauch, gepaart mit einem spitzen Blähbauch. Aber das kriegen wir schon hin...“ Damit schnalzte er mit den Fingern und es erschien ein weibliches Wesen von durchscheinender Blässe und so dünn, daß sie sich gegen den Luftzug von dem offenbar ständig geöffneten Fenster stemmen mußte.“ „Eigenblut!“ fistelte das Männchen, und die Durchscheinende nickte ernsthaft.


Dann schleppte sie mich mit überraschend kräftigem Griff in ein Nebengemach, bat mich auf eine weiß bezogene Liege und fragte mich: „Was essen Sie denn so?“ Ich ahnte,

worauf

sie

hinaus

wollte

und

antwortete

wahrheitsgemäß: „Ich glaube, daß ich mich sehr gesund ernähre. Kein Schweinefleisch, keine tierischen Fette, viel Gemüse und Obst...“ „Obst und Gemüse - aha“, unterbrach sie mich „sehr ungesund. Vor allem abends. Und morgens ein Ei zum Frühstück, vermute ich.“ „ Ja gelegentlich“, gab ich zu. „Dann müssen Sie sich natürlich nicht wundern, wenn Sie leberkrank sind. Machen Sie sich mal frei!“ Als ich so frei war, wie sie es wünschte, stach sie mich am

ganzen

Oberkörper,

in

den

Ohren,

an

der

Nasenwurzel und am Handgelenk mit dünnen Nadeln, die sie allesamt stecken ließ. Dann zapfte sie mir aus der Armvene einen Liter Blut ab. Mit dem Blut im Glasgefäß ging sie in einen weiteren Nebenraum, von wo ich anschließend schmatzende Geräusche vernahm. Alle Geschichten über Vampire gingen mir durch den Kopf, ehe sie wieder erschien. Aber sie hatte das Blut noch bei sich. Es war jetzt aufgeschäumt. „Ich habe es mit Ozon vermischt“, sagte sie und klopfte

mit dem Ring ans Glas. Dann spritzte sie mir das Blut mit einer dicken Kanüle wieder in die Armvene und zog mir anschließend die Nadeln aus dem Körper. Alle bis auf eine. Die fand ich abends in meiner Unterhose. Sie entließ mich mit der Aufforderung, übermorgen wiederzukommen und der dringenden Empfehlung, bis


dahin nichts zu essen außer altgebackenen Semmeln, wobei ich jeden Bissen hundert Mal zu kauen hätte. „Und vor allem: Kein Obst, kein Gemüse, keine Milch, keine Margarine, keinen Fruchtsaft, keinen Honig und kein Müsli. Höchstens Rotwein und starken Kaffee.“ Verwirrt verließ ich die Praxis und traf auf einer Bank vor der Tür meine Freundin, die ich ganz vergessen hatte. „Rotwein und Kaffee?“ fragte ich. „Nein, Weißwein und schwarzen Tee“, sagte sie. „Wir

kauften

uns

noch

auf

dem

Nachhauseweg

ausreichende Mengen von Semmeln. Alles übrige hatten wir bereits im Vorratsschrank. „Eines will mir nicht in den Kopf“, sagte meine Freundin am Abend des Tages kauend. „Was denn?“ fragte ich, ebenfalls kauend. Trockene Semmeln halten einen beschäftigt. „Es will mir nicht in den Kopf, daß du für deinen geblähten Spitzbauch - der mich im übrigen noch nie gestört hat, fast dieselbe Therapie bekommst wie ich für mein Kreuz.“ Da hatte sie einen Punkt erwischt, an dem ich auch schon einige Zeit herumgrübelte. Aber seit ich - durch den Naturarzt und dessen Finger aufmerksam gemacht, in mich hineinhorchte, spürte ich ein deutliches und ungesundes Rumoren in meinem Bauch und nahm an, daß der Doktor zumindest in meinem Fall schon wisse, was angemessen und notwendig war. Im Laufe der nächsten 24 Stunden verstärkte sich das Rumoren in mir, und ich kam zu der Überzeugung, daß mein Fall doch ernster sei, als ich zunächst angenommen hatte. Meine Freundin betrachtete mich besorgt von der Seite und bot mir gelegentlich eine trockene Semmel an.


Nach einer Woche und drei intensiven Behandlungen durch meine durchscheinende Therapeutin war ich schwerkrank. Ich verlor rapide an Gewicht. Meine Haut nahm eine fahle Blässe an, und ich büßte all meine Kräfte ein. Meine Freundin pflegte mich aufopfernd und schleppte immer neue Brötchen an, die ich kaute, sofern ich dazu die Kraft aufbringen konnte. Ich wußte, daß ich mich mit Gemüse, Obst, Milch, Müsli und Frühstückseiern innerlich vergiftet hatte und bereitete mich auf mein Ende vor. Nach einer weiteren Woche - ich war nur noch ein Schatten meiner selbst - geschah es dann: ich wachte mitten in der Nacht mit dem unstillbaren Drang auf, jetzt sofort und auf der Stelle etwas zu essen. Mit schwacher Stimme rief ich nach meiner Freundin, die mir innerhalb weniger Minuten ein herrliches Steak zubereitete, das ich gierig verschlang. „Wo um Himmels willen hast du denn das Steak her?“ fragte ich. „Gekauft. Ich war die ewigen Semmeln leid“, sagte sie. Und dann fiel mir noch etwas auf: Mit wiedererwachenden Lebensgeistern

gewahrte

Unterbewußtsein

ich,

registriert

was

hatte:

ich

Meine

nur

im

Freundin

bewegte sich behende und munter, so als hätte sie nie im Leben Schmerzen gehabt. „Und was ist mit deinen Kreuzschmerzen?“ fragte ich.

„Die

sind

weg“,

sagte

sie.

„Diese

ewige

Semmelschlepperei und die Sorge um dich. Was weiß ich. Jedenfalls sind sie weg.“ Und so hat uns die Naturheilkunde beiden geholfen. Ich


bin zwanzig Pfund leichter, während meine Lebenskräfte unter der selbstauferlegten Steak-Kur wiederkehren, und sie hat keine Schmerzen mehr. Und das spricht doch schließlich bei aller angebrachten Skepsis für die Methoden der alternativen Medizin.... Und die längst geplante Reise konnte nun, wenn auch mit Verzögerung doch noch angetreten werden.

Die Schreibmaschine

Meine Freundin ist - ich glaube ich erwähnte es bereitsein Sprachgenie. Am liebsten unterhält sie sich mit den Menschen in ihrem Heimatidiom. Vor allem dann, wenn dieses Heimatidiom ein ausgefallener Gebirgsdialekt mit vielen Zisch- und Rachenlauten ist. Bevor ich sie kennenlernte, hatten die Leute mich für ein Sprachgenie gehalten, weil ich mich mit vielen Leuten in ihrem Heimatidiom unterhalten konnte. So konnte ich zum Beispiel auf japanisch sagen: „Sind Sie etwa Herr Michikosuko - sehr erfreut.“ Auf finnisch gelang mir der Satz: „Wie weit ist es bis zur nächsten Sauna?“ Auf holländisch: „Guten Morgen, haben Sie heute frische Eier?“ Und in Suaheli: „Entschuldigen Sie bitte, wo ist hier das nächste Bordell?“ Was mein ungarischer Satz eigentlich auf deutsch heißt, weiß ich nicht. Jedenfalls pflegten ungarische Damen sich an ihrem Tokaier zu verschlucken, wenn ich ihn sagte,


während

der

Zigeunerprimas

neckisch

mit

dem

Fidelbogen drohte. Seit ich jedoch mit meiner Freundin zusammenlebe, muß ich mich bemühen, mir von all diesen Sprachen die wichtigsten

Grundvokabeln

einzuprägen,

denn

sie

beherrscht sie alle in Wort und Schrift. Von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Eine der Ausnahmen war bis vor einiger Zeit eine Sprache, in der ich schicksalsbedingt und also ohne mein Zutun einigermaßend fließend bin: das Hebräische. Und da das nun mal so ist, erlernt meine Freundin nun auch noch das Hebräische. In Wort und Schrift, denn wie gesagt, sie versucht, sich mit jedem Menschen in seinem Heimatidiom zu unterhalten. Und Hebräisch hat zudem viele Zisch- und Rachenlaute, was sie besonders reizt. Beim

Sprachenlernen

geht

meine

Freundin

ganz

methodisch vor. Zunächst einmal besorgt sie sich eine Sprachlehre. Dann erlernt sie das jeweilige Alphabet mit den dazugehörigen Ausnahme- und Ausspracheregeln, dann macht sie sich über Vokabeln und Grammatik her. Ganz anders als ich, der ich mir mein Vokabular ausschließlich

im

Umgang

mit

der

betreffenden

Bevölkerung aneigne. Vorzugsweise in meinen jeweiligen Stammkneipen. Dabei bekommt man natürlich auch die Mentalität der Einheimischen mit, was ein nicht zu verachtender Vorteil ist. Vor allem beim Hebräischen ist das wichtig. Und da bei der Methode meiner Freundin die Mentalität der jeweiligen Bevölkerung nicht an erster Stelle kommt,


ist gelegentlich die eine oder andere Überraschung nicht ausgeschlossen. So war das auch bei unserer endlich angetretenen

Reise

an

die

Gestade

des

Sees

Genezareth. Inzwischen hatte sie ihre Hebräisch-Kenntnisse noch weiter ausgebaut. Und sie hatte sich vorgenommen, während unseres Aufenthaltes noch weiter daran zu arbeiten. “Weißt du, die Druckbuchstaben sind doch einigermaßen

mühsam“, sagte meine Freundin eines Tages, als ich gerade an besagtem Gestade einen Fisch briet, den wir dank meiner Sprachkenntnisse am Morgen auf dem Fischmarkt nahezu für den korrekten Preis erstanden hatten. Jedenfalls kostete er nur unwesentlich mehr als im Restaurant. „Und deswegen habe ich mir gedacht, solange wir hier sind, könnte ich mir doch eine Schreibmaschine kaufen, um darauf zu üben. Das würde mich wesentlich rascher voranbringen.“ „Du meinst, wir fahren jetzt in den nächsten Ort und

kaufen uns eine Schreibmaschine mit hebräischen Lettern?“ „Genau“, sagte sie. Also fuhren wir nach Tiberias, der Hauptstadt von Obergaliläa, und begaben uns ins Kaufhaus „Kolbo Shalom“, und zwar in die Schreibwarenabteilung. Es war heiß, und da zusammen mit der Klimaanlage gerade der Lift ausgefallen war, stiegen wir zu Fuß in den vierten

Stock,

wo

sich

laut

Hinweistafel

die

Schreibwarenabteilung befand. Es war gerade eine Lieferung von englischen Hüten mit kleinen Fehlern hereingekommen.


Und daher standen auf allen Fluren Kartons mit englischen Hüten mit kleinen Fehlern, über die sich Hunderte von Einheimischen beugten, die diese Hüte anschließend vor den beiden einzigen Spiegeln des Etablissements aufprobierten, was verständlicher-weise zu kleinen Unstimmigkeiten führte. Das erklärte auch die beiden Notarztwagen, die vor dem Haus standen. Die

Schreibwarenabteilung,

so

wurde

uns

gesagt,

nachdem wir trotzdem im vierten Stock angekommen waren, sei schon vor drei Monaten in das Basement verlegt worden, und man zeigte sich erstaunt, daß wir das nicht

wußten.

„Schließlich

steht

da

ein

riesiges

Hinweisschild - oder könnt ihr nicht lesen?“ Tatsächlich - nachdem wir uns über alle Stockwerke bis ins Kellergeschoß durchgekämpft hatten, vorbei an der Informationstafel „Schreibwaren vierter Stock“, fanden wir in

der

hintersten

Ecke

Schreibwarenabteilung

des nebst

Basements

die

Hinweisschild.

„Schreibwaren“ stand über den Schreibwaren. So ist es in Israel: Wenn man den richtigen Weg eingeschlagen hat, wird man hinterher durch eine Bestätigung dafür belohnt. Und wie man den richtigen Weg findet? Das ist schließlich

eine

Frage

der

Intelligenz.

Außerdem:

Jedermann weiß doch ohnehin, wo was ist, da sich alles herumspricht. Wozu also extra darauf aufmerksam machen? Sind wir etwa ein Volk von Klatschtanten? Diese Logik hat etwas. „Oh, Schätzchen“, sagte die Schreibwaren-verkäuferin in


der landesüblichen Ansprache zu mir, was meine Freundin, die bereits viele Vokabeln versteht, sichtlich irritierte, „eine Schreibmaschine willst du also. Wozu willst du

eine

Schreibmaschine?

„Nicht

ich

will

eine

Schreibmaschine, sondern meine Freundin hier.“ „Das ist also deine Freundin. Ein nettes Püppchen. Aber

warum trägt sie keinen englischen Hut? Alle Leute tragen in diesem Sommer englische Hüte. Sie sollte sich einen kaufen: Gerade heute ist eine Sendung angekommen. Alles Importe.“ „Meine Freundin möchte aber eine Schreibmaschine.“

„Was du sagst, eine Schreibmaschine! Aber wozu möchte sie denn eine Schreibmaschine?“ „Sie möchte darauf schreiben.“

„Ach

so.

Aber

Schreibmaschinen

mit

europäischer Tastatur haben wir nicht.“ „Sie

möchte

ja

auch

eine

Schreibmaschine

mit

israelischer Tastatur, mit dem hebräischen Alphabet.“ „Aber wozu denn? Kann sie Hebräisch?“ „Sie lernt es gerade.“ „Oh, dann ist es doch viel besser, wenn sie es erst ganz lernt, bevor sie auf einer Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur schreibt. Das ist ziemlich schwierig.“ An dieser Stelle mischte sich meine Freundin, die bisher stumm zugehört hatte, ins Gespräch: „Möchtest du uns jetzt eine Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur verkaufen oder nicht - Schätzchen?“ fragte sie fast ohne Akzent. „Nein“, sagte die Verkäuferin. „Und wieso nicht?“ fragte

meine

Freundin.

„Weil

wir

gar

keine

Schreibmaschinen haben.“ Am Gesichtsausdruck meiner Freundin merkte ich, daß


sie gerade ein Kapitel Mentalität gelernt hatte. Aber die Verkäuferin war nett. Sie rief für uns ihren Freund an, mit dem

sie

sich

lange

über

die

Gestaltung

des

herannahenden Abends unterhielt. Und dann erfuhren wir, daß es oben am Berg ein Schreibwarengeschäft gebe. „Ganz leicht zu finden. Jeder kennt es.“ Wir schafften es gerade noch vor Ladenschluß, nachdem ich meiner Freundin erklärt hatte, warum ich immer in die entgegengesetzte Richtung fuhr, wenn mir jemand den Weg beschrieb. „Die Leute rechnen damit“, sagte ich, „und deswegen sagen sie dir immer die falsche Richtung.“ Aber diesmal mußte wohl ein paarmal die richtige Richtung dabeigewesen sein, denn ich verfranste mich heillos. „Vielleicht mögen die Leute in Tiberias keine Ausländer“, mutmaßte meine Freundin, „und sie schicken dich aus lauter Bosheit in die richtige Richtung...“ Sie lernt schnell, meine Freundin. Auch in Sachen Mentalität. Jedenfalls - wir kamen gerade an, als der Ladeninhaber seinen Rolladen herabließ. Es

würde

zu

weit

führen,

wollte

ich

das

sich

anschließende Gespräch wiedergeben. Es steht ohnehin in groben Zügen weiter oben. Er hatte nämlich keine Schreibmaschinen. Aber er war nett. „Fahrt runter ins ,Kolbo Shalom’. Die haben eine Schreibwarenabteilung. Und da müßt ihr fragen.“ Wir bedankten uns artig und fuhren zurück an unser Seeufer.

Am

nächsten

Morgen

erzählten

wir

die

Geschichte dem jungen Mann vom Kibbuz, der uns immer die Milch und die Eier brachte.


„Warum habt ihr das nicht gleich gesagt!“ rief er. „In ganz

Tiberias gibt es keine Schreibmaschine zu kaufen. Seit es Computer

gibt,

haben

alle

ihre

Schreibmaschinen

abgeschafft. Schreibmaschinen sind viel zu altmodisch. Wenn ihr so was sucht, müßt ihr nach Nazareth fahren, zu den Arabern. Die haben so was noch. Ich selbst fahre einmal die Woche nach Nazareth, wenn ich was für meinen alten Traktor brauche, für den es sonst keine Ersatzteile mehr gibt. Die haben dort alles.“ Da ich weiß, daß meine Freundin erst dann beruhigt ist, wenn die Sache, die sie gerade beschäftigt, erledigt ist, fuhren

wir

am

nächsten

Morgen

in

wortlosem

Einverständnis in aller Frühe nach Nazareth. Nazareth ist eine fast ausschließlich arabische Stadt. Es sind nur knappe siebzig Kilometer über Land bis dahin, also in einem knappen Vormittag zu schaffen. Es war heiß in Nazareth. Heiß und staubig. Und da gerade der Strom ausgefallen war, war es auch heiß in dem Café, in dem wir kalte Getränke bestellten. Deswegen setzten wir uns auf die Terrasse. Der Kaffeehausbesitzer war entzückt. Entzückt brachte er uns die bestellten Getränke und tat von sich aus noch saure

Gurken,

saure

Kichererbsen

und

saures

Sesammus dazu. „Bei dieser Hitze muß man Saures essen“, sagte er. „Das geht auf Kosten des Hauses.“ Weil wir uns erfreut zeigten, brachte er auch noch arabischen Kaffee, Wasser und arabische Süßigkeiten, die wir höflich aßen, obwohl sie uns alles zuklebten. „Süßes ist gut, wenn es heiß ist“, sagte er in tadellosem


Englisch und lächelte. „Das geht auf Kosten des Hauses. Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche?“ „Ja, wir möchten

eine

Schreibmaschine

kaufen.

Eine

mit

hebräischer Tastatur.“ „Kein Problem. Zufällig ist der Schreibmaschinenfabrikant ein Vetter von mir. Ich rufe ihn an. Und der kommt gleich vorbei und bringt Ihnen eine Auswahl.“ „Der ist aber reizend“, sagte meine Freundin. Statt des versprochenen Schreibmaschinenvetters kam zunächst der Verkäufer arabischer Gewänder. Dann kam der Verkäufer arabischer Lederwaren, gefolgt vom Verkäufer

christlicher

Embleme aus nazarenischem

Olivenholz. Die Verkäufer von handgeschmiedetem Silber und

von

Ikonenmalerei

kamen

gemeinsam.

Den

Gesichtszügen nach zu schließen, waren sie alle nahe Verwandte unseres Kaffeehausbesitzers. Wir waren bereits reichlich mit Orientalika eingedeckt, als wir uns nach

dem

Verbleib

des

Vetters

mit

den

Schreibmaschinen erkundigten. Der sei auf dem Wege hierher, wurden wir beschieden. Wir sollten doch noch einen weiteren Kaffee auf Kosten des Hauses trinken. „Du weißt, warum wir hier umsonst essen und trinken?“ sagte ich zu meiner Freundin. „Warum?“ „Das hat zwei Gründe. Erstens sitzen wir hier auf der Terrasse Reklame für das Café. Wir locken Touristen an. Und zweitens kriegt der Besitzer von allen seinen Vettern, die er inzwischen herbeigerufen hat, Prozente für alles, was wir hier zu unverschämt überzogenen Preisen kaufen. Er lebt von unserer Höflichkeit.“ „Was du nur immer hast!“ sagte meine Freundin. „ Du und

deine Vorurteile!“ Der Vetter kam nach einer guten Stunde.


Er war europäisch gewandet, trug trotz der Hitze einen Nadelstreifenanzug in Bleu und eine breite, aber bunte Krawatte. Er brachte einen Katalog mit sowie einen Auftragsblock und zeigte sich enttäuscht, daß wir gar keinen Großcomputer erwerben wollten. Nur mit Mühe war ihm beizubringen, daß wir auch keinen Kleincomputer wollten und daß wir selbst bereits zwei Computer besaßen. Er glaubte uns einfach nicht und war ziemlich beleidigt. Wir beschlossen zu gehen und fragten nach der Rechnung

für

unsere

eingangs

bestellten

kalten

Getränke. Noch nie in meinem Leben habe ich so teure kalte Getränke getrunken. Der Preis beinhaltete gut und gerne das Doppelte dessen, was wir „auf Kosten des Hauses“ gegessen und getrunken hatten. Aber die eigentliche Überraschung stand uns noch bevor: Unser Wohnmobil stand aufgebockt auf vier Häufchen von Ziegelsteinen. Die Räder waren abmontiert. „Zufällig habe ich einen Vetter, der Reifen und Felgen für diesen Typ

von

Wohnmobilen

verkauft“,

sagte

der

Kaffeehhausbesitzer, der uns nachgekommen war. An dieser Stelle sagte meine Freundin einen längeren arabischen Satz, worauf sich das Olivbraun im Gesicht des Kaffeehausbesitzers in ein schmutziges Olivweiß verfärbte. Innerhalb von zehn Minuten hatten flinke Hände unsere Räder wieder montiert, und wir rollten gemächlich vom Hof.

„Was hast du denn zu ihm gesagt?“ fragte ich. „Ich habe

gesagt: ,Du stinkende Ratte, du Sohn einer räudigen


Hündin und einer Hyäne. Wenn wir unsere Räder nicht unverzüglich zurückerhalten, rückt hier die Polizei an und nimmt deine Räuberhöhle auseinander!“ Ich hatte das Gefühl, meine Freundin habe ein weiteres Kapitel Mentalität gelernt. Wir erreichten Tiberias knapp vor

Sonnenuntergang

und

beschlossen,

an

der

Strandpromenade noch ein Eis zu essen. Rasch kamen wir ins Gespräch mit einem Tischnachbarn, der meine Freundin fragte, warum sie keinen englischen Hut trage, die seien im „Kolbo Shalom“ jetzt besonders preisgünstig. Und ehe ich´s verhindern konnte, hörte ich sie sagen: „Einen Hut brauche ich nicht. Aber eine Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur.“ „Oh, wenn es weiter nichts ist“, sagte der Tischnachbar,

da fahrt ihr die Hauptstraße runter bis zu dem weißen Haus mit dem Erker. Dort stellt ihr euer Auto ab. Da darf man zwar nicht parken. Es ist aber die einzige Stelle, wo man ein Auto abstellen kann. Dann geht ihr rauf in den zweiten Stock und klopft an die dritte Tür rechts. Da steht Shlomo Cohen, Notar, dran. Geht zu ihm und sagt ihm, Eitan schickt euch. Eitan Herschkowitz, und sagt ihm, was ihr wollt. Der kann euch helfen.“ Es war immer noch sehr heiß in Tiberias, und so ließ ich meine Freundin im Wohnmobil und stieg alleine in den zweiten Stock. Shlomo Cohen war ein netter alter Herr mit weißem Haar. Er erzählte mir, daß er aus Berlin stamme und früher in der Mommsenstraße gewohnt habe. Gleich neben dem


Gymnasium, und daß er sich nie an die Hitze in Israel gewöhnen könne. „Ja, Schreibmaschinen“, sagte er sinnend. „Da mußte ich neulich einen Konkurs abwickeln. Eine

Schreibmaschinenfirma. Die waren pleite gegangen, weil alle Leute nur noch Computer kaufen wollen. Einen Teil des Warenlagers hat ein Klient von mir übernommen. Der versucht, das Zeug nun nach Europa zu verkaufen. Da sind sie noch ein wenig rückständig. Die arbeiten viel mit Schreibmaschinen. Die mit der hebräischen Tastatur gehen aber nicht so gut.“ Der freundliche Notar schickte mich in eine Werkstatt im selben Block. Ausnahmsweise im Erdgeschoß. Und ausnahmsweise funktionierte ein großer Ventilator an der Decke. Ich fühlte mich gleich wohl in dem Laden. Der Chef, ein Riese, der sich als „Oren“ vorstellte und mir die Hand zerquetschte, wußte schon, was ich wollte. „Shlomo

hat mir Bescheid gesagt.“ Und er hatte

vorsorglich

schon

mal

eine

Schreibmaschine

herausgestellt. Genau das, was wir die ganze Zeit gesucht haben. Hebräische Tastatur und alles. Gebraucht zwar und ein wenig angeschlagen. Aber wir waren am Ziel. „Dreihundert Dollar“, sagte Oren. Ich war so erfreut, daß

ich beinahe vergessen hätte zu rechnen. Aber da ich etwas von Mentalität verstehe, tat ich das, was man an dieser Stelle tut: Ich feilschte. Bei zweihundertachtzig Dollar stieg er aus. Da versuchte ich es andersherum: „Leih mir die Maschine für zwei Wochen für einen Tagespreis“, sagte ich. „Zwanzig Dollar pro Tag“, sagte


er. Da fiel mir etwas ein: „In Gottes Namen, verkauf mir die Maschine für zweihundertachtzig Dollar und kauf sie mir am Ende unseres Urlaubs wieder ab.“„Gemacht“, sagte er. „Aber für dieses alte vergammelte Ding kannst du mir nicht mehr als hundert Dollar abverlangen. Das sage ich dir jetzt schon.“ Was sollte ich tun? Ich schlug ein. Aber da meine Freundin das Geld bei sich hatte, mußte ich noch einmal gehen und es holen. Ich fand meine Freundin im vertraulichen Gespräch mit einer Gruppe von Soldaten, die sie und das Wohnmobil umringten, offensichtlich hatten wir in der engen Straße ihrem Wagen den Weg versperrt. „Ich hab´s!“ rief ich. „Wir haben eine Schreibmaschine. Gib mir das Geld, ich geh’ sie bezahlen!“ „Kommt gar nicht in Frage“, sagte meine Freundin und deutete auf einen der Soldaten. „Das hier in Uri. Er ist Offizier der Reserve. Er hat in Jerusalem einen Laden. Also Uris Reservedienst ist morgen zu Ende. Dann können wir in seinen Laden kommen, und wir kriegen alles, was wir wollen, zu Sonderpreisen.“ Uri nickte. „Und was wollen wir?“ fragte ich ahnungsvoll. „Ein Bauteil für unseren Computer zu Hause, mit dem wir hebräische Schrift auf dem Bildschirm erzeugen und ausdrucken können. Uri hat ein Computergeschäft - wer hat heute noch Schreibmaschinen?“ Muß ich hinzufügen, daß unser neues Bauteil sehr preiswert war? Knapp unter fünfhundert Dollar. Und das ist wirklich fast geschenkt, wenn man bedenkt, was für Know-how dahintersteckt. Und wenn Uri und seine Frau im nächsten Jahr Urlaub in Europa machen, werden sie selbstverständlich bei uns wohnen..... Falls wir nicht selbst gerade wieder im Land der Väter


sind, denn Gelegenheiten hierzu ergaben sich in der letzten Zeit auf wundersame Weise wie von selbst. Sogar unsere Schildkröte hat das Fernweh - oder besser das Heimweh - gepackt, wie wir gleich sehen werden.

Geraldines Liebesreise

Frauen haben für die verschiedensten Gelegenheiten die verschiedensten Tonfälle. Die meiner Freundin kenne ich alle - wie ich meinte. Aber diesen einen speziellen Ton, mit dem sie mich an jenem besonderen Tag empfing, den kannte ich noch nicht. Es war eine Mischung aus Grausen und schrillem Entzücken. In diesem Ton sagte sie anstelle einer Begrüßung den folgenden Satz: „Jerry hat ein Ei bekommen!“ „Jerry hat bitte was?“ Statt einer Erklärung fuhr sie - noch

immer in demselben Ton - fort: „Und es ist zerbrochen!“ Damit war es mit ihrer Fassung zu Ende. An dieser Stelle ist es wohl an mir, eine Erklärung abzugeben. Also: Jerry hatte ein Ei bekommen, und es war zerbrochen... Nein, ich muß da wohl weiter ausholen. Also: Jerry ist eine Schildkröte, vermeintlich männlichen Geschlechts - daher der Name, die wir bei unserer ersten Reise auf der Straße zwischen Nethania und Nablus vor dem Schicksal des Überfahrenwerdens gerettet hatten.


Seither teilt Jerry - salatfressend - unser Leben. Und nun hatte Jerry ein Ei gelegt, mangels Sandbank auf der Terrasse. Und da war es natürlich sofort zerbrochen. Jerry war also eine Geraldine. Ein Seitensprung war ausgeschlossen, denn weit und breit gab es keine männliche Schildkröte - und die übrigen vierbeinigen Hausbewohner kamen für eine Vaterschaft nicht in Frage. Das

mit

Grausen

gleichzeitige

Trauer

gemischte meiner

Entzücken

und

die

Freundin

waren

also

werden.

Doch

seine

durchaus nachvollziehbar. Dr.

Friedl

mußte

konsultiert

fachmännische Auskunft beruhigte uns ganz und gar nicht. Im Gegenteil - jetzt fingen die Probleme erst an. Er sagte nämlich, nachdem er Geraldine gründlich untersucht hatte - gründlich deswegen, weil meine Freundin darauf bestand-, das folgende: „Bei Ihrer Schildkröte handelt es sich um ein ausgewachsenes weibliches Exemplar der Gattung Tortuga graeca - zu deutsch: Maurische Landschildkröte (sie heißt wirklich so; dafür heißt die griechische ganz anders). Wo haben Sie die bloß her?“ Wir sagten es ihm. „Kein Wunder, die gibt es nämlich hier gar nicht zu kaufen. Übrigens, auch keine anderen Landschildkröten mehr, seit der Handel verboten wurde. Ja,

und

daß

sie

ein

Ei

gelegt

hat,

ist

nichts

Außergewöhnliches. Das tun Schildkröten bis zu zwei Jahren nach der Paarung. Schade, daß es zerbrochen ist...“ Meine Freundin war blaß geworden. „Wie furchtbar“,


sagte sie später. „Stell dir vor, Jerry - ich meine, Geraldine - hat einen Mann gehabt ,und wir haben sie ihm weggenommen!“ „Da gibt es nur zwei Möglichkeiten“, erwiderte ich.

„entweder, wir setzen das Tier wieder dort aus, wo wir es aufgelesen haben...“ „Ausgeschlossen! Geraldine bleibt bei

uns!“

„...oder

aber

wir

suchen

ihr

einen

Lebensgefährten zwecks weiterer Paarung.“ Letzteres hielt sie für die bessere Idee. Also gaben wir in einschlägigen Blättern Heiratsannoncen auf: „Maurische Landschildkröte in den besten Jahren sucht

ebensolchen

Partner

zur

Freizeitgestaltung.

Spätere Heirat nicht ausge-schlossen.“ Wir erhielten zahllose Zuschriften von Tortugamanen fanatischen

Liebhabern

von

Landschildkröten-.

Alle

wollten Geraldine kaufen. Oder doch wenigstens sehen. Nach dem zehnten Besucher erwogen wir, Eintrittsgebühr zu erheben. Die letzte Maurische Landschildkröte auf deutschem Boden war nämlich 1978 in der Gegend von Celle gesehen worden. Geraldine war in der Tat einzigartig; an Heirat war unter diesen Umständen also nicht zu denken. Was tun? wollte ich meine Freundin fragen. Aber ich wußte die Antwort bereits, ehe ich die Frage stellte: Flüge in Geraldines Heimatland sind ja, wie wir bereits wussten, heutzutage nicht mehr unerschwinglich. Schwieriger war es schon, eine Einfuhrgenehmigung für eine „Tortuga graeca - männlich“ zu erhalten, denn meine Freundin wollte sich zwecks Familienzusammenführung auf die


Suche nach Geraldines Verlassenem machen. Bereits im Flugzeug wurde ich mit einem befremdlichen Umstand konfrontiert: Meine Freundin griff nämlich mit einem „Komm, jetzt darfst du ins Freie“ in ihre Handtasche - und zum Vorschein kam... Richtig geraten! „Wie um Himmels willen hast du die bloß durch die Sicherheitskontrolle gebracht? Und vor allem, wie bringen wir

sie

wieder

zurück?!“

raunte

ich.

„Unsere

Einfuhrgenehmigung reicht nur für eine Schildkröte männlich!“ „Laß

mich

nur

machen“,

sagte

meine

Freundin

beruhigend. „Außerdem ist Geraldine doch wohl die einzige von uns, die ihren Ehemann kennt, nicht wahr?“ Diesem Argument mußte ich mich beugen... Auf der Straße zwischen Nablus und Netanya befand sich jedoch keine Tortuga graeca - männlich. Abgesehen von plattgefahrenen

Apfelsinen

und

gelegentlichem

Eselsdung befand sich hier überhaupt nichts, was einer Schildkröte auch nur im entferntesten ähnelte. Die arabischen Bauern auf den angrenzenden Feldern zeigten sich beim Anblick Geraldines entzückt und machten die Bewegung des Aufgreifens und Zum-MundFührens. Dabei verdrehten sie die Augen und klopften sich mit der flachen Hand auf den Bauch! Meine Freundin begriff zuerst: “Sie wollen Geraldine aufessen! Sie haben auch ihren Mann gefressen!“ Sie war voller Abscheu. Schließlich erfuhren wir dann doch mit Hilfe eines mehrsprachigen Arabers, daß

die

Schildkröten, die im übrigen als Delikatesse sehr


geschätzt waren, leider vor zwei Jahren aus der Gegend verschwunden seien. Schuld daran sei wohl die immer häufigere Verwendung von Kunstdünger und Insektiziden. Drüben an der Küste, da gäbe es noch Schildkröten auch im Gebirge... Flugs hatte meine Freundin den Satz „Bitte, wo finde ich hier Schildkröten?“ auf Hebräisch gelernt. Die Leute waren nett. Die einen schickten uns in Zoohandlungen, wo man uns grüne allerliebste Wasserschildkröten anbot, die anderen rieten uns, fleißig unter Dornbüschen und in Kaktushecken nachzusehen, da hielten sie sich am liebsten auf. Zerschunden und zerkratzt, aber ohne Tortuga graeca männlich, gerieten wir am Nachmittag des dritten Tages an einen, der ganz genau wußte, wo wir suchen mußten:“Fahren Sie dort hinunter, vorbei an dem Schild ‘Einfahrt verboten’ und dann weiter die Sandpiste entlang. Nach kurzer Zeit werden Sie sie finden.“ Nach besagter kurzer Zeit standen wir vor einem maschinengewehrstrotzenden dazugehörigen

Panzerfahrzeug

stahlhelmbewehrten

Soldaten

nebst im

Kampfanzug, die uns den Weg versperrten. „Was wollen Sie hier?“ fragte ein Offizier barsch. Meine Freundin sagte ihren hebräischen Satz: „Bitte, wo finde ich hier Schildkröten?“ „Hier“, sagte der Offizier, „und warum, bitte schön?“ „Wir suchen einen Mann für unsere Geraldine“, sagte sie. Sofort erhellte sich die Miene des Offiziers. „Ist sie hübsch?“ fragte er - und gleich reckten sich Hälse aus allen möglichen Öffnungen des Panzerfahrzeugs. „Wie


man`s nimmt“, sagte meine Freundin und holte Geraldine hervor, die gerade geschlafen hatte. Der Unterkiefer des Offiziers klappte nach unten, und er sah unbeschreiblich dämlich aus. Die niedrigen Ränge dagegen wälzten sich brüllend im Sand, und einer schmiß vom Lachen überwältigt einfach seine MP in hohem Bogen weg. Wie hätte meine Freundin denn auch wissen können, daß auf Hebräisch „Schildkröte“ und „Armee“ dasselbe Wort ist. Schließlich ist die Armee das Schild der Nation... Als der Offizier begriff, daß wir ihn nicht etwa auf den Arm nehmen wollten, ließ er ausschwärmen. „Sucht unter Dornbüschen und in Kaktushecken“, sagte er zu seinen Männern, „dort sitzen sie am liebsten.“ Zerkratzt, zerschunden und geschlagen gab die sonst siegreiche Armee nach einem halben Stündchen auf. „Gelände erfolglos nach Schildkröten durchsucht“, meldete ein Sergeant mit schmerzverzerrtem Gesicht. Und so zogen wir denn weiter, nicht ohne den Soldaten für ihre Mühe gedankt zu haben. Wir durchkämmten das Land von Süden nach Norden, hielten bei jedem Stein am Straßenrand und lernten jeden einheimischen Kaktus persönlich kennen. Nichts- kein Mann für Geraldine. De fraß indessen die einfache, aber nahrhafte Landeskost in Form von Kakteenfleisch und Disteln und schien das Ganze nicht zu begreifen. Das seltsame war, daß jeder, den wir nach Schildkröten fragten, gerade vor ein paar Minuten eine gesehen haben wollte - doch uns entzogen sich die Tiere, die doch wohl


nichts von unserer Aus- und Einfuhrgenehmigung wissen konnten. Erst an unserem allerletzten Urlaubstag wurden wir überraschend fündig. Schon eine Weile war uns das aufgeregte Gehabe von Geraldine aufgefallen - und so bogen wir denn in einen kleinen Dünenweg an der Küste ein. Geraldine wurde immer wepsiger. Schließlich hielten wir das Auto an und stiegen aus: Es gab Schildkröten satt - jedweder Größe und jedweden Temperaments. Sie saßen nicht nur unter den Dornbüschen, sie krabbelten auch über den Sand - wir brauchten sie nur aufzulesen. Für Geraldine war’s wie ein Traum - sie durfte selber wählen. Hocherhobenen Hauptes und mit leicht schwingendem Gang lief sie unter ihren Artgenossen umher, von denen wir ein gutes Dutzend eingesammelt hatten. Meine Freundin wollte sie natürlich alle behalten. „Kommt überhaupt nicht in Frage!“ beharrte ich. „Nur ein einziges Männchen!“ Geraldine hatte gewählt. Man erkannte es daran, daß sie eines der Tiere heftig in Kopf und Beine biß. „Genau

wie im Schildkrötenbuch!“ frohlockte meine

Freundin. „Wenn sie sich lieben wollen, dann beißen sie sich!“ „Und woher wissen wir, daß Geraldine nicht inzwischen lesbisch geworden ist...“ zweifelte ich. Sie war es nicht, denn: „Bei Männchen ist der Bauchpanzer leicht nach innen gewölbt, während sich die Geschlechtsöffnung in deutlicher Entfernung von der Schwanzwurzel in unmittelbarer Nähe der Schwanzspitze


befindet“, zitierte meine Freundin das Schildkrötenbuch. Wölbung und Öffnung befanden sich bei Jerry an der richtigen Stelle, und meine Freundin bestand darauf, daß es sich um Geraldines ursprünglichen Lebensgefährten handelt, zumal unsere Schildkrötendüne gar nicht so weit von Netanya entfernt war: In zwei Jahren hätte er die Strecke leicht bewältigen können. Nachzutragen wäre noch, daß Jerry und Geraldine in einem Liebeslager aus Disteln und Kakteen die Rückreise antraten - die beiden unten, Disteln und Kakteen oben. Auch Zollbeamte zerstechen sich nur ungern die Hände. Und so gelangten die beiden unbehelligt nach München. Meiner Freundin zufolge ist Geraldine wieder schwanger. Frauen haben ja für so etwas ein untrügliches Gefühl. Und da wir nun eine große Familie sind - die beiden Schildkröten nebst zu erwartendem Nachwuchs und die drei reiselustigen Hunde eingerechnet, haben wir gestählt

durch

unsere

nahöstlichen

-

Erfahrungen-

beschlossen, ein bewährtes Modell der Fortbewegung auf Europa zu übertragen:


Mit Moby durch dick und dünn oder Auf nach Latex Beach

Leviatan, der sagenhafte Riesenfisch des Propheten Jonas, bot seinem Herrchen drei Tage und drei Nächte lang Logis in seinem Inneren. Ein anderer Riesenfisch namens Moby Dick beherbergte gar eine ganze PokerRunde, angeführt von einem gewissen Kapitän Ahab... Unser Moby hat innen Platz für einen kompletten Hausstand, drei reiselustige Hunde, mindestens zwei Schildkröten, einen Kühlschrank, einen Gasherd, eine Duschkabine, ein Klo sowie für meine Freundin und mich. Außerdem hat unser Moby unten vier Räder und vorn einen leistungsstarken Dieselmotor. Es handelt sich Kundige haben es bereits erraten - um ein Reisemobil, das seinen Namen teils klassischen Vorbildern, teils der zärtlichen Abkürzung seiner Zweckbestimmung verdankt. Daß wir Moby überhaupt besitzen, verdanken wir dem genialen aber komplizierten Sparprogramm, das meine Freundin entwickelt hat. Sie hat es in langen und zähen Verhandlungen mit den örtlichen Vertretern von diversen Versandhäusern erreicht, auf ihre Bestellungen zwischen zehn und 15 Prozent Rabatt zu erhalten. Seither schleppt unser Briefträger große Mengen von


Haupt- und Sonderkatalogen ins Haus. Meine Freundin liebt schöne Dinge. Und da in den Katalogen viele schöne Dinge angeboten werden, bestellt sie alles, was ihr gefällt, oder alles, von dem sie annimmt, daß es mir gefällt. Meist sogar beides. Auf diese Weise kam ich zu einer ansehnlichen Kollektion von

Krawatten,

Jogginganzügen,

Schlagbohrern,

Wasserschläuchen, Hometrainern und Korkenziehern. Außerdem

erstand

feuervergoldeten Couchgruppe

für

sie

auf

diese

Wasserhähne unsere

Weise

fürs

Putzfrau

unsere

Bad,

die

Tamara,

das

Gartenhaus für ihren Großvater, den dringend benötigten Mikrowellenherd mit integrierter Grilleinheit, die AntiRheuma-Kräuterdecken für unsere Hunde, die JugendstilGaslaternen für unseren Garten, den CD-Player samt Boxen für unsere Keller-Sauna, die Sonnenliege, (die ich immer noch nicht ausgepackt habe, weil es in unserem Haus keinen Platz mehr zum Aufstellen gibt) und ein paar Garnituren

Sommer-Frühjahrs-Herbst-und

Wintergarderobe für sich und alle Mitglieder unserer vereinigten Familien. Von dem auf diese Weise eingesparten Geld konnten wir uns dann Moby leisten, - nachdem unsere Bank unsere Kreditlinie netterweise noch einmal aufgestockt hatte. Wie gesagt, ein geniales Sparprogramm. Man muß nur daraufkommen.... Moby mußte schon deswegen sein, weil nicht nur unsere Hunde, sondern auch wir gerne verreisen, während die meisten

Hotelbesitzer

des

europäischen

Auslands


Hundebesitzer als Gäste nur dann richtig schätzen, wenn sie ihre Hunde zuhause lassen. Zumal, wenn es gleich drei sind. „Außerdem sparen wir auf diese Weise eine Menge

Geld“, sagte meine Freundin, die weiß, daß es ihr mit diesem Argument immer wieder gelingt, meine Bedenken bereits im Keim zu ersticken. „Und man lernt Land und Leute kennen“, fügte sie hinzu. Dieses Argument hatte sie von mir übernommen. Ich hatte es eingesetzt, um ihr unsere allererste Reise mit einem - damals noch geliehenen Wohnmobil schmackhaft zu machen. Schon bei der Inneneinrichtung von Moby sparten wir viel Geld, da meine Freundin Bettwäsche und Gardinen, die sie aus einem ihrer Kataloge bestellt hatte, selbst in Pink und Türkis einfärbte. Weitere Beträge sparten wir bei der Anschaffung von unzerbrechlichem Geschirr, von pinkfarbenen PlastikKisten, einem pinkfarbenen Plastik-Mülleimer und einer Chemikalientoilette, die es leider nur in sanitärbeige gab. Dafür gab es Fleckerlteppiche in Türkis und in Pink, was meine Freundin wieder versöhnte. Ihre erste Alleinfahrt mit Moby unternahm sie, um Schaumgummi-Matratzen einpassen und anfertigen zu lassen. Von dieser Fahrt kam sie weinend zurück. Hausfrauen hatten ihr beim Ampelstopp aus japanischen Familienautos heraus mit der Faust gedroht, und der Schaumgummityp hatte ihr den Po getätschelt und 100 Mark geboten.


Sie hatte nicht bedacht, daß in unserer Wahlheimat München alleinchauffierende Wohnmobil-Pilotinnen einen gewissen Ruf haben. „Sehe ich wirklich so aus, als könnte ich nur hundert Mark verlangen“, schluchzte sie. „Auf keinen Fall!“ versuchte ich sie zu trösten. „Ich hätte dir mindestens zweihundert geboten.“ Aber das war ihr dann auch wieder nicht recht. Von nun an wollte sie auch nicht mehr ans Steuer, was uns zu einer klassischen Rollenverteilung verhalf: Ich fuhr, und sie kümmerte sich um den Haushalt. Unsere Jungfernfahrt sollte über die Alpen nach Italien gehen. „Überall sieht man Wohnmobile mit italienischen Nummernschildern“, sagte meine Freundin. „Italien muß ein wahres Paradies für Wohnmobile sein.“ Das leuchtete auch mir ein. Und so fuhren wir los. Vorher hatten wir noch alles Nötige für die Fahrt erstanden: Wassermelonen,

Spaghetti,

Olivenöl,

Tomaten

und

italienischen Wein. „Ich habe gelesen, daß in Italien alles teurer ist als hier.

Außerdem ist dort immer Streik“, begründete meine Freundin ihre Zusammenstellung der Vorräte. Und auf stilgerechte italienische Küche wollten wir ja keineswegs verzichten. Unsere erste Erfahrung mit Italien machten wir bereits auf der deutschen Autobahn: Italienische LKW-Fahrer ließen unser Moby beim Überholmanöver immer nur bis zur Fahrerkabine aufrücken. Dann gaben sie plötzlich Gas und

ballten

gleichzeitig

ausgestrecktem Mittelfinger.

die

linke

Faust

bei


„Was haben die bloß?“ fragte meine Freundin. Ich konnte

nur mutmaßen: „Vielleicht halten sie sich für die Schnellsten

und

finden

es

pervers,

von

einem

Langsameren überholt zu werden...“ Ein

wenig

frustrierend

war

das

schon,

und

so

beschlossen wir, noch diesseits der Alpen die erste Rast einzulegen. Selbstverständlich nicht auf irgend so einem Campingplatz, sondern in Gottes freier Natur. Da hatten wir allerdings nicht mit Anliegern und Forstverwaltungen gerechnet. Denn Natur gibt es zwar diesseits der Alpen noch ziemlich viel. Von frei kann aber keine Rede sein: Feld- und Waldwege waren mit Schranken

und

Verbotsschildern

ausgerüstet

und

verwehrten uns solchermaßen den wahren Naturgenuß. Erst ein alter Bauer mit Heugabel über dem Rücken rettete die Jungfernnacht unserer Jungfernfahrt. Die Nacht begann bereits zu sinken, als er uns gegen die Entrichtung von hundert Schilling in eine romantische Almwiese einwinkte. Daraufhin

bereitete

Tomatensauce, vergnügten

meine

während

und

ich

Freundin

sich die

die

Spaghetti

mit

Hunde

draußen

mitgebrachten

Aperitifs

durchprobierte. Es begann sehr romantisch zu werden. Es blieb romantisch, auch als erste Regentropfen mit hohlem „Plopp“ aufs Dach fielen. Allerdings mußten wir jetzt die Hunde hereinholen. Die hatten sich indessen stillvergnügt in Kuhfladen gewälzt und verbreiteten den entsprechenden

ländlichen

Duft,

was

für

meinen

Geschmack ein wenig zuviel Natur pur für den Anfang


war. Die Hunde mußten also einer gründlichen Reinigung unterzogen werden, während die Spaghetti kalt wurden. Aber Spaghetti kann man ja wieder aufwärmen. Und so wurde es dann doch noch ein wenig

romantisch in

unserem

Rotwein

rollenden

Heim.

Mit

viel

bei

prasselndem Regen und gelegentlichen Donnergrollen. Übrigens: Man gewöhnt sich nur schwer an den Duft von frischen Kuhfladen. Das hatte ich nicht gewußt und auch nicht, daß Hunde schnarchen, denn bis jetzt hatten wir unsere Nächte nicht auf so engem Raum miteinander verbracht. Wenigstens nicht alle fünf. Also: Hunde schnarchen! Wobei ich nicht weiß, was mich länger

wach

hielt:

Das

Hundeschnarchen,

das

anschwellende Getrommel des Regens, die Windböen, die unser Moby durchrüttelten, die grellen Blitze mit gleichzeitigem brüllenden Donner oder die Fragen meiner Freundin, ob wirklich kein Blitz einschlagen könne und ob wir uns nicht lieber einen Blitzableiter zulegen sollten... Irgendwann müssen wir dann doch eingeschlafen sein, denn ich erwachte an einer Stille, die geradezu durchdringend war. Sie klang einem förmlich in den Ohren. Es war wie ein Brausen und Läuten. Eigentlich war es mehr ein Läuten. Und dieses Läuten kam immer näher. Ich beschloß, aus dem Fenster zu blicken und schaute direkt in zwei braune, feuchte Augen. Sie gehörten zu einer Kuh, die eine große Schelle umgehängt hatte: Ich befand mich auf Blickhöhe mit der Erzeugerin der


würzigen Fladen. Genaugenommen und bei näherem Hinsehen waren es viele Fladenerzeugerinnen. Eine ganze Herde. Und diese Herde mußte unser Fahrzeug für eine Art Futterwagen halten. Jedenfalls umringten sie Moby erwartungsfrohen Blicks und dachten nicht daran zu weichen. Auch nicht, als ich - etwas überstürzt und nur halb angezogen - den Motor anließ. Unser Rückzug vollzog sich denn auch millimeterweise, aber geordnet. Gefrühstückt haben wir dann am Ufer eines Bergsees, in dessen kristallklaren Fluten auch die letzten

Spuren

unseres

nächtlichen

Abenteuers

verschwanden. Die Sonne schien wieder vom blauen Himmel, die Hunde wollten dringend weiterfahren und so gelangten wir dann frohen Mutes über die Grenze nach Bella Italia, wo uns sogleich viele Verbotsschilder in die Augen stachen. Diese Schilder trugen allesamt die Inschrift: „Verboten für Wohnmobile...“ „Jetzt weiß ich, warum es in Deutschland so viele

Wohnmobile mit italienischer Nummer gibt“, sagte ich. Meine Freundin sagte gar nichts. Sie studierte die Karte, denn sie hatte den Ehrgeiz, uns auf dem schnellsten Weg an die Gestade des Mittelmeeres und dort an einen romantischen Küstenabschnitt zu dirigieren. Ich erinnerte mich an einen kilomerterlangen, weiten Strand mit wunderbar weißem Sand, der sich über viele Kilometer zwischen Marina di Carrara und Livorno entlang

der

toskanischen

Küste

erstreckte.

Wie


geschaffen

für

lange

pflegeleichten

Spaziergänge

Reisehunden

und

mit

unseren

gelegentlichen

Ausflügen unserer Schildkröten im warmen Sand. „Woher kennst du denn diese Gegend?“, fragte meine

Freundin mit jenem Unterton, der besagte: „Sicher bist du schon vor mir mit einer deiner zahlreichen Freundinnen hiergewesen...“ Da sie mit dieser unausgesprochenen Vermutung recht gehabt hätte, sagte ich lieber gar nichts, was sie dann wieder als Bestätigung auffaßte. Daraufhin verfiel sie für den

nächsten

längeren

Strecken-abschnitt

in

unheilschwangeres Schweigen. Was sich allerdings zwischen Marina di Carrara und Livorno

erstreckte,

war

inzwischen

nicht

mehr

auszumachen, denn zwischen Straße und Strand hatte seit

meinem

letzten

Geschäftssinn

Aufenthalt

Touristenfallen

der in

italienische Form

von

gastronomischen Betrieben gesetzt. Auch nicht das kleinste Fitzelchen freier Strand war zu gewahren. Kaum hatten wir jedoch den Industriehafen von Livorno hinter uns, fanden wir mit Hilfe sachkundiger Führung von Eingeborenen ein herrliches Fleckchen Strand namens „Latex Beach“. Dort stellten wir inzwischen

war

schon

wieder

die

Dämmerung

hereingebrochen - Moby in den Sand. Es war herrlich. Der Mond schien, die Wellen rauschten, der Wein schmeckte und die Hunde tobten am Strand entlang. Es störte uns nicht, daß sich die Gegend allmählich mit anderen Fahrzeugen füllte. Die waren


nämlich sehr winzig und außerdem löschten sie sofort nach ihrer Ankunft die Lichter. „Wie romantisch die Italiener sind“, seufzte meine Freundin. „Fahren die nach Feierabend an den Strand und betrachten den Mond und die Wellen. Fehlt nur noch, daß einer singt...“ Ich indes fragte mich,

warum

die Italiener beim

Betrachten der Abendstimmung ihre nackten Beine aus dem Fenster ihrer Kleinwagen streckten... Die Antwort erhielt ich erst am nächsten Morgen, als die Bassethündin Stoney ein Spitzenhöschen apportierte und schwanzwedelnd vor uns niederlegte. Im Laufe von fünf Minuten hatte sie weitere zehn Höschen verschiedener Bauart und Färbung zusammengetragen. Außerdem sahen wir jetzt im freundlichen Licht der Morgensonne, woher unser romantischer Strand den Namen „Latex Beach“ hatte: Er war übersät damit. Eine Variante des italienischen Liebesspiels scheint es zu sein, das Höschen der jeweiligen Dame mit Schwung in die Botanik zu feuern - gleichsam als Ausdruck der entsprechenden Liebesglut. Ratlos sagte meine Freundin. „Aber warum so unbequem im Auto? Haben die Italiener denn keine Betten?“ „Haben sie schon“, entgegnete ich. „Aber die sind vermutlich bereits belegt. „So - und mit wem?“ „Mit dem zugehörigen Ehepartner.“ „Willst du damit sagen, daß die alle ihre Frauen betrügen?“ fragte meine Freundin, und ich merkte, wie endgültig Entrüstung in ihr hochstieg. „Ja, und ihre Ehemänner“, fügte ich hinzu. „Aber warum heiraten die dann nicht gleich jemand anders?“ wunderte sich meine Freundin.


Meine Antwort fiel philosophisch aus: „Das tun sie doch!“ Übrigens entdeckten wir noch am selben Tag, daß der Sport des Höschenwerfens nicht auf unseren einsamen Strandabschnitt beschränkt ist. Es scheint sich um eine Art Nationalsport zu handeln: In allen Supermärkten, die wir auf der Suche nach Hundefutter betraten, stand gleich am Eingang ein großer Ständer mit Höschen aller Bauarten, Größen und Farbgebungen. Gegen elf Uhr vormittags waren die gängigen Größen vergriffen. Und dann machten wir im Lauf des Tages noch eine Entdeckung:

Wir

fanden

Norditaliens

einzigen

befahrbaren Zugang zum Meer: Vorbei an einem Schild „Gesperrt

für

Wohnmobile“

hinter

einem

offenbar

pleitegegangenen Hotel. Später kamen Männer mit einer langen Stange, an deren Spitze ein lebender Vogel angekettet war. Diese Stange steckten sie in den Sand und verschwanden in den Dünen. Der Vogel flatterte auf und setzte sich wieder. Das veranlaßte wilde Vögel, sich ihm zu nähern. Plötzlich brach

der

Krieg

aus.

Artillerie,

schwere

Mörser,

Maschinengewehre Boden-Luft-Raketen, Stalinorgeln. Alles wurde in den Dünen abgefeuert. Federn stoben, zerfetzt lagen die Vögel am Boden. Wir waren mitten in eine italienische Jagd geraten. „Du wolltest Land und Leute kennenlernen“, sagte ich zu meiner Freundin und bereute es sofort wieder, denn sie begann, still vor sich hinzuweinen. Wir brachten unsere Tiere in Sicherheit und verließen den


Ort des Gemetzels. „So habe ich mir Italien nicht vorgestellt“, sagte sie, deren Italienbild unter anderem durch Michelangelo, Rudi Schurike, Milva und dem Roman

„Quo

vadis“

geprägt

ist,

garniert

mit

venezianischem Glas, Florentiner Spitzen, Mailänder Schuhen, Turiner Karossen und römischer Couture. Alles Dinge, die nördlich der Alpen jedermann zugänglich sind. Als während eines Rasts an einem öffentlichen Picknickplatz mit Blick auf die Rückseiten der Hotels, deren

Vorderseiten

Blick

aufs

Meer

hatten,

eine

gemischte Schulklasse unter sachkundiger Anleitung zweier Lehrer ein Steine-Wettwerfen auf unsere drei erschrockenen Hunde begann, beschlossen wir die Heimfahrt. Wir hatten für diesmal unsere Lektion in Sachen Land und Leute intus. Nicht, daß wir im Zorn geschieden wären, denn wir hatten dann doch noch ein sehr nettes Erlebnis: Die Wirtin eines entzückenden romantischen Hotels am Gardasee, das ich von früheren Besuchen her kenne - meine Freundin war viel zu erschöpft, Einzelheiten zu hinterfragen - erlaubte uns, mit kleinem Aufschlag auf den Zimmerpreis unser Moby in ihrem Park abzustellen. Und sie kam uns sogar soweit entgegen, daß sie nicht auf Vollpension bestand, denn sie sah ein, daß wir zumindest das Frühstück selbst zubereiten wollten. Die übrigen Mahlzeiten servierte uns ein edel gewandeter Kellner frei Autotür. Auf diese Weise haben wir Spaghetti, Tomatensauce und


all die übrigen Zutaten wieder mit nach München gebracht. Moby steht in unserm Garten und manchmal trinken wir abends ein Gläschen Wein in ihm. Aus den gesteigerten Bestell-Aktivitäten meiner Freundin schließe ich übrigens, daß sie zur Zeit auf

ein eigenes

Grundstück am Meer spart. Oder können Sie mir sagen, was ich sonst mit antiken Ritterrüstungen, balinesischen Tanzmasken und dem Motorschlitten anfangen sollte?

Doch das ist eine andere Geschichte. Sie wird den Titel tragen:

Kein Haus in der Toscana Und ist gerade in Arbeit

Die Reise nach Jerusalem  

Fast ein Liebesroman