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ASPEKTE der Jugendsozialarbeit

Da hilft kein Angebot von der Stange Jugendsozialarbeit trifft auf junge Menschen in besonderen Lebenslagen

Nr.

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Inhaltsverzeichnis Editorial.................................................................................................................................................... 3 Einführung................................................................................................................................................ 4 „Jugendliche in besonderen Lebenslagen erreichen – geht das?“ von Anna Warnking.............................. 5 „Wovon sprechen wir eigentlich?“ von Stefan Sell und Maria Wirtz.......................................................... 8 Meinung................................................................................................................................................. 16 „RESPEKT“ für schwer ereichbare junge Menschen. Ein Interview mit Karl Schiewerling........................ 17 „Warum die Fantasie nicht schlafen geht“ von Dirk Bingener.................................................................. 19 Konkret................................................................................................................................................... 21 Jenseits des Maßnahmekorsetts. Neun Bausteine guter Praxis für eine individuelle Arbeit.................... 22 Baustein: Struktur................................................................................................................................... 23 Baustein: Teamkultur.............................................................................................................................. 24 Baustein: Kontaktaufnahme . ................................................................................................................. 25 Baustein: Beziehungsgestaltung . .......................................................................................................... 26 Baustein: Authentizität .......................................................................................................................... 27 Baustein: Wertschätzung........................................................................................................................ 28 Baustein: Partizipation........................................................................................................................... 29 Baustein: Orientierung............................................................................................................................ 30 Baustein: Relevante Andere..................................................................................................................... 31 Autorinnen und Autoren........................................................................................................................ 34

Impressum Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. Carl-Mosterts-Platz 1 40477 Düsseldorf Fon: 0211 94485-0 Fax: 0211 486509 bagkjs@jugendsozialarbeit.de www.bagkjs.de

Verantwortlich: Andreas Lorenz (Geschäftsführer)

Druck: Offsetdruck Richard May e. K. 40233 Düsseldorf

Redaktion: Silke Starke-Uekermann Anna Warnking

ISSN: 1612-9105 Erscheinungsdatum: Februar 2017

Konzept, Gestaltung und Layout: qpoint – Agentur für Social Marketing · www.qpoint.de

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Editorial Andreas Lorenz Geschäftsführer

Liebe Leserin, lieber Leser, wie ärgerlich – Sie wollen jemanden anrufen, hören aber bloß die Computerstimme: „The person you have called is temporarily not available.“ Haben Sie eine falsche Nummer gewählt? Hat die Person einen neuen Anschluss oder einfach bloß keine Mailbox? Wie ungewöhnlich in Zeiten, wo wir doch alle mehr oder minder ständig erreichbar sind … Ist hingegen jemand schlicht unerreichbar, widerspricht dies gleich unserer Gewohnheit und stellt uns vor eine Herausforderung. Ganz ähnlich ergeht es uns in der Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen. Schließlich verfügen wir doch eigentlich über ein reichhaltiges Instrumentarium aus Programmen und Maßnahmen, um jedem jungen Menschen gerecht zu werden. Dennoch gibt es sie – die Jugendlichen, die scheinbar durchs Raster fallen. Die „verlorenen“, „entkoppelten“, „exkludierten“ Jugendlichen, wie sie in der Fachliteratur beschrieben werden. Diese Menschen einfach abzuhaken, ist für uns keine Option. Nicht für einen Sozialstaat, der die Würde einer jeden Person zu schützen hat; und erst recht nicht für die Jugendsozialarbeit in katholischer Trägerschaft. Denn das christliche Gottes- und Menschenbild bewegt uns, niemanden verloren zu geben. Wie aber erreichen wir diese „nicht zu erreichenden“ jungen Menschen? Es liegt in der Natur der Sache, dass es hierfür kein Patentrezept gibt. Nur individuelle Lösungen helfen weiter. In der vorliegenden Ausgabe der ASPEKTE geben unsere Autorinnen und Autoren einen Überblick über Hintergründe und Diskussionsstände des Phänomens, beleuchten die Situation aus politischer sowie pastoraler Perspektive und präsentieren verschiedene „Bausteine guter Praxis“, mit denen trotz aller Schwierigkeiten eine Kontaktaufnahme mit dem Ziel eines gelingenden Lebens und einer gesellschaftlichen Integration Erfolg haben kann. Ich freue mich, wenn wir mit diesem Thema den einen oder anderen relevanten Punkt Ihrer Arbeit „erreichen“ können, und wünsche gute Lektüre. Ihr

Andreas Lorenz Geschäftsführer

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Einführung Ausgangspunkt für die Erörterungen in diesem Heft ist das Projekt „Wir sind auf dem Weg – Jugendliche in besonderen Lebenslagen“, mit dem das Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz, die Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (LAG KJS) Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland und der Caritasverband für die Diözese Trier e. V. die mögliche Erreichbarkeit von Jugendlichen in „besonderen Lebenslagen“ untersucht haben. Auf den folgenden Seiten geben die Projektbeteiligten eine Einführung ins Thema: LAG-Geschäftsführerin Anna Warnking skizziert zunächst die Notwendigkeit individueller Lösungsansätze, bevor ISAM-Direktor Stefan Sell und seine frühere Mitarbeiterin Maria Wirtz in einer ausführlichen Bestandsaufnahme das Phänomen der „schwer erreichbaren“ Jugendlichen begrifflich und empirisch eingrenzen.

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Jugendliche in besonderen Lebenslagen erreichen – geht das? Hinweise für eine Standortbestimmung Von Anna Warnking Anna Warnking ist Referentin für Jugendsozialarbeit beim Caritasverband für die Diözese Trier e. V. und zugleich (seit 2015) Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland. Mit ihren weiteren Erfahrungen aus der Offenen Jugendarbeit, der Jugendverbandsarbeit und transnationaler Zusammenarbeit verfügt sie über einen breiten Überblick fachlicher Entwicklungen in der Jugendarbeit. In ihrem einführenden Beitrag skizziert sie das Dilemma zwischen institutionellen Vorgaben und individuellen Bedarfen sowie den großen Wunsch nach neuen Lösungen für die Praxis. Jugendsozialarbeit im „Übergang SchuleBeruf“ hat sich schon immer mit der Frage beschäftigt, wie Jugendliche in „besonderen Lebenslagen“ erreicht werden können. Diesem Umstand trägt § 13 SGB VIII mit seinem auf die einzelne Person bezogenen Ansatz durch das Angebot sozialpädagogischer Hilfen Rechnung. Im Vordergrund steht die Förderung der schulischen und beruflichen Ausbildung, die Eingliederung in die Arbeitswelt und die soziale Integration. Der Gesetzgeber formuliert insbesondere durch das Ziel der sozialen Integration eine ganzheitliche Förderung als Grundlage des Angebotes der Jugendsozialarbeit. Dies greifen die Anbieter in der Regel in ihren Leitbildern und/oder Qualitätsanforderungen auf, auch die Katholische Jugendsozialarbeit. So formuliert z. B. im Jahre 2007 ein Positionspapier zur Jugendberufshilfe in katholischer Trägerschaft unter Bezug auf die Christliche Soziallehre entsprechende Arbeitsprinzipien: „Junge Menschen werden als Subjekt ernst genommen und zur Wertschätzung gegenüber sich und anderen erzogen“ (S. 3). Ziel sei, „ … die Partizipation aller jungen Menschen in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Dies ist nicht nur über die Erwerbsarbeit möglich. Anerkennung und Wertschätzung der jungen Menschen sind wichtige Elemente“ (S. 5).*1) Der fast „historische“ Rückgriff auf das SGB VIII oder ein zehn Jahre altes Positionspapier zeigt auf, was auch noch 2017 in unserem Projekt „Wir sind auf dem Weg – Jugendliche in besonderen Lebenslagen“ deutlich wurde: Jede Erkenntnis pro Baustein ist nicht neu – trotzdem finden sich nur wenige Konzepte mit angepassten Umsetzungsmöglichkeiten, die klar auf Jugendliche in besonderen Lebenslagen ausgerichtet sind.

Die Erkenntnisse sind nicht neu, doch finden sich nur wenige Umsetzungsmöglichkeiten.

Um welche Jugendliche handelt es sich eigentlich? Welche Schwierigkeiten haben sie? Fehlt ihnen die Motivation zum Lernen oder schwänzen sie einfach die Schule? Haben sie einen Abschluss verpatzt oder gibt

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es gar keine erreichbare Lehrstelle für sie? Für jede Lebenslage gibt es Beschreibungen und Abgrenzungen, abhängig von gesetzlichen und institutionellen Zielen, die durch entsprechende Angebote erreicht werden sollen. (Der nachfolgende Beitrag in diesem Heft geht darauf näher ein.) Allen ist allerdings gemein, dass die Jugendlichen in das sogenannte Übergangssystem einmünden – sofern sie durch die laufenden Maßnahmen erreicht werden. Doch gerade die Vielfalt der Angebote wirft die Frage auf, welche Konzepte welche Jugendlichen erreichen bzw. eben nicht (mehr) erreichen. Leider dominieren Fragen der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt über eigentlich notwendige individuelle Zugänge, wie sie auch unsere „Neun Bausteine guter Praxis“ (S. 22-33 in diesem Heft) fordern. „Wendet man sich nun den förderpolitischen Zielsetzungen und konzeptionellen Rahmenbedingungen zu, so erhärtet sich die […] These von der Liberalisierung des Übergangsregimes in Deutschland […]“, schreibt der Sozialforscher Oliver Dick in seiner aktuellen Veröffentlichung 2017 zum Übergangssystem. „Die Angebote der Beschäftigungsförderung [zielen] auf eine möglichst schnelle Integration in eine Ausbildung oder sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Sowohl die Zielsetzung als auch der avisierte Zeithorizont gehen dabei an den Bedarfen zumindest der in diesem Kontext betrachteten Zielgruppen vorbei, insofern diese einer ganzheitlichen Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung bedürfen, die in ihrer zeitlichen Perspektive prinzipiell offen und an der individuellen Entwicklung orientiert sein muss.“*2)

Die Zielsetzung und der Zeithorizont gehen an den Bedarfen vorbei.

Auch unsere Projektergebnisse zeigen uns, dass die Fachkräfte individualisierte Wege und Handlungsoptionen ergänzend zu den konzeptionellen Angeboten dort verfolgen, wo sie Jugendliche in den Angeboten halten und damit eine neue Chance eröffnen möchten. Ein Teil des pädagogischen Kerngeschäfts wird von den Fachkräften daher auch außerhalb der Maßnahme oder durch besonderen persönlichen Einsatz geleistet. Dazu schreibt Oliver Dick: „Zwar sieht das BvB-Fachkonzept [= Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen; Anm. d. Verf.] u. a. auch sozialpädagogische Begleitung im Rahmen der Bildungsbegleitung vor, die insbesondere auf die ,Wahrnehmung und Beseitigung von individuellen Wettbewerbsnachteilen‘ sowie auf die ,Klärung und Stabilisierung der familiären Situation‘ abzielt. Allerdings sind, wie die Studie des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz zeigt, die genannten Aktivitäten eindimensional auf die Integration in Arbeit ausgerichtet: ,Die Förderung der individuellen und sozialen Entwicklung stellt keine explizite Zielsetzung dar, somit erfolgt eine einseitige Instrumentalisierung von Sozialpädagogik für arbeitsmarktpolitische Zwecke‘“.*3) Aus dieser Erkenntnis resultiert der große Wunsch nach neuen Lösungsmöglichkeiten für die Praxis. Im September 2015 hat der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge seine Empfehlungen „für eine gelingende Zusammenarbeit an den Schnittstellen der Rechtskreise SGB II, SGB III und SGB VIII“ verabschiedet. In Punkt 3.1 unter der Überschrift „Zuständigkeitswechsel“ wird die ganzheitliche, um-

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fassendere Ausrichtung der Jugendhilfe als Lösungsansatz bestätigt: „Zeigt sich im Beratungsprozess der Arbeitsagentur eine massive Problemlage, die eine intensive sozialpädagogische Unterstützung erfordert, so ist eine Hinzuziehung oder Übergabe in die Jugendhilfe zu gestalten.“*4) Auch wenn die Empfehlungen ausführlich die Möglichkeit der übergreifenden Zusammenarbeit unter den bereits bestehenden Rechtsvorschriften erläutern, so zeigt sich auch hier ein Dilemma: Denn neben der Zuständigkeitsfrage sind juristische Abgrenzungen, Kooperationsvereinbarungen, die Klärung von Datenschutzfragen usw. notwendig, um eine Zusammenarbeit und letztlich auch die Finanzierung zu gestalten. Dies sind lange dauernde Prozesse auf institutioneller Ebene, während den Sozialpädagoginnen und -pädagogen, die eigentlich jetzt Vertrauen zu den Jugendlichen aufbauen müssten, die Zeit davonläuft. Eine tragfähige Beziehung im sozialpädagogischen Prozess braucht Transparenz und erreichbare Ziele. Dadurch erhält eine Fachkraft für einen jungen Menschen eine stärkere Bedeutung in dessen Lebenssituation. Wie in den Projektbausteinen „Orientierung“ und „Relevante Andere“ beschrieben (vgl. S. 30 und 31 in diesem Heft!), entwickeln sich in diesem Zusammenspiel neue Lebensorientierungen.

Wunsch nach neuen Lösungsmöglichkeiten für die Praxis

Mit dem neuen § 16h SGB II bieten sich ebenso wie in der Zusammenarbeit mit einer gut aufgestellten Jugendberufsagentur nach dem SGB III*6) Möglichkeiten, um mit „ausgegrenzten“ Jugendlichen individuellere Wege zur sozialen Integration zu beschreiten. Damit könnte die Jugendsozialarbeit dem demographischen Wandel begegnen. Allerdings zeigen aktuelle Zahlen eine etwas andere Herausforderung, denn während laut Statistischem Landesamt Bad Ems für Rheinland-Pfalz beispielsweise zu Beginn des laufenden Schuljahres 266 Schülerinnen und Schüler weniger als im Vorjahr angemeldet waren, ist die Zahl der Migrantinnen und Migranten im gleichen Zeitraum um fast achttausend gestiegen. Das sagt zwar nichts über die Zahl von „ausgegrenzten“ Jugendlichen aus. Allerdings ist für die Jugendsozialarbeit und berufsbildende Angebote weiterhin Bedarf zu erwarten, denn die Frage, in welchen besonderen Lebenslagen Jugendliche zukünftig Begleitung benötigen, hängt auch von der gesellschaftlichen Integrations- und Aufnahmefähigkeit ab. Sicher scheint, dass sich alle Zuständigen im Übergangssystem bei der Erreichbarkeit Jugendlicher neue Antworten werden erarbeiten müssen – und nicht nur bei den bereits „ausgegrenzten“ Jugendlichen. 1.) Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit: Positionspapier Jugendberufshilfe in katholischer Trägerschaft, 2007 2.) Oliver Dick: Sozialpädagogik im Übergangssystem, Weinheim 2017, S. 241f 3.) ebd. 4.) Deutscher Verein für die öffentliche und private Fürsorge e. V.: Unterstützung am Übergang Schule-Beruf. Empfehlungen des Deutschen Vereins für eine gelingende Zusammenarbeit an den Schnittstellen der Rechtskreise SGB II, SGB III und SGB VIII vom 25. September 2015, Seite 9 5.) ebd, S. 41-46 6.) vgl. Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit: Eckpunktepapier Gestaltung von ,Jugendberufsagenturen‘ – Impulse und Hinweise aus der Jugendsozialarbeit vom 24. Juni 2014

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Wovon sprechen wir eigentlich? Definitionen eines Phänomens und neue Lösungsansätze Von Stefan Sell und Maria Wirtz Prof. Dr. Stefan Sell ist Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz und betreibt den sozialpolitischen Blog www.aktuelle-sozialpolitik. de. Maria Wirtz war bis zum 31.12.2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISAM. Für ASPEKTE grenzen sie das Phänomen der schwer zu erreichenden Jugendlichen begrifflich ein und diskutieren, welche Möglichkeiten die jüngste Novelle des SGB II für diese Zielgruppe bietet. Der erfolgreiche Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf ist die zentrale Bedingung für die Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive. Dabei stellt der abschluss- und zertifikationsorientierte Arbeitsmarkt steigende Anforderungen an Jugendliche. Der Übergang ist die zentrale Statuspassage im Jugendalter und mit einer Reihe von Herausforderungen wie der plötzlichen Verantwortungsübernahme und der Lösung vom Elternhaus verbunden. Jugendliche mit schlechten Startvoraussetzungen oder einer Kumulation individueller Probleme, die nicht passungsfähig mit der Arbeitsmarktnachfrage sind, bleiben immer häufiger auf der Strecke. Dabei spielen Faktoren wie schwierige familiale Bedingungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Teenager-Schwangerschaften, Drogenkonsum, Sucht- oder Gewalterfahrungen eine große Rolle. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist der zentrale gesellschaftliche Teilhabemechanismus – und der nicht gelingende Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf insofern der „größte Unglücksfall in der Arbeitsgesellschaft“. Selbst unter den Bedingungen eines prosperierenden Arbeitsmarktes gelingt nicht allen Jugendlichen ein erfolgreicher Einstieg. Professionelle Unterstützungsangebote nach Vorgaben verschiedener Sozialgesetzbücher sollen daher Jugendliche auf ihrem Weg zur Entwicklung einer eigenständigen und tragfähigen Lebensperspektive unterstützen. Doch viele sind für diese Angebote nur schwer erreichbar.

Die Integration in den Arbeitsmarkt ist der zentrale gesellschaftliche Teilhabemechanismus.

Die formale Bildung ist der entscheidende Faktor einer erfolgreichen Erwerbsbiografie. Ohne Schulabschluss ist der Anschluss an das Berufsleben äußerst schwierig. So haben 68,7 Prozent der Personen ohne Schulabschluss auch keinen Berufsabschluss. Bei Personen mit

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Hochschulzugangsberechtigung trifft dies auf lediglich 4,4 Prozent zu. Eine höhere Schulbildung hat folglich einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer formalen Qualifikation (BIBB 2016). Je niedriger die Qualifikation von Personen ist, desto größer wird ihr Arbeitsmarktrisiko. Mehr als jede fünfte Person ohne Berufsabschluss ist von Arbeitslosigkeit betroffen. Bei Akademikerinnen und Akademikern sind es lediglich 2,4 Prozent (Söhnlein et al. 2016). Zwar sind im Jahr 2015 so viele Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben wie seit 1996 nicht mehr. Gleichzeitig sind aber auch die Zugänge in das Übergangssystem erstmals wieder gestiegen: um 7,2 Prozent auf 270.783 Personen. Dies verdeutlicht, dass vielen Jugendlichen der Zugang zum Ausbildungssystem nach wie vor verwehrt bleibt (Haggenmiller 2016). Geringe Bildung und Qualifikation sind wiederum Armutsrisikofaktoren. Nach Ergebnissen des Mikrozensus waren 2014 in Deutschland 30,8 Prozent der gering qualifizierten Personen ab 25 Jahren armutsgefährdet. 2005 waren es noch 23,1 Prozent gewesen (Destatis 2015). Hier zeigt sich eine Abwärtsspirale von Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Armut, in die benachteiligte Jugendliche häufig hineinrutschen. Unterschiedliche Sozialgesetzbücher greifen die Problemlagen der Jugendlichen auf, unterscheiden sich allerdings in ihren Aufträgen, Zielen und ihrer Handlungslogik. Zuständig für sie sind je nach Problemlage und Haushaltshintergrund die Sozialhilfe (SGB XII), die Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II), die Arbeitsförderung (SGB III) oder die Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII). Das SGB VIII richtet sich insbesondere an junge Menschen mit sozialer oder individueller Benachteiligung. Als sozial benachteiligt werden dabei die Personen angesehen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in ihren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, ihrem Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf und damit grundlegend in ihrer Teilhabe an der Gesellschaft behindert werden. Individuell benachteiligte Personen weisen hingegen persönliche Merkmale auf, die eine Teilhabe an der Gesellschaft beeinträchtigen (Struck 2015 in: Wiesner, SGB VIII, §13 Rn 3). Auch das SGB XII kann für Jugendliche in besonderen sozialen Schwierigkeiten (Wohnungslosigkeit) eine Rolle spielen. Die Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) verfolgt mit ihrer „work-first-Strategie“ einen eher autoritär-fürsorglichen Ansatz, der auf die möglichst rasche und sanktionsbewehrte Überwindung der Hilfebedürftigkeit abzielt. Dagegen beruhen die Angebote der Arbeitsförderung (SGB III) weitgehend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und sollen dem Entstehen von Arbeitslosigkeit entgegenwirken, die Dauer der Arbeitslosigkeit verkürzen und den Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt unterstützen. Trotz des ausdifferenzierten Angebots von Arbeitsförderung, Grundsicherung, Sozialhilfe und Kinder- und Jugendhilfe gibt es eine Gruppe junger Menschen, die davon zumindest zeitweise nicht erreicht wird. Häufig fehlen die passenden und individuell zugeschnittenen Angebote. In vielen Fällen ziehen sich die

Über die quantitative Dimension des Phänomens besteht Verwirrung.

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jungen Menschen aber auch selbst resignativ zurück und fallen aus Bildungs- und Arbeitskontexten heraus. Für sie gibt es in den fachpolitischen Debatten ein ganzes Arsenal an Begrifflichkeiten. Sie werden wahlweise als „verlorene“, „entkoppelte“, „marginalisierte“, „exkludierte“, „nicht oder schwer erreichbare“ oder „ausgegrenzte“ Jugendliche bezeichnet. Allerdings weisen nahezu alle Begriffe eine erhebliche Unschärfe auf (Skrobanek/Tillmann 2015: 204), daher besteht auch über die quantitative Dimension des Phänomens immer wieder Verwirrung. Die Europäische Union nutzt den Indikator NEET (Not in Education, Employment or Training), den sie statistisch erfassen kann. Er liefert Informationen über Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren, die nicht beschäftigt sind und innerhalb von vier Wochen vor der Umfrage an keiner Aus- oder Weiterbildung teilgenommen haben. Die Statistikbehörde Eurostat weist 2015 für die Europäische Union eine NEET-Rate von 12 Prozent der 15- bis 24-jährigen Personen aus. Deutschland liegt mit 6,2 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt (Eurostat 2016). Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein großer Handlungsbedarf besteht. Die Daten der Europäischen Union bilden nur einen statistisch erfassbaren Ausschnitt ab. Eine weitere Messgröße sind Jugendliche und junge Erwachsene, die keine weitere Vermittlung der Bundesagentur für Arbeit (BA) wünschen und über die keinerlei Informationen zum Verbleib in der amtlichen Statistik vorliegen. Sie zählen zu den sogenannten unbekannt Verbliebenen. Ihr Anteil betrug 2014 rund 16 Prozent an allen registrierten Bewerberinnen und Bewerbern. Nach der BA/BIBB-Bewerberbefragung waren 2014 mehr als ein Drittel dieser unbekannt verbliebenen Personen arbeitslos bzw. ohne Beschäftigung. Im Jahr 2012 hatte dies noch auf 28 Prozent zugetroffen. Insgesamt befindet sich mit 62 Prozent weit mehr als die Hälfte aller unbekannt Verbliebenen außerhalb des Bildungssystems. Für bekannt verbliebene Bewerberinnen und Bewerber trifft dies auf lediglich 12 Prozent zu (BIBB 2016). Überdurchschnittlich oft finden sich unbekannt verbliebene Personen außerhalb des Bildungssystems und hier auch auffallend häufig in der Erwerbslosigkeit. Dies deutet auf die verheerenden Folgen für Personen hin, die aus den Unterstützungsleistungen herausfallen. Unter den unbekannt Verbliebenen befinden sich wesentlich mehr Personen mit Migrationshintergrund und niedrigem Bildungsstatus mit maximal Hauptschulabschluss. Darüber hinaus ist die Gruppe durch viele Altbewerberinnen und -bewerber gekennzeichnet, was darauf hinweist, dass der Kontakt zur Agentur für Arbeit eher abgebrochen wird, wenn zuvor lange nach einer Ausbildungsstelle gesucht wurde. Personen mit den Merkmalen Migrationshintergrund, niedrigem Bildungsstatus und Altbewerbung verbleiben zudem häufiger außerhalb des Bildungssystems als in voll- oder teilzeitqualifizierten Bildungsgängen. Demnach erhöht sich für unbekannt Verbliebene das Risiko, aus dem Bildungssystem herauszufallen, zusätzlich dann, wenn sie eines dieser Merkmale aufweisen (BIBB 2016). Auch diese Gruppe gehört zu den schwer erreichbaren Jugendlichen. Eine andere Studie definiert die Gruppe der ausgegrenzten Jugendlichen wesentlich enger, nämlich als die 14- bis 27-jährigen,

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die sich außerhalb von Bildungsinstitutionen befinden und zur Sicherung ihres Lebensunterhalts nicht auf reguläres Erwerbseinkommen oder Sozialleistungen zurückgreifen (können), sondern sich z. B. durch Betteln, Schwarzarbeit, Drogenhandel, (Klein-)Kriminalität oder illegale Prostitution alimentieren. Auch sind Jugendliche und Heranwachsende gemeint, denen Sozialleistungen durch Sorgeberechtigte vorenthalten werden oder die sich als illegale Einwanderer in Deutschland aufhalten (Tillmann/Gehne 2012: 13). Der Studie zufolge liegt die Anzahl der in der beschriebenen Weise ausgegrenzten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bundesweit zwischen 75.000 und 84.000, wobei es sich um eine Schätzung handelt, die mit Vorsicht zu betrachten ist (ebd.: 29). Die Vodafone-Stiftung (Mögling et al. 2015: 10) definiert in einer Studie entkoppelte Jugendliche als junge Menschen mit problematischen Lebenslagen, die aus sämtlichen institutionellen Kontexten herausgefallen sind.

Nach engerer Definition beträgt das Dunkelfeld ca. 21.000 Minderjährige in Deutschland.

Das heißt, sie befinden sich weder in Schule und Ausbildung noch in Erwerbsarbeit, und sie bekommen auch keine SGB II-Leistungen. Die Sicherung des Lebensunterhalts kann somit nicht durch reguläre Beschäftigung oder Sozialleistungen erfolgen, und häufig werden dann illegale Wege genutzt, um an Geld zu gelangen. Nach dieser wesentlichen engeren Definition beträgt das Dunkelfeld der entkoppelten Jugendlichen ca. 21.000 Minderjährige in Deutschland (ebd.: 45). Einige Merkmale begünstigen problematische Lebensverläufe der Jugendlichen, da sie im Erwerbsverlauf stigmatisierend wirken: Die soziale Herkunft, die immer noch einen signifikanten Einfluss auf die Chancen für einen höheren Schulabschluss und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, sowie frühe negative Erfahrungen wie Heimunterbringung, Obdachlosigkeit oder das Aufwachsen in benachteiligten Stadtgebieten können Entkopplungsentwicklungen begünstigen (Mögling et al. 2015). Der Migrationshintergrund ist ein weiteres Risikomerkmal für die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt und die Gefahr der Entkopplung. Bei ausländischen Jugendlichen ist ein Drittel ohne Berufsausbildung. Insgesamt verfügen Personen mit Migrationshintergrund über niedrigere Bildungsabschlüsse, sind häufiger arbeitslos und von Armut betroffen (Destatis 2016). Darüber hinaus lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen. Bis zum Jahr 2010 litten junge Frauen häufiger unter Ausbildungslosigkeit als junge Männer. In den letzten Jahren haben sich die Werte angeglichen, sodass 2012 der Anteil nicht formal Qualifizierter bei beiden Geschlechtern 13,7 Prozent betrug. Mittlerweile ist die Quote bei Frauen geringer und beträgt 13,1 Prozent im Vergleich zu den jungen Männern mit 13,4 Prozent. Das Risiko der Ausbildungslosigkeit ist damit bei männlichen Ausbildungsinteressierten geringfügig höher als bei weiblichen (BIBB 2016). Wenn es trotz der schlechten Startvoraussetzungen gelingt, einen Ausbildungsplatz zu finden, dann haben Personen mit einem geringeren Bildungsabschluss eine erhöhte Gefahr einer frühzeitigen Lösung der Ausbildungsverträge. Personen mit Hauptschulabschluss befinden sich häufig in instabileren Ausbildungsverhältnissen, sie können seltener ihren Berufswunsch realisieren und befinden sich eher im Handwerk, wo kleinbetrieblichere Strukturen vorhanden sind (Rohrbach-Schmidt/Uhly 2015). Weitere Gründe für eine Auflösung können Konflikte mit Vorgesetzten, mangelnde Ausbildungsqualität, ungünstige Arbeitsbedingungen, mangelnde Ausbildungsleistungen seitens der Betriebe oder mangelnde Motivation sein (Uhly 2015). Im Jahr 2014 wurde rund ein Viertel der Ausbildungsverträge frühzeitig gelöst (BIBB 2016).

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Ein- und Ausstiege – Bewegung im System Insgesamt gibt es eine ganze Reihe an Faktoren, die den Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf erschweren. Individuelle und soziale Benachteiligung sowie spezifische Problemlagen können dazu führen, dass die Jugendlichen den Übergang nicht bewerkstelligen und aus dem institutionellen – und damit durch das soziale – Netz fallen. Häufig sind diese Jugendlichen dann für professionelle Unterstützungsangebote nicht mehr erreichbar. Die Spannweite der Schätzungen hängt auf der einen Seite mit der Unschärfe der Begrifflichkeiten zusammen. Auf der anderen Seite ist sie der definitorischen Unsichtbarkeit dieser Jugendlichen geschuldet. Deren Merkmal ist ja gerade, dass sie aus institutionellen Kontexten herausgefallen sind und dadurch nicht mehr statistisch erfasst werden (können). Auch wenn das Problem auf Basis der Datenlage zunächst als ein randständiges erscheint, ist das Phänomen deutlich größer, da es sich nicht um einen Block handelt, der sich mit einer Zahl erfassen lässt. Vielmehr geht es um ein temporäres und fluides Phänomen an verschiedenen Übergangsschwellen. Daher ist für eine Problemanalyse nicht die rein quantitative Bestandsgröße entscheidend, sondern die Bewegung im System mit vielen Zu- und Abgängen bzw. Ein- und Ausstiegen bei den Unterstützungsangeboten: An welchen Schwellen geht der institutionelle Zugang zu den Jugendlichen verloren? Durch welche Ansätze gelingt es, diesen Zugang wiederzuherzustellen? Die Herausforderung ist, die Lücken im dichten Netz der institutionellen sozialpolitischen Interventionen zu erfassen. Denn ein dauerhafter Ausschluss über mehrere Jahre ist eher die Ausnahme, vielmehr muss das Unsichtbare sichtbar gemacht, müssen Bewegungs- anstelle von Bestandsgrößen analysiert werden. Ließen sich verlorene Jugendliche vor einiger Zeit noch relativ einfach auf der Straße identifizieren (z. B. Punker oder Obdachlose), gibt es heute eine steigende Anzahl junger Menschen, die nicht dauerhaft, sondern temporär durch alle sozialen Netze fallen und sich aus institutionellen Hilfsangebote in private Kontexte zurückziehen. Für diese prekäre Statuspassage gilt es, Beispiele guter Praxis zu erfassen und geeignete Angebote zu entwickeln. Ansatzpunkte bieten die „Neun Bausteine guter Praxis“, die im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) und der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland entwickelt wurden (Obermeier/Dunsche 2016).

An welchen Schwellen geht der institutionelle Zugang zu den Jugendlichen verloren?

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Herausforderungen – der neue § 16h SGB II Das Neunte Gesetz zur Änderung des SGB II enthält eine Reihe jugendrelevanter Veränderungen. Der geplante § 16h SGB II ist dabei von besonderer Relevanz, um Angebote für Jugendliche zu entwickeln, die temporär nicht von Unterstützungsangeboten erreicht werden. Er ergänzt das bestehende Leistungsangebot von SGB II und SGB III und richtet sich gezielt an schwer erreichbare Jugendliche unter 25 Jahren aus schwierigen Lebenslagen. Sie erhalten Angebote zusätzlicher Hilfe- und Unterstützungsleistungen, um in die Bildungsprozesse, Maßnahmen der Arbeitsförderung, Ausbildung oder Arbeit zurückzukehren. Dadurch soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass eine nicht zu unterschätzende Anzahl junger Menschen zumindest temporär nicht von den bestehenden Angeboten der sozialen Sicherungssysteme erreicht wird. Der § 16h SGB II spricht somit auch Personen an, die keine Leistungen erhalten oder beantragt, mit hinreichender Wahrscheinlichkeit allerdings Ansprüche an das SGB II haben. Ziel ist somit die Beantragung der Sozialleistung. Zudem wird eine kontinuierliche und verlässliche Begleitung und Unterstützung der schwer erreichbaren Jugendlichen angestrebt. Die Angebote der Jugendsozialarbeit sollen jedoch weiterhin vorrangig bleiben, sofern der örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe nach Art und Umfang tatsächlich gleichartige Leistungen erbringt. Um die Leistungsverantwortlichkeit auszuloten, ist eine Abstimmung zwischen der Agentur für Arbeit und dem örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe vorgesehen (Deutscher Bundestag 2016). Der neue § 16h SGB II richtet sich damit genau an jene Jugendlichen, die in der volatilen Statuspassage Übergang Schule-Beruf temporär aus den Hilfsangeboten herausfallen. Der § 16h SGB II bietet interessante Möglichkeiten für die Ansprache schwer erreichbarer Jugendlicher, doch die Euphorie sollte nicht zu groß werden. Zwar werden dadurch aufsuchende Arbeitsansätze und niedrigschwellige Unterstützungsangebote ermöglicht und erstmalig die Lebensverhältnisse der Jugendlichen mit berücksichtigt, doch gleichzeitig lassen sich einige Kritikpunkte identifizieren: Die Jugendlichen sollen durch die neu zu entwickelnden Angebote in das SGB II zurückgeholt werden, müssen sich aber dort weiterhin jenen verschärften Sanktionsregeln für Unter-25-jährige unterwerfen, die sie in vielen Fällen ja gerade erst aus dem Regelungsbereich des SGB II herausgedrängt haben und für ihren Rückzug verantwortlich waren. Unklar ist ferner der Einbezug der Träger der Jugendhilfe, die umfangreiche Erfahrungen mit aufsuchenden Arbeitsansätzen und niedrigschwelligen Angeboten aufweisen, wie sie im SGB II nicht (mehr) vorhanden sind. Weitere Fragen stellen sich hinsichtlich der Trägerzulassung nach der „Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung“ (AZAV), die freie Träger der Jugendhilfe häufig nicht vorweisen können, sowie nach der Pflicht zur Ausschreibung der Maßnahmen und den damit verbunden Problemen. Als SGB-Leistung sollen die Angebote des § 16h aus dem Eingliederungstitel der Jobcenter finanziert

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werden. Zwischen 2011 und 2015 sind die Eingliederungsmittel jedoch um fast 25 Prozent gekürzt worden, was die Budgetrestriktionen im SGB II für die Entwicklung von Angeboten deutlich machen. Nichtsdestotrotz ist die Einführung des § 16h eine große Chance, um Jugendliche in schwierigen Lebenslagen zu erreichen, und daher prinzipiell zu begrüßen. Die Grundsicherung für Arbeitsuchende wendet sich damit ganz klar den schwer erreichbaren Jugendlichen zu, wobei sich der § 16h in den nächsten Monaten in der Praxis bewähren muss. Eine Bewertung sollte diese Entwicklungen abwarten und dabei die Erfahrungen vor Ort berücksichtigen.

§ 16h muss sich in der Praxis bewähren.

Was (weiterhin) zu tun wäre Der § 16h ist kein Allheilmittel und wird nicht von heute auf morgen das Problem der temporären Entkopplung und schweren Erreichbarkeit von Jugendlichen lösen. Er ist nur ein Puzzleteil in der Entwicklung einer konsistenten Strategie, um Jugendliche bei der Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive zu unterstützen und dem „größten Unglücksfall der Arbeitsgesellschaft“ präventiv zu begegnen. Wenn wir zunächst nicht von einem festen Block ausgegrenzter Jugendlicher ausgehen, sondern das Problem als ein fluides begreifen, das durch ständige Ein- und Ausstiege gekennzeichnet ist, dann bieten sich weitere zu bearbeitende Reformvorschläge an, die an dieser Stelle nur kursorisch aufgezählt werden können: Auf kommunaler Ebene ist die Zusammenarbeit der Sozialleistungsträger eine notwendige strukturelle Voraussetzung, um die Leistungen nach SGB II, SGB III, SGB VIII und SGB XII zu bündeln, zu verzahnen und so den Übergang von Schule in Beruf und Ausbildung für die Jugendlichen zu vereinfachen, damit niemand verloren geht. Dabei ist eine Zusammenarbeit anzustreben, die die Rechtskreise in ihrer Leistungserbringung und Eigenart nicht einschränkt, sondern in ihren Angeboten gegenseitig ergänzt. Dadurch wird der Charakter der eigentlichen Jugendsozialarbeit mit dem Anspruch aufrechterhalten, individuell auf die Jugendlichen einzugehen. Ferner werden Förderangebote mit einem niedrigschwelligen Zugang benötigt, die besonders für marginalisierte oder ausgegrenzte Jugendliche von Relevanz sind, die sich bisher (noch) nicht oder nicht mehr in dem institutionellen Kontext der Jugendsozialarbeit bewegen. Die Baustellen werden nicht kleiner. Und die regelmäßige Überprüfung und Weiterentwicklung der Angebote, um vor allem den bisher schwer erreichbaren Jugendlichen mit geeigneten Angeboten zu begegnen, bleibt eine Herausforderung für die Zukunft.

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Literatur Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) (2016): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn. Destatis (2016): Datenreport 2016. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden. Destatis (2015): Höhere Armutsgefährdung von gering Qualifizierten als 2005. Pressemitteilung vom 27. August 2015. Wiesbaden. Deutscher Bundestag (2016): Gesetzentwurf der Bundesregierung. Entwurf eines Neunten Gesetzes zur Änderung des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch - Rechtsvereinfachung. Drucksache 18/8041. Berlin. Eurostat (2016): Nichterwerbstätige Jugendliche, die weder an Bildung noch an Weiterbildung teilnehmen, nach Geschlecht, Alter und Erwerbsstatus (NEET-Rate). Onlinedokument. Haggenmiller, Florian (2016): Ausbildungsreport 2016. DGB-Bundesvorstand, Abteilung Jugend und Jugendpolitik. Berlin. Mögling, Tatjana; Tillmann, Frank; Reißiger, Birgit (2015): Entkoppelt vom System. Jugendliche am Übergang ins junge Erwachsenenalter und Herausforderungen für Jugendhilfestrukturen. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland. Düsseldorf. Obermeier, Tim; Dunsche, Francesca (2016): Wir sind auf dem Weg – Jugendliche in besonderen Lebenslagen. Neun Bausteine guter Praxis. Remagen. Rohrbach-Schmidt, Daniela; Uhly, Alexandra (2015): Determinanten vorzeitiger Lösungen von Ausbildungsverträgen und berufliche Segmentierung im dualen System. Eine Mehrebenenanalyse auf Basis der Berufsbildungsstatistik. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 67 (1): 105-135. Söhnlein, Doris; Weber, Brigitte; Weber, Enzo (2016): Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten. Aktuelle Daten und Indikatoren. Nürnberg. Skrobanek, Jan; Tillmann, Frank (2015): DropOut oder verlorene Jugendliche: junge Menschen jenseits institutioneller Anbindung. 199-220. in: Fischer, Jörg; Lutz, Ronald (Hrsg.): Jugend im Blick. Gesellschaftliche Konstruktionen und pädagogische Zugänge. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. Tillmann Frank; Gehne, Carsten (2012): Situation ausgegrenzter Jugendlicher – Expertise unter Einbeziehung der Perspektive der Praxis. Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. Düsseldorf. Uhly, Alexandra (2015): Vorzeitige Vertragslösungen und Ausbildungsverlauf in der dualen Berufsausbildung. Forschungsstand, Datenlage und Analysemöglichkeiten auf Basis der Berufsbildungsstatistik. Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Wissenschaftliche Diskussionspapiere, Heft 157. Bonn. Wiesner, Reinhard (2015): SGB VIII – Kinder- und Jugendhilfe. Kommentar. 5., überarbeitete Auflage 2015. München.

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Meinung Jugendliche in „besonderen Lebenslagen“ – und die Schwierigkeiten, sie mit Angeboten zur gesellschaftlichen Integration zu erreichen – fordern Staat und Politik heraus, und nicht zuletzt auch die Kirche als wichtige Trägerin von Jugendsozialarbeit. ASPEKTE lässt deshalb zwei Persönlichkeiten des öffentlichen und kirchlichen Lebens zu Wort kommen: Der Sozialpolitiker Karl Schiewerling stellt im Interview seine Initiative für ein neues Förderprogramm vor. Dirk Bingener, Pfarrer und Bundespräses des BDKJ, reflektiert in seinem Beitrag die pastoraltheologische Dimension dieser Herausforderung.

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„RESPEKT“ für schwer erreichbare junge Menschen ASPEKTE im Gespräch mit dem Sozialpolitiker Karl Schiewerling Mit RESPEKT hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein besonderes Förderprogramm für schwer erreichbare Jugendliche aufgelegt. Bundesweit laufen derzeit achtzehn Modellprojekte. Als Initiator gilt Karl Schiewerling, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU/CSUBundestagsfraktion, der sich lange für das Programm stark gemacht hat. ASPEKTE sprach mit ihm über die Ziele, die ersten Erkenntnisse und eine nachhaltige Absicherung dieser Hilfe. ASPEKTE: Herr Schiewerling, wir leben in einem wohlhabenden Land mit einem sehr vielfältigen Bildungssystem. Wieso begegnen wir dennoch vielen jungen Menschen, die für ihre eigene Entwicklung keine Perspektive sehen? Schiewerling: Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer einkommensarmen Familie auf. Viele Kinder und Jugendliche kennen ein Leben außerhalb von Hartz IV und Sozialhilfe oft gar nicht. Wir sprechen dann von vererbender Sozialhilfe, da in diesen Familien schon die Großeltern und deren Eltern auf staatliche Hilfe angewiesen waren. Daraus auszubrechen, ist für junge Menschen oft sehr schwierig. Es fehlt an Unterstützung aus dem Elternhaus, es fehlt der geregelte Tagesablauf und es fehlt das Verständnis für die Bedeutung und den Wert von Bildung und Arbeit. ASPEKTE: Welches Verständnis von Bildung und Arbeit wünschen Sie sich denn? Schiewerling: Vielen ist nicht bewusst, dass Arbeit weitaus mehr bietet als den Erwerb von Geld. Es geht um soziale Teilhabe, um Selbstverwirklichung und Integration. Deshalb haben wir in der Arbeitsmarktpolitik auch eine soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Die Doppelfunktion von Arbeit zum Erwerbszweck und Arbeit als soziale Teilhabe nehmen wir in den Blick. Der Mensch steht dabei Mittelpunkt. Aus diesem Grund ist es uns besonders wichtig, gerade junge Menschen in schwierigen Lebenslagen noch stärker zu unterstützen. Sie sollen es schaffen, die Dauerschleife von Sozialhilfebezug irgendwann zu durchbrechen. ASPEKTE: Gleichwohl existieren in den verschiedenen Rechtskreisen des SGB bereits unzählige Angebotsformen. Wozu braucht es nun dieses neue Förderinstrument? An wen richtet es sich konkret? Schiewerling: Mit RESPEKT wollen wir zum einen Jugendliche aus der vererbenden Sozialhilfe erreichen. Es geht aber auch darum, Jugendliche und junge Erwachsene aufzufinden, die keinen Kontakt mehr zu ihrem Elternhaus haben und sich alleine und ohne staatliche Hilfe auf der Straße durchschlagen. Es gibt diese jungen Menschen bei uns in Deutschland. Fast eine halbe Million Jugendlicher in Deutschland

Fast eine halbe Million Jugendlicher fällt aus jeglichen Hilfestrukturen heraus.

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fällt derzeit aus jeglichen Hilfestrukturen heraus. Sie wollen wir nicht im Stich lassen, sondern Schritt für Schritt zurückholen – in Bildungsprozesse, Ausbildung und Arbeit. Darum sind die Jobcenter und Arbeitsagenturen in das Programm eingebunden, um das allmähliche Einmünden in die regionalen Arbeitsmärkte sicherzustellen. Es geht um Chancengerechtigkeit und darum, diese jungen Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Diesen Ansatz unterstützt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei einem gemeinsamen Pressetermin konnte sie sich in der „Manege“ im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf von der praktischen Umsetzung des neuen Förderinstruments überzeugen. Als einer der Pilotprojektträger setzt die Manege RESPEKT dort mit ihrem eigenen Konzept „ánimo – Hab Mut!“ um. ASPEKTE: Was macht dieses Angebot zu einem Pilotprojekt? Schiewerling: Rund um die Uhr bietet die Manege eine Anlaufstelle für junge Menschen. Es gibt keine festen Öffnungszeiten. Das ist wichtig, denn so bekommen die Jugendlichen jederzeit Hilfe, wenn sie in Not geraten sind. Oft setzt das Team der Manege bei seiner Arbeit ganz unten an. Viele, die herkommen, haben keinen Schulabschluss, einige können nicht richtig lesen oder schreiben. Sie leben auf der Straße oder kommen immer mal wieder bei Freunden oder Bekannten unter. Einen geregelten Tagesablauf kennen die meisten von ihnen nicht. Auch die Bindung zum Elternhaus fehlt in den meisten Fällen komplett. In der Manege werden sie aufgefangen. Es ist jemand da, der sich intensiv mit ihren Problemen beschäftigt und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen sucht. Oft geht es erst einmal um ganz elementare Dinge: Einen Schlafplatz für die Nacht, medizinische Versorgung, Gespräche und die Gewissheit, dass es Hilfe gibt. ASPEKTE: Aber viele der sogenannten „verlorenen Jugendlichen“ würden von sich aus den Weg zu solchen Anlaufstellen gar nicht erst aktiv einschlagen … Schiewerling: Das stimmt, deshalb ist die aufsuchende Arbeit ein weiterer wichtiger Bestandteil des Programms. Sie spielt gerade auch für die ländlichen Pilotprojekte, wie das von Kolping betreute RESPEKT-Programm im Münsterland eine Rolle. Mit einem bunten Bus fahren die Sozialarbeiter bekannte Treffpunkte an, versorgen die Jugendlichen mit Getränken und versuchen erste Gespräche aufzubauen – eine Arbeit, die sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen verlangt, denn die meisten dieser jungen Menschen haben bisher nur Niederlagen erlebt, sind vom Leben enttäuscht und trauen sich selbst nichts zu. Hier wird deutlich, wie intensiv und langanhaltend die Arbeit mit solchen Jugendlichen sein muss, um über sozialpädagogische und psychologische Begleitung irgendwann den Schritt in Richtung Berufsausbildung zu schaffen. Aber es gibt sie, die Aha-Effekte, die positiven Entwicklungen und die kleinen Erfolgsgeschichten. Und genau darauf gilt es aufzubauen.

Aber es gibt sie, die Aha-Effekte.

ASPEKTE: Was jedoch einen langen Atem erfordert. Da wäre wiederum die Politik gefragt, um solche Angebote auf eine verlässliche Grundlage zu stellen … Schiewerling: Darum haben wir die Förderidee des RESPEKT-Programms als eigenständigen Paragraphen im zweiten Sozialgesetzbuch verankert. Mit dem neuen Paragraphen können wir Schnittstellen überwinden und ein einheitliches Förderkonzept für schwererreichbare Jugendliche anbieten. Kontinuität und Bindung spielen eine große Rolle, wenn wir diesen jungen Menschen die Chance auf ein eigenverantwortliches Leben geben wollen.

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Warum die Fantasie nicht schlafen geht „Arme Kirche“ für „besondere Lebenslagen“? Von Dirk Bingener Pfarrer Dirk Bingener ist seit zwei Jahren Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Die Arbeit mit benachteiligten jungen Menschen kennt er jedoch nicht nur aus der Warte politischer Interessenvertretung. Ganz praktische Erfahrung sammelte er während seiner Kaplans-Jahre in den als Brennpunkt geltenden Kölner Stadtteilen Vingst und Höhenberg. Für ASPEKTE reflektiert er den kirchlichen Auftrag zur Arbeit mit „Jugendlichen in besonderen Lebenslagen“. „Arm aber sexy“, nannte einst der Regierende Bürgermeister von Berlin seine Stadt. Die Idee, dass Armut auch irgendwie hipp sein könnte, geht einem Amtsträger mit kommoden Pensionsansprüchen womöglich leichter von den Lippen als – sagen wir mal – einem Siebzehnjährigen, dessen Zuhause ein UBahn-Schacht ist. Doch hat nicht gar Papst Franziskus in dieselbe Kerbe gehauen, als er in seinem Schreiben „Evangelii Gudium“ 2013 eine „arme Kirche für die Armen“ forderte, weil nur eine arme Kirche authentisch das Evangelium verkünden könne? Ja und nein. Der oben zitierte Spruch ist einerseits so zu verstehen, dass man Armut eben als gegeben hinnehmen müsse, weil da ja doch nichts auszurichten sei. Eine solche Haltung wäre zutiefst unsozial, unpolitisch und unchristlich. Sich andererseits aber arm zu machen, um Ballast abzuwerfen und neue Aufbrüche zu wagen – das kann durchaus seine Reize haben. Die unmissverständliche Hinwendung des Papstes zu den Armen und Randständigen hat bei der Veröffentlichung von „Evangelii Gaudium“ in Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen der deutschen Diözesen viel Zustimmung, ja Begeisterung erfahren. Sein Ruf nach der „armen Kirche“ hingegen hinterließ manche Ratlosigkeit. Gilt denn nicht gerade die Kirche in Deutschland als besonders reich an Mensch und Material, an Planstellen und Projektmitteln? Und hat uns nicht schon Franziskus‘ Vorgänger Benedikt XVI. genau dies zum Vorwurf gemacht, als er eine „Entweltlichung“ forderte? Doch so eindimensional lässt sich die Frage nicht betrachten.

Mit dem Schlamm der Straße beschmutzt

Insbesondere beim Blick auf die Katholische Jugendsozialarbeit kann deutlich werden, um was es eigentlich geht. In der Arbeit für und mit benachteiligten jungen Menschen sind kirchliche Träger seit Jahrzehnten als bewährte

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Partner von Jugendämtern, Jobcentern und weiteren Instanzen aktiv, halten eine vielgestaltige Angebotslandschaft vor, spielen auf der gesamten Klaviatur der einschlägigen Rechtskreise, Paragraphen, Förderprogramme. So sieht eine reiche Kirche für die Armen aus: reich an Rat und Tat, an Unterstützung und Begleitung. Tausende junge Menschen profitieren Jahr für Jahr davon. Wer mit schwierigen Startchancen, persönlichen Beeinträchtigungen, strukturellen Benachteiligungen oder brüchigen Bildungsbiografien unterwegs ist, findet hier Menschen und Möglichkeiten, um noch einmal neu anzufangen und eigene Perspektiven zu entwerfen. Diese Jugendsozialarbeit ist nicht zuletzt auch reich an Erfolgsgeschichten. Doch da gibt es noch die anderen … Junge Menschen, von denen wir vielleicht ahnen, dass sie existieren; von denen wir aber nicht wissen, wo sie sind, was genau sie brauchen oder wie wir sie überhaupt erreichen könnten. Wir spüren, dass nichts von dem, was wir gewöhnlich tun, für sie passt, nicht ein einziges der vielen guten Angebote aus unserem ganzen Maßnahmereichtum. Hier kommt die arme Kirche ins Spiel – die Kirche, die im entscheidenden Moment ihre Strukturen und Förderpläne, Antragsformulare und Abgabefristen hinter sich lässt und sich auf den Weg macht, diese jungen Menschen aufzusuchen. So wie der gute Hirte im berühmten Gleichnis seine neunundneunzig Schafe auf der Weide stehen lässt, um diesem einen nachzulaufen, das verloren zu gehen droht. Denn dort, wo eine Sozialarbeiterin, ein Sozialpädagoge sich aufmacht, sich vielleicht sogar wortwörtlich „mit dem Schlamm der Straße beschmutzt“ (wie es in Evangelii Gaudium Nr. 45 heißt), wird eine arme Kirche wirksam. Arm, indem sie aus der Routine ausbricht, behördliche Logiken in Frage stellt und einfach da ist, wo sie gebraucht wird. „Unser Einsatz […] ist nicht ein übertriebener Aktivismus, sondern vor allem eine aufmerksame Zuwendung zum anderen“, heißt es in Evangelii Gaudium Nr. 199. Das beschreibt die echte Begegnung mit dem jungen Menschen, der als eigenständige Persönlichkeit erkannt und anerkannt wird. Dazu gehört, „dass die Sorge um die Armen nicht zu Missionierungszwecken passiert, sondern frei von solcher Funktionalisierung ist“, wie die Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer zu Evangelii Gaudium erläutert, „dass sie jedoch nicht minderwertig im Vergleich zu den anderen Wesensvollzügen der Kirche ist.“ Im Gegenteil konkretisiert sich genau dort, wo die Kirche mit ihrer Jugendsozialarbeit tatsächlich an die Ränder der Gesellschaft vordringt und Menschen anzusprechen versucht, die schon lange unerreichbar scheinen, der unauflösliche Zusammenhang kirchlicher Grundvollzüge – die „Einheit von Mystik und Politik“, wie es in der Tradition der katholischen Jugendverbände heißt. Oder, wie die Theologin Dorothee Sölle schon vor mehr als vierzig Jahren über die „Tugend der Fantasie“ geschrieben hat: „Die Fantasie Christi ist Fantasie der Hoffnung, die nichts und niemanden aufgibt. […] Sie geht nicht schlafen, bevor ihr nicht etwas eingefallen ist.“ Diese Fantasie kann uns beflügeln. Würden wir dadurch auch nur einen einzigen jungen Menschen zusätzlich erreichen, wäre sie schon allen Einsatz wert.

Nicht Aktivismus, sondern aufmerksame Zuwendung

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Konkret Wie können benachteiligte Jugendliche ihre individuellen Lebenslagen verbessern, einen „richtigen Platz“ in der Gesellschaft finden und soziale Teilhabe erfahren? Welche Ansätze der Jugendsozialarbeit sind insbesondere dazu geeignet, marginalisierte und schwer erreichbare Jugendliche mit komplexen Problemlagen anzusprechen? Wie können Jugendliche in die Arbeit einbezogen werden, die bisher nicht erreicht wurden? Diesen Fragen sind das Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz, die Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (LAG KJS) Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland und der Caritasverband für die Diözese Trier e. V. in ihrer bereits erwähnten Forschungskooperation nachgegangen. Als ein Ergebnis haben die Autorinnen und Autoren „Neun Bausteine guter Praxis“ identifiziert, die im August 2016 in Form einer Broschüre publiziert worden sind. ASPEKTE dokumentiert nachfolgend die Herleitung und die Anwendungsmöglichkeiten der Bausteine in gekürzter Form.

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Jenseits des Maßnahmekorsett Neun Bausteine guter Praxis für die individuelle Arbeit Der vorliegende Bericht zeigt die Problemlagen junger Menschen auf, versucht Erfolg in der Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen zu beschreiben, dokumentiert das methodische Vorgehen der Studie, präsentiert die Ergebnisse als Bausteine guter Praxis und stellt diese einer Fachöffentlichkeit zur Diskussion zur Verfügung. „Als wir uns im Frühjahr 2015 in der Jugendsozialarbeit mit dem Projekt auf den Weg gemacht haben, wollten wir einen Perspektivwechsel vornehmen“, schreiben Anna Warnking und Anja Peters stellvertretend für die Herausgeber in ihrem Vorwort. „Weg von Maßnahmenkonzepten, Berichten und Erfolgsindikatoren, hin zur Betrachtung der Situation durch die Brille der Hauptakteure – also der Jugendlichen und der Fachkräfte.“

Zum Forschungsdesign Zur Umsetzung dieses Vorhabens kombinierte das Forschungsteam leitfadengestützte Experteninterviews mit Fachkräften der Jugendsozialarbeit in fünf Einrichtungen und eine Literaturanalyse zu einer qualitativ-explorativen Studie. Untersucht wurde das breite Aktivitätsfeld der Jugendsozialarbeit in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland, wobei vor allem Ansätze aus der kommunalen Praxis von Interesse waren. Der multi-methodische Ansatz der Studie war offen genug, um die Relevanzsetzungen der Interviewten in den Mittelpunkt zu rücken und ihnen möglichst viel Raum zu geben, um ihre Deutungsmuster zu entfalten. „Beispiele guter Praxis“ lassen sich auf diese Weise induktiv aus dem empirischen Material der Interviews gewinnen. Zu Wort kamen Fachkräfte der Jugendsozialarbeit als Expertinnen und Experten, die die institutionellen Rahmenbedingungen bei der Unterstützung und die Unterstützungssysteme kennen, wie auch die Jugendlichen als Adressatinnen und Adressaten der Angebote selbst. Dazu setzte das ISAM sowohl die erwähnten Experteninterviews als auch moderierte Gruppendiskussionen ein.

Was wirkt wie warum?

Die inhaltsanalytischen Auswertungen der Experteninterviews und die Gruppendiskussionen haben neun zentrale Bausteine guter Praxis hervorgebracht, die in Angeboten und Maßnahmen der Jugendsozialarbeit beim Übergang von der Schule in den Beruf die Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive unterstützen können. Die beruflichen Erfahrungen der Fachkräfte der Jugendsozialarbeit, die in den fünf ausgewählten Einrichtungen mit ihren vielfältigen Angeboten tätig sind, liefern fundierte Informationen über gelingende und hemmende Faktoren sowie fachliche Ansätze, die sich in der jahrelangen Praxis bewährt haben. Dabei liefert die Studie keine statistisch repräsentativen Einblicke mit Kontroll- und Vergleichsgruppen hinsichtlich der Wirkung, sondern geht der Frage nach, wo die Fachkräfte mit ihrer Intervention und Begleitung Erfolge wahrnehmen. Die interviewten Fachkräfte sind als Expertinnen

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und Experten diejenigen, die besonders gut beurteilen können, was wie warum wirkt, und welche Aspekte bislang vernachlässigt wurden – wobei die Auswertungen zusätzlich die Perspektive der Jugendlichen berücksichtigen. Zwar bilden die Bausteine die bereits heute in der Jugendsoziarbeit etablierten Herangehensweisen ab, allerdings sind diese meist noch keine systematischen Bestandteile aktueller Maßnahmen und Angebote, sondern werden eher informell erprobt und angewendet. Daher spiegelt die Studie erstens aktuelle Beispiele guter Praxis der gegenwärtig existierenden Jugendsozialarbeit, gibt aber zweitens Hinweise auf Optimierungsbedarfe. Die entwickelten Bausteine können zusätzlich dazu dienen, die Arbeit mit den benachteiligten jungen Menschen zu reflektieren und sollen zu einer landes- und bundesweiten Verständigung über die erfolgreiche Konzeption von Angeboten und Maßnahmen beitragen. Struktur und Teamkultur, Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung, Authentizität, Wertschätzung und Partizipation sowie Orientierung und „Relevante Andere“ bilden die neun Bausteine, die auf Basis des empirischen Materials entwickelt wurden. Sie sind mit Beispielen guter Praxis unterlegt, die aufzeigen, wie die Fachkräfte in ihrer Arbeit mit den Jugendlichen zur Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive beitragen und sie Schritt für Schritt dabei begleiten, ihre Teilhabemöglichkeiten zu finden.

Baustein: Struktur Der Baustein Struktur beschreibt die formalen Rahmenbedingungen der Jugendsozialarbeit, die wesentlich zur positiven Lebensgestaltung junger Menschen beitragen. Ein Kernelement ist die stabile Finanzierungsgrundlage der Träger, welche Projekt- und Vertragslaufzeiten sowie Maßnahmen- und Personalplanung impliziert. Die Fachkräfte in den Experteninterviews, die in der Regel nicht in Projektkonzeptionen und finanzielle Fragen eingebunden sind, sondern hauptsächlich im direkten Kontakt mit den jungen Menschen arbeiten, weisen auf die vielfältigen Finanzierungsgrundlagen mit diversen Finanziers und unterschiedlichen Projektlaufzeiten hin. Sie beschreiben ein Dilemma von „Unsicherheit“, „Ungewissheit“ und daraus folgender „Unzufriedenheit“ in den Projekten. Sie beobachten einen enormen Kostendruck vor allem bei öffentlich ausgeschriebenen Arbeitsmarktdienstleistungen. Diese strukturellen Variablen beeinflussen in großem Maße trägerspezifische Steuerungsprozesse, wie z. B. die Verlängerung von Mietobjekten, Personalplanung und allgemeine Vertragslaufzeiten, die sich auf die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen der Fachkräfte auswirken. „Es wird uns wahrscheinlich auch gar nicht mehr so lange geben“, sagt eine der befragten Fachkräfte, „weil schon wieder Neuanträge laufen.“ Die Ungewissheit hat Auswirkungen auf die Arbeit mit den Jugendlichen und mit (externen) Kooperationspartnern. Eine verlässliche Beziehungsgestaltung ist bei derartiger Planungsunsicherheit schwer aufrechtzuerhalten. Diese strukturellen Unsicherheiten wirken sich unmittelbar auf die Jugendlichen aus, wenn eine adäquate und ausreichende Personalplanung nicht erfolgen kann, weil z. B. Stellen unbesetzt bleiben. „Wenn hier jetzt fünf, sechs Jugendliche sitzen“, so eine Fachkraft, „dann kann ich natürlich keine individuelle Begleitung mehr leisten.“ Als besonders unbefriedigend benennen die Fachkräfte die fehlende Flexibilität, um die Jugendlichen über die begrenzte Projektlaufzeit hinaus zu betreuen, „denn für manche sind die zehn Monate zum Erwachsenwerden einfach zu kurz“, und sie brauchen einen „Nachreifeprozess“. Der Baustein Struktur ist damit ein wichtiger Bestandteil, um benachteiligte junge Menschen erfolgreich

Für manche sind die zehn Monate zum Erwachsenwerden einfach zu kurz.

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bei der Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive zu begleiten. Interessanterweise haben alle interviewten Fachkräfte diese Strukturfragen angesprochen, obwohl diese nicht Gegenstand ihrer täglichen Arbeit sind und eher im Verantwortungsbereich der Geschäftsführung liegen. Die strukturelle Unsicherheit spielt in der individuellen Arbeitssituation aber regelmäßig eine große Rolle.

Baustein: Teamkultur Als bedeutsames Merkmal gelingender Sozialarbeit benennen die interviewten Fachkräfte eine positive, arbeitsfähige, heterogene Teamkultur. Es geht um die Vielfalt der Professionen unter Berücksichtigung von Genderaspekten ebenso wie kultureller Heterogenität. Die Fachkräfte beschreiben viele Beispiele guter Praxis, wo die Teamkultur positive Effekte auf die Ansprache und die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen ausüben konnte. Erfolgsfaktoren eines funktionierenden Teams werden mit den Begriffen „Transparenz“, „gemeinsame Verantwortung“, „klare Strukturen“ und „kurzfriste Absprachen“ beschrieben. Solidarität, gemeinsames Verantwortungsgefühl und Achtsamkeit innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Fachkräfte lassen kurzfristige, regelmäßige und transparente Absprachen zu, die wiederum klare Regeln und Strukturen ermöglichen, die für die Arbeit besonders wichtig sind. Werden diese Grundsätze eines funktionierenden Teams befolgt, ist es den jungen Menschen nur schwer möglich, sich gültigen Absprachen und Regeln zu entziehen oder die Fachkräfte gegeneinander auszuspielen. „Da schaut keiner weg, weil das nicht der eigene Jugendliche ist, der gerade vor die Tür spuckt“, sagt eine Fachkraft. „Der wird sofort angesprochen.“

Es geht um die Vielfalt der Professionen.

Ein multidisziplinäres und multikulturelles Team eröffnet in seiner Heterogenität die Möglichkeit, auf die vielfältigen Lebenssituationen der Jugendlichen und ihrer Bezugspersonen authentisch und wertschätzend einzugehen. Dazu gehört die Ansprache junger Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer Muttersprache, wodurch zusätzlich die Eltern miteinbezogen werden können, die häufig nur geringe Deutschkenntnisse vorweisen und sich in vielen Fällen in einer migrantisch geprägten Community bewegen. So vielfältig die Jugendlichen in ihrer jeweiligen Lebenssituation sind, so verschieden sind auch die optimalen Beratungs-, Begleitungs- und Betreuungsangebote. Können die Jugendlichen einen individuellen Bezug zu den Fachkräften herstellen, weil diese z. B. ebenfalls einen Migrationshintergrund haben, können Letztere über die eigene Geschichte eine Vorbildfunktion für die jungen Menschen wahrnehmen. „Unsere Kollegin hat mit Mädchengruppen aus islamischen Vereinsstrukturen oder auch Moscheen gearbeitet“, erinnert sich eine Fachkraft. „Da ging es dann auch um frauenspezifische Fragen, das hätte kein Mann machen können“. Neben der Chance der Interkulturalität in der Arbeit

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profitieren ebenfalls alle Beteiligten von der Multiprofessionalität, sowohl formell als auch informell, denn „es müssen nicht unbedingt Sozialarbeiter sein“. Für die Jugendlichen geht es in erster Linie um Authentizität. Aus ihren Erfahrungen der letzten Jahre sehen die Interviewten einen steigenden Bedarf an „Fachleuten für den psychischen Bereich“, weil Problemlagen dort „immer heftiger“ werden. Diese Multiprofessionalität in den häufig sehr kleinen Einheiten abzubilden, stellt die Jugendsozialarbeit vor eine große Herausforderung. Es besteht aber die Chance, ein Netzwerk mit diversen Kompetenzen aufzubauen oder auf bereits vorhandene Strukturen zurückzugreifen.

Baustein: Kontaktaufnahme Wie gelingt es, Kontakt zu den Jugendlichen aufzunehmen und aufrecht zu erhalten? Wie erfolgte der Erstkontakt und wie kann es funktionieren langfristig in Kontakt zu bleiben, um die jungen Menschen zu informieren, zu begleiten und zu beraten und auf optimale Art und Weise eine bedarfsgerechte Beziehung zu gestalten? Wurde der Kontakt direkt hergestellt oder über Dritte vermittelt oder erfolgte eine Zuweisung? Daran schließt sich die Frage der Freiwilligkeit an, die differenziert beantwortet werden will. Denn auch da, wo der Erstkontakt nicht aus einer intrinsischen Motivation heraus erfolgte, sondern „die Jugendlichen geschickt werden“ (wie es regelmäßig bei Maßnahmen in Zusammenarbeit mit Jobcentern und Arbeitsagenturen der Fall ist), sehen die Fachkräfte einen wichtigen Erfolgsfaktor darin, wenn die fortschreitende Arbeit grundsätzlich auf freiwilliger Basis erfolgt – also aus der grundsätzlichen Bereitschaft und dem Willen der Jugendlichen heraus, an der gegenwärtigen Lebenssituation etwas zu verändern. Als erfolgreiches Beispiel guter Praxis erweist sich die „aufsuchende Kontaktaufnahme“. Wenn Jugendliche in ihrem Lebensumfeld abgeholt werden, fühlen sie sich wertgeschätzt und ernstgenommen, weil jemand zu ihnen kommt und sich für ihre Belange interessiert. Für marginalisierte oder ausgegrenzte Jugendliche ist dieser niedrigschwellig Zugang besonders wichtig. Erfolg verspricht zudem der regelmäßige Besuch in Schulen, wo Fachkräfte frühzeitig mit den jungen Menschen in Kontakt treten und Angebote präsentieren können. Der Nutzen überwiegt dabei die durchaus vorhandenen Hürden; oder wie eine Fachkraft sagt: „Schule ist oft der schwierigste und beste Kooperationspartner“.

Schule ist oft der schwierigste und beste Kooperationspartner.

Den einmal hergestellten Kontakt gilt es durch Beziehungsarbeit aufrecht zu erhalten. Für die Jugendlichen ist die Erreichbarkeit der Fachkräfte entscheidend. Medien wie WhatsApp und Facebook können die Kommunikation erleichtern. „Wenn dann mal wieder jemand abgetaucht ist, kann ich viel besser nachhören, ob alles okay ist“, sagt eine der befragten Fachkräfte. An einem der untersuchten Standorte existiert sogar ein Fahrdienst.

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Baustein: Beziehungsgestaltung Alle geführten Interviews betonen die Relevanz der Beziehungsgestaltung. Als Voraussetzung dafür nennen die Fachkräfte eine authentische, wertschätzende und respektvolle Grundhaltung aller Beteiligten. Transparenz, Individualität und Kontinuität sollen die Zusammenarbeit prägen. Gegenseitiges Vertrauen ist unabdingbar. Dies gilt sowohl für die Klient-Fachkraft-Beziehung als auch auf anderer Ebene für die Beziehung zu den Kooperationspartnern (Träger, Kommune, Jobcenter), die genauso von Vertrauen und Kontinuität abhängig ist. Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen haben oft ein „Maßnahmenhopping“ hinter sich und sind daher nach eigenen Angaben „manchmal erst ein bisschen zurückhaltend“, weil sie „keinen Bock haben, jedem alles nochmal zu erzählen“. Als Beispiel guter Praxis hat sich aus der Perspektive der Fachkräfte daher eine langfristige und kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem festen Bezugsbetreuer oder einer festen -betreuerin bewährt. Auch ein niedriger Betreuungsschlüssel hilft natürlich bei der erfolgreichen Beziehungsgestaltung, was sowohl die Fachkräfte als auch die Jugendlichen artikulieren. Einer der untersuchten Standorte hat Rituale entwickelt – etwa ein gemeinsames Frühstück und andere, täglich wiederkehrende Abläufe, wie sie viele junge Menschen von zu Hause nicht (mehr) kennen. Rituale schaffen Struktur, geben Halt und sorgen für Verlässlichkeit. Gerade weil Jugendliche das Jugendamt oder das Jobcenter nach eigenen Angaben als unpersönlich erleben – „Als hätte ich gegen eine Wand gesprochen.“ – brauchen sie ein Gegenüber, das ihre individuelle Lebenssituation wahr- und sie darin ernst nimmt.

Tragfähige Beziehungen schaffen die Möglichkeit, manchmal auch unkonventionelle Lösungen zu finden.

„Ich habe mal einen Jungen betreut“, erinnert sich eine Fachkraft, „bei dem standen die Abschlussprüfungen an, und eigentlich hatte ich den ganz gut in der Bahn. Dann geriet das ins Wanken: Schwänzen, schlechte Leistung ... Ich konnte aber noch Absprachen mit ihm treffen und er hat mir erzählt, dass es zu Hause gerade drunter und drüber geht, der hatte wirklich richtig Stress. […] Schule stand da gerade nicht an erster Stelle. Und da ich aufgrund der langjährigen Kooperation einen guten Kontakt zur Schule hatte, konnten wir einen Kompromiss treffen und die Prüfung nach hinten schieben, sodass wir erstmal die Probleme zu Hause angehen konnten. Das war echt super.“ Wie in diesem Beispiel schaffen tragfähige Beziehungen die Möglichkeit, individuelle, manchmal auch unkonventionelle Lösungen zu finden. Für die Fachkräfte bedeutet dies aber auch, Nähe und Distanz zu ihren Klientinnen und Klienten immer wieder auszubalancieren.

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Baustein: Authentizität Authentizität bedeutet Ehrlichkeit, Echtheit, Respekt und Transparenz im Umgang miteinander. Ist eine Fachkraft authentisch in ihrem Tun und Handeln, wirkt sie auf ihr Gegenüber vertrauenswürdig, weil sie etwas von ihrer Persönlichkeit und ihren Gedanken preisgibt. Damit geht sie automatisch das Risiko ein, neben ihren Stärken auch Schwächen zu zeigen. Authentische Fachkräfte gehen offen und transparent mit Gefühlen um. Mit ihnen kann man sich identifizieren, ihnen kann man vertrauen und sich auf eine Beziehung zu ihnen einlassen. Jugendliche brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. „Eine wirklich gute Bezugsperson muss zunächst Mal eine Persönlichkeit sein“, sagt eine der interviewten Fachkräfte, die die jungen Menschen auf dem Weg zur beruflichen und persönlichen Identität begleitet. „Wenn die Jugendlichen Sie nicht ernst nehmen oder wenn Sie auf die Jugendlichen so wirken, dass Sie nicht auf sie zukommen werden, macht die Geschichte keinen Sinn.“ Jugendliche wünschen sich Menschen, „die Klartext sprechen und nicht immer nur alles schönreden“. Der offensive Umgang mit Enttäuschung bei nicht eingehaltenen Absprachen zeigt ihnen nämlich, dass dort jemand ist, der auf sie schaut und ein ehrliches Interesse an ihrer Zukunft hat.

Jugendliche wollen authentische Persönlichkeiten erleben und an deren individuellen Lebenserfahrungen partizipieren.

So wird, wie es eine der Fachkräfte ausdrückt, die eigene „Persönlichkeit als Instrument“ der Arbeit eingesetzt. Dies verlangt von den Fachkräften natürlich eine ständige Reflexion des eigenen Verhaltens und der eigenen Arbeit sowie eine hohe Frustrationstoleranz. „Sie müssen Lust auf diese Jugendlichen haben. Das heißt nicht, dass Sie die alle mögen müssen, geschweige denn alles gut finden müssen. Aber zumindest muss authentisch rüberkommen, dass Sie Verständnis für sie haben.“ Das unterstreichen auch die Aussagen der Jugendlichen in den Interviews, die ihrerseits die berufliche Ausbildung der Fachkräfte als sekundär einordnen. Vielmehr wünschen sich die jungen Menschen, dass sie authentische Persönlichkeiten erleben und an deren individuellen Lebenserfahrungen partizipieren dürfen.

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Baustein: Wertschätzung Eine arbeitsfähige Beziehung setzt gegenseitige Wertschätzung voraus. Das bedeutet, Menschen offen und ohne jegliche Vorurteile zu begegnen. „Sie müssen die ernst nehmen und denen Wertschätzung entgegen bringen“, sagt eine Fachkraft. „Wenn Sie das nicht tun, das riechen die fünf Kilometer gegen den Wind.“ Entscheidend ist eine positive und offene Grundhaltung. Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen haben häufig belastende Beziehungen erlebt. Darunter leidet ihr Selbstwertgefühl. Fachkräfte können dieses Selbstwertgefühl stärken, indem sie die Ressourcen der jungen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken und „dies nicht nur zeigen, sondern lautstark zum Ausdruck bringen“. Die Jugendlichen sollen sie selbst sein können und mit allen ihren Schwierigkeiten akzeptiert werden. Dazu gehört, die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abzuholen und gemeinsam mit ihnen individuelle Ziele zu entwickeln, „auch wenn wir uns andere Ziele wünschen“, wie eine Fachkraft betont. „Ich kann nicht sagen, es muss das und das Projekt her, um Jugendliche besser abzuholen. Man muss wirklich konkret an seiner Person Lösungen suchen.“ So unterschiedlich die jeweilige Lebenslagen der jungen Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Ziele, Wünsche und Vorstellungen. Diese wertschätzende Haltung einzunehmen, um sie in kleinen Schritten hin zu einer eigenständigen Lebensperspektive weiterzuentwickeln, „dass sie endlich mal stolz sein sollen auf das, was sie selber machen“, kommt in vielen Interviews als Beispiel guter Praxis zur Sprache. Kontraproduktiv sei hingegen, die Jugendlichen „mit Gewalt in ein Maßnahmenkorsett zu pressen“ und „an globalen Zielen“ festzuhalten, die den individuellen Problemlagen nicht gerecht werden.

Die Jugendlichen nicht mit Gewalt in ein Maßnahmenkorsett pressen!

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Baustein: Partizipation Ohne Teilhabe und Mitgestaltung ist die Entwicklung eigener Perspektiven nicht möglich. Die Gruppendiskussionen haben aber gezeigt, dass sich die Jugendlichen in der Praxis häufig übergangen fühlen und mehr Mitsprache einfordern: „Uns fragt gar keiner, in welchen Beruf wir später wollen. Hier wird zum Beispiel gar nichts Soziales angeboten. Dann werden wir einfach in die Holzwerkstatt gesteckt, obwohl mich Holz noch nie interessiert hat. Nur weil da gerade ein Platz frei ist. Ich hasse basteln.“ Gleichzeitig bemängeln die Fachkräfte • zum Teil, dass „es den Jugendlichen oft an einer realistischen Selbsteinschätzung fehlt“. Die konkrete Beteiligung – etwa bei der Erstellung individueller Förderpläne – bedeutet oft einen erhöhten Zeit- und Ressourcenaufwand, der sich jedoch aus Sicht der Fachkräfte durchaus lohnt. Die Balance zwischen dem fachlichen Wissensvorsprung der Fachkräfte und den individuellen Wünschen der Jugendlichen muss in einem partizipativen Verfahren austariert werden. Allerdings gerät Partizipation bisweilen in Konflikt mit den Vorgaben und Konzepten der Projekte und Maßnahmen, die vielfach zu wenige Spielräume bieten, um gemeinsam mit den jungen Menschen Ziele zu erarbeiten. Solche Spielräume sind für die Fachkräfte jedoch ein wichtiger Erfolgsfaktor, mit dem sie in ihrer beruflichen Laufbahn viele positive Erfahrungen sammeln konnten. Denn durch Partizipation werden die Jugendlichen „mit in die Verantwortung genommen“, indem sie neben ihren Wünschen und Zielen auch selber Regeln und Konsequenzen formulieren.

Dann werden wir in die Holzwerkstatt gesteckt, nur weil da gerade ein Platz frei ist.

Bewährt hat sich an einem Standort ein internes Belohnungs- und Sanktionssystem für die Jugendlichen, das zunächst ohne das Sanktionsinstrumentarium des SGB II auskommt: Dort werden in einem partizipativen Prozess niedrigschwellige Ziele vereinbart. „Man verlangt nicht, dass jemand von null auf hundert geht. Der Teilnehmer kommt jeden Morgen unpünktlich, dann heißt es, dass er die nächste Woche drei Mal pünktlich kommt.“ Sind die vereinbarten Ziele erreicht, gibt es kleinere Belohnungen wie beispielsweise die Teilnahme an Ausflügen. So entstehen Anreize, die Zielvereinbarungen zu erfüllen. In diesem Sinne fördert Partizipation das Selbstwertgefühl, die Motivation und die Eigenverantwortung und markiert aus Sicht der Fachkräfte einen wichtigen Erfolgsfaktor in der Gestaltung einer eigenständigen Lebensperspektive.

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Baustein: Orientierung Für die interviewten Fachkräfte ist es ein Ziel der Jugendsozialarbeit, den Jugendlichen Orientierung zu geben. Darunter verstehen sie ihre eigene Arbeitshaltung, den jungen Menschen „immer wieder die Hand zu reichen“ und sie „Schritt für Schritt auf ihrem Lebensweg“ zu begleiten. Dabei bewegen sie sich im Spannungsfeld zwischen Regeln, individuellen Gestaltungsspielräumen und Freiheitsgraden, die als gleichberechtigt für eine erfolgreiche Jugendsozialarbeit gelten, da die jungen Menschen „ihre Grenzen einfordern“, gleichzeitig aber auch die Chance erhalten sollen „aus Fehlern zu lernen“ und damit „Verantwortung für das eigenen Handeln“ zu übernehmen. „Ich biete den Jugendlichen an, dass ich ein Stück des Weges mit ihnen gehe. Begleiten, Unterstützen und Beraten; auch mal einen Umweg gehen, dann wieder die Hand reichen und nicht starren konzeptionellen oder bildungspolitischen Vorgaben folgen“, so formuliert eine Fachkraft ihr Selbstverständnis. Hier tritt – einmal mehr! – das Dilemma der Jugendsozialarbeit zutage, die sich zwischen der sanktionsbewehrten und aktivierenden Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II), die autoritär-fürsorglich agiert, und dem SGB VIII mit seinem umfassenden persönlichen Hilfeangebot der Bedarfsgerechtigkeit im Einzelfall und dem Bemühen um sozialen Ausgleich bewegen muss. Für ALG-II-Bezieherinnen und -Bezieher unter 25 gelten immer noch die verschärften Sanktionsregeln, die bei der ersten Pflichtverletzung einen vollständigen Wegfall der Regelleistung („Null-Sanktion“) vorsehen. Hier suchen die Fachkräfte eine Balance, um zwischen notwendigen Konsequenzen bei Pflichtverletzungen und den individuellen Zielsetzungen der Jugendlichen Orientierung zu bieten. Schließlich befinden diese sich nicht grundlos in schwierigen Lebenssituationen; sie bringen individuelle Beeinträchtigungen mit. Doch nicht jede Problemlage kann Gegenstand einer Zielvereinbarung sein. Aus der Perspektive der Fachkräfte führt dies in Beispielen schlechter Praxis zu Demotivation und unter Umständen zum Abbruch des Kontakts. Die Beispiel guter Praxis fokussieren hingegen auf die individuellen Ressourcen und verfolgen einen Weg der kleinen Schritte: „Bestenfalls erreichen wir gemeinsam das nächste Etappenziel. Ich gehe aber auch nochmal einen Schritt mit zurück, wenn nötig.“ Die Ziele und Erfolgsdefinitionen der Jugendlichen können dabei ganz unterschiedlich aussehen. Während die einen ganz praktische, alltagsnahe Unterstützung benötigen, reicht es wiederum anderen „jemanden im Hintergrund zu haben“, der optional als Ansprechperson dient. Die Bezugsperson muss „einfach ab und zu ein offenes Ohr“ haben und „bei Schwierigkeiten im Betrieb“ helfen, während wieder andere Jugendliche vor ganz grundlegenden Problemen stehen. Da muss dann „erstmal die Grundversor-

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gung gewährleistet sein.“ Trotzdem betonen Fachkräfte und Jugendliche, dass das gemeinsame Aufstellen und Befolgen von Regeln für eine gelingende Beziehungsgestaltung, die Orientierung bietet, sehr relevant ist. Regeln spielen in der Zusammenarbeit insofern eine wichtige Rolle, als sie Klarheit, Struktur und Sicherheit vermitteln, die für die Orientierung eine große Bedeutung haben. In Beispielen guter Praxis gelingt es, das erwähnte in jedem Einzelfall individuell auszupegeln und sich auf die benachteiligten jungen Menschen mit ihren Wünsche und Ziele einzulassen.

Baustein: Relevante Andere Unter den „relevanten Anderen“ verstehen die befragten Fachkräfte alle jene Menschen, denen insbesondere von den Jugendlichen selbst, aber auch im Kontext professioneller Hilfen, eine wichtige Rolle für die erfolgreiche Arbeit zugeschrieben wird. Fachkräfte vernetzen sich beispielsweise mit den regionalen Akteurinnen und Akteuren, um „gesamtgesellschaftliche Entwicklungen mit zu verfolgen“. Für die Jugendlichen sind in erster Linie solche Bezugspersonen relevant, denen sie vertrauen, und die sie auf ihrem individuellen Lebensweg mit Ratschlägen, Gesprächen und emotionaler Begleitung unterstützen. Im Helfernetzwerk sind es wichtige Kooperationspartnerinnen und -partner, die zur optimalen Betreuung beitragen können. Grundsätzlich markieren die Kooperation mit und der Einbezug von relevanten Anderen einen substanziellen Baustein zur Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive. Die interviewten Fachkräfte benennen zahlreiche Personenkreise, die die Funktion von relevanten Anderen erfüllen: Lehrerinnen und Lehrer, Ausbilderinnen und Ausbilder, Verwandte, Menschen in Wohngruppen, Therapeutinnen und Therapeuten oder Fallmanagerinnen und -manager. Die jeweilige Bedeutsamkeit speist sich aus der individuellen Beziehung und ist zunächst von der Frequenz und Intensität der Kontakte unabhängig. Die Jugendlichen ihrerseits benennen besonders oft „Kumpels“, „Freundin“ oder „Eltern“, die die Rolle von relevanten Anderen einnehmen, und denen sie eine zentrale Rolle in ihrer Lebenswelt zuschreiben. Für die Fachkräfte ist es meist erstrebenswert, „die Familie mit ins Boot zu holen“. Doch die Kontaktaufnahme mit den Herkunftsfamilien der benachteiligten Jugendlichen gestaltet sich oft schwierig. Leider gelinge es nur selten, resümiert eine Fachkraft, die Familien zur Mitarbeit an der Hilfeplanung zu ermutigen und zu befähigen. In Beispie• len guter Praxis jedenfalls herrscht genügend Raum und Zeit, um in die Beziehungsarbeit mit relevanten Anderen zu investieren. Da die jungen Menschen häufig noch schulpflichtig sind, ist es für die Fachkräfte dabei besonders hilfreich, den Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern zu intensivieren und zu pflegen. „Der Erfolgsfaktor war, dass die Lehrer kooperiert haben“, berichtet eine Fachkraft. „Das heißt, die haben das mit unterstützt, dass ich Gespräche an der Schule führen konnte. Der Junge war eher zurückgezogen und ruhiger, aber der wurde immer vehementer in seiner Ablehnung. Der stand auch kurz vor dem Schmeißen. Der war richtig wütend auf seine Eltern und die Eltern waren wütend auf ihn. Und dann war der Erfolg quasi, die Eltern mit herzubringen. Wir haben hier bestimmt sieben, acht Gesprächstermine gehabt. Er sollte ja auch weiter die Schule besuchen, wenn das klappt. War auch ein Stück weit sein Wunsch. Aber da koppelte es sich eben, dass über die Gespräche und über die Konflikte deutlich wurde, dass die Eltern mit ihm überfordert waren. Da blieb im Prinzip nur der Auszug. Das muss

Der Erfolgsfaktor war, dass die Lehrer kooperiert haben.

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aber organisiert werden, damit das gescheit abläuft. Der Erfolg war dann, dass dieses gemeinsam besprochen werden konnte und gut vonstattenging.“ Neben der Schule ist vor allem die Peergroup der Jugendlichen von Bedeutung – das schätzen sowohl die Jugendlichen selbst als auch die Fachkräfte so ein. Die Mitglieder der Peergroup können einander auf dem Weg zur Verwirklichung einer eigenständigen Lebensperspektive unterstützen, können Motivationsschübe liefern und situativ ungeahnte positive Kräfte freisetzen. „Bei dem Jungen habe ich mir den Mund fusselig geredet“, erinnert sich eine Fachkraft. „Der ist morgens einfach nicht aus dem Bett gekommen und war ständig zu spät in der Schule, im Praktikum und zu sonstigen Terminen. Androhung von Konsequenzen hat ebenso wenig gebracht wie unser Belohnungssystem. Er hat es einfach nicht hingekriegt. Doch von heute auf morgen wendete sich das Blatt, weil er plötzlich eine neue Freundin hat, die zur Schule geht. Und jetzt läuft’s.“ Neben diesen Motivationsschüben beobachten einige Fachkräfte auch das Gegenteil, da gerade bei jungen Mädchen „immer irgendwelche Jungs mit im Spiel sind, die sie dann teilweise stark ablenken und irritieren“. Als Handlungsempfehlung für Beispiele guter Praxis schlagen die Jugendlichen vor, „Jungs und Mädels einzuladen, denen es genauso ging. Dass die einem mal sagen, was passiert, wenn man sich nicht drum kümmert“. „Drum kümmern“ meint in diesem Zusammenhang den erfolgreiche Übergang in eine berufliche Ausbildung. Daraus entstand die Idee, „Ehemalige“ stärker einzubinden, um von ihren Erfahrungen, ihrem Insiderwissen zu profitieren und authentische Erfolgsgeschichten zu erleben, an denen sich die Jugendlichen orientieren können. Analog zu Alumni-Organisationen an Hochschulen oder Ehemaligen-Netzwerken könnten Strukturen in der Jugendsozialarbeit etabliert werden, die die Zusammenarbeit mit Ehemaligen systematisieren, um authentische Vorbilder zu vermitteln. In den Alumni-Clubs können sich ehemalige Teilnehmende organisieren, um aktuellen Jugendlichen in der Betreuung der Träger von ihren Erfahrungen zu berichten und auf unterschiedliche Art und Weise ihre Unterstützung anbieten. Erfahrungen zeigen, dass dadurch außerordentliche gruppendynamische Synergieeffekte ausgelöst werden. Nicht zuletzt profitieren die Ehemaligen selbst davon, denn anderen Mut machen zu können, steigert wiederum das eigene Selbstbewusstsein. In Beispielen guter Praxis gelingt es den Fachkräften ein tragfähiges Netzwerk von wichtigen Bezugspersonen aufzubauen, die sie in ihrer fortlaufenden Arbeit mit den jungen Menschen unterstützen und gleichzeitig jene relevanten Anderen nicht außer Acht lassen, die für die Jugendlichen von immenser Bedeutung sind.

Zusammenfassung Um die Angebote und Maßnahmen der Jugendsozialarbeit erfolgreich zu gestalten und die benachteiligten Jugendlichen optimal bei der Entwicklung einer eigenständigen Lebensperspektive zu unterstützen, die ihren individuellen Zielen und Wünschen gerecht wird, gehört zu den strukturellen Grundvoraussetzungen ein solides und langfristig gesichertes Finanzierungskonzept der Einrichtungen, um die Fachkräfte von der Unsicherheit ihrer Beschäftigungsbedingungen zu entlasten. Daneben benötigt es eine ausgewogene Teamkultur, die von Heterogenität und Loyalität geprägt ist, und die insbesondere von Beständigkeit lebt. Die Kontinuität innerhalb der Einrichtung beeinflusst die Beziehung zu Klienten und relevanten Anderen. Kooperationskontakte, die bereits über einen langen Zeitraum gepflegt werden, sind in der Regel besonders gewinnbringend, weil eine tragfähige Arbeitsbeziehung damit einhergeht und die Kontaktaufnahme zu den Jugendlichen über bereits bestehende und gut ausgebaute Strukturen

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erfolgt. Ein weiterer wesentlicher Baustein ist die Beziehung zwischen dem benachteiligten Jugendlichen und der Fachkraft, die durch die Bausteine Wertschätzung, Partizipation, Authentizität ergänzt werden. Junge Menschen benötigen auf dem Weg zur Entwicklung ihrer eigenen Identität Menschen, denen sie vertrauen können, die ihnen Orientierung geben und eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Die Fachkräfte setzen dazu in Beispielen guter Praxis ihre authentische Persönlichkeit ein und teilen positive wie negative Lebenserfahrungen mit den jungen Menschen. Partizipation der Jugendlichen in den Einrichtungen der Jugendsozialarbeit bei der individuellen Planung der persönlichen Zukunft auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft trägt dazu bei, dass die jungen Menschen auf ihrem Weg zur eigenständigen Lebensperspektive Verantwortung für ihr Tun und Handeln übernehmen und sowohl positive als auch negative Rückmeldung erfahren. Orientierung in einer oft unübersichtlichen Arbeits- und Lebenswelt während einer schwierigen Lebensphase des Übergangs zu vermitteln, ist für viele Fachkräfte eine wichtige Aufgabe, die sie durch ihre Person und ihre Fachlichkeit bieten. Die im Rahmen der Studie erarbeiteten Bausteine guter Praxis sollten in einem ganzheitlichen Kontext Berücksichtigung bei zukünftigen Angeboten und Maßnahmen der Jugendsozialarbeit finden und bei der Konzeption von Projekten beachtet werden. Dabei adressieren die Bausteine keine bestimmten Maßnahmen und Angebote aus dem SGB II, SGB III oder SGB VIII, sondern dienen einer Verständigung über bereits erfolgreich erprobte Ansätze, die das ganze Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit und den Übergang Schule-Beruf in das Blickfeld nehmen. Insbesondere sollten den Fachkräften umfangreiche Spielräume zur Verfügung stehen, um ihre Erfahrungen mit gelingenden Ansätzen immer wieder einbringen zu können.

Literatur und praktische Weiterarbeit Die Langfassung der hier vorgestellten Bausteine sowie eine ausführliche Beschreibung der vorausgegangenen Studie enthält die Broschüre: „Wir sind auf dem Weg“ – Jugendliche in besonderen Lebenslagen. Neun Bausteine guter Praxis. Herausgegeben von der Katholischen Jugendsozialarbeit Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland in Kooperation mit dem Caritasverband für die Diözese Trier e.V. Autoren: Tim Obermeier, Francesca Dunsche (ISAM) Diese Broschüre kann nur noch als PDF runter geladen werden unter www.bagkjs.de/projekte oder www. bagkjs.de/Wir_sind_auf_dem_Weg_Neun_Bausteine sowie https://opus4.kobv.de/opus4-hs-koblenz/ frontdoor/index/index/docId/100 Unter derselben Herausgeberschaft ist das Arbeitsheft erschienen: Umsetzung der neun Bausteine in eine gute Praxis. Sind wir auf dem „richtigen“ Weg? Dieses Arbeitsheft richtet sich an die Fachkräfte in Einrichtungen und Projekten und dient der Selbstreflexion anhand der erwähnten Bausteine. Zu jedem einzelnen Baustein finden sich verschiedene Leitfragen, die jede Einrichtung oder jedes Projekt mittels eines einfachen Ampel-Systems für sich selbst untersuchen und bewerten kann. Das Arbeitsheft ist kostenlos bei der LAG Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland per email zu bestellen unter: warnking-a@caritas-trier.de.

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Autorinnen und Autoren Dirk Bingener BDKJ Bundespräses BDKJ-Bundesstelle Postfach 32 05 20 40420 Düsseldorf Telefon: 0211 46 93 - 0 E-Mail: bingener@bdkj.de Internet: www.bdkj.de/der-bdkj/bundesvorstand

Prof. Dr. Stefan Sell und Maria Wirtz Hochschule Koblenz Campus Remagen Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) Joseph-Rovan-Allee 2 53424 Remagen Telefon: 02642 932-397 E-Mail: sell@hs-koblenz.de E-Mail: maria-wirtz@gmx.de Internet: www.hs-koblenz.de/isam

Karl Schiewerling Mitglied des Deutschen Bundestages Arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Platz der Republik 1 11011 Berlin Telefon: 030 227-77538/73192 Fax.: 030 227-76538 E-Mail: karl.schiewerling@bundestag.de

Anna Warnking Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland Sichelstraße 10 54290 Trier Telefon: 0651 9493-240 Fax: 0651 9493-55240 E-Mail: warnking-a@caritas-trier.de

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Der Herausgeber Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. ist ein Zusammenschluss katholischer bundeszentraler Organisationen und Landesarbeitsgemeinschaften. Sie tritt auf Bundesebene anwaltschaftlich fßr die Belange junger Menschen ein. Dazu arbeitet sie mit Personen und Institutionen aus Kirche, Staat, Politik, Wirtschaft und Verbänden zusammen. Sie nimmt aktiv am wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs teil und leistet gleichzeitig in partnerschaftlicher Zusammenarbeit einen Beitrag zur zukunftsorientierten Gestaltung unserer Gesellschaft.


Die Mitgliedsorganisationen der BAG KJS Bundeszentrale Organisationen • Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) – Bundesstelle e. V., Düsseldorf • Deutscher Caritasverband e. V., Freiburg • Deutsche Provinz der Salesianer Don Boscos, München • IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit – Deutschland e. V., Freiburg • Katholische Arbeitsgemeinschaft Migration (KAM), Freiburg • Kolpingwerk Deutschland – Bundesverband, Köln • Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Gesamtverein e. V., Dortmund • Verband der Kolpinghäuser e. V., Köln

Landesarbeitsgemeinschaften • Katholische Arbeitsgemeinschaft für Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg, Freiburg • Katholische Jugendsozialarbeit Bayern, München • Katholische Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendsozialarbeit Berlin/Brandenburg, Berlin • Katholische Jugendsozialarbeit Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland, Trier • Katholische Jugendsozialarbeit Nord gGmbH, Hannover • Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Nordrhein-Westfalen e. V., Köln • Landesarbeitsgemeinschaft der Katholischen Jugendsozialarbeit für Thüringen e. V., Erfurt

Gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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Aspekte Nr. 78  

Da hilft kein Angebot von der Stange

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