Page 1

Editorial  |  S. 1

Ein postpubertäres Männermagazin

Transparenz und Obszönität

Ausgabe 02

Bauch­ entscheidung

LARP

Lichtspiele ­ inter Gleis 12 h

Dein Sixpack in nur 6 Wochen!

Tauche ein in eine reale Fantasie!

Am Bahnhof brennen noch die Lichter.

Transparenz und Obszönität Die zweite Ausgabe des b magazins Totale Obszönität durch totale Transparenz.


20 ebagsuA

tätinözsbO dnu znerapsnarT

nizagamrennäM serätrebuptsop niE

eleipsthciL 21 sielG retnih­

PRAL

­hcuaB gnudiehcstne

-nerb fohnhaB mA .rethciL eid hcon nen

enie ni nie ehcuaT !eisatnaF elaer

run ni kcapxiS nieD !nehcoW 6

tä ti n öz s b O e l a toT . z n e r a p s n a rT e l a t o t h c r u d


Editorial  |  S. 3

Transparenz und Obszönität Die zweite Ausgabe des b magazins


S. 4  | Inhalt

12 20 32 04 Im Gespräch 06 A wie Anilingus 08 Im Fokus 28 Tolles aus der Videokabine 30 Das kleine Verbrecher Einmaleins 40 Produkthinweise 42

Press Start

44 Manifeste des Alltags 46 Impressum 46 Anregungen zum gesellschaftlichen Verständnis

LARP 4500 kostümierte Menschen treffen sich jedes Jahr für fünf Tage in Diemelstadt, in der Nähe von Kassel auf einer großen Wiese. Es wirkt seltsam und auf den ersten Blick unverständlich. Man sieht Ork-Krieger vorbei gehen. Wir haben uns mit einem RaumschiffKapitän unterhalten.

Bauchentscheidung Der moderne Mann. Gefangen zwischen patriarchalischem Machotum und sensibler Emanzipation. Wo sich positionieren? Wie verhalten? Hört sich nach einer simplen Bauchentscheidung an …

Lichtspiele hinter Gleis 12 Bis spät in die Nacht flackern an diesem Ort noch die Lichter. Verlorene Gestalten treiben sich dort herum. Was geschieht hier nur?


Editorial  |  S. 5

Editorial Sehr geehrte Herren, nach endlich einer Ausgabe hat das b-magazin beschlossen sich seiner Neugestaltung zu widmen. Die Leitmotive der 2. Ausgabe — Transparenz und Obszönität — spielen dabei eine wichtige Rolle.

1 www.wikipedia.org/wiki/Obszönität; [Stand 01.06.2015]

TRANSPARENZ  Transparenz lässt sich definieren, indem alle Vorgänge einer Sache nach außen hin nachvollziehbar dargestellt werden. Aus diesem Grund hat sich das b-magazin ein radikales Sichtfenster zugelegt, welches die Vorgänge im Herzen des Heftes schonungslos offenlegt. Natürlich kann das nur der erste Schritt sein. ​ Investigativ, wie das b-magazin nun einmal ist, haben wir uns entschlossen, alle weiteren Vorgänge im Magazin nachvollziehbar an die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn du dich jetzt fragst, warum du dieses obszöne Cover der seichten Unterhaltung, nicht wie noch beim letzten Mal, in vorgetäuschter In­tel­lek­tu­a­li­tät hinter dem Inkognito-Modus verstecken kannst, dann müssen wir dir leider erklären, dass es an der geringen Reichweite des b-magazins liegt. Solange das b-magazin in den Köpfen der Gesellschaft nicht als Inkarnation des Schunds und des schlechten Geschmacks verankert ist, macht es keinen Sinn es hinter einem zusätzlichen Cover zu verschleiern. Deshalb versuchen wir mit transparenter Obszönität uns diesen zweifelhaften Ruf zu erkaufen. Mit dem Ziel des Hervortretens aus dem Schatten der Belanglosigkeit muss das b-magazin dem sozialen Verlangen nach Oberflächlichkeit und Schönheit nun genügen und zwingt es in eine neue Gestaltung. Die Kernbotschaft bleibt aber natürlich bestehen: Solange du nämlich das b-magazin liebst, liebt dich das b-magazin. Denn Liebe schreibt man immer noch mit b.

OBSZÖNITÄT  „Als obszön (lateinisch obscenus, „schmutzig, verderblich, schamlos“) gilt, was geeignet ist, bei anderen Menschen Ekel zu erregen, die Scham hervorzurufen oder ein anderes elementares Gefühl zu verletzen. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte dafür mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Wer stattdessen das Fremdwort obszön verwendet, zeigt damit, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will.1“ Das b-magazin kennt zum Glück verschiedene Wege Ekel oder Scham in unserer Werteordnung hervorzurufen. Die offensichtlichste Möglichkeit ist die stumpfe Verwendung von Sexualität mittels Geschlechtsorganen. Diesen Effekt haben wir sehr einfach durch die pure Anzahl der verwendeten Sexualorgane weiter skalieren können. Dennoch ist das b-magazin bemüht, dass die Obszönität nicht mit dem schlechten Geschmack einhergeht: Die Penisse und Vaginen wurden sorgfältig und liebevoll geordnet und in einen formvollendeten floral anmutigen Geschlechterstrauß geschnürt.

Wir wünschen dir viel Spaß beim schmökern.

In allumfassender Liebe, dein b-magazin.


S. 6  | Interview

IM GE-­ SPRÄCH Was möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Eine typische Frage an Kinder, in ihrer Konsequenz beantwortet von fachkompetenten Männern im Gespräch.


Im Gespräch  |  S. 7

In diesem Gespräch beantwortet uns Herr M. Fragen zu seinem Beruf als Bauarbeiter. Protokoll eines Gesprächs. b-magazin: Guten Tag Herr M., vielen Dank, dass Sie sich für das Interview Zeit nehmen konnten. Herr M.: Jaja, schon recht. Kannst mich schon duzen. Bin ja nicht dein Schwiegervater.

In Ordnung. Kannst Du mir erläutern, was Deine Aufgabe auf einer Baustelle ist? d‘Lektrik. Das bedeutet, dass Sie … Herrschaft! Entschuldigung. Bedeutet das also, dass Du als Elektriker auf einer Baustelle für die Verlegung von Kabeln verantwortlich bist? Unter anderem auch

Bier trinken und Frauen anbaggern … Das hört sich für den Laien nach einer bodenständigen Männerfantasie an. Gibt es aber auch Schattenseiten in diesem Berufsumfeld? Du wirst dreckig, du musst anpacken und du musst um 7 Uhr in der Früh auf der Matte stehen und es ist Wurst, was für ein Wetter ist. Egal ob +40 °C oder -20 °C.

Ich könnte mir zudem vorstellen, dass die Arbeit auf einer Baustelle auch gefährlich sein kann. Wird denn viel auf Arbeitssicherheit geachtet?

für die Verlegung. Dazu gehören auch noch andere Arbeiten dazu, wie z. B. Schalter, Steckdosen, EDVDosen, Telefon- und Antennendosen montieren. Von Schwachstrom bis Starkstrom quasi alles.

Theorietisch achtet man auf die Sicherheit, aber praktisch ist es eher schwer umsetzbar. Aber nachdem es in Deutschland hohe Sicherheitsvorschriften gibt, passiert, im Gegensatz zu anderen Ländern, selten etwas.

mer nur den Schraubenzieher in der Hand. Um ein Kabel in der Wand verlegen zu können, muss davor noch ein Schlitz gefräst werden. Das heißt, Bohrhammer, Hammer und Meißel, Mörtel und Gips sind für uns genauso ein selbstverständliches Werkzeug oder Material, wie ein Schraubenzieher oder ein Kabel.

persönlich ist nie etwas Schlimmes passiert. Mal mit einem Teppichmesser in den Finger geschnitten. Aber zu sehen gab es schon ab und zu was. Ein Maurer hat sich mit der Kreissäge drei Finder abgesägt und ein Fliesenleger hat sich mit der Flex die Achillessehne durchtrennt.

Büro vorstellen. Es herrscht ein anderer Ton. Ein wenig schroffer geht's zu, aber jeder weiß wie er es zu nehmen hat und danach sind wir wieder gut miteinander und trinken eine Halbe zusammen.

auf jeden Fall! Eine Ausbildung zum Bauarbeiter lohnt sich. Man kann selbst kleinere Probleme in der Wohnung oder im Haus beheben. Außerdem ist es nie verkehrt, nach egal welchem Schulabschluss, eine Ausbildung anzufangen. Egal ob im Bau oder im Büro. Denn: Einen Gesellenbrief kann einem keiner mehr nehmen und studieren kann ich dann immer noch.

Was sind dann die weiteren Kompetenzen eines Elektrikers? Natürlich haben wir Elektriker nicht im-

Wie kann man sich das Miteinander unter Bauarbeitern vor­stellen? Das brauchst dir nicht wie im

Ein gängiges Klischee assoziiert den Bauarbeiter mit Alkoholkonsum während der Arbeitszeit. Ist das denn wirklich so? Hast du schon mal einen durstigen Fisch gesehen? Aber im Ernst: Im Großen und Ganzen ist der Konsum schon stark zurückgegangen, da auch in den meisten Arbeitsverträgen ein Alkoholverbot geschrieben steht. Trotzdem wird ab und zu Mal ein Bierchen getrunken, macht die Arbeit auch irgendwie angenehmer.

Ein weiterer Stereotyp ist das Hinterherpfeifen von Frauen. Liegt das daran, dass kaum Frauen in diesem Arbeitsbereich tätig sind? Wie hoch kann man sich den Frauenanteil in dieser klassischen Männerdomäne vorstellen? Das Hinterherpfeifen seh ich jetzt eher als Vorurteil, aber wer schaut nicht gern einer schönen Perle hinterher? Der Frauenanteil ist leider nicht sehr hoch. In meiner Lehrzeit gab es 5 Schulklassen a 25 Schüler und es waren insgesamt vielleicht 3 Mädls. Die Wahrscheinlichkeit, dass 1860 München irgendwann in der Champions League spielt, ist höher, als dass es einen Frauenanteil von 10 % aufm Bau gibt.

Was war denn der schlimmste Unfall, der sich während deiner Arbeitszeit zugetragen hat? Mir

Ist der Beruf des Bauarbeiters nun zusammenfassend empfehlenswert oder nicht? In meine Augen


S. 8  | Kolumne

Das Alphabet der erweiterten Sexualaufklärung

A

WIE

ANILINGUS

Jeder sollte mittlerweile über den Vorgang des Liebemachens aufgeklärt sein. Da aber dank der Informationen aus dem Internet verschiedenste Sexualpraktiken in unser Sichtfeld rücken, genügen Geschichten von Bienchen und Blümchen leider nicht mehr. Deshalb übernimmt das b-magazin die Aufgabe der erweiterten Sexualaufklärung für dich. Gut aufpassen! In dieser Ausgabe: A wie Anilingus. Beim Anilingus oder auch Rimming genannt wird ein Sexualpartner mit der Zunge und dem Mund am Anus stimuliert. Damit gehört der Anilingus zu einer Minderheit unter den Sexualpraktiken, da er unabhängig vom jeweiligen Geschlecht aller Beteiligten möglich ist. Beim After handelt es sich um eine, von vielen Nervenenden durchzogene Region, die meist als erogene Zone gut stimuliert werden kann. Dies kann durch bloßes Lecken geschehen, aber auch eine Penetration mit angespitzter Zunge ist möglich. Beim „Tossing the Salad“ werden Lebensmittel, wie z. B. Honig, Schokolade oder Schlagsahne auf dem Gesäß verrieben, um dann vom Partner vollständig aufgeleckt zu werden. Scharfe Lebensmittel sollte man übrigens am besten vermeiden. Viele Menschen ekeln sich vor einem Anilingus aus Angst vor oralem Kontakt mit Kot, was bei sachgemäßer Ausübung praktisch ausgeschlossen ist. Es empfiehlt sich unbedingt vorab eine gründliche Reinigung des Anus.

Außer man bevorzugt einen „schmutzigen Anilingus“, was dann aber wohl wieder ein anderes Thema füllen würde. Zusätzlich zur oberflächlichen Reinigung des Anus kann auch eine Darmspülung eingesetzt werden. Natürlich gibt es beim Beglücken unterhalb des Rückens auch Risiken zu beachten. Beim ungeschützten Rim-Job können unter anderem Herpes, Hepatitis und im schlimmsten Fall HIV übertragen werden. Das HI-Virus kann jedoch nur bei offenen Wunden im Mundraum zu einer Infektion führen. Aufgrund des Infektionsrisikos sollte man sich und seinen Partner regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten überprüfen lassen, und falls dies nicht möglich ist, ein Lecktuch benutzen. Auch sollte man beim Rimming einer Frau darauf achten, anschließend nicht mit einem Cunnilingus fortzufahren, da sonst Bakterien aus dem Enddarm in die Vagina übertragen werden können. Mit diesen Informationen bist du nun startklar für deine ersten Anilingus-Erfahrungen. Wir wünschen viel Spaß.


Das Alphabet der erweiterten Sexualaufklärung  |  S. 9

RIM NG

MI


S. 10  | Fotografie

IM FOKUS Die New Yorkerin Sophie Day zeigt eine Auswahl ihrer Fotografien im b magazin.


Im Fokus  |  S. 11


S. 12  | Fotografie


Im Fokus  |  S. 13

Sophie Day www.sophieday.nyc www.durablegirls.com


LA RP


E S. 16  | Artikel

ine Parallelgesellschaft scheint sich wohl gebildet zu haben. Dort vorne steht offensichtlich ein Ork. Glücklicherweise konnte ich einen seriösen Informanten ausfindig machen. Er ist ein Weltraumkapitän und wird uns sicherlich alles berichten, was wir zu wissen begehren …

b-magazin: Mir wurde zugeraunt, dass ich mich auf dem „Drachenfest“ – einem der größten LARPFestivals Deutschlands – befinde. Zuerst einmal: Was bedeuten denn diese vier Buchstaben? Was ist LARP? Kapitän Ohnesorg: LARP ist die Abkürzung für Live-Action-Role-Playing. Es ist ein breit gefächertes Hobby, das mittlerweile von einer recht beachtlichen Zahl an Personen betrieben wird. Um was es beim LARP an sich geht, ist schwer in wenige Sätze zu packen. Wenn ich dazu gezwungen bin, eine kurze Erläuterung zu geben, beschreibe ich es meist als eine Art Impro-Theater ohne Publikum mit selbst ausgedachten Rollen, das meist im Mittelalter oder einer Fantasy-Welt spielt. Wie sind solche LARP-Veranstaltungen generell aufgebaut? Typisch würde ich das Vorhandensein von vier unterschiedlichen Personengruppen nennen. Die Orga, die Spielleitung, die Spieler und die NSCs*. Die Orga zeichnet sich für Organisation und Durchführung einer LARP-Veranstaltung verantwortlich. Sie kümmert sich um den Veranstaltungsort, Requisiten, Anmeldungen, die Hintergrundgeschichte und vieles mehr. Meist werden Zeltplätze, Pfadfinderlager, Waldgrundstücke, Burgen und auch private Gelände für Veranstaltungen genutzt. Die Teilnehmerzahlen können dabei sehr stark variieren. Von einer kleinen Gruppe um die 20 LARPer, zu etwas größeren Veranstaltungen um die 100 und schließlich die großen und bekannten Veranstaltungen mit mehreren tausend Spielern. Während des Events kümmert sich die Spielleitung um den koordinierten Ablauf der Handlung, setzt zuvor gebriefte Rollen, die NSCs, ein, um den Erzählstrang weiter zu spinnen und eine konstante Geschichte aufrechtzuerhalten. Die NSCs werden dabei als eine Art Werkzeug benutzt, schlüpfen immer wieder in unterschiedlichste, von der Spielleitung bestimmte Rollen und interagieren mit den Spielern. Die Spieler selbst stellen ihre selbst gewählten Rollen dar, die jedoch zu Setting und Hintergrund der jeweiligen Veranstaltung passen sollten. Diese Rollen sind Charaktere die oft schon seit Jahren und auf verschiedenen Veranstaltungen gespielt werden, über eine mehr oder weniger ausgearbeitete Hintergrundgeschichte verfügen und sich über die Zeit auch verändern und entwickeln können. Man schließt als sein Charakter Bekanntschaften, findet Freunde, Reisegefährten, oder auch Feinde, erlebt unterschiedliche Szenerien, meist heldenhafte Abenteuer, wie es im Fantasy-Genre oft üblich ist und erlernt neue Fähigkeiten. Bei so vielen unterschiedlichen Menschen und Charakteren muss es dann aber wahrscheinlich auch

* NSC, der; Gängige Abkürzung im LARP-Kosmos für NichtSpielerCharackter.


LARP  |  S. 17 ein ausgeklügeltes Regelwerk geben? Um hier nicht ganze Seiten zu füllen, sagen wir so viel: Es gibt die unterschiedlichsten Regelsysteme und hier herrscht kein genereller Konsens innerhalb der LARP-Szene, die sich aus unterschiedlichen subkulturellen Strömungen zusammensetzt. Manche Systeme sind komplex und füllen Bücher, andere beschränken sich auf wenige Verhaltens- und Darstellungsregeln und lassen ansonsten sehr viele Freiräume. In diesem Punkt zeigt sich stark, es gibt nicht das Hobby LARP, sondern viele verschiedene Unterarten. Welche Details werden denn in komplexen Regelwerken geregelt? Kannst du uns ein gutes Beispiel geben? Es gibt beispielsweise Veranstaltungen, die über ein eigenes Währungssystem verfügen. Es können einfache Darstellungen sein, mit ein paar klimpernden Goldmünzen bis hin zum komplexeren Geldsystem mit In- oder Deflation und verschiedenen Währungseinheiten. Anhand klimpernder Goldmünzen kommt man natürlich schnell zu dem Schluss, dass LARP Veranstaltungen meist im Mittelalter und Fantasy Genre angesiedelt sind. Gibt es denn auch andere Szenerien in denen gespielt werden kann? So ziemlich alles was man sich vorstellen kann. Mittelalter und Fantasy ist natürlich eines der verbreitetsten Genres, wobei sich innerhalb der letzten Jahre auch andere stark etablieren konnten. Beispiele dafür sind Endzeit, SciFi, Steampunk, Jetztzeit oder spezielle historische Themen. Damit jeder in diese Fantasie-Welten eintauchen kann, müssen ja alle eine gute Verkleidung haben. Woher haben die LARPer diese zum Teil sehr aufwendigen Kostüme? Viele Teilnehmer von LARPVeranstaltungen stecken viel Zeit, Kreativität und teils auch eine gute Stange Geld in ihre Kostüme, meist Gewandung genannt. Das Hobby regt viele zum Selbermachen an und führt schnell dazu, dass man sich nach und nach mit einer ganzen Palette an neuen Fähigkeiten, wie Lederbearbeitung, Schneidern oder Metallarbeiten auseinandersetzt. Das Basteln, Zusammenstellen und Sammeln von neuen Materialien ist ein weiterer großer Bestandteil des Hobbys und macht für viele einen der größten Reize aus. Aber nicht jeder wird ja ein solches Talent zum Basteln haben. Sind diese Leute dann außen vor? Es gibt mittlerweile natürlich eine unglaubliche Vielzahl an unterschiedlichen LARP-Händlern und Produzenten. Man kann es sich als Außenstehender vielleicht schwer vorstellen, aber es besteht durchaus ein großer Markt für solche Produkte, der durch die zunehmende Kommerzialisierung noch weiter wächst. Muss ich dann während der Veranstaltung ständig verkleidet und geschminkt sein? So eine LARPTreffen kann ja manchmal Tage dauern. Auf einer

Veranstaltung selbst schmeißt man sich bevor das IT* beginnt in seine Gewandung und behält sie möglichst während der gesamten Dauer an. Es sollten auch keine Gegenstände oder Kleidung mehr aus dem OT** auftauchen. Natürlich lässt sich das nicht immer vermeiden und niemand wird geköpft wenn er mit seinem Kulturbeutel unter dem Arm die Duschen aufsucht. Man versucht einfach, Andere möglichst nicht in ihrem Spiel zu stören und das Smartphone am besten gleich im Zelt zu lassen. Es wäre ja schließlich sehr unangebracht, wenn man gerade im Thronsaal des Großherzogs an einer wichtigen Adelsbesprechung teilnimmt und das Telefon würde anfangen zu klingeln. Das kann sich für einen Außenstehenden einerseits sehr spannend, aber auch befremdlich anhören. Wie kommt man denn zu so einem ungewöhnlichen Hobby und worin liegt der Reiz? Bei vielen ist es sicher die Faszination für fantastische Welten und Wesen. Andere sind begeisterte Schauspieler und gehen total in der Darstellung ihrer Rolle auf. Andere wollten einfach schon immer ritterlich in voller Plattenrüstung Abenteuer erleben. Manche lässt die Arbeit an ihrer Gewandung nicht mehr los und verbringen Stunden und Tage damit, einzelne Kettenglieder für Kettenhemden zusammenzunieten. Ein Grund ist sicherlich auch, gemeinsam und dynamisch eine Geschichte zu erzählen und weiterzuspinnen. Im freien Spiel und der Interaktion mit anderen entstehen oft Spielsituationen, die einem noch jahrelang in Erinnerung bleiben, weil sie einen im Moment so berührt haben, oder einfach unglaublich lustig waren. Stellt das Liverollenspiel dann nicht auch eine Flucht aus dem Alltag dar? Ein weiterer Reiz ist sicher auch, unterschiedliche Situationen ausleben, oder ausprobieren zu können, die im Alltag nicht so stattfinden. Wie fühlt es sich denn an, als Knappe eines Ritters zu dienen, oder selbst einen Knappen unter sich zu haben. Das Spiel mit sozialem Stand, die Möglichkeit in andere Rollen, oder Leben zu schlüpfen, bietet viele spannende Erfahrungen, was nicht zuletzt ein Grund ist, warum Spielprinzipien des Liverollenspiels auch im pädagogischen Kontext, in der Kinder- Jugend- und Erwachsenenbildung, verwendet werden, um unterschiedliche Perspektiven einer Situation zu erleben, oder sich mit Thematiken zu konfrontieren, die einem im Alltag nicht begegnen würden. *

IT, das; Gängige Abkürzung im LARP-Kosmos für InTime. IT bezeichnet die Zeit, in der in der gewählten Spielwelt gespielt wird und in der man seinen Charakter darstellt.

** OT, das; Gängige Abkürzung im LARP-Kosmos für OtTime. OT bezeichnet die reale Welt.


S. 18 | Artikel

LARP Veranstaltungen haben sich in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre etabliert.

Oft wurden und werden Rollenspieler im Allgemeinen mit dieser Alltags- oder oft auch Realitätsflucht stigmatisiert. Hier haben wir vielleicht eine ähnliche Diskussion zu führen wie im Bereich Videospiele. Ich denke, dass es hier keine allgemeingültige Antwort gibt. Das Hobby bietet viele Anreize und Möglichkeiten, sich damit zu beschäftigen und kann damit auch einen großen Teil des Lebens einnehmen. Wobei ich, an der frischen Luft zu sein, handwerkliche Fähigkeiten und soziale Interaktion nicht als bedenklich einstufen würde. Aber gibt es denn überhaupt keine Schwierigkeiten, dass man zu sehr in der Welt versinkt? Manchmal muss man sich und andere Teilnehmer vielleicht daran erinnern, dass das alles nur ein Spiel ist. Wenn bei manchen Szenen das Grusel- oder Bedrohungsgefühl zu groß wird, oder es einfach mal zu hitzig zuging. Dann hilft es mal kurz einen Schritt aus dem Geschehen zu nehmen. Was würde denn passieren, wenn es dazu kommt, dass zwei Rollen sich entscheiden Sex zu haben? Führt man solche oder auch delikatere Sachen dann aus und was passiert, wenn jemandem ein Spielgeschehen dann zu weit geht? Grundlegend wird darauf geachtet, dass nichts ausgespielt wird, das dem Gegenüber extrem unangenehm sein könnte.

Sexualität im Spielgeschehen kann ein Thema auf einer Liverollenspiel-Veranstaltung sein. So gibt es auch Spieler und Spielerinnen, die Rollen im „ältesten Gewerbe der Menschheit“ darstellen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es real zu Geschlechtsverkehr kommt. Das Thema Sexualität im Spiel ist vielleicht eher für erfahrenere Spieler, die in der Lage sind, mit ihrem Gegenüber klar zu kommunizieren, was im Spiel und was real stattfindet. Wenn jemandem eine Spielsituation unangenehm ist, oder zu weit geht kann man jederzeit aus dem Spielgeschehen aussteigen. Entweder man äußert sich mit einer kurzen Anmerkung außerhalb des Spiels zur aktuellen Situation, oder man verkreuzt einfach die Arme vor der Brust, ein allgemein bekanntes Zeichen dafür, dass man sich außerhalb des Spiels befindet. Von außerhalb betrachtet sehen die großen Zusammentreffen aus, als ob man sich in einem „Herr der Ringe“ Film befindet. Gibt es denn dementsprechend Klassensysteme und unterschiedliche Rassen, die sich jeder aussuchen kann? An und für sich kann man spielen, was man möchte und darstellen kann. Ich kann genauso einen Fußsoldaten aus der Armee des Königs, einen Magier, oder einen Rattenfänger spielen. Genauso verhält es sich mit unterschied-


LARP | S. 19

lichen Rassen. Wichtig ist einfach nur immer die Glaubwürdigkeit, mit der ich etwas darstellen kann, damit ich meinen Mitspielern nicht zumute, in mir - mit drei grünen Strichen im Gesicht- einen Ork erkennen zu müssen. Wenn es Magier gibt, dann muss es ja auch Magie und Zauberei in diesen Welten geben. Aber wie funktioniert es so etwas fantasievolles wie Magie darzustellen? Magie ist zum Teil ein großer Spielinhalt und wird meist durch viel Gestikulieren, lautes Intonieren von Zauberformeln und Komponenten wie Räucherwerk, Pyrotechnik und Tüchern dargestellt. Meist existieren eine gute Hand voll verschiedener Zauber in einem System, die man anwenden kann und die mit kurzen Sprachbefehlen innerhalb des Spiels an die Betroffenen des Zaubers kommuniziert werden können. Neben Magie gibt es ja auch noch die ganz klassischen Kämpfe in zum Teil epischen Schlachten. Wie funktioniert denn ein solches Kampfsystem? Von lebenspunktbasierten Systemen, bei denen man auch Rüstungspunkte für einzelne Rüstungsteile erhält bis zu schlicht realistisch auszuspielen gibt es wieder je nach Geschmack und Art der Veranstaltung unterschiedliche Regeln zum Kampf. Gekämpft

wird mit gepolsterten Waffen, die über einen Glasfaserkernstab mit Schaumstoffverkleidung verfügen und mittlerweile sehr realistisch aussehen können. Fernkampf wird durch Geschosse mit Polsteraufsatz simuliert. Kampftechniken und Taktiken sind so vielfältig wie die Kampfsituation und die Spieler, die in diese geraten. Eine Spielergruppe kann sich darauf spezialisiert haben, im dichten Schildwall als Einheit in geschlossener Formation zu kämpfen, während andere einen wilden Haufen darstellen, die um den Feind plänkeln, ausschwärmen, oder als chaotische Bande in den Gegner rennen. Kann es bei diesen Gefechten auch schmerzhaft werden? Es gibt verschiedene allgemeine Regeln, so dass z. B. keine Schläge auf den Kopf oder in empfindliche Weichteile erlaubt sind. Und durch die stark gepolsterten Waffen wird das Verletzungsrisiko zudem minimiert. Bei Schlachten sterben ja auch Charaktere. Kann das auch meinem Charakter passieren, ohne dass ich es will? Es wäre ja blöd, wenn ich nach zwei Stunden aus Versehen ums Leben komme und dann das restliche Wochenende am Rand sitzen muss. Es gibt Situationen die einfach keinen Zweifel daran lassen, ob der Charakter tot ist. Spätestens wenn ein


S. 20 | Artikel


LARP | S. 21 Orkschamane dir den Inhalt deiner Körpermitte vor die Augen legt und dir einen Gnadenstoß mitgibt sollte man sich nicht mehr fragen wie man hier wieder heil rauskommt. Auch wenn man stark verwundet am Wegesrand liegt und die Gefährten seit einer guten Zeit nicht mehr aufgetaucht sind, könnte man mal darüber nachdenken, ob man langsam mal ausgelaufen ist. Hier gilt es auszuspielen anstatt zu gewinnen oder nicht sterben zu wollen. Erstmal muss man sagen, dass ein Charaktertod relativ selten stattfindet, meist nur wenn der Spieler dies auch wünscht. Schwer verwundet, oder zumindest so, dass man effektiv nicht mehr auf dieser Veranstaltung kämpfen kann ist da schon eher der Fall. Sollte es aber dennoch zum Tod des Charakters kommen, kann man eine nette Beerdigungsszene ausspielen. Langjährige Gefährten können ein paar Worte und Tränen vergießen und dann wird man irgendwo verscharrt. Oder man schnappt sich einfach irgendwelche abgerissenen Klamotten die gerade irgendwo rumliegen und spielt den erstbesten Bauern- oder Streunercharakter der einem gerade in den Sinn kommt. Bis zur nächsten Veranstaltung kann man sich dann wieder einen neuen Charakter bauen. Falls jetzt der ein oder andere Blut geleckt hat - wie kann man mitmachen? Nichts einfacher als das. Im Internet gibt es überall in Deutschland meist private LARP-Vereine und Gruppen, bei denen man einfach anfragen kann. Die meisten sind sehr hilfsbereit und freuen sich über Zuwachs, teilen gerne ihr Wissen in allen Bereichen. Wer sich gleich traut, kann auch gleich auf eine Veranstaltung gehen. Für den Fall, dass ich jetzt mit auf die nächste Convention gehe: Gibt es denn Anfängertipps bzw. typische Anfängerfehler? Tipps für den Anfang sind vor allem darauf zu achten, dass das Genre und der Hintergrund der Veranstaltung zu eurer Rolle passen. Frag im Zweifelsfall einfach direkt bei der jeweiligen „Orga“ an. Beginn mit einfachen Charakterkonzepten und simpler Gewandung. Man muss meist erst einmal ein bisschen ausprobieren, um zu sehen was einem liegt. Eine schlichte Hose, eine Oberbekleidung und vor allem vernünftige Schuhe, dazu vielleicht ein bisschen Kleinkram wie Gürtel, eine kleine Tasche, ein Beutel um Dinge aufzubewahren und als Charakter einen einfachen Müllergesellen auf Wanderschaft der Abenteuer erleben will und schon ist man startklar und perfekt ausgestattet für den ersten Con. Wer gleich auf seiner ersten Veranstaltung einen adligen Ritter, oder versierten Magier darstellen will, wird meist eher daran scheitern, oder nicht für voll genommen werden. Damit ist eigentlich schon alles Wichtige gesagt. Sucht euch am besten ein paar Leute, entweder schon erfahrene LARPer, oder Freunde die auch Lust auf das Hobby haben und stürzt euch einfach rein. An sich kommt dann alles schon von allein.

Die LARP Veranstaltung Gathering schaffte es bei einem Event knapp 10.000 Spieler zusammenzubringen. Aufpassen sollte man bei stark stigmatisierten Rollen. Gerade bei Anfängern, sind besonders düster und geheimnisvoll wirkende Meuchelmörder, Assassinen und Ninjaverschnitte beliebt. Diese Charakter funktionieren zwar auf der Leinwand gut, im LARP Kontext sind sie jedoch extrem schwierig darzustellen und wirken schnell lächerlich. Prinzipiell kann man sich ja seinen Charakter also völlig frei aussuchen. Was ist, wenn ich mir jetzt einen völlig overpowerten und mächtigen Charakter ausdenke? An und für sich ist man sehr frei bei der Ausgestaltung seiner Rolle. Vor allem auf großen Veranstaltungen trifft man auf alle möglichen Charakterkonzepte. Der europäische Ritter, der steinzeitlich angehauchten Ureinwohner, oder der Professor für Astrallinienmagie. Grenzen sind einem je nach Regelwerk und durch den gewählten Hintergrund gesetzt. Das Problem mit overpowerten Charakteren besteht jedoch nicht oft, da die Spieler solcher Charaktere an Reaktionen anderer recht schnell merken, dass sie das gemeinsame Spiel stören und auch entsprechend behandelt werden. Es gibt in dieser Subkultur ein recht gut funktionierendes soziales System, dass ganz ohne festgeschriebene Regeln dafür sorgt, dass LARP-Veranstaltungen für alle Beteiligten friedlich, mit viel Freude am Spiel und gemeinschaftlich ablaufen.


BAUCH ENTSCH EIDUNG .


Es ist nicht das starke muskuläre Organ, das rhythmisch, warm, höher schlagend, gebrochen oder transplantiert Massen von Blut in unserem Körper bewegt, durch unsere Venen pumpt und unsere Organe mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt. Es ist nicht das Herz. Es ist nicht jene walnussförmige puddingweiche rosa Masse, die in ihren unansehnlichen Falten und Windungen ein Meer aus hochkomplexen neuronalen Netzen, die Mysterien unseres Denkens, Empfindens und Verhaltens, die Wiege unserer Kreativität und den Spiegel unserer Selbst birgt. Es ist nicht das Gehirn. Es ist nicht das größte und funktionell vielseitigste Organ, Schutzmantel, erste sinnliche Berührung mit der Welt, das durch die leichtesten zartesten Berührungen das Gefühl des angenommen Werdens und der Geborgenheit in uns auslöst. Es ist nicht die Haut. Noch ist es der Daumen, obwohl er uns zum Gebrauch von neuen Werkzeugen befähigt, noch ist es die Lunge oder der Mund.


S. 24  | Artikel

Es ist etwas anderes, das den Mann auszeichnet, ihm seine Schönheit und Würde verleiht und das Recht gibt, mit erhobenem Haupt als Krone der Schöpfung durch die Welt zu schreiten: der Musculus rectus abdominis – der Waschbrettbauch. Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Bauchmuskulatur eigentlich um keine auffallend besondere Muskelgruppe. Natürlich erfüllt sie wie jede andere Muskelgruppe ihren Zweck im Beugen und Strecken des Körpers. Und doch polarisiert sie wie keine zweite. Verantwortlich für den Waschbrettbauch ist der gerade Bauchmuskel. Seinen Ursprung hat der Muskel an den Rippen und dem Brustbein und zieht sich hinunter bis zum Becken. Zusammen mit seinem Antagonisten, dem Musculus erector spinae ist er verantwortlich für das Bewegen von Rumpf beziehungsweise Brustkorb und übernimmt auch Aufgaben bei der Atmung. Der gerade Buchmuskel wird von der Linea alba einmal vertikal gespalten und von horizontalen Sehnen, den Intersectiones tendineae, waagerecht unterteilt. Die Anzahl der Intersectiones tendineae variiert dabei genetisch bei jedem Menschen zwischen keiner und vier Sehnen und hat somit zu Folge, dass manchen Menschen der Sixpack mit seinen klassischen horizontalen Linien verwehrt bleibt.

Doch auch mit den richtigen genetischen Voraussetzungen braucht es ein hartes Training und eine darauf abgestimmte Ernährung, um den Musculus rectus abdominis sichtbar werden zu lassen. Denn dieser Muskeln ist ein scheues Körperteil. Maximal 12 Prozent Fettanteil darf im männlichen Körper vorhanden sein, wobei sich der durchschnittliche Körperfettanteil in Deutschland bei knappen 20 Prozent einpegelt. Das daraus resultierende rare Vorkommen und der steinige Weg zu einem eigenen, macht den Sixpack natürlich zu einem wichtigen Puzzleteil im attraktiven Gesamtbild eines jeden Mannes. Die maskuline Attraktivität zahlt sich aber nicht nur bei der Partnersuche aus. Auch in der Berufswelt ist die Schönheit für den Mann so wichtig wie noch nie geworden. Studien belegen, dass hübsche Männer im Schnitt 15 Prozent mehr Gehalt bekommen als ihre hässlichen Kollegen. Außerdem fallen Gerichtsurteile gegen sie milder aus und sie werden gemeinhin als intelligenter und glaubwürdiger wahrgenommen. Die Gesellschaft

hat augenscheinlich verstanden, dass ein schöner Mann auch automatisch leistungswilliger und besser ist. Und die Tatsache, dass es vom Muscle-Workout hin zum Gehirn-Jogging kein weiter Weg ist, sollte bekannt sein. Doch leider gab es nicht zu jeder Zeit der Geschichte unsere heutigen modernen Erkenntnisse. Es vergingen Jahrtausende bis sich unsere Gesellschaft wieder auf die korrekten Schönheitsideale besann. Aber sie sind keine Neuerfindung der Moderne. Schon in der Antike galt der Körper der durchtrainierten olympischen Athleten als besonders erstrebenswert. So besitzt der Diskuswerfer Diskobolos, eine der bekanntesten antiken Stauten überhaupt, natürlich auch einen Waschbrettbauch. Der nackte athletische, mit Öl eingeriebene Schönheitskult wurde dann leider in den dunklen Jahrhunderten des Mittelalters abgelöst von einem stark religiös inspiriertem, schmucklosen Weltbild, was keine körperlichen Extravaganzen mehr zuließ. Der Mann in der Kunst wird fast schon androgyn mit wallendem blonden Haar und knabenhafter Figur dargestellt. Mit Anbeginn der Renaissance entlud sich die angestaute Zurückhaltung von knapp einem Jahrtausend und mündete schließlich in stark parfümierten und geschminkten Män-


Bauchentscheidung  | S.

nern mit Perücke, die genauso viel Zeit im Badezimmer verbrachten, wie ihre weiblichen Zeitgenossen. Für eine Rückbesinnung auf die wesentliche Schönheit blieb bei diesem modischen Aufplustern und Kaschieren jedoch kein Raum. Die Guillotinen der französischen Revolution setzten diesem Pomp dann letztendlich ein abruptes Ende. Man besann sich wieder auf die körperlichen Ideale der Antike und es galt als unmännlich sich herauszuputzen. Dieser Pragmatismus wurde mit Anbruch der Industrialisierung noch weiter verschärft. Der sachlich, nüchterne Arbeiter war erstrebenswerter als der Feingeist oberflächlicher Schönlinge. Erst zum Ende des 20. Jahrhundert setzt ein Umdenken ein. Der Mann wurde schön. Und der Bauch des schönen Mannes fängt endlich wieder an sich zu wellen. Er bringt den Männern die Flamme der sexuellen Verführungskunst, die lange

nur am Olymp der Weiblichkeit brannte. Egal, wo der gestählte Bauch auftritt, ob am Badestrand, im Fitnesscenter oder auf der Tanzfläche eines Nachtlokals – er lässt Frauenherzen höherschlagen und setzt seine Bewunderinnen in einen willenlosen hypnotischen Bann. Vordenker dieses neuen Männertyps haben uns gezeigt was möglich ist. Koryphäen wie Christiano Ronaldo oder David Beckham präsentieren sich, aber vor allem ihren Bauch in Hochglanz Anzeigen für knappe Unterbekleidung. Und wer sollte es ihnen bei solch einer Ästhetik auch verdenken, wenn derartige Gebilde die Bauchdecke durchstoßen. Stahlhart, wie in Marmor gemeißelt, in absoluter Symmetrie und durch einen Hauch von Öl und Schweiß das Sonnenlicht reflektierend. Wie das Relief einer gewaltigen Bergkette, das sich bei jedem Atemzug durch die Bauch-

decke wölbt. Man könnte noch über viele Stunden hinweg den Waschbrettbauch in samtenen Worten des Ruhms baden und Seiten und Bücher mit Lobesliedern für seine strahlende Schönheit und makellose Ästhetik füllen. Vielleicht würde es ein Bestseller werden, Fifty Shades of Grey von den Nachtkästchen unbefriedigter Familienmütter stoßen und bei der Lektüre in der U-Bahn unzähligen Mädchen als feuchtwarme Fantasie zwischen die Beine kriechen. Aber was hilft es mir letztlich, wenn ich nun einen Waschbrettbauch habe? Wie bringt es mich im Leben voran? Welchen Sinn hat es in einer so komplexen, globalisierten Welt mit einem solchen Bauch durch den Alltag zu schreiten? Und genau hier liegt das Potential für den modernen durchtrainierten Mann. Er kann sich in den Nimbus der Schönen und Reichen einreihen. Er muss heutzutage nicht


S. 26  | Artikel


Bauchentscheidung  |  S. 27


Auf 10 von 12 Coverbildern im Jahr 2015 der Men’s Health waren Männer mit einem Sixpack zu sehen.

S. 28  | Artikel

mehr berühmt sein, um seinen Adoniskörper öffentlich zur Schau stellen zu können. Das Internet hat neue Wege ermöglicht sich im Ruhm der Neider zu sonnen: Wer kennt und liebt sie schließlich nicht, die Oben ohne Selfies in lasziver Pose vor dem Badezimmerspiegel, die nun plötzlich Sinn ergeben. Man wird von der Erkenntnis überflutet, dass die mit Hashtag behafteten Körperkultinszenierungen einen tieferen Wert haben. Und so kann der Mann auch endlich wieder Mann sein und nur durch harte Arbeit – und die entsprechenden genetischen Voraussetzungen – seinen persönlichen und modern inter-

pretierten amerikanischen Traum verwirklichen. Ein Gesicht kann man schließlich operativ verschönern lassen, stramme Waden implantieren lassen, einen perfekten Waschbrettbauch jedoch muss sich jeder selbst erarbeiten. So kann der Mann in unserer zwiespältigen emanzipierten Zeit männlich sein: harte Muskelfassade in einer glatt rasierten eingeölten Verpackung. Er hat seinen Weg gefunden. Denn die Entscheidung, wer wir eigentlich seien wollen, fällt schließlich nicht mehr leicht. Die restlichen Männer versuchen verzweifelt andere, noch nicht erforschte Wege zu beschreiten. Das Angebot an möglichen Lifestyles, Images und Statussymbolen ist groß. Diese Männer stehen jeden Tag aufs Neue vor dem Kleiderschrank der Identitäten und suchen sich eines der Mannsbilder aus, die aktuell auf dem Markt verfügbar sind. Sie schmücken sich mit hippen Frisuren, neuen Handys, teuren Uhren und Designerbrillen, schnellen Autos oder Longboards, ausdrucklosen Gesichtsausdrücken, langen Bärten, trockenem Humor, bedeutungsvollen Tattoos, außergewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen, interkulturellen kosmopolitischen Identitäten, prestigeträchtigen Jobs und Titeln, veganen fair-trade Bio-Produkten, Hashtags und Anglizismen, sexuellen Eroberungen, existentiellen Sinnkrisen, sozialem Engagement und Auslandserfahrungen. Sie wissen einfach nicht mehr, wer sie sein sollen. Sie sind faul und handlungsunfähig geworden. Sie erledigen alles per Mausklick und verstehen es nicht mehr, Dinge mit seinen eigenen Händen herzustellen. Vielleicht haben sie einen Master of Science oder sind eine FIFA-Koryphäe, aber sie sind

völlig talentlos und unfähig, wenn es um essentielle lebenspraktische Angelegenheiten geht. Sie sind verweichlicht und verunsichert oder einfach nur arrogant und versnobt. Diesen Ängsten muss sich der Sixpackträger nicht mehr stellen. Auch wenn es der fanatische Workouter nicht selbst merkt: Er ist ein bodenständiger Asket, der den weltlichen Gelüsten entsagt und sich lieber der spirituellen Genügsamkeit hingibt als der betäubenden Ersatzbefriedigung des maßlosen Konsums. In seiner Schlichtheit und Anspruchslosigkeit ist er ein Genie. Sogar Nietzsche erkannte das und wünschte sich einen Waschbrettbauch. Ferner ist dies keine reine westliche Bewegung. So soll es im indischen Bergdorf Kufri einen Hindutempel geben, in dem erblindete Sadhus – heimatlose, nackte hinduistische Mönche zwischen Wahn und Erleuchtung – unter dem Einfluss von Ganja das Schicksal eines jeden Menschen aus den einzigartigen Wölbungen und Senkungen seines Bauchmuskels zu deuten vermögen. Es sieht wohl so aus, als ob der gerillte Bauch der Schlüssel zum geistesbeherrschenden Übermensch sein wird, wie ihn schon Thorak und Breker Mitte des letzten Jahrhunderts versuchten zu visualisieren. Das höchste Exemplar, das den anderen durch sein Streben nach Größe, seiner Selbstbeherrschung und Selbstentfaltung überlegen ist! Vielleicht ist es aber auch einfach nur eine Mischung aus simpler Unsicherheit, Egozentrik und Langeweile, der junge Männern zum Opfer fallen. Wer weiß das schon so genau …


Bauchentscheidung  | S.


S. 30  | Kolumne

Tolles aus der Videokabine Pirates – Stagnettis Revenge ist der teuerste jemals produzierte Pornofilm. Ein Grund ihn sich einmal anzuschauen.

Im Jahr 2005 wurde „Pirates“ mit einem Budget von einer Million US Dollar zum teuersten Pornofilm aller Zeiten, bis drei Jahre später mit dem Nachfolger „Pirates – Stagnetti’s Revenge“ und einem gigantischen Budget von acht Millionen diese Latte nochmals um ein Vielfaches nach oben gesetzt wurde. Stagnetti’s Revenge baut inhaltlich auf seinem Vorgänger auf und lässt den Piratenjäger Edward Reynolds wieder in See stechen. Als Reynolds erfährt, dass eine Freundin vom jamaikanischen Gouverneur verhaftet wurde, beschließt er, um ihre Begnadigung zu bitten. Diese wird ihm auch unter einer Bedingung gewährt: Er muss vorher noch den fiesen Plan der Piratin Xifeng durchkreuzen, die auf dem Weg ist sich einen Schatz unter den Nagel zu reißen. Auf dieser Abenteuerreise müssen die Helden viele Gefahren und Monster abwenden und werden Zeugen mystischer Vorgänge. Ob der böse Piratenfürst Stagnetti, welcher im ersten Teil bereits besiegt und getötet wurde zurückkehren wird, wie es der Titel vermuten lässt, bleibt bis zuletzt höchst spannend.  Allgemein wird in diesem Seefahrer-Epos den Handlungs- und Action-Szenen mehr als die Hälfte des Spielfilms eingeräumt. Die Handlung bleibt genretypisch seicht, bemüht sich jedoch mittels opulenter Kulissen und zum Teil beeindruckenden Spezialeffekten

eine ordentliche „Fluch der Karibik“-Hommage zu inszenieren. Leider wird man manchmal aus dieser Piratenwelt gerissen, da ein paar Computereffekte, wie z. B. ein riesiger Sandwurm aus heutiger Sicht eher unfreiwillig komisch wirken. Die Schauspieler liefern eine sehr gute Leistung, jedoch kann anhand des Äußeren schnell festgemacht werden bei welchem Darsteller es demnächst zu einer Sexszene kommen wird. Hier hätte man sich ein besseres Casting wünschen können, um mehr Spannung aufzubauen. Die Sexszenen sind handwerklich gut umgesetzt und bieten eine Vielzahl an Konstellationen wie beispielsweise Boy-Girl, Girl-Girl, Dreier, Orgie usw… Schlussendlich bleibt jedoch eine seltsame Mischung zurück. Man folgt der Story mit ihren Gefechten, blutigen Scharmützeln und seichten Gags, die keinerlei erotisches Potential bietet, um dann von einer Sekunde auf die Andere in eine Hardcore-Pornoszene mit Blowjob und Double Penetration zu springen. Der Film will einfach vieles zu gleich sein und schafft es letzten Endes nicht, die Schere zwischen Unterhaltungs- und Erwachsenenkino zu schließen. Und trotzdem vollbringt er es mit seiner noch nie da gewesenen Opulenz und schmuddeligen HollywoodAura ein komplett einzigartiges Filmerlebnis zu erschaffen, welches dank seiner einmaligen finanziellen Voraussetzungen durchaus sehenswert ist.


Tolles aus der Videokabine  | S.

Handlung:

Ausstattung:

Schauspiel:

Humor:

Geilheit:

3, 8


S. 32  | Infografik

Das kleine Verbrecher Einmaleins Kleine Hilfestellungen für alle die ein Gangster werden wollen oder schon ein Gangster sind und ihre Fähigkeiten erweitern wollen. In dieser Ausgabe: Ein Auto kurzschließen.

1

2

SCHRITT EINS: Finde ein passendes Auto und verschaffe dir Zugang in den Innenraum.

SCHRITT ZWEI: Entferne die Abdeckung unterhalb des Lenkrads und verschaffe dir Zugang zu den Kabeln hinter der Zündung.


Das kleine Verbrecher Einmaleins  | S.

3

4

SCHRITT DREI: Nimm die beiden gleichfarbigen Kabel und drehe deren Draht zusammen.

SCHRITT VIER: Nimm dann das Zündkabel und berühre die zusammengedrehten Kabel, bis der Motor startet.

5

SCHRITT FÜNF: Super! Du hast das Auto kurzgeschlossen.


HINTER GLEIS


Ein Blick auf die Armbanduhr genügte, um zu sehen, dass es schon nach elf Uhr war. John hatte sich seine Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen, den Mantelkragen nach oben geschlagen und stapfte mit großen Schritten durch den prasselnden Regen die nächtliche Straße entlang. Er kannte den Weg auswendig, war aber trotzdem sehr wachsam, um nicht in eine der tiefen Wasserlachen auf dem Gehsteig zu treten, die vom Licht der Straßenlaternen nur schwach erleuchtet waren. Der kalte Wind schnitt John durch das Gesicht. Er regnete schon seit Tagen und die Nacht füllte die Welt mit ihrer Schwärze. Es war in den letzten Tagen auch sehr kalt geworden. Der Herbst hatte wohl den Sommer endgültig verdrängt. Johns Gedanken drifteten ab. Er dachte an Catherine. Schon seit Tagen hatte er nichts mehr von ihr gehört. Er machte sich langsam ein wenig Sorgen. Normalerweise hätte sie schon längst ein Telegramm geschickt. Wie er so in Gedanken war, bog John schließlich um die letzte Ecke und sah den hell erleuchteten Bahnhofsvorplatz. John schaute über die Schulter und dann noch mal nach links und rechts. Es war aber niemand zu sehen und John ging seinen Weg weiter. Er ging an der schmuckvollen Wartehalle rechts vorbei, durch die kleine, stets nach Pisse stinkende Unterführung, die nur noch von einer flackernden Leuchtstoffröhre erhellt wurde. Er sah die Gleise und die Bahnsteige, verlassen, von Laternen erleuchtet in der Ferne. Auch sie waren menschenleer. Der letzte Zug musste bereits gefahren sein. Der Wind peitschte den Regen nochmals an und die Tropfen stachen ihm wie kleine Messer auf der Haut. John senkte den Blick auf seine Schuhe und sah zu, dass er sich beeilte. Endlich gelangte John schließlich an eine Tür, die er aufschob und, dem schummrigen Licht folgend, hinein huschte … (Lichtspiele hinter Gleis 12, 1974)


S. 36  | Artikel Wir kennen gigantische Kinotempel und kleine Kinos. Wir schauen Hollywood Blockbuster und Independent Dokumentationen, streamen bei Netflix und Kinox.to, aber der Bahnhof als Ort des Films verschwindet langsam aus unseren Köpfen. Die großen Zeiten der Bahnhofkinos sind heute vorbei. Bis in die 80er Jahre waren die Lichtspielhäuser in den Hauptbahnhöfen der westdeutschen Großstädte ein fester Bestandteil des Stadtbildes. Angefangen hatte es mit den AKIs (Aktualitätenkino) und BALIs (Bahnhofslichtspiele) Anfang der 50er Jahre. Die Fahrpläne der Züge waren zu dieser Zeit noch nicht so eng getaktet und es konnte leicht zu zermürbenden Wartezeiten kommen. Als nach dem zweiten Weltkrieg die zerstörten Bahnhöfe wieder aufgebaut wurden, kam man also zu der Idee in den Wartehallen der Großstädte auch kleine Kinosäle zu errichten, in denen sich die Wartenden unterhalten lassen konnten. Die AktualitätenKino Betreiber Gesellschaft bekam letztlich den alleinigen Zuschlag für den Betrieb der Kinos. Wohl auch, weil sie den Ausbau der Räume auf eigene Kosten anbot. Das Geschäftsmodell ging zunächst wunderbar auf. Nach dem Vorbild von Bahnhofkinos in Großbritannien und den Vereinigten Staaten wurde ein Programm entwickelt, das sich alle 50 Minuten in einer Endlosschleife wiederholte. Es war darauf ausgerichtet, dass man zu jeder Zeit den Kinosaal verlassen konnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Es wurden aktuelle Nachrichten, Cartoons und Reiseberichte gezeigt. Für nur 50 Pfennig könnte man sich die Wartezeit auf den nächsten Zug verkürzen. Damit man seinen Anschlusszug auch nicht verpasste, gab es meist auch eine Uhr und eine Tafel mit den Zugverbindungen und -verspätungen.

Tracy hatte ihr temporäre Unterkunft das Bahnhofkino - durch den Hinterausgang verlassen. Sie würde Ricky später noch danken müssen, aber erst mal ging es darum, ungesehen zum Industriepark zu kommen. Es war schon 4 Uhr! Sie hatte nur noch eine knappe Stunde. Die Sonne reflektierte sich in ihren immer blank geputzten, schwarzen Cowboystiefeln. Die wilde Haarpracht hatte sie unter einer Mütze gesteckt und ihr blaues Auge kaschierte sie mit einer dunklen Sonnenbrille. Als sie durch die Gassen hetzte, bemerkte sie auf einmal, wie ein dunkler Chevy ihr folgte. Sie tauschte flink die Straßenseite und bog geschmeidig in die nächste Straße. Tracy stoppte abrupt und riss ihre Augen auf. Vor ihr, in einem dunklen Anzug, stand Bob. Links und rechts von ihm hatten sich seine Schergen, mit Baseballknüppeln und Eisenketten in den Händen, aufgebaut. Tracy tastete nach ihrem Colt. Doch dort, wo die Waffe sein sollte, war nichts. Mist! Sie hatte die Waffe bei Ricky gelassen. Sie spannte ihre Fäuste an und funkelte Bob finster an, als sie auf sie zu rannte … (Die Löwin von Louisiana, 1976)


Lichtspiele hinter Artikel Gleis03  12  |  S. 37


S. 38 | Artikel


Lichtspiele hinter Gleis 12  | S.

Die Sonne schien nun mittlerweile durch die halb heruntergefahrenen Jalousien. Sue kuschelte sich wieder an Georges haariger Brust. George konnte immer noch nicht glauben, was letzte Nacht geschehen war. Aber ein Blick auf Sues runde Brüste genügte, um ihm die letzte Nacht wieder vor sein inneres Auge zu führen. Marry war anscheinend schon in der Früh gegangen und so erinnerte ihn nur noch der zarte Geruch ihres Parfüms an ihre Anwesenheit. George hätte heute eigentlich bei Pater Walter vorbei sehen sollen. Sie wollten eine Hochzeit für nächste Woche planen, aber das müsste wohl bis morgen warten. Sue schlug ihre Augen auf und grinste ihn feixend an. Er strich ihr über die Wange und küsste sie zärtlich. Langsam wanderten seine Hände, den Kurven ihres Körpers folgend, nach unten. Sue spürte, wie er mit seinen Fingern durch ihre Schamhaare fuhr und ein wohltuender Schauer lief ihr den Rücken herab. Es würde wohl noch etwas dauern, bis die beiden das Bett verlassen würden … (Die nackte Wahrheit über Kaplan George, 1974)

Das Geschäftsmodell der Bahnhoflichtspielhäuser brach jedoch nach und nach in den 1960er Jahren ein, da der Fernseher in den bundesdeutschen Haushalten Einzug hielt. Die Leute konnten Nachrichten nun auch von Zuhause aus an ihrem Bildschirm verfolgen. Dies führte dazu, dass die Kinos ihr Programm sukzessive umstellten und mehr Kurzkrimis und Kulturfilme zeigten. Als schließlich auch die Kurzfilme nicht mehr genug Profit abwarfen, orientierte man sich Anfang der 70er Jahre an den normalen Kinos und setzte auf lange Spielfilme. Da die AKIs mit ihrer schlichten, unglamourösen Ausstattung nicht mit den etablierten Kinos konkurrieren konnten, setzte man stattdessen auf eine Filmauswahl, die aus moralischen, ethischen, qualitativen oder anderen Gesichtspunkten sonst nirgends gezeigt wurden. Das Absurditätenkino beinhaltete Action und Gewaltfilme, Western, Horrorstreifen, Hongkong-Filme und Softerotik. Mit der konstant verschlechterten Qualität der Filme verschlimmerte sich auch der Ruf der nun sogenannten "Schmuddelkinos". Die Filme wurden in der Regel billig eingekauft und alle zwei Tage ausgewechselt. Im Zuge der sexuellen Revolution erschienen nun auch Aufklärungsfilme wie von Oswalt Kolle oder 1970 die bis heute erfolgreichste deutsche Kinoserie: der Schulmädchen Report – eine pseudowissenschaftliche Interview-Reihe, die in zwölf Teilen von der Sexualität zwölf junger Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren handelt. Diese Filmreihe war ein solcher Erfolg, da dieses Thema zuvor in der breiten Öffentlichkeit ein komplettes Tabu gewesen war. Das Erfolgsmodell wurde danach auch versucht auf andere Themen auszudehnen und so entstanden auch Filme, wie der Hausfrauenoder Tanzstunden-Report. Als dann ab 1975 die Freigabe von Pornografie in Westdeutschland erlaubt wurde, nahm dies den Report-Filmen den Wind aus den Segeln.


S. 40  40 | Artikel | Editorial


Lichtspiele hinter Gleis 12  |  S. 41

Peter hatte Claire mittlerweile fest an der Hand genommen und beide rannten um ihr Leben durch das dichte Dickicht des Sumpfes. Der Schweiß rann ihnen den Körper herunter. Beide bekamen das Bild nicht aus dem Kopf, wie Richard einfach so vor ihnen geköpft wurde. Obwohl beide außer Atem waren, konnte Claire nicht aufhören zu schluchzen. Zum Glück hatte es Angelica am Mittag geschafft, den alten Jeep kurzzuschließen, um Hilfe zu holen. Bald würde die Rettung eintreffen. Das Gestrüpp schlug ihnen ins Gesicht. Plötzlich hörten sie wieder das Geräusch der wetzenden Klingen. Sie kauerten sich in einen Busch. Durch die Blätter erkannte Peter die dunkelgrünen Gummistiefel mit den Blutspritzern, die nun nur noch einen halben Meter entfernt von ihnen, durch den Schlamm stapften. Die Schritte stoppten. Peters Körper spannte sich an. Bereit um wegzulaufen. Doch dann lief die Kreatur weiter und mit ihr das metallische Schaben. Peter und Claire robbten sich nach hinten durch das Gebüsch hinaus. Sie drehten sich um und sahen, dass sie nun auf einer Lichtung standen, in dessen Mitte ein Baum stand. An diesem Baum hing der nackte, tote Körper von Angelica und an den Beinen hatten die Krokodile schon angefangen das Fleisch herunterzureißen … (Crocodile Cannibals, 1974)

Anfang der 80er Jahre erschien eine erneute Hiobsbotschaft für die Bahnhofskino-Branche. Die Videokassette wurde immer populärer. Und damit ergaben sich plötzlich für den AKI-Kunden ganz neue Möglichkeiten. Er konnte sich seine Schmuddelfilme nun ganz bequem in der Videothek ausleihen. Auch die Idee, das Programm auf Hardcore-Pornografie und extreme Splatter-Horrorfilme umzustellen, half den Kinos letztendlich nicht. Nach und nach mussten die Betreiber die Säle schließen. Der Deutschen Bahn kam dies natürlich sehr gelegen, da die versifften Lichtspielhäuser nicht mehr in das saubere und moderne Konzept der Hauptbahnhöfe passten. So kam es, dass in den 1990er Jahren nahezu alle AKIs und BALIs ihren Dienst einstellten und somit die Ära des Bahnhofkinos beendeten. Erst Jahre später rücken die Ästhetik und der Stil dieser Filmepoche langsam in das Bewusstsein der Menschen. Filme wie Ich – Ein Groupie (1970), Blutiger Freitag (1972), Blutgericht in Texas (1974), Nackt und zerfleischt (1980) oder Coffy – die Raubkatze (1973) sind heute ein paar der Klassiker, die dieses Genres auszeichnen. Regisseure wie Quentin Tarantino liefern auch einen entscheidenden Teil daran, dass der Stil des B-Movies nicht in Vergessenheit gerät. Fast ein halbes Jahrhundert haben die westdeutschen Bahnhofkinos die Filmlandschaft geprägt. Angefangen als harmloser Zeitvertreib, entwickelte sie sich zu verruchten Ecken der Bahnhöfe, bis sie schließlich ganz verschwanden. Trotz ihres Images als unzüchtige Orte sollten sie nicht in Vergessenheit geraten …


S. 42  | Kolumne

ProduktHinweise Michaela

Eine Auflistung von Kommentaren auf der Website des Bordells "Flat-99 – Nur zu Hause ist es Günstiger !!!". Die Kommentare wurden auf den Unterseiten der Girls von den WebsiteNutzern hinterlassen.*

Carmen

Gepostet von: Michael Mittwoch, 17.12.2014 — 14:51

Gepostet von: Emil Samstag, 12.07.2014 ­— 05:46

„Sehr erotische Frau mit einer magischen Ausstrahlung. Ein Service der keine Wünsche offen lässt. Eine absolute Augenweide ist Sie dazu auch noch. Was willst Du mehr ??? Sie lässt Dich schweben in jeder Lebenslage ;) wenn Du Sie auch schweben lässt, Sie mit Respekt, Anstand und gut behandelst.

„Carmen ist eine lebensfrohe Dame die, die mit viel Spaß bei der Sache ist, mit Ihren Reitkünsten hat sie mich fast um den Verstand gebracht, Achtung Männer Wiederholungsgefahr!“

Danke Dir für alles !!! Der geoutete Elena Fan“

„Carmen hat ein tolles lächeln ist mega gut drauf und sieht in Wirklichkeit viel besser aus, als auf den aktuellen Fotos. Mit ihr kann man sich auch schon ganz gut auf deutsch unterhalten, so dass man auch erst mal ein paar Worte wechseln kann. Auf dem Zimmer hält Carmen alles was sie verspricht; klasse Körper und klasse Technik... Die halbe Stunde gestern hat richtig Spass gemacht und wird auf jeden Fall wiederholt; ein klarer Tip!!“

Gepostet von: michi Mittwoch, 21.01.2015 — 12:31 „supersahneschnitte“

Nicole Gepostet von: Valev Sonntag, 08.03.2015 — 05:13

Gepostet von: Player Hamburg Donnerstag, 25.06.2015 ­— 12:17

„Machst du es auch mit leuten, die sowas zum ersten mal machen ?“

Gepostet von: micha Freitag, 21.11.2014 – 03:03 „Hallo Kim,Natursekt also! Ja, Frauen austrinken hab ich schon geuebt. Macht mich unheimlich an. Und was bei Euch das Tollste ist: man kann erst auf dem Sofa sitzen, kloenen und so, bis die Blase ganz voll ist. Dann kanns losgehen!! Supergeil. L. G. M.“

Gepostet von: Thomas Dienstag, 05.08.2014 — 10:45

„Hi.du hast schön arsch.“

Gepostet von: Lenny Dienstag, 02.06.2015 — 20:44

Kim

„Darf man dort auch ohne Kondom Ficken ?“

Gepostet von: hamburgerjunge Montag, 24.11.2014 — 19:38 „Der Sex mit ihr wahr Weltklasse. Sie hat alles mitgemacht die gerne mal die führungs Position übernommen. Und vom Blowjob wwolen wir garnicht erst anfangen der war mehr als nur geil.“

Vicki Gepostet von: michael. Freitag, 09.05.2014 — 21:17 „Halloli! Was ist spanisch natur????? War ja neulich bei Euch. Hats gebrannt ineinem Eurer Zimmer? Hab sowas gehoert. Ich mag ja auch natursekt. Icvh wuerde auch gleich 2 von Euch austrinken. Man soll am Tag immer genug trinken!!! Gruess! Michael.“


Produkt-Hinweise  | S.

Milena Gepostet von: Hamburger Jung Sonntag, 15.06.2014 — 00:30 „Nettes Girl, sie ist skinny, leider versteht sie kaum englisch oder deutsch. macht gut mit.. das alter koennte stimmen.“ […] (Website-Angabe: 18 Jahre; Anm. d. Red.)

Gepostet von: Hans Donnerstag, 26.06.2014 — 15:57

* Alle Kommentare wurden im exakten Wortlaut übernommen. | Quelle: www.flat-99.de; [Stand 20.07.2015]

„Also ich habe mich mit ihr gut unterhalten können auf deutsch....sie geht richtig ab, sehr biegsam die kleine und versaut.. als ich nach dem duschen ins Zimmer kam/ lag sie mit weit offenen beinen und sagte , da bist du ja mein süßer“

Gepostet von: Emil Samstag, 12.07.2014 ­— 05:38 „Diese Frau ist der Hammer, ich habe lange auf sie warten müssen, weil sie wohl sehr begehrt war an diesem Abend, aber davon hat sich jede Minute gelohnt, denn sie geht ab wie nichts Gutes und erfüllt einem fast alle Wünsche, erst zusammen geduscht und dann ging die Post ab bis zum krönenden Abschluss , Suchtgefahr!“

Gepostet von: Sanso Dienstag, 30.12.2014 — 08:43 „[…] Habe mich dann eine Stunde lang mit ihr vergnügt und was mir dazu sehr gefiel, das sie sagte das sie zwischendurch gerne geleckt werden möchte. Das finde ich persönlich gut, wenn auch von ihr ein Wunsch kommt, das vermittelt dann das Gefühl von Gegenseitigkeit. Es hat sehr viel Spass gemacht mit

ihr und wenn ich mal wieder zu besuch sein sollte, dann würde ich sie sofort und ohne zögern wieder nehmen…. Ein tolles Girl, super schlanke,sexy Figur, sehr süsse OW und auch sonst einfach gigantisch…“

Victoria Gepostet von: Achmed Freitag, 05/12/2014 — 10:28 „Hi! Guten Morgen... Du bist richtig mein Typ... Danke für die wundervolle Zeit heute... Falls du noch weisst wer ich bin, hab ich mich nicht geirrt... Kuss... Schlaf schön“

Gepostet von: spankie Donnerstag, 04.12.2014 — 11:39 „…hmmm? … also, Dir würd ich schon ganz gern mal den Arsch weit aufreissen :) …du bist bestimmt versaut genug…und danach schön in dein hübsches Gesicht Spritzen... …oh yeah…da krieg ich glatt n Ständer beim Schreiben...ich mach mich dann mal auf den Weg :-) !!!“

Gepostet von: Mario Mittwoch, 11.06.2014 — 02:00 „Ist super anzusehen, hat aber null Plan wie man (Frau) mit einem beschnittenen Penis umgehen kann und muss. Hier ist noch ne spezielle Ausbildung von Nöten.“

Adriana Gepostet von: Michael Freitag, 19.06.2015 — 14:41 „WOW endlich mal eine Frau mit einem Körper für vollen Spass.

Eine echte Bereicherung für den Club. 180cm geballte Sinnlichkeit mit sehr guten FN , aufregenden Küssen und viel Leidenschaft. Bei Ihr bekommt der Ausdruck auf Tauchstation eine ganz neue Dimension. Wer Angst vorm Ertrinken hat sollte nicht versuchen von Ihrem Nektar zu naschen. Aber nur wenn Mann es richtig anstellt. Eine Frau für Männer nicht für Jungs !!! Habe eine neue Stammfrau im Club. Danke das Du da bist !!!!“

Melissa Gepostet von: wonderman Montag, 22.09.2014 — 16:46 „Melissa ist sehr lieb und sehr erotisch. Leider ist nur keine Verständigung mit ihr möglich.“

Gepostet von: Rudiralala Mittwoch, 07.01.2015 — 15:22 „Sehr hübsches Mädchen . Sehr erotisch und auch leicht devot. Hatte sehr viel Spaß mit ihr und das gleich einen halben Tag lang.“

Gepostet von: tester Montag, 09.03.2015 — 22:06 „mal die flat99 regeln lessen und dann auch befolgen z.B. FN und spanisch sollte im Preis enthalten sein. Nur scheint Melissa das nicht zu wissen und zu befolgen“

Shirin Gepostet von: Oliver Samstag, 06.06.2015 — 22:36 „Ich liebe sie ! Ich hatte mit ihr ein fühl Samen Arnal Sex ihre Titten sind der Hammer ! Lecker schmecker“


S. 44  | Kolumne


Press Start  |  S. 45

Spiele­­spanner

Press Start – Die Gaming Kolumne

Kennt ihr das nicht auch, diese Neugier, herauszufinden wie andere es machen? Diesen Thrill unbeobachtet zu beobachten? Mal ganz Konsument zu sein? Den ganzen Tag über wird man gefordert, steht unter Druck, muss Leistung bringen. Im Job muss man anpacken, beim Gemeinderat soll man sich einbringen und abends muss man auch noch Gäste bespaßen. Da gibt es doch nichts schöneres mal unbeteiligt zu sein, der unsichtbare Dritte. Natürlich, anfangs schämt man sich dafür, aber es gibt einfach nichts Besseres um Druck abzubauen. Einfach den Rechner an, kurz einen passenden Stream gesucht und dann Hände in die Hosentaschen. Ihr ahnt es schon, ich spreche von Let‘s Plays. Früher hat man noch selbst herumgespielt, aber ich bin längst aufs Zuschauen gekommen. Seit angem schon verbringe ich wesentlich mehr Zeit damit zuzusehen, als selbst Hand anzulegen. Das hat eine ganze Reihe von Gründen: Die Menge der monatlich erscheinenden Spiele ist mittlerweile so groß, dass es unmöglich ist, sie alle zu kaufen, geschweige denn auszuprobieren. Damals, unvernünftig und arm, wie man war, hätte man die Spiele heimlich getorrentet oder sich eine Demo heruntergeladen, heute macht man sich in einem Let‘s Play eine Meinung. Andere Spiele erscheinen nur auf Konsole und stehen mir als PC-Anhänger gar nicht erst zur Verfügung. Aber vielleicht am entscheidendsten ist: So lässt sich jedes Spiel passiv konsumieren, genau wie ein Film oder eine Fernsehserie. Manchmal ist es eben angenehm, auf das eigentliche Alleinstellungsmerkmal des Videospiels zu verzichten, und die Interaktivität der Bequemlichkeit zu opfern. Ich verliere die Einflussnahme und Entscheidungsfähigkeit und befreie mich dafür von dem Aufwand und der Kozentration die diese kosten. Man lehnt sich zurück, und lässt andere machen. Diese anderen haben dann die Kontrolle, aber auch die Arbeit. Verführerisch nicht wahr? Für den vollkommenen Genuss sollten diese Content Creator oder „Streamer“ eine der drei folgenden Eigen-

schaften mit sich bringen: Sie sollten unterhaltsam sein, möglichst auf eine unbeschwert natürliche Art. Sie sollten sich sehr genau mit dem jeweiligen Spiel auskennen, oder es besonders gut beherrschen. Und zuletzt sollten sie Begeisterung für das Spiel haben. Wer alle drei Eigenschaften vereint ist natürlich besonders qualifiziert. Beispielhaft für einen solchen Streamer / Content Creator ist der Youtuber EpicNamBro oder ENB. Seine Videoserien zu den Spielen der Souls-Serie des japanischen Entwicklers FromSoftware erfüllen alle diese Kriterien. Vor allem die echte Leidenschaft die ENB für diese Spielewelt aufbringt macht seine Videos für jeden Liebhaber zum Genuss. Ich persönlich empfehle seinen Bloodborne-Playthrough. Geeignet zum Zuschauen sind natürlich besonders cineastische Spiele wie etwa The Last of Us, oder atmosphärische wie S.T.A.L.K.E.R. Aber manche bieten sich auch wegen ihrer meditativen Natur an, wie zum Beispiel Hearthstone, das man schier endlos nebenher plätschern lassen kann. Dazu kommen E-Sportsevents und der genüssliche Einblick in Neuerscheinungen. Die unumgängliche Plattform für das alles ist die Gaming-Streamsseite Twitch.tv. Meiner Meinung nach nicht weniger als ein Ausblick auf zukünftige Formen des Fernsehens – wohl auch Amazons Sicht, das die Plattform 2014 für 970 Millionen US-Dollar erwarb. Ob ich also wissen will, wie das neue Battlefield 1 aussieht, oder ich mich stundenlang von Civilizationmatches berieseln lassen will, ob ich mir von den Pros in Heroes of the Storm etwas abschauen möchte, oder etwas Thief -Nostalgie erleben will, es gilt: schauen statt spielen! Ob es nun Geiz, Faulheit oder Voyeurismus ist, oder einfach nur das entspannte Genießen, was mich und Millionen andere in die Passivität drängt und uns zu konsumierenden BackseatGamern macht, es ist längst fester Bestandteil der Branche und aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Ich sage also: tretet heraus aus dem Abseits der Beschämung und schreit es mit mir heraus – Ja, ich schaue lieber nur zu!


S. 46  | Kolumne

MANIFESTE des Alltags Allgemeingültige Thesen, die umfassende Gültigkeit im Alltag haben. In dieser Ausgabe: Eine neue Studie hat den Fußball entschlüsselt! Der Fußball lebt von seinen mannigfaltigen FanFreund- und Feindschaften. Diese scheinen willkürlich entstanden zu sein oder berufen sich auf suspekte Vorurteile. Was viele jedoch nicht wissen: In der Bewertung von Sympathie der Vereine gibt es eine klare Systematik. Die Kombination aus Blau und Weiß spielt dabei die entscheidende Rolle. Aus einer Vielzahl von Faktoren hat sich eine Grundmaxime herauskristallisiert. Fußballvereine, die in der öffentlichen Wahrnehmung als blau-weiß angesehen werden wie z. B. Schalke 04 oder 1860 München, sind grundsätzlich unsympathisch. Die exakte Berechnung dieser komplexen und universal gültigen Gleichung würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Jedoch reicht auch schon ein schneller Blick auf die Bundesliga, um dies für den Laien erkennbar zu machen. Durchschnittlich erzielt eine Mannschaft in der ersten deutschen Liga 1,65 Tore pro Spiel. Da blau-weiße Clubs aber ein sehr unansehnliches Spiel betreiben, schießen sie nur magere 1,43 Tore pro Spiel. Auch beim Unentschieden, dem langweiligsten Spielausgang, insbesondere dem 0:0, liegen die blau-weißen mit 25 % deutlich vor dem Rest der Liga mit 18 %. Und auch im Detail setzt sich dieses Prinzip exemplarisch fort.

So gelang es dem Hamburger Sportverein erst am 28. September 2014 nach entsetzlichen 507 Spielminuten, sein erstes Tor zu erzielen. Da verwundert es kaum, dass dieser Negativrekord vorher vom VfL Bochum verteidigt wurde. Aber das ist nicht der einzige Hinweis auf grauenhaftes Spiel. So verlor der MSV Duisburg historische 15 Partien in Folge. Und dass der legendäre Negativrekordhalter Tasmania Berlin in Blau-Weiß auflief, überrascht wohl niemanden mehr. Natürlich ist es nicht schlecht oder unsympathisch, wenn eine Mannschaft verliert. Das Problem liegt an der mangelnden und schlecht in Zahlen zu packenden spielerischen Geschmacklosigkeit, wofür diese Statistiken nur ein Hinweis sein können. Hochproblematisch ist, dass sich diese Geschmacklosigkeit auch im Charakter des Blau-Weiß-Sympathisanten niederschlägt. So ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für einen HSV-Fan das Opfer von schwerer Hybris und Realitätsverlust zu werden um das 32-fache höher, als für den im selben Testgebiet beheimateten St-Pauli-Fan. Zusammenfassend ist deshalb dringendst zu raten, sich von blau-weißen Fußballvereinen und derer Anhängerschaft fernzuhalten! Die kohärente Antipathie ist einfach zu groß.


Manifeste des Alltags  |  S. 47


S. 48  | Impressum

Anregungen zum gesellschaftlichen Verständnis Wissen Sie, ich hasse Menschen. Nicht alle, aber dann doch so viele, dass diese Aussage wohl zutreffend ist. Wenn Sie sich nun fragen, was ich an den Menschen hasse, kann ich ihnen nur sagen, dass es dafür sehr viele Gründe gibt. Zum einen wäre da der ständige egoistische Individualismus. Nie wird nach links oder rechts gesehen, die Sonne hat sich immer um einen selbst zu drehen. Man braucht die neueste Mode, um individuell zu sein, aber sieht dabei automatisch aus wie jeder andere Vollidiot auch! Und es ist ihnen scheißegal, dass ein 7-jähriger Junge in Bangladesch die neue Zehn-Euro-FashionJeans zusammennäht. Man könnte meinen, dass heutzutage einfach jeder ein Individualist sein muss und daran möchte ich schlichtweg nicht teilnehmen! Es macht ja nicht mal vor übergeordneten Instanzen halt. Russland möchte seinen Einfluss hier und dort stärken, die USA auch, und China sowieso. Nur Europa schafft es nicht mitzuhalten, da innerhalb der Union einzelne Staaten auf ihren individuellen Werten festhalten und nicht an das große Ganze denken können. Es ist zum aus der Haut fahren! Sie müssen verstehen, dass sich beim Sinnieren über derartige Situationen meine Gedankenwelt meist ein klein wenig verfinstert. Manch einer würde nun anmerken, dass man so etwas Düsteres nicht denken dürfte, geschweige denn sagen. Aber so ist es nun einmal! Ich könnte jeden einzelnen verschissenen Individualisten auf den Mond schießen! Jeden Einzelnen so lange mit dem Kopf gegen die Wand klatschen, bis sich eine homogene gesellschaftliche Masse bildet! Kein Individualismus mehr zu sehen.

Impressum

Aber dafür bräuchte man dann wohl Superkräfte, oder zumindest eine Superwaffe. Doch mit der Züchtigung eines einzelnen Egoisten wäre es ja nicht getan. Es sind Staaten, Kontinente, ja die ganze Welt. Man bräuchte eine intergalaktische Waffe. Einen Todesstern der Vernunft und des Anstandes. Als Vorlage wäre es am sinnvollsten, wenn Sie sich den einzigen fertiggestellten Todesstern des Star-Wars-Universums vorstellen. Die mobile interstellare Raum-Kampfstation des Galaktischen Imperiums hat die Größe und das Aussehen eines kleinen Mondes, 120 km im Durchmesser, die Hülle aus kaltem, dunkel grauem Quadanium-Stahl, gefurcht von meridianischen Gräben. In der Nordhalbkugel prangt der charakteristische Krater, die zyklopische Fokuslinse des Kompositstrahl-Superlasers. Seinen Namen verdankt der Todesstern seiner ungeheuren Zerstörungskraft, die uns beispielhaft anhand der vollkommenen Vernichtung des Planeten Alderaans demonstriert wird. Eine wahrhaftige Ingenieurs-Meisterleistung! Sie müssen verstehen: Der Todesstern ist eine propagandistische Waffe, das Sinnbild der Tarkin-Doktrin, jener militärpolitischen Agenda, die Beherrschung durch Einschüchterung zum Kern hat. Da die Unterhaltung einer ausreichend großen Flotte, die die gesamte Galaxie kontrollieren könnte, nicht bezahlbar wäre, setzt das Imperium, also auch aus ökonomischen Gründen, auf eine zentralisierte, potenzielle Schlagkraft. Hier spiegelt die Form die Funktion wieder, die Macht geballt in einer Kampfstation – form follows function. Ein revolutionärer Geniestreich zur Erziehung eines ganzen Universums! Die Androhung der Zerstörung eines gesamten Planeten soll dessen Bevölkerung in Schach halten. Makrostatt Mikromanagement also. Problematisch wird es natürlich, wenn eine solche Superwaffe in die Hände

b magazin Ausgabe Zwei Herausgeber

Externe Illustration

Daniel Beintner

LARP | Zeichnungen

Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Ab-

Benedikt Frommer

bildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb

Externe Autoren

der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der Zustimmung des

LARP

Lektorat

Benedikt Frommer

Fabian Kulse

Herausgebers. Besonderer Dank an

Bauchentscheidung Anisa Schlichtling

Druck

Wiebke Liefländer, Karl Dechert, Florian Mötschel,

Press Start

Rema-Print-Littera

Malte Clement, Amelie Prinz, Johannes Leithmayer, Christoph Bertsch,

Karl Dechert

Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H

Fabian Kulse, Maria Hack


Anregungen zum gesellschaftlichen Verständnis  | S.

von Unfähigen gelangt. Schlimmstenfalls in die von Individualisten! In so einem Fall wären Sie und ich dann gezwungen, sich unter keinen Umständen einer solchen stumpfen Gewaltandrohung zu beugen! Es ist ja auch doch ein durchaus ethisch fragwürdiges Konzept, was ja in unserer filmischen Referenz am Ende glücklicherweise zum Scheitern verurteilt ist. Denn das Winzige, das Individuelle triumphiert, entschlüpft der Kontrolle der oppressiven Macht. Kyle Katarn, ein einziger Mann, stiehlt die Pläne des Todessterns, sie gelangen in die Hände der Rebellen und der Rest ist Geschichte: Luke Skywalker jagt das imperiale Prestigeprojekt mit nur einem winzigen Protonentorpedo aus seinem winzigen X-Wing durch den winzigen Lüftungsschacht in die Luft! Geschehnisse, die bekannt vorkommen. 1941 schickt Hitler die Bismarck, das weltweit größte Schlachtschiff in See, der Stolz der deutschen Marine, kanonenstarrend und unsinkbar, soll im Atlantik für Angst und Schrecken sorgen. Drei Tage später ist sie versenkt, entscheidend getroffen von einem einzigen

Torpedo. Das faschistoide Streben nach Größe, das Erschaffen eines Titans als martialischer Ausdruck der Herrschaft wird beides Mal zum leicht verwundbaren Goliath. Doch für kurze Zeit ist der Albtraum real – die Superwaffe in der Hand des egozentrischen Unrechtsregimes. Der achtfach gebündelte Superlaser ist das Sinnbild der Kollateralisierung des Krieges. Mit schwarzen Henkersmasken verhüllte Richtschützen feuern ihr interstellares Avada-Kedavra auf den Planeten der Aufständischen. Alderaan wird ein galaktisches Hiroshima. Was für eine Überreaktion! Solche Gräuel, hervorgerufen aus den Gedanken der Gleichschaltung, des stumpfen Befehlsgehorsams! Begreifen Sie? Dem gemeinschaftlichen Wegsehen muss um alles in der Welt entgegengetreten werden. Sie müssen endlich Ihren Kopf anschalten und sich nicht wie ein Zombie an Ihrem Nebenmann orientieren. Ansonsten geht wegen Ihnen noch die Welt unter! Haben Sie es jetzt mal verstanden, oder rede ich etwa rückwärts? Endlich, das wurde aber auch Zeit …

Das war das b magazin. Hoffentlich bis zum nächsten Mal.


S. 50  | Editorial

© b - m a g a z i n 2 0 1 6/17 D e n n Li e b e s c h reib t m a n m it b.

© b -magazin 2 015 — P rovo katio n bereits einkalku lier t


tätinözsbO & znerapsnarT red negnalrE sad — noissiM red leiZ etfahnerhe saD„ tätinözsbO nelatot red slettim driw — znerapsnarT nelatot “.tkriwre dnehegtsetiew hcrudnih tsbles hcis hcrud :ebeiL rednessafmulla nI

z n e r a p s n a rT e l a toT . tä ti n öz s b O e l a to t h c r u d


S. 52  | Editorial

Transparenz & Obszönität „Das ehrenhafte Ziel der Mission — das Erlangen der totalen Transparenz — wird mittels der totalen Obszönität durch sich selbst hindurch weitestgehend erwirkt.“ In allumfassender Liebe:

© b - m a g a z i n 2 0 1 6/17 D e n n Li e b e s c h reib t m a n m it b.

Totale Transparenz durch totale Obszönität.

© b -magazin 2 015 — P rovo katio n bereits einkalku lier t

b magazin  

Das b magazin ist ein Heft für postpubertäre Erotik-Satire. Die zweite Ausgabe des b-magazins steht unter dem Leitfaden "Transparenz & Obszö...