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175 JAHRE

AZ MEDIEN

ZEHNDER WANNER PRESSE

Geschichte Der Mehrer

Öffentlichkeit Der Mahner

Die Verdienste von Otto Wanner senior. Seiten 10–12

Georg Müller über Demokratie und Medien. Seite 27

Zukunft Die neuen Verkehrsregeln

Macher Die neue Zeitung

Miriam Meckel über Web 2.0 und Journalismus. Seite 54

Patrik Müller über die Geburtsstunde des «Sonntags». Seite 75

Zeitung lesen im 19. und im 21. Jahrhundert: Die erste Printausgabe des «Badener Tagblatts» von 1861 und die neue Ausgabe der az Aargauer Zeitung auf dem iPad.

ALEX SPICHALE

Worauf es ankommt 175 Jahre Die Zeiten sind für die Medienbranche nicht einfacher geworden, aber sie waren auch früher schon schwierig VON PETER WANNER

«Die Zeiten waren noch nie so schwierig wie heute.» Diesen Satz höre ich immer wieder in der Medienbranche. Stimmt er auch? Wenn ich auf die 175-jährige Unternehmensgeschichte zurückschaue und mir meine Verleger-Vorfahren vor Augen führe – alle markante Figuren und starke Persönlichkeiten –, dann bin ich mir gar nicht so sicher. Sie alle hatten hart zu kämpfen und zu beissen – ein Leben lang. Nehmen wir Josef Zehnder, den Zeitungspionier, eine wahre Kämpfernatur. Ihm wurde im Leben nichts geschenkt. Er kam als Schulmeister von Birmenstorf nach Baden, war Verleger, Redaktor und Drucker in Personalunion, Mitglied des Grossen Rates und lange Jahre Badener Stadtammann. Er war befreundet mit Augustin Keller und galt als der «bestge-

hasste liberale Zeitungsschreiber» im Lande, musste viel einstecken, teilte aber auch mit seiner angriffigen Schreibe erbarmungslos aus. Weil seine Zeitungsprojekte viel Geld verschlangen, steckte er in chronischen Geldnöten. Wie der Historiker Andreas Müller, akribischer Verfasser einer eindrücklichen Aargauer Pressegeschichte, treffend bemerkt, wurde er als Witwer von begüterten Frauen dreimal vor dem Konkurs gerettet. Immer wieder kam er auf die Beine, leidenschaftlich kämpfend und streitend für die liberale Sache. Wäre dieser radikale Feuerkopf im Volk nicht geachtet, respektiert, gefürchtet gewesen, wäre er nie zum Badener Stadtammann gewählt worden. Mut und Durchhaltevermögen Mein Grossvater Otto Wanner kam als Enkel von Zehnder früh ins Ge-

schäft. Er zeichnete sich durch unternehmerischen Mut aus, baute er doch Anfang des 20. Jahrhunderts eine grosse Druckerei, die in den 60er-Jahren der Badener Verkehrssanierung weichen musste. Auch ihm wurde nichts geschenkt, war doch der Wettbewerb unter den Zeitungen unerbittlich und die politische Auseinandersetzung mit dem Konkurrenten Josef Jäger heftig und teilweise giftig. Mit sicherer Hand führte er das «Badener Tagblatt» durch die Wirren der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – Erster Weltkrieg, Generalstreik, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Aufkommen des Nationalsozialismus –, ehe er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs das Unternehmen seinen Söhnen Eugen und Otto übergab. Diese rückten kurz darauf in den Aktivdienst ein. Zeitung und Druckerei wurden notdürftig von Frauen und Pensionierten über Wasser ge-

halten. Berühmt ist die Anweisung des diensttuenden Vaters an meine Mutter, als diese nicht mehr wusste, wie sie die redaktionellen Spalten füllen sollte: «Schreibe einfach etwas aus der ‹NZZ› ab.» Als der Krieg endlich vorbei war, zeichnete sich ab, dass die beiden Brüder sich nicht gut verstanden. Eugen, ein Badener Stadtoriginal, drängte auf Bewahrung, Otto auf Expansion. 1956 kam es zur Trennung, Otto übernahm die Anteile von Eugen. Mein Vater Otto hatte als Verleger und Chefredaktor ein untrügliches Gespür für gute Journalisten. Schon früh gelang es ihm, zwei hochkarätige Journalisten ans Blatt zu binden: Hans Güntert und Werner Geissberger. Mit dem Aufkommen der Hochkonjunktur in den 60er- und 70er-Jahren setzte die Erfolgsstory des «Badener Tagblatts» ein. Das Blatt expandierte, distanzierte die Konkur-

renz, das katholisch-konservative «Aargauer Volksblatt», löste sich von den Fesseln eines freisinnigen Parteiorgans, entwickelte sich immer mehr in Richtung linksliberalen Nonkonformismus. Dies zog junge journalistische Talente an. Klassiker der Regionalzeitungen Es kamen Gotthilf Hunziker, Woldemar Muischneek, Edgar Zimmermann, Christian Müller, Erich Radecke, Matthias Saxer, Rosmarie Mehlin, Peter Hartmeier, Hans Fahrländer, um nur die wichtigsten zu nennen. Das Büro Cortesi (Frank A. Meyer, Peter Rothenbühler) belieferte damals nicht nur die Basler «National-Zeitung», sondern auch das «Badener Tagblatt». Das «BT» entwickelte sich so zum Klassiker unter den Regionalzeitun-

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Herausgeberin Aargauer Zeitung AG Neumattstrasse 1 Postfach 2103 5001 Aarau Verleger Peter Wanner CEO AZ Medien Christoph Bauer Chefredaktor: Christian Dorer Projektleiter: Hans Fahrländer Redaktion: Christoph Bopp, Werner De Schepper, Christian Dorer, Hans Fahrländer, Martin Moser Abschlussredaktion: Dagmar Heuberger Art Director: Stefan Stalder Bildredaktion: Alex Spichale Verkauf: Paolo Placa (Leitung) inkl. Verkaufsteam Koordination: Vita De Prisco

Medien & Geschichte

Medien & Öffentlichkeit

Medien & Zukunft

Medien & Macher

Telefon: 058 200 58 58 Telefax: 058 200 58 59 E-Mail: redaktion@aargauerzeitung.ch Online: www.aargauerzeitung.ch

Josef Zehnder (1810–1896) war Buchdrucker, Verleger, Journalist und Politiker. Mit seinen Zeitungsgründungen legte er den Grundstein der späteren AZ Medien. Der Historiker Andreas Müller schildert Zehnders bewegtes Leben. Seiten 5–7

Die Zeit der Medien als Instrumente der staatsbürgerlichen Erziehung ist vorbei, schreibt az-Autor Hans Fahrländer. Das Bedürfnis nach Unterhaltung dominiert. Gut gemachte Zeitungen sind aber immer noch unersetzlich, stellt er fest. Seite 25

Der Wechsel vom Einzelbüro in den Newsroom erschreckt viele Redaktoren. Doch der Newsroom ist der Ort, an dem die journalistische Musik spielt, hält Rouven Schellenberger, Chefredaktor der «Frankfurter Rundschau», fest. Seite 49

Nichts hat das Geschäftsmodell Zeitung so tiefgreifend verändert wie die Digitalisierung der letzten 15 Jahre, stellt Christoph Bauer, CEO der AZ Medien, fest. Die neue Herausforderung ist aber auch eine Wachstumschance. Seite 71

Verlag Medienverbund az, Neumattstrasse 1, 5001 Aarau Geschäftsführer: Christoph Marty Druckerei AZ Print, Neumattstrasse 1, 5001 Aarau Leitung: Urs Binkert Eine Publikation der

Druckauflage: 95 000 Expl. Copyright Herausgeberin

INHALTSVERZEICHNIS

Peter Wanner: Worauf es ankommt

Seiten 1 und 3

Andreas Müller: Josef Zehnder – Verleger, Journalist und Politiker

Seiten 5–7

Patrick Zehnder: Die Liegenschaften der Zehnder-Wanner-Presse

Seite 8

Chronologie: Von den Tagblättern zu den AZ Medien Andreas Müller: Otto Wanner senior

Seite 8

Hans Fahrländer: Gut gemachte Zeitungen sind auch heute unersetzlich Georg Müller: Demokratie braucht Meinungs- und Medienfreiheit Ludwig Hasler: Manchmal muss es auch Boulevard sein Kurt Imhof: Aus Liebe zur Schweiz: Wehret dem Billigjournalismus

Hans-Peter Widmer: Der dreissigjährige «Brugger Zeitungskrieg» Woldemar Muischneek: Otto Wanner junior

Gerhard Schwarz: Liberale Zeitungen (über)leben leichter

MEDIEN & MACHER

Seite 25

Rouven Schellenberger: Die journalistische Musik spielt im Newsroom

Seite 27

Marguerite Meyer: myAZ – die ganz persönliche Zeitung

Seite 51

Olivia Kühni: Schreiben für Online und Print

Christoph Bauer: Was die Zukunft bringt

Seite 71

Christian Dorer: Die az ist heute weit mehr als eine Zeitung

Seite 73

Seite 52

Patrik Müller: Im «Rössli» wurde der «Sonntag» national

Seite 75

Miriam Meckel: Wie der Fall Guttenberg den Journalismus verändert

Seite 54

Roman Schenkel: Tele M1 – die schlausten Fernsehmacher

Seite 77

Konrad Weber: Wie Facebook und Twitter den Journalismus verändern

Seite 57

Sandro Brotz: Tele Züri – ein Fernsehsender mit Magie

Seite 77

Rudolf Lisibach: Drucktechnologie: Papier steht immer noch für Glaubwürdigkeit

Seite 58

Fabian Muster: Vier Berufsleben in der gleichen Firma

Seite 80

Seiten 82/83

Seite 49

Seite 28

Seite 30

Seiten 10–12

Hans-Peter Widmer: Vom «Aarauer Tagblatt» zum «Aargauer Tagblatt»

Peter Buri: Die Fusion von «Badener Tagblatt» und «Aargauer Tagblatt»

MEDIEN & ZUKUNFT

MEDIEN & ÖFFENTLICHKEIT

MEDIEN & GESCHICHTE

Seite 33

Seite 15 Karl Lüönd: «Zeitungen und Zeitzungen» – die Pubertät der Presse

Seite 34

Roger Blum: Überall geballte Medienmacht

Seite 36

Stefan Stalder: Das passiert online in 60 Sekunden

Seite 59

Fabian Muster: 24-Stunden-Reportage aus dem az-Newsroom

Christoph Bopp: Von der Polis zur «Mediapolis

Seite 38

Stephan Russ-Mohl: Die Zeitungszukunft in den USA und in der Schweiz

Seite 61

Fabian Muster: AZ Medien – ein Unternehmen, das mehr bietet als nur Zeitungen Seite 85

Ursula Ganz-Blättler: Rupert Murdoch oder Big Brother in den Zeitungsspalten

Seite 41

Gerd Leonhard: Ein Kampf um Aufmerksamkeit, nicht um Kosten

Seite 63

Silvio Bircher: Die Brückenfunktion der az Aargauer Zeitung

Seite 86

Peter Bodenmann: Politik und Medien sind siamesische Zwillinge

Seite 45

Werner A. Meier: Vom Wachhund zum Schosshündchen?

Seite 65

Max Dohner: Ein Familienabend mit der Suche nach dem Wanner-Gen

Seiten 88/89

Oswald Sigg: Journalismus ist gut, Kommunikation ist schlecht

Seite 46

Castulus Kolo: Die Auswirkungen des technologischen Wandels

Seiten 66/67

Seite 16 Seite 21

Seite 23

Peter Wolf: So lesen wir in Zukunft

Seite 69

Anna Wanner: Das Familieninterview mit Bruder Michael Wanner

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lismus, basierend auf Bildung, Erfahrung und Wissen, der eine Renaissance verdient. Journalismus als Aufklärung und als Erkenntnisgewinn, als intelligente Erhellung und Lesegenuss. Und dort, wo Skandale aufblitzen, als Aufdeckung und als Enthüllung. Journalismus als nicht zu vereinnehmende Instanz, als kritisch abwägende Deutungsmacht, als Wegweiser in ungewissen, Orientierung erheischenden Zeiten. Daran glauben wir. Das setzt aber publizistische und journalistische Unabhängigkeit voraus. Sie ist unabdingbar. Sonst steht die Glaubwürdigkeit des Mediums auf dem Spiel. Die Leser wollen nicht manipuliert oder beeinflusst werden. Sie wollen sich ihr eigenes Bild, ihre eigene Meinung machen – gerade in einer direkten Demokratie. Das bedingt indes ein unablässiges Suchen nach Wahrheit und Bemühen um Objektivität in der Erarbeitung und Vermittlung journalistischer Inhalte. Unbestechlichkeit – ein grosses Wort – ist Voraussetzung dafür, dass die Leute Vertrauen gewinnen zum Journalisten und zum Medium, für das er publiziert. Und noch etwas muss gesagt werden: Die Welt, so wie wir sie täglich erleben, ist ziemlich aus den Fugen geraten, vieles erscheint als fragwürdig, als buchstäblich ver-rückt. Eine Fundgrube an Absurditäten, Widersprüchen und Verlogenheiten – es braucht für die Darstellung keine Übertreibung mehr, keine Zuspitzung. Man muss nur genau hinschauen und schreiben, was wirklich ist. «La réalité dépasse la fiction» – die Realität übersteigt das Vorstellbare, sie muss nicht noch mit fiktiven Elementen angereichert werden. Darob soll aber das Schöne und «Aufstellende», das Geniesserische und Lustvolle, das es in dieser Welt natürlich auch gibt, nicht in Vergessenheit geraten.

Fortsetzung von Seite 1 gen, war in der Leserschaft sehr beliebt und vermochte dem gut verankerten freisinnigen «Aargauer Tagblatt» im Westen Paroli zu bieten. Im Rahmen der Auseinandersetzung um die Atomenergie (Kaiseraugst) und unter dem desillusionierenden Eindruck der 68er-Hinterlassenschaft, aber auch nach internen redaktionellen Zwistigkeiten entwickelte sich der Kurs des «BTs» in den 80er-Jahren Richtung politische Mitte, später nach rechts von der Mitte. Nie neue Druckmaschinen gekauft Aber auch damals waren die Zeiten alles andere als einfach. Von Zürich aus drückte der «Tages-Anzeiger», in Brugg und im Freiamt verteidigte das «Aargauer Tagblatt» seine Bastionen. Geld war eigentlich in den 70er- und 80er-Jahren nie genug in der Kasse. Doch mein Vater hatte allen andern Verlegern etwas voraus: Nebst seinem konsequenten Setzen auf gute Schreiber und originelle Redaktoren kaufte er nie neue Druckmaschinen, sondern stets nur Occasionen, in 40 Jahren drei an der Zahl. Das war kostengünstig, machte die Bilanz leicht und verschaffte uns Handlungsspielraum. Andere Verleger hingegen investierten in teure Druckmaschinen oder schöne Druckzentren – um wenige Jahre danach die Eigenständigkeit ihrer Blätter preisgeben zu müssen. So geschehen in Luzern, Bern, Genf, Aarau und Basel. Die Geschichte der Schweizer Medienhäuser ist eine Geschichte der Überinvestitionen in den Druck. Zehn Jahre lang haben mein Vater und ich das Unternehmen gemeinsam geführt. Das waren teilweise schwierige Jahre, begleitet von heftigen Auseinandersetzungen. Trotzdem fanden wir uns immer wieder; zum einen, weil wir uns charakterlich ähnlich waren, zum andern, weil wir eine klare Arbeitsteilung vereinbarten: Er wollte das Sagen behalten in der Redaktion, dafür überliess er

Die Geschichte der Schweizer Medienhäuser ist eine Geschichte der Überinvestitionen in den Druck. mir die Verlagsgeschäfte. So konnte ich den Absprung von der P (1984) und den Aufbau einer eigenen Vermarktung durchsetzen, Profitcenters einführen, die Kopfblattstrategie vorantreiben, Radio Argovia und Tele M1 gründen. Erst mit der Fusion zwischen «AT» und «BT» (1996), gegen die er sich nicht stemmte und die ich unbedingt wollte, gab er definitiv das Zepter ab. Es bedurfte dazu allerdings der Überredungskunst der anderen Seite, insbesondere von alt Regierungsrat Kurt Lareida. Die Fusion als historisches Ereignis Seither ist einiges gegangen. Das Tempo des Wandels hat sich im Gleichklang mit der wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung erhöht. Die Fusion zwischen «AT» und «BT» kam überraschend und war ein historisches Ereignis. Aufgrund der Rivalitäten zwischen Aarau und Baden hatte sie fast niemand für möglich gehalten. Im Nachhinein darf sie als Erfolg gewertet werden – wirtschaftlich und publizistisch. Die AZ Medien haben an Statur und Kraft gewonnen und die Zeitung an Qualität dank grösseren Ressourcen. Heute sind die AZ Medien ein nationaler Player im Mediengeschäft. Sie erwirtschaften einen Umsatz von rund 250 Millionen Franken und beschäftigen mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Meilensteine in den Jahren nach der Fusion, in der Ära von VR-Präsident Jürg Schärer, waren die Gründung der Mittelland Zeitung (az-Gesamtausgabe), die Übernahme der Vogt-Schild-Gruppe mit der Solothur-

Geist «unruhiger Freiheitlichkeit» Wir bekennen uns zu liberalen Grundwerten, zu Freiheit, Selbstverantwortung, Wettbewerb und sozia-

Peter und Otto Wanner zu Beginn der 1990er-Jahre. ner Zeitung, das Fussfassen in der Region Basel mit der Übernahme der Basellandschaftlichen Zeitung bis hin zur Lancierung der Zeitung «Sonntag». Mit der jüngsten Akquisition, dem Erwerb von Tele Züri und Tele Bärn, wollen sich die AZ Medien ein zweites – elektronisches – Standbein schaffen. Internet als Revolution Und heute? Im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter: Sind nun die Zeiten wirklich schwieriger geworden? Sie sind sicher nicht einfacher geworden! Etwas Fundamentales hat sich verändert. Das Internet. Dieses ist als digitale Medien-Plattform mit seiner weltweiten Vernetzung eine unglaubliche Erfindung, vergleichbar mit der Erfindung des Telefons oder des Automobils. Ein neues Informationszeitalter ist angebrochen, denn es sind ungeahnte, faszinierende Informations- und Partizipationsmöglichkeiten, die sich da auftun. Das Internet hat aber auch einige Branchen in arge Bedrängnis gebracht, so auch die Printmedien, darunter die Tageszeitungen. Deren Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr so wie früher, ist bös ins Stottern geraten. Was sich hier abspielt, ist eine technologische Revolution mit noch unabsehbaren Folgen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass man heute in aller Öffentlichkeit über das Ende der Zeitungen diskutiert. Fängt alles nochmals von vorn an? Heute wissen wir, was unser Kerngeschäft ist: Wir verkaufen, verbreiten und vermitteln Informationen und

erzeugen dadurch Aufmerksamkeit, was für die Werbewirtschaft interessant ist. Wir sind Teil der Nachrichtenindustrie, aber definitiv nicht mehr Teil der Druckindustrie oder der holzverarbeitenden Papierindustrie. Was ist so revolutionär daran? Die Tageszeitungen haben ihre frühere Monopolstellung auf dem Nachrichtenmarkt verloren und damit einen wichtigen Teil ihrer Einnahmequellen. Rund ein Drittel der Einnahmen bei allen abonnierten Tageszeitungen ist weggebrochen, das sind die Rubrikenanzeigen, die nicht vollständig, aber grösstenteils ins Internet abgewandert sind. Und auf dem News-Markt stehen die Abo-Zeitungen im Wettbewerb mit Gratiszeitungen und unzähligen Online-Portalen, die schneller sind, aber vielleicht qualitativ noch nicht ebenbürtig. Demokratisierter Informationsmarkt Kein Zweifel, das Internet hat den Informations- und Nachrichtenmarkt demokratisiert. Und die Partizipationschancen massiv erhöht. Jedermann kann heute sein eigener Verleger und Redaktor sein und einen Blog oder ein zeitungsähnliches Journal publizieren – es braucht das aufwändige Drucken nicht mehr. Das heisst aber nicht, dass die Zeitungen ganz verschwinden werden, zumindest nicht in den nächsten 10 oder 20 Jahren. Die Auflagen der Tageszeitungen werden weiter sinken, aber eine Kernleserschaft, die das Papier dem iPad oder iPhone vorzieht, wird bleiben. Für die Zukunft entscheidend wird dabei das Nutzungsverhalten

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der jungen Generation sein: Können sich die Jungen mit Print noch anfreunden oder sind sie mit Online so vertraut, dass sie auf Print ganz verzichten werden? Weitere entscheidende Frage: Gelingt es den Medienhäusern, einen «paid content» einzuführen, eine «pay wall» für ausgesuchte News, für einordnende Texte, vertiefende Analysen und Kommentare? Diese Frage ist für alle Medienhäuser relevant, nicht nur für die AZ Medien, denn wie soll sonst anspruchsvoller Journalismus auf Online finanziert werden? Die Zukunft wird all diese Fragen beantworten. Doch eine Konstante bleibt. Es ist die Nachfrage nach journalistischer Qualität. Diese wird zusehends wichtiger. Denn nur für sie sind die Konsumenten noch bereit zu bezahlen. Alles andere wird gratis sein oder über staatliche Zwangsgebühren oder Werbung finanziert werden. Qualität als Unterscheidungsmerkmal und als Finanzierungsquelle. Regionaljournalismus . . . Das heisst für uns: Mehr denn je Besinnung auf das, was guten Journalismus ausmacht. Einfache, klare und eindringliche Sprache. Nicht der Leser soll sich quälen, sondern der Journalist. Das heisst weiter: gute Storys, vertiefende Analysen, gescheite Kommentare, witzige Kolumnen. Diese sind gerade auch im Regionaljournalismus mehr denn je gefragt. . . . und intelligente Recherche So altmodisch es klingen mag: Es ist der gute alte Recherchierjourna-

Das bessere Argument soll den Leser überzeugen, nicht die Verhöhnung oder Verunglimpfung. ler Verantwortung. Darüber hinaus zu einer liberalen Offenheit im Sinne des «Geistes unruhiger Freiheitlichkeit», so wie es von den Verleger-Vorfahren als Credo formuliert worden ist. Dogmatisch-ideologischen Journalismus, politisch instrumentalisierten Journalismus gar, ob von links oder von rechts, lehnen wir ab; das war einmal, als jede Partei ein eigenes Blatt brauchte, um ihre Weltanschauung zu transportieren. Ebenso lehnen wir einen kommerziell orientierten Journalismus à la Murdoch ab: Abhören von Telefonen, Knacken von SMS, Bespitzelung von Politikern mittels Privatdetektiven ist nicht unser Ding, wiewohl sich dadurch die Auflage steigern liesse. Stattdessen glauben wir an den Forumscharakter eines Mediums: Diskurs, Debatte und Diskussion sind in einer demokratischen Öffentlichkeit zwingende Voraussetzung für den politischen Meinungsbildungsprozess. Das bessere Argument soll den Leser überzeugen, nicht die Verhöhnung oder Verunglimpfung. Das heisst nicht, dass wir auf eine eigene Meinung verzichten wollen: Diese soll aber als solche klar deklariert und prononciert zum Ausdruck kommen. Mir kommt keine bessere Formulierung in den Sinn als jene, die der deutsche Soziologe Max Weber für die Politik gefunden hat. Sie gilt analog auch für die Publizistik: «Journalismus (Politik) ist ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass zugleich.» Es braucht dazu Neugierde und «feu sacré». So soll es bleiben.


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schafter Carl von Glümer, später Dominik Baldinger, Wirt und Posthalter aus Baden, wurde die Redaktion anvertraut. So kam Baden zu einer liberalen Zeitung, namens «Aargauer Volkszeitung».

Josef Zehnder – Verleger, Journalist und Politiker

DER VERLEGER ZEHNDER stand damals noch in politischer Gärung, war radikal staatskritisch, aber gleichzeitig in den Forderungen noch der katholischen Minderheit nahestehend. Bis 1838 war er in seinem Blatt kaum zum Wort gekommen. Eine Verbindung zu Augustin Keller wird ihm und der Redaktion nachgewiesen («Schweizerbote»). Ohne Zweifel ist Josef Zehnder 1836 ohne eigene Initiative zum Zeitungsverleger geworden. Aber er wird es zeit seines Lebens bleiben.

Die Anfänge Von der «Aargauer Volkszeitung» zum «Badener Tagblatt» VON ANDREAS MÜLLER*

DER AARGAU IM JAHRE 1836: «Nach 30 Jahren Aargauer Geschichte darf der Kanton als weitgehend organisiert und gefestigt angesehen werden.» So oder ähnlich lauteten Einleitungen zu Politikervoten im Grossen Rat. Davon kann im Rückblick keine Rede sein. Wohl waren die Grenzen gesetzt, die Bezirke installiert, die Gerichte sprachen Urteile nach Recht und Gesetz, und seit 1835 verlangte das neue Schulgesetz, dass alle Kinder «ohne Unterschied des Geschlechts, des Standes und der Begabungen» erfasst sein sollten. Doch um 1840 gab es im Aargau noch Männer, «die sich ‹mit einem Krütze› oder einem anderen Handzeichen behelfen mussten, wenn sie ein Schriftstück unterzeichneten». Vieles war angelegt, vieles fährtig – zur Fahrt bereit – aber nicht fertig. FEST WAREN NUR einige strukturelle Gegebenheiten. Ansonsten war der Kanton in steter Gärung. Selbst Verfassungsentwürfe und neue Verfassungen, Symbole für die politische Sicherheit, überstürzten sich beinahe und lieferten den Beweis, dass dem Gebilde Stabilität und innere Ruhe weitgehend fehlten. Im Gegenteil: Die Labilität der eidgenössischen Verhältnisse, das politische Seilziehen und die Streitereien um die innere Ordnung im Bunde fanden im neuen Gebilde namens Aargau wie kaum anderswo ein Pendant. Eher müsste von einem Experimentierfeld gesprochen werden. Denn Aktionen und geschlagene Wunden wurden zum Anlass oder zur Ursache schweizerischer Ereignisse, die schliesslich im Sonderbundskrieg mündeten und im Bundesstaat ein Etappenziel erreichten. «DIE REVOLUTION FRISST ihre eigenen Kinder», lautet ein gängiges Sprichwort. Die stürmische Evolution der damaligen Zeit im Kanton bot Persönlichkeiten verschiedenster Art ein politisches Schlachtfeld ohnegleichen. Selbst Philosophen wie Ignaz Paul Vital Troxler mieden die Beschaulichkeit und schürten die Unruhe. Einige Persönlichkeiten kamen tatsächlich unter die Räder, andere schwebten ein Leben lang am Abgrund. Das geschriebene Wort in der

Zeitungsmacher waren keine Mimosen. Sie teilten aus und steckten ein. Öffentlichkeit konnte damals fast tödlich sein; es wurde erstmals nicht nur populär, sondern populistisch. Das schliesst alles ein: volkstümlich, eingängig und verständlich, aber auch anbiedernd, gemein, hinterhältig, verdreht und primitiv. MAN KÄMPFTE VORZUGSWEISE mit dem Schwert und nicht mit dem Florett. Man drohte mit Tod und Teufel, zog sich gegenseitig vor den Richter und versuchte, mit Anödereien und Anprangern die Grenzen des Zulässigen auszuloten. Lug, Trug und Erpressung waren offensichtlich und ungeschönt Elemente der politischen Kampfsprache. Das Pamphlet war

nicht dem Flugblatt vorbehalten; im gleichen Stile wirkten die Zeitungen, die damals erstmals im Aargau als Massenmedien die Politik begleiteten oder anführten.

DIE EHRENWERTEN MÄNNER des Konsortiums hielten sich keineswegs an ihre finanziellen Vereinbarungen. Auch die 150 «wackeren Vaterlandsfreunde», die sich verpflichtet hatten, als Subskribenten das Blatt jährlich mit zehn Franken zu unterstützen, versagten kläglich. So musste Zehnder das Projekt vorzeitig fallen lassen. Die ausstehenden Gelder aber wollte er eintreiben, auch nach dem Ende der «Volkszeitung». Und dazu benötigte er eine eigene Zeitung als Geldeintreiber.

ZEITUNGSMACHER – Verleger, Journalisten, Redaktoren – waren keine Mimosen; sie teilten aus und steckten ein. Meist war der Gründer oder Urheber eines Blattes alles zusammen in eigener Regie, dazu engagierter Politiker auf allen Ebenen. Die Zeit des gediegenen, belehrenden Sprachkünstlers im Stile Heinrich Zschokkes war am Abklingen. Er selbst hatte sich 1831 von den öffentlichen Ämtern verabschiedet und zog sich 1837 auch als Redaktor seines

SEIN VATER bot ihm in Birmenstorf in einem Anbau Raum für das Geschäft. Schon 1838 erschien daher

Josef Zehnder muss mit einem Könner zusammengearbeitet haben, um solch saubere Raubdrucke anzufertigen.

Ohne eigenes Organ wird Zehnder bis zu seinem Tode nie mehr wirken. Er hatte die Macht der Presse erfahren.

«Schweizerboten» in Aarau zurück. Das Feld wurde ab 1836/37 beherrscht von den journalistischen Haudegen.

die «Aargauer Zeitung», vollständig in eigener Regie, mit Josef Zehnder als Redaktor. Seine Brüder standen ihm zur Seite: Beat hatte die Buchbinderei in Frick gelernt, ihn liess er zum Setzer und Drucker ausbilden. Und Johann wurde sein Buchhändler. Josef selber, durch die Umstände nun in jeder Hinsicht zum Radikalen geworden, prangerte die zahlungssäumigen einstigen Subskribenten mit Hinweisen und «Beinahe-Nennungen» laufend in seinem Blatte an, sodass diese im wahrsten Sinne genötigt und erpresst wurden, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Der «bestgehasste liberale Zeitungsschreiber» des Aargaus war geboren. Und ohne eigenes Organ wird Zehnder bis zu seinem Tode nie mehr wirken. Er hatte die Macht der Presse erfahren.

1836 ERSCHIEN IN BADEN bei Josef Zehnder die «Aargauer Volkszeitung», 1837 in Aarau «Das Alpenhorn» von Samuel Landolt. Beide Blätter waren von Anfang an als politische Kampfblätter gedacht. Auch wenn beide Gründungen kurzfristige Erscheinungen waren: Die beiden Herausgeber hatten «Blut gerochen». Sie werden nie mehr von der politischen Zeitung loskommen. Der eine wird schliesslich der Begründer des «Badener Tagblatts», der andere des «Aargauer Tagblatts». Beide Zeitungen fliessen – nach dem spektakulären Fusionsakt 1996 – in die «Aargauer Zeitung» ein.

Josef Zehnder, Leben und Werk HEUTE, 175 JAHRE NACH SEINEM START als Zeitungsverleger, versuchen wir das Werden und Wirken von Josef Zehnder zu erfahren. Dazu lieferte er uns eigene Notizen zu seiner Frühzeit, die entsprechend vorsichtig und überprüft zu verwenden sind, wie alles Autobiografische. Dann aber liefern uns seine Druck-Erzeugnisse nötige Fakten, zurechtgebogen und widersprochen von der «bösen» Konkurrenz in Überfülle, und zwar bei Feinden und Freunden. Geht es um Daten und Persönliches, kann nur Amtliches klärend wirken. Wo Klarheit fehlt, hilft Rechnen und Mutmassen ab sicherem Grund. JOSEF ZEHNDER wurde am 23. Dezember 1810 in Birmenstorf geboren. Sein Vater, Johann Zehnder, war Lehrer, Gemeindeammann und Grossrat, dazu bewirtschaftete er – wie damals üblich – einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Eine grosse Kinderschar belastete das Familienbudget und nötigte alle Mitglieder zur Mitarbeit und gegenseitigen Hilfe. Der Vater taucht im Leben des späteren Verlegers immer wieder auf. Er hatte seinen Sohn Josef schon frühzeitig in

Die ältesten Zeitungen der Zehnder-Presse.

AUS: BADENER NEUJAHRSBLÄTTER,1950

die Dorf- und Kantonspolitik hineingezerrt, hat ihn, den Zeitungsmacher, nach 1836 mit Lokalklatsch eingedeckt. «Die beiden Zehnder» hatten an kantonalen Aufläufen und Versammlungen (Wohlenschwil und Reuss) teilgenommen. Sie wurden auch zusammen einvernommen, verurteilt und begnadigt. Vier Jahre nach dem Rücktritt des Vaters 1841 wurde der Sohn selber Grossrat.

Nach- und Raubdrucke waren damals häufig. 1835 wirkte Zehnder bereits in Baden – sowohl als Drucker wie auch als Buchhändler.

BERUFLICH STAND ER dem Vater ebenfalls nahe: Er besuchte 1827/28 den zweiten aargauischen Lehramtskandidatenkurs und wurde – 18-jährig – Lehrer in Birmenstorf. Da er den Lohn zu Hause abliefern musste, suchte er bald eine zusätzliche Einnahmequelle. Als Nebeneinkommen diente der Vertrieb von Büchern, die er mit der Zeit selber band, schliesslich auch selber druckte. Wo und wie er dieses Metier gelernt hat, dürfte für immer ein Geheimnis bleiben. Bei einem Lehrerkollegen habe er die Buchbinderei gelernt, das Setzen und Drucken sei ihm in einem dreitägigen Kurs von seinem Kollegen Stähli beigebracht worden, hält er in seinem Lebensbericht fest. Unmöglich! Er muss jahrelang mit einem Könner zusammengearbeitet haben, um solch saubere Raubdrucke anzufertigen. Vielleicht hat ihm auch die kurzfristige Zusammenarbeit mit Jakob Diebold in Baden die nötige Fertigkeit gegeben. Jedenfalls galt er bei den Fachleuten als «Schuster» im Gewerbe, und er musste sich deswegen einmal vor Gericht verantworten.

DAS KONSORTIUM aus liberalen Persönlichkeiten, das einen Zeitungsmacher für ein liberales Organ in Baden suchte, störte sich kaum an der Verletzung von Verlagsrechten. Diese Leute erkannten die Qualität von Zehnders Drucktechnik und hofften zugleich, dass dieser Mann in ihr Schema passte: aufrührerisch, freisinnig und treu ergeben. Im letzten Punkt täuschten sie sich. Zehnder wird gebieterisch auf sein Recht pochen, wenn Abmachungen verletzt werden. OBGLEICH KEIN EXEMPLAR der ersten Zehnder-Zeitung vorliegt, vernehmen wir aus Konkurrenzblättern in Aarau, wer hinter dieser Gründung steckte, was bezweckt war und wer der Redaktion vorstand. Die ehrenwerten Männer, gemässigte liberale Politiker aus Aarau und dem Freiamt – ein einziger, Borsinger, stammte aus Baden – verpflichteten sich unterschriftlich, so viel Geld zusammenzulegen, «dass der Druck und die Redaktion des Blattes, das zweimal wöchentlich erscheinen sollte, für drei Jahre gesichert sei». Diese Persönlichkeiten fürchteten, dass Baden, wenn nicht Gegensteuer geboten werde, zum konservativen Zentrum des Kantons werden könnte. Zehnders Verlag und Druckerei diente als örtliche Plattform; dem deutschen Flüchtling und Burschen-

«DIE ‹ZEHNDER-PRESSE› wird lange Zeit in der aargauischen Politik führend», berichtete der Badener Bezirkslehrer Paul Haberbosch 1950, und fährt fort: «Die Kampfstimmung im Lager der Klosterfeinde und später in der Freischarenzeit beherrscht die Tonart seiner Zeitungen, von denen die Dorfzeitung als ‹Seelenmörderblatt› bezeichnet wurde.» Die eigentlichen Zehnder-Zeitungen sind mindestens in einigen Jahresbänden vorhanden und belegen den Geist oder Ungeist der Zeit: die grobschlächtige Sprache, die rüden Umgangsformen und die allgemeine Streitlust im Vorfeld der Staatswerdung der modernen Schweiz.

Politische Streitlust DER NAME «SCHWEIZERISCHE DORFZEITUNG» entstand noch im Vaterhaus in Birmenstorf. Josef Zehnders Ideal war es, einen «Schweizerboten» für die kleinen Leute zu verfassen, wissend, dass letztlich nicht das Bildungsbürgertum in der Demokratie entscheidend ist, sondern die Landbevölkerung. Eine typisch aargauische Perspektive! Die «Dorfzeitung» wollte nicht primär seine Leser veredeln, sondern sie dort abholen, wo sie waren. Für die gehobenen Kreise wurde diese Zeitung


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konnte. Im selben Jahr starb seine Frau an Tuberkulose und hinterliess ihm die Tochter Emma, die dem Ehepaar im Jahr zuvor geschenkt worden war. Als verheiratete Wanner wird sie später dem Unternehmen über ihren Sohn die Nachfolge sichern. Mit der Übernahme der neuen Druckerei erwarb Zehnder auch die Verlagsrechte auf den traditionellen «Badener Kalender» und die saisonal täglich erscheinende Gästeliste des Kurortes. Dass aus der Verbindung dieses Gästeblattes mit der «Eidgenössischen Zeitung» das «Tagblatt der Stadt Baden», das spätere «Badener Tagblatt», entstehen sollte, war damals nicht voraussehbar.

bald zum «Schand- und Saublatt», denn deren Stil war an Derbheit kaum zu übertreffen. Aber lange hielt es Zehnder im Bereiche des lokalen Klatsches nicht aus. Als mit Johann Nepomuk Schleuniger 1842 in Baden eine konservative Zeitung, «Die Stimme von der Limmat», entstand, zog es Zehnder nach Baden zurück, zum Kampfplatz der Meinungen. GLEICHZEITIG NAHM ER sofort den Gegner als Person ins Visier. Begreiflich: Der gewandte Professor, geschult in allen klassischen Disziplinen an Universitäten des In- und Auslandes, war als Redaktor ein Florettfechter und das Gegenteil von Zehnder. Zuerst ignorierte er den ehemaligen Dorfschulmeister geflissentlich. Er wollte sich auf gleicher Ebene duellieren – mit Zschokkes «Schweizerspiegel» zum Beispiel oder mit dem liberal-konservativen Professorenblatt «Neue Aargauer Zeitung» in Aarau. Um Schleuniger aus der Reserve zu locken, musste der beleidigte Zehnder auf den Mann spielen. Er führte fast verbale Veitstänze auf. Massive Schimpfereien konnten auf die Dauer nicht unerwidert bleiben.

DENN DIE PERSÖNLICHEN VERHÄLTNISSE überstürzten sich. Wieder verheiratet mit Maria Barbara Walker, die ihm zwei weitere Kinder gebar, versuchte Zehnder sich in Baden entsprechend seiner grossen Pläne einzurichten. Schon 1845 hatte er mit geringen Eigenmitteln aus einem Konkurs das riesige Gebäude «zum Schlossberg» (später Kaufhaus), das gleichzeitig Tavernenwirtschaft, Saalbau und Brauerei war und neu

Dass aus der Verbindung der Gästeliste mit der «Eidgenössischen Zeitung» das «Tagblatt der Stadt Baden» entstehen sollte, war nicht voraussehbar.

DIE UNGLEICHEN GEGNER waren in der verrückten Zeit von Klosteraufhebung und Freischarenzüge beide Mitglieder des Grossen Rates. Die gegenteiligen Positionen zum politischen Kurs Augustin Kellers und seinem Kreis sind aus heutiger Sicht selbstverständlich, nicht aber die Attacken Zehnders gegenüber Schleuniger als Bezirkslehrer in Baden: Grossrat und Lehramt seien unvereinbar. Schleuniger musste nach all den Angriffen sein Lehramt aufgeben. Dann folgte die «Wahlbestecher»-Anschuldigung von 1842, die nie bewiesen werden konnte, darauf die «Meineid»-Anklage, als Schleuniger bekräftigte, nichts von dieser Sache zu wissen. Die feste Vorstellung der Anti-Jesuiten im Aargau, dass alles Tun der Konservativen doppelzüngig sein müsse, begleitete jede Aktion oder Argumentation.

zudem die Druckerei und Buchhandlung beherbergen musste, erstanden. Sein Bruder Johann sollte die Wirtschaft und die Buchhandlung führen, während er selber die Druckerei leiten wollte. Damit war der würdige Rahmen für die schweizerische Tageszeitung von 1848 geschaffen. Ein Redaktor wurde angestellt. Doch nach kurzer Zeit konnte der Unternehmer seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. 1850 wurde über der Firma der Konkurs verhängt und die Gant erkannt. Der Vater Zehnder, jetzt Grossbauer in Neuenhof, der schon als Bürge gewirkt hatte, ersteigerte das Haus. Er selber besass kaum mehr Eigenmittel als der vorige Besitzer. Aber so konnten wenigstens die Jungen als seine Mieter ihre Geschäfte fortführen.

ALS SCHLEUNIGER 1844–54 im Exil weilte, war dessen Nachfolger als Redaktor, Xaver Wiederkehr, der Ge-

Um Schleuniger aus der Reserve zu locken, musste der beleidigte Zehnder auf den Mann spielen. genspieler von Zehnder, der dann – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – in ähnlicher Tonart konterte. Bis 1848 herrschte ja auch praktisch Kriegszustand, im Kanton wie im Bund. Wie sollte es zwischen den pressepolitischen Hassgegnern in Baden anders sein!

Zehnder und der aargauische Staat DER KAMPFSTIMMUNG in Politik und Presse entsprach damals das Handeln. Zehnder meldete am 1. Januar 1841, dass er gesund und wohlbehalten nach 13-tägigem Arrest wieder in der «Zeitungsfabrik» angelangt sei. Die Richter der Presseprozesse hatten ihm – nach etlichen Vergleichen und Erlassen – schliesslich doch noch eine Reststrafe aufgebrummt. Zehnder brüstet sich offensichtlich seiner ausgereizten Freiräume. Seine Furchtlosigkeit gründete auch in der largen Haltung der Regierung gegenüber «echten» Patrioten, auch wenn diese Fehler machten. OBWOHL ER SCHON FRÜHER wegen «Scheltung» zu Gefängnis verurteilt und bestraft worden war, fand es die radikale Regierung nicht unangemessen, Buchdrucker und Grossrat Zehnder zum kantonalen Zuchthausverwalter (damals neben dem Korn-

Josef Zehnder (1810–1896) legte den Grundstein der späteren AZ Medien. haus in Baden) zu wählen. Dieses Nebenamt hielt aber Zehnder auch nicht davon ab, weiter Schmähungen zu verbreiten und an Aufläufen und kriegsähnlichen Handlungen teilzunehmen. Alles wurde damals entschuldigt und gedeckt. So wurde auch Vater Johann Zehnder sein grosser Bauernhof aus dem Fundus des enteigneten Klosters Wettingen preisgünstig übertragen. Der Verleger Josef Zehnder entwickelte dabei immer mehr Staatstreue und vermied – entgegen früheren Gepflogenheiten – jene, die zur Staatskrippe drängten, zu verunglimpfen. ALS DER SONDERBUND zum Kriege führte, diente Josef Zehnder als Hauptmann einer Scharfschützenkompanie seinem Stande Aargau und half mit dem Sieg der Tagsatzungstruppen, die Grundlage des neuen Bundesstaates zu legen. Sein journalistischer Gegenspieler in Baden, Xaver Wiederkehr, hat «als Offizier, der der aargauischen Wehrpflicht unterstand, im ‹Freiwilligen Freiämterkorps› in Luzern ge-

AUS: GESCHICHTE DER POLITISCHEN PRESSE IM AARGAU, 1998

kämpft, und zwar als Anführer. Er wurde 1848 in contumaciam im Aargau zum Tode verurteilt und soll – als österreichischer Offizier in einer mährischen Garnisonsstadt 1868 oder 1878 gestorben sein. So berichtete Paul Haberbosch-Wanner 1950. «WEH DEN BESIEGTEN», sagten die alten Römer. Kriegsgerichte fällen Siegerurteile, das ist nichts Neues. Kapitulation heisst Waffenstillstand. Und die «Limmatstimme» wurde nach 1848 zum lendenlahmen Blatt einer müden Opposition; die Feuerglut des Zeitungskampfes in Baden war erloschen – auf beiden Seiten. Und Zehnder trumpfte auf: In der Euphorie von 1847/48 plante er, journalistisch Bildungsarbeit für die neue Staatsidee zu leisten. Am 1. Januar 1848 erschien in seinem Hause die zweite Tageszeitung im Kanton und die erste in Baden: die «Neue Eidgenössische Zeitung» – sogar siebenmal pro Woche und schon im Titel ausgerichtet auf den neuen Bundesstaat. Unbescheiden drängte es Zehnder, den regionalen Rahmen zu spren-

gen und sich schweizweit auszurichten. Die alte «Dorfzeitung» lief noch einige Jahre nebenher.

Zehnder als Geschäftsmann DER EINSTIGE DORFSCHULMEISTER aus Birmenstorf vermochte nur mit grösster Mühe und fremder Hilfe in den gewerblichen Mittelstand aufzusteigen. Das Auf und Ab der Anfangszeit hätte ihm Vorsicht gebieten sollen. Aber Bescheidenheit lag Zehnder nicht. Nach dem missratenen ersten Badener Zeitungsabenteuer und seinem «Exil» in Birmenstorf musste er in der Dorfzeitungszeit von seinen Freunden vor dem Konkurs gerettet werden. Dennoch kam er zurück nach Baden, um seinen Gegner Schleuniger zu bodigen. Seine Druckerei aber bekam erst Schwung, als er 1842 Mimi Windli aus Sarnen heiratete und mithilfe ihres Vermögens (1845) die Diebold’sche Druckerei übernehmen

NACH DAMALIGEM RECHT wurden einem Konkursiten die politischen Rechte aberkannt, und der junge Verleger musste daher aus dem Grossen Rat zurücktreten. 1852 starb Zehnders zweite Gattin. Im folgenden Jahr fand er in Barbara Surläuli eine neue tüchtige Lebensgefährtin, die an den drei kleinen Kindern Mutterstelle vertrat. Geschäftlich stand damals alles infrage. 1855 erklärte sich auch der Vater Zehnder als zahlungsunfähig. Der Buchhändler Johann Zehnder mietete sich an der Badstrasse ein und eröffnete dort einen Laden. Josef Zehnders Frau nahm sich mithilfe ihres Vermögens der Druckerei an, entledigte sich der Schulden und liess an der Bruggerstrasse ein neues Haus bauen. Damit war die Rehabilitation der Familie vollbracht und Zehnder machte einen Neuanfang. DIE «NEUE EIDGENÖSSISCHE ZEITUNG», welche den Umzug an die Bruggerstrasse begleitet hatte, erwies sich als Fehlschlag. So aufreizend die «Dorfzeitung», das Werk Zehnder’scher Redaktion, noch immer war, das tägliche Bildungsblatt von Redaktor Prof. Zähringer erwies sich als langweilig und wenig attraktiv. Nur zum Aargauischen pfefferte Zehnder von Zeit zu Zeit einen Artikel hinein. Vom Lande her mit weisen Kommentaren einer «NZZ» die Stirne zu bieten, richtete sich im Aargau an eine Leserschaft, die einfach noch nicht vorhanden war. In den traditionellen städtischen Zentren ringsum


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nem 86. Altersjahr verschied gestern zu der Stunde, da er sonst sein Tagwerk zu beginnen gewohnt war, der Senior der schweizerischen Buchdrucker und Zeitungsredaktoren.» Das war morgens um 5 Uhr.

war man dem jungen Kanton so wenig gewogen, dass die Gebildeten kaum auf dieses Organ gewartet hatten. EIN NEUES PRODUKT im neuen Hause musste her! «Das Tagblatt der Stadt Baden» war eine Verschmelzung der «Eidgenössischen Zeitung» mit dem «Fremdenblatt», ein angemessenes Nachrichtenblatt für die regionalen Leser und die Kurgäste. Für die ärmere Landbevölkerung, die sowieso kaum Zeit und Geduld zum Lesen aufbrachte, gab Zehnder nun eine wöchentliche Zusammenfassung, die «Volkszeitung», heraus. Ab 1862 nannte er dann dieses Wochenblatt «Das freie Wort». In diesem Sinne neu ausgerichtet, erfolgte der Neuanfang, der zugleich das Geschäft – auch als Akzidenzdruckerei – für dauernd sanierte. Das Ansehen der Familie wuchs, der bissige Zehnder schien Vergangenheit zu sein, und er liess sich 1862 in Baden einbürgern. Im folgenden Jahr wurde er zum Stadtammann gewählt, 1864 wiederum in den Grossen Rat.

Zehnder der Kulturkämpfer DIE ANFANGSJAHRE DES «BADENER TAGBLATTS» (1872–1885) standen voll im Zeichen des Kulturkampfes. Da der aargauische Regierungsrat parteipolitisch im Einklang mit dem Bundesrat war, vermutete die meist katholische Opposition in allen aussen- wie innenpolitischen Massnahmen Einflüsterungen Bismarcks. Zivilehe, neutrale Staatsschule und Schaffung einer katholischen Staatskirche waren damals Zankäpfel der Politik. Und der Verleger Josef Zehnder war ein treuer Verfechter der Regierungspolitik. Mitbestimmend war seine Freundschaft zu Landammann Augustin Keller. Ihm blieb er bis zu dessen Tod 1883 eng verbunden. Im Nachruf erinnerte Zehnder seine Leser an die «Briefe des Gätterlimachers», die Keller ein Vierteljahrhundert früher in der «Schweizerischen Volkszeitung» erscheinen liess. In volkstümlicher Sprache habe er den einfachen Leuten Verfassungsfragen erklärt. Damals ging es um die Kantonsverfassung von 1852; in Kellers Todesjahr 1883 aber um das politische Seilziehen zur neuen Verfassung. Jene von 1885 läutete das Ende des Kulturkampfes ein und trachtete, das Verhältnis Staat - Kirche zu verbessern. Zehnders Einsatz für dieses Kompromisswerk überrascht und deutet einen erstaunlichen Wandel in dessen Gesinnung an. DENN ZU LEBZEITEN Augustin Kellers war dem Journalisten Zehnder eine Kulturkampf-Sprache eigen, die eher an die unseligen Zeiten des Klostersturmes und der Freischarenzüge gemahnte. Ausdrücke wie «Lügenapostel», «Pfaffen», «jesuitische Presse»,

Der Streit mit allen katholischen Zeitungen des Kantons nahm zeitweise groteske Züge an. «pfäffisches Treiben», «Dunkelmänner des Schwarzen Erdteils», «Pharisäertum», «staatsfeindliche Pfäfferei» gehörten zum Alltag des damaligen «Tagblatts». Der Streit mit allen katholischen Zeitungen des Kantons nahm zeitweise groteske Züge an. Alles und jedes wurde als «ultramontan» verdächtigt. Der Hinschied seines Journalisten-Gegners Schleuniger in Klingnau und die lobenden Nekrologe veranlassten ihn zur spöttischen Bemerkung, «dass Tausende nicht überrascht sein würden, wenn es an einem schönen Tag hiesse, Rom habe ihn unter die neuen Heiligen aufgenommen». IST DIE NEUE GEMESSENHEIT Zehnders im Vorfeld von 1885 mehr Resultat der Altersmilde oder wirkt sich das Fehlen des Sekundanten Augustin Keller aus? So oder so. Wir sind noch heu-

1845 kaufte Josef Zehnder die Liegenschaft «Zum Schlossberg» in Baden. te erstaunt, dass Josef Zehnder selber den Schritt zum christkatholischen Glauben nicht vollzog, obwohl er fast konsequent die Römisch-Katholischen als «Neu-Gläubige» bezeichnete und jene geisselte, die den Altkatholizismus eine «Sekte» nannten. Hier eiferte er seinem Freund nicht nach, der als Anreger und Vorbild der romfreien Kirche beitrat. Waren «utilitaristische» Gründe massgebend, wie später sein Gegenspieler Jäger bei allem Tun Zehnders mutmasste? Tatsächlich war der Stadtammann in Baden aus Tradition Mitglied der katholischen Kirchenpflege. Bei den gegebenen Umständen eine groteske Situation.

Der Journalist als politischer Amtsträger ALS 1863 ZEHNDER ZUM STADTAMMANN gewählt wurde, da war zu erwarten, dass der Verleger und Journalist dem Politiker in die Quere kommen musste. Seine Zeitung, die man – ebenso wie das «Aargauer Tagblatt» – als Sprachrohr der Regierung bezeichnete, verurteilte alle demokratischen Bestrebungen. In der Grundhaltung war Zehnder damals liberal-gouvernemental: Volksrechte verleiteten zur politischen Liederlichkeit und die gelegentlichen Bündnisse der Demokraten mit den Ultramontanen machten diese Partei sowieso suspekt. Links davon lauerten nur Gefahren. So das Credo Zehnders. DOCH DIE VERKEHRSPOLITIK folgte einem andern Strickmuster. Hier entschied allein das Nein oder Ja zur Nationalbahn. Die Jahre 1872–1880 zeigten Zehnder in allen Stadien: zuerst in der Rolle des feurigen Befürworters, weitgehend solidarisch mit den demokratischen Blättern in Lenzburg und Zofingen; dann in der Krise sich selber und den Lesern Mut einflössend, die Renditenrechnungen volksbahnfreundlicher Experten nachleiernd; schliesslich wandelte er sich dank sorgenschwerer Skepsis zum Verweigerer von Nachtragskrediten. DIE REGIERUNG UND DER «SCHWEIZERBOTE» in Aarau vertraten weitgehend Alfred Eschers Eisenbahnpolitik. Der Verleger und Redaktor Zehnder hing mitten im Geschehen drin; er war als Journalist Stimmungs- und Meinungsmacher, als Stadtammann aber auch Verhandler

und Exekutive. Am Schluss durfte er selber das Geschehen kommentieren, kritisieren oder rechtfertigen. Die Winterthurer überschütteten Zehnder mit Vorwürfen und bezichtigten ihn des Verrats an der Sache. Doch dem Stadtvater oblag die Pflicht, die Gemeindekasse zu schonen und Baden so wenig Schaden als möglich zuzufügen. DAS KESSELTREIBEN um und in Baden gegen seine politische Stellung veranlasste Zehnder, auf eine weitere Kandidatur für das Ammann-Amt zu verzichten. Feindliche Zeitungen munkelten, mit dem «Tagblatt» würde es wohl abwärtsgehen, wenn der Verleger nicht mehr Stadtammann sei. Und Zehnder antwortete in einem Leitartikel etwa nach dem Motto: Lange bevor es einen Stadtammann Zehnder gegeben hat, bestand in Baden eine Zehnder-Presse – und dies wird auch so bleiben. In seinem Nekrolog 1896 steht die Bemerkung: «Dass in die Zeit seiner Amtsführung Entscheidungen fallen, die für die Gemeinde äusserst folgenreich werden sollten und an denen er ein gut Teil mitgewirkt, wer wollte es bestreiten; es irrt der Mensch, so lang er strebt. Aber es wäre ungerecht, ihm allein die Schuld an dem Misslingen zuschieben zu wollen.»

AUS: BADENER ALBUM, 1976

schen den beiden und zur Begründung der radikalen Konkurrenzzeitung «Die freie Presse» 1885. Damit entstand in Baden eine radikal-demokratische Presse, und Jäger wurde zum Begründer der linken Abspaltung der Freisinnigen, der späteren «Rheinkreispartei». DIE SCHÜLER AUGUSTIN KELLERS waren nun am Drücker. Die Etablierten, darunter die beiden liberalen Blätter «Badener Tagblatt» und «Aargauer Tagblatt», wollten das lange nicht wahrhaben. «Jäger spielte eigentlich die Rolle, die Joseph Zehnder Jahrzehnte vorher innehatte. Dieser war mit seinen Zeitungen inzwischen auf den rechten Flügel des Freisinns gerutscht», fasst Haberbosch die Situation zusammen. Das Zerwürfnis zwischen den beiden war so tiefgründig, dass kaum mehr Sachfragen im Zentrum standen, sondern nur persönliche Anfeindungen die Spalten füllten.

Das Machtstreben von Josef Jäger machte Zehnder misstrauisch.

Der Lebensabend: Zehnder und Jäger JOSEF JÄGER WAR ALS LEHRER (Professor) und später auch Rektor der Bezirksschule Baden ein Freund von Verleger Zehnder. Als Radikaler zählte er zwar zum linken Flügel der freisinnigen Partei, dennoch öffnete Zehnder seine Spalten für dessen Artikel. Als Bewunderer der Machtstellung eines Journalisten, der gleichzeitig als aktiver Politiker waltet, wollte Jäger die Schule verlassen und Redaktor des «Badener Tagblatts» werden. In einem Brief an den Verleger liess er durchblicken, dass er politische Ämter auf allen Ebenen anzustreben gedenke. Dieses Machtstreben machte Zehnder misstrauisch und seine Antwort war ein Nein. Er fürchtete, dass Jäger das Blatt schliesslich behändigen würde und seine Enkel, die er schon als Nachfolger sah, die Betrogenen wären. Dieses Nein führte zum Zerwürfnis zwi-

DEM TOD ZEHNDERS am 26. April 1896 war eine ganze Titelseite seiner Zeitung gewidmet. Doch wir zitieren dazu nicht nur aus diesem Text, sondern lassen zuerst die «NZZ» sprechen: «Zehnder gehörte jener nahezu ausgestorbenen Generation an, welche die heissen Kämpfe der dreissiger und vierziger Jahre mitgestritten hat und für die geistige Befreiung und nationale Einigung des Vaterlandes eine Leidenschaft einsetzte, die in den heutigen wirtschaftlichen und materiellen Kämpfen selten geworden. Geschäftsmann und Journalist, Sänger und Schütze – er hat zwei aargauische Kantonalschützenfeste geleitet – Mitglied und zum Teil Präsident der Gemeinde-, Kirchen- und Schulbehörde seines Wohnortes – alle diese Eigenschaften und Tätigkeiten zu vereinen war nur möglich in einer kleinen Stadt, in welcher der Kreis hervorragender Bürger beschränkt ist, und mit seiner ungewöhnlichen Lebens- und Arbeitskraft. Schriftstellerische Eleganz hat er wohl zeitlebens nie prätendiert; dafür war diesem Recken offenbar auch nie etwas von dem bewusst, was das jüngere und allerjüngste Geschlecht Nerven nennt. Er war ein Mann der Tat, geradeaus, durchgreifend, wenn es sein musste wohl auch gewalttätig.» UND WIR GEBEN auch dem erbitterten Gegner, Josef Jäger, das Wort: «Aus hartem Stoff geschaffen», habe er, «in der Grobschmiede des Schicksals zu einer Individualität herangehämmert», «allzeit breiten Raum für sich selber in Anspruch» genommen. «Mag die öffentliche Wirksamkeit des Verstorbenen in der engern und weitern Heimath so oder anders beurtheilt werden, in einer Beziehung steht Hr. Zehnder sel. den Besten seiner Zeit zur Seite: Er hat sein vollgerüttelt Mass von Arbeit redlich geleistet und es war sein unablässiges Bestreben, seinen Kindern und Kindeskindern gesicherte Existenzen zu schaffen.» «Und was immer sein Thun und Lassen für uns an Bitternis zur Folge gehabt: Die Schleier des Vergessens verhüllen Alles, bis auf das Antlitz eines gütigen, sorgenden Grossvaters, wie er allen zu wünschen ist, die unmündig Waisen werden.»

TATSÄCHLICH MELDET DER NEKROLOG im «Tagblatt» Details zum Familiären. «Im Kreise der Familie blieb ihm Sorge und Missgeschick nicht erDIE SPANNUNGEN zwischen dem spart. Zwei Gattinnen entriss ihm alt-liberalen und dem radikal-demo- nach kurzer Ehe der unerbittliche kratischen Flügel des Freisinns in Ba- Tod und all seine Kinder, an denen er den waren nicht nur pressepolitisch mit liebendem Herzen hing, sind begründet. Die forscheren Demokra- lang schon zur ewigen Ruhe eingeten fanden die Verfassung von 1885 gangen. Um so nachdrücklicher widkompromisslerisch; mete er sich seinen die bedächtigeren zahlreichen GrossLiberalen lobten kindern, die in ihm den Konsens, der den allzeit hilfsbezwischen den Konreiten Schützer und fessionen einerseits Helfer verehrten. sowie Staat und KirKein Tag verging, che andererseits erohne dass er nicht reicht worden war. der einen oder anDie spezielle Bade- Aus dem Nekrolog der «NZZ» dern Familie seiner auf Josef Zehnder ner Konstellation Kinder einen Beführte dazu, dass such abgestattet Zehnder sich der «Botschaft» und der und den Kleinen etwas zum Naschen konservativen Presse annäherte. Der gebracht hätte. Und wie seinen Ausdruck «ultramontan» verschwand Grosskindern ein lieber, wohlwollenaus dem Wörterbuch der Zehnder- der Grossvater, so war er seinen GePresse, dafür wird «demokratisch» schwistern während seines ganzen zum Schimpfwort. Die weiteren Aus- Lebens ein nimmermüder, stets mit einandersetzungen mit Jäger und sei- Rat und Tat zu Hilfe bereiter Bruder ner Presse und Partei sollten auch und seinen Freunden ein treuer den Nachfolger Otto Wanner noch Freund.» beschäftigen.

«Er war ein Mann der Tat, geradeaus, durchgreifend, wenn es sein musste wohl auch gewalttätig.»

SICHER IST, DASS JOSEF ZEHNDER auch nach dem Verkauf des Verlages an seinen Enkel im Herbst 1894 weiterhin für seine Zeitung tätig war. Die zwei Jahre, die ihm noch verblieben, lebte er «seiner gewohnten Tätigkeit», vermerkte man im Nekrolog. «In sei-

*Andreas Müller ist Historiker und Verfasser der «Geschichte der politischen Presse im Aargau».


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Das Dorf in die Stadt mitgenommen

Von den Tagblättern zu den AZ Medien 1959: Aargauer Tagblatt forciert Kopfblatt-Strategie: Lesern der Lenzburger Zeitung – letztes Erscheinen 30. Oktober – wird ab 2. November das Aargauer Tagblatt mit eigener Regionalseite zugestellt.

Liegenschaften Die steingewordenen Anfänge der Zehnder-Wanner-Presse VON PATRICK ZEHNDER*

Die Wiege des Begründers der Zehnder-Wanner-Presse, Josef Zehnder, stand im Birmenstorfer Hinterdorf. Das Haus Hinterdorf 147 liegt heute an der Widegass. Es handelt sich um ein Vielzweckhaus, wie sie in Birmenstorf dank den persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Freiheiten im jungen Kanton Aargau zahlreich gebaut werden konnten. Neben einem Wohn- und einem Stallteil verfügte es über eine Scheune und darüber verschiedene Böden für die Lagerung von Holz, Heu und Getreide. Die bessere finanzielle Lage des Besitzers lässt sich an dem bis zum Dach aufgehenden Mauerwerk, dem Gewölbekeller und dem ziegelgedeckten Satteldach ablesen. Die Familie Zehnder zählte zweifellos zur dörflichen Oberschicht. Vater Johann Zehnder, Gemeindeammann und Grossrat, ermöglichte einen Anbau für eine Druckerei, wo seit 1838 die «Aargauer Zeitung», nach 1840 die «Schweizerische Dorfzeitung» erschien. Von den ersten Versuchen Josef Zehnders, in der benachbarten Stadt Baden Fuss zu fassen, fehlen genaue örtliche Angaben. 1845 erstand er die Liegenschaft «Zum Schlossberg» gleich neben dem Stadtturm. Dies zeugt vom Versuch der Zehnders, in der Stadt Baden sichtbar zu werden – symbolisch durch das mächtige Gebäude, personell durch die Gebrüder Johann und Josef, welche neben der Buchdruckerei eine Buchhandlung, eine Tavernenwirtschaft und eine Brauerei führten. Bruggerstrasse: Ausserhalb der Stadt Geschäftliche Turbulenzen führten 1855 zur Trennung der Brüder. Dank des Vermögens seiner dritten Gattin konnte Josef ein Haus an der Bruggerstrasse bauen lassen. Der Standort lag damals ausserhalb der Stadt und hinter der 1847 angelegten Bahnlinie. Die Zeitgenossen verstanden die örtliche Veränderung zweifellos als gesellschaftlichen Abstieg. In dieser Krise scheint sich Josef Zehnder auf seine dörflichen Wurzeln besonnen zu haben. Das Haus an der Bruggerstrasse ähnelt der Liegenschaft in Birmenstorf, wenn auch der landwirtschaftliche durch einen gewerblichen Ökonomieteil ersetzt wurde. Mit der Zeit allerdings umarmte die Stadt durch ihre Entwicklung die Zehnder’sche Immobilie an der Bruggerstrasse. 1874 verlegte Fritz Merker die Blechwarenproduktion in das nahe Gstühl. Brown, Boveri & Cie. bauten ihre erste Fabrik 1891 auf dem nahen Haselfeld. Unmittelbar daneben gründete Heinrich Müller 1897 seine Brauerei.

1969: Pachtung des Brugger Tagblatts durch das Aargauer Tagblatt; Badener Tagblatt kontert mit dem Aufbau einer Redaktion Brugg-Windisch. 1973: Übernahme der Freiämter Zeitung durch das Aargauer Tagblatt und Lancierung des Freiämter Tagblatts. In den 80er-Jahren kontert das Badener Tagblatt mit den Kopfblättern Bremgarter Tagblatt und Freiämter Nachrichten. 1977: Aargauer Tagblatt lanciert Ausgabe Fricktal. 1984: Trennung von der Publicitas, Übergang des Badener Tagblatts in Eigenregie. 1985: Heinz Bächinger wird Nachfolger von AT-Verleger Walter Widmer. 1986: Bildung einer Geschäftsleitung beim Badener Tagblatt unter dem Vorsitz von Peter Wanner. 1987: Einstellung des Freien Aargauers.

Das Elternhaus von Josef Zehnder im Birmenstorfer Hinterdorf.

AUS: GESCHICHTE DER GEMEINDE BIRMENSTORF, 1983

1987: Aargauer Tagblatt lanciert eine Ausgabe Zofingen. 1987: Erste Direktübertragung von Rüsler TV (Badenfahrt-Umzug). 1988: Übernahme des Limmattalers durch das Badener Tagblatt. 1990: Einführung eines modernen Rechnungswesens mit ProfitcenterStruktur beim Badener Tagblatt. 1990: Gründung von Radio Argovia. 1991: Bezug des Neubaus in der Telli durch das Aargauer Tagblatt, Investition in eine grosse Akzidenzdruckerei. 1992: Übernahme des Aargauer Volksblatts durch das Badener Tagblatt, Abtausch mit der Akzidenzdruckerei. 1993: AT und BT bilden eine Werbekombination «AG-Kombi». 1994: Aargauer Tagblatt, Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt gründen die Mittelland-Zeitung. 1995: Start von Tele M1 (als Nachfolger von Rüsler TV).

Die Liegenschaft von Josef Zehnder an der Bruggerstrasse in Baden.

ARCHIV WANNER

Der «Tagblatt-Turm» Zehnder sah auch seine bauliche Position in der Stadt wieder aufgewertet. Die zentrale Lage führte dazu, dass Ende der 1950er-Jahre die gross angelegte Verkehrssanierung die alte Buchdruckerei verdrängte. Sie musste dem 1962–65 erbauten «Tagblatt-Turm» weichen, welcher auf eine dreieckige Insel des ehemaligen Zehnder’schen Grundstücks zu stehen kam. Mit der Verlegung von Redaktion und Druckerei der Aargauer Zeitung nach Aarau verwirklichte die Verlegerfamilie Wanner einen Plan, den bereits Josef Zehnder hegte. Schon 1838 trug sich der Gründervater mit Gedanken, die Betriebe in Birmenstorf und Baden zugunsten einer Kantonsbuchdruckerei in der Kantonshauptstadt aufzugeben.

1996: Fusion von Aargauer Tagblatt und Badener Tagblatt, Gründung der AZ Medien AG. Rücktritt von Otto Wanner als Verleger und VR-Präsident. Peter Wanner wird operativer Chef der AZ Medien und hält 50% des Aktienkapitals. 1996: Trennung von der ofa; Auseinanderbrechen der Werbekombination mit Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt. 2001: Neuauflage der Mittelland Zeitung. 2007: Übernahme bz Basellandschaftliche Zeitung AG. 2007: Lancierung der Zeitung «Der Sonntag». 2009: Vogt-Schild Medien gehen an AZ Medien AG (Solothurner Zeitung, Radio 32, diverse Anzeiger). 2010: Amtsantritt von CEO Dr. Christoph Bauer.

*Patrick Zehnder ist Historiker und Geschichtslehrer an der Kantonsschule Baden.

2010: Neues Layout Tageszeitungen mit regionalen Nachrichtenportalen und ausgebautem multimedialem Angebot.

Der 1962 bis 1965 erbaute «Tagblatt-Turm» in Baden. Heute im Besitz von Hans Wanner.

ALEX SPICHALE

2011: Kauf von Tele Züri und Tele Bärn.


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Otto Wanner sen. – der Mehrer des Betriebes 19./20. Jahrhundert Josef Zehnders Nachfolger bettete das Geschäft in den aufstrebenden Wirtschaftsstandort Baden ein den aufstrebenden Industrie- und Wirtschaftsstandort Baden erahnte und förderte, das Potenzial für sich selber erkannte und ausnutzte. Er bettete seinen Betrieb in die neue Gewerbelandschaft ein, ohne dabei den Bezug zur traditionellen Bäderstadt zu verlieren.

VON ANDREAS MÜLLER*

WIR SIND ES GEWOHNT, einem Gründer eines Unternehmens die grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Dem Nachfolger gilt meist weniger Interesse: Von Belang ist die Form des Erbganges, dann die gute Verwaltung des anvertrauten Betriebs. In diesem Sinne wurde auch oft mit Otto Wanner sen. verfahren. Die langjährige Leitung der Druckerei und des Zeitungsverlages durch Otto Wanner jun. und der Bau des BT-Turms an der Bruggerstrasse anlässlich der Verkehrssanierung in Baden liessen das Lebenswerk des Sohnes eindrücklicher und manifester erscheinen. Gleichsam im Schatten dieses Bauwerkes wurde nicht nur das «letzte Haus links» weggeräumt, sondern auch jene Druckerei, die 1909 zum modernsten Unternehmen der Branche im Kanton gehörte, ohne sichtbare Transmissionen und versehen mit Setzmaschinen, die als Wunderwerke der Technik gelobt wurden. DER MEHRER DES BETRIEBES, Otto Wanner sen., mag in der Geschichte des «Badener Tagblatts» als Redaktor und Zeitungsverleger hinter seinem Vorgänger und auch den Nachfolgern zurückstehen; bezüglich der Akzidenzdruckerei und der Einbettung des Geschäftes in den aufstrebenden Wirtschaftsstandort Baden hat er Grosses und Nachhaltiges geleistet.

So wurden einst Zeitungen hergestellt: Blick in den Druckereisaal Anfang der 30er-Jahre. ES GEHT GERNE VERGESSEN, dass im zeitungsreichen Kanton Aargau kein Blatt – auch keine Tageszeitung – ohne Geschäftsdruckerei überleben konnte. Es war eine echte Symbiose. Dank der Zeitung war die allgemeine Druckerei in aller Munde; die Akzidenz aber sicherte der Zeitung das Überleben im Auf und Ab des Inseratemarkts. Der Reklamewert der Zeitung überstieg denjenigen von gepflegter Druckware; das Einkommen aus der Akzidenz war weniger vom politischen Kampfgetümmel abhängig als die Parteipresse. Sollte der Gesamtbetrieb florieren, hing dies von der Qualität der Erzeugnisse ab, aber auch vom Kundenkreis und damit vom Netzwerk des Inhabers. Und in diesen bei-

den Sparten bewies Otto Wanner sen. seine eigentliche Stärke. Der Grossvater Zehnder hat ihn nicht ohne Grund in der schwarzen Kunst trefflich aus-

Er bereitete den Nachfolgern den Boden, auf dem das heutige Unternehmen gründet. bilden lassen, auf dass ihm niemand «Schuster im Fach» nachrufen konnte, wie ihm selber geschehen. DER ALLSEITS BELIEBTE GESCHÄFTSMANN, der damit den Be-

ZIPSER/ARCHIV WANNER

trieb durch alle Fährnisse von Krieg und Wirtschafts- und Währungskrisen steuern konnte, hatte die Gabe der Leutseligkeit und Fairness – aber nicht in Kursen und Studien erworben, sondern als Charaktereigenschaft. Als Geschäftsmann überragte er seinen bärbeissigen Vorgänger haushoch, und er bereitete den Nachfolgern den Boden, auf dem das heutige Unternehmen gründet. ZWAR NENNT MAN DIE ZEIT VOR DEM ERSTEN WELTKRIEG die «Gründerzeit». Otto Wanner hatte das Glück, in dieser Epoche ein bestehendes Geschäft innerhalb der Familie erwerben zu können. Aber er war es, der

DIES IST SEIN NACHHALTIGER BEITRAG zur Firmengeschichte, auch wenn davon in Realität nichts mehr zu sehen ist. Seine Druckerei ist der Verkehrssanierung und dem Turmbau zum Opfer gefallen und über die Fusion schliesslich nach Aarau abgewandert. Die Geschäftsdruckerei war bei der Übernahme des «Aargauer Volksblatts» als Tauschobjekt an die «Buchdruckerei A.G.» abgetreten worden. Ja, selbst der Titel der Zeitung «Badener Tagblatt», den er zeitlebens mit gleichem Kopf und Wappenzier bewahrt hatte, ist nur noch Erinnerung und Geschichte.

Der Netzwerker IM GEGENSATZ ZU JOSEF ZEHNDER war seinem Nachfolger nicht jene reckenhafte Gesundheit im Alter geschenkt, die ihn – hochbejahrt – praktisch am Arbeitsplatz vom Tod ereilen lässt. Zehn Jahre früher, mit 74 Jahren, war sein Lebenskreis geschlos-


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SH heimatberechtigt. Offenbar war es ihm ein Anliegen, diese Zufälligkeit zu korrigieren.

sen. «Schon seit langer Zeit war seine früher kerngesunde, ja direkt jugendliche Gestalt gebrochen. Mühsam schleppte er sich, geführt von einem seiner Söhne, durch die Bruggerstrasse», berichtet uns ein Nachruf. Und schon erkennen wir den Unterschied zum Vorgänger. Dem offiziellen Nekrolog am 28. Mai 1941 folgten anderntags die Abschiedsgrüsse seiner Freunde, aus denen eine mitfühlende und ungetrübte Kameradschaft spürbar wird. Selbst sein Konkurrent und Gegenspieler Bärlocher vom «Aargauer Volksblatt» konnte ohne kritische Zwischentöne ausführlich über sein Wesen und Dasein berichten: «Ein schönes Stück vom alten, strebsamen, lebensfrohen Baden» sei mit ihm ent-

Das Zehndersche Erbe ZUM ERBE des streitbaren Grossvaters Zehnder gehörte, dass die kleine Stadt Baden um 1900 zwei Tageszeitungen besass, die beide der freisinnigen Partei nahestanden. Daneben erschien dreimal pro Woche das katholisch-konservative «Badener Volksblatt». Durch die Streitereien zwischen Jäger und Zehnder war Baden zum politischen Sonderfall im Aargau

Baden blieb immer das Zentrum seines Wirkens, obwohl er erst spät das Bürgerrecht erwarb.

Er arbeitete für die Öffentlichkeit, aber nicht für die Tribüne, sondern zur Sache. schwunden. Und wir fühlen, dass er den Menschen und nicht den Pressemann vermissen wird. IN ALLEN BERICHTEN erscheint die Herzlichkeit und Wärme, die er im Kreise seiner Freunde verströmt hatte. Dann aber folgt der gewiegte Gesellschafter, dessen Tischreden geradezu sprichwörtlich waren, träf, geistreich und voller Anekdoten und Bonmots. «Auf Wanners Reden, Glossen und Erklärungen zu Tages- und Stadtereignissen wartete man eigentlich», wird erzählt. Und so kommt nicht von ungefähr, dass sein gleichnamiger Sohn zeitlebens diese Tradition fortführte.

Drucker Ackermann bei einer alten Zeitungsmaschine. DER KREIS DER FREUNDE entstammte nicht nur den prägenden Leuten der freisinnigen Partei Badens, der so genannten «Schlossberg-Runde» auf der «Kälberterrasse». Dazu gesellte sich gerne auch Redaktor Billo von der «Freien Presse» oder Bärlocher vom «Aargauer Volksblatt». Der Austausch politischer Meinungen im persönlichen Gespräch, auch wenn die Haltungen kontrovers waren, gehörte zu den Eigenheiten Wanners und waren typisch für seine liberale Einstellung. Die andern Presseleute genossen diese Offenheit umso mehr, als dieser Baden in- und auswendig kannte und

er ihnen, die von auswärts stammten, etwas zu bieten hatte. IM GEMEINWESEN, IN VEREINEN UND GESELLSCHAFTEN, dabei meist im Vorstand, machte er sich kaum Feinde, weil er keine Macht anstrebte. Er arbeitete für die Öffentlichkeit, aber nicht für die Tribüne, sondern zur Sache. Als Mitglied der Rechnungs- und Budgetkommission diente er der Gemeinde, ab 1904 war er Verwaltungsrat der Gewerbekasse, ab 1925 gar Präsident «seiner» Bank, dazu prägende Figur des Verkehrsvereins, Mitglied und Präsident des

ZIPSER/ARCHIV WANNER

Männerchors. Als Verleger des Fremdenblattes gehörte er zur alten Kasinogesellschaft, als Oberleutnant der Offiziersgesellschaft an, als Förderer der Pontoniere wurde er schon in frühen Jahren Ehrenmitglied dieses Vereins. MIT ALL DIESEN TÄTIGKEITEN schuf er sich das Netzwerk, das weit über die Grenzen der freisinnigen Partei hinausreichte. Baden blieb immer das Zentrum seines Wirkens, auch wenn er erst später das Bürgerrecht der Geburtsstadt erwarb. Durch seinen Vater war er in Schleitheim

geworden: Trotz der kantonalen Fusion der liberalen mit der demokratischen Partei 1896 stritten sich der liberale und der radikale Flügel immer wieder. Zwar hatten die beiden Streithähne einen taktischen Waffenstillstand geschlossen, um Jäger den Nationalratssitz zu ermöglichen. Doch dieser brauchte sein Journal dringend, um seine Position zu halten. ALS JÄGER UM 1900 in der «Freien Presse» behauptete, er sei zur Zeitungsgründung gezwungen worden, weil Zehnder ihm eine Beteiligung am «Badener Tagblatt» versprochen habe, dann aber wortbrüchig geworden sei, wehrte sich Otto Wanner für


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bereits Sohn Manfred Jäger) die «Freie Presse» indirekt der BGB verkaufen musste.

seinen verstorbenen Grossvater. Diese Behauptung könne nicht stimmen und müsse bewiesen werden. Jäger zitierte die Abschrift eines angeblichen Briefes, von dem das Original leider nicht mehr existiere. Wanner, seiner Sache sicher, erklärte, dass eine Fälschung vorliege. Nun wurde Wanner von Jäger eingeklagt, und der friedfertige Wanner musste erleben, dass sein Kontrahent sich über Jahre an dieser Sache festbiss. Er wollte keine Verurteilung anerkennen und zog die Affäre durch alle Instanzen bis zum Bundesgericht. Selbst diese Niederlage konnte der stolze Nationalrat nicht verkraften und beschimpfte in der Folge alle Gerichtsinstanzen als befangen und versah sie mit Schlötterlingen. Das bekam dem Amtsträger nicht. 1901 noch knapp wiedergewählt, fiel er 1905 durch. Damit blieb in Baden das «Feuer im Dach» – und die Sezession nährte weiter zwei freisinnige Zeitungen.

Die 1930er-Jahre ES HABE EINEN «FRONTENFRÜHLING» im BT gegeben, wurde in historischen Berichten behauptet. Damit rückte Otto Wanner sen. in das Fadenkreuz der Kritiker, weil er vor dem Krieg praktisch Alleinredaktor war. Eine genaue Analyse der Texte vermittelt ein klares Bild: Nicht anders als andere bürgerliche Blätter bezog auch Wanner viele Kommentare von der Agentur «Schweizerische Mittelpresse». Dem dortigen Redaktor Haas können gewisse Sympathien zur «Aufbruchstimmung» in Deutschland nachgesagt werden. Damit werden die Auswahlprinzipien zum Kriterium. Die abgedruckten Artikel zeigen weder eine Affinität zum Faschismus noch zu den Ablegern oder Nachahmern in der Schweiz. Wie aber kommt die Saga zustande? Wie kam Wanner ins Zwielicht der Geschichtsschreiber?

DA JÄGER MIT SEINEN GETREUEN 1907 aus der kantonalen Partei austrat, war Otto Wanner gezwungen, mühevoll im Bezirk Baden die freisinnige Partei neu zu gründen. Diese Erfahrung und seine Treue zur Partei schufen in ihm fast eine Allergie gegenüber Abspaltungen und Sonderzügen im aargauischen Freisinn. Er bekämpfte 1912 öffentlich die Sonderaktion der Aarauer Keller-Anhänger, genauso wie die Abspaltung der Bauernpartei nach dem Ersten Weltkrieg. Dass sich selbst das Gewerbe damals mehr zu Roman Abt und dessen Presse hingezogen fühlte und die Fixbesoldeten und mittleren Kader sich hinter der «Neuen Aargauer Zeitung» von Redaktor Allemann in Aarau sammeln wollten, verstärkte Wanners Sorge. Der offene Geist der Partei, wie er Liberalismus verstand

IM ZEITALTER DES «FRONTENFRÜHLINGS» war Otto Wanner jun. Student der Jurisprudenz in Zürich. Er – nicht der Vater – kam in den Sog der damaligen Bewegung an der Hochschule, welche sich auch in der Zeitschrift «Zürcher Student» niederschlug. Er wurde Anfang der 1930erJahre kurzfristig Ortsgruppenleiter der «Front» in Baden. Schon im November 1933 trat er zurück. 1936 hat er einen Artikel verfasst, welcher einem vernünftigen Nationalismus das Wort sprach, aber mit einem Bekenntnis zur Demokratie verbunden

Eine «Haltung», in irgendeiner Richtung, konnte man dem BT damals kaum ansehen.

Was er verbal vertrat, erschien auch vorgängig und später als Kommentar in seiner Zeitung. und in seiner Zeitung praktizierte, schloss doch niemanden aus und machte Alleingänge überflüssig. Nachdem seine Mediationen bezüglich Bauern fruchtlos geblieben waren, verstand er seine Zeitung als Dach über der freisinnigen Grossfamilie. 1913 wurde der Waffenstillstand offen dokumentiert: Jäger und Wanner kandidierten auf derselben Liste für die Grossratswahlen, wobei sich der BT-Verleger mehr als Symbol der neuen Harmonie denn als Listenfüller verstand. In seinem Blatt fehlte jede Propaganda für seine Person. Doch für den beissenden Spott seitens Redaktor Rusch vom «Aargauer Volksblatt» hatte er damit gesorgt: Die alten Feinde vereint – das konnte ja nur ein Kniefall Wanners vor Jäger sein!

war. Der Vater hatte den Text als Diskussionsbeitrag in seine Zeitung eingerückt, denn der Junior war damals noch der Meinung, dass er Bankjurist werden wolle. Erst zum Jahreswechsel 1939 hatten sich die Söhne Eugen und Otto entschlossen, ins Verlagswesen einzusteigen und den Vater abzulösen. Und darauf folgten der Krieg, die Zensur und damit eine klare hitlerkritische Haltung.

Otto Wanner (1867-1941): Beliebter Geschäftsmann und guter Netzwerker.

1910 WURDE JÄGER als Stadtammann gewählt. Otto Wanner blieb in Baden der Kritiker von Stadtammann Jäger. Der in Baden Geborene hatte dabei seinem Gegenspieler einiges voraus. Seine Freundschaft mit Direktor Funk von BBC machte ihn zudem zum Sprecher der aufstrebenden Industrie und ihrer Interessen. Als Präsident der Rechnungsprüfungskommission war er amtlich der Kontrolleur der Exekutive, und sein Wort an der Gemeindeversammlung hatte Gewicht. Er war als Zahlenmensch sorgfältig auf die Geschäfte vorbereitet. Was er verbal vertrat, erschien auch vorgängig und später als Kommentar in seiner Zeitung.

potenzial als Wohngegend für Angestellte und Arbeiter der aufstrebenden Betriebe. Den Ausbau der Surbtalbahn Döttingen–Niederweningen musste er aus gleichen Gründen ablehnen, denn nur der Postautokurs band das Surbtal ans Zentrum Baden an. Der Präsident der Gewerbebank musste für den Wirtschaftsstandort eintreten. Er verhinderte 1931, dass die SBB mittels eines Heitersbergtunnels Baden umfuhr. Einmal stritt er sich mit dem Ammann vergeblich: beim Bau des Postgebäudes neben dem Bahnhof. Dort war seine Argumentation eine ästhetische, keine wirtschaftliche: Er fand das Projekt von Prof. Moser ganz einfach «armselig» und votierte gegen den Kredit. In allen diesen Traktanden stand er nicht nur Jäger entgegen: Auch die «Freie Presse» vertrat den andern Standpunkt. Auch, als diese Presse bereits im Sold der Bauernpartei stand.

SO KÄMPFTE WANNER für die Hochbrücke am jetzigen Standort (nicht beim Theaterplatz), um das Wettinger Feld an Baden anzuschliessen. Mit Recht erkannte er das Entwicklungs-

ERSTAUNLICH LANGE reihte Wanner Meldungen aus Wettingen im Ressort «Aargau» ein. Unter «Lokales» figurierten nur Badener Berichte. Erst nach dem Bau der Hochbrücke

Der Lokalpolitiker in Partei und Presse

gliederte er auch Wettingen dem «Lokalen» an. Dabei wurde die aufstrebende Wohngemeinde ennet der Limmat zur Hauptkundschaft seiner Zeitung. Die Einheimischen lasen das «Volksblatt», die Zugezogenen

Die Zeitungen hatten über die Kriegsjahre an innerem Gehalt nur gewonnen. das «Tagblatt». Das BT wurde gerade durch seine Nähe zur Industrie, die ausgiebigen Jahresberichte und die abgedruckten Referate der leitenden Wirtschaftspersönlichkeiten der Belegschaft unentbehrlich. ÄHNLICH KONSTANT, FAST STÖRRISCH verfuhr er mit der Kriegsberichtserstattung 1914–18. Der «Europäische Krieg» blieb für ihn Titel und Fachwort für die Ereignisse bis zum Eintritt der USA ins Geschehen. Dann aber stand er ganz auf der Seite der Pax Americana von Präsident Wilson.

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Für den Egoismus der europäischen Siegermächte fand er harte Worte. Den Völkerbundsgedanken hielt er auch dann hoch, als er bereits pervertiert wurde und sich die Niederhaltung Deutschlands mittels Reparationen einnistete. IM GEGENSATZ ZU JÄGER hatte Wanner in den Kriegsjahren gewichtige Stimmen wie Romain Rolland, Gustav Falke oder Spitteler in extenso abgedruckt. Nationalrat Jäger aber behauptete, dass solche Kommentare und Aufrufe schlimmer seien als das Blutvergiessen selber. Sie verlängerten den Krieg. Nur in der Beurteilung der russischen Revolution waren sich die drei Zeitungen in Baden einig. Überhaupt hatten die Zeitungen an innerem Gehalt über die Kriegsjahre nur gewonnen. Das Interesse an der Weltpolitik war gewachsen. Doch für die Zeitungsverleger war die Kriegszeit ein «Martyrium». Dies die Worte von Josef Jäger. Dasselbe galt aber auch für Otto Wanner. Doch dieser verstand es, die Klippen zu umschiffen, während die Familie Jäger 1923 (damals

ES WAR EINERSEITS die liberale Haltung von Wanner sen., die ihn veranlasste, ohne Scheuklappen offen über alle Fragen diskutieren zu lassen, auch über damals heikle Geschäfte wie politische Erneuerung, Währungsreformen, Korporationen. Anderseits darf auch nicht übersehen werden, dass ihm persönlich die einsame Redaktionsarbeit verleidet war, er schon an einen Verkauf des Geschäftes dachte, da er lange Zeit keinen seiner Söhne als Nachfolger sah. Er äusserte sich immer seltener zu politischen Tagesfragen und war froh, wenn Diskussionsbeiträge dem Blatt Spannung vermittelten. Eine «Haltung», in irgendeiner Richtung, konnte man dem BT damals kaum ansehen. Dies hat dem Ruf der Zeitung damals geschadet und den Verleger und Redaktor mitgezogen. ZU BEGINN DES ZWEITEN WELTKRIEGES musste der Vater noch als Nothelfer einspringen. Doch waren seine körperlichen Kräfte schon am Schwinden. Der 28. Mai 1941 war sein Todestag.

*Andreas Müller ist Historiker und Verfasser der «Geschichte der politischen Presse im Aargau».


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Im Westen was Neues: Start in der Kantonshauptstadt Aarau Das «Aarauer Tagblatt» war als erste Aargauer Tageszeitung dem «Badener Tagblatt» ein Jahr voraus rakamm zu ihrem Einzugsgebiet erklärte, läuteten beim «AT» die Alarmglocken. Sollte das Fricktal zeitungspolitisch an Basel fallen? Um dem entgegenzuwirken, wurde innert Monatsfrist die Splitzeitung «Aargauer Tagblatt, Ausgabe Fricktal» aus dem Boden gestampft. Ähnlich hatte Verleger Erwin Hinden bereits 1967 einen ausserkantonalen Gratis-Grossanzeiger abgewehrt, indem er kurzerhand den «Aargauer Kurier» lancierte. Der rentierte allerdings nie, gab jedoch dem «AT» eine zweite gesamtaargauische Stimme und verhinderte den Abfluss von Inserateerträgen aus dem Kanton. DIE KONKURRENZ, das «Badener Tagblatt», schlief auch nicht. Es investierte mehr in journalistische Schöpfungen und weniger in Maschinen, baute die Regionalredaktionen Brugg, Zurzach, Bremgarten, Wohlen und Fricktal auf und schuf eine «Mittwoch-BT»Grossauflage sowie eine kulturell-politische Monatsbeilage, die «Aargauer Blätter». In der Region Brugg, im Freiamt und im Fricktal entbrannte zwischen «AT» und «BT» ein Wettstreit um Neuabonnenten, der ZeitungskriegCharakter annahm. Anfang der 90er-Jahre sanken plötzlich die Werte im «AT»-Lesermarkt. Die Chefredaktion ortete verschiedene Ursachen: Mentalitätswandel und Mobilität, veränderte Leserstrukturen und Medienansprüche, aber auch Handlungsbedarf in Inhalt und Serviceleistungen, im Erscheinungsbild und in der «Tagblatt»Imagepflege. Etliche Anliegen von publizistischer Seite, vor allem die aus Aktualitätsgründen unbedingt nötige flächendeckende Frühzustellung, hatten wegen der enormen Investitionen

Das Gebäude des «Aargauer Tagblatts» an der Bahnhofstrasse in Aarau. VON HANS-PETER WIDMER*

AM 1. MAI 1847, am Vorabend des Sonderbundskrieges, schritt der fortschrittsgläubige, furchtlose und wortgewaltige Samuel Landolt, Kulturkämpfer und journalistischer Haudegen, zur Tat: Er schuf die vier Seiten starke Nummer 1 des «Aarauer Tagblattes», der ersten aargauischen Tageszeitung. Als Redaktor, Drucker und Verleger in einer Person hatte er Erfahrung, denn seit 1838 gab er «Das Posthörnchen», ein Wochenblatt, heraus. Darin deckte er seine Gegner häufig mit unflätigen Ausdrücken ein. Umgekehrt verhöhnten sie ihn, in Anlehnung an seine Postille, als «das Landöltli». In seiner Bude hielt er es nicht mehr aus, als die Spannungen dem Sonderbundkrieg zutrieben; er beteiligte sich als Trommler an zwei radikalen Freischarenzügen gegen die jesuitenfreundliche Luzerner Regierung. Bei der zweiten Aktion wurde er festgenommen und zum Tod verurteilt, aber auf das Versprechen hin, sich weiterer Hetztiraden zu enthalten, freigelassen. Daran erinnerte er sich bei der Rückkehr freilich nicht lang, sondern schuf mit der täglichen Zeitung einen neuen publizistischen Zweihänder. ABER LANDOLT und sein kleines Tagblatt mit einer Auflage von 300 Exemplaren wurden bald durch eine zweite Tageszeitung am Ort, den «Anzeiger» (die späteren «Aargauer Nachrichten»), bedrängt und durch Presseprozesse geschwächt. 1856 musste er den Betrieb an Friedrich Kappeler verkaufen. Nach dessen Tod ging das Unternehmen an Karl Stierli über. Der fügte dem Zeitungskopf 1880 das wichtige «g» bei

HEINZ FRÖHLICH

und drückte damit das Selbstbewusstsein des «Aargauer Tagblattes» als kantonales Organ aus. Einen Aufschwung nahm die Zeitung allerdings erst nach dem Übergang an die Aktiengesellschaft Aargauer Tagblatt (1887). Deren Bezeichnung blieb 109 Jahre lang, bis zur Fusion mit dem «Badener Tagblatt» (1996), fast unverändert. Ihr Zweck war die Herausgabe «einer in freisinnig-liberalem Geist redigierten Zeitung». Nun besorgten fachkundige Redaktoren, zunächst einzeln, dann zu zweit und ab 1913 vorübergehend zu dritt, die Schriftleitung. Das «Tagblatt» wie auch seine örtliche Konkurrenz, die «Nachrichten» – beide mit freisinnigen Wurzeln –, erschienen bis 1914 siebenmal in der Woche. Am Samstagnachmittag versandte man noch eine Sonntagausgabe!

Aarauer Bahnhofstrasse umgezogen, wo heute das AZ-Medienhaus steht. Die schwierigen 30er- und 40er-Jahre überstand das «Tagblatt», das aus einer zeitweise im Aktivdienst stehenden Zwei-Mann-Redaktion und einem Bundeshauskorrespondenten bestand, mit bis auf vier Seiten reduzierten Ausgaben. Die «Neue Aargauer Zeitung» überlebte nicht. Sie ging 1946 ein. Das Druckereipersonal samt dem Chef Erwin Hinden wechselte ins «Tagblatt» – was sich als Glücksfall erwies.

DOCH DAS WAR noch nicht genug der pressepolitischen Hektik in der Kantonshauptstadt mit 9000 Einwohnern. 1912 erschienen zwei zusätzliche Tageszeitungen: der «Freie Aargauer» als Nachfolger des 1906 gegründeten sozialdemokratischen Parteiorgans sowie die «Neue Aargauer Zeitung», welche den linksliberalen Standpunkt des Freisinns vertrat und vor allem in Beamten- und Angestelltenkreisen gelesen wurde. Dies war nun aber auf engem Raum des Guten zu viel an freisinnig-bürgerlichem Zeitungsstoff. Dazu kam die für alle Zeitungen harte wirtschaftliche Belastungsprobe des Ersten Weltkriegs. 1918 übernahm das «Aargauer Tagblatt» die «Nachrichten». Inzwischen war der Druckerei- und Zeitungsbetrieb aus engen Altstadträumen in ein neues Gebäude an die

DER MARKANTE AUFSCHWUNG ab Mitte der 50er-Jahre, die zunehmende Mobilität und der gesellschaftliche Wandel stellten die Presse vor neue Herausforderungen. Erwin Hinden, seit 1956 Direktor und Verleger des «Tagblatts», sowie ab 1971 bis 1985 sein Nachfolger Walter Widmer forcierten den Ausbau der Redaktion und der technischen Infrastruktur. Das «AT» setzte auf mehrere Pfeiler wie Zeitungs-, Fach- und Zeitschriftenverlage, Kalender- und Buchverlage, Buchhandlungen und Akzidenzdruckerei. Durch diese Vielseitigkeit hoffte man, das «Tagblatt» als Firmen-Flaggschiff wirtschaftlich abzusichern. Zur Unabhängigkeit der Zeitung wurden zudem im Unternehmen eine breite Streuung des Aktienkapitals sowie eine Stimmrechtsbeschränkung statuiert. Kein dominie-

Die Expansion beruhte hauptsächlich auf der Schaffung regionaler Splitausgaben.

Kein dominierender Aktionär, keine Partei sollte sich das «AT» unter den Nagel reissen können.

render Aktionär, keine Partei oder andere Institution sollte sich das «AT» unter den Nagel reissen können.

in das Druckzentrum und die Infrastruktur bisher nicht oder nur teilweise erfüllt werden können.

DIE AARGAUER TAGBLATT AG wuchs zum grossen grafischen Betrieb. Anfang der 70er-Jahre stieg die Mitarbeiterzahl auf 250 und bis Mitte der 90er-Jahre auf 570 Personen. 1981 und 1991 erstellte das Unternehmen in zwei Etappen im Aarauer Industriequartier Telli eine Grossdruckerei und ein Zeitungshaus. Die Zeitung blieb die rentierende Hauptstütze des Hauses. Aber sie gab mangels einer klaren Proficenterstruktur auch Mittel ab, die sie zur dynamischen Fortentwicklung für ein stärkeres Lesermarketing und für eine rasche, vollumfängliche Frühzustellung in den 90er-Jahren selber hätte brauchen können.

WIRTSCHAFTLICHE ÜBERLEGUNGEN, um den Auflagerückgang zu kompensieren, führten 1994 zum ersten Experiment «Mittelland-Zeitung», nämlich zur Kooperation – nicht Fusion – von «Aargauer Tagblatt», «Zofinger Tagblatt» und «Oltner Tagblatt». Zusammen erreichten die drei Blätter rund 80 000 Exemplare. Damit hofften sie, stärker an nationalen Marken-Werbekampagnen teilzuhaben. Die beiden kleineren Partner «ZT» und «OT» profitierten mehr als das «AT» vom Auflagenutzen im Anzeigengeschäft. Die redaktionelle Zusammenarbeit und das Bemühen um eine «Unité de doctrine» im Erscheinungsbild erwiesen sich als recht schwierig. Das «AT» lieferte im Prinzip den Zeitungsmantel (Ausland, Inland, Wirtschaft, Sport, Spezialseiten). Umgekehrt trat das «Aargauer Tagblatt» dem «ZT» die redaktionelle Betreuung seines bisherigen Zofinger Lokalteils und dem «OT» die Regionalausgabe Niederamt ab. Bei der Fusion von «Aargauer Tagblatt» und «Badener Tagblatt» (1996) ging das Dreiergespann «AZ», «OT», «ZT» zunächst in die Brüche, aber aus den «Ruinen» blühte später die neue, stärkere «Mittelland-Zeitung».

DEM ANSPRUCH als führende aargauische Zeitung wurde das «AT» indessen zwischen 1953 und 1992 mit einer von 11 000 auf 59 000 Exemplare erhöhten Auflage und der Präsenz im ganzen Kanton gerecht. Die Expansion beruhte hauptsächlich auf der Schaffung regionaler Splitausgaben. Vier solche Kopfblätter entstanden mit der Übernahme der Regionalblätter «Lenzburger Zeitung», «Brugger Tagblatt», «Freiämter Zeitung», «Seetaler». Weitere vier Lokalausgaben waren Neugründungen: Fricktal, Zofingen, Wynental-Suhrental, Niederamt. Das machte die tägliche Zeitungsproduktion zwar kompliziert, aber dafür besass das «Aargauer Tagblatt» für alle Gegenden Regionalseiten. ALS DIE NEUE «BASLER ZEITUNG» 1977 die Nordwestschweiz bis zum Ju-

*Hans-Peter Widmer war von 1964 bis 2003 Redaktor beim «Brugger Tagblatt», beim «Aargauer Tagblatt» und bei der «Aargauer Zeitung».


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Der dreissigjährige Zeitungskrieg im Aargau Brugg Das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt» schenkten sich bis zu ihrer Fusion nichts VON HANS-PETER WIDMER*

DIE GRÜNDERVÄTER der aargauischen Tagespresse, Samuel Landolt aus Aarau und Josef Zehnder aus Baden, kamen sich – im Gegensatz zu ihren Nachfahren – bei der Herausgabe des «Aargauer Tagblattes» (1847) und der «Neuen Eidgenössischen Zeitung» (1848; ab 1861 «Badener Tagblatt») noch nicht in die Quere. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Regionalismus blühte auf und Regionalzeitungen schritten als Bannerträger voran. Als zum Beispiel die Firma Brown Boveri 1960 von Baden auf das Birrfeld expandierte, zogen Angestellte und «Badener Tagblatt»-Leser in die Nähe des neuen Arbeitsortes. Das «BT» fasste dadurch im Gebiet des kleinen «Brugger Tagblattes» Fuss. Ein Konkurrenzkampf auf Biegen und Brechen und ein 30-jähriger Zeitungskrieg begannen. Ich erlebte und überstand ihn als Redaktor an der Front.

vor. In schierer Notwehr stellte die Effingerhof AG als Herausgeberin des «Brugger Tagblattes» 1964 einen zweiten Redaktor an. Rasch zählte das «Bruggerli» zu den bisherigen 3200 etwa 400 Abonnenten mehr, aber das machte den Braten nicht fett. Die kleine Zeitung schrieb seit Jahren Defizite, die das solide Druckereiunternehmen Effingerhof freilich verkraftet hätte. Aber dem Verlag fehlten der Wille und die Perspektive, durch den Ausbau der eigenen Zeitung der Konkurrenz zu begegnen. AM SPÄTNACHMITTAG des 8. September 1969 rief mich EffingerhofDirektor Bruno Kretzdorn in sein Büro. Er eröffnete mir, der Verwaltungsrat habe das «Brugger Tagblatt» auf den 1. Oktober zur engen Zusammenarbeit für 25 Jahre an das «Aargauer Tagblatt» verpachtet. Ich solle dies am nächsten Tag veröffentlichen. Für mich als Leiter der Zwei-Mann-Redaktion war die Mitteilung ebenso neu wie für die Leserschaft des «Brugger Tagblattes». Die Beklemmung hielt sich trotz offener Fragen in Grenzen. Der Wandel kam nicht völlig überraschend. Wenn schon, erschien der Wechsel zum «AT» angenehmer, weil die häufigen Sticheleien und

Dem Verlag fehlten der Wille und die Perspektive, der Konkurrenz zu begegnen.

IN IHREN NEUEN EXPANSIONSGEBIETEN Brugg, Freiamt und Fricktal kamen sich die beiden grössten Tagblätter in die Quere. Am härtesten umkämpft war die Region Brugg. Von Osten stiess das «Badener Tagblatt», von Westen das «Aargauer Tagblatt»

Bissigkeiten des «BT» unter die Haut gegangen waren. DIE REAKTION AUS BADEN fiel heftig aus. «Euses Blättli wird zur Tarnkappe», betitelte das «BT» seinen Kommentar. Dahinter durfte man Otto Wanner persönlich vermuten. «Es ist doch offensichtlich, dass inskünftig den Brugger Lesern Aarauer Kost vorgesetzt wird», schrieb der überrumpelte «BT»-Verleger. Nicht nur das: Mit dem rechtsfreisinnigen «Aargauer Tagblatt» wolle man die Information konformer machen und die freie, parteipolitisch unabhängige Diskussion noch stärker kanalisieren. «AT»-Chefredaktor Kurt Lareida konterte scharf: «Wir sind weder von der freisinnigen Partei abhängig noch ihr verpflichtet. Verpflichtet sind wir unserer eigenen liberalen Überzeugung, und wir sind – im Gegensatz zu unseren Kollegen beim ‹Badener Tagblatt› – keinem allmächtigen BesitzerVerleger unterstellt, der nicht nur die Meinung, sondern auch seine Redaktoren manipuliert.»

des «so genannten Brugger Tagblattes» (diese Bezeichnung wurde «BT»Standard) sei «weit unter 4000, wenn nicht auf unter 3000 abgesunken». Das bestritt man auf der Gegenseite. «Wer lügt?», fragte die «BT»-Lokalredaktion Brugg in heiligem Zorn und rief nach einer neutralen Instanz zur Überprüfung der Abonnentenzahlen. Halb aus Frust, halb aus Angriffslust erklärte ich in einer 13-zeiligen Glosse das «BT» zur meistverschenkten statt meistabonnierten Zeitung. Die Replik aus Baden war 190 Zeilen lang und enthielt zum zweiten Mal den Vorschlag, eine neutrale Instanz müsse klären, wer mehr Zeitungen gratis abgebe. Auch diese «Offerte» liess uns kalt. – «Kläglicher Rückzug», warf uns das «BT» acht Tage später an den Kopf.

In einer 13-zeiligen Glosse erklärte ich das «BT» zur meistverschenkten Zeitung.

DER KAMPF UM LESER wurde ausdauernd geführt. Schon nach 14 Tagen erklärte sich das «Badener Tagblatt» zur grössten Lokalzeitung in der Region Brugg. Denn die Auflage

OHNE AUFTRAG verglich der Leser Eduard Hochstrasser eine Woche lang den Brugger Regionalteil in den beiden Tagblättern. Im «Brugger Tagblatt» zählte er 35,5 Spalten, mit mehr politischem und aktuellem Stoff, beim «Badener Tagblatt» 27,5 Spalten, mit mehr kulturellen und wirtschaftlichen Nachrichten. Das «Badener Tagblatt» war progressiver. Dagegen war das «Aargauer-Brugger Tagblatt» der Konkurrenz aus Baden im nächtlichen Zeitungsdruck um ein paar Jahre

DAS SAGEN PROMINENTE «Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich die az wieder auf einen bürgerlichen Kurs trimmen, denn linkslastige Medien gibt es mehr als genug in der Schweiz!» Ueli Giezendanner, SVP-Nationalrat und Ständeratskandidat, Rothrist

voraus. «Man merkt die Nachtarbeit», frotzelte 1972 der damalige «BT»-Redaktor Hans Güntert, «das ‹AT› kommt morgens müde daher.» In der bewegten 1968er-Zeit und danach war das «BT» ein sensiblerer Seismograf für veränderte gesellschaftliche Strömungen. Es legte in den 1990er-Jahren deutlich zu und zog bis zur Fusion und zum Ende des 30-jährigen Zeitungskriegs auflagemässig mit dem «Aargauer Tagblatt» fast gleich.

*Hans-Peter Widmer war von 1964 bis 2003 Redaktor beim «Brugger Tagblatt», beim «Aargauer Tagblatt» und bei der «Aargauer Zeitung».


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«Zum besseren Leben – die bessere Zeitung» Otto Wanner (1909–1998) Wie sich das «Badener Tagblatt» vom Lokalblatt zur Regionalzeitung entwickelte VON WOLDEMAR MUISCHNEEK*

DAS SAGEN PROMINENTE

4000 Exemplare betrug die Auflage des «Badener Tagblatts», als 1939 Eugen und Otto Wanner die Nachfolge ihres Vaters an der Spitze des familieneigenen Betriebs antraten. 1993 zählte man 50 000 Exemplare, bis zur Fusion 1996 mit dem «Aargauer Tagblatt» zur Aargauer Zeitung dauerte die steigende Tendenz an. Wie war diese erstaunliche Entwicklung möglich? Wie kam es dazu, dass 1969 Werner Geissberger, damals Chef des Ressorts Baden, im Nachgang zur Fertigstellung des BT-Hochhauses schreiben konnte, das «Badener Tagblatt» gelte als «Klassiker unter den Regionalzeitungen» und sei ein Modell, dem ein gewisser «zeitungspolitischer Mythos» nicht abzusprechen sei? Die Antworten auf diese Fragen sind vor allem mit dem Wirken Otto Wanners verbunden. Otto Wanner zitierte zwar oft die Erkenntnis eines Wirtschaftsführers, wonach die wesentlichen Entscheidungen selten eigenen (visionären) Entschlüssen entsprängen, sondern ganz einfach durch die Umstände bedingt würden. Aber so einfach lässt sich die Entwicklung des «Badener Tagblatts» zu einer Regionalzeitung mit wachsender Ausstrahlung über die eigene Region hinaus nicht erklären. Unmittelbar nach den Kriegsjahren ahnte man noch nicht, dass sehr bald eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung eintreten könnte. Otto Wanner aber erkannte damals schon,

schen Limmattal 1987 waren angesichts der versuchten Expansion des «Tages-Anzeigers» in Richtung Aargau allerdings unausweichlich. Dem «Tages-Anzeiger» gelang es damals nicht, die aargauischen Gefilde publizistisch zu erobern – in erster Linie dank dem «Badener Tagblatt», das so auch seine Konkurrenz im Westen, das «Aargauer Tagblatt», «schützte». Ein Kennzeichen für Otto Wanners verlegerisches und politisches Credo war auch seine strikte Ablehnung staatlicher Subventionen. Günstigere Posttaxen beim Zeitungsversand konnte er sich noch vorstellen, aber einzelbetriebliche Subventionen aus der Bundeskasse, wie sie 1975 von einer eidgenössischen Expertenkommission unter Leitung von Bundeskanzler Huber vorgeschlagen wurden, lehnte er strikte

Im Vergleich zu anderen Verlegern investierte Otto Wanner viel mehr in die Redaktion.

Dank dem «Badener Tagblatt» gelang es dem «Tages-Anzeiger» nicht, den Aargau zu erobern.

dass sich das «Badener Tagblatt» über den lokalen Bereich hinaus verbreiten und eine grössere Leserschaft gewinnen müsse, so es eine gesicherte Zukunft haben wolle. Ein erster Schritt war die Erweiterung der Redaktion: Ab 1948 ergänzte Dr. Hans Güntert, ein Lenzburger, die Zweimannredaktion (Otto Wanner betreute das Auslandressort, Hans Güntert das Inland und den Kanton Aargau, Eugen Wanner das Lokale).

ab. Er wollte in keiner Weise von staatlichen Instanzen abhängig sein.

Alleinbesitzer und Redaktor Mit der Perspektive einer regionalen Ausweitung konnte sich indessen Ottos Bruder Eugen nicht anfreunden, sodass es zur Mitte der 1950erJahre zur Trennung kam. Otto Wanner war nun Alleinbesitzer, leitete das Unternehmen und besorgte das Auslandressort. Das war keine Entscheidung umständehalber, sie macht das Gespür und die Weitsicht Otto Wanners sichtbar. Diese Entscheidung markiert den Anfangspunkt der eingangs erwähnten erstaunlichen Entwicklung. Und dazu gehören auch die Personalentscheide, die Otto Wanner getroffen hatte: 1956 übernahm der Lenzburger Dr. Werner Geissberger, der vom «Tagblatt des Bezirks Pfäffikon» (ZH) herkam, die Lokalredaktion. Hans Güntert und Werner Geissberger gaben dem «Badener Tagblatt» ein unverwechselbares neues Gesicht. Sie waren die redaktionellen Pioniere des Aufstiegs zur Regionalzeitung. Werner Geissberger formulierte einmal den «obersten Leitsatz» für Zeitungsmacher so: «Zum besseren Leben – die bessere Zeitung». Mit seinen Leitartikeln im Regionalteil gelang es ihm, in der Leserschaft ein eigentliches Regionalbewusstsein zu schaffen, den Sinn zu schärfen für die notwendige Verkehrs- und Raumplanung, aber auch für die «lebensfrohe Stadt Baden». Seine Vision der

«Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich mich ins Archiv zurückziehen und die ältesten Zeitungen lesen, die vorhanden sind.» Philipp Müller, FDP-Nationalrat, Reinach

Otto Wanner (1909–1998): Weitsicht und Mut zum Wagnis kennzeichneten ihn. «Regionalstadt» setzte er auf die öffentliche Traktandenliste und löste eine breite Diskussion aus; das Projekt harrt noch der Realisierung. Immer auf der Suche nach «Köpfen» Diese Hinweise auf die ersten Personalentscheide machen bereits deutlich, wie wichtig für Otto Wanner stets die Redaktion im Gefüge des Zeitungsbetriebs war. Anders als bei vielen anderen Verlegern stand für ihn die Redaktion gleichsam an erster Stelle. Er erkannte, dass eine inhaltlich gut gemachte Zeitung die unerlässliche Voraussetzung für Zuwachs an Lesern und Inserenten ist. Im Vergleich zu andern Regionalzeitungen investierte er deshalb viel mehr in die Redaktion. Und früher als andere erkannte er auch die Bedeutung eines grösseren Sportteils für die Leserschaft, indem er Umfang und Redaktion ausbaute. Otto Wanner war immer auf der Suche nach «Köpfen» für die Redaktion, die «Hintergrund und Charakter» mitbrachten und auch «etwas bewegen» wollten. Auch ausserhalb der Redaktion hatte er immer offene Augen und Ohren für originelle Köpfe, die etwas zu sagen hatten. Wir bleiben bei den Besonderheiten. Seit 1970 führte die BT-Redaktion zu wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Fragen (zum Beispiel Schwarzenbach-Initiative, «Kaiseraugst», Energieprobleme, Bundesfinanzen, Mitbestimmung, «MigrosFrühling», Tiger-Flugzeugbeschaffung, Drogenfragen, EWR-Vertrag) und auch zu umstrittenen regionalen Projekten so genannte Hearings durch.

Kompetente Persönlichkeiten aus der ganzen Schweiz mit unterschiedlichen Standpunkten diskutierten kontrovers ohne Publikum im BT-Hochhaus; Zuhörer waren nur Redaktoren. Das umfangreiche Gespräch wurde hernach publiziert und diente der Leserschaft und der Redaktion zur Meinungsbildung. Otto Wanner schätzte dieses Diskussions-Forum in seiner Zeitung sehr. Im regionalen Bereich ergab es auch oft «Resultate». In der BT-Abschieds-

Eine politische Zeitung sollte nach Otto Wanners Überzeugung Stellung nehmen. nummer vom 2. November 1996 vermerkte zum Beispiel der ehemalige Chefarzt Max Graber des Kantonsspitals: «Dankbar erinnere ich mich an das BT-Hearing im März 1970, das ausschlaggebend für den definitiven Entscheid zum Bau des Kantonsspitals Baden war.» Nicht nur die Präsentation solcher Auseinandersetzungen gab der Leserschaft eine Orientierungshilfe, sondern auch die Stellungnahme der Zeitung beziehungsweise des zuständigen Ressorts bei Abstimmungsvorlagen in Gemeinden, im Kanton und in der Eidgenossenschaft – ungeachtet dessen, ob die Mehrheit der Leserschaft anderer Meinung war. Gegen den «Allerweltsmischmasch» Eine politische Zeitung sollte nach Otto Wanners Überzeugung Stellung

ALEX SPICHALE

nehmen in öffentlichen Angelegenheiten, sich überzeugt und überzeugend engagieren in wichtigen Fragen und so einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung unserer Gemeinwesen leisten. Da war die Sachkompetenz der einzelnen Ressorts gefordert bei der Erarbeitung einer fundierten Stellungnahme. Angesichts der zunehmenden Personalisierung und Boulevardisierung und Entpolitisierung zahlreicher Blätter setzte Otto Wanner 1982, als die Schweizer Zeitungsverleger in Baden tagten, mit einem Leitartikel «Zurück zum Profil!» einen Kontrapunkt gegen den «Allerweltsmischmasch ohne Kern, ohne Knochen, ohne Rasse und Klasse vieler Blätter». Er hatte damals mit seiner (Meinungs-)Zeitung kontinuierlich prozentual mehr Leser gewonnen als diese. Wachstum dank eigener Leistung Mit den Inhalten, mit der qualitativ hoch stehenden und umfassenden Lokalberichterstattung, mit den wohldurchdachten Investitionen in die Redaktion hat Otto Wanner mit dem «Badener Tagblatt» stetig Terrain gewonnen und die eindrückliche Steigerung der BT-Auflage erreicht. Mit Käufen aargauischer Lokalblätter, wie sie das «Aargauer Tagblatt» tätigte, wollte er die Auflage nicht vergrössern. Mit seiner besseren Zeitung verwies er beispielsweise auf dem Platz Brugg das dortige – vom «Aargauer Tagblatt» erworbene – «Brugger Tagblatt» auf den zweiten Platz. Mit eigener Leistung wollte Otto Wanner vor allem wachsen. Die Käufe der beiden Blätter im zürcheri-

Von Otto zu Peter Wanner Zahlreiche verlegerische Taten und Innovationen machen deutlich, wie sehr Otto Wanner stets aus eigener Kraft schwierige Situationen meistern wollte: die Abwehr des vom «Aargauer Tagblatt» lancierten kantonalen Gratisanzeigers («Aargauer Kurier») durch die Gratisverteilung der Mittwoch-BT-Ausgabe im östlichen Kantonsteil, die Kooperation im Inseratebereich mit dem katholischen «Aargauer Volksblatt», um dessen Weiterexistenz eine Zeit lang zu sichern, die Abwehr des von der «Thurgauer Zeitung» in Zusammenarbeit mit der Publicitas lancierten Gratisanzeigers im östlichen Kantonsteil. Hier ging es darum, die Ursprünge des erstaunlichen Erfolgs des «Badener Tagblatts» in der Ära Otto Wanner aufzuzeigen. Sie liegen in Otto Wanners weitsichtiger Erkenntnis der möglichen Entwicklung nach Kriegsende, in seinem Mut zum Wagnis, in seiner klugen Wahl der ersten Redaktoren und in seiner Überzeugung, dass eine gute Redaktion in erster Linie den Erfolg einer «Zeitung mit Charakter» ausmacht. 1993 begann die Ära Peter Wanner auf gefestigtem Boden, von dem aus er in einer starken Position 1996 die Fusion mit dem «Aargauer Tagblatt» angehen konnte – gerüstet für das neue, anspruchsvolle Medienzeitalter.

*Woldemar Muischneek war von 1961 bis 1996 Inlandredaktor beim «Badener Tagblatt», von 1996 bis 2001 bei der az. Ab 1976 war er Bundeshausredaktor.


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AZ MEDIEN

ZEHNDER WANNER PRESSE

Schulterschluss: «AT»-Chefredaktor Franz Straub, Arthur Gross, VR-Präsident des «AT», «BT»-Verleger Peter Wanner und «BT»-Chefredaktor Hans Fahrländer.

KARL-HEINZ HUG

Von der Kunst, aus zwei Zeitungen eine zu machen Fusion Der Weg von den Sondierungsgesprächen bis zum Erscheinen der ersten az-Ausgabe vor 15 Jahren VON PETER BURI*

Es ist die Zeit des Waldsterbens – der etwas anderen Art. «Zwei weitere Bäume im schweizerischen Blätterwald fallen», kommentiert die «NZZ» am 27. März 1996 den tags zuvor auf Schloss Lenzburg bekannt gegebenen Zusammenschluss von «Aargauer Tagblatt» («AT») und «Badener Tagblatt» («BT») zur neuen Aargauer Zeitung (az). «NZZ»-Redaktor Matthias Saxer mag aber nicht ins Klagelied über den sich lichtenden «Bannwald der Demokratie» einstimmen. Der (im Juli 2009 allzu früh verstorbene) profilierte Aargauer Journalist kennt von seiner eigenen jahrzehntelangen «BT»-Vergangenheit her nicht nur die Verhältnisse im Hause Wanner, sondern auch die Medien- und Politverhältnisse im «Kanton ohne Mitte» en détail. Deshalb stellt er dem neuen Sprössling im Blätterwald eine günstige Prognose. Es gebe «im Aargau gute politische und wirtschaftliche Gründe für die Fusion der beiden Tagblätter», erklärt Saxer der Restschweiz, «so braucht gerade der kon-

Bis zum Start der neuen Zeitung sind noch happige Hürden zu überwinden. turarme Aargau eine starke publizistische Stimme, die dem weitläufigen Kanton zwischen den Zentren Zürich, Bern, Luzern und Basel jenes politische Gehör auf nationaler Ebene verschafft, das seiner wirtschaftlichen Stärke entspricht.» An der Medienkonferenz im Stapferhaus vom 26. März 1996 wird die Fusion als «visionärer Schulterschluss» gefeiert. Neben hehren Botschaften enthält der von der PRAgentur Klaus J. Stöhlker formulierte Prospekt aber auch Hinweise auf die

wirklichen, entscheidenden Gründe für die Aargauer Zeitungsfusion: «Die gedämpfte wirtschaftliche Situation der Schweiz, der Zwang zur Grösse in einem von Verdrängung gekennzeichneten Zeitungsmarkt sowie die zukunftsgerichtete Strategie der beiden Unternehmen haben zu regelmässigen Kontakten geführt.» Das Parteiblatt hat ausgedient Diese Annäherung ist die Folge von Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen. Nach dem Berliner Mauerfall hat das «Geschäftsmodell Parteiblatt» für Tageszeitungen endgültig ausgedient; und auch die Liberalisierung der elektronischen Medien führt zu einem Umbruch in der Medienlandschaft: Zeitungs- und Verlagshäuser wandeln sich mehr und mehr zu Medienhäusern. Beim «BT» in Baden erkennt man diese Zeichen der Zeit schon früh, stösst das margenarme und investitionsreiche Kundendruckgeschäft ab und setzt stattdessen auf die Medienkarte, auf das Geschäft mit Zeitungen, Regionalradio und Privatfernsehen. Treibende Kraft dieser innovativen, wegweisenden Ausrichtung ist Junior-Verleger Peter Wanner, der sich hier gegen seinen charismatischen Vater Otto Wanner erfolgreich durchsetzen kann. Bei der Aargauer Tagblatt AG ist dagegen operativ eine Führungsriege am Ruder, die das Medien- in erster Linie als Druckgeschäft versteht und Zeitungen, Anzeiger und Zeitschriften als Druckmaschinen-Futter sieht. Verhängnisvolle Gross- beziehungsweise Fehlinvestitionen in den Maschinenpark bringen schliesslich – in Kombination mit einer Konjunkturschwäche – das Aarauer Druck- und Zeitungshaus in eine finanzielle Schieflage. In der andern Ecke des Kantons steht dagegen eine grosse Investition im Zeitungsdruck an, aber auch der Generationenwechsel. Diese Konstellation lässt erste Sondie-

rungsgespräche zwischen «AT»-Verwaltungsratspräsident Arthur Gross und den «BT»-Verlegern Otto und Peter Wanner zu den erwähnten «regelmässigen Kontakten» werden – und schliesslich zu einem konkreten Fusionsprojekt reifen. Denkwürdige Generalversammlung Zwischen der Medienkonferenz Ende März auf der Lenzburg und dem Start der neuen Zeitung Anfang November gibt es aber noch einige happige Hürden zu überwinden: Dazu gehört die Zweitdrittelmehrheit des breit gestreuten «AT»-Aktionariats an der Generalversammlung der Aargauer Tagblatt AG am 3. Mai 1996. Eine «Gruppe besorgter Aktionäre» kritisiert im Vorfeld der GV die Bewertungsmodalitäten und wähnt die Badener Tagblatt-Holding AG bevorzugt. Nach längerem Hin und Her offenbart der Verwaltungsrat der Aargauer Tagblatt AG schliesslich öffentlich die schwierige finanzielle Lage seines Unternehmens und unterbreitet den verkaufswilligen Minder-

Die Fusion bedeutet auch die Geburt eines grösseren Medienhauses. heitsaktionären ein verbessertes Angebot für ihre Titel. Die Fusion wird schliesslich mit 80 Prozent der Aktienstimmen genehmigt. Mit Hochdruck werden nun die Konzeptions-, Planungs- und Vorbereitungsarbeiten für den Start der neuen Zeitung in Angriff genommen. Innert kurzer Zeit müssen viele Entscheide von grosser Tragweite gefällt werden: Die Fusion bedeutet nicht nur die Geburt einer neuen Tageszeitung, sondern auch eines grösseren Medienhauses, das neben dem Zeitungsgeschäft auch in den Sparten Privat-

radio, Privatfernsehen, Wochenzeitungen, Zeitschriften, Kundendruck, Buchverlag und Buchhandel tätig ist. Konsequent paritätische Fusion Das «sinnvolle Wagnis», wie Franz Straub, erster «AZ»-Chefredaktor, in seinem Kommentar auf der Frontseite schreibt, gelingt: Am 4. November 1996 erscheint die erste Ausgabe der Aargauer Zeitung. Die wichtigsten Gründe für diesen Erfolg sind nicht etwa das erfolgreiche Projektmanagement oder das frische, mutige Layout. Es ist vielmehr der Geist des Zusammenschlusses, aber auch die wilden Turbulenzen der Startphase. Die Aargauer Zeitungsfusion wird, trotz (oder gerade wegen?) der unternehmerischen Dominanz des «BTs», konsequent paritätisch vollzogen. Und die enormen technischen Schwierigkeiten, die in den ersten Tagen das Erscheinen des neuen Blattes mehrmals ernsthaft infrage stellen, erlauben es gar nicht erst, dass «AT»- oder «BT»-Animositäten aufkommen. Das aus zwei ganz unterschiedlichen KMU zusammengefügte neue, grosse Medienunternehmen bewältigt in der Folge eine steile Lernkurve. Die Erfahrungen und Prägungen aus diesen ersten Tagen werden zum entscheidenden Erfolgsfaktor für die weitere Zukunft – bis in die Gegenwart hinein. Das junge Medienhaus kommt, befeuert vom Tatendrang und von der buchstäblichen Unternehmerlust seines Besitzers Peter Wanner, nie zur Ruhe. Lancierungen neuer Produkte, Akquisitionen, Neu-, Aus- und Umbauten, Übernahmen, Sanierungen, Investitionen folgen sich Schlag auf Schlag und führen zu einer quasi sich selbst «überrollenden» Projektplanung. Änderungen in raschem Rhythmus Die unternehmerische Fitness und Beweglichkeit verschafft den «jungen» AZ Medien einen Konkurrenzvorsprung gegenüber den traditionellen, altein- und oftmals auch festgesesse-

DAS SAGEN PROMINENTE «Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich wohl eine ganze Ausgabe von Kindern zwischen 6 und 16 machen lassen. Denn ich glaube, Kinder sind die einzige Chance, die wir haben, die gravierenden Probleme zu lösen. Sie sind es ja auch, welche die von uns angerichtete Suppe auslöffeln müssen.» Peach Weber, Komiker, Hägglingen

nen Medienhäusern in Basel, Bern oder Zürich. Diese Agilität erlaubt es, den konjunkturellen und strukturellen Herausforderungen agierend (und nicht nur reagierend) zu begegnen. Den Erfordernissen der stürmischen Zeiten entsprechend, scheut sich Verleger Wanner nicht, Konzepte, Gestaltungen oder Strukturen in raschem Rhythmus zu verändern, zurückzuverändern und wieder zu verändern. AZ Medien haben die mannigfaltigen Herausforderungen in den letzten 15 Jahren gut gemeistert. Der Spirit, den Josef Zehnder aus Birmenstorf 1836 mit der Gründung der «Aargauer Volkszeitung» bewiesen hat, scheint per Generationensprung im heutigen Verleger Peter Wanner fortzuleben.

*Peter Buri ist Regierungssprecher des Kantons Aargau und war 33 Jahre lang beim «Aargauer Tagblatt» und bei der Aargauer Zeitung in verschiedenen Funktionen tätig, von 2003 bis 2009 als Chefredaktor.


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MEDIEN& ÖFFENTLICHKEIT

«Interessanz» dominiert Relevanz. Doch was war zuerst: Zeitungen, die auf Boulevard setzen, oder das Publikum, das nach Unterhaltung giert? Fotojournalisten beim Filmfestival in Cannes.

EKATERINA CHESNOKOVA/KEYSTONE

Gut gemachte Zeitungen sind auch heute unersetzlich Wächteramt Die Gesellschaft hat sich verändert, Medien schwanken zwischen Anpassung und Schrittmacherdiensten VON HANS FAHRLÄNDER*

THESE 1: Die Demokratie, verstanden als Staatsform grösstmöglicher Partizipation, braucht aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger. Ihr Wissen über den Staat und die Geschäfte, die sie an der Urne zu entscheiden haben, holen sie sich aus den Medien. These 2: Die drei Staatsgewalten neigen dazu, «das Volk», für das sie tätig sind, bei ihren Entscheidungen zu vergessen. Sie müssen deshalb von einer vierten Gewalt überwacht werden: von den Medien, die im Namen des Volkes ein Wächteramt versehen. These 3: Damit die Medien dieses Amt ausüben können, bedürfen sie selbst grösstmöglicher Unabhängigkeit von politischen und kommerziellen Sachzwängen. Ohne unabhängige Medien keine ausgebaute Demokratie, ohne ausgebaute Demokratie keine unabhängigen Medien. WURDEN DIESE THESEN in den Demokratien des 21. Jahrhunderts je ausser Kraft gesetzt? Nein. Sie gelten «eigentlich» unvermindert. Und doch spüren wir: Da klafft ein Loch zwischen Ist und Soll. Medien und Gesellschaft haben sich seit der Zeit, da die drei Thesen formuliert und eingehalten wurden, verändert. Das ist eine banale Feststellung, keine Bank-

rotterklärung. Demokratische Rechte und wirtschaftliches Wohlergehen gelten heute als errungen, Staat und Gesellschaft in der Schweiz sind relativ stabil. Das erlaubt es jenen, die dies wollen, das Leben zu geniessen, ohne sich gross um Politik zu kümmern. Das Leben in Freiheit ist garantiert, nun müssen Medien die Freizeit füllen. Der Bürger, die Bürgerin will unterhalten sein. Informationen konsumieren sie vorab aus dem Internet und «on demand». Kein Wunder, dass in den heutigen Medien, die sich ja verkaufen und deshalb an den Publikumsgeschmack anpassen müssen, eine Dominanz der «Interessanz» über die Relevanz herrscht. HALT!, RUFT SPÄTESTENS HIER die Bürgerin, der Bürger. Der Wandel vom politischen Informations- zum Unterhaltungsbedürfnis fand nicht einfach in der Gesellschaft statt und die Medien mussten sich darauf einstellen. Die Medien sind vielmehr die Treiber dieser Entwicklung. Sie waren es, welche die Gesetze der Mediengesellschaft – «fun and action», Skandalisierung und Personalisierung – vorantrieben. Sie verführen durch bewusste Forcierung süffiger Stoffe, durch Verzicht auf Differenzierung, durch Dauerkritik an hochgestellten Persönlichkeiten die Leute

zur Überzeugung, dieser Cocktail sei genau das, was sie zum Frühstück oder zum Feierabend benötigten. WIR STEHEN ALSO VOR einer klassischen Huhn-oder-Ei-Frage: Was war zuerst, die Entthronung der Relevanz durch die «Interessanz» in den Medien oder die Gier des Publikums nach süffiger Darreichung und Unterhaltung? Die einen sagen: Die wollen nur das. Die andern sagen: Die brin-

Zeitungen sollten zu den Instanzen gehören, die Erheblichkeit definieren. gen nur das. «Wir akzeptieren nur eine Instanz», sagte der jüngst verstorbene ehemalige «Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax, «und das ist der Leser.» Mithin: Die Zeit der Medien als Instrumente der staatsbürgerlichen Erziehung ist vorbei. Das Volk entscheidet, was es konsumieren will. Nur für eine Minderheit sind das noch seriös recherchierte politische Berichte, Reportagen und Kommentare. Der Markt hat immer recht. WO WIR GERADE BEIM «BLICK» sind: Die Bedeutung der klassischen Boulevard-Medien ist zwar arg ge-

schrumpft. Aber nicht weil der Geschmack des Publikums geändert hätte, sondern weil andere Medien in ihre Fussstapfen getreten sind: das Internet, private (und manchmal auch öffentlichrechtliche) TV-Sender, Pendler-Zeitungen, Promi-Magazine. Und zunehmend auch traditionelle Zeitungen, welche ihren BoulevardAnteil nach oben geschraubt haben. WIR KOMMEN NICHT WEITER, wenn wir das Unterhaltungsbedürfnis der Bürgerin, des Bürgers, das sie vornehmlich mit Medienkonsum stillen, anprangern. Lassen wir also den Unterhaltungsmedien ihr Geschäft und wenden uns jenem Medium zu, um welches es in dieser Publikation prioritär geht: der politischen Tageszeitung. Wie soll sie sich im veränderten Umfeld bewegen? Gewiss muss auch sie im Zeitalter der visuellen Überflutung höheren optischen und gestalterischen Ansprüchen genügen. Und humorlos darf sie auch nicht sein. Aber sie sollte niemals aufhören, das Relevante aus dem Unterhaltungsmeer herauszufiltern. In einer Gesellschaft, die oft haltlos in ihrer Freiheit und hilflos in der Fülle ihrer Entfaltungsmöglichkeiten ist, sind Instanzen, die einordnen und Erheblichkeit definieren, von unschätzbarem Wert. Tageszeitungen

sollten zu diesen Instanzen gehören. Die Unersetzlichkeit gut gemachter Zeitungen liegt in der Differenzierung, im Zugänglichmachen von Ursachen und Zusammenhängen. UND JA, KEHREN WIR an den Ausgangspunkt dieser Überlegungen zurück: Wir haben immer noch Demokratie, auch wenn nicht mehr alle sie nutzen. Wir sind immer noch eine Gemeinschaft, auch wenn sich viele in die virtuelle Welt verabschiedet haben. Da ist immer noch das Bedürfnis nach unabhängiger Information, damit nicht der Staat allein über die Dinge des Staates informiert. Nicht alle brauchen mehr eine politische Tageszeitung. Aber die, die noch eine wollen, sollen eine haben. Vorgestern war die Zeitung für die Elite da, gestern für die Masse. Und heute, morgen? Für wache, neugierige, gestaltungswillige Bürgerinnen und Bürger. Die sterben auch im Internet-Zeitalter nicht aus.

*Hans Fahrländer ist Redaktor, Autor der az, Leiter Meinungen und Leiter des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.


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ZEHNDER WANNER PRESSE

Nachrichten werden möglichst personalisiert: Bundesrätin Micheline Calmy-Rey bei der Medienkonferenz anlässlich ihrer Rücktrittserklärung am 7. September 2011.

PETER KLAUNZER/KEYSTONE

Demokratie braucht Meinungs- und Medienfreiheit Entscheidungsprozesse Sinkendes Interesse an Politik und weniger seriöse Information in den Medien hängen zusammen VON GEORG MÜLLER*

Demokratie bedeutet Volksherrschaft. Sie ist diejenige Staatsform, in welcher die Bürgerinnen und Bürger Träger der Staatsgewalt sind, und steht im Gegensatz zu den Aristokratien, Monarchien und Diktaturen, in welchen einzelne Personen die Macht ausüben. Der amerikanische Präsident Abraham Lincoln (1809–1865) bezeichnete die Demokratie als «Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk». Das Volk «herrscht», indem es die Mitglieder des Parlamentes, zum Teil auch der Regierung und der Gerichte sowie weiterer Behörden, wählt und über bestimmte wichtige Sachfragen entscheidet, welche ihm die Behörden zur Abstimmung unterbreiten. Das Volk übt also seine Macht nicht allein, sondern zusammen mit den Behörden aus. Genau genommen herrscht nicht «das Volk», sondern die Mehrheit derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die von ihrem Stimm- und Wahlrecht Gebrauch machen. Das ist oft nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Informationen sind die Grundlage Wir gehen davon aus, dass die Stimmberechtigten ihre Entscheidungen aufgrund von Informationen über die zu wählenden Personen oder über die Abstimmungsvorlagen nach rationalen Kriterien treffen. Man darf allerdings nicht übersehen, dass dabei auch Emotionen eine Rolle spielen. Wie gross der Anteil der «Bauchentscheidungen» ist, lässt sich nicht genau eruieren. Die politischen Parteien schätzen ihn offenbar als erheblich ein, sprechen sie doch in ihrer Wahl- und Abstimmungspropaganda immer mehr das «Herz» als den «Verstand» an. Trotzdem: Grundlage jeder Entscheidung sind Informationen. Wir müssen wissen, welche Personen für ein Amt kandidieren, welche politischen Auffassungen sie vertreten, welche Fähigkeiten und Erfahrungen sie haben. Wir brauchen Informationen

darüber, worum es bei einer Abstimmung über eine Sachfrage geht, wo die Probleme liegen, welches die Auswirkungen, die Vor- und Nachteile der vorgeschlagenen Regelungen sind. Informationen aus diversen Quellen Wie informieren sich die Stimmberechtigten? Kenntnisse über den tatsächlichen Zustand in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beziehen wir aus verschiedensten Quellen: Die Massenmedien berichten über Entwicklungen und Ereignisse, weisen auf Mängel hin und postulieren Verbesserungen. In Verbänden, Vereinen und an Stammtischen werden aktuelle Probleme diskutiert. Die Behörden führen Aufklärungskampagnen durch. Sie informieren laufend über die Massnahmen, mit welchen sie die politischen Probleme lösen wollen. Vor den Wahlen werden die politischen Parteien und die Kandidierenden aktiv, indem sie ihre Programme bekannt machen, zu aktuellen Fragen Stellung nehmen, ihre Fähigkei-

Wer einseitig informiert wird, ist nicht in der Lage, einen selbstständigen Entscheid zu fällen. ten und Verdienste ins rechte Licht rücken, sich von anderen Parteien und Kandidierenden abgrenzen. Bei Abstimmungen über Sachvorlagen stellen die Behörden ihren Vorschlag dar und nehmen dazu Stellung. Die Massenmedien verbreiten und kommentieren diese Informationen. Sie nehmen – anders als zu Josef Zehnders Zeiten und noch bis vor einigen Jahrzehnten – in der Regel nicht selbst Stellung dazu. Ihren Beitrag zur Meinungsbildung der Stimmberechtigten sollten sie dadurch leisten, dass sie die Übersicht über die Fülle der Informationen vermitteln, Zusammen-

hänge aufzeigen, auf (ungelöste) Probleme hinweisen und die möglichen Folgen von Sach- oder Personalentscheidungen darstellen. Demokratische Entscheidungsprozesse führen nur dann zu «richtigen», das heisst dem wahren Volkswillen entsprechenden Ergebnissen, wenn sich die daran Teilnehmenden ausreichend informieren können, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das bedingt, dass der Zugang zu den Informationsquellen und die Verbreitung der Informationen grundsätzlich nicht beschränkt werden dürfen. Wer einseitig – zum Beispiel durch eine vom Staat beherrschte Partei oder ein Staatsmedium – informiert wird, ist nicht in der Lage, einen selbstständigen, sachlich begründeten Entscheid zu fällen. Die öffentliche Diskussion im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen ist unerlässlich für die politische Willensbildung. Umgekehrt kann man sagen, dass die Möglichkeit, Meinungen frei auszutauschen, autokratischen Regimes die Machtausübung erschwert. Nicht von ungefähr hat der Verlust des staatlichen Informationsmonopols durch die Ausbreitung der neuen Medien in einigen der diktatorisch regierten arabischen Staaten zu einer Demokratisierung geführt. Es ist eindrücklich, welche Rolle der unabhängige Fernsehsender Al Jazeera dabei gespielt hat – und immer noch spielt. Die Meinungs- und Informationsfreiheit sowie die Medienfreiheit sind deshalb Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie. Mehr Unterhaltung als Orientierung Presse, Radio und Fernsehen erfüllen eine wichtige öffentliche Aufgabe, wenn sie ihre Leser-, Zuhöreroder Zuschauerschaft nicht nur unterhalten und bewerben, sondern auch über politisch relevante Zustände, Entwicklungen und Probleme orientieren. Leider trifft das für viele Medienprodukte nur noch teilweise oder gar nicht mehr zu. Zwar vermit-

DAS SAGEN PROMINENTE «Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich einen grossen Bericht über die längst fällige Anerkennung des Zirkus als Kulturgut und eine kritische Reportage über die Geschäftspraktiken der Suisa veröffentlichen.» Johannes Muntwyler, Direktor des Circus Monti, Wohlen

teln praktisch alle ein Minimum an Informationen über aktuelle Ereignisse, die von Bedeutung für die Meinungsbildung sein können. Weil dabei die Unterhaltung im Vordergrund steht, werden aber auch diese Nachrichten möglichst personalisiert oder skandalisiert. Manipulation durch Wortwahl Gefragt sind Polit-Shows wie die «Arena», Homestorys über Politikerinnen und Politiker, Berichte über dem Amtsgeheimnis unterliegende Dokumente oder Diskussionen in Regierungen und Kommissionen. Politische Analysen und Kommentare sind zu wenig «süffig». Zu Wort kommen oft Mitglieder des Parlamentes, von denen die Medienschaffenden wissen, dass sie bereit sind, zu jedem aktuellen Problem sofort eine pointierte Meinung zu äussern. Stellungnahmen von Fachleuten, welche mit der Materie vertraut sind, gelten als langweilig, weil sie zu differenziert sind. Massenmedien beeinflussen die Meinungsbildung der Stimmberechtigten immer in gewisser Weise. Das ist nur dann problematisch, wenn diejenigen, die sich informieren wollen, die mediale Einflussnahme nicht wahrnehmen, das heisst, wenn sie

manipuliert werden. Das geschieht zum Beispiel durch eine bestimmte Wortwahl. So werden steuerliche Entlastungen von hohen Einkommen als «Steuergeschenke für Reiche» bezeichnet, obwohl der Staat den Reichen nichts schenkt, sondern nur weniger von ihnen verlangt als bisher. Die Negativspirale Dass die Massenmedien ihre Aufgabe, zur politischen Meinungsbildung beizutragen, immer weniger erfüllen, ist für eine Demokratie mit so ausgebauten Volksrechten wie die schweizerische besonders schlimm. Der Grund liegt offenbar darin, dass das Interesse an der Politik ab- und dasjenige an der Unterhaltung zunimmt. Das scheinen Einschaltquoten und Leserumfragen zu bestätigen. Dramatisch ist aber, dass die Gefahr einer Negativspirale besteht: Weil die Medien ihre Aufgabe vernachlässigen, zur Meinungsbildung beizutragen, sinkt das Interesse an der Politik noch mehr, was ihnen weiteren Anlass gibt, ihre Konsumenten nur noch zu unterhalten und nicht mehr zu bilden. Das politische System der Schweiz lebt vom Engagement der Bürger. Die Medien können versuchen, es zu fördern, wie die az Aargauer Zeitung es – mehr oder weniger erfolgreich – tut. Letztlich kommt es aber vor allem darauf an, ob wir uns weiterhin darum bemühen wollen, uns mithilfe von Medien, die eingehend und differenziert berichten, eine eigenständige politische Meinung zu bilden. Oder ob wir uns damit begnügen, bei unseren politischen Entscheidungen unreflektiert irgendwelchen Parolen, behördlichen Empfehlungen oder politischen Leithammeln zu folgen.

*Georg Müller ist emeritierter Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und Gesetzgebungslehre der Universität Zürich.


Beilage 175 JAHRE

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Boulevard und Anreize zum Gebrauch der Vernunft schliessen sich nicht aus: Der UBS-Banker Kweku Adoboli, der Milliarden verzockte, in London im Fokus der Medien.

SANG TAN/KEYSTONE

Manchmal muss es auch Boulevard sein Öffentlichkeit Medien können nicht so tun, als hätten sie nichts mit der Gesellschaft zu tun VON LUDWIG HASLER*

Jede Gesellschaft entwickelt den kommunikativen Austausch, den sie braucht, um Ordnung zu wahren, die Leute bei der Stange und bei Laune zu halten. Stammesgesellschaften kommunizierten am Lagerfeuer und über Buschtrommel. In hierarchischen Gesellschaften läuft Kommunikation von oben nach unten, «öffentlich» sind Orte, wo die Herrschaft ihre Macht demonstriert. Bürgerlichdemokratische Gesellschaften leben von institutionalisierten DiskussionsÖffentlichkeiten: für gesellschaftlichpolitische Meinungsbildung, für Kritik und Kontrolle der politisch und wirtschaftlich Mächtigen. Spätindustrielle Gesellschaften brauchen globale Kommunikationsnetze: für simultanen Informationsfluss – privat wie geschäftlich und politisch. Viele drücken die Stopptaste Das wird uns heute bald zu viel: All die Kanäle von TV und Radio, das permanente Gegoogle und Getwitter, der Betrieb in Social Media, das Printmedium mischt weiter mit, sogar gratis. Ständig klopfen uns neue dramatische Informationen aus dem Busch, sie scheinen uns aufzufordern zu Flucht oder Aktivität. Aber es gibt praktisch nichts, was wir tun könnten, wenn in Japan ein Tsunami wütet oder in Libyen ein Diktator erschossen wird. Die wenigsten Nachrichten sind unmittelbar handlungsrelevant. Nur reden können wir darüber. Das kann überdrüssig machen oder ohnmächtig oder wütend. Jedenfalls: Je unerhörter die Nachrichten, desto mehr Menschen schotten sich ab. Vielen wird das schlicht zu viel, sie machen dicht, drücken die Stopptaste. Vor 175 Jahren konnten die Leute nicht genug kriegen von Neuigkeiten, von Meinungen. «Öffentlichkeit» entdeckte gerade ihre moderne Be-

stimmung. Über Jahrhunderte war sie der Ort, wo Feudalherren ihre Macht inszeniert, durch Herolde ihre Kommandos verkündet hatten – vor dem stummen Volk als Publikum. Im Zuge der Aufklärung begann das Bürgertum den Mund aufzumachen, wurde «mündig» – und brauchte ein Forum, das seine Freiheit in Form brachte: Öffentlichkeit. Der Witz ist nämlich: Individuell hat der Mensch wenig Lust auf Mündigkeit. Immanuel Kant, der philosophische Übungsleiter im Projekt «liberale Öffentlichkeit»: «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur

Liberale Gesellschaften unterscheiden sich durch ihre Offenheit. Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten … Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur die Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich.» Kants Überlegung: Mit sich allein ist der Mensch in schlechter Gesellschaft – in der Öffentlichkeit aber, im freien Markt der Meinungen, wird er fast zwangsläufig schlauer, weil da «die Ansichten sich aneinander reiben», bis sie aufhören, bloss Meinungen zu sein, also mein, dein, sein, und stattdessen «öffentliche Meinung» werden, also Übereinkünfte, fähig zur Verallgemeinerung. Für Organisatoren von Öffentlichkeit, also für Medien, folgt daraus: Es reicht nicht, Meinungen über die Bühne zu treiben. Das Schaulaufen bringt nichts, die Meinungen müssen gerupft werden. Der Philosoph Hegel bot dazu die Metapher einer kanniba-

lischen Meinungsgesellschaft: «Es ist eines, was sich jemand zu Hause bei seiner Frau und seinen Freunden einbildet, und ein anderes, was in einer grossen Versammlung passiert, wo eine Gescheitheit die andere auffrisst.» Liberale Öffentlichkeit als «grosses Fressen» – mit Spekulation auf Verdauung: Es könnte, was an den privaten Gescheitheiten nur privat, also eigensinnig und beschränkt ist, ausgeschieden, die individuell eingebildete Gescheitheit also geläutert werden zur allgemeinen, objektiven, zur halbwegs vernünftigen. Öffentlichkeit als Purgatorium für sturen Eigensinn, als Fegefeuer fürs Verhocken in Sonderinteressen. Liberale Gesellschaften unterscheiden sich durch ihre Offenheit: Es gibt keinen König/Papst und keine Cliquen (Aristokraten, Intellektuelle), die wissen, was für alle richtig und gut und schicklich ist. Ihre Verbindlichkeiten bezieht diese Gesellschaft aus dem Gespräch, das sie mit sich selbst führt – einem Gespräch, in dem möglichst alle über alles Mögliche miteinander streiten. So wird Öffentlichkeit, als freier Markt der Meinungen, mehr als ein Markt, nämlich eine normative Instanz. Medien produzieren für den Absatz Vielen ist das zu steil idealistisch. Schliesslich seien Medien nicht Agenten des liberalen Weltgeistes, sondern Wirtschaftsunternehmen, die performen müssen, und das schaffen sie eher, wenn sie Meinungen schönreden statt zerzausen, wenn sie den Leuten auf die Schulter statt auf die Finger klopfen. Medien sind keine Volkshochschulen, sie produzieren für den Absatz, nicht für die Wahrheit. Was sich absetzen lässt, ist auch eine Wahrheit, die Wahrheit des real existierenden Zeitgenossen. Ihn halten Medien, anders als Kant, für automatisch mündig. Weshalb sakrosankt ist, was er wünscht. Und er wünscht,

dass seine Ansichten flattiert werden – jedenfalls nicht gepiesackt. Vor 40 Jahren liess der Ringier Verlag die Schweizer Öffentlichkeit analysieren – mit eher ernüchterndem Aufschluss: Das helvetische Publikum gliedere sich in vier Segmente. Segment 1 (32 Prozent) sei geprägt durch ein «Bedürfnis nach Aktivität und Engagement», durch «moderne, kritisch-rationale Grundhaltung»; also sollten die Themen «offen und progressiv, jedoch ohne übertriebene Aufmachung» präsentiert werden. Segment 2 (27 Prozent) sei durch «Unausgeglichenheit und Unsicherheit» gekennzeichnet; gefragt sei «inhaltliche Vielfalt», «Vertiefung der Materie jedoch unerwünscht». Segment 3 (26 Prozent) be-

Die Mehrheit will die eigene Meinung hofiert, nicht abgerieben haben. stehe aus «Mitläufern», für die gelte: «Konfrontation wäre unerwünscht, Bestätigung vorgefasster Meinungen dagegen ein Muss.» Im Segment 4 (15 Prozent) finden sich die Modernitätsverängstigten; ihnen seien «erlebnisreiche oder rührselige Artikel» anzubieten. Falls diese Analyse nicht komplett danebengriff, dann wäre immerhin ein Drittel der CH-Sippe reif oder willens für die klassische Idee Öffentlichkeit. Die Mehrheit aber will die eigene Meinung hofiert, nicht abgerieben haben. Oder ist diese Typisierung schon im Entwurf falsch – und die Trennlinie läuft kreuz und quer durch uns alle? Wir alle haben – ach – zwei Seelen in unserer Brust. Die eine schlendert gern über den Boulevard, die andere zieht sofort die E-Saiten auf. Die eine sucht in Medien Stoff für Entspannungsreize, die andere will Anreize zum Gebrauch der Vernunft.

Schliesst das eine das andere aus? Und wenn Boulevard den Purgatorium-Betrieb stützte? Purgatorium ist Stress. Geistigen Dauerstress erträgt kein Normaltyp. Also organisiert Boulevard den Comicstrip der Kollektivseele, entwirft eine Topografie für das Menschlich-Allzumenschliche, findet feste, verlässliche Orte: für die Angst und die Wut, das Staunen und das Mitleid, für Hass und Schadenfreude, auch für patriotische Aufschwünge, für das sexuelle Begehren ebenso wie für das fiese Ressentiment. So pinselt der Boulevard die Landschaft des Vorbewussten aus. Die Seele des Lesers, der darüber spaziert, ist weder die eines Ungeheuers noch die eines Kretins, es ist vor allem die des Menschen im Stand seiner Kreatürlichkeit. Das passt nicht schlecht: das Kreatürliche und das Liberale. Es schadet nicht, mal richtig kitschig zu werden – um dringend vernünftiger werden zu wollen. Je bunter die Einsicht in die Kreatur Mensch, umso dringender der Wunsch nach Klärung. Die Idee einer Öffentlichkeit als Selbstaufklärung ist von einer liberalen Gesellschaft unablösbar. Etwa so wie die finanzielle Bewässerung von der industriellen Wirtschaft. So, wie sich das Finanzbusiness von der Realwirtschaft loslösen kann, so können Medien hantieren, als wären sie ein Business für sich, als hätten sie nichts zu tun mit der Prosperität der Gesellschaft. Wie die Finanzwirtschaft sich damit selber schädigt, erleben wir gerade. Mit Medien verhält es sich ebenso.

*Ludwig Hasler ist Publizist und Philosoph. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.


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Ohne Journalismus kommt die Demokratie nicht aus: : Fotojournalisten demonstrieren vor der Schweizer Botschaft in Moskau gegen die Festnahme von Kollegen in Georgien.

ANDREY STENIN/KEYSTONE

Aus Liebe zur Schweiz: Wehret dem Billigjournalismus Demokratie gegen Boulevard Noch heute steckt in der az etwas von der Kritikfreude und Aufmüpfigkeit ihrer Grossmütter VON KURT IMHOF*

Es ist mir Ehre und Last, hier schreiben zu dürfen. Eine Ehre, weil es sich bei der Jubilarin um ein Medium, ja um eine Institution handelt, die die politisch-publizistische Geschichte dieses Kantons und der Schweiz geprägt hat und hoffentlich noch lange prägen wird; eine Last, weil ein so stolzes Jubiläum den Medienkritiker hemmt. Zum Glück lassen sich diese Hemmungen im Fall der az recht einfach bändigen, denn der politische Nährboden, auf dem die Urgrossmütter der az in den 1840er-Jahren entstanden und den sie kräftig düngten, brachte die publizistische Kritik in der Schweiz auf eine völlig neue Stufe. Der Kanton Aargau war die Speerspitze der Aufklärung in der Schweiz, hier wurde der erste Freiheitsbaum gepflanzt. Und hier waren die einstigen Schweizer Revolutionäre, die Freisinnigen, am radikalsten für eine moderne Schweiz. Das Zeitalter der Kritik Ohne dass diese aufmüpfigen Aargauer es wussten (jedenfalls die wenigsten von ihnen), waren sie Kantianer ohne jegliche Hemmungen gegenüber dem Bestehenden. Immanuel Kant jedenfalls brachte den Zeitgeist der kritischen Aufklärung, der in den 1840er-Jahren (nach der Helvetischen Republik 1798–1803) erneut den Aargau dominierte, auf den Punkt: «Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.» Diese freie und umfassende öffentliche Prüfung alles Heiligen und der Gesetzgebung war der einzige Daseinszweck, die DNA der Urgrossmütter der heutigen az: Von den rund 100 Zeitungen in der ge-

samten Schweiz der 1840er-Jahre wurden nicht weniger als 18 im Aargau gedruckt. Hier vollzog sich zuvorderst die Politisierung dieser immer wichtiger werdenden Medien in radikaler, liberaler und katholisch-konservativer Richtung, und diese Zeitungen bestimmten weit über den Aargau hinaus die politischen Debatten der Schweiz und auch in Deutschland. Die wichtigsten Blätter auf katholischkonservativer Seite waren «Der Freiämter», «Die Stimme von der Limmat» und die «Staatszeitung der katholischen Schweiz». Auf der Gegenseite politisierten der liberale «Schweizer Bote» von Heinrich Zschokke und vor allem das radikal-liberale «Posthörnchen» von Samuel Landolt. Keine Rücksichten genommen Am radikal-liberalsten gebärdete sich das von Samuel Landolt 1838 gegründete «Posthörnchen». Landolt produzierte eine Zeitung, die wie die anderen in diesem Geburtsjahrzehnt der modernen Schweiz vor allem durch Kritik am Bestehenden glänzte, einer Kritik, die weder Rücksichten auf Inserenten noch auf Kirche und Obrigkeit und schon gar nicht auf den politischen Gegner nahm. Um das zu zeigen, genügt ein Blick in die Agenda des «Posthörnchens» in seinem dritten Jahrgang 1840. Zu diesem Zweck wurden alle Artikel des «Posthörnchens» in diesem Jahr, die dasselbe thematisieren, zusammengezählt. Dadurch erhält man die Agenda der wichtigsten Themen in diesem Jahr der kantonalen Verfassungsrevision, in der die Parität des Stimmrechts zwischen den rund 80 000 Katholiken und den rund 100 000 Reformierten aufgehoben wurde. Jeder Bürger hat eine Stimme, unbesehen seiner religiösen Herkunft, und endlich einen handlungsfähigen Staat: Das war die dezidierte Position des Blattes durch alle zehn wichtigsten Themen hindurch. Jahresagenda «Posthörnchen» 1840 • 1. Aufhebung des kantonalen Paritätsprinzips;

• 2. Aargauer Verfassungsrevision; • 3. allein seligmachende römisch-ka-

DAS SAGEN PROMINENTE

tholische Konfession;

«Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich einen Blick in die Zukunft werfen und zum 225-Jahr-Jubiläum der az die Zeitung vom 11. November 2061 produzieren.»

• 4. Mellinger Versammlungen; • 5. Volksaufhetzung durch Jesuiten; • 6. verwerfliche Moral der Ultramontanen;

• 7. Schweizer Volksmission der Jesuiten;

• 8. Ultramontane Bewegung im Freiamt;

• 9. Aufhebung des Wahlzensusartikels;

• 10. Handlungsunfähigkeit der Tagsatzung. In dieser Liste manifestiert sich – wie bei den anderen Zeitungen auch – eine politische Öffentlichkeit im Kampf um die Gestaltung des Kantons und der gesamten Schweiz. Mit bissiger Polemik und aufklärerischem Gestus beteiligt sich das «Posthörnchen» an den politisch-publizistischen Konflikten um die wichtigsten politischen Institutionen des Aargaus und der Eidgenossenschaft und mobilisiert die Bürger gegen den politischen Gegner. Natürlich leben wir über 170 Jahre später in einer anderen Schweiz, die wir jedoch mitsamt der Demokratie diesen Auseinandersetzungen verdanken. Anders sind auch die Medien geworden. Augenscheinlich wird dies, wenn wir der Agenda des «Posthörnchens» diejenige der Aufmacherbeiträge der Nachrichten von Tele M1 im Jahr 2010 gegenüberstellen: Jahresagenda Tele M1 2010 • 1. Fussballweltmeisterschaft 2010; • 2. Bundesratsersatzwahlen; • 3. Wintereinbruch und Verkehrsunfälle; • 4. Krise FC Aarau, Trainerwechsel; • 5. Ausschaffungsinitiative; • 6. Pädophilie in der kath. Kirche; • 7. Bootsdrama Bielersee; • 8. Autounfall Rentnerin Gösgen – Hund überlebt; • 9. Prozess Brand Tiefgarage Gretzenbach; • 10. Olympia 2010 Vancouver. Von politischer Bedeutung sind hier noch die Bundesratsersatzwahlen

Rudolf Dellenbach, CEO Aargauische Kantonalbank, Erlinsbach

und die Ausschaffungsinitiative, der Rest ist «Human Interest» – und nur in diesem Zusammenhang kommt der Aargau, der Kanton der Revolution, noch vor. Diese Agenda ist keineswegs die Ausnahme, sondern beim regionalen TV und Radio, bei den bedeutendsten Online-Newssites und bei der grössten Zeitung der Schweiz die Regel. Diese Flutung der Öffentlichkeit durch «Softnews» ist historisch jungen Datums, wenn wir vom «Blick», der im Herbst 1959 erstmals erschien, absehen. Ausserhalb dieser Boulevardzeitung setzte sich die Boulevardisierung der Medien erst seit den 1980er-Jahren durch. Zentral waren zunächst die Einführung des privaten Radios und die Orientierung von immer mehr Medien am Medienkonsumenten und weniger am Bürger, dann die Gratiszeitungen, die seit 1999 den «Softnews» frönen und schliesslich die gewichtigsten Online-Newssites, die ab 2005 bedeutsam werden. Dadurch hat sich das, was in den Medien als «wichtig» erscheint, in kurzer Zeit gründlich verwandelt und Medien aller Gattungen meinten, sich daran anpassen zu müssen. Wären Immanuel Kant und die aufmüpfigen Aargauer zur Zeit der Urgrossmütter und auch der Grossmütter und Mütter der az «Konsumenten» von Tele M1 und «20 Minuten», dann würde Erste-

rer das mit der Aufklärung beginnende Zeitalter der Kritik für beendet erklären und Letztere würden aus Tele M1 ein neues «Posthörnchen» machen. Doch nach wie vor gibt es die az und sie hat einige Schwestern im Rest der Schweiz, die – wie wir alle – von den Ahninnen der az und ihrem Kampf um die Demokratie profitieren. Neben diesen Schwestern gibt es auch im Radio und Online einen Journalismus, ohne den die Demokratie nicht auskommt. In diesem Journalismus und damit auch in der az steckt nach wie vor etwas von Immanuel Kant und vom Zeitalter der Kritik. Sensibel für die akuten Veränderungen des Bestehenden thematisierte die az im Jahr vor ihrem Jubiläum vor allem das, was uns tatsächlich alle etwas angeht. Agenda der az 2010 • 1. Bundesratsersatzwahlen; • 2. Steueraffäre Schweiz - USA, UBS; • 3. Fussballweltmeisterschaft 2010; • 4. Libyen-Affäre; • 5. Gesundheitsreform; • 6. Schweizer Konjunktur; • 7. Bankgeheimnis unter Druck; • 8. Geschäftsgang UBS; • 9. SBB-Bahnreform; . • 10. Stabilitätspakt EU Allerdings stehen die Medien unseres Zeitalters der Kritik unter ökonomischem Druck. Der Billigjournalismus verschlingt neben Werbemitteln diejenige Aufmerksamkeit, die die Demokratie voraussetzt. Deshalb und aus Liebe zur Schweiz: Feiert die stolze Jubilarin, behaftet sie auf ihre DNA, bezahlt sie anständig und wehret dem Billigjournalismus.

*Kurt Imhof, ist Inhaber des Lehrstuhls für Publizistikwissenschaft und Soziologie und Leiter des «fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» am Soziologischen Institut der Universität Zürich.


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Schwierige Balance zwischen Distanz und Nähe – Wettermoderator Jörg Kachelmann, anderthalb Monate nach dem Freispruch, am 15 Juli 2011 bei einer Medienkonferenz in Kloten.

ALESSANDRO DELLA BELLA/keystone

Liberale Zeitungen (über)leben leichter Strategien für Printmedien Einige politisch vielleicht nicht ganz korrekte Überlegungen VON GERHARD SCHWARZ*

Der Titel mag in vielen Ohren wie ein Missverständnis – oder eine Provokation – tönen. Sieht man von den totalitären Phasen des Nationalsozialismus und des (International-)Sozialismus ab, sind die Liberalen noch selten einmal so im Gegenwind gestanden wie heute. Und ausgerechnet in einem solchen Umfeld soll Liberalismus eine Überlebensstrategie für Zeitungen sein! Was also ist gemeint, wenn hier eine liberale Grundhaltung geradezu als Erfolgsgeheimnis einer publizistischen Strategie gepriesen wird? Es gibt mehrere gute Gründe, warum es liberale Zeitungen braucht und warum sie sehr wohl ein aussichtsreiches Geschäftsmodell darstellen können. Liberale Nachfrage Der Markt für liberale Inhalte ist – erstens – zwar nicht riesig, aber er ist durchaus nicht vernachlässigbar. Die Marktwirtschaft zeichnet (im Gegensatz zur Demokratie) aus, dass es in ihr Platz für Nischenplayer hat. 15 Prozent Liberale gibt es wohl in jeder Gesellschaft – und noch einige mehr, die sich zumindest für eine liberale Sicht der Dinge interessieren, selbst wenn sie diese Sicht nicht teilen. Damit haftet liberaler Publizistik wohl fast unweigerlich etwas leicht Elitäres an, aber schliesslich ist die Luxusgüterindustrie ja auch ein boomendes Geschäft, warum soll es die «Industrie» der Luxuspublizistik nicht auch sein? Liberaler Erklärungsbedarf Zweitens war der Erklärungsbedarf für liberales Gedankengut wohl kaum einmal so gross wie heute. Liberales Denken ist alles andere als leicht verständlich und eingängig. Die meisten Menschen neigen aber dazu, wirtschaftliche Zusammenhänge auf relativ einfache Ursache-Wirkung-Zusammenhänge zu reduzieren. Die Finanz-

und Wirtschaftskrise ist ein prächtiger Nährboden für «terribles simplificateurs» und für die Jagd auf Sündenböcke. Liberale Publizistik hat da eine grosse und schwierige Aufklärungspflicht – über den engeren Kreis der Liberalen hinaus. Liberale Antworten Drittens braucht es liberale Auswege aus dem Schlamassel, in dem die Weltwirtschaft steckt. Da sind natürlich die Tüchtigsten und Klügsten unter den Denkern und Forschern gefragt, aber es braucht daneben auch eine entsprechende publizistische Begleitung. Hauptursache der Krise war der Staat mit seiner unrealistischen und unsoliden Finanzpolitik, aber auch mit falschen Rahmenbedingun-

Liberale Zeitungen werden nie dogmatisch, einseitig oder langweilig sein. gen für den Finanzsektor. Sie haben in der Finanzbranche zu grossen Irrungen und Wirrungen bis hin zum schamlosen Eingehen grösster Risiken und zur Aushebelung des zentralen liberalen Prinzips der Haftung geführt. Jenen, die nun am liebsten die Marktwirtschaft zu Grabe tragen möchten, gilt es, auch in den Medien, mit liberalen Reformvorschlägen entgegenzutreten. Diese Reformen verlangen eher eine Rückbesinnung auf liberale Prinzipien wie Wettbewerb, Privateigentum, Haftung und Selbstverantwortung als eine Überwindung dieser Prinzipien. Dies zu vermitteln, ist eine vornehme Aufgabe liberaler Medien. Liberaler Dialog Das führt über zum vierten und unter kommerziellen Aspekten vielleicht wichtigsten Punkt: Zum liberalen Selbstverständnis gehören das Interes-

se an anderen Meinungen, die Auseinandersetzung mit den verschiedensten Denkrichtungen und Positionen, der respektvolle Dialog mit Andersdenkenden. Deswegen werden wirklich liberale Zeitungen nie dogmatisch, einseitig und langweilig sein, sie werden über unterschiedlichste Ideen und Vorstösse berichten und sie werden vor allem immer einen ebenso ernsthaften wie lebhaften Dialog über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg pflegen. Damit werden sie auch für Andersdenkende interessant sein. Liberaler Kompass Dieser offene Dialog darf aber – fünftens – nicht verwechselt werden mit jener Beliebigkeit, die heute oft fälschlicherweise mit Liberalismus gleichgesetzt wird. Liberale Publizistik verspricht dann Erfolg, wenn sie von einem klaren Kompass gesteuert ist. Viele Menschen suchen Orientierung, und eine solche klare Positionierung muss weder undifferenziert noch dumm sein, sie muss aber Schlüsse ziehen und sich nicht mit einem blossen «einerseits – anderseits» begnügen. Für Klarheit gibt es auf dem Lesermarkt durchaus eine Nachfrage. Nur ein klarer Kompass erlaubt es zudem den Journalisten, die Geschehnisse einzuordnen. Sie müssen über einen soliden Kriterienkatalog verfügen, also über das, was man eine liberale Grundhaltung nennen könnte, um rasch und treffsicher urteilen zu können. Der Pragmatismus, der gerne einer solchen weltanschaulichen Wertung gegenübergestellt wird, ist in der Regel nichts anderes als Opportunismus. Der liberale Kompass ist ferner wichtig für einen offenen Dialog mit anderen Meinungen. Nicht die Haltung des «anything goes» ist dafür der beste Ratgeber, sondern das selbstreflektierende Wissen um die eigene Position. Nur wer eine klare Position hat, kann sie seinem Gegenüber entsprechend kommunizieren, kann Gemeinsamkeiten und Gegensätze erkennen.

DAS SAGEN PROMINENTE «Wenn ich einen Tag lang Chefredaktor wäre, würde ich junge Nicht-Leser einladen, eine Tagesausgabe zu machen, die speziell diese Zielgruppe anspricht.» Hans-Peter Zehnder, Verwaltungsratspräsident Zehnder Group, Meisterschwanden

Schliesslich ist ein transparent gemachter liberaler Kompass auch für die Nutzer von Zeitungen von grossem Wert. Ist ihnen dieser Kompass bekannt, wissen sie sofort, welche Abstriche sie an einem Kommentar, einem Leitartikel und selbst einem Bericht (der ja ebenfalls nie ganz wertfrei sein kann) machen müssen, damit der Text für sie wertvoll und nachvollziehbar bleibt. So genannte Unabhängigkeit, die das ganze weltanschauliche Spektrum abdeckt, suggeriert demgegenüber eine Neutralität, die sie nicht leisten kann, und sie lässt damit die Leserinnen und Leser im Ungewissen über die allgemeine Grundhaltung einer Zeitung. Liberale Unabhängigkeit Zum liberalen Verständnis gehören – sechstens – auch gewisse handwerkliche Grundsätze des Umgangs mit den Informanten und mit der Leserschaft. Sich nicht von seinen Informanten missbrauchen und manipulieren zu lassen, muss das Ziel jedes guten Journalismus sein. In diesem Sinne ist Unabhängigkeit eine unabdingbare Ingredienz nicht nur liberaler Publizistik, sondern jeglicher verantwortungsvoller Ausübung dieses Berufs. Ausserdem gilt es, die schwierige Balance zwischen kriti-

scher Distanz und verständnisvoller Nähe zu finden. Dafür braucht es nicht nur Rückgrat, sondern auch Kompetenz, denn ohne sie wird man Informationen entweder übertrieben kritisch interpretieren, um sich nur ja nicht einlullen zu lassen, oder man wird sich eben doch vereinnahmen lassen, weil man gar nicht merkt, wo die Manipulationen passieren. Eine liberale Publizistik zeichnet sich ferner bei aller kritischen Grundhaltung gegenüber Institutionen und Personen dadurch aus, dass sie nicht in Häme und billige Hetzjagd abgleitet, sondern den Respekt wahrt. Kampagnenjournalismus ist ebenso wenig Ausdruck einer besonders liberalen Publizistik wie jener Enthüllungsjournalismus, der seine Aufgabe hauptsächlich darin sieht, Dinge ans Licht zu ziehen. Solche Zurückhaltung wird zwar auf dem Markt nicht immer honoriert, dürfte sich aber längerfristig durchaus auszahlen. Man mag einwenden, dass einige dieser Ausführungen mit umgekehrten Vorzeichen auch auf eine völlig gegensätzliche, linke Publizistik zutreffen. Das gilt in der Tat vor allem für die klare Positionierung, den Kompass. Er kann auch anders geeicht sein als bei Liberalen. So steht denn letztlich hinter diesen Überlegungen die Überzeugung, dass es trotz der Beobachtung einer vermehrt apolitischen und technokratischen Gesellschaft so etwas wie einen Markt für Überzeugungen gibt. Auf diesem Markt kann man sehr wohl und weiterhin Geld verdienen – wenn man es mit liberalen Ideen tut, umso besser.

*Gerhard Schwarz ist Direktor von Avenir Suisse. Zuvor war er fast 30 Jahre lang «liberale Gewissen» der «NZZ».


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«Du darfst alles ausser langweilen»: Die kanadische Sängerin Céline Dion zieht die Aufmerksamkeit auf sich.

VIRGINIA MAYO/KEYSTONE

«Zeitungen und Zeitzungen» – die Pubertät der Presse Gestern und heute Josef Zehnder hat im Rückblick auffallend vieles auffallend richtig gemacht VON KARL LÜÖND*

Das Wort von den «Zeitzungen» stammt vom aargauischen Staats-Weisen Heinrich Zschokke. Wir unternehmen hier einen kurzen Tauchgang in die Geschichte – und wagen es, daraus zehn Regeln für das Medienwesen abzuleiten, die schon vor 175 Jahren gegolten haben. Verleger Josef Zehnder (1810–1896) hat auffallend vieles auffallend richtig gemacht. Punkt eins: Vergiss die Ideologie, die Wirtschaft zählt! Oder, derber ausgedrückt mit Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral! Als der schlecht bezahlte Schullehrer Josef Zehnder aus Birmenstorf die publizistische Bühne betrat, war er 24 Jahre alt. Der Aargau war unterwegs vom Ancien Régime zur selbstbewussten Demokratie. Aber Zehnder war nicht nur von politischen Ideen beseelt, wie er in seiner Kündigung vom November 1834 schrieb: Es gehe ihm darum, sich «ganz dem Buchhandel zu widmen und dadurch mittels Presseprodukten das frühere Lehrereinkommen wenn möglich aufzustocken». Das Drucken hatte er in drei Tagen von einem Kollegen gelernt. Manchmal hausierte er mit Raubdrucken, auch in Pfarrhäusern, wo er sonst keine Freunde hatte. Punkt zwei: Weltanschauung hilft selten, eigene Produktionsmittel immer! Feuerkopf Zehnder kam den liberalen Politikern und Unternehmern in Aarau und im Freiamt gerade recht. Mit einer liberalen Zeitung sollte er den romtreuen «Ultramontanen» Gegensteuer geben. Ein Konsortium aus Gesinnungsfreunden verpflichtete sich unterschriftlich, so viel Geld zusammenzulegen, dass Druck und Redaktion des zweimal

wöchentlich erscheinenden Blattes für drei Jahre gesichert waren – eine auch nach heutigen Massstäben gängige Frist für einen Start-up, um die Gewinnzone zu erreichen. 1836 erschien der erste von vielen ZehnderTiteln: die «Aargauer Volkszeitung». Punkt drei: Im Medienwesen wird deine Öffentlichkeitsarbeit immer von der Konkurrenz besorgt. 1839 übernahm Dominik Baldinger, früher Posthalter und Wirt zum «Löwen» in Baden, die Redaktion. Er trat 1837 in den Grossen Rat ein und wurde ein Jahr später nebenamtlicher Zuchthausverwalter in Baden. Dieses Amt ging später an Verleger Zehnder über. Als guter Kaufmann diversifizierte Zehnder aber auch in andere, vergleichsweise ruhige Branchen. Er heiratete weniger als ein Jahr nach dem Tod der ersten Frau wieder und kaufte 1846 – vermutlich mit dem Geld der zweiten Frau – das Restaurant Schlossberg in Baden. Er setzte seinen Bruder Johann als Wirt ein. Buchhandlung und Druckerei fanden im geräumigen Gebäude ebenfalls Platz. Zehnders Feinde höhnten: «Unten Schmier – oben Bier!» Punkt vier: Nur der Storch steht gut auf einem Bein. Diversifikation hilft beim Überleben! Punkt fünf: Nichts ist beständiger in der Medienwirtschaft als der Wandel. Aber du musst ihn einfach machen, nie erklären. Immer, wenn Josef Zehnder eine neue Richtung einschlug oder wenn sich die Reputation eines Titels verbraucht hatte, schlüpfte er in ein neues Markengewand. Ab August 1838 nannte Zehnder seine Zeitung «Aargauer Zeitung», was die «Neue Aargauer Zeitung» zur Weissglut

trieb. Offenbar hatten ihn seine Geldgeber im Stich gelassen. Zehnder schrieb über sich selbst in der dritten Person (April 1839): «Der Verleger und Drucker hatte so oft die Gelegenheit gehabt, den Geist der freisinnigen Subskribenten kennen zu lernen, und dies bewog ihn, das Blatt nach Verfluss von zwei Jahren schon aufzugeben.» Nicht einmal die Barauslagen seien «von den feinen Herren» bezahlt worden. Zehnder freilich war auch nicht heikel. Er verfolgte die säumigen Subskribenten über Monate hinweg mit publizistischen Mitteln und drohte ihnen dauernd mit der Veröffentlichung der Namen. So war für publizistische Spannung gesorgt, und die Beträge tröpfelten langsam, aber sicher herein. Punkt sechs: Vom Schulterklopfen deiner Freunde kannst du keine Löhne und Rechnungen bezahlen. Und im Medienwesen klopft dir jeder auf die Schultern, vor allem, wenn du etwas Neues unternimmst. Manche suchen freilich nur die Stelle, wo das Messer am leichtesten eindringt … Am 1. Juli 1840 erschien anstelle der «Aargauer Zeitung» in Birmenstorf die «Schweizerische Dorfzeitung». Der Name deutet darauf hin, dass er die Grenzen des Aargaus sprengen und gesamtschweizerische Bedeutung – und entsprechend weitere Verbreitung – suchte. Dasselbe probierte ja in den 1880er-Jahren der Zofinger Verleger und Drucker Jean Frey, indem er seine zwei notleidenden Lokalblätter zum «Schweizer Allgemeinen Anzeiger» zusammenschloss, aus dem die «Schweizerische Allgemeine Volkszeitung» hervorging. Die heutige «Glückspost» kann als direkte Urenkelin dieses auf rosafarbenes Papier gedruckten Blattes identifiziert werden. Niemand hätte je gedacht, dass ein Provinzblättchen aus dem Aargau ein verlegerischer Dauererfolg werden könnte.

Punkt sieben: Nichts ist unmöglich! Wer im Mediengeschäft von den anderen für verrückt erklärt wird, hat eine grosse Chance, richtig zu liegen. Die «Dorfzeitung» pflegte eine Frühform des Boulevardjournalismus: Unglücksfälle, Verbrechen und Kuriositäten wurden gebracht, in einer der ersten Nummern auch die Memoiren der abgelegten Geliebten eines nicht genannten Prominenten. Und Zehnder mischte seine politischen Inhalte hemmungslos mit Witzen über Polizei, Beamte und Gerichte und mit Wortgeplänkeln im Plauderton. Punkt acht, ganz wichtig: Wortmächtigen Radikalismus kann man nicht verkaufen. Wer sich früh dem Markt anpasst und bringt, was die Leute wirklich wollen, gewinnt. Und Unterhaltung ist nie falsch. Zugleich professionalisierte sich Zehnder als Verleger. Zum Jahreswechsel 1840/41 erhöhte er trotz Konkurrenzdruck den Abonnementspreis von zehn auf zwölf Batzen im Vierteljahr. Punkt neun – damit ist übrigens Ringier so reich geworden: Halte dich im Zweifelsfall immer an den Leser. Denn wenn du Leser hast, kommen die Inserenten fast von selbst. Hohe Erträge aus dem Lesermarkt stärken die verlegerische Unabhängigkeit. Das politische Hauen und Stechen ging munter weiter. In diesen Jahren raufte sich die regional zerklüftete aargauische Politik zusammen, und die Zeitungen waren eben die «Zeitzungen» jener pubertären Epoche. Am schlimmsten keilten sich fast jede Woche Josef Zehnder und Samuel Landolt, Verleger des (ebenfalls radikalen) «Posthörnchens». Landolt hatte für die «Dorfzeitung» nichts als Schlötterlinge übrig: «Pressebengel», «die Schande der Aarg. Presse», «Zehnder’scher Schmierkübel» Aber Zehn-

der verlor das Lesermarketing nicht aus den Augen. Dachte er damals schon an die weiblichen Lesenden, denen die Politik mangels Stimmrecht am Körper vorbeiging? Ab Frühjahr 1842 wurde der «Dorfzeitung» die monatliche Beilage «Das Plauderstübchen» gratis mitgeliefert. Punkt zehn: Unterhaltung und Service sind für den Erfolg von Medien ebenso wichtig wie Nachricht und Meinung. Mit der Sonderbunds- und Freischarenzeit ging auch die Pubertät der aargauischen Presse zu Ende. Zehnder taufte die «Dorfzeitung» in «Schweizerische Volkszeitung» um. Er geriet in Geldschwierigkeiten und musste seine Liegenschaft immer höher belehnen. Zwei Kinder wurden geboren. 1850 ging er in Konkurs. 1856 erschien das «Tagblatt der Stadt Baden». Verleger Zehnder konzentrierte sich auf das Lokale und die Servicefunktion der Zeitung – und hatte endlich auch wirtschaftlichen Erfolg. Zeitsprung über 20 turbulente Jahre! Das «Badener Tagblatt» hatte sich unentbehrlich gemacht und stand, finanziell gefestigt, an der Spitze der regionalen Presse- und Druckereiszene. Der Feuerkopf hatte gewonnen. Mit 86 starb er. Sein ganzes Leben lang hatte er den allerwichtigsten Punkt im Kanon des erfolgreichen Medienmenschen befolgt, der da lautet: Du darfst alles ausser langweilen! Quelle: Andreas Müller: Geschichte der politischen Presse im Aargau. Das 19. Jahrhundert. Aarau 1998. *Karl Lüönd war Gründer und langjähriger Chefredaktor und Verleger der «Züri Woche». Heute ist er freier Publizist.


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Überall geballte Mediennmacht Pressekonzentration Medienimperien entstanden, abe er auch die Nutzer sind stärker geworden

Auch im 21. Jahrhundert braucht es verantwortungsvollen Journalismus: Medienschaffende beim Kongress der japanischen Demokratischen Partei. VON ROGER BLUM*

Als der Liberalismus in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts in den Schweizer Kantonen seinen Siegeszug antrat und eine neue politische Ordnung durchsetzte, schossen Zeitungen wie Pilze aus dem Boden. Damals waren diese Blätter die einzigen aktuellen Medien, die nicht auf mündlicher Kommunikation beruhten. Sie hatten keinen grossen Leserkreis – manchmal 300, manchmal 1000 Adressaten –, aber sie erreichten Ärzte, Advokaten, Pfarrer, Lehrer, Wirte, Beamte und Kaufleute, die als Meinungsführer wieder andere Menschen beeinflussten. Mehr Nutzer dank Innovationen Die Zeitungen waren aufklärerisch und parteiisch zugleich, volksverbunden und direkt, oft derb in ihren Angriffen auf politische Gegner. Wer das ganze Meinungsspektrum erfassen wollte, musste auch Blätter mit einer anderen politischen Gesinnung sowie ausserkantonale Zeitungen lesen. Es herrschte Meinungsvielfalt, doch wer sich nicht bewusst breit informierte, merkte wenig davon. Eher führten dann die gewaltigen Medieninno-

Wer sich nicht bewusst breit informierte, merkte wenig von der Meinungsvielfalt. vationen des 19. Jahrhunderts dazu, dass die breite Bevölkerung etwas von der Medienvielfalt spürte. Die Erfindung des elektrischen Telegrafen und die Gründung von Nachrichtenagenturen machten es möglich, Nachrichten aus der ganzen Welt in kürzester Zeit zu verbreiten. Die Erfindung der Fotografie und die neu aufkommenden illustrierten Zeitschriften erlaubten es, Ereignisse bildlich zu dokumentieren. Mit der Erfindung des Kinos konnten Realitäten und Fiktionen in bewegten Bildern gezeigt werden. Und mit der Massenpresse wie dem «New York Herald» in den USA, dem «Petit Journal» in Frankreich oder dem «Tages-Anzeiger» in der Schweiz konnten auch Menschen der

Unterschicht zu erschwinglichen Preisen Zeitungen abonnieren. Das 20. und das 21. Jahrhundert beschleunigten diesen Wandel noch. Im Ersten Weltkrieg kam das Radio auf, vor dem Zweiten Weltkrieg fanden erste Experimente mit dem Fernsehen statt, nach dem Krieg gesellte sich die heutige Boulevardpresse hinzu. Später konnten die Leute dank ausländischer und inländischer öffentlicher und privater Radio- und Fernsehkanäle eine unglaubliche Vielfalt an audiovisueller Information und Unterhaltung empfangen. Die ganze Welt steht offen Mehr und mehr gehörte zu einem Normalhaushalt in der Schweiz etwa die folgende Ausstattung: ein Fernseher, mehrere Radios, eine abonnierte Tageszeitung, eine Programmzeitschrift, ein weiteres «Heftli», ein Videogerät. Doch damit nicht genug: Das Internet ermöglichte nochmals einen gewaltigen Schub an Innovationen, nämlich Nachrichtenportale, Newsletters via EMail, iPod, iPad, Social Media wie Facebook oder Twitter. Plötzlich stand die ganze Welt offen. Dank Gratiszeitungen und Internet wurde der Zugang zu Informationen nochmals entscheidend demokratisiert. Gleichzeitig ballte sich Medienmacht zusammen. Weltweit konzentrierte sich die Kontrolle über die Medienkommunikation bei wenigen Unternehmen. In den USA gehören Time Warner, Walt Disney, Comcast, News Corporation, Viacom, Gannett und Knight Ridder zu diesen Giganten; in Frankreich Lagardère, Hersant und Vivendi; in Deutschland RTL-Bertelsmann, Springer, WAZ, ZDF und ARD. In der Schweiz hat der Konzentrationsprozess zu für helvetische Verhältnisse ebenfalls grossen und mächtigen Medienkonzernen geführt, zu denen in erster Linie die SRG, Tamedia, Ringier, die NZZGruppe und Publigroupe zählen, in zweiter Linie die AZ Medien, die Südostschweiz Medien, die Marquard Medien, Springer-Schweiz und Hersant. Vier Konzerne sind mittlerweile in allen drei Hauptsprachregionen des Landes aktiv, nämlich die SRG, Tamedia, Ringier und Publigroupe. Und vier schweizerische Medienunternehmen sind zudem in südeuropäischen, osteuropäischen oder asiatischen Ländern aktiv, nämlich Ringier, Edi-

presse, Publigroupe und Marquard. Konzentriert hat sich auch der Nachrichtenmarkt: Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) ist mittlerweile der einzige Anbieter. Fundamentaler Wandel Mit diesem Machtzuwachs ging ein fundamentaler Wandel einher: Während Verleger des 19. Jahrhunderts eine politische Mission erfüllen wollten und ihre Zeitung in deren Dienst stellten, trachten Medienunternehmer des 21. Jahrhunderts danach, möglichst viele Synergien zu erzielen, die Medieninhalte in Print, Video, Online und Phono mehrfach zu verwerten und auch die Verwertungsketten von der Papierfabrik und der Filmproduktion bis hin zum Verkauf von DVDs, Büchern und Werbeinhalten möglichst zu kontrollieren. Der Konzentrationsprozess war aus drei Gründen unumgänglich: Erstens hatten sich die Zeitungen von den Parteien abgekoppelt, sodass sie nicht mehr auf ein fixes Stammpublikum zählen konnten. Zweitens hatten sich die Kosten der Medienproduktion verteuert. Drittens war der Konkurrenzkampf härter geworden, weil neue Medien aufkamen und sich im gleichen Markt tummelten. Doch die Konzentration hatte Folgen: Arbeitsplätze gingen verloren, und während die Kanalvielfalt und die Angebotsvielfalt anstiegen, nahm die Meinungsvielfalt ab. Vor allem auf der Ebene der Kantone verarmte der öffentliche politische Diskurs, weil oft nur noch eine einzige politische Tageszeitung die Meinungen prägt. Dies ist in der Hälfte der Kantone der Fall. Die Medienkonzentration fördert zudem den Trend zu angepasstem Journalismus, weil Medienschaffende, die es mit einem Medienunternehmen verderben, immer weniger berufliche Alternativen haben. Sie flüchten dann meist auf Public-Relations-Stellen und sagen dem Journalismus Adieu. Umgekehrt gab es noch nie so viele für praktisch jeden Menschen erreichbare Medienangebote wie heute. Die Kioske überquellen von Zeitungen und Zeitschriften.

SHIZUO KAMBAYASHI/KEYSTONE

Im Fernsehen kann man durch gegen 100 Kanäle zappen. Das Radio hält ebenfalls Informationen und Musik à discrétion bereit. Und das Internet ist sowieso eine unerschöpfliche Wundertüte. Wer Vielfalt sucht, findet sie auf jeden Fall. Nur frisst die Suche ziemlich Zeit. Angebotsvielfalt ist zudem keine Garantie für Meinungsvielfalt. Und Angebotsvielfalt ist keine Garantie für kompetente journalistische Bearbeitung. Im Internet stösst man auf alles: auf erstklassige Hintergrundberichte, auf informative Websites von fachlich kompetenten Organisationen, auf Propaganda, auf Müll, auf regelrechte Scheisse. Und zwar deshalb, weil im Internet nicht querbeet Journalismus am Werk ist. Journalismus ist unverzichtbar Journalismus ist just dazu da, die Informationen zu sammeln, zu prüfen, zu bewerten, die wesentlichen auszuwählen und die unwesentlichen auszuscheiden, sie zu präsentieren, zu interpretieren und zu kommentieren und sie in grössere Zusammenhänge einzuordnen. Dies alles im Kontext der journalistischen Ethik. Journalismus ist unverzichtbar, wenn die Menschen nicht im Meer der Informationen ertrinken sollen. Die Mediennutzer haben zwar parallel zu den Medienunternehmen ebenfalls Macht gewonnen, weil sie vor allem dank des Internets an den traditionellen Medien vorbei zu Quellen und Informationen vorstossen können. Aber sie werden dadurch nicht zu Journalisten. Verantwortungsvollen Journalismus braucht es daher im 21. Jahrhundert genauso wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wer Vielfalt sucht, findet sie auf jeden Fall. Nur frisst die Suche ziemlich viel Zeit.

*Roger Blum ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft der Universität Bern und Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen der Schweiz.


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az | Mittwoch, 9. November 2011

MEDIEN

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nmacht

er auch die Nutzer sind stärker geworden

gress der japanischen Demokratischen Partei. presse, Publigroupe und Marquard. Konzentriert hat sich auch der Nachrichtenmarkt: Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) ist mittlerweile der einzige Anbieter. Fundamentaler Wandel Mit diesem Machtzuwachs ging ein fundamentaler Wandel einher: Während Verleger des 19. Jahrhunderts eine politische Mission erfüllen wollten und ihre Zeitung in deren Dienst stellten, trachten Medienunternehmer des 21. Jahrhunderts danach, möglichst viele Synergien zu erzielen, die Medieninhalte in Print, Video, Online und Phono mehrfach zu verwerten und auch die Verwertungsketten von der Papierfabrik und der Filmproduktion bis hin zum Verkauf von DVDs, Büchern und Werbeinhalten möglichst zu kontrollieren. Der Konzentrationsprozess war aus drei Gründen unumgänglich: Erstens hatten sich die Zeitungen von den Parteien abgekoppelt, sodass sie nicht mehr auf ein fixes Stammpublikum zählen konnten. Zweitens hatten sich die Kosten der Medienproduktion verteuert. Drittens war der Konkurrenzkampf härter geworden, weil neue Medien aufkamen und sich im gleichen Markt tummelten. Doch die Konzentration hatte Folgen: Arbeitsplätze gingen verloren, und während die Kanalvielfalt und die Angebotsvielfalt anstiegen, nahm die Meinungsvielfalt ab. Vor allem auf der Ebene der Kantone verarmte der öffentliche politische Diskurs, weil oft nur noch eine einzige politische Tageszeitung die Meinungen prägt. Dies ist in der Hälfte der Kantone der Fall. Die Medienkonzentration fördert zudem den Trend zu angepasstem Journalismus, weil Medienschaffende, die es mit einem Medienunternehmen verderben, immer weniger berufliche Alternativen haben. Sie flüchten dann meist auf Public-Relations-Stellen und sagen dem Journalismus Adieu. Umgekehrt gab es noch nie so viele für praktisch jeden Menschen erreichbare Medienangebote wie heute. Die Kioske überquellen von Zeitungen und Zeitschriften.

SHIZUO KAMBAYASHI/KEYSTONE

Im Fernsehen kann man durch gegen 100 Kanäle zappen. Das Radio hält ebenfalls Informationen und Musik à discrétion bereit. Und das Internet ist sowieso eine unerschöpfliche Wundertüte. Wer Vielfalt sucht, findet sie auf jeden Fall. Nur frisst die Suche ziemlich Zeit. Angebotsvielfalt ist zudem keine Garantie für Meinungsvielfalt. Und Angebotsvielfalt ist keine Garantie für kompetente journalistische Bearbeitung. Im Internet stösst man auf alles: auf erstklassige Hintergrundberichte, auf informative Websites von fachlich kompetenten Organisationen, auf Propaganda, auf Müll, auf regelrechte Scheisse. Und zwar deshalb, weil im Internet nicht querbeet Journalismus am Werk ist. Journalismus ist unverzichtbar Journalismus ist just dazu da, die Informationen zu sammeln, zu prüfen, zu bewerten, die wesentlichen auszuwählen und die unwesentlichen auszuscheiden, sie zu präsentieren, zu interpretieren und zu kommentieren und sie in grössere Zusammenhänge einzuordnen. Dies alles im Kontext der journalistischen Ethik. Journalismus ist unverzichtbar, wenn die Menschen nicht im Meer der Informationen ertrinken sollen. Die Mediennutzer haben zwar parallel zu den Medienunternehmen ebenfalls Macht gewonnen, weil sie vor allem dank des Internets an den traditionellen Medien vorbei zu Quellen und Informationen vorstossen können. Aber sie werden dadurch nicht zu Journalisten. Verantwortungsvollen Journalismus braucht es daher im 21. Jahrhundert genauso wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wer Vielfalt sucht, findet sie auf jeden Fall. Nur frisst die Suche ziemlich viel Zeit.

*Roger Blum ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft der Universität Bern und Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen der Schweiz.


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Die Medien gaukeln uns etwas vor: Schauspielerin Angelina Jolie am Filmfestival Cannes 2011.

CHRISTIAN HARTMANN/KEYSTONE

Weg der Demokratie: Von der Polis zur «Mediapolis» Roger Silverstone Die Griechen hatten die Polis, die Öffentlichkeit der modernen Demokratie ist die «Mediapolis» VON CHRISTOPH BOPP*

ZUERST DAS GRUNDSÄTZLICHE: Wir haben die Medien, die wir verdienen. Konkret heisst das: Es gibt – früher oder später – nur noch die Medien, für die wir bereit sind zu zahlen. Prinzipiell war das immer so. Medien waren Bestandteil eines Marktes, sie wurden konsumiert. Anbieter von Medien müssen im Markt ihre Kunden finden. Dabei soll es sich allerdings um eine Einsicht handeln, die relativ neu ist. Oder sie war den meisten zuvor nicht bewusst. Aufklärung und Demokratie hatten den Medien eine politische Funktion gegeben. Die «vierte Macht» im Staat, das Instrument der Kontrolle von Regierung, Verwaltung und Justiz, dessen sich «die Öffentlichkeit» bedient. Publikumsmedien und Aufklärung haben eine gemeinsame Geschichte. Die Medien wurden zu Beschützern des Guten im Dienste der Wahrheit – nicht gerade die Lampe, die das «Licht» der Aufklärung spendet, aber sicher ein Reflektor oder Scheinwerfer … DABEI GIBT ES ein paar historische Vorurteile zu klären. Die Demokratie wurde in Griechenland erfunden, in Athen, einem Stadtstaat eigener Prägung. «Demokratie», Herrschaft des Volkes, hiess sie, «weil die Macht nicht in den Händen weniger, sondern einer grösseren Zahl von Bürgern ruht», wie in der Gefallenenrede des Perikles bei Thukydides nachzulesen ist. Und ihr Sinn und Vorzug war, dass alle Mitglieder des Demos zum Gedeihen der Polis beizutragen haben – und zwar gleichermassen. Gemeint waren handfeste Leistungen, Kriegsdienst etwa. Die Rede wurde zu Ehren der im ersten Jahr des Peloponnesischen Krieges gefallenen Bürger gehalten (431/430 v. Chr.). IN DER ANTIKEN POLIS waren Demos und Öffentlichkeit zwar nicht völlig identisch, aber sicher in einem

Mass «beieinander», wie man sich das heute nicht mehr vorstellen kann. «VV» – Vollversammlungen – sind uns heute eher nicht mehr so geheuer. Natürlich mussten die Machthaber ihre Politik und ihre Ziele ihren Wählern «verkaufen» – besonders Perikles verstand sich meisterhaft darauf – und man wusste auch, wofür sie standen. Aber an eine eigentliche politische Partizipation war nicht gedacht. Das Gemeinwesen wurde durch Gesetze geordnet, über die wurde selbstverständlich abgestimmt. Aber – so behaupteten böse Zungen, die nicht ganz unrecht haben – der Erfolg der Griechen in den Perserkriegen und ihrer Demokratie überhaupt war zur Hauptsache den genialen Politikern und Stra-

Moderne Medien erscheinen als Paradoxien. Sie lügen und machen Lüge offenbar. tegen wie Themistokles und Perikles geschuldet, die sie damals hatten. DIE MODERNE DEMOKRATIE beruft sich auch auf «das Volk», aber gemeint ist klar «der mündige Bürger». Er verfügt nicht nur über die griechischen Tugenden wie «tapfer», «besonnen», «gerecht» und dergleichen, sondern auch über Eigenschaften wie «wohlinformiert». Die Medien haben offenbar auch eine Bildungsaufgabe. Die man ihnen dann doch nicht recht zutraute, als man befürchtete, dass «das Volk verblöde», als das Fernsehen aufkam … Der Punkt war natürlich eher der, dass man den Medien zumutete, auch einen Teil zu diesem neuen Konzept der Öffentlichkeit beizutragen, das die aufgeklärte Demokratie brauchte. Der Philosoph Jürgen Habermas hat es dann 1961 in seinem Buch «Strukturwandel der Öffentlich-

keit» auf den Begriff gebracht. Die Öffentlichkeit ist der Raum, wo die «herrschaftsfreien Diskurse» stattfinden, der Kampfplatz, wo in vorurteilslosen Debatten mit dem Austausch von rationalen Argumenten gerungen wird – um Konsens. Kommunikation ist das Zentrum der Demokratie, wobei die Rolle der Medien – die halt nicht immer so «rational» agieren – allerdings eher diffus blieb. BEI HEIDEGGER («Sein und Zeit») lief dergleichen noch unter «Gerede». Das «echte Gespräch», bei dem es recht eigentlich ums «Verstehen» ginge, führte er dann vielleicht mit seinem Bauern … Seine Schülerin Hannah Arendt hingegen versuchte die antike Idee der Polis für die Demokratie nach der NS-Diktatur wieder fruchtbar zu machen. Auf sie bezieht sich der 2006 verstorbene britische Medientheoretiker Roger Silverstone mit seinem Konzept der «Mediapolis». Es war sein letztes Buch und erschien postum im Jahr 2007 (auf Deutsch bei Suhrkamp 2008: «Mediapolis. Die Moral der Massenmedien»). WAS IST DIE MEDIAPOLIS? Heute sagt man oft salopp, was nicht in den Medien ist, sei nie passiert. Es kommt schlicht nicht vor. Was vorkommt, ist «öffentlich» geworden. Und heute bilden die Medien den «Erscheinungsraum» (ein Begriff von Hannah Arendt), in dem uns «der Andere», schliesslich die «Welt» erscheint. Die Medien sind mehr als ein Mittel, ohne das wir den Alltag nicht bewältigen könnten (das stimmt auch). Sie stiften im globalen Zusammenhang die «Bedeutungen», anhand deren wir uns orientieren uns verorten, definieren, unsere Identität begreifbar machen. Die «Mediapolis» hat damit funktional die «Polis» abgelöst. Die «Mediapolis» sind nicht die Medien allein. Sondern auch ihre andere Seite: die User, Nutzer, Leser, Zuschauer, Zuhörer.

DAS SAGEN PROMINENTE «Wenn ich einen Tag lang Chefredaktorin wäre, würde ich aus dieser Zeitungsausgabe ein Generationenprojekt machen und Menschen aus allen Altersgruppen zusammen an den Redaktionstisch einladen.» Pascale Bruderer, neu gewählte Ständerätin, Nussbaumen

KLAR, DIE MEDIEN lügen uns an, gaukeln uns etwas vor. Aber wir sind nicht machtlos. Eigentlich leben wir in einem Deal mit den Medien. Wir tolerieren stillschweigend, was wir besser wissen. Wir handeln uns dafür ein, dass sie uns unterhalten, trösten, zerstreuen, dass sie manchmal auch Ordnung stiften. «Glaubwürdigkeit», dieses wichtige Gut, scheint manchmal sogar mehr ans Image eines Mediums gebunden als an moralische oder aussermediale Kriterien. Das BoulevardMedium wird unglaubwürdig, wenn es mit einem allzu analysierenden Leitartikel aufmacht … MODERNE MEDIEN erscheinen als Paradoxien. Sie dienen ebenso zur Lüge, wie sie auch ermöglichen, dieses Lügengewebe zu durchschauen. Sie «vermassen» und «vereinzeln»: Das war übrigens schon beim Buch so. Der gedruckte Text ermöglicht geteiltes Wissen, verhindert aber die Auseinandersetzung «um die Sache». Der Bildschirm ist ebenso die Eingangstüre zur «Welt», wie er seinen Betrachter auch vor ihr «abschirmt». Das Radio wurde erfunden, um über weite Distanzen zu kommunizieren. Was daraus geworden ist, war das erste Einbahn-Massenkommunikationsmittel, um «Volksgenossen» gleichzuschalten. In den Medi-

en wurde der «Zerfall der Politik» erst sichtbar, verursacht wurde er vor allem dadurch, dass viele Politiker alles daran setzten, in den Medien zu erscheinen. Fast alle Medienphänomene lassen sich in Paradoxien «erklären», die gar so fundamental sein können, dass man feststellt, dass das allen Gemeinsame, wenn sie vor dem TV-Gerät hocken, der Eindruck ist, dass sie «ein Individuum» seien, das persönlich angesprochen wird. «MEDIAPOLIS» IST – sagt Silverstone – ein «deskriptiver» und «normativer» Begriff. «Medien» impliziert auch «Verantwortung». Das wussten mindestens die Macher schon. Und sie verstanden darunter nicht nur handwerkliche Dinge. Aber es betrifft auch die Nutzer: «Wir als Leser, Zuschauer und Bürger (müssen) Verantwortung für unsere Medien übernehmen.» Gerade weil wir für unsere Lebensführung auf sie angewiesen sind. Medienkompetenz ist heute das, was Alphabetisierung im 19. Jahrhundert war. Bedingung zur Partizipation. Ihr Kernpunkt ist nicht nur Kritik, sondern vor allem die Beziehung zwischen Produzent und Konsument, weil alle prinzipiell beides sein können und vermehrt auch sein werden. Ihr wichtigster Parameter ist «die richtige Distanz». Illustriert am Beispiel: nicht zu nah (die quälenden Bilder von Abu Ghraib erweckten in uns eher den Eindruck, dass die Medien die Regeln der Präsentation nicht einhielten, als dass sie uns empört machten darüber, was da geschehen war), aber auch nicht zu fern («Was geht mich das an?»).

*Christoph Bopp ist Autor und Redaktor bei der az.


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«Investigativer» Journalismus im schlechteren Sinn: Rupert Murdoch im Sommer 2011 in London.

MATT DUNHAM/KEYSTONE

Big Brother in den Zeitungsspalten Boulevard Wie das Murdoch-Imperium den investigativen Journalismus pervertiert VON URSULA GANZ-BLÄTTLER*

Aalglatt im Auftritt, unauffällig-elegant gekleidet, mit dem Blackberry in der Hand und einem siegesgewissen, zynischen Lächeln auf den Lippen, dazu eine Armada bildhübscher Frauen im Schlepptau: So stellt man sich einen global agierenden Medientycoon vor. Allerdings gibt es diese stereotype Mischung aus Citizen Kane und Playboy-Chef Hugh Hefner nur in der Fiktion: Im James-Bond-Streifen «Tomorrow Never Dies» (1997) verkörpert der britische Schauspieler Jonathan Pryce hinreissend den Fiesling und Strippenzieher im Hintergrund der Weltpolitik, dessen Herz hüpft, wenn Katastrophen die Welt in Atem halten – weil ja doch nur schlechte Nachrichten wirklich gute Nachrichten sind. Die grandios überzeichnete Karikatur eines machtgeilen Verlegers, der für die Schlagzeile des Tages notfalls über Leichen geht, soll nach dem Vorbild des australischen Zeitungsverlegers Rupert Murdoch gezeichnet worden sein. Allerdings ist der richtige Rupert Murdoch längst aus dem Alter des Partylöwen hinaus. Der australische Grossverleger ist kein Hasardeur, sondern steht in der Tradition der gutbürgerlichen Verlegerdynastien, die einst nationenweite Presseimperien aufbauten, auf Konsolidierung des Erreichten statt auf Medienrevolutionen setzen und ihre Print- und Multimediaprodukte in der Regel «en famille» vom Vater auf den Sohn (in diesem Fall: Sohn James) vererben. «Gutter» und «Gossip» Was die Inhalte angeht, stimmt das populäre Bild wiederum: Murdochs weltumspannendes Presseimperium bedient seit je besonders erfolgreich die Genres von «Gutter» und «Gossip», also die öffentliche Schlammschlacht und den sensationslüsternen Enthüllungsjournalismus. Zum Portfolio von Rupert Mur-

dochs News Corporation gehört das Gros der britischen Boulevardzeitungen rings um die «Sun» (mit dem britischen Königshaus als bevorzugtem Angriffsziel und dem barbusigen Girl von Seite 3 als Maskottchen). Dazu gehört aber auch das «Wall Street Journal» und nicht zuletzt der amerikanische TV-Sender Fox, der in den 1980er-Jahren antrat, um die bis dahin unangefochtenen Branchenleader ABC, CBS und NBC mit einem auf jüngere Zuschauer zugeschnittenen Programm – und einer streng konservativen Nachrichtenpolitik – das Fürchten zu lehren. Die Abhöraffäre in Grossbritannien Bis vor kurzem wuchsen die Bäume bei News Corporation in den Himmel, und entsprechend immun gegen Kritik zeigte sich der australische Medienzar. Das allerdings hat sich im Sommer 2011 geändert – und zwar so gründlich, dass man sich über die zuvor herrschende Hybris – die pure Selbstüberschätzung – nur wundern kann. Seit diesem Juli also wird in Grossbritannien in mehr als 3000 Fällen gegen Mitarbeiter von Murdochs Medien ermittelt, nachdem Mobiltelefone von zahlreichen Prominenten, aber auch von Normalbürgern – darunter Mordopfer und deren Angehörige – angezapft und systematisch abgehört wurden. Die in England äusserst populäre Sonntagszeitung «News of the World» musste aufgrund der zahlreichen Vorwürfe der Persönlichkeitsverletzung schliessen, die Chefredaktorin Rebekah Brooks wurde verhaftet. Murdoch selber hat nach einem Veto des britischen Unterhauses auf eine Mehrheitsbeteiligung am englischen Sender BSkyB verzichtet – und sich öffentlich bei den Lesern für den Skandal im Hause News Corporation entschuldigt. Ob damit genügend Abbitte geleistet wurde, ist fraglich – der Imageschaden ist immens.

Pikant an dem Abhörskandal ist nicht so sehr, dass Scotland Yard verbrecherische Journalisten jagt und damit die Paparazzi ihrerseits zu Gejagten macht. Die Abgründe tun sich vielmehr dort auf, wo es um die Rolle von Journalisten als (vorgeblich) unvoreingenommene Beobachter und Zeitzeugen geht und um die Verdrehung dieser Rolle in ihr perverses Gegenteil. Der Watergate-Skandal Wer erinnert sich nicht an Bob Woodward und Carl Bernstein, die im Zeichen von «Watergate» zu Beginn der 1970er-Jahre einen politisch motivierten Abhörskandal aufdeckten und damit die US-Regierung ins Wanken brachten? Das war investigativer Journalismus im Dienste der Öffentlichkeit: Mit dem Ziel der Wahrheitsfindung, mit oft fragwürdigen Methoden – aber auch mit dem Anspruch, die Presse als «vierte Macht» gegen politischen Machtmissbrauch ins Spiel zu bringen. Im Falle des jüngsten Abhörskandals im Hause Murdoch sind nur die fragwürdigen Methoden geblieben. Was den im schlechteren Sinn «investigativen» Journalismus betrifft, so richtet sich dieser ganz offensichtlich nicht gegen Machtmissbräuche, sondern nimmt – passend zum Genre des Boulevardjournalismus – die populäre Figur der Promis aufs Korn, und damit Menschen, die sich als «Personen des öffentlichen Interesses» durchaus die Neugier des breiten Publikums und deren Umsetzung in gefällige oder gepfefferte Personality-Storys gefallen lassen müssen. Allerdings nicht das Anzapfen ihrer privaten Telefone. Inzwischen gerät nun aber offenbar auch der ganz normale Bürger in den Fokus der Paparazzi, sobald seine Geschichte im Zusammenhang mit Unglücksfällen und Verbrechen interessiert. Dass hier Journalisten so weit gehen, heimlich Daten zu sam-

DAS SAGEN PROMINENTE «Beim Badener Tagblatt las ich immer zuerst die Seite ‹hier + heute›.» Max Chopard, SP-Nationalrat, Nussbaumen

meln und Abhörfiles anzulegen, erinnert frappant an den Gebrauch von Laien in den Reality-Formaten des kommerziellen Fernsehens. Heisst: Der im Hause Murdoch offenbar gebräuchliche Weg, über das Anzapfen von privaten Telefonen zu einschlägigen «Storys» zu gelangen, macht vor dem Normalbürger ebenso wenig Halt wie vor den herkömmlichen Objekten des Tabloid-Journalismus: Celebrities und Royalties. Beides sollte zu denken geben: Die grundsätzliche Abgebrühtheit der Datenbeschaffer, aber auch die Bereitschaft, überall zuzuschlagen, wo es «Interessantes» zu hören oder zu sehen gibt. Diebstahl persönlicher Daten Bleibt die Frage nach dem Sinn solcher Aktionen. Was hat der abgebrühte Storyjäger davon, wenn er unerlaubt Sprachsequenzen mitschneidet, heimlich Fotos schiesst, ohne die Bildrechte abzuklären, oder sich Bilder und Videos von Facebook, Youtube und anderen sozialen Netzwerken besorgt – und damit aus Quellen, die ausschliesslich für den Gebrauch von Freunden und Familienangehörigen reserviert sind? Selbst wenn solche Materialien bloss gesammelt und nicht ausgewertet beziehungsweise veröffentlicht werden, geht es um den Diebstahl ganz persönlicher Lebensdaten. Der Boulevardjournalismus hat keine dokumentarische Funktion, sondern eine dramaturgische: Es geht

nicht um die Fakten an sich, sondern um das, was sich hinter der vordergründig erzählten, dramatisch zugespitzten Geschichte als eigentliche Hintergrundgeschichte verbirgt. Nichts ist intimer als der Blick durchs Schlüsselloch. Nichts erscheint familiärer und vertrauter als der Mitschnitt von alltäglichen Gesprächen und Handlungen, wie sie «das Leben schreibt». Und nichts bindet Leser, Zuschauer oder Zuhörer mehr in eine fortgesetzte Handlung ein als Einsichten in ein fremdes Leben. Anzunehmen ist, dass es jetzt ertappten Tonjägern und Geschichtendieben gerade nicht darum ging, Hintergründe bestimmter Unglücksfälle und Verbrechen aufzudecken oder Prominente beim Lügen, Fremdgehen oder bei sonst was zu ertappen. Im Gegenteil: Gesucht sind Sequenzen von Normalität: Als das Mordopfer noch mit Eltern und Freunden schwatzte. Solche Wissensstände zu mehr oder weniger bekannten Personen exklusiv zu besitzen, um sie dramaturgisch einsetzen zu können, ist für gewisse Medienschaffende offenbar heute schon ein unschätzbares Gut. Welches man zwar erbetteln könnte oder von den autorisierten Besitzern einkaufen. Welches man sich aber auch einfach illegal herunterlädt, wenn keiner zuguckt. Der Murdoch-Journalismus ist ein Big-Brother-Journalismus, der die Subjekte der Berichterstattung zu Objekten macht. Und damit zu Spielbällen – nicht geheimer Mächte, aber bestimmter verlegerischer Strategien, für deren Umsetzung jedes Mittel recht ist.

*Ursula Ganz-Blättler ist habilitierte Filmund Fernsehwissenschafterin und unterrichtet zurzeit in St. Gallen.


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Medien brauchen Politiker, Politiker brauchen Medien: Das Wahlstudio des Schweizer Fernsehens anlässlich der National- und Stäenderatswahlen am 23. Oktober 2011.

STEFFEN SCHMIDT/KEYSTONE

Politik und Medien sind siamesische Zwillinge Marktplätze Dank und mit den Medien wird Politik im öffentlichen Raum transparent VON PETER BODENMANN*

Als eines der wenigen Länder der Welt wurde die Schweiz dank einer erfolgreichen Revolution zu einem reichen Land. Die siegreichen Freisinnigen regierten dieses Land während gut 100 Jahren fast allein. Sie schreckten selbst vor einem Bürgerkrieg, dem Sonderbundskrieg, nicht zurück. Konkordanz war für die Erfolgreichen ein Fremdwort. Nirgends waren die Freisinnigen radikaler und deshalb erfolgreicher als im Aargau. Auch dank einer ihnen nahestehenden Presse. Einst hatte jede Mikro-Region der Schweiz ihre kleinen Tageszeitungen. Bald einmal werden wenige mittlere Unternehmen sich den Zeitungs- und Internetmarkt aufteilen. Und dies vielleicht auch nur vorübergehend, bis die grossen Brüder aus Deutschland die mittelständischen Unternehmen übernommen haben. Es gibt im Bereich der Medien nur eine Konstante: den ständigen Wandel der Strukturen und Technologien. In diesem Prozess waren, sind und bleiben Politik einerseits und Medien andererseits siamesische Zwillinge. Nichts belegt dies besser als die Geschichte der lokalen Zeitungszaren-Familien Zehnder und Wanner. Familiengeschichten Wer in der Geschichte seiner Familie, seiner Region und des Landes zurückblättert, wird feststellen, dass dies überall in der Schweiz so war. Die Walliser Hotelier-Könige Seiler – im Herzen waren sie Freisinnige, die sich als fortschrittliche Katholisch-Konservative verkleiden mussten – holten zu Beginn des 20. Jahrhunderts junge Unternehmer in das verarmte und unterentwickelte Wallis. Um es zu entwickeln. Einer von ihnen war mein Grossvater mütterlicherseits. Ein Müller aus der Familie der Berner Augsburger. Jeden Morgen um 4 Uhr setzte er seinen Betrieb eigenhändig in Gang. Und ging vor dem Mittag in das Restaurant «Du Rhone», um Zeitungen zu lesen. Als Unternehmer konnte er die «Berner Tagwacht», das Organ der Berner Sozialdemokraten, im stockkon-

servativen Wallis nicht abonnieren. Deshalb bezahlte er dem Wirt des Restaurants «Du Rhone» den Abopreis für die «Berner Tagwacht» und las als Rechter am Wirtshaustisch die von ihm finanzierte rote Zeitung. Denn früher hatte jede Partei ihre Zeitung und umgekehrt. Die führenden Politiker schrieben – sie konnten damals noch schreiben – die Leitartikel. Sie gaben ihrer jeweiligen Basis den Tarif durch. Die Welten der Freisinnigen, der Katholisch-Konservativen und der Roten waren relativ hermetisch abgeschlossen. Wer mehr wissen wollte, musste mehrere Zeitungen lesen. Das Armenhaus Schweiz konnte sich von den Fesseln der Vergangenheit nur lösen, weil lange Zeit die revolutionären Freisinnigen dank besseren Medien, dank besseren Ideen, dank mehr ökonomischer Macht notwendige Umbrüche vorantrieben.

Die Zahl der Inserenten wächst nicht. Die wenigen grossen verbleibenden Inseratekunden müssen ihre Waren und Dienstleistungen verkaufen. Sie haben kein kurzfristiges Interesse an der mittelfristigen Optimierung ihrer Angebote durch mediale Kritik. Und schon gar nicht an Preisvergleichen mit dem nahen Ausland. Auch deshalb konnte der interimistische UBS-Chef verbreiten, die Schweiz sei nicht dank dem Freisinn, sondern dank Steuerhinterziehung reich geworden. Und die Bahnhofstrasse stecke voll von Schwarzen-Steuerhinterzieher-Petern. Keine Zeitung regte sich über die Aussagen des Panama-Ermotti auf. Schlicht und einfach, weil die UBS zuvor während dreier Wochen alle Inserate gestoppt hatte, um nach dem Kollateralschaden in London die Kritik an den Investmentbankern zu stoppen.

Alles anders – alles schwimmt Heute ist alles anders. Der Freisinn ist noch eine 14-Prozent-Partei. Auch im Aargau. Neue Ideen und neue Konzepte entwickelt er schon lange keine mehr. Stattdessen will der Freisinn aus Liebe zur Schweiz politisieren. Kopierte Plattitüden bringen keine Tanzbeine zum Schwingen. Die neue Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit hat selbst die Falkenstrasse in Zürich erreicht. So empfiehlt die «NZZ», einst die «Prawda» des erfolgreichen Schweizer Freisinns, die Wahl von Christoph Blocher in den Ständerat. Und dies erst noch erfolglos. Alles beginnt im Ungenauen zu schwimmen. Nicht genug. Die Medienhäuser bewegen sich in einem schwierigen Umfeld. In der Regel erhalten regional gut verankerte Medienhäuser reichlich Druckaufträge vom Staat. Regierungsräte und Stadtpräsidenten sind – obwohl sie dies unisono bestreiten – grossmehrheitlich Mimosen. Und deren Chefbeamte erst recht. Wer öffentlich zu kritische Fragen an Politik und Verwaltung stellt, wird bei der Verteilung des kleiner werdenden Druckkuchens nicht in der ersten Reihe stehen.

Noch geht de Weck auf den Wecker In der Schweiz wird politische Macht verschleiert und portioniert. Nichts soll zu sichtbar sein, niemand soll zu viel Macht haben. Das parastaatliche Fernsehen tarnt sich erfolgreich als sich selbst reproduzierende Honoratioren-Genossenschaft. Die beiden Gewinner der letzten Wahlen, Martin Bäumle und Hans Grunder, sind politische Unternehmer eines neuen Typs. Sie haben sich beide durch Nutzung von Marktlücken und Vermeidung von klaren Positionen mithilfe des trennunscharfen Fernsehens je eine eigene 5-ProzentPartei geschaffen. Und verkaufen jetzt ihre Stimmenanteile so teuer wie möglich. Polit- und Profitmaximierung der neuen Art. Hinter der SVP stehen Milliardäre. Hinter BDP und GLP politische KMUler. Die Zeitungen verlieren Leser. Das Fernsehen verliert Zuschauer. Es will sie – wie die Zeitungen – über das Internet zurückholen. Deshalb gerät es mit den Medienhäusern in offenen Konflikt. Parastaatliche Interessen einerseits und private Interessen andererseits treffen aufeinander. Früher oder später wird es zu einem gutschweizerischen politischen

Kompromiss kommen, dessen Konturen unschwer zu erraten sind: Das Fernsehen tritt die Werbung auf seinen Internetseiten gegen bescheidene Beteiligung an die versammelten Verleger ab. Diese dürfen als weiteres Zückerchen die Sendungen der SRG kostenlos in ihre eigenen Homepages einbinden. Umgekehrt lassen

Jede und jeder soll sich politisch regelmässig ärgern und freuen dürfen. die Verleger die SRG in Sachen Gebühren in Ruhe. Damit alle zusammen ihre Ruhe haben. Und Filippo Leutenegger wird dies als Erfolg seines unermüdlichen Kampfes für mehr Pressefreiheit feiern. Leser wollen viele bunte Smarties Die letzten verbleibenden Zeitungskönige der Schweiz haben zudem ihre eigenen Vorstellungen, was in ein Blatt soll und was nicht. Die Mittel und die Lust, um aufwändige Recherchen zu finanzieren, werden knapper. Ihre Newsrooms werden zunehmend zu den Legebatterien immer kurzfristiger medialer Aufreger und Appetithäppchen, die zu Klicks führen, führen müssen. Umgekehrt sind die Leserinnen und Leser an möglichst lebendigen Zeitungen, Lokalradios und lokalen Fernsehsendern interessiert. Unabhängig davon, ob sie politisch rechts, links oder irgendwo in der Mitte stehen. Nichts macht mehr Lese- und Sehfreuden, als wenn laufend Politiker, Parteien, Produkte, Manager und Unternehmen kritisch durchleuchtet werden, sich gegenseitig fordern und somit fördern. In den verschiedenen Regionen der Schweiz sind Mono- oder Duopole die Regel. Wenn diese Erfolg haben wollen, brauchen sie inhaltlich attraktive Gemischtwarenläden. Jede und jeder soll sich politisch regelmässig ärgern und freuen dürfen. Ei-

ne Zeitung braucht keinen sorgfältig austarierten und durchgesetzten Standpunkt. Regionale Monopolzeitungen brauchen die besten rechten und linken Federn im eigenen Blatt. Die Medien als die gedruckten und digitalisierten Marktplätze, auf denen Politik dank und mit ihnen im öffentlichen Raum transparent verfertigt wird. Erfolgreiche Verleger brauchen deshalb – noch mehr als bisher – gute Nerven. Weil der Preis für erfolgreiche Medien aufgeregte Politiker und Unternehmer sind. Blick in die Kristallkugel Tendenz 1: Die deutsche Schweiz hat nicht viel mehr Einwohner als ein Drittel von Bayern. Die Zahl der Zeitungstitel wird in der Schweiz weiter schrumpfen. Die Zahl der Inserate ebenso und die Zahl der Verleger noch stärker. Und diese werden sich nicht nur bekämpfen, sondern untereinander absprechen. Weil sie es müssen. Bevor sie übernommen werden. Tendenz 2: Sollen sich Zeitungen auf ihr Kernprodukt konzentrieren oder die ganze Palette der anderen, auch der neueren Medien anbieten? Kurzfristig bringt Konzentration auf das Kerngeschäft mehr, mittelfristig kommt, wer breiter aufgestellt ist, weiter. Tendenz 3: Medien werden politisch wichtiger, weil die Parteien ausbluten. Die Menschen gehen immer seltener an Parteiversammlungen, an kontradiktorische Podiumsgespräche, sondern konsumieren das Angebot der sich konkurrierenden Parteien und Politiker – wenn überhaupt – über die Medien. Vorab über Lokalradio und Lokalfernsehen. Gute Zeiten für die Bäumles und Grunders, die Pioniere virtueller Politik und Parteien.

*Peter Bodenmann war von 1990 bis 1997 Präsident der SP Schweiz. Von 1987 bis 1997 war er Nationalrat. Heute ist er Hotelier in Brig.


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Journalismus ist gut, Kommunikation ist schlecht Journalismus und Kommunikation Anstelle eines Artikels ein – ungehaltener – Vortrag VON OSWALD SIGG*

Sehr verehrte Damen und Herren Die az-Redaktion hat mich vor kurzem eingeladen, einen Text zum Themenkreis Journalismus und Kommunikation für die Jubiläumsbeilage «175 Jahre AZ Medien» zu schreiben. SIE BEGINNEN NUN HIER nicht einen solchen Artikel zu lesen, sondern Sie lesen einen – wenn auch ungehaltenen – Vortrag mit dem Titel «Journalismus und Kommunikation als Herausforderung». Denn über so etwas Wichtiges möchte ich nicht einfach irgendetwas hinschreiben. Das Thema ist eines Vortrags würdig. Als Sprecher von Bundesräten hatte ich ja gewöhnlich beredt zu schweigen und stattdessen zu schreiben, nämlich vorwiegend ein belangloses Communiqué. Und manchmal

habe ich meine Chefs begleitet, wenn sie einen Vortrag hielten, an dessen Grundlagenaufarbeitung, Entwicklung und Abfassung ich nicht gänzlich unbeteiligt war. Dann sass ich jeweils meistens in der drittvordersten Reihe am äussersten Rand, um sofort zur Stelle zu sein, falls er eine Manuskriptseite verloren hätte, ein Wort nicht hätte lesen können, vom Text abgeschweift und den Wiedereinstieg nicht mehr geschafft hätte oder falls einfach sonst etwas Ähnliches vorgekommen wäre.

«Ich empfehle den AZ Medien, weiterhin den Journalismus gut zu pflegen.»

ABER ES KAM NIE VOR. Leider. Und eigentlich hätte es noch viel schlimmer kommen können. Falsche Betonungen, überbordende Gestik oder die zähflüssigen Entfernungen vom Manuskript verbunden mit hilfloser Mimik – aber eben, alles dies war, je-

denfalls bei «meinen» Bundesräten, in gar keinem Fall der Fall. Und trotzdem, Sie werden dies verstehen, freut es mich besonders, dass ich Ihnen heute zur Herausforderung «Journalismus und Kommunikation» endlich einmal selbst und persönlich etwas Gültiges sagen darf. Ohne Rücksicht auf die politische Situation und die Persönlichkeit eines amtierenden Bundesrats. Einfach offen, frei und hemmungslos. NUN ABER ZUM THEMA. Dass Journalismus einerseits und Kommunikation anderseits im Grunde genommen dasselbe sind, ist ein allgemeines und grundlegendes Missverständnis. Es ist auch nicht so, dass die Kommunikation der Oberbegriff von Journalismus sowie von Information, Public Relations und Werbung darstellt. Sie werden verstehen, dass ich angesichts meines Alters – 1944 in Zürich geboren, wo das «Badener Tagblatt» eine Rolle spielte – insbesondere historisch argumentiere. Und aus dieser Perspektive formuliere ich Ihnen eine erste These: Was einst als Journalismus bezeichnet wurde, nennt man heute Kommunikation. Sie merken sofort, wo ich hinauswill. Früher, da gab es noch eine politische Publizistik, die man mit Fug und Recht als Journalismus bezeichnen durfte. Er, der Journalismus, war so etwas wie ein Synonym von Können. Was man als Journalist in erster Linie können musste, war: das Erzählen. Und es war gar nicht so einfach, ein guter Erzähler zu werden. Falls man nicht mit der Grundausbildung eines Lehrers Journalist wurde, hatte man sich die Eignung zum Märchenerzähler mittels der Gutenachtgeschichten für die eigenen Kinder autodidaktisch angelernt. Doch meine Kinder sind meistens nach drei Minuten des Zuhö-

DAS SAGEN PROMINENTE «An das ‹Aargauer Tagblatt› erinnere ich mich gerne, weil es eine klar erkennbare Ausrichtung hatte und sehr gut recherchierte Beiträge publizierte. Mit einem Schmunzeln erinnere ich mich auch an die Kolumne ‹Rüebliländer› im ‹Badener Tagblatt›, die oft auch unsere CVP-Politiker als Zielscheibe hatte.» Roland Brogli Regierungsrat, CVP,

rens bei meiner Geschichte eingeschlafen. Ich konnte es einfach nicht – damals. Erst viel später kam ich zur Erkenntnis, dass der Schlaf, mindestens für die Kinder, als Resultat meiner narrativen Kompetenz eigentlich die bestmögliche Lösung meiner Bemühungen war. Denn in den müde gewordenen Ohren der Kinder war meine Erzählung zum beruhigenden Wörterrinnsal geworden. Ich hatte nur noch kommuniziert. DAS BRINGT MICH ZUR ZWEITEN THESE in meinem Vortrag. Kommunikation ist, im Unterschied zum Journalismus, nicht unbedingt inhaltlich belastet. Ja, sie kann vielmehr eine spannungsarme und weitgehend reizlose Übermittlung von hohlen beziehungsweise porösen Sprachsedimenten sein. Während der klassische und freie Journalismus im Geist der Aufklärung die Welt verändern will, bezweckt das,

was man heute einfach Kommunikation nennt, eher das Gegenteil: Beruhigung, nur keine Veränderung. Kommunikation dient, einem Ferment ähnlich, der gesellschaftlichen Zellversorgung und dem Abbau toxischer Stoffe. Mit einem Wort: Kommunikation wirkt systemstabilisierend. HIER NOCH, wenn Sie erlauben, eine dritte These, zum Schluss: Kommunikation an und für sich ist unglaubwürdig. Denn wenn irgendwo – sei es in einer Regierung, sei es in einem Unternehmen – eine Krise sich anbahnt, werden meistens Kommunikationsfehler als Ursache genannt, und dann wird die Krise mittels eines professionellen so genannten Krisenkommunikationskonzepts gelöst. Letzteres wird uns von der Kommunikationsbranche als Produkt angeboten: «Machen Sie aus der Krise Ihre Chance!» DEN DREI THESEN ZUFOLGE lautet denn auch mein Fazit kurzerhand: Journalismus ist gut und Kommunikation ist schlecht, und so empfehle ich den AZ Medien, weiterhin den Journalismus gut zu pflegen. UND GANZ ZUM SCHLUSS die rhetorische Frage: Hätten Sie, verehrte Damen und Herren, diesen meinen Vortrag, fein säuberlich redigiert als hundskommunes Pressecommuniqué, geglaubt oder überhaupt gelesen? Eben.

*Oswald Sigg war von 2005–2009 Vizekanzler und Bundesratssprecher.


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MEDIEN& ZUKUNFT

Hier laufen die Fäden zusammen: Der Newsroom im AZ Mediencenter in der Aarauer Telli.

EMANUEL FREUDIGER

Die journalistische Musik spielt im Newsroom Strukturen Der Wechsel vom Einzelbüro ins Grossraumbüro vereinfacht die Abläufe und die Kommunikation VON ROUVEN SCHELLENBERGER*

Wer Redaktoren Angst und Schrecken einjagen will, der muss nur einmal das Wort Newsroom fallen lassen. Nebenbei, zufällig – oder als die nächste, grosse Innovation ins Spiel gebracht: Zuverlässig entsteht Panik. Das liegt zum einen an den Unannehmlichkeiten, die mit dem Verlust eines kuscheligen Einzelbüros einhergehen. Zum anderen aber auch daran, dass bei vielen Konzepten der Mehrwert für den Journalisten nicht ersichtlich ist. Dort, wo sich der Newsroom in der Raumoptimierung und Ersparnis erschöpft, wird er scheitern und ist er bereits oft völlig zu Recht gescheitert. Dort, wo der Newsroom als Arbeitskonzept gedacht wird, kann er die Mauern zwischen journalistischen Einheiten einreissen. Der grösste Gewinner dabei ist der Leser. Nur ein Trugbild? Der Newsroom hat den schlechten Ruf, eine Modeerscheinung zu sein. Ein Trugbild ähnlich dem Multimediamultifunktionsjournalisten. Für ein paar Jahre suchten die Redaktionen dieses Schweizer Taschenmesser unter den Journalisten. Den Redaktor, der alles kann: fotografieren, schreiben, einsprechen und schnei-

den. Alles zugleich, in stets hoher Qualität. Sie können weiter nach ihm fahnden, sie werden ihn nicht finden. Der Newsroom allerdings ist keine Modeerscheinung. Die Urform des Newsrooms In den Archiven der «Frankfurter Rundschau» (FR) findet sich ein Foto vom Nachrichten-Desk der Lokalredaktion Anfang der 1970er-Jahre. Wir sehen nur das Bild, aber wir spüren dabei die Enge. Wir hören das laute Klappern der mechanischen Schreibmaschinen, das schrille Klingeln der Telefone, wir riechen den Kaffee. So zivilisiert die Situation auf diesem Bild auch erscheint, so offensichtlich ist auch, wie unkomfortabel dieser Arbeitsplatz war: eng, laut, im Sommer wohl auch unerträglich heiss. Aber wir ahnen zugleich die Intensität der politischen Debatte, das Engagement. Hier wurden die zentralen Entscheidungen diskutiert und gefällt, in einem kleinen Grossraum mit strenger Hierarchie. Mit dem heutigen Ideal eines Newsrooms hat diese Urform viel gemein. Der Newsroom muss der Ort sein, von dem aus der Takt der Berichterstattung vorgegeben wird. Dafür braucht er ein Zentrum, in dem sich die wichtigsten Entscheider versammeln. In der «Frankfurter Rund-

schau» ist der Newsroom angeordnet wie eine Sonne. In der Mitte ein runder Tisch für schnelle Konferenzen. Drumherum ein Ring, an dem die Entscheider sitzen und nach aussen blicken, an den Strahlen – in Rufdistanz – Redaktoren, Blattmacher, Schreiber oder Layouter der einzelnen Abteilungen. Es braucht ein Zentrum Nach dem tief greifenden Umbau der Redaktion der FR haben wir das Konzept angepasst. An der Grundregel ändert dies aber nichts: Jeder

Der Newsroom muss der Ort sein, von dem aus der Takt der Berichterstattung vorgegeben wird. Newsroom braucht ein Zentrum, hier müssen die Entscheider sitzen. Wer dort an diesem Tag nicht sitzt, der entscheidet an diesem Tag in der Regel auch nicht. Rückfragen kosteten uns Zeit, der Newsroom aber soll die Entscheidungen beschleunigen. Diese Beschreibung klingt überaus hierarchisch. Für Absprachen, für Koordination und Arbeitsanweisungen

ist die Zentralisierung der Entscheidung an einem solchen Desk hilfreich. Unerlässlich ist sie für die schnelle Abstimmung zwischen den Verantwortlichen für die Publikationskanäle Print, Online und Mobil sowie das iPad. Gleichzeitig lebt der Newsroom aber vom Raum für den Zufall, von einer besonderen Form der kreativen Unordnung. Die originelle Gestaltung der Seite 1, die Idee für die nächste grosse Reportage oder für ein extravagantes OnlineProjekt – all dies entsteht der Erfahrung nach häufiger im Gespräch im Newsroom als in einer eigens anberaumten Konferenz. Rückzugsräume für Schreiber Das ist ein Grund, warum das Konzept trotz fester Verantwortlichkeiten und Ordnungsmuster jedem einzelnen Redaktor mehr Einfluss verschafft. Die Wege zu den Entscheidern sind kürzer. In Frankfurt litt die Lokalredaktion lange unter einer aus ihrer Sicht fehlenden Wahrnehmung in den überregional geprägten Etagen und Chefetagen des Blattes. Das ist nun Geschichte. Im Newsroom arbeiten die obersten Entscheider, die Blattmacher und Lokalreporter enger zusammen, sie spielen auf einer Ebene. Im Newsroom laufen die Fäden

der Tagesproduktion zusammen. Hier sind alle Produktionsteams versammelt, die der Zeitung wie auch die Online- und iPad-Redaktoren. Weil dies der Ort vieler Absprachen ist, kann und muss es hektisch werden. Für Schreiber, die Ruhe brauchen, gibt es daher Rückzugsräume. Das bedeutet ausdrücklich kein Recht auf einen Doppelarbeitsplatz. Aber es heisst, dass der Leitartikel oder das grosse Essay nicht im Newsroom geschrieben werden muss. Und dass das Telefoninterview die Kollegen nicht stören muss. Wir beobachten dabei, dass die «Flucht» aus dem Newsroom nur äusserst selten angetreten wird. Hier spielt die Musik, gute Journalisten zieht das zumeist magisch an. Und hier spüren die Mitarbeiter, dass sie täglich an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Zugleich haben wir aber auch alles dafür getan, dass der Grossraum der «Frankfurter Rundschau» ein Wohlfühl-Ort ist.

*Rouven Schellenberger ist Chefredaktor der «Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung» und auch für die digitalen Medien verantwortlich.


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Beilage 175 JAHRE

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Fingerwisch und Brösmeli myAZ Wie die az in 25 Jahren aussieht – eine Collage von Bloggerin Marguerite Meyer

1 Auf www.aljazeera.com finde ich Hintergrundgeschichten aus dem arabischen Raum, die oft den Weg in die europäischen Medien nicht finden. 2 «The Huffington Post» vereint verschiedene Nachrichtenquellen und Kolumnisten zu einer höchst informativen Onlinezeitung. Oft ist sie schneller und brisanter als konventionelle Medien. 3 Beim Nieman Lab der Universität Harvard informiere ich mich über die neuesten Entwicklungen im Medienbereich. Besonders die Onlinewelt wird scharf beobachtet.

4 Das Poynter Institute ist meine Adresse, um Tipps und Tricks für den Umgang mit Internetmedien zu holen. Die Journalistenschule in Florida ist Vorreiterin im Bereich des interaktiven Unterrichts. 5 Statusupdates aus Facebook und Tweets von twitter.com 6 www.mideastyouth.com sammelt Blogs von Jugendlichen aus dem ganzen Nahen Osten mit dem Ziel, Korruption zu bekämpfen und Demokratie zu fördern. Die Social-Media-Plattform bietet einen spannenden Stimmungsüberblick.

Was ich von meiner Zeitung erwarte VON MARGUERITE MEYER

■ SONNTAGMORGEN, ein Rascheln am Küchentisch. Ein Kopf taucht kurz hinter dem Sport-Bund auf, führt die Kaffeetasse zum Mund, wischt sich die Krümel vom Gipfeli von den Wangen, grinst und verschwindet wieder hinter der Zeitung. Aus der Ecke dudelt das Radio irgendwas Leichtes vor sich hin. Ich selbst brösmele hinter dem Innenpolitik-Bund herum. Ab und zu sagt einer von uns: «Krass.» Oder: «Hm.» Oder: «Hey, schau mal.» Fingerzeigen auf einen Artikel, ein Kommentie-

ren, ein Betroffensein, ein Lachen. Und dann wieder Ruhe. DAS IST MEIN PERFEKTER SONNTAGMORGEN. So wie ich ihn mag und so oft wie möglich verbringe. Mit Kafi und Gipfeli und viel, viel Trödelei. Zeitungsrascheln ist entspannend, ein kleiner Spa-Besuch für den Kopf, ein Sich-überraschenLassen, ein Eintauchen in Neues, Spannendes, Schräges. Es ist ein Geräusch, das Gemütlichkeit und Zeit vermittelt – und voraussetzt. ABER LEIDER ist mein Terminkalender nicht so individuell, wie ich es gerne wäre. Sonntag ist nun mal nicht alle Tage. Sonntag ist die Ausnahme, der ruhende Tag, Nummer 7 von 7. Nummer 1 bis 6 bestehen

darin, aus dem Haus zu hasten, das Tram zu erwischen, nervige Sitzungen durchzustehen, zu arbeiten. Und dann will ich nicht Entspannung, nicht Ablenkung. Sondern Information. Effizient, schnell, relevant. Auch wenn ich nun Gefahr laufe, nicht allzu nett zu wirken: Ich verlange diesbezüglich zu kriegen, was ich will. Und das sofort: Zack, Nahost! Zack, Bundesbern! Zack, Mellingen! Zack, Hollywood! ICH WILL VIELES im Leben. Manches kann man beeinflussen, anderes nicht. Und wenn ich Zeitung lese, will ich gleichzeitig Küchentischbrösmeli und Touchscreen haben. Entschleunigung und Lichtgeschwindigkeit. Überraschung und Beständigkeit.

MEINE ZEITUNG soll für mich da sein. Nicht als Liebhaber oder unberechenbare Affäre, die mal Zeit hat oder nicht, mal will oder nicht. Sondern als ein Companion, auf den ich mich verlassen kann, wenn ich ihn brauche. WENN ICH IN SEOUL oder Hamburg am Flughafen sitze, will ich in einer Viertelstunde wissen, was in New York passiert. Aber auch in Lenzburg. Meine Zeitung muss nicht alles können. Aber sie muss mir die Welt näherbringen und mich in die Heimat zurück. Vor allem will ich nicht, dass meine Zeitung stillsteht. Sie soll mir das liefern, was ich erwarte, und auch das, was ich nie erwartet hätte. Sie soll sich gefälligst in den Hintern klemmen. Zack! Zack! Zack!

WARUM? WER?

Wie wird in 25 Jahren Zeitung gelesen? Und was muss eine Zeitung tun, damit sie dem immer grösser werdenden Anspruch der Leserinnen und Leser gerecht werden kann? Marguerite Meyer hat sich überlegt, wie ihre ganz persönliche Zeitung aussehen könnte, damit sie genau die Informationen liefert, welche sie interessieren. Marguerite Meyer (26) ist Slam-Poetin und Journalistin. Sie ist in Mellingen AG aufgewachsen. Ihre Stationen führten sie aus dem Aargau nach Zürich und schliesslich nach Wien, wo sie derzeit arbeitet und Journalismus studiert. Dabei spezialisiert sie sich unter anderem auf die Bereiche New Media und Social Media. Obschon die urbane Ferne aufregend ist, kehrt sie immer wieder gerne zurück in die Heimat und beschreibt sich öfter so: «You can take a girl out of the countryside, but you cannot take the countryside out of the girl.»


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Vom Jonglieren mit vielen Bällen Online Schreiben für eine Website ist nicht das Gleiche wie Schreiben für eine Zeitung VON OLIVIA KÜHNI*

DAS SAGEN PROMINENTE

«Wenn er nicht schon gefallen ist», stand am Morgen des 24. September in der Tageszeitung, «stürzt der USSatellit UARS heute Morgen auf die Erde.» Als die Zeitung druckfrisch im Briefkasten lag, war er tatsächlich noch nicht gefallen, der ausrangierte Nasa-Satellit. Aber das konnte der Journalist nicht wissen: Er hatte seine Zeilen bereits Stunden zuvor in die Druckerei geschickt. Das Beispiel illustriert den wohl wichtigsten Unterschied zwischen elektronischer und gedruckter Berichterstattung – nur online erlaubt es dem Journalisten, den Leser in Echtzeit zu informieren. Ihn laufend wissen zu lassen, wo ein Satellit gerade fällt, wer im Gericht gerade sein Plädoyer hält, in welchen Tälern bereits Schnee liegt oder ob die Stimmung bei den Demonstranten am Paradeplatz noch friedlich ist. Das kann Print nicht. Das kann nur online. Wenn ich also beschreiben soll, was ein Online-Journalist anders können muss als ein PrintJournalist, dann ist es dies: Ein OnlineJournalist muss live auftreten können. Vielleicht lässt sich die Arbeit, die ein guter Journalist einer Nachrichtenseite leistet, am ehesten mit der eines Moderators vergleichen. Er

«Vor 20 Jahren hätte ich geantwortet, ein Tag ohne Zeitung sei unerträglich. Im heutigen IT-Zeitalter meine ich, ein bis zwei Tage seien durch das Online-Holprinzip überbrückbar, aber dann würde es ebenfalls unerträglich.» Maximilian Reimann SVP-Nationalrat, Gipf-Oberfrick

toll, weil man sich ganz nah bei seinem Publikum fühlt. Das ja auch sofort reagiert: indem es den Artikel anklickt, was der Journalist auf einer Anzeige sieht, und indem es den Artikel verlinkt oder kommentiert. Ein Online-Nachrichtenjournalist steht mitten im Sturm. Es gibt jedoch, und das geht oft vergessen, nicht nur Nachrichtenjournalisten in einer Online-Redaktion. Es gibt nichts an der Materie Website, was Sprachkunstwerke oder Rechercheglanzleistungen abstossen würde. Man kann einen Dokumentarfilm am Computer sehen, man kann eine Kriegsreportage lesen oder einen Essay zur neu erstarkten Kapitalismuskritik in europäischen Ländern. Man kann das sogar sehr gut, denn online bietet die Möglichkeit, etwa die Bilder aus dem Kriegsgebiet zu zeigen, wo der Platz in der Zeitung vielleicht fehlen würde. Es ist zu hoffen, dass künftig noch mehr Reportagen, Interviews, Porträts oder Essays auch online zu lesen sein werden, denn der Mensch lebt nicht von Nachrichten allein. Und der Journalismus ebenso wenig. Als Journalistin wünsche ich mir, dass es für uns irgendwann nicht mehr wichtig sein wird, ob wir eine Geschichte in Pixel schreiben oder mit Tinte. Sondern nur, ob sie das tut, was sie tun soll: den Leser etwas erleben lassen, zu dem er unmittelbar nicht Zugang hat.

Nur online erlaubt es dem Journalisten, den Leser in Echtzeit zu informieren. sitzt am Tisch und schaut, was mit dem Nasa-Satelliten geschieht. Rechts von ihm läuft am Bildschirm CNN, vor ihm der Nachrichtenticker, ebenfalls geöffnet sind die Seiten der Fotoagenturen und der Videolieferanten sowie die Website der Nasa. Draussen auf den Trottoirs und in den Trams warten die Menschen mit ihren iPhones darauf, dass der Journalist ihnen sagt und zeigt, wie der Weltraumschrott fliegt. Also macht sich der Journalist an die Arbeit. Ordentlich und schnell Er stellt für seine Leser einen Artikel zusammen, der sie den Satellitenabsturz miterleben lässt. Er verweist in seinem Text auf das, was die Nasa bereits bestätigt hat, zitiert, was der Forscher gerade auf CNN gesagt hat, zeigt Fotos und Videosequenzen, beschreibt, was Websites am möglichen Absturzort Kanada berichten –

Alle Quellen im Blick: Online-Redaktorin im AZ Mediencenter in Aarau. wie ein Moderator in Radio oder Fernsehen, der während seines Auftritts unterschiedliche Korrespon-

denten zuschaltet. Das alles macht er erstens ordentlich. Er hat also die Quellen geprüft und zitiert sie kor-

ALEX SPICHALE

rekt. Und er macht es zweitens schnell. Darum ist es anstrengend, Online-Journalist zu sein. Aber auch

*Olivia Kühni schreibt als Redaktorin für «Tagesanzeiger.ch/Newsnet» und als freie Autorin für «Die Zeit».


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Wie der Fall Guttenberg den Journalismus verändert Crowdsourcing Das Publikum wird im Web 2.0 aktiver Teil des recherchierenden Analyseprozesses der Journalisten nur zu einem 30-prozentigen Wachstum des Website-Traffics, sondern mit seiner persönlichen Reputation auch zur Reputation des Magazins beigetragen. Inzwischen bloggt Sullivan für «The Daily Beast» und beweist damit, dass in Zeiten von Social Media nicht mehr nur Medienmarken, sondern auch einzelne journalistische Persönlichkeiten vermarktbar sind.

VON MIRIAM MECKEL*

Es war eine legendäre Viertelstunde, die der deutsche stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans am 25. März 2011 in der Bundespressekonferenz in Berlin erleben durfte. Mehr als 15 Minuten lang wurde er zur neu etablierten Twitter-Kommunikation des Regierungssprechers ausgefragt und auf zahlreiche Bedenken hingewiesen, die aus den Reihen der Bundespressekonferenz vorgetragen wurden. Ein Grossteil der Fragen drehte sich um die vermeintliche Unsicherheit von Kommunikationsplattformen im Internet, um den Informations- und Informantenschutz, um die Unzuverlässigkeit der vermittelten Informationen und die Exklusivität neuer Kommunikationswege im Vergleich zu alten, tradierten Formen der Information für Journalisten. Interessant ist allerdings, dass nahezu jede Frage aus dem journalistischen Auditorium negative Implikationen enthielt. Es ging in dieser Viertelstunde nicht darum, eine neue Kommunikationsplattform zu verstehen, oder zu erfahren, wie die Regierungskommunikation durch Twitter schneller, direkter, unkomplizierter oder interaktiver werden könnte. Es ging vielmehr darum, eine Abwehrhaltung gegenüber dieser neuen Form der Kommunikation zu Protokoll zu geben. Neue Verkehrsregeln Die Journalisten trauen Twitter nicht, weil sie mit den neuen Kommunikationsformen der sozialen Medien offenkundig nicht vertraut sind. Das Internet mutet auch dem Selbstverständnis des Journalismus einiges zu. Bislang war er in der komfortablen Situation, den Menschen die Welt zu erklären und dabei die eigenen Deutungsmodelle als verbindlich, manch-

Von Wiki-Plag gestürzt: Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg tritt im März 2011 zurück.

Die Journalisten trauen Twitter nicht, weil sie mit den sozialen Medien nicht vertraut sind.

haben sie keinen Einfluss mehr. Plötzlich müssen sie sich mit ihrem Publikum herumschlagen, ja mit einzelnen Leserinnen und Lesern, die Antworten geben, reagieren oder auch ihre Artikel und Beiträge kritisieren. Sie müssen sich ganz anders um ihre «Kunden» kümmern, die in Zeiten der Einbahnstrassen-Kommunikation gut und gerne als «missachtete Leser» ignoriert werden durften.

mal exklusiv anzubieten. Vor allem weil selten Korrekturmöglichkeiten gegeben waren, denn die journalistische Thematisierung verlief bis in die Zeiten des Web 1.0, des «read only» Web, hinein als Einbahnstrasse. Nun hat das Internet die Verkehrsregeln geändert. Aus Web 1.0 wurde Web 2.0, das «read and write» Web, und die sozialen Medien starteten ihren Siegeszug im Internet. Bürger mischen sich inzwischen als «Citizen Journalists» über die Kommunikationsplattformen des Web 2.0 in das mediale Agendasetting ein, sie liefern Informationen in Text, Ton und Bild zu aktuellen Ereignissen aus der lokalen Nachbarschaft und der Welt darum herum. Mit diesen zusätzlichen Quellen, den Informationen, die sie hervorbringen, und den Reaktionen darauf müssen Journalisten sich nun auseinandersetzen, sie in ihre Rechercheprozesse, in ihre Verarbeitung und ihre Produkte einbeziehen. Sie müssen damit umgehen, dass ihre Artikel oder Beiträge nicht mehr als Endprodukte angesehen werden, sondern als ein Angebot unter vielen zur informationellen Weiterverarbeitung. Journalistische Erzeugnisse werden verlinkt, sie werden mit Markierungen (Tags) versehen und weiterempfohlen oder in andere Informationskontexte eingebunden. Ein fordernder Prozess für Journalisten, denn er stellt ihre Interpretations-Autorität infrage und auf die Verlinkung und Weiterverwendung ihrer Erzeugnisse

Guttenbergs Dissertation Journalist und redaktionelle Organisation sind heute nicht mehr alleine für das Ausgraben spannender Themen, das Aufdecken von Skandalen oder einfach die Recherche aktueller Entwicklungen verantwortlich, sondern sie bekommen Konkurrenz: durch Rechercheprozesse, die auf Crowdsourcing basieren. Ein eindrückliches Beispiel hat Deutschland im Zuge des Skandals um die plagiierte Dissertation des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg erlebt. Innerhalb kürzester Zeit hatte eine disperse, weitgehend unorganisierte Web-Community ein Wiki aufgesetzt, mit dem eifrige Rechercheure Seite um Seite der Dissertation prüften, um plagiierte Stellen aufzudecken. In einer anschaulichen Grafik wurde der wachsende Anteil plagiierter Stellen in der Dissertation visualisiert. Dieses Wiki mit einer auf Crowdsourcing basierten Recherche einer spontan entstandenen WebCommunity hat wesentlich dazu beigetragen, die öffentliche Debatte um die plagiierte Dissertation voranzutreiben und damit Fakten geschaffen. Während manche Journalisten diese Form der auf Crowdsourcing basierten Recherche als Bedrohung für die eigenen Kompetenzen betrachten, kann sie doch eher eine vielversprechende Ergänzung zur professionellen journalistischen Recherche sein, ohne diese ersetzen zu können. Gerade wenn es um die Analyse grosser Datenbestände geht, können willige Helfer den Analyse-

prozess beschleunigen oder überhaupt erst ermöglichen. Darüber hinaus führen solche gemeinschaftlichen Aufarbeitungen zu einer verstärkten Bindung zwischen Leserschaft und Zeitung respektive Medien und ihren «Kunden». Journalismus im Newsroom Immer mehr Medienbetriebe führen ihre Nachrichtenproduktion in einem integrierten Newsroom zusammen. Im Wesentlichen geht es darum, die journalistischen Herstellungsprozesse für unterschiedliche Ausgabeplattformen (Print und online) zusammenzuführen. Dies hat natürlich ökonomische Gründe, weil viele Verlagsund Medienmanager hoffen, durch diesen Schritt Kosten senken zu können. Bedeutsamer ist aber ein inhaltlicher Grund: News sind mit dem Siegeszug des Internets zur Massenware, geworden, sie sind überall und meist auch kostenfrei erhältlich. Es kann vor diesem Hintergrund sehr sinnvoll sein, in diesem Bereich Kosten zu sparen, indem die Herstellung von Nachrichten durch organisatorische Integration zusammengeführt wird, um damit Freiräume für kostenintensivere Rechercheprozesse, investigatives Arbeiten und aufwändigere journalistische Formate wie die Reportage frei zu schaufeln. Für den Newsroom gibt es keine Standard-Lösung. Grundsätzlich lassen sich heute drei Entwicklungsstufen unterscheiden: der «Newsroom 1.0» hält an eigenen redaktionellen Ressourcen für die unterschiedlichen Ausgabeplattformen fest, also auch an getrennten redaktionellen Einheiten für die Print-Ausgabe oder das Online-Angebot. Ob man bei diesem Typ von einem integrierten Newsroom sprechen kann, ist daher fraglich. Der zweite Typ, «Newsroom 2.0», integriert zumindest die Zusammenstellung der Inhalte für die unterschiedlichen Ressourcen und die jeweiligen Kanäle. Für die verschiedenen Ausgabeplattformen (Print,

KEYSTONE

online) sind aber weiterhin spezifische «Plattformredaktoren» zuständig. Um den am stärksten integrierten Newsroom handelt es sich beim «Newsroom 3.0». Hier arbeiten Themenspezialisten an ihren spezifischen Inhalten und bereiten sie für die Publikation über alle Kanäle auf. Es gibt also keine spezifischen Kanalverantwortlichen mehr, sondern lediglich Themenspezialisten, die über alle Ausgabekanäle hinweg zuliefern. Letztlich hängt die Entscheidung für oder gegen solche integrierten Newsroom-Konzepte davon ab, ob es gelingt, dort zu standardisieren, wo Standardisierung inhaltlich sinnvoll und wirtschaftlich möglich beziehungsweise nötig ist, und gleichzeitig Freiräume offenzuhalten oder sogar weiterzuentwickeln für solche Themen und Aufbereitungsformen, die jedes Medienunternehmen heute braucht, um einen Kern der Unverwechselbarkeit im Aufmerksamkeitswettbewerb einer globalisierten digitalen Informationsgesellschaft zu erhalten. Journalisten als Wanderführer Der Input von Bürgerinnen und Bürgern, Citizen Journalists, Aktivisten und vielen anderen Communities im Web muss in den journalistischen Recherche- und Thematisierungsprozess eingebunden werden und trägt dazu bei, dass Nachrichtenproduktion und Themensetzung zu einem komplexen und auf allen Ebenen reflexiven Prozess werden. Der USBlogger Jeff Jarvis hat diese Entwicklung als «Networked Journalism» bezeichnet, bei dem Journalisten eher zu Kuratoren einzelner Inhalte und Themenfelder werden, zu «Wanderführern» durch das Dickicht der Nachrichtenwelt, in dem jeder Einzelne Themen säen und ernten kann. So hat der Blogger Andrew Sullivan beispielsweise über Jahre den Online-Auftritt und die Themenstrategie des US-Magazins «Atlantic Monthly» geprägt und dabei nicht

«Impact Score» als Massstab Mit Messinstrumenten wie dem «Twitalyzer» lässt sich beispielsweise anhand der Twitter-Netzwerkbeziehungen (Anzahl Follower, Regelmässigkeit der Postings, Zitationen und Verweise) ermitteln, welchen «Impact Score» einzelne Journalisten im Social Web haben. Die US-Bloggerin und Medienunternehmerin Arianna Huffington kam im Frühjahr 2011 auf einen «Impact Score» von 53,6 Prozent und wurde als «Thoughts Leader» klassifiziert. Der US-Blogger Jeff Jarvis gehörte mit einem Impact Score von 31,1 Prozent ebenfalls zu dieser Gruppe. Bei deutschen Journalistinnen und Journalisten gelingt es bislang keinem, auch nur die 10-ProzentMarke beim «Impact Score» zu erreichen. Das liegt zum Teil daran, dass das deutsche Mediensystem noch immer stärker am «organisationalen Journalismus» festhält, der auf Medieninstitutionen und Medienmarken beruht, aber weniger den einzelnen Journalisten in den Vordergrund stellt. Dennoch ist davon auszugehen, dass mit der Entwicklung des Social Web Medienunternehmen und einzelne Journalisten darüber nachdenken müssen, wie sie ihre Markenstrategie zwischen dem Medienunternehmen auf der einen Seite und der herausragenden Stellung einzelner Journalistinnen und Journalisten auf der anderen Seite besser abstimmen können.

Letztlich geht es bei Twitter um die persönliche Glaubwürdigkeit und Relevanz. Ganz sicher kann es dabei nicht darum gehen, lediglich auf Quantität zu setzen. Vielmehr wissen wir aus der wachsenden Forschung zu Social Media und Journalismus, dass die Qualität der Inhalte über ihre Relevanz im Web mitentscheidet. Eine Studie über Twitter belegt, dass es wenig Sinn hat, nur möglichst viele Follower zu sammeln, weil dies allein nahezu gar keine Aussagekraft für den sozialen Wert der Inhalte im Hinblick auf im Web vorgenommene Empfehlungen und Verlinkungen hat. Vielmehr gibt es zwei andere Grössen, die auf die Relevanz der Inhalte verweisen. Zum einen ist das die Zahl der Retweets (RT @UserXY) auf Twitter, die belegt, dass ein geposteter Inhalt für viele andere Menschen offenbar Relevanz hat und sie diesen Inhalt daher weiterleiten und empfehlen. Eine zweite Einflussgrösse sind die «Mentions» (@UserXY), die Auskunft geben über die individuelle Marke und Reputation des einzelnen Journalisten. Wird bei Twitter häufiger auf einen Journalisten verwiesen, so hat er sich offenbar eine hohe persönliche Glaubwürdigkeit und Relevanz auf dieser Plattform erarbeitet.

*Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Uni St. Gallen und Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University.


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Es reicht nicht mehr, wenn Journalisten laut brüllen Neue Medien Facebook und Twitter machen den journalistischen Prozess transparenter und diskursiver

Mikrofon, Kamera, iPad: So gehen Journalisten heute auf Recherche.

VON KONRAD WEBER*

Sei es die Ermordung von Osama Bin Laden, das Massaker von Oslo oder der Arabische Frühling: News verbreiten sich heutzutage in erster Linie über Plattformen im Internet. Wer sich diesen verschliesst, geht mit geschlossenen Augen durch die Welt. Durch eine Welt, die sich mitten in einer Kommunikationsrevolution befindet. Das Internet ist allgegenwärtig – täglich geht jeder und jede von uns mindestens einmal online. Sei es, um dringend eine Nachricht zu schreiben oder eine Information nachzuschlagen. Musste man zu Zeiten von Martin Luther eine weit entfernte Bibliothek aufsuchen, um sich zu informieren, kann dies heute sogar mitten in der Nacht im Bett geschehen. Sendestudio in der Hosentasche Doch auch das Veröffentlichen von Informationen war noch nie einfacher als heute. Viel Kraft und mechanischer Aufwand waren vor mehr als 500 Jahren nötig, um die Gutenbergschen Druckerpressen anzutreiben. Heute haben wir alle unser persönliches Studio in der Hosentasche: Ein Mobiltelefon mit integrierter Kamera reicht aus, um überall auf der Welt unsere Beobachtungen mit anderen Menschen teilen zu können. Die mobile Internetnutzung hat uns geprägt. Dies macht sich vor allem im öffentlichen Verkehr bemerkbar. Selten sieht man Menschen, die an Haltestellen nicht in ihre Smartphones starren. Was früher «verlorene» Minuten waren, wird heute durch «Informationsbeschaffung» ersetzt. Schnell könnte daraus gefolgert werden, wir seien «overnewsed, but underinformed». Unzählige me-

dienwissenschaftliche Studien versuchen, hierzu generalisierende Antworten zu finden. Dabei hilft nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Medienverhalten. Klar ist, dass es um die Zukunft des Journalismus weniger schlimm bestellt ist, als mancherorts zu hören und zu lesen ist. Im Gegenteil: Die zunehmende Nachrichtenflut hat dem Journalismus zu einer neuen Daseinsberechtigung verholfen. Denn nebst der Kommunikation befindet sich auch die Rolle der Journalisten in totalem Umbruch. Galten Journalisten vor einigen Jahren noch als allwissende Welterklärer, passt sich ihr Berufsbild nun laufend den neuen Kommunikationsumständen an. Aufgrund von Facebook und Twitter haben auch jene eine Stimme, die sich zuvor nur schwer Gehör verschaffen konnten. Spätestens seitdem intelligente Smartphones gelernt haben, für uns zu denken, besitzt jeder von uns eine kleine Gutenberg-Druckerpresse in der eigenen Hosentasche. Diese Entwicklung hat sichtbare Folgen: Pro Sekunde werden weltweit 3,5 Millionen Mails, über 12 000 Facebook-Mitteilungen und 2000 Twitter-Kurznachrichten versendet. Tendenz steigend. Unter dieser Fülle an Informationen den Überblick zu behalten, Essenzielles von Nonsens zu trennen und journalistische Geschichten zu entdecken, wird die Herausforderung von modernen Journalisten sein. Der Journalist der Zukunft predigt nicht mehr von seiner Kanzel, sondern stösst Diskussionen an, die auf verschiedenen Plattformen nachhallen. Und hier beginnt der zweite Teil der journalistischen Arbeit: Moderne Journalisten hören zu, moderieren und nehmen Feedback aus der Leser-

Der Journalist der Zukunft predigt nicht mehr von seiner Kanzel, sondern stösst Diskussionen an.

ALEX SPICHALE

DAS SAGEN PROMINENTE «Sobald ich lesen konnte, vertiefte ich mich als kleiner Bub im Aargauer Tagblatt in die Matchberichte über den FC Aarau, der meist zu schlecht weg kam. Einige Jahre später musste ich feststellen, dass es der SP gleich erging.» Urs Hofmann, Landammann, SP, Aarau

schaft auf – eine Leserschaft, die mit der Distribution der digitalen Inhalte zur Selektion im Journalismus beiträgt. Basisdemokratischer Journalismus Dies hat zur Folge, dass der gesamte journalistische Prozess transparenter und diskursiver wird. Plötzlich haben alle eine Stimme, darf jedermann mitreden. Kritiker behaupten, dadurch bilde sich ein scheinbar sicheres Gefühl eines Demokratieausbaus. Doch betrachtet man die Entwicklungen genauer, so stellt sich heraus, dass erst mit den technologischen Neuerungen die Chancengleichheit und das Mitspracherecht gestiegen sind. Gerade Facebook und Twitter eröffneten Möglichkeiten, die man sich als Journalist früher nie hätte vorstellen können. In Sekundenschnelle erfahren wir in der Schweiz, was sich zur selben Zeit am anderen Ende der Welt abspielt. Nie werden wir Journalisten zur selben Zeit überall sein können. Doch dank den neuen Medien ist überall «einer von uns». Als Journalist stellt sich die Frage, wie man dieses Potenzial effizient nutzen könnte. Vor allem im angloamerikanischen Raum haben sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten etabliert.

Betrachtet man den Kurznachrichtendienst Twitter, so fallen drei Verwendungsarten auf: • Twitter bildet Stimmungen ab, stellt mittels Stichworten (so genannten «Hashtags») in Sekundenschnelle aktuelle Themen dar und verbindet Menschen mit ähnlichen Schwerpunkten. Mit gezielter Vernetzung eignet sich Twitter perfekt, um verschiedene Tendenzen und Meinungen zu beobachten. • Twitter ist direkt und schnell. Deshalb mauserte sich Twitter in den letzten Jahren zur idealen BreakingNews-Plattform. Mit mehr als 200 Millionen Nutzern weltweit ist Twitter zwar viermal kleiner als Facebook. Trotzdem ist das Wissen dieser Masse immens. Mit den passenden Suchalgorithmen bildet Twitter einen perfekten Fundus für journalistische Geschichten. • Twitter ist und bietet eine Plattform. Mit einem Klick können Kurzmitteilungen ein Vielfaches an Rezipienten erreichen. Vor allem ungehörte Stimmen können sich mit diesen technologischen Möglichkeiten Gehör verschaffen. Ist eine Idee innovativ, ein Gedanke einzigund neuartig, so wird er auf Twitter schnell Interessenten und weitere Übermittler finden.

wird in den kommenden Jahren immer wichtiger. Bei einer unüberblickbaren Fülle an Informationen nimmt der Stellenwert der journalistischen Selektion zu. Twitter und Facebook ermöglichen Journalisten, aus ihren kryptischen Kürzeln herauszusteigen und stummen Buchstaben ein Gesicht zu verleihen. Klar, dass wir Köpfen mehr vertrauen als ästhetisch designten Logos. Die durch neue Medien etablierte Feedbackkultur macht Journalisten greifbarer. Deshalb reicht es in Zukunft nicht mehr, nur laut zu brüllen. Vielmehr müssen Journalisten hinstehen und die eigenen Argumente verteidigen können. Erst die Moderation der kritischen Leserschaft lehrt Journalisten, für einst Gesagtes geradezustehen. Dadurch entstehen tiefgründigere Debatten mit mehr Inhalt und höherer Diskussionsqualität. Im besten Fall beginnt sich somit eine positive Aufwärtsspirale zu drehen. Denn durch hochwertigere Debatten, die ihrerseits Bestandteil des Journalismus werden, können auch Journalisten profitieren. Rezipienten bringen neue Aspekte in die Diskussionen ein, die Berichterstattung wird vielseitiger – und wer weiss: Im Glücksfall stösst der eine oder andere Journalist dabei sogar auf einen unerwarteten Primeur.

Journalisten müssen in Zukunft hinstehen und die eigenen Argumente verteidigen können.

Neue Rollen für Journalisten Betrachtet man nur diese Zusammenstellung, könnte man schnell zum Schluss kommen, Twitter beherrsche die Zukunft des Journalismus. Dies ist bei weitem nicht der Fall. Selbstverständlich entwickelt sich der Journalismus auch an anderen Ecken und Enden. Die ständige Newsflut – verursacht auch durch Twitter und Facebook – zwingt Journalisten, in neue Rollen zu schlüpfen. Teamarbeit und Arbeitsteilung

*Konrad Weber ist freier Journalist und Student. Er hat sich auf web 2.0 spezialisiert.


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Papier steht immer noch für Glaubwürdigkeit Drucktechnologie Offsetdruck ist die Leittechnologie, aber der Digitaldruck ist im Kommen VON RUDOLF LISIBACH*

DAS SAGEN PROMINENTE

Wenn die frische Tageszeitung auf dem Frühstückstisch liegt, hat sie einen nächtlichen Ausdauerlauf über drei Hauptetappen hinter sich. Der Start umfasst die Erstellung der redaktionellen Inhalte und die Bearbeitung der Anzeigen. Im Mittelteil wird die Zeitung gedruckt und versandbereit gemacht und im Schlussabschnitt sorgen ein ausgeklügeltes Transportsystem und Hunderte Zusteller dafür, dass das Leibblatt zum vorgesehenen Termin verfügbar ist. An diesem Prinzip hat sich wenig geändert, seit es Zeitungen gibt. Gewandelt dagegen hat sich das Medium selber. Es ist aktueller, vielfältiger und leserfreundlicher geworden, die Qualität und die Anmut des Drucks haben sich stetig verbessert und die Frühzustellung konnte kontinuierlich ausgebaut werden. Aus technischer Sicht wurden diese Fortschritte möglich durch die stürmische Entwicklung der IT, der Digitalisierung der Geschäftsprozesse, der Rationalisierung in der Herstellung und gezielten Kooperationen in der Verteilung.

«In den 90er Jahren war die sagenhaft rasante Entwicklung der Medien kaum vorstellbar. Stete Anpassung an die fortschrittlichen Techniken waren und sind unabdingbar, bedeutend wird jedoch sein, dass sich exzellente Qualität durchsetzen wird. Wem dies 175 Jahre lang bestens gelang, wird auch die Zukunft mit Bravour bestehen.» Peter Sterk, Kinounternehmer, Baden

renzierteren Ausgestaltung des Printangebots und es wird spannend sein zu beobachten, ob und wie sich Verlags- und Marketingstrategen die technischen Möglichkeiten der Digitaltechnologie zunutze machen. Ab welchem Medium zukünftig gelesen wird, scheint allerdings je länger, desto unerheblicher. Die Medienhäuser stellen auf dem Netz ein breites Portfolio an digitalen Produkten zur Verfügung. Seien es zusätzliche Serviceleistungen, E-Papers oder Apps, welche dank immer leistungsfähigeren Rechenleistungen auf PC, Laptop, Mobiltelefon oder Tablet heruntergeladen werden. Es wird wohl auch keine Ewigkeit mehr dauern, bis das seit Jahren angekündigte

Offsetdruck als Leittechnologie Mit dem Auftauchen des Internets und der stark wachsenden kommerziellen Bedeutung dieses Vertriebskanals entstehen neben der bekannten «Etappenführung» Onlineangebote, welche die gedruckten Inhalte durch einen aktuellen Nachrichtenfluss und zusätzliche Funktionalitäten ergänzen. Aber auch in dieser zunehmend

Es ist kaum davon auszugehen, dass «Print» kurzfristig zur Bedeutungslosigkeit verkommen wird.

Das Gedruckte löst sich nicht per Klick im Nichts auf. elektronische Papier verfügbar wird, welches auf der Basis eines dünnen und flexiblen «Bildschirms» dannzumal auch als Medium für Zeitungsinhalte eingesetzt werden soll.

multimedialen und konvergenten Welt und trotz tendenziell sinkenden Auflagen ist kaum davon auszugehen, dass «Print» kurzfristig zur Bedeutungslosigkeit verkommen wird. Deshalb wird sich wohl auch das jahrhundertealte «Handwerk», Farbe auf Papier aufzutragen – also das Drucken –, halten und weiterentwickeln. Das Rohmaterial: Papier In der Zeitungsherstellung hat sich der Offsetdruck als Leittechnologie etabliert. Dieses Verfahren ist mehr als 100 Jahre alt und funktioniert auf dem gegensätzlichen Verhalten von Fett (Farbe) und Wasser. In adaptierter Form wird der Offset auch für Magazine, Kataloge und Werbemittel eingesetzt. Papier ist das gewichtigste Rohmaterial, wo bei den Zeitungen üblicherweise Flächengewichte zwischen 40- und 45 g/m2 eingesetzt werden. Für 48 Seiten und das in unserem Land gebräuchliche Format werden so etwa 0,15 Kilogramm Papier eingesetzt. Je nach Herkunft liegt der Recyclinganteil bei mindestens 70 Prozent. Die meisten Papierhersteller sind FSC-zertifiziert und bekennen sich so zu Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit. Für die optimale Verarbeitung muss das Zeitungspapier gut bedruckbar sein, damit im Zusammenwirken von Druckmaschine, Druckfarbe und den fein gerasterten Bildern auf der Druckplatte ein ansprechendes und «schmierfreies» Resultat erzielt werden kann. Zusätzlich sind optimale Laufeigenschaften und Festigkeiten gefragt, um bei hoher Druckgeschwindigkeit Papierbahnrisse zu vermeiden. Das «Massenprodukt» Zeitungspapier wird sich zwar weiterentwickeln, es ist aber kaum davon auszugehen, dass sich im Vergleich zu heute die Grundrezeptur

Der Druck wird gestartet: Wifag-Zeitungsdruckmaschine. und die Haptik radikal verändern werden. Möglicherweise abgesehen von optisch weisseren Papieren, die gerne für Sonder- oder Werbebeilagen eingesetzt werden.

de Verfahren stark entwickelt. Aber selbst die leistungsfähigsten Anlagetypen liegen noch um ein Vielfaches hinter der Potenz einer Zeitungsmaschine zurück.

Die Druckmaschinen Zeitungsmaschinen sind tonnenschwere Kraftpakete und produzieren in einer Stunde bis zu 90 000 Exemplare. Dazu muss die Papierbahn mit einer Geschwindigkeit von etwa 42 km/h stabil durch die Druck- und Falzmaschine geführt werden. Diese kapitalintensiven Anlagen sind mit ihrer industriellen und administrativen Umgebung vernetzt und im Fokus kontinuierlicher Betriebsoptimierungen stehen kürzere Rüstzeiten, effizienter Einsatz von Papier, Energie und Hilfsstoffen sowie möglichst störungsfreie Produktionen zur Verhinderung von zeitlichen Verzögerungen in der Transport- und Zustellkette. Für das heutige Geschäftsmodell der Tageszeitung, das auf Aktualität, grösseren Auflagen, identischen Inhalten und Frühzustellung basiert, ist noch keine wirtschaftliche Alternative zur «Vervielfältigungstechnik» Offset verfügbar. Im Digitaldruck haben sich vor allem Tintenstrahl basieren-

Der Digitaldruck Gleichwohl bietet der Digitaldruck schon heute interessante Ansatzpunkte. Vor allem dort, wo Zeitungen in kleineren Auflagen und eventuell dezentral gedruckt werden können. Hauptsächlich aber bietet der Digitaldruck das Potenzial, jedes einzelne Exemplar inhaltlich unterschiedlich zu gestalten – vorausgesetzt, die dazu notwendigen Daten sind in der erforderlichen Qualität und Struktur vorhanden. Erste Versuche zum Einsatz in der Zeitungsherstellung wurden vor zehn Jahren von einigen Verlagen in London unternommen. Zu jener Zeit waren die Stückkosten noch sehr hoch, konnten teilweise aber durch niedrigeren Transportaufwand ausgeglichen werden. Vor allem aber war es möglich, die aktuellen Zeitungen in die Frühzustellung einzuspeisen. Im Zug der jüngsten Entwicklungen haben sich Leistungs- und Farbfähigkeit des Digitaldrucks weiter

CHRIS ISELI

verbessert und die Kosten pro Exemplar konnten gesenkt werden. Diese Fortschritte machen sich Dienstleister im Mittelmeerraum zunutze, welche im Auftrag europäischer Medienhäuser Tageszeitungen in kleineren Auflagen vor Ort drucken und über ihre Distributionsnetze an die Feriengäste verkaufen. Die personalisierte Zeitung Was über Personalisierung und Individualisierung heute möglich und machbar ist, muss allerdings bei den Lesern nicht zwangsläufig auch auf Interesse stossen. Dies illustriert die Geschäftsidee des jungen Berliner Unternehmens Niiu, wo ein personalisiertes Zeitungsangebot lanciert wurde, welches allerdings wegen fehlender Abonnenten abgebrochen werden musste. Auf Ende 2011 lanciert nun die Post einen einjährigen Versuch, um die Marktfähigkeit einer personalisierten Zeitung zu testen. Die Abonnenten wählen im Internet unter verschiedenen Titeln die Inhalte aus und bekommen diese gedruckt oder als E-Paper und in der gewünschten Periodizität zugestellt. In Nischen bietet der Digitaldruck also interessante Optionen zur diffe-

Der ökologische Aspekt Wie die auf Papier gedruckte Zeitung im Vergleich mit der Onlinezeitung aus ökologischer Sicht abschneidet, ist nicht ganz einfach zu beantworten und hängt unter anderem von der Lesedauer und dem Strom-Mix ab, mit welchem der Desktop-PC betrieben wird. Eine Studie der Königlich Technischen Hochschule Stockholm aus dem Jahr 2008 zeigt, dass bei einer Zeitung mit 40 Seiten Umfang der ökologische «Break-even» in der Gegend von 30 Minuten liegt. Dies auf der Basis eines Strom-Mix, welcher mit dem schweizerischen recht vergleichbar ist. Das Lesen einer Zeitung auf Tablet oder Handy sollte allerdings im Vergleich zum Desktop-PC ökologisch günstiger abschneiden. Sind die mobilen Geräte doch deutlich leichter, enthalten weniger elektronische Bauteile und sind sparsamer im Stromverbrauch. Diesen Vorteilen steht aber eine tendenziell kürzere Lebensdauer gegenüber. Die publizistisch attraktive «Papierzeitung» steht also auch im ökologischen Vergleich ansprechend da. Und immer noch steht Papier für Orientierung, Werthaltung, Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit und das Gedruckte ist nicht unmittelbar flüchtig und löst sich auch nicht per Klick im Nichts auf.

Rudolf Lisibach ist Inhaber der Letsgo GmbH. Zuvor war er Mitglied der NZZ-Gruppenleitung und Geschäftsführer der Swissprinters AG.


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Kampf ums Überleben: In den USA droht mit den Zeitungen auch der Journalismus zu verschwinden.

ALEX SPICHALE

Wie der Journalismus sich selbst zerstört Ein Kassandraruf Die Zeitungszukunft in den USA und in der Schweiz VON STEPHAN RUSS-MOHL*

Wenn wir uns nicht mutwillig selbst täuschen wollen, kommen wir um diesen Kassandraruf und um einen Blick auf die USA nicht herum: Vor etwa vier Jahren spekulierte dort David Carr, prominenter MedienJournalist der «New York Times», darüber, wie Historiker die heutige Zeit im Rückblick bewerten werden: «Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden sie diese Periode der amerikanischen Geschichte examinieren und darüber erstaunt sein, dass der Journalismus verschwunden ist.» Bald darauf stand Carrs Arbeitgeber, die Ikone des US-Zeitungsjournalismus, für kurze Zeit selbst am Abgrund: Der reichste Mann der Welt, der mexikanische TV-Magnat Carlos Slim, musste seinen Rettungsschirm über der «New York Times» aufspannen. Er schoss 220 Millionen Dollar ein. Auch der «Boston Globe» und der «San Francisco Chronicle» sind

In Amerika droht der seriöse Journalismus im Bermudadreieck zu verschwinden. haarscharf an der Pleite vorbeigeschrammt. Die Gewerkschaften machten Zugeständnisse, die bei uns in Mitteleuropa undenkbar wären – und so überlebten beide Blätter vorläufig. Andere grosse «Tanker», die «Chicago Tribune», die «Los Angeles Times» und der «Philadelphia Inquirer» mussten dagegen Insolvenz anmelden. In Amerika ist nicht nur die Zeitungsbranche in ihrer Existenz gefährdet; zusammen mit ihr droht – das sieht nicht nur Carr so – der seriöse Journalismus im Bermudadreieck zu verschwinden. Um ein Beispiel zu nennen: Anya Schiffrin von der Columbia University hat soeben (in dem von ihr herausgegebenen Büchlein «Bad News») die Mitschuld der Medien und des Journalismus am Meltdown der Banken und an der Krise der Finanzmärkte analysiert. Kess wird im Untertitel danach gefragt, wie es passieren konnte, dass «Amerikas Wirtschaftspresse die Geschichte des Jahrhunderts verfehlte». Journalisten zittern um ihre Jobs Schiffrin sieht das partielle Versagen des Wirtschafts- und Finanzjournalismus in einem engen Zusammenhang mit der Abwärtsspirale, in welche die Redaktionen selbst in den letzten Jahren geraten sind: Der ame-

rikanische Journalismus sei bereits vor der Finanzkrise von 2008 «implodiert», etwa ein Drittel aller Stellen in den Newsrooms sei in wenigen Jahren verschwunden. Die Kürzungsund Kündigungswelle liess «die Journalisten um ihre Jobs zittern». Viele hatten wohl auch deshalb Angst, sich dem Herdentrieb entgegenzustellen.» Mit jedem Abgang schrumpfte zudem das institutionelle «Gedächtnis» der Redaktion, ging den Lesern ein Spezialist verloren. Es verschärften sich die Verteilungskonflikte und es litt das Arbeitsklima. In einem weiteren Beitrag für diesen Band hat Dean Starkman die Berichterstattung der wichtigsten neun Wirtschaftsmedien der USA im Vorfeld der Krise von 2000 bis Mitte 2007 analysiert. Zwar hat er 730 Beiträge gefunden, in denen vor der Blasenbildung gewarnt wurde. Gemessen an den 220 000 Artikeln, die allein das «Wall Street Journal» im selben Zeitraum veröffentlicht hat, sei das aber eben wie «ein paar Korken, die auf einem Nachrichtenstrom von der Grösse der Niagarafälle daherkommen». «Alles gratis» – der grosse Irrtum Auch die Metapher vom Bermudadreieck passt. Denn die Zeitungen sind von drei Seiten massiv unter Druck geraten: Die Leserinnen und Leser wandern scharenweise ins Internet ab. Das ist deshalb kein Wunder, weil es dort in den USA fast alles umsonst gibt, was die Verlage bisher auf teurem Papier gedruckt und mit erheblichem Vertriebsaufwand zugestellt haben – meist sogar früher und nutzerfreundlicher aufbereitet. «Alles gratis» ins Netz gestellt haben die Verlage, weil sie die Hoffnung hegten, dass zusammen mit den Nutzern auch die Werbeeinkünfte von Print ins Internet abwandern würden. Wäre dies eins zu eins passiert, hätten die Zeitungshäuser eine rosarote Zukunftsperspektive. Ihren grössten Kostenblock – Papier, Druck und Vertrieb – könnten sie schlicht sparen, wenn die Leute ihre Zeitung online läsen, statt am Frühstückstisch mit Papier zu rascheln. Doch die Verlagsmanager haben sich an zwei entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der «guten alten» Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen, über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den

Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen grosszügig finanzieren liessen. Und noch einen Grund gibt es, weshalb für Werbetreibende inzwischen paradiesische Zustände herrschen: Sie können heute ohne allzu grosse Streuverluste ihre Zielgruppen erreichen – anders als Henry Ford, der sich sorgte, die Hälfte seines Werbebudgets sei zum Fenster hinausgeworfen, der aber nicht wusste, welche Hälfte. Deshalb erzielen einen Grossteil der Online-Werbeeinkünfte, auf welche die Zeitungsverlage hofften, inzwischen Google und andere Suchmaschinen sowie soziale Netzwerke wie Facebook. Kleinanzeigen-Geschäft schrumpft Es kommt noch schlimmer: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto verkaufen möchte, kann bei Craigslist online inzwischen gratis inserieren, wenn er nicht selbst Gewerbetreibender ist. Das Geschäft mit den Kleinanzeigen, das in den USA noch vor wenigen Jahren 40 Prozent der Werbeeinkünfte der Verlage ausmachte, bricht in schwindelerregendem Tempo weg: Mit diesen Inseraten werden inzwischen nur noch 6 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Das sind zwei Drittel weniger als zum Allzeithoch des Jahres 2000 – damals waren es knapp 20 Milliarden Dollar. Der Report des «Project for Excellence in Journalism» zum Zustand der US-Medien resümiert: «Mehr und mehr kristallisiert sich als grösstes Problem traditioneller Medien nicht mehr die Frage heraus, wo sich die Leute ihre Informationen holen, sondern wie für diese bezahlt werden soll. Es zeigt sich, dass die Werbewirtschaft nicht zusammen mit den Konsumenten zu den Online-Nachrichtensites übersiedelt. Nachrichtenangebote und Werbung scheinen sich fundamental zu entkoppeln.» Immer mehr PR-Leute Dem dritten Eckpunkt des Bermudadreiecks wird in der Diskussion um die Zeitungszukunft am wenigsten Beachtung geschenkt – zu Unrecht. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig wurde in den letzten Jahren so hochgerüstet wie die Public-Relations-Branche. Eine Armada von über 243 000 Menschen ist hier in den USA beschäftigt. Ihr steht ein schrumpfendes Bataillon von einstmals 100 000 Journalisten gegenüber. Diese lassen sich kaum noch seriös zählen, weil zumindest Freiberufler immer öfter in der PR Teilzeitarbeit nachgehen, um zu überleben. Für die PR-Leute prognostiziert das Bureau of

Labor Statistics in den nächsten Jahren weiteren Zuwachs, während die Redaktionen wohl weiter schrumpfen werden. Damit beschleunigt sich absehbar ein Trend, den schon vor Jahren die Berliner Kommunikations-Forscherin Barbara Baerns mit Sorge beobachtet hat: Die Einfallstore für Öffentlichkeitsarbeit werden immer weiter geöffnet, die Redaktionen – und bereits vorgelagert die Nachrichtenagenturen – verwandeln immer öfter ungeprüft und mit einem einzigen Mausklick Pressemitteilungen von Firmen, Ministerien und sonstigen Interessengruppen in «Journalismus». Weil das so ist, zweifeln zumindest die klügeren Leserinnen und Leser mehr und mehr an der Glaubwürdigkeit ihrer Medien – und sehen immer weniger ein, dass sie dafür etwas bezahlen sollen. Umgekehrt fragen sich die Kommunikationsverantwortlichen in Unternehmen, Politik und Verwaltung und bei Non-Profit-Organisationen, ob sie so viel Geld wie bis-

Guter Journalismus sollte uns mehr wert sein als ein Becher Cappuccino. her für teure Werbung ausgeben sollen, wo sich doch viele Botschaften billiger und glaubwürdiger als Medienmitteilung im redaktionellen Teil unterbringen lassen. Auch damit entziehen sie den Redaktionen neuerlich Ressourcen. Und wo diese fehlen, kann nicht hinreichend recherchiert werden; der Journalismus verkommt zur Sortierarbeit und Liebedienerei. Ob sich die Abwärtsspirale aufhalten lässt? David Carr, der eingangs zitierte Medienjournalist der «New York Times», hat auf das Beispiel der Musikindustrie verwiesen. Dort hat sich iTunes etabliert – die illegalen Raubkopien, die der Branche den Garaus zu machen drohten, sind eingedämmt. Ähnlich könnten sich auch die Zeitungsverlage retten. Die «New York Times» hat vor kurzem für Vielnutzer ihr Internet-Angebot wieder zahlungspflichtig gemacht und hat inzwischen 400 000 Online-Abos. Ein Weckruf für die Schweiz? Viele Zeitungshäuser in den USA sind so überschuldet, dass ihre Aktien nur noch als «Penny»-Stocks notieren. Das ist in der Schweiz bislang glücklicherweise anders. Aber auch bei uns zeichnet sich immer deutlicher ab, dass hochwertiger Journalismus mehr Geld kostet, als die Verla-

DAS SAGEN PROMINENTE «Es wird weiterhin starke Verlagshäuser und Qualitätsmarken geben, die in ihrer Rolle als vierte Gewalt unabdingbare publizistische Leistungen für die Öffentlichkeit erbringen – vermehrt jedoch multimedial.» Peter Grünenfelder, Staatsschreiber Kanton Aargau, Aarau

ge im Internet auch bei steigenden Nutzerzahlen durch Werbeerlöse hereinholen können. Vielleicht ist der Niedergang des Profi-Journalismus in den USA ja auch ein Weckruf für die Schweiz. Denn auch hierzulande müssen Journalisten und Medienmanager lernen, ihre eigene Leistung zu kommunizieren. Sie müssen, wenn sie nicht einem ähnlichen Schicksal entgegensteuern wollen wie ihre amerikanischen Kollegen, Überzeugungsarbeit leisten und ihrem Publikum zu zwei Einsichten verhelfen: Erstens ist guter Journalismus, der auf eigene Recherchen zählt und nicht nur PR transportiert, nicht gratis zu haben. Er sollte uns tagtäglich mehr wert sein als ein Becher Cappuccino bei Starbucks. Und wir sollten uns bewusst werden, dass wir als Konsumenten letztlich auch jene medialen Angebote finanzieren, die scheinbar nichts kosten: Wer zum werbefinanzierten Gratisangebot greift, wird spätestens im Supermarkt zur Kasse gebeten: Kauft er dort die beworbenen Produkte, bezahlt er auch sein Scherflein für die Werbung – und finanziert damit «20 Minuten» oder den «Blick am Abend» mit. Wie guter Journalismus künftig aussehen wird, wissen wir noch nicht. Wir wissen aber, dass wir ihn brauchen, dass wir ihn überwiegend online nutzen werden – und dass er mehr kosten wird, als wir es bisher gewohnt waren.

*Stephan Russ-Mohl leitet das European Journalism Observatory an der Universität Lugano. Sein Buch «Kreative Zerstörung» (UVK, Konstanz 2008) analysiert den Niedergang und die Neuerfindung des amerikanischen Journalismus.


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Ein Kampf um Aufmerksamkeit, nicht um Kosten Trends Nachrichten und Zeitungen wird es weiterhin geben, aber immer weniger auf Papier VON GERD LEONHARD*

Das Internet, mobile Computer und Tablets und soziale Medien werden immer häufiger die bevorzugten Plattformen zum Medienkonsum – in der Schweiz genauso wie in den meisten entwickelten Ländern. In Brasilien wird es schwierig, noch einen 20- bis 35-Jährigen beim Zeitunglesen zu erwischen, und die Anzahl der Jugendlichen, die in den USA noch (gedruckte) Bücher lesen, ist letztes Jahr wieder um 10 Prozent gefallen. In der Schweiz kann es schon einmal vorkommen, das globale Trends etwas später durchschlagen. Aber ganz sicher wird es auch bei uns bald eine Trennung von «News» (Nachrichten) und «Paper» (Papier) geben. Um es auf den Punkt zu bringen: Nachrichten und Zeitungen wird es natürlich weiterhin in allen Formen und in allen Geschäftsmodellen geben, aber Papier wird dabei ganz sicher immer weniger zum Einsatz kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und was das für Zeitungen bedeutet. Ganz sicher ist schon jetzt ein «Aufmerksamkeits-Monopol» nicht mehr haltbar: Ich brauche einfach die Tageszeitung nicht mehr so dringend wie vor der Zeit von iPhone und iPad, GoogleNews, Flipboard oder Twitter, und manchmal brauche ich vielleicht auch nicht mehr das Anfassbare und den Geruch des Frischgedruckten. Die Schweiz ist trotz der Tatsache, dass es auch immer noch einen hohen Anteil von mehr oder weniger Medienabstinenten gibt, technologisch ziemlich weit vorne: Über 80 Prozent der Bevölkerung sind online, 63 Prozent kaufen online ein und über 33 Prozent sind auf Facebook und verbringen dort fast 4 Stunden pro Monat (1/2010, Quelle: Strategy Consulting). Digitale Werbung erst im Kommen Brisanter ist aber vielleicht, dass gemäss einer Kommtech-Umfrage von 2010 der Anteil von Radio und Zeitung als beliebte Informationsquelle trotz der hohen Internetnutzung in der Schweiz verglichen mit den USA immer noch sehr hoch ist. Ebenso muss man feststellen, dass der proportionale Anteil der Onlinewerbung noch weit hinter dem Anteil der tatsächlichen Nutzung der elektronischen Medien zurücksteht; die Parität von Aufmerksamkeit zu Werbemittel ist noch lange nicht erreicht und digitale Werbung steht tatsächlich noch vor dem grossen Boom. Dies wird in den nächsten drei Jahren massiv korrigiert werden und der Trend hin zu digitaler Werbung auf elektronischen Medien wird vielen traditionellen Printmedien bald erhebliche Kopfschmerzen bereiten. Das Hauptproblem bei dieser globalen Entwicklung zum digitalen Medienkonsum ist nicht der Inhalt oder dessen Qualität oder dass die Konsumenten weniger Interesse an aktuellen Nachrichten und gut geschriebenen Artikeln haben werden. Sondern dass es a) Dutzende von neuen, einfachen und unentgeltlichen Möglichkeiten geben wird, «Zeitung zu lesen», und b) ein guter Teil der Werbekunden sich nun endlich auch Richtung digitale, mobile und soziale Medien umorientiert. Sprich: Anzeigen auf Google oder Facebook oder Immoscout statt im «Blick» oder mobile Applications statt TV-Werbung.

Auf dem iPhone, dem iPad – und manchmal auch noch auf Papier: Zeitungen und Nachrichten wird es immer geben. den Grossteil aller Zeitungen und Magazine finanziert; die Popularität einer Zeitung hat sich somit direkt proportional in höheren Anzeigenpreisen niedergeschlagen. Werbekunden hatten die Ansicht, dass mit einer solchen Beliebtheit und einer dermassen weiten Verbreitung eigentlich alle potenziellen Kunden erreicht werden sollten, ob es für ein neues Auto, eine Kreuzfahrt oder das neue Betty-BossiBuch ist. Dabei wurde das alte Sprichwort «50 Prozent der Werbung sind nutzlos – wir wissen bloss nicht, welche 50 Prozent» (John Wanamaker) als Fakt akzeptiert, und man tat sein Bestes, um den Streuverlust so gering wie möglich zu halten. Anders auf digitalen Medien und nun speziell auf mobilen Geräten wie iPhone oder iPad: Dort wird ein Werbekunde fast 100 Prozent Transparenz erhalten. Er weiss genau, welcher User wann wie und wo reagiert, und oftmals (wie bei Google AdWords) zahlt er überhaupt nur dann, wenn der Leser reagiert – also klickt und interessiert ist. Das globale Werbebudget ist mit zirka 600 Milliarden Dollar beziffert, hinzu kommen noch einmal weitere 370 Milliarden für Marketing und Public Relations; also knapp 1 Billion Dollar wird dazu ausgegeben, potenzielle Kunden – Käufer – zu erreichen. Hier lässt sich ein globaler Trend weg von den so genannten Massenmedien – den Giesskannen – und hin zu digitalen Medien – den Sprinklersystemen der Zukunft – verzeichnen. Statt Werbung auf dem Fernsehen, Werbung auf Youtube und AppleTV, statt Werbung im Radio, Werbung auf dem mobilen Telefon und in Apps, statt Werbung in der Zeitung, Werbung auf sozialen Netzwerken wie Facebook, LinkedIn oder Twitter. Dies wird unsere Medienlandschaft für immer verändern und auch unsere Arbeit als Journalisten und Redaktoren massiv beeinflussen. Ich sage voraus, dass innerhalb der

Manchmal brauche ich vielleicht auch nicht mehr den Geruch des Frischgedruckten.

Volle Transparenz für Werbekunden Werbung hat in der Vergangenheit

nächsten 3 bis 5 Jahre bis zu 30 Prozent der Werbung von traditionellen Medien zu Online-Video, mobilen Plattformen, sozialen Netzwerken und Online-Games ziehen wird. Das könnte durchaus ein ernsthaftes Problem für die Schweizer Zeitungslandschaft werden. Gleichzeitig stellt dieser Trend auch ein enormes Potenzial dar, denn die Kosten können gesenkt werden, während die Leser viel besser und direkter erreicht werden können. Als Resultat der allgemeinen Fragmentierung der Leser und Konsumenten, also als Folge der Tatsache, dass immer mehr Menschen sich für immer mehr verschiedene Dinge interessieren – und wegen der Vielfalt des Internetangebots auch fündig werden können – und auf einmal nicht nur 5 oder 6 Zielgruppen zu bedienen sind, sondern 20 oder 30, werden wir bald auch in der Schweiz den langsamen, aber sicheren Verlust des Massenmarktes zu beklagen haben. Denn wenn wir auf einmal auf unserem TV auch das Internet griffbereit haben (und dies wird bald vollkommen unvermeidbar sein) oder das Apple-TV, Google-TV oder Amazons «Wolke» über unser Netzwerk immer angeschlossen ist, dann bieten sich unsagbar viele Möglichkeiten, welchen Film oder welche TV-Show oder welchen Podcast ich mir ansehe. Das wird auch Einfluss auf meinen Zeitungskonsum und meine Auswahl für Nachrichten haben. Twitter statt TV-Sender Die Folge: Immer weniger Menschen wenden sich den Standardangeboten zu, immer mehr Leser, Zuhörer oder Zuschauer suchen sich ganz schnell ganz genau das aus, was sie wollen, wann und wie sie wollen – das Ende des Massenmarktes ist sicher, auch in der Schweiz. Dazu kommen dann noch die sozialen Netzwerke, die längst im Begriff sind, unsere neuen Radio- und TVSender und Zeitungen zu werden, denn dort werden Nachrichten, Artikel und Meinung so rasend schnell und im engen sozialen und damit

DAS SAGEN PROMINENTE «Die Geschwindigkeit von News-Vermittlung über das Internet ist unschlagbar. Im wohltuenden Kontrast dazu stehen gut recherchierte, brillant geschriebene Printtexte. Auch in Zukunft!» Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin, Birmenstorf

priorisierten Kontext ausgetauscht, dass fast keines der traditionellen Medien mithalten kann: Twitter braucht maximal 21 Sekunden, um die neuesten Nachrichten global zu verbreiten, während CNN, der BBC

Wir zahlen gern für die Redaktoren und Layouter, aber nicht mehr gern für den Lastwagen. oder SF 1 dazu zwischen 30 und 51 Minuten braucht. Al Jazeera sendet bereits auf Facebook, und Flipboard baut meine User-generierte Tageszeitung aus meinen Twitter-Freunden und RSS-Feeds zusammen – gratis. Hinzu kommt der Trend zu so genanntem «crossmedialen Content», also zu multimedialen Inhalten, die mehr und mehr mit Text, Audio, Video und Illustrationen präsentiert werden. Damit kommen wir recht schnell an die Grenze des Machbaren, was traditionelle Zeitungsmacher betrifft. Hoffnungsschimmer für Zeitungen Aber genug der Herausforderungen. Es gibt auch einige Trends, die Zeitungen, Verlage und professionelle Zeitungsmacher positiv in die Zukunft schauen lassen. Ein nicht zu

EMANUEL FREUDIGER

unterschätzender Faktor ist die Tatsache, dass es online sicher immer mehr und immer neuere Angebote, also auch immer mehr Krach geben wird. Immer mehr Beiträge und Meinungsäusserungen von immer mehr «Prosumern», immer mehr ungefilterte Updates. So ist Twitter manchmal vergleichbar mit einem gigantischen Fluss von Banalitäten, Irrtümern, Selbstverwirklichungen und anderen Verwirrungen. Es braucht echtes Know-how, um dort die wirklich guten Beiträge und die Qualität zu finden. Für mich ist Twitter deswegen eine gute und lohnende Übung im Filtern und im Erkennen des Weniger-ist-mehr-Prinzips. Mehr als zuvor brauchen wir gute Filter, Experten und smarte Kuratoren, die diesen Krach für uns organisieren und orchestrieren. Wir werden gern für das Filtern zahlen, aber nicht mehr notwendigerweise für das Papier, auf dem das Produkt des Filterns bis jetzt präsentiert wurde. Wir zahlen gern für die Experten, die Redaktoren, die Designer und Layouter, die Kreativen, aber (bald) nicht mehr so gern für die Tinte, den Lastwagen oder das Verlagsgebäude. Wir zahlen gern für relevante, gut präsentierte und hochwertige News, aber zunehmend eher ungern in der alten Verpackung (Papier). Der Wert hat sich verlagert vom Produkt zum Service – und das ist eigentlich gut so. Zeitungen und Verleger müssen nun schnellstens dafür sorgen, dass sie in naher Zukunft auch relevant bleiben und in den Köpfen der Konsumenten weiterhin ganz oben rangieren. Denn bald ist es ein Kampf um Aufmerksamkeit, nicht um Platzierung am Kiosk oder um schnelleren Vertrieb oder um Kosten.

*Gerd Leonhard ist Medienzukunftsforscher. Er arbeitet unter anderem für Google und Nokia.


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Vom Wachhund zum Schosshündchen? Leitmedien Die Herausforderungen im Zeitalter von Konvergenz und Digitalisierung schaft, und zwar unter dem Preisdiktat von Ware, Werbung und Dienstleistung. Derjenige Veranstalter hat die Nase vorne, der schnell und gezielt mit ausreichendem publizistischem Aufwand die für die werbetreibende Wirtschaft attraktiven und ausgabefreudigen Käufer erreichen kann. Auch hier können reichweitenstarke Pendlerzeitungen und hochvernetzte Plattformen die besten Angebote für ihre Kunden machen.

VON WERNER A. MEIER*

Was tut der Staat für die Presse- und Medienfreiheit? Gewährt er den Medien die Medienfreiheit oder versucht er die Medien an der Arbeit zu hindern? Die NGO Reporter sans frontières oder Freedom House beurteilen jährlich den Grad an Presseund Medienfreiheit eines Landes. Die Schweiz ist in beiden aktuellen Ranglisten unter den Top Ten zu finden. Nur die nordischen Staaten sind leicht besser klassiert. So weit, so gut. Die Schweizer Politik respektiert und sichert – nicht nur verfassungsmässig – die Medienfreiheit. Allerdings genügt das den Verlagshäusern noch nicht. Der Branchenverband Schweizer Medien verlangt für ihre Mitglieder von der Politik die Befreiung von der Mehrwertsteuer und ein Leistungsschutzrecht. Aktuell erwarten die Verlagshäuser zusätzlich vom Bundesrat ein Machtwort, damit die gebührenfinanzierte SRG sich im Onlinebereich nicht als Konkurrentin zu etablieren vermag. Ohne Presse keine Demokratie Der Verlegerverband stützt sich in seiner Argumentation auf die Verfassung, wo festgeschrieben ist, dass auf die Stellung und die Aufgaben anderer Medien, vor allem der Presse, Rücksicht zu nehmen ist. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Institution der Demokratie auf eine leistungsfähige Presse angewiesen ist. Das Motto lautet: Ohne Presse keine Demokratie. Wenn die schweizerische Demokratie tatsächlich mit der Leistungsfähigkeit unserer tonangebenden und reichweitenstärksten Zeitungen steht und fällt, dann sollten wir uns der Frage zuwenden, was die grossen Verlagshäuser zur Förderung der Demokratie tun. Werden sie

Die stärkste Legitimation von Medienmacht und Medienfreiheit findet im Alltag statt. der grossen Verantwortung und dem in sie gesteckten Vertrauen gerecht? Die Frage, was Leitmedien aus den von Demokratien gewährten Freiheiten und Privilegien machen, können die Medien wohl am besten selbst antworten. Allerdings findet die stärkste Legitimation von Medienmacht und Medienfreiheit von Leitmedien im Alltag statt. Dann nämlich, wenn die Verlagshäuser und Redaktionen der Zivilgesellschaft überzeugend nachweisen können, welche Leistungen sie täglich für die Demokratisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu vollbringen imstande und gewillt sind. Was wir von den Medien erwarten Auch aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive gehen wir davon aus, dass Leitmedien eine demokratiefördernde Leistung erbringen. Wir nehmen an, dass unsere Tagezeitungen den freien Informationsfluss sicherstellen, vielfältige Quellen anzapfen, gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und debattieren, damit Sie und ich in die Lage versetzt werden, politisch aufgeklärt an Wahlen und Abstimmungen zu partizipieren, aber auch im Alltag, als Konsument, im Verein und am Arbeitsplatz bei Entscheidungen den Gang der Schweiz ein wenig mitzubestimmen. Darüber hinaus erwarten wir, dass die Medien nicht nur sich selbst, sondern auch die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Kultur kritisch beobachten und damit Machtmissbrauch verhindern. Und wenn Macht doch

Eigentumskonzentration In vielen Ländern Europas hat sich unter dem Diktat neoliberaler Logik eine vergleichsweise hohe Medienkonzentration herausgebildet. Während in England und Deutschland immerhin Konkurrenz zwischen grossen Mediengruppen herrscht, ist der Wettbewerb in kleineren Ländern deutlich geringer; oftmals dominiert ein einziges Medienunternehmen – und zwar gleich in mehreren Mediengattungen. Bis zu einem gewissen Grad ausbalanciert wird diese problematische Tendenz in einigen Ländern durch öffentliche Veranstalter wie die BBC oder die SRG. Auf regional-lokaler Ebene hingegen bestehen oftmals Monopole mit entsprechender Meinungsmacht. Meistens fehlt hier das Korrektiv durch öffentliche oder private Medienorganisationen. Jedenfalls haben in den vergangenen zehn Jahren die Medienkonzerne im Inund Ausland grosse Anstrengungen unternommen, dem ökonomischen Wettbewerb zu entgehen. Die Aufteilung der regionalen Pressemärkte durch wenige Konzerne mag betriebswirtschaftlich einen Sinn ergeben, widerspricht aber in starkem Masse dem föderalistischen und demokratischen Aufbau von Gesellschaft und Staat. Gerade in der Schweiz ist dieser Prozess problematisch, wenn Region um Region, Kanton um Kanton ihre eigenständigen Plattformen verlieren. Obwohl sich in den Redaktionsräumen von Leitmedien in den letzten dreissig Jahren einiges geändert hat, antworten die Medienschaffenden auf die immer gleichen Fragen der Forscher und Forscherinnen seit Jahrzehnten mit den immer gleichen Statements. So dominiert in der Schweiz ebenso wie in Deutschland, Holland oder Schweden nach wie vor das Rollenverständnis des Journalisten als «Watchdog». Wenn allerdings dieses professionelle Rollenverständnis nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommt, dann beginnen Forscherinnen und Forscher zu Recht, an der Aussagekraft der Antworten zu zweifeln. Was bleibt, ist die Feststellung, dass die Medienschaffenden bei Befragungen tapfer ihre Normen, professionellen Standards und ihre journalistischen Ideale hochhalten, unabhängig davon, ob sie im beruflichen Alltag ausgelebt werden (können). In einer aktuellen Studie aus neun europäischen Ländern zu den Leistungen der Medien für die Demokratie zogen die Forschenden folgendes Fazit: Die Leitmedien zeichnen sich durch einen hohen Professionalisierungsgrad aus, verfahren bei der Bearbeitung des Nachrichtenstoffes nach intern verbindlichen, teils kodifizierten, teils informellen Regeln und pflegen nur in Ausnahmefällen eine redaktionsinterne Mitbestimmung. Gleichzeitig beschränkt regional ausgeprägte Eigentümerkonzentration die publizistische Vielfalt, sodass die Leitmedien insgesamt als weder besonders demokratietauglich noch als demokratieuntauglich beurteilt werden. Realistisch gese-

DAS SAGEN PROMINENTE «Früher standen Berichte und hochwertige Kommentare im Zentrum, heute ist es die schnelle Information. Früher war die Zeitung neben dem Radio das zentrale Medium, heute ist es eine Palette verschiedener Medien. Die Zeit hat sich geändert; das Bedürfnis nach offener, sachlicher und qualifizierter Information ist geblieben.» Peter C. Beyeler, Regierungsrat, FDP, Baden-Rütihof

hen sind sie einfach etwas mehr Schosshündchen als Wachhund. Nimmt Bedeutung der Medien ab? Paradoxerweise verschwindet mit wachsender Globalisierung die Auslandberichterstattung von den Bildschirmen und aus den Zeitungen. In der Tageschau dominiert die Inlandberichterstattung. Europaweit zurückgefahren werden zudem Lokal-, Kinderund Kulturprogramme. So seltsam es klingen mag, in der Mediengesellschaft haben die klassischen Leitmedien an Bedeutung, Durchschlagskraft und Autonomie eingebüsst. Zu viele haben sich der Gewinnlogik angepasst und bewegen sich im Windschatten ihrer Quellen und Kunden. Um den ökonomischen Mehrwert von Nachrichten zu steigern, nimmt die gezielte Vermischung von Werbung, PR und Journalismus zu. Eine grosse Zahl von Nachrichten entsteht heute ausserhalb von Redaktionen und erhält lediglich das «Finetuning», den «Spin» in den Redaktionsräumen. Journalismus verliert nicht nur an Deutungsmacht, die Medienschaffenden büssen auch an Reputation und Legitimität ihrer Berufsrolle ein. Die Stärke des faktenorientierten Nachrichtenjournalismus basiert auf ausreichenden Ressourcen, auf ausreichender Distanz und ausreichender Autonomie – alles Charakteristiken, die der neoliberale Medienkapitalismus eher ab- statt aufbaut.

Die gezielte Vermischung von Werbung, PR und Journalismus nimmt zu.

Grosse Konzerne dominieren die Medienlandschaft. missbraucht wird, dann sollen Medien mithelfen, Transparenz herzustellen. Was tun Wissenschafter, um diesen demokratiefördernden Leistungen der Medien auf die Spur zu kommen? Sie versuchen, strukturelle Bedingungen von und für Medien zu identifizieren und Prozesse wie Digitalisierung, Konvergenz, Hyperkommerzialisierung und Eigentumskonzentration analytisch zu erfassen und deren Folgen zu evaluieren. Zusätzlich werden unterschiedlichste Journalisten-Befragungen durchgeführt, um das Berufsfeld, Rollenvorstellungen und die konkreten Arbeitsbedingungen beschreiben zu können. Darüber hinaus können über Inhaltsanalysen die fertigen Produkte, die Zeitungsartikel, Radio- oder Fernsehbeiträge untersucht und deren Demokratietauglichkeit beurteilt werden. Schliesslich melden sich immer häufiger Verleger und Medienmanager in den eigenen Zeitungen zu Wort und ermöglichen einen Einblick in ihre strategischen Ziele und publizistischen Konzepte. Hyperkommerzialisierung Eine immer stärker neoliberal geprägte Institutionalisierung der Medien hat sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt. Aus regionalen Zeitungsverlagen werden landes-

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weit tätige börsenkotierte Medienkonzerne. Kommerzielle Überlegungen dominieren die publizistischen, wenn es um die Lancierung von neuen Produkten geht. Die erfolgreichen Sparbemühungen in den Verlagshäusern als Antwort auf sinkende Werbe- und Abo-Erlöse bei den traditionellen Leitmedien basieren auf betriebswirtschaftlich ausgerichteten Kooperationen und Restrukturierungen. Das fundamentale Problem der Dominanz einer hyperkommerziellen Logik bei den privaten Medien sind nicht etwa die nach wie vor stattlichen unternehmerischen Gewinne, sondern der Abbau von demokratieverträglichem und demokratieförderlichem Journalismus im Zuge eines sich anbahnenden Autonomie- und Funktionsverlusts von Leitmedien. Hyperkommerzialisierung in der Medienproduktion fördert die Digitalisierung und die Konvergenz in der Medienwirtschaft. Das Zusammenlegen von Redaktionen bei gleichzeitiger kostensparender Ausweitung der Angebote und Plattformen erlaubt ein Wachstum in die Breite – aber weniger in die Tiefe und zugunsten von Qualität. Weil gleichzeitig der Konsum stagniert, kommt es zu einer verstärkten Segmentierung und Fragmentierung der Rezipienten-

In Alternativen denken Braucht die Schweiz eine parteipolitisch ausgerichtete Repolitisierung der Forumszeitungen oder einen der Demokratie reflexiv angepassten Journalismus? Zeitungen, die ihr publizistisches Credo mit «staatskritisch und wirtschaftsfreundlich» (Gleiches würde gelten für «staatsfreundlich und wirtschaftskritisch») umschreiben, handeln rückwärtsgewandt. Die Zukunft liegt in zivilgesellschaftlich verankerten Plattformen mit machtkritischem und demokratierelevantem Journalismus. Gerade die Schweiz braucht neben all den Elite-, Volksund Pendlermedien auch Bürgermedien, welche nicht in erster Linie die Wirtschaftsfreiheit, sondern die journalistisch verstandene Medienfreiheit in Anspruch nehmen und ihre Privilegien zur Demokratisierung der Demokratie einsetzen.

*Werner A. Meier ist Mitarbeiter beim Publizistischen Institut (IPMZ) und leitet das Kompetenzentrum SwissGIS an der Universität Zürich.


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Ein Abgesang in mehreren Strophen? Geschäftsmodelle Die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Medienhäuser VON CASTULUS KOLO*

Über 400 Jahre gedruckte Massenmedien, angefangen bei der ersten Zeitung – dies allein ist schon Indiz dafür, dass es sehr lange kommerziell attraktiv war, als Verleger zu wirken. Das Geschäftsmodell – oder neudeutsch «business model» – als modellhafte Beschreibung des Nutzens, den das Unternehmen den Kunden verspricht, wie dieser erzeugt wird und wie man daran verdient, hatte sehr gut funktioniert. Heute zeigen Schreckensmeldungen unter anderem zur Einstellung von Zeitungen in den USA, dass einiges im Wandel ist. Auch in den besonders lesefreudigen deutschsprachigen Ländern macht sich Frust unter den Verlegern breit. Lässt sich also das Geschäftsmodell Zeitung noch retten, wird es auch morgen noch gedruckte Zeitungen geben, wie wir sie heute kennen, und Zeitungsverlage als deren institutionellen Kontext im Mediensystem? Oder ist sogar das in Gefahr, was Zeitungen inhaltlich auszeichnet und gesellschaft-

lich so wichtig machte: unabhängiger, kritischer Journalismus? Die Frage nach der Zukunft der Zeitung muss differenziert betrachtet werden. Denn die Antworten fallen wohl unterschiedlich aus. Mehr als nur Nachrichten «Zeitung» war schon immer mehr als nur Nachrichten, nämlich ein Bündel diverser Inhaltskategorien – auch unterhaltende und nicht redaktionelle wie Veranstaltungshinweise oder Stellenangebote. Jeweils spezialisierte Prozesse sichern deren tägliche Zusammenstellung und entsprechend unterschiedliche Quellen speisen die Erlöse. Letztere wurden bislang zu deutlich weniger als der Hälfte vom Leser selbst durch den Kauf des gedruckten Exemplars getragen. Für manche war dafür der regionale Tratsch wichtigster Anreiz, anderen die Hintergründe zum politischen Zeitgeschehen oder aber der Hinweis auf aktuelle Sonderangebote. Die meisten hat eine Mischung dieser Nutzenaspekte zu Lesern, Käu-

Spätestens seit den frühen 1990er-Jahren wird es immer schwieriger, mit einer Zeitung für alle zu überzeugen.

fern oder gar Abonnenten gemacht. Der überwiegende Anteil der Erlöse resultierte dann aus dem Verkauf der so erzielten Aufmerksamkeit an Anzeigenkunden. So ging das Geschäftsmodell der traditionellen Zeitung. Neue Angebote und Akteure, veränderte Mediennutzung und Verschiebung der Werbeausgaben in Richtung neuer Medien haben das über Jahrzehnte relativ stabile Geschäftsumfeld der Verlage nun grundlegend verändert. Technische Innovationen haben den Erfolg der neuen Medien zwar erst möglich gemacht, treffen aber auch auf davon ursprünglich unabhängige gesellschaftliche Veränderungen: die Zunahme der Mobilität und die Fragmentierung von Lebensstilen. Sie befeuern sich mit diesen wechselseitig und verschärfen die Anforderungen an redaktionelle Produkte nach neuen Distributionskanälen, ganz nach dem Motto neuer Medien «Anywhere and anytime» sowie stärkerer Fokussierung auf Zielgruppen bis hin zum personalisierten Angebot. Spätestens seit den frühen 1990er-Jahren wird es immer schwieriger, mit einer Zeitung für alle zu überzeugen, was sich an den schon seit damals – also nicht erst mit dem Siegeszug der Online-Medien – rückgängigen Auflagen zeigt. Bis 2020 keine Verschnaufpause Zwei Technologieaspekte waren entscheidend: erstens die Digitalisierung, die die Übertragung, Speicherung und Verarbeitung von Daten deutlich weniger fehleranfällig, damit effizienter und vor allem unabhängig von der Art des Trägermediums, also «crossmedial», möglich macht. Zweitens wäre aber die Verarbeitung von Daten im heutigen Umfang nicht möglich, wenn die da-

DAS SAGEN PROMINENTE «Zukünftig wird man die aktuellen Meldungen mittels einzelnen Artikeln bei den neuen Medien abfragen. Die Zeitungen werden vermehrt für Hintergrundinformationen mit journalistischer Qualität stehen, weniger für Topaktualität. Die Wichtigkeit von Multimedia wird dadurch verstärkt.» Stephan Attiger, Stadtammann Baden und FDP-Grossrat

für eingesetzte Halbleitertechnologie sich nicht fast alle zwei Jahre hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit verdoppeln würde. Dieser kontinuierliche Rhythmus der informationstechnischen Entwicklung, der parallel zu den konkreten Erfindungen 1969 des Internets und 1989 des World Wide Webs den Wandel entscheidend prägte, kann allerdings nur bis maximal etwa 2020 gehalten werden, wenn die Miniaturisierung atomare Grösse erreicht haben wird. Zumindest bis dahin wird es also keine Verschnaufpause für die Medienwirtschaft geben. Das Geschäftsmodell der Zeitung ist vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen irreversibel angeschlagen: Zunächst löste sich im Internet mit der papierenen Klammer auch das Bündel der Inhalte auf. Je Nutzenaspekt konkurriert der Verlag dort sowohl mit den Online-Ablegern anderer Verlage als auch mit neuen

spezialisierten Anbietern wie reinen Nachrichtenportalen oder Marktplätzen. Die Nutzer stellen selbst ihr Bouquet aus Inhalten zusammen, und dies nicht notwendig aus einer Hand. Die neuen Mittler zwischen Anzeigenkunden und Nutzern machten schliesslich den Verlagen auch zunehmend die Erlöse streitig. Auflagen und Anzeigen schrumpfen Fallen die einzelnen Prognosen zur Entwicklung in Print auch in Details verschieden aus, so lässt sich daraus zusammenfassen, dass das Geschäftsmodell der traditionellen Zeitung nicht zu retten ist: Bis 2020 werden die Auflagen unter der optimistischen Annahme nur einer Trendverlängerung und nicht -verstärkung um mindestens 25 Prozent zurückgehen. Rubri-

Ein SmartphoneAbonnent macht jeweils nur einen Nutzer. kenmärkte, die auf der genauen Passung zwischen Angebot und Nachfrage aufbauen, haben in Print wahrscheinlich ganz ausgedient. Wenn auch weniger drastisch, so wird es auch die Werbeanzeigen mit Einbrüchen um mindestens 30 Prozent treffen; eine Folge der generellen Verschiebung der Werbeausgaben in neue Medien und geringerer erzielter Preise aufgrund der Auflagenrückgänge. Hoffnung kam wieder auf durch Tablets, Smartphones und Co., die als digitale Wegbegleiter die Ära der personalisierten Endgeräte einläuten. Gewiss werden den verlorenen Lesern neu gewonnene Nutzer von Zeitungsinhalten auf mobilen Endgeräten gegenüberstehen, die wahr-


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«location based services», die mit der Ortsauflösung aller neueren mobilen Endgeräte zielgenau Lokalinformationen ausliefern könnten. Das können auch andere, und so sind derartige Innovationen immer Chance und Herausforderung zugleich. Das gilt insbesondere auch für das neue Paradigma der «Social Media», wenn heute nicht mehr nur der Verlag die Welt einer

Was in Print nicht mehr funktioniert, kann mit digitalen Angeboten nicht kompensiert werden.

Der Nutzer stellt sich seine Inhalte auf dem Smartphone selber zusammen. scheinlich sogar auch dafür zahlen – anders als bei den Online-Angeboten im stationären Internet ist man auf dem mobilen Endgerät ja gewohnt, dass nutzungsabhängige Gebühren anfallen. Allerdings wird auch das weniger sein als für das gedruckte Exemplar, und Leser des Letzteren zahlen wohl nicht extra für die ergänzenden Verbreitungswege.

Hauptproblem ist jedoch, dass anders als in Print, wo eine verkaufte Zeitung mehrere Leser anzieht, dieser Hebel bei den mobilen Geräten nicht existiert. Ein Smartphone- oder Tablet-Abonnent macht eben nur jeweils einen Nutzer. Allein deshalb werden Anzeigen in diesen digitalen Medien bei gleicher Auflage wie in Print nur Bruchteile davon lösen. Als Besitzer

ALEX SPICHALE

der digitalen Kioske wie iTunes setzen sich überdies nun Dritte zwischen Verlag und Nutzer; natürlich nicht ohne zu kassieren und auf den wertvollen Kundendaten zu sitzen. Eine neue Bezahlkultur bei digitalen Inhalten könnte sich auch für die bislang überwiegend freien stationären Online-Angebote durchsetzen. Aber was auch immer versucht wird: Was in Print

nicht mehr funktioniert, kann mit digitalen Angeboten rund um die Kernmarken nicht kompensiert werden. Print online stellen genügt nicht Verlage dürfen also nicht nur ihre Printinhalte online stellen, sondern müssen diese durch neue Services und Inhaltskategorien ergänzen. Nur ein Beispiel wären die viel diskutierten

anonymen Masse näherbringt, sondern Letztere Gestalt annimmt und sich mit «User Generated Content» selbst zu Wort meldet. «The Huffington Post» in den USA ist nur einer von mehreren neuen journalistischen Akteuren, die mit ganz anderen Kostenstrukturen und Abläufen unter Einbindung semiprofessioneller und freier Autoren bis zum normalen Nutzer publizistisch erfolgreich sind. Wichtig ist zuletzt vor allem, dass das journalistische Prinzip «Zeitung» mit Hintergründen um einen Kern tagesaktueller Nachrichten in Zeiten der digitalen Medien auf keinen Fall ausgedient hat, denn es ist nicht wesentlich mit dem Träger Papier verbunden. *Castulus Kolo ist leitender Professor des Studiengangs Medienmanagement an der MHMK, der grössten privaten Hochschule für Medien und Kommunikation in Deutschland.


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So werden wir in Zukunft lesen und kommunizieren Endgeräte Neue Möglichkeiten, Text, Bild und Bewegtbild zu konsumieren VON PETER WOLF*

Mit dem neuen Betriebssystem hat im iPhone und im iPad ein Zeitungskiosk seine Pforten geöffnet. Amazon bringt ein Lesegerät mit elektronischer Tinte für unter hundert Dollar heraus. Lesen wir in Zukunft nicht mehr auf Papier? Lesen Sie weiter! NÜCHTERN BETRACHTET, ist Papier eigentlich auch bloss ein Display. Ein Bildschirm also, wenn auch mit extrem langsamer Bildwiederholfrequenz: Es muss zusammengebunden am Strassenrand deponiert werden, rezykliert, neu bedruckt und ausgeliefert werden, bevor es neuen Inhalt anzeigen kann. Dafür aber ist es leicht, billig und braucht keine Batterien. Dadurch lässt es sich, zu mehreren gebündelt, als Multi-Display ausliefern. Als Zeitung, Zeitschrift, Katalog oder Buch also. DOCH WIE WERDEN WIR in Zukunft lesen und kommunizieren? Da gibt es einerseits das «Elektronische Papier». Eine Technologie aus den 1970er-Jahren, welche jetzt ihren Durchbruch erlebt. Dieses wiederbeschreibbare Papier stellt Text und Grafiken gestochen scharf und kontrastreich wie ein Laserdruck dar, kann auch in gleissender Sonne gut gelesen werden und verbraucht kaum Strom, weil es bloss zum Umblättern Energie benötigt. Es ist unter anderem in Amazons Erfolgsprodukt Kindle verbaut, mit dem sich Hunderttausende von Büchern, aber auch Zeitungen oder eigene Dokumente lesen lassen. Momentan kann es bloss Schwarz und Weiss und ein paar Graustufen darstellen, jedoch sind Farbversionen bereits als Prototypen gezeigt worden. Sie sehen aus wie leicht ausgeblichene Farbkopien. Trotzdem bietet elektronische Tinte einige Vorteile: Damit hergestellte Bildschirme werden bald einmal sehr billig,

leicht, biegsam und in Massen verfügbar sein. Sodass man für wenig Geld ein Booklet aus elektronischem Papier mit sich führen kann, das auf einer Seite den Zugfahrplan enthält, auf einer anderen das elektronische Ticket, auf einer weiteren die Seite des Buches, das man gerade am Lesen ist, und auf weiteren Seiten aktuelle Zeitungsartikel, die sich gleich auf dem Papier manifestieren. WÄHREND FÜR BÜCHER UND ZEITUNGEN eine Schwarz-Weiss-Darstellung völlig ausreicht, liest man Zeitschriften oder Comics dann doch lieber in Farbe. Komfortabel, farbig und hintergrundbeleuchtet lässt sichs auf Tablets lesen. Der bekannteste Vertreter ist das iPad von Apple, aber auch mit anderen Betriebssystemen sind bereits Bildschirme in unterschiedlichen Grössen erhältlich. Den Vorteil des selbst leuchtenden Bildschirms mit Berührungssteuerung erkauft man sich mit grösserem Stromverbrauch, mehr Gewicht und höheren Kosten. Das Beste aus beiden Welten sind Hybrid-Geräte, die entweder Rücken an Rücken die beiden Technologien verbinden oder sogar im selben Bildschirm ein farbiges, leuchtendes und ein schwarz-weisses, stromsparendes Display verbauen. Apple arbeitet gerüchteweise daran, die amerikanische Firma Pixel Qi hat solche umschaltbaren Displays bereits vorgestellt, aber noch nicht zur Serienreife gebracht. Noch nicht weit verbreitet sind wie Bücher zusammenklappbare Geräte, die auf der einen Seite ein Farbdisplay und auf der anderen Seite ein Digitaltinten-Display aufweisen. Der erste Vertreter dieser Gattung, das enTourage eDGe, ist jedoch bereits wieder vom Markt verschwunden. Wie bei so vielem braucht es wohl auch hier mehrere Anläufe.

Papier ist auch bloss ein Display, wenn auch mit extrem langsamer Bildwiederholfrequenz.

DIE KOMPAKTESTE MÖGLICHKEIT: das Handy als Daten-Hub, das ent-

Lesen wir bald auf elektronischem Papier? DAS SAGEN PROMINENTE «Die technische Entwicklung wird die Mediennutzung dramatisch verändern, wobei ich nach wie vor an die Zukunft von Printausgaben glaube.» Hanspeter Thür, Eidgenössischer Datenschützer, Aarau

weder derart viel Speicher enthält, dass es alle Daten seines Besitzers in sich trägt. Oder das über einen derart schnellen Mobilfunkzugang verfügt, dass es alle Daten jederzeit und überall in der gewünschten Auflösung aus der Cloud, also der Internet-Wolke, beziehen kann. Dargestellt wird der Inhalt unterwegs dann halt auf dem kleinen Handy-Display, im Büro auf dem Display der Laptop-Hülle, in die das Handy eingedockt wird, oder zu Hause über den grossen Flachbild-

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schirm, der an der Wand hängt. Motorola hat mit dem Atrix bereits ein System vorgestellt, bei dem Handys bloss noch Bildschirm und Tastatur benötigen, um zum ausgewachsenen Laptop zu werden.

Fläche, und der eingebaute Beamer projiziert dann die Bilder vor sich her. Momentan scheitert das Ganze noch an der geringen Helligkeitsausbeute der eingebauten Lampen und deren hohem Stromverbrauch. • Und irgendwann gibts dann auch die öffentlichen Displays, die sich bei Bedarf einfach requirieren lassen. Das können Monitore, aber auch aufgerüstete Fensterscheiben oder Glastische sein, die dann als Aussendisplay eines Handys dienen.

Papier wird sich bald wie eine Folie anfühlen und wiederbeschreibbar werden.

WER NICHT LESEN WILL, kann aber auch hören: Dank «Text to Speech» (zum Beispiel mit der iApp «Speak it») kann sich heute schon mit einer recht angenehmen Roboterstimme beliebigen Text vorlesen lassen, wer zu Fuss unterwegs ist und nicht lesenderweise in einen Pfosten laufen will. Und es gibt noch weitere Möglichkeiten, Text, Bild und Bewegtbild zu konsumieren: • Die Brille mit eingebautem Monitor, auf welchem das Computerbild mit der realen Sicht auf die Welt überlagert wird. Auch hier besteht akute Gefahr, mit offenen Augen in Pfosten oder Wände zu laufen. • Der Beamer im Handy: Man stellt das Handy hochkant auf eine helle

PAPIER WIRD NIE ganz verschwinden, aber es wird sich wohl bald wie eine Folie anfühlen und wiederbeschreibbar werden. *Peter Wolf ist Trendscout bei der Ringier AG.


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Zukunftsgerichtetes Unternehmen in einem modernen Bau – das AZ Mediencenter in der Aarauer Telli.

ALEX SPICHALE

Was die Zukunft bringt AZ Medien Die Digitalisierung stellt die Tageszeitung vor neue Herausforderungen, ist aber auch eine Wachstumschance VON CHRISTOPH BAUER*

Im Jubiläumsjahr präsentieren sich die AZ Medien nach einer kürzlich abgeschlossenen Fitnesskur als modernes regionales Medienunternehmen im goldenen Dreieck Zürich, Bern und Basel mit durchaus nationalen Ambitionen. Aufgrund seiner publizistischen Leistungen und unternehmerischen Erfolge konnte sich das verlegergeführte Familienunternehmen während der vergangenen Dekade der Anerkennung der Medienbranche und von Schweizer Meinungsführern sicher sein. Die Hauptverpflichtung gilt dem publizistisch motivierten Zeitungsgeschäft, welches die Raison d’être und unternehmerische Motivation für das Unternehmen ist. Neben und mit den bekannten Publikationen wurden mit grossem Innovationswillen während der letzten Jahre neue – auch digitale – Angebote etabliert. Gut gerüstet in die Zukunft Mit dem Zuschlag im Auktionsverfahren um die TV-Sender Tele Züri und Tele Bärn konnte die einmalige Gelegenheit genutzt und das Wirkungsfeld der AZ Medien um Zürich und Bern erweitert werden. Auch bezüglich Renta-

bilität und Eigenfinanzierungsgrad sind die AZ Medien gut gerüstet, um die Zukunft gestalten zu können. Die ersten 175 Jahre Firmengeschichte – von der Pionierzeit und durch alle Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts – verliefen bewegt und haben das Unternehmen nicht selten vor existenzbedrohende

Bis heute hat das Geschäftsmodell Zeitung die Unternehmung ernährt. Aufgaben gestellt. Dennoch: Bis heute hat das Geschäftsmodell Zeitung, die untrennbare Verbindung eines journalistischen Informationsbündels mit dem physischen Informationsverteilsystem Papier, die Unternehmung ernährt. Vor dem Hintergrund von rund 400 Jahren Geschäftsmodell Zeitung scheinen die letzten 15 Jahre unter dem Einfluss der Digitalisierung des Mediensystems ein Wimpernschlag zu sein. Die strukturellen Auswirkungen auf das Finanzierungsmodell eines anspruchsvollen Journalismus erfährt allerdings in diesen we-

nigen Jahren tiefgreifendere Veränderungen als in der gesamten bisherigen Zeitungsgeschichte. Zwei Innovationsschübe Der Transformationsprozess bis zum gegenwärtigen Entwicklungsstand der Informationsgesellschaft erfolgte dabei in zwei Innovationsschüben. Zunächst entwickelte sich die Informationsgewinnung und -verarbeitung. Ausschlaggebend waren Entwicklungen in der Mikroelektronik, die zu höheren Rechnerleistungen bei sinkenden Preisen führten. In einem zweiten, noch anhaltenden Schub stehen die Kommunikation und die Integration verschiedener Systeme und Netze im Vordergrund. Das Internet nimmt aufgrund seiner Charakteristika – digital, vernetzt, global – die zentrale Rolle im Mediensystem ein. IT- und Telekommunikationsanbieter dringen in Mediengeschäftsfelder vor, was die Abgrenzung der Märkte nahezu aufhebt, die Sektoren konvergieren. Grundsätzlich kann jeder jederzeit zu sehr tiefen Kosten Informationen publizieren und konsumieren. Diese Entwicklungen haben zwei Konsequenzen: die Fragmentierung der Aufmerksamkeit des Konsumenten und die Erosion des Geschäftsmo-

dells, was auch die AZ Medien vor Herausforderungen stellt. Auch während der nächsten Phase wird die gedruckte Tageszeitung das Rückgrat der AZ Medien bleiben. Akquisitionen und weitere Kooperationen zur Bildung grösser Einheiten werden das in dieser unmittelbar anstehenden Dekade sicherstel-

Die gedruckte Tageszeitung wird auch in der nächsten Phase das Rückgrat der AZ Medien bleiben. len, in der die AZ Medien eine wichtige Rolle als aktiver Teilnehmer des weiter anhaltenden Konsolidierungsprozesses des Medienmarkts wahrnehmen werden. In Netzwerken denken und handeln Über einen langen, kaum absehbaren Transitionsprozess wird sich die Tageszeitung digitalisiert neu erfinden und gestärkt aus diesem Wandel hervorgehen – ob sie dann noch gedruckt sein wird, ist bis dahin keine relevante Frage. Ohne den Fokus zu verlieren, werden neue, voraussicht-

lich digitale Geschäftsfelder für anhaltendes Wachstum sorgen. Das Denken und Handeln in Netzwerken zu lernen, bleibt dabei die grösste Herausforderung. Der Abschied von einer eindimensionalen Kommunikationskultur hin zur Erbringung der orientierungsstiftenden Informationsleistung als Teil eines umfassenden Netzwerkes und Informationsökosystems wird die AZ Medien während dieser Zeit intensiv beschäftigen und verändern. Die Prognose zu wagen, das Internet sei der Haupttreiber in dieser Zeit, ist längst mehr als reine Spekulation und bedarf sicherlich keiner hellseherischen Fähigkeiten. Die Essenz bleibt unverändert Die Konstanten in der Phase dieses strukturellen Wandels bleiben unternehmerische Unabhängigkeit und publizistische Motivation. Die Zukunft bringt also viel Neues und dennoch bleibt die Essenz unverändert.

*Dr. Christoph Bauer ist seit 2010 CEO der AZ Medien.


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Die az ist heute weit mehr als eine Zeitung Neun Ausgaben, Print und Online Die Stimme im goldenen Dreieck zwischen Basel, Bern und Zürich nungsgebiet der einzelnen Titel. Deshalb sind sie die zentralen publizistischen Stimmen in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Solothurn, im Limmattal und im Oberaargau. Jede az-Ausgabe bietet im Regionalteil ein À-la-carte-Menü: Abgebildet wird der Mikrokosmos der Regionen, also alles, was die Menschen bewegt.

VON CHRISTIAN DORER*

Die az führt regelmässig prominente Gäste durch ihre Redaktion: Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey war schon hier, ebenso SBB-Chef Andreas Meyer, Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld, Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz und viele mehr. Oft kommen die Besucher aus dem Staunen nicht heraus: Sie erwarten eine Feld-Waldund-Wiesen-Redaktion – und finden sich in einem der modernsten Newsrooms der Schweiz wieder. Das ist typisch für die az: Sie wird oft unterschätzt. Klammert man die Gratiszeitungen aus, ist sie heute die drittgrösste Tageszeitung der Schweiz mit einer Auflage von knapp 200 000 Exemplaren und 400 000 Leserinnen und Lesern. Die az, das ist längst nicht mehr nur die Aargauer Zeitung, sondern eine Markenklammer über neun

Ein Mediencenter in Aarau, 17 Standorte in allen Regionen Seit 2009 ist die Hauptredaktion der az in Aarau: im AZ Mediencenter, einer 1650 m² grossen, Loft-artigen ehemaligen Druckereihalle in der Telli. Etwa die Hälfte aller 140 azJournalistinnen und -Journalisten arbeiten in diesem luftig gestalteten Grossraumbüro – für die Zeitung und für Online. Alle nationalen und internationalen Ressorts schreiben von hier aus, alle redaktionellen Seiten aller Ausgaben werden hier gelayou-

Abgebildet wird der Mikrokosmos der Regionen, also alles, was die Menschen bewegt.

Die az wird oft unterschätzt. Sie ist die drittgrösste Tageszeitung der Schweiz. Fotochefin Peggy Knotz und Art Director Stefan Stalder sorgen im Newsroom im AZ Mediencenter für eine attraktive az. verschiedene Ausgaben im goldenen Dreieck zwischen Basel, Bern und Zürich: • az Aargauer Zeitung mit den vier Regionalausgaben Aarau, Baden, Freiamt und Fricktal. • az Limmattaler Zeitung. • bz Basellandschaftliche Zeitung, inklusive der neuen Grossauflage «bz Basel», die immer mittwochs in der Stadt Basel vertrieben wird. • az Solothurner Zeitung. • az Grenchner Tagblatt. • az Langenthaler Tagblatt. Dazu kommen die beiden Partnerzeitungen Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt. National bedeutsam, regional verankert Der erste Bund ist, bis auf die Frontseite, bei allen Titeln identisch. Er bietet umfassende Informationen, Analysen und Interviews aus den Bereichen Inland, Ausland, Wirtschaft, Sport und Kultur. Der zweite Bund steht für eine tiefe regionale Verankerung im Erschei-

ALEX SPICHALE

Basel Rheinfelden Brugg

Frick Liestal

Baden Dietikon

Aarau

Jura

Zürich

Lenzburg Wohlen

Olten

Muri

Zofingen Reinach Solothurn

Grenchen

Langenthal

tet – total zwischen 70 und 95 pro Tag! Die az ist an weiteren 16 Standorten präsent (siehe Karte links): damit diejenigen Journalisten, die über eine Region schreiben, auch wirklich nah an den Akteuren sind. Allein im Aargau gibt es neben Aarau drei grössere Redaktionsstandorte – in Baden, Frick und Wohlen – sowie fünf Reporterbüros – in Brugg, Lenzburg, Muri, Reinach und Rheinfelden. National eine starke Stimme dank Top-Schreibern, regional tief verwurzelt dank Journalisten, die ihre Region kennen wie ihre Westentasche: So ist die az gut für die Zukunft aufgestellt.

Grafik: az/Barbara Adank

*Christian Dorer ist seit 2009 Chefredaktor von az Aargauer Zeitung und Medienverbund az.

Redaktionsstandorte Luzern Bern

Mit az Online und az Mobile jederzeit informiert Die Zeitung auf dem iPad Mit der az-App für das iPad lässt sich auch die gedruckte Zeitung eins zu eins elektronisch lesen – im selben Layout, mit zusätzlichen Funktionen: Webverlinkungen bieten Zusatznutzen, Artikel lassen sich einfach auf Facebook und Twitter posten oder per E-Mail versenden. Für Abonnenten ist das Herunterladen der az aufs iPad gratis. Und das Beste: Wer eine Ausgabe abonniert hat, zum Beispiel die Badener Ausgabe der az Aargauer Zeitung, kann elektronisch alle anderen Regionalausgaben ebenfalls kostenlos runterladen.

Innovativ Die az erscheint auf allen Kanälen – rund um die Uhr, rund um den Globus. Die az-Titel gibt es auch online und mobile. Vor gut einem Jahr wurde der Internet-Auftritt komplett neu lanciert – und massiv ausgebaut. Die az erscheint im Netz unter den bewährten Titeln: • www.aargauerzeitung.ch • www.limmattalerzeitung.ch • www.basellandschaftlichezeitung.ch • www.solothurnerzeitung.ch • www.langenthalertagblatt.ch • www.grenchnertagblatt.ch Die wichtigsten Nachrichten aus allen Regionen sind so schnell verfügbar – oft angereichert mit Bildergalerien, Videoclips, weiterleitenden Informationen, Umfragen oder einem Live-Ticker.

Die az-Apps bringen Mehrwert für die az-Abonnentinnen und -Abonnenten.

Die az-App fürs iPhone Das neuste Kind in der az-Familie ist die iPhone-App. Das Herunterladen kostet einmalig 2 Franken. Dann erscheinen nach Ressorts die neusten Meldungen – Aargau, Schweiz, Inter-

national, Wirtschaft, Sport, Unterhaltung, Blaulicht. Plus Umfragen, Ratings, Wettbewerbe. Multimediale Journalisten Eine einzige, dezentrale, in den Regionen tief verankerte az-Redaktion bedient alle Kanäle. Geht beispielsweise der Regionalredaktor des Büros Lenzburg an eine Pressekonferenz des Stadtammanns, so schreibt er danach möglichst rasch die Neuigkeit in Kurzform für Online. Vielleicht reichert er seinen Beitrag mit einem kurzen Videoclip an. Danach schreibt er seinen ausführlichen Artikel, eventuell ergänzt durch weitere Recherchen, für die Zeitung von morgen. Ein Online-Kernteam im Newsroom in Aarau sorgt dafür, dass stets in allen Regionen die wichtigsten und aktuellen Themen aufgeschaltet sind. (CHD)


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ZEHNDER WANNER PRESSE

Im «Rössli» wurde «Der Sonntag» national Zeitungsstart 2007 erfüllte sich Peter Wanner einen alten Traum: Er lancierte eine Sonntagszeitung

Die Geburtsstunde: Patrik Müller, Peter Wanner und Verwaltungsratspräsident Jürg Schärer (v. l.) freuen sich am Samstag, 15. September 2007, kurz vor Mitternacht über die ersten «Sonntag»-Exemplare. VON PATRIK MÜLLER*

Es war irgendwann im Dezember 2006, als mein Telefon im Grossraumbüro des «SonntagsBlicks» klingelte, wo ich als Nachrichtenchef arbeitete. AZ-Verleger Peter Wanner persönlich war am Apparat; er hatte sich über die Ringier-Zentrale mit mir verbinden lassen und sagte schon im zweiten Satz, dass er eine neue Sonntagszeitung plane – und er sich vorstellen könne, mich zu deren Chef zu machen. Ich rief zurück, da rundum alle mithorchten, nachdem ich «Grüezi, Herr Wanner» gesagt hatte. So begann für mich die Geschichte des «Sonntags». Für Peter Wanner hatte sie schon früher begonnen. Er erzählte einmal, dass er seit langem von einer eigenen Sonntagszeitung geträumt habe. Ganz der passionierte Zeitungsleser, hatten ihm ausländische Sonntagsblätter schon immer gefallen. Und ganz der gewiefte Unternehmer, erkannte er, dass die Inserenten zunehmend den siebten Tag der Woche vorzogen. Gern wäre Peter Wanner der erste Regionalverleger gewesen, der nach dem «SonntagsBlick» (Lancierung 1969), der «SonntagsZeitung» (1987) und der «NZZ am Sonntag» (2002) mit einem eigenen Titel auf den Markt gekommen wäre. Doch Hanspeter Lebrument mit seiner «Südostschweiz am Sonntag» kam ihm kurz zuvor. Dass es trotz Wanners lange gehegtem Wunsch nicht früher ging, hatte seinen Grund: Er wollte mit seinen Tageszeitungen zuerst auf die seiner Ansicht nach kritische Auflage von rund 200 000 kommen. Start am 16. September 2007 Das war der Fall, nachdem absehbar war, dass er die «Solothurner Zeitung» gänzlich unter Kontrolle bringen sollte. Mit dem Verbund, der damals «Mittelland Zeitung» hiess, erreichte er nun die erforderliche Auflage. Mit diesem Abonnenten-Stamm startete der «Sonntag» am 16. September 2007 als drittgrösste Sonntagszeitung, was sie bis heute geblieben ist. Über die Positionierung der Sonntagsausgabe gab es im Unternehmen AZ Medien lange Zeit sehr unterschiedliche Auffassungen. Sollte es eine siebte Ausgabe der Tageszeitung sein, re-

gional ausgerichtet, gemacht von derselben Redaktion, die dann einfach noch etwas aufgestockt würde? Oder eine eigenständige Sonntagszeitung mit nationalem Anspruch, gemacht von einer eigenen Redaktion? Unvergessen bleibt mir ein Gespräch, das wir im Januar 2007 im Landgasthof Rössli in Würenlos geführt haben. Bei dem Nachtessen dabei war auch der damalige az-Chefredaktor Peter Buri, der das Projekt Sonntagsausgabe leitete (ich stiess erst im April 2007 dazu). Er erläuterte das Konzept «Siebte Ausgabe», welches beispielsweise keinen eigenen Wirtschaftsbund vorsah. Als ich argumentierte, Wirtschaftsthemen seien für die Sonntagspresse zentral und dafür brauche es einen eigenen Bund, entschied Peter Wanner noch während des Nachtessens, dass es diesen Bund geben müsse – mit einer kompetenten Wirtschaftsredaktion. Da wurde mir bewusst – heute darf man es wohl sagen –, dass Peter Wanner sich eine «richtige» Sonntagszeitung wünschte, ansonsten aber im Unternehmen mehrheitlich die Meinung vorherrschte, eine siebte Ausgabe à la «Südostschweiz» genüge und sei angesichts der tieferen Kosten die einzig finanzierbare Variante. An dem Abend im «Rössli» aber wurde die Strategieänderung, die als solche nie benannt wurde, eingeleitet: Der «Sonntag» sollte zu einer Zeitung werden, die sich an den Titeln «SonntagsZeitung» und «NZZ am Sonntag» misst – und nicht an der «Südostschweiz». Die nationale Orientierung war rückblickend richtig, nicht weil sie publizistische Eitelkeiten der Redaktion befriedigte, wie anfänglich gemunkelt wurde (das manchmal vielleicht auch) – sondern vor allem, weil sich so die nationalen Anzeigenkampagnen besser an Land ziehen lassen. Und weil die Leserschaft am Sonntag sich auf vertiefende Berichte aus Politik, Wirtschaft und Kultur einlässt. Eine völlig eigenständige Sonntagszeitung wäre für die AZ Medien zu teuer gewesen, und so entstand der «Hybridmotor», wie es Peter Wanner

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16. September 2007

«Medien der Zukunft sollten vermehrt vertiefte Analysen zu aktuellen Fragen publizieren und auch von Politikern nicht nur Einsatzstatements einfordern.»

www.sonntagonline.ch Exklusiv-Interview mit Joe Ackermann

Ferien wie im Märchen

Der Schweizer Chef der Deutschen Bank zur > 13 Finanzkrise.

Wo die besten Welche Kassen Hotels der Welt im nächsten Jahr die stehen. > 33 Prämien senken. > 27

Krankenkassen werden billiger

Francine Jordi, die Schweizer Hoffnung Die Sängerin könnte uns – endlich – aus dem Eurovisions-Elend retten. > 53

Ylenia tot aufgefunden – Polizei in der Kritik Eine Privatperson findet Ylenias Leiche im sankt-gallischen Oberbüren In den beiden Gemeinden Appenzell und Oberbüren sind die Leute traurig und betroffen. Und die Polizei muss sich fragen, wie sie Ylenias Leiche übersehen konnte. VON CLAUDIA MARINKA UND SARAH FASOLIN

Klare Forderung: Doris Leuthard.

«Drei Prozent mehr Lohn» undesrätin Doris Leuthard appelliert an die Unternehmen e Schweizer Wirtschaft blüht. Wirthaftsministerin Doris Leuthard fordert shalb im Interview mit «Sonntag»: ch erwarte von den Arbeitgebern, ss sie nächstes Jahr die Löhne real m zwei bis drei Prozent erhöhen». enn es sei «Zeit, den Arbeitnehmern anke zu sagen». Die Gewerkschaften plaudieren der Forderung der VP-Bundesrätin. «Das ist eine sehr wünschte Rückendeckung», freut sich ul Rechsteiner, Präsident des Schwei-

zerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). «Damit bleibt Frau Leuthard kaum hinter unserer Forderung zurück.» Der SGB fordert einschliesslich der Teuerung 3 bis 4 Prozent mehr Lohn. Wenig Begeisterung löst Leuthard bei den Arbeitgebern aus: «Ich finde es nicht besonders gut, dass sich ein Bundesrat so in die Lohnrunde einmischt», sagt Thomas Daum, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes. Er lehnt flächendeckende Lohnerhöhungen ab. > SEITE 9

Gestern, kurz nach 12 Uhr fand ein Mann im Bürerwald im Kanton St. Gallen eine Kinderleiche – nur unweit der Stelle, wo Urs Hans Von Aesch am Tag von Ylenias Verschwinden auf einen 46-jährigen Mann geschossen hatte. Inzwischen geht die Polizei aufgrund von Schmuckstücken davon aus, dass es sich um die verschwundene Ylenia handelt. Wildtiere hatten nach dem toten, entkleideten Körper gegraben. Um halb zwei informierte die Appenzell Innerrhoder Kantonspolizei Charlotte Lenhard, Ylenias Mutter. «Es war ihr Wunsch, dass sie bei einem Leichenfund als Erste informiert wird, auch wenn die Identität noch nicht definitiv geklärt ist», sagt Kripochef Bruno Fehr. Der Mann, der Ylenia gefunden hatte, war schon während dreier Wochen immer wieder in den Bürerwald gefahren, um nach dem Mädchen zu suchen. Er hat ein ähnliches Schicksal in der Familie erlitten, wie die Polizei mitteilte. Oft nahm er den Hund als Unterstützung mit, gestern war er jedoch allein unterwegs. Der Finder wird wohl

Neuer Damm «Easy Swiss Tax» prüfen n Döttingen Die Aargauer Freisinnigen fordern den Systemwechsel fortmassnahmen geplant HREND ES IM WASSERSCHLOSS der tur überlassen wird, ob nach dem im chwasser untergegangenen Limmattz wieder eine neue Insel aus Geiebe entsteht, wird in Döttingen gendelt: Sofortmassnahmen für die Er

NEUE BEWEGUNG in der Aargauer Steu-

erpolitik: Die FDP-Fraktion des Grossen Rates wird am kommenden Dienstag ein Postulat einreichen, das den Regierungsrat beauftragt, die Einführung einer Einheitssteuer für natürliche Personen mit zwei oder drei Tarifstufen zu prüfen. Für die Freisinnigen ist klar: Das

halb auf die Easy Swiss Tax – und fordern den Regierungsrat auf, verschiedene Varianten zu evaluieren. Finanzdirektor Roland Brogli signalisiert, dass die Regierung die Entwicklung an der Steuerfront aufmerksam beobachte, die Auswirkungen eines Systemwechsels aber sorgfältig geprüft werden müssten Es gehe nicht zuletzt

Grausame Entdeckung: Ylenia wurde im Wald verscharrt.

die 21 000 Franken Belohnung zugesprochen erhalten, die ausgesetzt waren. IN APPENZELL, YLENIAS WOHNORT, sind

die Menschen von der Nachricht tief betroffen. «Ylenias Tod ist ein Schock für ganz Appenzell», sagt ein Einwohner. Auch in Oberbüren, wo Ylenia gefunden wurde, zeigen die Leute Mitgefühl und Trauer. «Schrecklich, einfach schrecklich», sagt ein Bauer aus der Umgebung, Vater von zwei kleinen Töchtern. Ein anderer Einwohner will nicht begreifen, dass in dem Wald, in dem er als Kind so gern spielte, eine so grausame Tat stattgefunden hat. Hätte man Ylenia nicht schon früher finden können? Wie konnte die Polizei sie übersehen? Solche Fragen drängen sich seit gestern auf. Insgesamt dreimal hatte die Polizei das entsprechende

Waldstück durchkämmt – erfolglos. Krippochef Bruno Fehr rechtfertigt, dass man von Menschenauge nichts habe erkennen können. Der Täter habe massive Grabarbeit geleistet. Von den speziell ausgebildeten Leichensuchhunde hätte man aber eine Reaktion erwartet. Derweil kritisierte Tanja Leu, die zusammen mit ihrer Mutter private Suchaktionen organisiert hatte, die Haltung der Polizei gegenüber privaten Einsätzen. «Sie haben uns immer gesagt, wir hätten dort im Wald nichts zu suchen», moniert sie. «Wir fühlten uns nie ernst genommen.» Die Resultate der gerichtsmedizinischen Untersuchung werden am Dienstag erwartet. Diese sollen klären, was mit Ylenia nach ihrer Entführung geschah und wie sie getötet wurde.

Doris Stump, ehemalige SP-Nationalrätin, Wettingen

> SEITEN 3 UND 17

Hockey-Streit verschärft sich «Sonntag» bat die Exponenten an den runden Tisch VIELE ZUSCHAUER, spektakuläre Spiele,

erste Überraschungen: Die Eishockeymeisterschaft ist schwungvoll gestartet. Hinter den Kulissen aber brodelt es gewaltig, und der Streit zwischen der Verbandsführung und den führenden Vereinen spitzt sich zu. «Sonntag» bat zur

Diskussionsrunde. «Ralph Krueger ist der falsche Nationaltrainer», sagt DavosVerwaltungsrat Domenig. «Den Verband braucht es gar nicht», sagt SCBBoss Marc Lüthi. «Ihr seid zu weit weg vom Geschehen», kontert Verbandsdirektor Zahner. (FBI) > SEITEN 37–39

Frontseite der ersten Ausgabe (16. 9. 2007).

Die erste Basler Ausgabe (18. 9. 2011).

nannte: «Der Sonntag» wird einerseits von der AZ-Tagesredaktion angetrieben (Regionalbund, Sport und Kultur), andererseits von einem Dutzend Redaktorinnen und Redaktoren, die nur für den «Sonntag» arbeiten (Politik, Wirtschaft, Nachrichten, Gesellschaft). Ich hatte das Privileg, ein Team zu rekrutieren, das mit weniger Köpfen mindestens so guten Journalismus machen sollte wie die etablierten grossen Sonntagszeitungen. Das war die vielleicht spannendste Erfahrung meines bisherigen Berufslebens: Ehrgeizige Recherche-Journalistinnen und -Journalisten zu gewinnen, die: • bereit sind, eine sichere Stelle aufzugeben und zu einer Zeitung zu wechseln, von der noch kein Mensch weiss, wie sie wirklich sein wird; • in den Aargau zu pendeln, was insbesondere für Zürcher Journalisten ein nicht zu unterschätzendes Hindernis darstellt; • als Team zusammenpassen. Letzteres war mir wichtig, denn wenn die Redaktion schon so klein ist, kann sie sich keine Reibungsverluste und Grabenkämpfe leisten, wie ich sie zu meiner Zeit bei der «SonntagsZeitung» und beim «SonntagsBlick» erlebte. Das war anfänglich schwierig. Ich bekam von gestandenen Journalisten

oft zu hören: «Ich möchte nicht in die Nationalliga B wechseln.» Auch bei den Löhnen konnten wir nicht immer mit den Grossverlagen mithalten. Vielleicht war gerade das ein Grund, dass die «richtigen» Leute kamen: diejenigen, die den Ehrgeiz haben, den grossspurigen Sonntagszeitungen zu zeigen, dass man auch in Baden und mit weniger Budget eine tolle Zeitung machen kann.

Bereits wenige Wochen nach der Lancierung hörten wir die Nationalliga-B-Sprüche nicht mehr.

Ein «must-read» Die Nationalliga-B-Sprüche hörten wir bereits wenige Wochen nach der Lancierung nicht mehr. Ende 2007 bezeichnete «Weltwoche»-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann die «Sonntag»-Lancierung als «erfolgreichsten Entscheid des Jahres»: «In nur zwei Monaten arbeitete sich der Newcomer qualitativ in die Liga der drei Platzhirsche ‹SonntagsZeitung›, ‹NZZ am Sonntag› und ‹SonntagsBlick› vor. Es zeigte sich wieder einmal, das Zeitungsmachen keine grosse Kunst ist, wenn man auf die richtigen Leute setzt», schrieb Zimmermann, der einst «SonntagsZeitungs»-Chefredaktor war. Und das Fachmagazin «Schweizer Journalist» urteilte: «Es ist einer der besten Zeitungsstarts seit Jahren. Der neue Sonntagstitel ist ein must-read.» Alles paletti und sorgenfrei also beim «Sonntag»? Natürlich nicht. Auch wir erlebten in der Finanzkrise 2008/ 2009 schwierige Zeiten, als die Anzeigen einbrachen, und es gab Branchen-

journalisten, die schon Gerüchte über eine Einstellung des «Sonntags» verbreiteten. Letztlich ging die Zeitung aber gestärkt aus dieser Krise hervor, nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stark. «Der ‹Sonntag› ist uns heilig» Wir sind noch lange nicht am Ziel, vier Jahre sind, in Zeitungszyklen gedacht, eine kurze Zeit. Der nationale Anspruch mag publizistisch erfüllt sein, noch nicht aber, was die Verbreitung betrifft: «Der Sonntag» hat den Grossteil seiner Leserschaft nach wie vor im Verbreitungsgebiet der az-Tageszeitungen. Doch Peter Wanner wäre nicht Peter Wanner, ginge er, ähnlich wie damals im «Rössli», nicht auch hier einen Schritt weiter – jetzt, wo «Der Sonntag» den Break-even erreicht hat: Im September 2011 stiess «Der Sonntag» nach Basel vor, mit einem Regionalbund für die Stadt. Dass der Verleger und seine Vorgänger einen langen Atem haben, beweist die 175-jährige Geschichte der Zehnder-Wanner-Presse. Und wie sagte Peter Wanner, der eigentlich allem Kirchlichen mit Distanz begegnet, am Lancierungsfest für den «Sonntag» 2007: «Der ‹Sonntag› ist uns heilig.»

*Patrik Müller ist Chefredaktor des «Sonntags» seit dessen Gründung 2007.


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Die schlausten Fernsehmacher Tele M1 Die Wurzeln des Schweizer Regionalfernsehens liegen im Kanton Aargau VON ROMAN SCHENKEL*

DAS SAGEN PROMINENTE

Tele M1 ist zwar nur der zweitgrösste Regionalfernsehsender der Schweiz, seine Mitarbeiter sind aber die schlausten aller privaten Schweizer Fernsehstationen. Den Tatbeweis erbrachte das Tele-M1-Team in der Spielshow «5 gegen 5» des Schweizer Fernsehens: Souverän setzten sich die M-Einser gegen sieben andere Regionalfernsehsender durch. In einem schwierigen Umfeld ist dieses Durchsetzungsvermögen auch dringend notwendig. Der Markt ist klein, die Konkurrenz durch das Schweizer Fernsehen und ausländische TV-Stationen gross. Vom Werbekuchen bleiben den Privaten nur die Krümel, für die Programme bleiben wenig Ressourcen. 200 000 Menschen täglich In diesem Umfeld schlägt sich Tele M1 beachtlich. Mit 16 Jahren gehört der Mittelland-Sender – täglich wird er von knapp 200000 Menschen einmal angewählt – zu den ältesten Vertretern der privaten Regionalfernsehsender. Zählt man die Vorgeschichte hinzu, ist der Sender noch älter. 1978, als in der Schweiz noch niemand von regionalem Fernsehen sprach, bewilligte das Eidgenössische Verkehrsund Energiedepartement einer «Arbeitsgemeinschaft Pilotprojekt Kabelrundfunk Agglomeration Baden» eine befristete Konzession für eine «regionale kabelgebundene Fernsehversorgung». Der Versuch war breit abgestützt. Mit von der Partie waren die Regionalplanungsgruppe Baden und Umgebung, die Gemeinden der Region, die Autophon als Besitzerin des Kabelnetzes sowie das Badener Tagblatt (BT) und das Aargauer Volksblatt (AV). Mit Fernsehen hatten die Anfänge allerdings wenig zu tun. Zu sehen war ab 1979 eine Bildschirmzeitung mit Regionalnachrichten. 1983 erhielt der Sender einen Namen: «Regionalfernsehen Rüsler». Namensgeber war ein

Das BundesstadtFernsehen Mit einer fünfköpfigen Crew und einem Budget von etwas über 3 Millionen Franken ging Tele Bärn am 1. März 1995 auf Sendung. Das dritte private Schweizer Regionalfernsehen nach Tele Züri und Tele M1 war geboren. In Wabern entstand täglich eine stündige Sendung mit Nachrichten und einem Magazin. Tele Bärn erreichte rund 100 000 Zuschauer in den Kantonen Bern, Freiburg und Solothurn. Doch der Sender wollte mehr – und brauchte mehr: 1996 lancierte der neue Mann an der Spitze, Marc Friedli, eine Talksendung. 1997 versuchte es Tele Bärn zudem mit Erotik: Die damals als «Pornoheidi» bekannte Laetitia moderierte das Magazin «Lust & Laune» – und erregte Aufsehen im ganzen Land. Aber auch beim Sport wollte Tele Bärn vorne mit dabei sein: Ein tägliches Magazin sollte den Berner Fussball- und Eishockey-Lokalmatadoren gerecht werden. Dennoch konnte der Sender erst 2008 aufatmen, als er eine Konzession und damit jährlich 2,2 Millionen Franken aus dem Gebührensplitting erhielt. Inzwischen ist Tele Bärn mit seinen Studios in die Hauptstadt gezogen. Mit News-Sendungen, verschiedenen Talkund Lifestyle-Formaten sowie einem Geld-Ratgeber lockt der Sender über 230 000 Zuschauer vor die Bildschirme. Sofern der Bund den Kauf genehmigt, wird Tele Bärn von Tamedia an die AZ Medien übergehen. (AZ)

«Die zentralen Aufgaben der Medien werden dieselben sein: Nachrichten und Informationen beschaffen und verbreiten, Stellung nehmen, kritisch hinterfragen und so an der Meinungsbildung mitwirken.» Markus Dieth, Gemeindeammann Wettingen und CVP-Grossrat

Moderne Räumlichkeiten: Cut Platz von Tele M1 im AZ Mediencenter in der Aarauer Telli. Hügelzug oberhalb von Neuenhof, wo die Antenne steht, welche die Region mit TV-Programmen versorgt. Laufen lernten die Bilder am 16. August 1987: Eine Reportage vom Badenfahrt-Umzug huschte über den Bildschirm. Im Folgejahr sah man erstmals Nachrichtensprecherinnen am Schirm, welche eine regionale «Tagesschau» verlasen. Die TV-Arbeit wurde zunehmend professioneller.

auf Sendung, zunächst noch unter Führung des Badener Tagblatts, ab 1996 unter jener der AZ Medien. Im Jahr 2000 schauten sich 28 000 Personen die ganze Nachrichtensendung «Aktuell» an, heute sind es über 70 000. Aktualität ist immer noch das Hauptbein des Senders. Doch das Angebot wurde laufend ausgebaut, mit Talkshows sowie mit Magazinen für Kochen, Sport, Tiere, Gesundheit, Reisen, Wohnen und Lifestyle. In der wöchentlichen Polit-Sendung «Duell aktuell» kreuzen zwei Prominente zu einem heissen Thema die Klingen. 2008 erhielt Tele M1 vom Bund er-

Tele M1 bildet ab, was vor der Haustür der Menschen passiert – das ist das Erfolgsrezept.

Die Geburt von Tele M1 Anfang 1995 hatte «Rüsler TV» ausgedient: Tele M1, das Fernsehen fürs Mittelland, ging als Nachfolger

EMANUEL FREUDIGER

neut eine Sendekonzession für zehn Jahre. Im Medienzentrum im Aarauer Telliquartier wurden rund 10 Millionen Franken in drei neue Studios, neue Schnittplätze, neue Kameras und Arbeitsplätze investiert. Auch das Sendegebiet hat sich nochmals vergrössert: Tele M1 sendet seit 2010 auch im ganzen Kanton Solothurn. Karrieren-Sprungbrett Immer wieder diente Tele M1 als Start- und Ausbildungsplattform für landesweit bekannte Moderatorinnen, zum Beispiel für Susanne Wille («10 vor 10») oder Maureen Bailo («Tagesschau»). Auch im letzten Jahr überzeugten die Tele-M1-Journalisten mit ihrer Arbeit. So wurden die Reporter Matthias Achermann und Bähram Alagheband für ihre Reportage über

Sicherheitsmängel am Eidgenössischen Schützenfest in Aarau mit dem «Diamanten», dem Schweizer Preis für Lokaljournalismus, in der Kategorie TV ausgezeichnet. Zudem gewannen sie den Medienpreis Aargau/Solothurn. Ihre Reportage – ein Enthüllungsbericht über Sicherheitsmängel am Eidgenössischen Schützenfest in Aarau im Sommer 2010 – überzeugte die Jury. Mit Aufnahmen von einer versteckten Kamera konnte sie nachweisen, dass es problemlos möglich ist, Waffen und Munition vom Festgelände zu entwenden. Ohne weiteres ist der Erfolg von Tele M1 nicht möglich. Im Gegenteil: Statt mit hohen Gagen operieren die Tele Einser mit Herzblut und statt mit Stars mit viel Einsatz. Tele M1 bildet ab, was vor der Haustür der Menschen passiert – das ist das Erfolgsrezept.

*Roman Schenkel hat bei der az und am Medienausbildungszentrum Luzern eine Journalistenausbildung absolviert. Heute ist er Wirtschaftsredaktor bei der «Neuen Luzerner Zeitung.»

Ein Fernsehsender mit Magie

Zooms»), fiel beim Meister in Ungnade: «You are fired!»

wechseln mit Stand-up-Comedy. Auch wenn es durchaus Slapstick-Momente gab, wenn aus dem Stand heraus eine Zusammenfassung direkt in die Kamera gesprochen werden musste – und irgendein Witzbold noch schnell ins Bild lief. Die Erfolgsstory von Tele Züri begann 1994. Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren seit Sendestart mit der ursprünglich fünf Kilogramm schweren Kamera unterwegs. Dazu gehörten Eva Wannenmacher, Reto Brennwald oder Urs Leuthard. Auch Daniela Lager, Anna Maier oder Claudio Zuccolini waren dabei. Das Schweizer Fernsehen rekrutiert sein Personal noch heute regelmässig mit Talenten vom Steinfels-Areal im Zürcher Stadtkreis 5.

Der VJ – ein Einzelkämpfer Wenn ich vor 15 Jahren erzählte, mein Job sei VJ, blickten mich die Leute irritiert an. «Ach, du bist DJ?» Nein, VJ. «Hat das mit Kampfsport zu tun?» Nicht wirklich. Wobei – eigentlich trifft es das ziemlich gut. Der Videojournalist ist ein Einzelkämpfer und der Leistungssportler unter den Medienschaffenden. Jeden Tag eine Story. Im Durchschnitt drei Interviews an drei Drehorten. Ständig der Blick auf die Uhr. Selber filmen, selber texten, selber vertonen. Vermehrt auch selber schneiden. Als Krönung der Stand-up. Nicht zu ver-

Journalismus ohne Schnörkel Tele Züri – das ist Journalismus ohne Schnörkel. Tele Züri – das sind neben den News aber auch erfolgreiche Sendeformate wie «Talk Täglich», «SonnTalk», «Swiss Dinner» oder «Lifestyle». Tele Züri – das waren aber auch ein von Roger Schawinski durchs Studio geworfenes Buch von Catherine Herriger («So ein Schrott!»), die Sonntagspredigten von Pfarrer Sieber mit selber gebastelten Kreuzen und Matthias Ackeret, der den späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder dazu brachte, in ein Pedalo zu steigen.

Tele Züri Der Zürcher Regionalsender hat Karrieren beeinflusst und den Journalismus revolutioniert. VON SANDRO BROTZ*

Was wäre Marco Cortesi ohne Tele Züri? Bestimmt nicht der bekannteste Polizeisprecher der Schweiz. Daniel Jositsch wäre ein Jurist wie viele andere auch. Nach Christoph Mörgeli würde sich auf der Strasse kaum jemand umdrehen. Und aus Patrizia Boser wäre nicht die Kupplerin der Nation geworden. Tele Züri hat zweifellos Karrieren beeinflusst – aber in erster Linie den Journalismus in der Schweiz revolutioniert. Die stündlichen Wiederholungen der News sind bis heute ein ebenso einfaches wie geniales Konzept. Kaum ein Regionalsender, der diesen Programmraster – erste halbe Stunde News, zweite halbe Stunde Talk oder Unterhaltung – nicht übernommen hätte. Mit dem Videojournalisten (VJ) erhielt die Medienbranche zudem ein neues Berufsbild. Entwickelt wurde es ursprünglich von Michael Rosenblum für den New Yorker Newssender NY1. Der Ex-CBS-Mann hat auch die ersten 16 Zürcher VJs ausgebildet. Wer sich nicht an sein Credo hielt («Keine Schwenks, keine

Markus Gilli, Tele Züri.

KEY

«Tele Züri ist Magie», sagte Schawinski kürzlich an einem Fest für sein Gründungsteam. Zehn Jahre waren es da her, seit er den Sender an Tamedia verkauft hatte. Mit den AZ Medien findet Tele Züri – den Vollzug des Vertrags vorausgesetzt – einen neuen Besitzer. «Tele Züri bleibt mit den Studios in Zürich und das Programm wird weiterhin von Zürchern gemacht», sagt Verleger Peter Wanner. Programmleiter Markus Gilli ergänzt: «Tele Züri wurde von einem Verlag mit grosser Erfahrung und einer klaren publizistischen Ausrichtung übernommen. Zudem werden wir mit rund 800 000 täglichen Zusehern der drei Sender Tele M1, Tele Bärn und Tele Züri ein grosses Potenzial im Zuseher- und Werbemarkt haben.» Tele Züri wird 2011 das erfolgreichste Jahr seit Bestehen feiern – und das erst noch ohne Konzession. Eine Stadt. Ein Sender. Ein Team. Wir freuen uns auf unsere neuen Kolleginnen und Kollegen, die für mich auch irgendwie wieder die alten sein werden.

*Sandro Brotz ist stellvertretender Chefredaktor bei «Der Sonntag» und war 1996/97 als VJ und News-Produzent bei Tele Züri.


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Rohr AG Reinigungen – Der Reinigungsspezialist und Hauswartungsprofi für Firmen- und Privatkunden Regelmässig und professionell durchgeführte Unterhaltsarbeiten sind in doppelter Hinsicht wichtig: Einerseits leisten sie einen zentralen Beitrag für den Werterhalt einer Liegenschaft und anderseits tragen sie dazu bei, dass am Arbeitsplatz effizient, effektiv und mit Freude gearbeitet werden kann. Für den professionellen Gebäudeunterhalt sind speziell ausgebildete und effizient geführte Reinigungsfachkräfte notwendig, wobei je nach Kundenbedürfnis und Auftragslage unterschiedliche Ressourcen und Konzepte eingesetzt werden. Fenster- und Fassadenreinigung, Geschäftshaus Alfred Müller AG in Baar

Werterhalt von Liegenschaften dank fachgerechter Spezialreinigung Im Geschäftsbereich Spezialreinigungen der Rohr AG werden Grundreinigungsaufträge, diverse Facharbeiten an Natur-, Kunststein- und weiteren Bodenbelägen (Parkett, Teppich, Laminat, etc.) sowie Fassaden- und Fensterreinigungen geleistet. Diese Arbeiten werden i. d. R. jährlich, in seltenen Fällen auch monatlich, durchgeführt und erzeugen neben dem eigentlichen Reinigungseffekt immer auch eine werterhaltende Wirkung. Für die zahlreichen und unterschiedlichen Aufträge werden rund 80 Vollzeitangestellte (inkl. der jeweils notwendigen Maschinen) täglich neu zusammengestellt und so disponiert, dass die richtigen Spezialisten zur richtigen Zeit bei unseren Firmen- und Privatkunden eintreffen. Für die Glas- und Fassadenreinigungen verfügt die Rohr AG Reinigungen über eigene Hubarbeitsbühnen (über 50 m Arbeitshöhe) und speziell für diese Arbeit ausgebildete Mitarbeiter. Diese leisten bei der Reinigung und Versiegelung von Aluminium-, Stein- und Glasfassaden minutiöse und teilweise mehrwöchige Handarbeit. Die Rohr AG Reinigungen ist eines von 9 Unternehmen, welche das Gütezeichen der Schweizerischen Zentrale für Fenster und Fassaden (SZFF) führen dürfen.

Effiziente und effektive Leistungserbringung dank professioneller Unterhaltsreinigung Saubere Sitzungszimmer für erfolgreiche Kundengespräche, fachgerecht gereinigte Böden in Produktionshallen sowie nach ISO-Norm gereinigte Reinräume in der Lebensmittel-, Pharma- oder Medtech-Industrie sind Grundvoraussetzungen für die betriebliche Leistungserbringung. Der Bereich Unterhaltsreinigung der Rohr AG betreut rund 800 Kundenobjekte in den unterschiedlichsten Branchen. Teilweise mehrmals täglich sind die teilzeitangestellten Unterhaltsreiniger vor Ort bei unseren Firmenkunden im Einsatz. Ein massgeschneidertes Leistungs- und Arbeitsprogramm sowie hohe Flexibilität mit Arbeitszeiten während 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche gehören zum Einsatzkonzept in der Unterhaltsreinigung. Jedes durch die Rohr AG betreute Kundenobjekt, sei es eine private Liegenschaft oder ein Firmengebäude, wird von einem Einsatzleiter (Kadermitarbeiter der Rohr AG) betreut. Dieser führt und schult die Reinigungsfachkräfte vor Ort. Gleichzeitig ist er direkter Ansprechpartner für den Kunden. Ein Einsatzleiter betreut i. d. R. ein Portfolio von 50 Kundenobjekten. Aufgrund der erforderlichen Multifunktionalität als Relationship Manager, Führungskraft und Budgetverantwortlicher kann er zu Recht als eigentlicher Kleinunternehmer bezeichnet werden.

Hauswartung, Technischer Unterhalt und Gartenunterhalt - der dritte Pfeiler im Unterhalt betrieblicher Liegenschaften Die Abteilung Hauswartung/Gartenunterhalt rundet das Dienstleistungsangebot der Rohr AG ab und stellt sicher, dass der laufende Unterhalt von Privat- und Firmengebäuden ganzheitlich und umfassend erfolgen kann. Spezialisten in den Bereichen Hauswartung und Haustechnik leisten Hauswartstellvertretungen, hauswartunterstützende Tätigkeiten sowie Erstinterventionen bei Störungssituationen. Mitarbeiter des Gartenunterhalts stellen mit Tätigkeiten wie Rasenpflege, Hecken- und Winterschnitt sicher, dass auch die Liegenschaftsumgebung sauber und gepflegt erscheint. Im Winter stellt die Abteilung Hauswartung/Gartenunterhalt sicher, das mit entsprechenden Fahrzeugen, Gerätschaften und Streusalz/-kies zu jeder Tages- und Nachtzeit der Winterdienst geleistet wird. Die Arbeit im Unterhalt betrieblicher Liegenschaften setzt ein hohes Mass an Eigenverantwortung voraus. Wer in diesem Bereich arbeiten will, muss flexibel sein und die berühmte «Extrameile» gehen. Darum ist es für die Rohr AG Reinigungen selbstverständlich, dass sie hinter dem erneuerten Gesamtarbeitsvertrag (GAV) steht und für gute Arbeitsbedingungen und eine faire Entlöhnung sorgt.

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Die AZ Medien – einige Zahlen zum Unternehmen AZ Medien Nach dem schwierigen Jahr 2009 steht das Unternehmen wieder solid da Die AZ Medien sind das grösste Medienunternehmen im Dreieck Basel, Bern und Zürich und eines der grössten der Schweiz. Das Unternehmen mit einem Umsatz von 234,4 Millionen Franken und einem Gewinn von 3,2 Millionen Franken (2010) steht heute finanziell auf guten Beinen. Nach 2009, dem schwierigsten Jahr seit dem Bestehen der AZ Medien, konnte der operative Gewinn vor Steuern 2010 dank eines konsequenten Kostenmanagements und einer weiteren Reduktion des Personalbestandes gegenüber dem Vorjahr auf 29,3 Millionen Franken verdreifacht werden. Die Eigenkapitalquote beträgt 37 Prozent. Für das laufende Geschäftsjahr erwarten die AZ Medien eine markante Verbesserung der wichtigsten Kennzahlen, einen höheren Ertrag und einen höheren Cashflow. Im vergangenen und im laufenden Geschäftsjahr ist es gelungen, die Prozesse weiter zu verschlanken, die

Effizienz zu steigern und einzelne Produkte neu auszurichten. Besonders erfolgreich unterwegs sind die Bereiche Zeitschriften, Bücher, Radio, Anzeiger, Druck und Vertrieb. Den Löwenanteil der Einnahmen bringt jedoch noch immer das konventionelle Zeitungsgeschäft mit über der Hälfte des Umsatzes (siehe Grafik unten). Auf dem zweiten Platz folgen mit 18 Prozent der Druck und der Vertrieb. Insgesamt sind die AZ Medien an über 20 Firmen beteiligt – von der Aargauer Zeitung AG über Radio 32 bis hin zur Kundendruckerei Vogt-Schild AG in Derendingen. Die AZ Medien beschäftigen rund 1000 Mitarbeiter, aufgeteilt auf 760 Stellen (siehe Grafik rechts). Mit der Lancierung einer Sonntagsausgabe für die Region Basel sowie mit dem Zukauf von Tele Züri und Tele Bärn stossen weitere 150 Mitarbeiter dazu. Die AZ Medien machen damit einen grossen Schritt zu einem nationalen Medienplayer. (FAM)

Berufsgattungen

Redaktion (264) Tageszeitung / Der Sonntag Zeitschriften / Anzeiger

48

TV / Radio / Online

53 Verlag (127)

Anzeigenverkauf

61

Kundenkontaktcenter

25

Marketing

11

Anzeigenadministration

19

Buchverlag

11

Attraktiver Arbeitgeber AZ Medien beschäftigen rund 1000 Mitarbeiter – auf der Grafik verteilt auf 760 Stellen – und 2200 Zeitungsverträger verteilt auf fünf Kantone. Mit rund 500 Mitarbeitern am Standort Aarau kommt dem Unternehmen eine bedeutende Rolle als Arbeitgeber für die ganze Region zu.

Produktion (289) Anzeigenvorstufe Zeitung

22

Zeitungsdruck

72

Versand, Vertrieb, Logistik

67

Grösster Umsatzträger der AZ Medien sind die Zeitungsverlage

Produktion E-Medien

9

Vorstufe Kundendruck

28

Kundendruck

31

Printmedienverarbeitung

60

52% Medienverbund az / Der Sonntag 8% Anzeiger

163

Grossen Wert legen die AZ Medien auf die Förderung des Nachwuchses: Jedes Jahr werden rund 45 Berufslehrlinge, Praktikanten und Volontäre ausgebildet. Von den neun Lehrenden, welche diesen Sommer ihre Lehre abgeschlossen haben, gehörten drei zu den Aargauer Kantonsbesten. Bei den Berufsfeldern machen die Journalisten das Gros aus, gefolgt von den Druckern. Doch die Berufspalette ist breit und reicht vom Visagisten bis zum Netzwerktechniker, vom Buchbinder bis zum Gabelstaplerfahrer.

12% Zeitschriften Service (80)

5% E-Medien (Tele M1 und Radio 32)

Finanzen und Controlling

20

Informatik

20

Management, HRM, Kommunikation

20

Facility Management

20

4% Bücher 18% Druck und Vertrieb 1% Übrige Quelle: AZ Medien

Grafik: az/Barbara Adank

Quelle: AZ Medien

Grafik: az/Barbara Adank

Hans-Peter Furter: Vier Berufsleben in der gleichen Firma Personal Er ist der dienstälteste Mitarbeiter bei den AZ Medien: Hans-Peter Furter, 62-jährig und heute Leiter Saläradministration, ist der Firma über 43 Jahre treu geblieben. VON FABIAN MUSTER*

Schweizer-Meisterschaft in St. Gallen. Eine journalistische Laufbahn will Furter aber dann doch nicht einschlagen: «Die unregelmässigen Arbeitszeiten abends und am Wochenende störten mich, weil ich zu jener Zeit viel Sport trieb», sagt der ehemalige Nationalliga-A-Korbballspieler für Möriken-Wildegg und begeisterte Leichtathlet. Zudem bekommt er zu jener Zeit ein Angebot als neuer Leiter der Buchhaltung. Er hat seine Lehrjahre hinter sich.

«4. Juni 1968», sagt Hans-Peter Furter, ohne nachzudenken. Er kennt sein Eintrittsdatum ins damalige «Aargauer Tagblatt» so gut auswendig wie Der erste Computer sein eigenes Geburtsdatum. Seit über Der Arbeitsplatz Furters als Leiter 43 Jahren ist Furter jenem Unterneh- der Buchhaltung ist damals noch men treu geblieben, das sein Berufs- völlig analog: ein Telefon mit Wählleben so abwechslungsreich gestal- scheibe, ein Kassabuch für die Lohntet hat, dass er nie Lust verspürte, buchhaltung und viele, viele Bundessich neu zu orientieren. «Ich habe ordner. Erst Anfang der 1970er-Jahre in den über 40 Jahren so viel erlebt, beginnt beim «Aargauer Tagblatt» das Zeitalter der elektrowie wenn ich ein nischen Datenverarpaar Mal die Firma beitung, kurz EDV gewechselt hätte», genannt. Die Buchsagt der heute 62haltung und später Jährige. auch die Löhne werSeinen Job beim den über Lochkar«Aargauer Tagblatt» ten statt übers Kastritt der 19-jährige sabuch abgewickelt. KV-Absolvent als ReDa das «Tagblatt» daktionssekretär an. Hans-Peter Furter, Leiter Saläradministration noch keinen eigeHonorarzahlungen nen Rechner beverbuchen, Berichte von Korrespondenten und Leserbriefe sitzt, muss Furter zur Aargauischen abtippen oder für den Chefredaktor Kantonalbank. Das war aber aus DaBriefe schreiben – das sind seine ers- tenschutzgründen nur zu Randzeiten ten Aufgaben. Er versucht sich auch möglich. «Der Finanzchef und ich selbst als Journalist und schreibt haben mit dem Hauswart der Bank Berichte über 2.-Liga-Fussballspiele, um 5 Uhr morgens abgemacht, um Gemeindeversammlungen und so- die Lochkarten einzulesen», erinnert gar einmal über die Leichtathletik- sich Furter. Bei der Jahresendabrech-

«Ich habe in den über 40 Jahren so viel erlebt, wie wenn ich ein paar Mal die Firma gewechselt hätte.»

Hans-Peter Furter in seinem Büro im AZ Mediencenter. EMANUEL FREUDIGER

nung macht er schon mal ganze Nächte alleine durch, um die rund 40 000 Lochkarten zu verarbeiten. Mitte der 1970er-Jahre wird der Gang zur Kantonalbank nicht mehr nötig. Hans-Peter Furter schafft fürs «Tagblatt» den ersten Computer an und wird zum Teilzeit-Programmierer. Über zwei Jahre besucht er Kurse und lernt die damals aktuellen Programmiersprachen Cobol und Assembler. Er bildet die Mitarbeiter in Aarau aus, während er selbst in Zürich ausgebildet wird und das System weiterentwickelt. Weil Furter der einzige ist, der die neue Maschine in- und auswendig kennt, muss er auch in den Ferien erreichbar sein – im Notfall innert dreier Stunden wieder zurück im Büro: «Ich war zu dieser Zeit nie im Ausland. Das Entfernteste war das Lötschental im Wallis.» Später werden Programmierer und Operatricen eingestellt. Er konzentriert sich wieder auf sein Kerngebiet Buchhaltung. Er hat sein Gesellenstück hinter sich. Nach der Fusion 1996 mit dem «Badener Tagblatt» folgt die unsicherste Zeit. «Es dauerte rund ein halbes Jahr, bis wir wussten, wie es mit uns weitergeht.» Nach diversen Arbeitsgruppensitzungen ist klar: Er wird im neuen Unternehmen AZ Medien noch gebraucht: «Ich hatte die Wahl zwischen Personal und Informatik.» Weil ihm die Menschen näher sind als die Zahlen, entscheidet Furter sich für den Posten als Bereichsleiter Personal und muss sich dafür ein Jahr an der Höheren Fachhochschule in Olten weiterbilden. Danach folgt die schwerste Zeit. Mit der Fusion kommt es beim Akzi-

denzdruck zu einem tiefen Schnitt – und das betrifft Furter direkt: Als Personalverantwortlicher für den Zeitschriftendruck muss er rund 200 Mitarbeiter abbauen, entlassen oder frühpensionieren, darunter auch gute Kollegen. «Es war belastend, aber ich konnte relativ gut abschalten, sonst hätte ich es nicht überstanden.» «Jeden anständig verabschiedet» Wichtig ist für ihn, dass er jeden einzelnen «anständig verabschiedet». Furter versucht, den Entlassenen eine neue Stelle zu vermitteln: Er stellt Bewerbungsdossiers zusammen, schaut die Stellenanzeiger durch, ruft bei anderen Druckereien an und spricht den Betroffenen immer wieder Mut zu. «Ich wollte später nicht auf die andere Strassenseite wechseln müssen, wenn ich einem ehemaligen Mitarbeiter begegnete.» Er hat seinen schwersten Gang hinter sich. Heute sorgt Furter als Leiter der Saläradministration mit seinem Team dafür, dass alle 1000 Mitarbeiter der AZ Medien rechtzeitig ihren Lohn erhalten. Bis zu seiner Pensionierung hat der 62-Jährige noch drei weitere Wanderjahre bei jener Firma vor sich, die ihm bisher vier Berufsleben bieten konnte.

*Fabian Muster absolviert eine Journalistenausbildung bei der az und am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern.


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AZ M MEDIEN

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24 Stunden unterwegs im grössten Newsroom der Schweiz

So entstehen die Beiträge für Zeitung, Online und Fernsehen

Fotoreportage Als Leser der az, als Zuschauer von Tele M1 und als Nutzer derr Website kennt man nur das Endprodukt. Wir zeigen, wie die Zeitung produziert und gedruckt , wie TV-Beiträge aufgezeichnet und geschnitten und w wie das Onlineportal den ganzen Tag mit neuen Meldungen aktualisiert wird. VON FABIAN MUSTER (TEXT) UND EMANUEL FREUDIGER, CHRIS ISELI, ALEX WAGNER (FOTOS)

Der Blick in die Finsternis: Online-Ressortleiter Rüdi Steiner ist frühmorgens der Erste im Newsroom und beginnt mit der Aktualisierung der Website.

Und es ward Licht: Redaktorin Sabine Kuster fährt den Computer hoch und schaltet das Licht ein. Die ersten Redaktoren treffen im Newsroom ein.

Hier ist gutes Sitzleder gefragt: Die Tele-M1-Redaktion diskutiert, was sie abends in der NewsSendung «Aktuell» zeigen will.

Erste Themenplanungssitzung: An der Mantelsitzung stellen die Ressortleiter dem Blattmacher Gieri Cavelty (hinten links) ihre Themen vor.

Auf Reportage: Toni Widmer fotografiert Bauarbeiten am Bahnhof der Wynental- und Suhrentalbahn in Aarau.

Zu einer Sache stehen: Online-Redaktor, AargauRessortleiter, Tele-M1-Tagesleiter und MantelBlattmacher (v. l.) tauschen ihre Themen aus.

Ans Licht der Öffentlichkeit zerren: Tele-M1-Videojournalist Jonas Keller interviewt die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim in einer Apotheke.

Mit dem grossen Bildschirm anrichten: Art Director Stefan Stalder inszeniert eine Themaseite mit speziellem Layout.

Essen im Newsroom: Die Redaktoren verpflegen sich am Mittag an der Bartheke – eine Kantine fehlt im Industriequartier noch.

Mit der Regierung auf Tuchfühlung: Der in Bern stationierte Bundeshausredaktor Christof Forster (l.) interviewt Innenminister Didier Burkhalter.

Auch Spass muss sein: Layouter Armin Wäger (sitzend) produziert für das Aargau-Ressort mit Philipp Mäder (l.) und Urs Moser eine Seite.

Ins rechte Licht rücken: Fotograf Chris Iseli lichtet den Aargauer FDP-Nationalrat Philipp Müller vor dem Newsroom ab.

Achten aufs Kleingedruckte: Produzent Alex Jegge (l.) und Blattmacher Gieri Cavelty entscheiden mittels Videowand, wo welcher Artikel platziert wird.

Der Teufel liegt im Schnittdetail: Tele-M1-Videojournalist Jonas Keller (l.) stellt mit Cutter Christian Wetzstein einen Beitrag zusammen.

Die Ruhe vor dem Klickeransturm: Die OnlineRedaktion publiziert vor Feierabend, wenn die Nutzerzahlen nach oben schnellen, neue Artikel.

Der Schein stimmt: Tele-M1-Moderator David Kaufmann frischt kurz vor der Nachrichtensendung «Aktuell» sein Make-up auf.

Mittendrin statt nur dabei: Sport-Ressortleiter François Schmid-Bechtel (Mitte) interviewt nach dem Match FC-Zürich-Sportchef Fredy Bickel (l.).

Aus virtuellen Seiten wird Blech: René Müller bringt die produzierten Metallplatten mit der aufgedruckten Zeitungsseite in die Druckerei.

Endlich Feierabend: Online-Redaktor Oliver Baumann geht als Letzter des Ressorts. Das Portal wird nun per Agenturen aktualisiert.

Noch ist nicht aller Tage Abend: Produzent Jürg Amsler hat den Überblick über die letzten noch nicht fertigen Seiten im az-Regionenbund.

Jetzt wird gedruckt: Drucker Xhemil Hoxha spannt die Metallplatten in die Druckmaschine ein. Links laufen die Maschinen bereits.

Von der Telli in den Kanton hinaus: Das Förderband liefert die Badener Ausgabe der Aargauer Zeitung direkt in Sabine Petitjeans Lieferwagen.

Morgenstund hat Zeitung im Arm: Verträger Janko Huljak holt die Bündel bei der Haltestelle Schellenacker in Baden mit dem Auto ab.

Die Nachrichten an die Leser bringen: Verträger Janko Huljak wirft die Zeitung in den Briefkasten eines Wohnblocks im Badener Brisgi-Quartier.


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AZ MEDIEN

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Ein Unternehmen, das mehr bietet als nur Zeitungen AZ Medien Ob Zeitschriften, Buchverlag oder Kundendruck: Diese Produkte und Dienstleistungen gehören auch dazu

Anzeiger

Buchverlag

Im Einzugsgebiet zwischen den drei Städten Zürich, Bern und Basel werden als Ergänzung zu den Tageszeitungen zehn Anzeiger und Wochenzeitungen produziert: Azeiger, Berner Landbote, Wochenblatt für das Birseck und Dorneck, Wochenblatt für das Schwarzbubenland und das Laufental, Stadtanzeiger Olten, Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern, Lenzburger Bezirksanzeiger, Der Seetaler/Der Lindenberg und Grenchner Stadtanzeiger. Sie firmieren unter dem Dach der AZ Anzeiger AG. Zusammen verfügen sie über eine Auflagenstärke von 350 000 Exemplaren. Als amtliche Publikationsorgane und Zeitungen setzen sie lokale Schwerpunkte und laden so zum Durchstöbern der Anzeigen ein. Stadtanzeiger Baden und Stadtanzeiger Aarau wurden in die az Aargauer Zeitung sowie Bezirksanzeiger Dietikon in die az Limmattaler Zeitung integriert und werden jeden Donnerstag als Grossauflage in alle Haushalte der Agglomeration Aarau, Baden und Dietikon verteilt. (AZ)

Der AT Verlag gehört zu den führenden Sachbuchverlagen der Schweiz mit Sitz in Aarau und einem Verlagsbüro in München. Jährlich erscheinen rund 50 Sachbücher. In den Büchern geht es um ein bewusstes Leben, gesunde Ernährung, Heilen mit Pflanzen, Naturerfahrung sowie um Angebote mit spiritueller Orientierung. Die Kochbuchsparte ist der wichtigste Programmbereich. Die Bücher werden individuell gestaltet und aufwändig illustriert. Sie entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren. Für ihre hohe Qualität werden sie auch immer wieder international prämiert. Zuletzt hat die Gastronomische Akademie Deutschlands im Rahmen der Frankfurter Buchmesse drei Kochbücher mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Immer wieder tauchen Titel aus dem AT Verlag auch auf der Bestsellerliste auf. 2010 setzte der Verlag erneut mehr Bücher ab als ein Jahr zuvor. Besonders Deutschland entwickelt sich als Absatzmarkt sehr erfolgreich. (AZ)

Das sind die elf Zeitschriften der AZ Medien Vier Special-Interests und sieben Fachzeitschriften ergänzen das Portefeuille der AZ Medien und firmieren unter dem Dach der AZ Fachverlage AG. Monat für Monat erreichen die elf Publikationen 240 000 Abonnenten. «Kochen», das erfolgreichste, unabhängige Kochmagazin der Schweiz, bietet neueste Rezepte passend zur Saison. «Wir Eltern» ist die

grösste Elternzeitschrift der Schweiz und bietet Beiträge mit Schwerpunkt Familie, Kinder, Schwangerschaft, Erziehung und Entwicklung. «natürlich» ist das Magazin für Gesundheit, Natur und Gesellschaft. Und «Fit for Life» ist das grösste Schweizer Fachmagazin für den Ausdauersport mit Beiträgen über Sportarten wie Laufsport, Biking, Rennvelo oder Inline-

skating. Zu den sieben Fachzeitschriften gehören unter anderem «HK-Gebäudetechnik», die führende Fachpublikation zu den Themen Wärmetechnik, Sanitär, Lüftung/Klima/Kälte und Gebäudehüllen, oder «Elektrotechnik», die auflagenstärkste Fachzeitschrift in den Bereichen der Elektroinstallations- und Gebäudetechnikbranche. (AZ)

Zeitungsdruck

Akzidenzdruck

Vertrieb

Crossmedia

Kundendienst

Neben den eigenen Tages-, Wochenund Sonntags-Zeitungen drucken die AZ Print in Aarau und die SOL Print in Subingen regelmässig auch Fremdaufträge, die 15 bis 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen. Seit Anfang 2006 sind die beiden Druckereien unter der Mittelland Zeitungsdruck AG zusammengefasst. Sie können im Zeitungsformat in einem Durchgang 48 Seiten vierfarbig drucken, im kleineren Tabloid-Format sind doppelt so viele möglich. Zu den Produkten gehören Verbands- und Fachzeitungen, Kunden- und Gratiszeitungen, Zeitungs- und Werbebeilagen sowie Streu- und Aktionsprospekte im Zeitungsdruck. Zudem nimmt die Firma auch verschiedene Fremdaufträge an, die neben dem Druck auch Vorstufenleistungen beinhalten. (AZ)

Zum Akzidenzdruck gehören die beiden Druckereien Vogt-Schild Druck AG in Derendingen und Weiss Medien AG in Affoltern am Albis. Mit rund 100 periodischen Publikationen wie Zeitschriften, Kundenmagazinen oder gar Tischsets ist die Vogt-Schild Druck AG die erste Adresse in der Schweiz. Letztes Jahr wurde eine neue Bogenoffset-Druckmaschine in Betrieb genommen. Die Druckerei mit industriellem Bogen- und Rollenoffsetdruck bietet ihren Kunden von Grafik-Dienstleistungen über digitale Zukunftstechnologien wie Webportale oder Redaktionssysteme bis hin zu verschiedensten Verlagsdienstleistungen und Adressmanagement ein umfassendes Servicepaket an. Die Kunden haben die Möglichkeit, ihre Produkte nach ökologischen Kriterien auf FSC-Papier oder CO2-neutral produzieren zu lassen. Die Weiss Medien AG ist auf Kleinauflagen spezialisiert wie Prospekte, Flyer oder Visitenkarten. (AZ)

Die Vertriebsorganisation der AZ Medien, die AZ Vertriebs AG, sorgt mit rund 2200 Verträgern dafür, dass wochentags die Tageszeitungen und sonntags «Der Sonntag» rechtzeitig in den Briefkästen sind. Unter der Woche haben die Verträger ab 5 Uhr morgens bis 6.30 Uhr Zeit, am Sonntag bis um 7.30 Uhr. Der Verteiljob macht maximal ein 20-Prozent-Pensum aus. Für die Zustellung der Grossauflage am Donnerstag in den Regionen Aarau, Baden und Brugg werden zum Teil zusätzliche Verträger aufgeboten. Mit den eigenen Zeitungen werden auch andere abonnierte Zeitungen wie «NZZ», «Tages-Anzeiger» und «Blick» sowie Zeitschriften wie «Annabelle» zugestellt. Ein paar wenige Zeitungsexemplare werden aber noch immer von der Post verteilt: Einige Leser wollen dies so, andere wohnen zu abgelegen, als dass sich eine Frühzustellung lohnen würde. (AZ)

Die AZ Medien bieten den Werbekunden Dienstleistungen aller Medien aus einer Hand an. Der Bereich entwickelt Kommunikationslösungen, welche Inserate in den Tages- und Wochen-Zeitungen sowie den Zeitschriften umfassen. Hinzu kommen Radio- und TV-Spots, Online-Werbung, iPad- und Mobile-Präsenz, Prospekte und Drucksachen. Das crossmediale Angebot erhöht die Werbewirkung der Kunden. Diese Angebote sind möglich sowohl für klassische Produktwerbung als auch für die Bewerbung eines Events oder als Sponsoring. Jedes Angebot wird individuell für den Kunden zusammengestellt. Eine Kampagne könnte beispielsweise in der az Aargauer Zeitung mit Inseraten, auf Tele M1 mit Werbespots und auf www.aargauerzeitung.ch mit einem Maxiboard realisiert werden. Bekannte crossmediale Marken sind «Kochen» und «Gesundheit Aargau». (AZ)

Seit diesem Jahr ist das Kundenkontaktcenter die zentrale Anlaufstelle für alle 360 000 Abonnenten aller Zeitungen und Zeitschriften. Ob ein Ferienunterbruch, eine Aboänderung oder eine morgens nicht gelieferte Zeitung: Wenn die Leser die Servicenummer wählen, landen sie im Zentrum mit rund 40 Mitarbeitern. Diese arbeiten eng mit dem Vertrieb zusammen. Wenn bis 11 Uhr die Meldung eintrifft, dass eine Zeitung nicht geliefert wurde, werden täglich Pikettverträger losgeschickt, welche die Zeitung nachliefern. Vom Kundenkontaktcenter aus wird auch das Telefonmarketing betrieben: Es werden Schnupperangebote beworben oder neue Abos verkauft. Zum Verlagsservice gehören neben dem Kundenkontaktcenter auch die Bereiche Auftragsverarbeitung mit der Inserateabteilung und die Druckvorstufe, welche die produzierten Zeitungsseiten zum Druck freigibt. (AZ)


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AZ MEDIEN

ZEHNDER WANNER PRESSE

Plattform für die unterschiedlichsten Meinungen Brückenfunktion Die az Aargauer Zeitung hat das Versprechen, das sie 1996 gab, eingehalten VON SILVIO BIRCHER*

Es gibt viele bedeutende Unternehmen im Aargau, grössere, mittlere und kleinere, auf die wir stolz sein können. Sie schrieben und schreiben Geschichte, kommen uns in den Sinn, wenn wir an ihren Firmensitzen vorbeifahren oder ihre Produkte kaufen und konsumieren. Daran messen wir sie – passen sie uns nicht (mehr), werden sie links liegen gelassen. Ihr Umsatz sinkt, Arbeitsplätze werden abgebaut, und wenn sie sich nicht erholen, verschwinden sie bald einmal unter dem langen Teppich der Wirtschaftsgeschichte. Eine Firma im Aargau begegnet uns tagtäglich – und deren Produkte sind permanent dem kritischen Auge und der Laune der Aargauer Bevölkerung ausgesetzt: die AZ Medien, das Unternehmen im Mittelland für elektronische und gedruckte Kommunika-

tion. Sein Flaggschiff, das alle Zeitungsstürme überstanden und trotzdem den Konsumententest am brutalsten Tag für Tag zu bestehen hat: die az Aargauer Zeitung.

Die Kantonsmitte auf Niederlenzer Gemeindegebiet. Grussadresse anno 1996 Als die beiden rund 150-jährig gewordenen grossen Antipoden im aargauischen Zeitungsmarkt, das Badener und das Aargauer Tagblatt, sich im November 1996 mit je einer journalistischen Glanznummer von ihrer Leserschaft im Osten und Westen unseres Kantons verabschiedeten, bat man mich vom Verlag, als Aargauer Landammann eine Grussadresse für die erstmals erscheinende az Aargauer Zeitung zu halten. Was ich damals sagte: Die az solle den verschiedensten Meinungsströmungen im Sinne einer öffentlichen Plattform Platz bieten. Möglichst viele

Der Kanton der Regionen kommt zur Darstellung, ohne dass der Sinn für das Gemeinsame untergeht.

und breite Bevölkerungsteile sollten sich in der az vertreten sehen. Und mehr politisch, staatspolitisch geprägt fügte ich an: Die az müsse als einzige gesamtaargauische Zeitung die wichtige Brückenschlagfunktion innerhalb unseres Kantons und Bindeglied zwischen den starken Regionen bilden. Sie müsse die starke Stimme des Aargaus gegen aussen, in der Schweiz, ausdrücken, um im Konzert der bisher dominierenden publizistischen Stimmen der Grossstadtzentren Zürich, Basel, Bern und der Innerschweiz nicht unterzugehen. Und heute? Dank der Kraft, den Ideen, dem unternehmerischen Wagemut und nicht zuletzt dank dem Können der Verlegerfamilie Wanner und der vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – den Druckern, Zei-

EMANUEL FREUDIGER

tungsverträgerinnen, den Medienschaffenden am Pult, Mikrofon und im Fernsehstudio – ist das Kunststück gelungen. Die Versprechen und die hohen Erwartungen sind eingehalten worden. Der Kanton der Regionen kommt zur Darstellung, ohne dass der Sinn für das Gemeinsame, die Klammer um diesen Kanton und auch etwas Heimatgefühl untergeht. Saubere, umfassende Information Die starke Stimme der werktäglichen az und des «Sonntags» ist gesamtschweizerisch einer der wichtigsten Tenöre geworden. Sie kommentieren, hinterfragen und kritisieren. Und sie bieten eine saubere, umfassende Information und eine öffentliche Plattform, die bei mancher andern Zeitung fehlt. Mit Tele M1 ist eine wei-

tere gesamtaargauische Klammer mit viel News- und Analysewert, aber auch mit der heute unentbehrlichen Unterhaltung und mit Lebensberatung entstanden. Es ist zu hoffen, dass die weitere grossregionale Abstützung dem TV innerhalb der AZ Medien ebenfalls zu einer schweizerischen Spitzenstellung verhelfen wird. Was ist das Besondere am AZ-Verlag? Die Gründergeneration konnte ich nicht kennen. Aber ich kannte Otto Wanner, den Vater des heutigen Verlegers. Sein inneres Feuer für Politik, Journalismus und den Aargau hat sich auf seinen Sohn Peter übertragen, der dieses Engagement auf die modernen Medienformen ausbreitete. Es ist beeindruckend, wie sie bisherige Höhen und auch gelegentliche Tiefen überwunden haben, nicht übermütig wurden, immer einen neuen Ausbauschritt konsolidierten – und auf einen gesamtaargauischen Ausgleich bedacht waren. Sie hatten und haben die Gabe und die «feine Nase», sich mit den besten Journalisten und Fachleuten zu umgeben. Ein Engagement zu wagen. Eine Verlagspolitik der steten Reform, der Weiterentwicklung zu betreiben, stets mit einer Prise Fortschrittsglauben und Optimismus. Ihr bisheriges Wirken, das Wirken aller Mitarbeitenden der AZ Medien und all ihrer Vorgänger, war auch ein starkes Stück Engagement für die Öffentlichkeit, für Staat und Volk des Aargaus. Dafür verdienen sie Dank. Möge es so bleiben!

*Silvio Bircher ist freier Publizist. Er war Aargauer Regierungsrat und Nationalrat.


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Ein Familienabend mit der Suche nach dem Wanner-Gen Am Tisch mit dem Verleger Alle 175 Jahre einmal hat man als Journalist das Vergnügen VON MAX DOHNER*

Die Gruppe um das runde Tischchen im Freien, gleich neben der offenen Tür und dem schweren Windfang des Restaurants Einstein in Aarau, wäre an sich auffällig, schätzt es aber, wenn dies nicht zu auffällig wird: drei Männer, drei Frauen, die einen älter, die anderen jünger. Sie sehen durchs Band gut aus, haben tadellose Manieren und sind casual gekleidet, das freilich in feinerem Tuch. Im Gespräch gehen sie lebhaft mit, unbesehen, ob es sich lockert oder strafft, gleichermassen bei der Sache wie entspannt. Neckereien auf Kosten Anwesender pfeffern das Zusammensein. Alle umschwebt eine gutschweizerisch gedämpfte Aura privilegierter Selbstsicherheit. Wer ahnungslos wäre, könnte sie für Akteure halten während der Drehpause eines Werbeclips, worin eine gewinnende Familie für vielerlei steht – wofür aber genau? Vielleicht nichts weniger und nichts mehr als eben das: für eine gewinnende Familie. Das ist die Familie Wanner heute, die Besitzerfamilie der AZ Medien: Peter und Maja Wanner, die Eltern. Michael, Anna, Caroline und Florian, die Söhne und Töchter. Indessen sitzt da noch einer, den Notizblock in der Armbeuge, der unausweichliche Journalist. Beim Familientreffen hört und schreibt einer also mit. Das Unternehmen feiert 175 Jahre – Ausnahmedaten bringen Ausnahme-Konstellationen mit sich. Obgleich man solche nicht immer wählen kann, heisst das nicht, man sei deswegen unfrei. Beide Seiten, das sei hier verbürgt, hatten die Wahl. Gewisse Gegebenheiten erleichterten das: Die Suche nach jemandem, der den Verleger einerseits zureichend kennt für ein Porträt, andererseits nicht so gut, um sich von anderem leiten zu lassen als von Generalneugierde, diese Suche endet unweigerlich bei einem Schreiber älteren Semesters, ohne Kaderhaftung. I. PARIS UND BERLIN: DER STUDENT IM STUDENTENFRÜHLING Als man sich jüngst, ausserhalb des Kantons, eingehender mit der Lebensgeschichte von Peter Wanner zu befassen begann, mit dem Aargauer, der in Zürich und Bern TelePrivatsender gekauft hatte, förderte das nichts Neues zutage. Auch jene Lebensabrisse setzten grosso modo bei Wanners Studentenzeit ein. Kein Wunder: Er selber beginnt meistens

Was angeblich in der Luft liegt, muss einer irgendwann ja auch mal auf den Boden stellen. mit jener Phase, fast so, als hätte da seine signifikante Geschichte angefangen – oder ein bis dahin mitgezogener Denkanker Grund gefunden. Wie oft bei Peter Wanner waren aber auch zu jener Zeit verschiedene Dinge und Interessen im Spiel: Politikwissenschaft, Geschichte, Studentenaufbruch, Journalismus . . . Wanner war in Berlin, dann in Paris, als in den Strassen die Revolte losbrach. Jedes Mal, wenn er davon spricht, weiss Wanner, welche Bilder

dabei im Kopf des Zuhörers entstehen, Bilder, die ihn unweigerlich zwischen Pulverdampf und Barrikaden schieben, zumal da bald auch der Name fällt von Niklaus Meienberg, den Wanner in Paris kennen gelernt hat. Gegen diese Imaginationen wehrt er sich nicht, berichtigt sie aber ohne Not, sobald man nachfragt: Beim Globus-Krawall in Zürich, sagt Wanner, war er Zaungast. Die wegweisende Benno-Ohnesorg-Demo in Berlin hat er verpasst. In Paris war der eigentliche Frühlingssturm vorbei, als der Student aus Baden im Maison Suisse, 1932 erbaut von Le Corbusier, sein Logis bezog. Mit der AKW-Bewegung

Peter Wanner beim traditionellen «Aser» im Badener Wald.

ALEX SPICHALE

Wer in den Wald ruft, darf sich nicht wundern, wenn darin auch noch ein Verleger steckt.

Peter Wanner kennt die Imaginationen beim Wort «68er» – und kann sie in Ruhe berichtigen. der 68er sympathisierte er, ohne «tief drin» zu sein. An einem Protest gegen einen Altnazi in Deutschland, damals Uni-Rektor, nahm er teil. Auch an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg, ohne mit Blindheit geschlagen zu sein für die andere Seite des Kalten Kriegs, den August-Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in Prag. Wanner hörte Herbert Marcuse, zusammen mit Andreas Blocher, dem Bruder des SVP-Strategen Christoph Blocher, wobei er auch den unappetitlichen Weihrauch um «den Halbgott Marcuse» wahrnahm. Kurz: Peter Wanner, der Student, stand an der Schwelle der politischen Erweckung damals, die Kirche aber betrat er nicht. «Marxistische Denkschemata», so sagt es Wanner, «nahmen mich gefangen, aber ich kam wieder davon los. Ich wurde durch Theorie befreit, nicht durch Praxis.» Ein bemerkenswerter Satz – ein Satz mit Resonanz bis in die Familie hinein, zu Wanners Vater Otto. Und damit sind wir bei der Küchenpsychologie: Wanner junior wird durch Wanner senior erklärt – lange ein sehr beliebtes Spiel. Hierfür musste man nur die Folie des Vaters hochhalten mit dem allzu raschen, leichtfertigen Befund, dass diese Folie, dieser «Schatten», zu gross war. Zwar dauerte es in der Tat seine Zeit, ehe Peter Wanner definitiv zurück war in Baden – 1979 – und es ihm da «den Ärmel reinnahm». Doch erstens mag der Zustand «Jungverleger» mitgeholfen haben, ihn beneidenswert jung zu erhalten, mehr, als es seine sportliche Seite und Fitness tat. Zweitens aber, viel entscheidender, hat sich eine solche Sicht längst selbst verflüchtigt. Ein Wort darüber zu verlieren, lohnt sich trotzdem. II. PATRON-VATER-SOHN UND DIE BUTTER AUF DEM BROT Der Vergleich zwischen Senior und Junior ist mitnichten unergiebig, freilich erst, wenn man die Küchenpsychologie beiseiteschiebt und sich fragt, ob es – mit einem Blick über die Generationen hinweg – so etwas gebe wie ein Wanner-Gen. Am Familientisch im «Einstein» bricht Heiterkeit aus – was an sich noch nicht gegen die These spricht. Der Gedanke hüpft reihum, als wäre auch das ein Familienspiel, um sich gegenseitig damit aufzuziehen. «Von

uns allen», sagt Florian, der Benjamin, «ist Michael derjenige, der am meisten Vater gleicht.» Voilà – da haben wir es doch: das Indiz zu einem Muster in dieser Verlegerdynastie. Was änderte sich während dreier Generationen? Und was bleibt gleich? Das Faible für schicke Sportflitzer? «Ich reise oft mit dem Zug», antwortet Michael. Peter Wanner sagt: «Alle verabscheuen wir Pilze im Essen, wie schon mein Vater. Kaum einer streicht Butter aufs Brot.» Die «positive Einstellung zum Leben» sei allen gemeinsam, sagt Maja Wanner. «Und der Einsatz am Engadin Skimarathon!», schiebt die Runde nach. Sozusagen der Wannersche Kristallisationspunkt jeden Winter; wer da vor wem liegt, hat Folgen durchs Jahr. Die ewig gleiche Rangordnung indes scheint bald zu kippen. Doch im Ernst – und auch dieser Wechsel der Tonlage klappt am Tisch mühelos: Wanner heisst eher Kontinuität als Bruch. Lässt man Tagesgezeiten weg und fasst Jahrzehnte in den Blick, wird am Kurs dieses Familienunternehmens eine verblüffende Gleichmässigkeit deutlich, Kurs zu halten und auf Kurs zu bleiben, auch wenn der Kahn unterwegs stetig grösser geworden ist. Verblüffend deshalb, weil der Verleger die Leute gern auf Trab hält, wohl nicht zuletzt darum, um auch selber auf Trab zu

Das AZ Medienhaus an der Bahnhofstrasse in Aarau.

An der Aarauer Bahnhofstrasse steht auch das Restaurant Einstein.

EMANUEL FREUDIGER

ALEX SPICHALE

An den Rebhängen des ehemaligen Sommersitzes des Klosters Wettingen reift der Bicker. ALEX SPICHALE

bleiben, und Phasen von relativer Kontinuität jeweils fast als unheilvolle Flaute auffasst. 1979, als Peter Wanner beim väterlichen «Badener Tagblatt» als Auslandredaktor anfing und als Chef vom Dienst, lag eine solche Flaute hinter ihm: das Studium und eine dümpelnde Dissertation zur geistigen Landesverteidigung, dem Réduit. «Das war Zeitverschwendung», sagt Wanner heute, «ich hätte direkt im Journalismus einsteigen sollen.» Er, der im Rückblick kaum Anlass hat, etwas zu bereuen – jenes akademische Treten an Ort aber bedauert er. In Baden hatte Otto Wanner klare, inzwischen endgültige, apodiktisch klare Vorstellungen, wie das Ganze zu führen sei, vor allem politisch. «Wir haben uns gerieben – ja», sagt Peter Wanner: «Es gab Konflikte, zumal auf der Sachebene», vorrangig um die Frage der Kernenergie. Auch im Militär hätte er nach Auffassung des Vaters weitermachen sollen: «Ich hatte zu beissen – ja. Aber persönlich überwarfen wir uns nie.» III. EIN PATT UND DIE THEORIE DES LETZTEN IN DER TÜR Das Folgende kann durchaus als Lehrstück dienen, wie aus dem Kräftefeld einer Unternehmerfamilie heraus Entwicklungsfelder erschlossen werden und parallel dazu, als gäbe es da einen Zusammenhang, sich plötzlich auch Geschäftsbereiche auftun. Zum Beispiel technische: die Umstellung von Blei- auf Fotosatz während der Achtzigerjahre, ein Projekt, das der Jungverleger leitete. Oder neue Medien wie das Lokalradio (Radio Argovia), das der Sohn durchboxte gegen väterliche Skepsis. Weiter zugekaufte Zeitungstitel wie das damalige «Limmattaler Tagblatt», das von Anfang an verlegerisch in Peter Wanners Händen lag. Und schliesslich sein Masterpiece: die Fusion der beiden Tagblätter von Aarau und Baden. Heute, da dieser Zusammenschluss so natürlich erscheint, als hätte gar nichts anderes ablaufen können, wird oft vergessen, dass es in der Wirtschaft keine «natürlichen» Prozesse gibt, so lange keiner hierfür die Weiche stellt. Was «in der Luft liegt», muss einer irgendwann auch mal auf den Boden stellen. Sogar der jüngste Coup, der Kauf der TV-Stationen Tele Züri und Tele


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Familie als Wesensgemeinschaft und Panoptikum: Die Verlegerfamilie auf Schloss Lenzburg mit – von links – Anna, Florian, Peter, Maja, Michael und Caroline Wanner. Bärn, wurde erneut in der Weise dargestellt: als «folgerichtig» und «natürlich», «aargauisch unauffällig, durchdacht und grundsolide». So breit und frei von Erregung war die Anerkennung, dass man schon frotzelte, Wanner gewinne demnächst noch einen Friedenspreis. Nur mündlich, nirgends schriftlich, wurde die Frage gestellt, was man Kapitänen expandierender Unternehmen gemeinhin zubilligt oder unterstellt: «Kann Peter Wanner auch hart sein?» Es gibt da – zum einen – die Theorie «vom Letzten, der zu Wanners Tür rausgeht». Eine beliebte Wanderlehre, die besagt, dass immer der Letzte, mit dem der Verleger rede, recht bekomme, woran man sich folglich halten soll, wenn man bei ihm etwas erreichen will. «Ach ja?», rufen die Söhne am Familientisch amüsiert, gespannt auf die Antwort des Vaters. Peter Wanner sagt: «Ich höre genau zu, was die Leute sagen, nicht unempfänglich, wo sie ihre Sache mit Brillanz vortragen. Und dann mögen sie das Gefühl bekommen, dass ich ihnen auch recht gebe.» Er erwäge indes die Dinge meist sehr lang, ringe mit sich, zumal wenn zwei Seiten einer Sache, für sich gesehen, einleuchtend wirkten, treffe die Entscheide dann aber autonom. Zum anderen gab es, als Peter und Otto Wanner noch gemeinsam dem Unternehmen vorstanden, eine gewisse Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Usanzen: Als vier RedaktionsJunghechte meinten, eine von oben angeordnete Personalie in einem gemeinsamen Brief etwas anders beleuchten zu müssen, wurden sie von Alteingesessenen gewarnt: Für Otto Wanner war jede gemeinsame Aktion Meuterei: «Das BT ist nicht die Bounty!» Der Sohn jedoch liess sich in seinem Büro die Sache erläutern . . . Nun, die Angelegenheit endete so, dass die vier noch einmal beide Prinzipien obwalten sahen, dasjenige der Vergangenheit und das der Zukunft.

Seis drum: Zum Schaden gereichte dem Quartett beides nicht. Sachthemen – was einer sagt und eher weniger, wie er es sagt – waren, sind und bleiben in einem Medienhaus Reibungsflächen. Chefs und Fusssoldaten bekamen das dann und wann zu spüren. Anders ausgedrückt: Wer in den Wald ruft, darf sich nicht wundern, wenn in diesem Wald auch noch ein Verleger steckt und es drum gelegentlich zurückschallt. Der Wald

Aus dem Kräftefeld der Familie erschlossen sich neue Bereiche und parallel dazu äussere. soll stehen bleiben, darum geht es. Nennen wir ihn freiheraus auch wieder mal pathetisch: Bannwald der Demokratie. Es wäre kreuzfalsch, zu sagen, der liberale Peter Wanner sei darin jemals als brachialer Säger und Holzer aufgefallen. Eher als Baumpfleger. IV. DER INNERE KREIS: MAJA, DIE TÖCHTER, DIE SÖHNE Wie halten es hierbei Wanners Nachkommen, in der einen oder anderen Weise wohl auch Nachfolger? Das eingangs bloss angetönte Gefühl am Familientisch verstärkt sich noch, je länger der Abend dauert: So unverwechselbar jeder Einzelne von ihnen ist, so homogen erscheint die Familie zusammen. Angefangen bei etwas so Charakteristischem wie vermutlich auch Förderlichem im öffentlichen Leben: Alle scheinen sie im gleichen Charme-Bad gewendet worden zu sein, wobei der Jüngste, Florian, sich am längsten darin aufgehalten zu haben schien. Die anderen necken ihn – vielleicht darum – als «geborenen Verkäufer». Die schalkhafte Eleganz, mit der er ausdrückt, während des Praktikums in einer Bank zwar viel ge-

lernt, aber nicht bis ans Limit gefordert worden zu sein, er, der lange mit Legasthenie kämpfte, ist umwerfend. An der Hochschule St. Gallen fühlt er sich offenbar wohler. Michaels Werdegang, des Ältesten, wirkt förmlich darauf angelegt, in die Fussstapfen des Vaters zu treten. Aber auch bei ihm haben sich im Laufe der Ausbildung verschiedene Möglichkeiten aufgetan: zum Beispiel als Assistent des CEO von Gruner + Jahr in Hamburg, eines gigantischen Medienunternehmens mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden. Im Management oder im Journalismus, mit ersten Erfahrungen im Wirtschaftsressort der az, dann beim «Hamburger Abendblatt» und beim «Stern», wo er, wie Michael sagt, «Blut geleckt» habe. Noch scheint er die Mehrfachoption, eine Wannersche Spezialität, zu geniessen, den sicher guten, weitgehend freien Zustand, sich nicht festzulegen. Einen anderen Weg schlug die jüngere Tochter ein, Caroline. Wer sie näher beschreiben will, müsste auf das trockene Klappern der Computertasten verzichten – eine feine Witterung zeichnet sie aus. Caroline berichtet den Eltern, wie sie, die Medizinstudentin, eine Nebenarbeit gefunden habe im Spital: Nachtwachen bei Patienten während deren Dämmerns, eine Arbeit, worüber manche sich wohl nicht in der Weise freuen würden. Sie erzählt von unsichtbaren, unhörbaren Wechselkräften von Mensch zu Mensch, die eine Art inneres Bild eines Menschen zeichnen. Caroline spricht Spanisch und studierte zunächst Sinologie mit Chinesisch in Wort und Schrift. Ein Jahr lang war sie in China und hätte da auch bleiben können dank eines Stipendiums der chinesischen Behörden für ein Akupunktur-Studium. Aber, sagt sie, die Leute in China seien ihr am Ende zu fremd geblieben, trotz pausenloser Erheiterung über die Art des Humors bei ihnen und europäischen Langnasen. Am Schluss

litt Caroline an etwas, wogegen keine Akupunktur hilft: Heimweh. Vielleicht ist es spekulativ, zwischen Caroline und Maja Wanner, der Mutter, eine Wesensverwandtschaft anzunehmen, deren Grund, ganz allgemein, die Kultur bildet. Maja Wanner ist zum Familientreffen gestossen nach gleich zwei Anlässen: In Rheinfelden sprach sie vor FDPFrauen, in Königsfelden nahm sie an der 700-Jahr-Feier der Klosterstiftung

Die Töchter werden dafür sorgen, dass der Vater nicht auf den Mount Everest entwischt. teil. Diese Klammer – Politik und Kultur – prägt ihr Leben. Erzählt sie jedoch vom Zweiten, nimmt eine ungleich deutlichere Wärme von ihr Besitz. Früh hatte sie, zusammen mit Brigitta Luisa Merki von Flamencos en route, die Bühne entdeckt, eine nicht weniger wahre Welt als das reale Leben. Spät lebte das wieder auf, bei den Klosterspielen Wettingen, wo Maja Wanner in Thomas Hürlimanns «Franzos im Aargau» die Toinette spielte, die Frau des Schulmeisters. Wie sie jenen Sommer schildert, ist zu spüren, dass sie künftig an der Welt des Theaters – oder etwas Vergleichbarem – wohl noch enger Anteil nehmen wird. Im Theater, notabene, lernte Maja Wanner ihren Mann kennen. Bleibt Anna, die ältere Tochter: Ihr Studiengang (Politikwissenschaft und Geschichte) zeichnet, eine Generation später, jenen des Vaters nach. Ein Jahr in New York beschleunigte allerdings den Abschluss. Seither ist Anna entschieden auf den Journalismus eingeschwenkt, mit einer Ausbildung in Luzern, mit Praktika in den hauseigenen Zeitungen und mit Fokus auf politischen Jour-

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nalismus im Inland. Anna ist froh, manchmal unerkannt durchzuschlüpfen. Natürlich könnte sie am Familientisch aus dem Nähkästchen plaudern. Da gelte jedoch die Regel, Redaktions-Interna nicht zu verpetzen, ohne Augenwischerei, dass zwei Verwaltungsräte der Arbeitgeber-Firma gleichwohl Wanner heissen. V. DAS PARADIES LAG IN DER QUARTIERSTRASSE Auch geschäftsferne Dinge kommen nicht unbedingt auf den Tisch: Als Anna mit ihrer Schwester Caroline durch Fernasien reiste, darunter auch in Tibet, erfuhr der Vater erst im Nachhinein davon und wurde fast etwas ungehalten. Das wären seit langem Traumdestinationen auch für ihn gewesen. Die Töchter wollen ihn beim nächsten Mal mitnehmen, aber am Fuss des Himalaja streng darauf achten, dass ihr Vater nicht entwischt und doch noch auf den Mount Everest kraxelt, ein Traum, dem er zwar abgeschworen hat, offenbar aber nicht restlos überzeugend. Alle vier Kinder reden vom Paradies, das sie erlebt haben – freilich noch vor dem Umzug aufs viel beraunte «Schlössli» in Würenlos. Damals, als die Familie an einer Quartierstrasse in Baden wohnte, wo es zwanzig andere Kinder gab, alle versammelt an Mittagstischen, an denen sich die nachbarschaftlichen Mütter abwechselten, eher eine Sippen- als Familien-Struktur. Bezogen auf letztere, will Anna sagen . . ., zögert – ist das öffentlich? –, sagt dann doch: «Ich glaube, ich habe die beste Familie, die ich mir vorstellen kann.»

*Max Dohner ist langjähriger az-Autor und Schriftsteller.


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«Für mich ist die Situation derzeit komfortabel» Familieninterview Die angehende Journalistin Anna Wanner interviewt ihren Bruder und Verlagsmanager Michael

Der Wahl-Hamburger Michael Wanner beim Gespräch mit seiner Schwester Anna in Baden. VON ANNA WANNER

Die Nase ist von der Mutter, die Attitüde vom Vater . . . Michael Wanner: Halt! Das Gespräch geht in eine völlig falsche Richtung! Aber gewisse Parallelen zu Peter sind nicht vom Tisch zu weisen. Zum Beispiel? Ihr beide esst keine Butter und keine Pilze. Dann wäre da der Sport mit Langlauf und Bergsteigen . . . . . . das stimmt. Er hat schon einige 4000er erklommen. Das hat er mir voraus. Ausserdem hält er die Familienbestzeit am Engadiner – wobei zu jener Zeit die Strecke kürzer war. Apropos: Wann schlägt dich dein Bruder Florian am Engadiner? Der hat als Student jedenfalls mehr Zeit zum Trainieren. Bisher wusste ich das aber dank Rennroutine zu verhindern. Welche Medien konsumierst du? Zum Frühstück blättere ich auf dem iPad durch die az Aargauer Zeitung oder die bz Basellandschaftliche Zeitung – das hängt davon ab, wo du gerade deine Stage absolvierst. Keine deutschen Medien? Doch, klar: Im Büro habe ich die «Financial Times Deutschland». Am Wochenende lese ich meistens die «Süddeutsche» und «Die Zeit». Und den «Sonntag»? Den lese ich mit allergrösstem Vergnügen. Der ist gut gemacht – mit Geschichten, die überraschen. Gibt es auch Artikel, über die du

dich aufregst? Ja, unser Regionalteil muss investigativer und relevanter werden. Mich interessiert nicht, wie oft Rösli Meier ihre Blumen giesst. Andererseits haben wir auch in der Tageszeitung spannende Geschichten und gute Federn. Schaust du auch fern? Ja, aber an deine Rekordwerte aus der Schulzeit komme ich nicht heran. Apropos: Schaust du eigentlich immer noch «Super Nanny»? Ich habe keinen Fernseher. Das darfst du Peter nicht sagen. Informierst du dich übers Internet? Durchaus, für den schnellen NewsKonsum. Aber wenn ich Zugang zu einer Zeitung aus Papier habe, lese ich sie lieber so. Immer mehr Leser informieren sich über elektronische Geräte wie iPhone oder iPad. Verschwindet die gedruckte Zeitung? Amazon bringt ein Billig-Tablet auf den Markt, das wird die Marktdurchdringung solcher Geräte erhöhen. Für die Verlage eröffnet sich damit ein neuer Vertriebskanal – und die Chance, für Inhalte wieder Geld zu verlangen. Ich bezweifle aber, dass die gedruckte Zeitung so schnell verschwinden wird. Der technische Fortschritt ändert die Arbeit auf den Redaktionen. Welche Herausforderungen siehst du in den kommenden Jahren? Die Frage nach refinanzierbaren Geschäftsmodellen in der digitalen Welt wird weiterhin im Vordergrund stehen. Für die AZ Medien ist es nach dem Kauf von Tele Züri zudem die Integration und Entwicklung der E-Me-

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dien, die uns beschäftigen wird. Hier wollen wir ein neues Standbein aufbauen.

Wie überwinden wir die Gratiskultur in den Medien? Die Vorstellung der Leute, dass Inhalte umsonst zugänglich sind? General News sind in der Tat überall gratis zugänglich, die haben seit Internet und Gratiszeitungen keinen Wert mehr im eigentlichen Sinne. Zeitungen müssen deshalb ihre Rolle überdenken. Hintergrund-Recherchen und Analysen, die Orientierung bieten und das Geschehen einordnen, sind zunehmend gefragt. Zeitungen müssen ihren Lesern gegenüber den Gratis-Angeboten einen Mehrwert bieten, für welchen diese bereit sind zu zahlen. Und zwar unabhängig davon, ob sie das Angebot auf Papier oder einem Tablet

Anna Wanner (26) hat an der Universität Zürich Geschichte und Politologie studiert, derzeit absolviert sie eine zweijährige Journalistenausbildung bei der az und am Medienausbildungszentrum in Luzern. Ihr Bruder Michael Wanner (28) hat in St. Gallen Wirtschaft studiert, bei Gruner + Jahr in Hamburg eine Verlagsausbildung abgeschlossen und ist nun Assistent von Gruner+Jahr-CEO Bernd Buchholz. (AZ)

«Wir brauchen mehr Frauen in der Geschäftsleitung.» Michael Wanner, Verwaltungsrat konsumieren. Für die az liegt dieser Mehrwert sicher auch in der regionalen Kompetenz. Themenwechsel: Wir haben viel über den früh angekündigten «designierten Nachfolger» gelacht . . . . . . ja, der «designierte Nachfolger» wurde mir vor ein paar Jahren von einem az-Journalisten angehängt, und seither ist er kleben geblieben. Die Frage, auf die alle brennen: Wie konkret sind die Pläne des «designierten Nachfolgers»?

SCHWESTER INTERVIEWT BRUDER

Du erlebst das ja mit. Wir haben innerhalb der Familie einen sehr offenen Dialog. Für mich ist die Situation derzeit komfortabel: Ich kann über den Verwaltungsrat ins Unternehmen einblicken und bei strategischen Fragen mitentscheiden. Gleichzeitig kann ich bei Gruner + Jahr in Deutschland meine eigenen Erfahrungen sammeln. Spürst du denn keinen Druck? Alle erwarten, dass du früher oder später die Nachfolge antrittst. Klar gibt es da eine Erwartungshaltung. Aber ich empfinde das nicht negativ. Es ist ja eigentlich schön, dass andere einem so etwas zutrauen. Aber wer weiss, vielleicht machst es ja auch du? Ginge es nach Peter, wärst du jetzt Fussballer und ich Architektin. Hast du jemals einen anderen Weg einschlagen wollen? Ich hatte eine sehr generalistische Ausbildung und wollte möglichst breite Erfahrungen sammeln, aber das Mediengeschäft hat mich immer gereizt. Die Frage war für mich eher,

ob ich als Journalist schreiben will oder Management-Erfahrungen sammeln möchte. Und diese Frage beschäftigt mich auch jetzt noch. Nach dem Studium hast du für die Wirtschaftsredaktion der az und für das «Hamburger Abendblatt» geschrieben. Während deines Trainees bei Gruner + Jahr warst du für kurze Zeit beim «Stern». Steht dir eine Journalisten-Karriere bevor? Wer weiss! Mir gefiel das handwerkliche Arbeiten an der Sprache, komplizierte Sachverhalte aufs essenzielle runterzubrechen und einfach darzustellen. Wollen wir die Rolle tauschen? Ja! Nein, ernsthaft: Wir brauchen Frauen in der Geschäftsleitung und wenigstens eine Frau im Verwaltungsrat. Da bist du in den Startlöchern, oder? Danke. Ich bin sehr glücklich mit meiner Aufgabe. Ein letzter Versuch, ohne auszuweichen: Wann kommst du in die Schweiz zurück? Die Zeit drängt nicht. Ich will nicht als «fils à papa» ins Unternehmen einsteigen. Mit dem Vorwurf bist du ja unweigerlich konfrontiert. Ja, aber wenn du dich selber so qualifizieren kannst, dass du unabhängig von der Familienzugehörigkeit nicht die schlechteste Wahl darstellst, dann ist das sicher der bessere Weg, als direkt nach dem Studium einzusteigen. Meinst du, so wie ich? Als Journalistin geht das. Du bist zwar unter Beobachtung, aber sie lassen dich machen und du lernst viel. Das klappt doch gut.


175 Jahre AZ Medien  

Gesamtbeilaga zu 175 Jahre AZ Medien - Jubiläum

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