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Dienstag, 21. August 2012

Pure Unkenntnis oder unfairer Abstimmungskampf? Von Peter Burkhard, Gesamtleiter «Die Alternative», Ottenbach

Jede Stunde... Laut einer Untersuchung wird in den USA jede Stunde ein Kind mit einem neonatalen Entzugssyndrom geboren. Sie kommen süchtig zur Welt, weil ihre Mütter regelmässig irgendwelche Drogen konsumieren. Man muss sich das vorstellen: Im letzten Jahrzehnt hat sich der Opiatkonsum bei Gebärenden verfünffacht. Würden wir in der Schweiz vergleichbare Studien durchführen – mit Zürich als Hochburg des weltweiten Kokainkonsums – wir kämen ganz bestimmt zu ähnlichen Resultaten! Aus unerfindlichen Gründen werden aber solche Untersuchungen bei uns nicht gemacht. Vielleicht wollen wir ja das tatsächliche Ausmass des Elends gar nicht so genau kennen? Was wir kennen, ist das Ausmass der Kindesschutzmassnahmen: 2011 mussten die Behörden über 16 000 Kindesschutzmassnahmen anordnen. Das heisst umgerechnet, gut 44 Kindesschutzmassnahmen pro Tag in der Schweiz... und in Deutschland wurde dieses Frühjahr eine Untersuchung veröffentlicht in der eine massive Fehlindikation bei der Verabreichung von Antibiotika an Kindern nachgewiesen wurde. Der Forschungsleiter führt diesen hohen missbräuchlichen Anteil auch darauf zurück, dass viele Eltern auf die Abgabe von Antibiotika bestehen, schliesslich müssen sie innert nützlicher Frist am Arbeitsplatz erscheinen, wollen sie den Job nicht verlieren. Da bleibt für die Pflege eines kranken Kindes keine Zeit! Die Zunahme der angeordneten Kindesschutzmassnahmen wird auch mit der hohen Stressbelastung der Eltern erklärt. Kommt noch die Ritalin-Verschreibungspraxis dazu, immerhin hat, laut einer Helsana-Studie, zwischen 2006 und 2009 eine Verschreibungszunahme um 42 Prozent stattgefunden. Der Studienleiter wundert sich, dass Ritalin, entgegen der anerkannten Fachmeinung, auch an Kinder im Vorschulalter verschrieben wurde: Das jüngste erfasste Kind war bei der Erstabgabe drei Jahre alt. Die Zunahme des Opiatkonsums in den USA ist übrigens nicht mit der Ausweitung der Drogenszene erklärbar. In der Studie wird der vermehrte Missbrauch ärztlich verschriebener opiathaltiger Schmerzmittel verantwortlich gemacht.

Pharmakologisierung des Alltags? Ich frage mich, ob wir gut beraten wären, würden wir uns fragen, was sich da in unserer Mitte abspielt. Erleben wir so was wie die Pharmakologisierung des Alltags? Wird der uralte Mythos neu belebt, mit dem richtigen Wundermittel liesse sich das Leben ohne Anstrengung geniessen? Die chemische Industrie wird es freuen… nur sind wir glücklicher geworden? Und wo bleibt der Kindesschutz angesichts der süchtig geborenen Babys? Gut, der Bauch gehört der Mutter, aber wie ist das mit dem ungeborenen Baby? Kinder mit Ritalin ruhigstellen, Krankheiten wegdrücken und sollte sich eine Sinn-Krise einstellen, um den grossen Weltschmerz zu durchbrechen stehen opiathaltige Schmerzmittel zur Verfügung. Glücklicherweise sprechen wir erst von einer Minderheitserscheinung, aber haben wir die Kraft und Überzeugung, Gegensteuer zu geben?

68 Mio. Franken sinnvoller einsetzen, Leserbrief im «Anzeiger» vom 17. August. Ist es pure Unkenntnis von Herr Roggwiler oder einfach unfairer Abstimmungskampf? Herr Roggwiler schafft es, unglaublich viele Falschaussagen in einen einzigen Leserbrief zu packen: 1. Es ist eine ungeheuerliche Unterstellung, wenn behauptet wird, Obfelder und Ottenbacher seien Schmarotzer und Profiteure des Verkehrslärms, welche nur aufgrund günstiger Mieten oder günstiger Kaufpreise in ihr heutiges Heim gezogen sind! Das pure Gegenteil ist der Fall: die meisten unserer Einwohner wohnen schon seit sehr viel längerer Zeit im Dorf – lange bevor die A4 eröffnet worden ist. Der Zubringer und die Entlastung der Dorfkerne war seit jeher ein klarer Teil der A4 und die Bewohner unserer Dörfer möchten nun endlich dasselbe Recht, welches Herr Roggwiler in seinem aufgrund der A4 inzwischen beruhigten Wohnort ganz selbstverständlich und gerne in Anspruch nimmt.

2. Die Situation in Obfelden ist nicht vergleichbar mit anderen Dörfern. Durch die spezielle Geografie des Dorfes mit der langgezogenen Dorfstrasse ist der Schulweg unserer Schulkinder zum Autobahn-Zubringer geworden – ohne Ausweichmöglichkeit für die Schulkinder. Und nicht nur Schulkinder sind betroffen: auch die gesamte andere Bevölkerung inkl. Senioren und behinderte Personen sehen sich seit der Eröffnung mit dem Zubringerverkehr konfrontiert. 3. Einmal mehr wird suggeriert, die durch den Kantonsrat bewilligten Mittel respektiv vom Bund gesprochenen Gelder könnten beliebig eingesetzt werden. Die Mittel sind zweckgebunden und verfallen bei einer Ablehnung des Zubringers. 4. Die vom Kantonsrat bewilligte Zubringerlösung ist ein sinnvolles und schlankes Projekt, welches in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder redimensioniert worden ist. 5. Die Zubringerlösung ist Verschwendung: ab wie viel getöteten oder verletzten Schulkindern «ren-

tiert» denn gemäss Hr. Roggwiler eine Umfahrungslösung? 6. Woher Herr Roggwiler seine Information nimmt, die Obfelder Bevölkerung hätte ein relativ grosses Einkaufszentrum bewilligt, bleibt ein Rätsel. In Tat und Wahrheit wurde entschieden, dass ein Gestaltungsplan für den Dorfkern auszuarbeiten ist. Nicht mehr und nicht weniger. 7. Bei einem Nein am 23. September kehrt Ruhe ein: welch zynische Bemerkung für alle Eltern von schulpflichtigen Kindern! Zudem «übersieht» Herr Roggwiler, dass ein Nein am 23. September ja nicht heisst, dass nichts geschieht. Normgerecht auszubauende Ortsdurchfahrten mit bis zu 13 m breiten Strassen führen weder zu grösserer Ruhe, noch lösen sie die Verkehrsprobleme, kosten aber trotzdem den Grossteil einer sinnvollen Zubringerlösung. Darum bitte: Abstimmungskampf ist ein demokratisches Recht, aber bitte fair und ohne immer wieder neue Falschbehauptungen. Heinz Graf, Obfelden

Ich halte mich an die signalisierten Höchstgeschwindigkeiten, Leserbrief im «Anzeiger» vom 17. August. Herzliche Gratulation, Herr Oertle. Ich habe noch selten eine solch klare Stellungnahme mit einer derart verblüffenden Erkenntnis gelesen. Wer sich in unserer Gesellschaft korrekt benimmt, braucht sich nicht mit der ach so bösen Polizei anzulegen. Wir haben uns Regeln gegeben, um das Miteinander erträglicher zu machen. Wer sich nicht daran hält, muss mit Konsequenzen rechnen. So einfach ist das! Ich folge gerne Ihrem Aufruf und sorge dafür, dass der Staat von mir kein Bussengeld mehr bekommt. Und wenn doch, dann bin ich wohl selber der Trottel, oder? Hugo Lombriser, Stallikon

Wenn sich alle an das Gesetz halten...

leistet, nur um Kulturland zu behalten und die Beschallung von zwei Dörfern zu vermeiden? Wer weiss zum Beispiel, ob in einigen Jahren nicht sowieso generell innerorts die Höchstgeschwindigkeit 40 km/h gelten wird? Vielleicht werden spätere Siedlungsplaner wieder auf die Idee kommen zwischen den privaten Grundstücken öffentliche Fusswege zu führen, wie es sie im Dorfkern von Ottenbach noch gibt. So hätte man auch Alternativen zum langen Fussweg entlang der Strassen. Vielleicht würden die heutigen Schulkinder, wenn sie die Auswirkungen schon sehen könnten, auch laut rufen: «Baut bitte in Affoltern und Obfelden nicht noch mehr verkehrsintensive Geschäfte, wenn ihr doch weniger Verkehr wollt!» Mich stört die Anmassung unserer Generation, dermassen viel Land zu verbauen.

Lieber Herr Howoldt, hoch interessiert habe ich die Briefe von ihnen an Frau Caldwell gelesen. Ich kann beide Standpunkte verstehen. Meine Vorstellungskraft geht sogar weiter. Wenn ich mir so vorstelle, wie Sie in Gedanken versunken, mit offenen Dach, wehendem Schal und einer schönen Frau auf dem Beifahrersitz, herumfahren, dann haben Sie recht. Wer möchte nicht den Fahrtwind in den Haaren spüren…? Ich habe jetzt aber eine Frage an Sie. Vielleicht können sie mir weiter helfen. Vor sechs Jahren bin ich aufs Land gezogen. Der Weiler ist eine Abkürzung von Affoltern an den Türlersee nach Hausen usw. Wenn ich ehrlich bin, würde ich die Abkürzung auch nehmen. Inzwischen schaue ich alle Durchfahrenden grimmig an, obwohl sie mir fröhlich zuwinken. Ich weiss, es ist unhöflich, aber was soll ich tun? Denn wenn alle sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten würden, bräuchten wir keine Polizeifallen!

Elisabeth Ochsner, Ottenbach

Eveline Walser, Aeugst

Soll ich, kann ich mit meiner Zustimmung den Bau des Autobahnzubringers bei Ottenbach und Obfelden mitverantworten? Oder eben nicht? In Affoltern am Albis sind die Hauptstrassen seit der Eröffnung der A4 entlastet. Trotzdem bleiben es Strassen, befahren von Personenwagen, Offroadern, Lieferwagen und Lastwagen. Die Schulkinder müssen weiterhin diszipliniert auf dem Trottoir gehen und die Strassen vorsichtig überqueren. Das wäre auch in den Dörfern Obfelden und Ottenbach ähnlich, wenn die neue Zubringerstrasse gebaut würde. Trotz Entlastung durch einen Autobahnzubringer bleibt Ottenbach ein von zwei Strassen durchkreuztes Dorf und Obfelden ein langes Strassendorf. Ich wünsche mir auch vom Verkehr entlastete Dörfer und sichere Schulwege. Ich möchte auch ruhig mit dem Velo auf der Dorfstrasse fahren kön-

nen. Und ich möchte auch, dass mein Postauto den Anschluss an die S-Bahn erreicht. Doch zu welchem Preis? Ein neuer Asphaltstreifen durch grünes Land ist ein hoher Preis, ein grosser Verlust für alle, denen grüne Landstücke etwas bedeuten. Den Schulkindern zuliebe sollen wir für den Zubringer stimmen. Sind Sie so sicher, dass uns die Kinder in 20 Jahren, wenn sie selbst kleine Kinder haben, für diesen Entscheid danken werden? Oder werden sie sagen: «Auch dieses schöne Stück Land haben die Alten noch mit einer Strasse durchkreuzt. Dabei wusste man doch damals schon, dass neue Strassen mehr Verkehr bewirken.» Würden die Kinder von heute in 20 Jahren vielleicht andere Lösungen finden, wenn sie noch Spielraum hätten? Wer hätte denn vor 40 Jahren geglaubt, dass sich eine spätere Generation einen Islisbergtunnel für die A4

BDP einstimmig für A4-Zubringer

Beide Möglichkeiten zur Abstimmung vorlegen Zur Übertragung der Verantwortung für ein neues Alterspflegeheim an ein privates Unternehmen gibt es einige Fragen: Für ein gewinnorientiertes Unternehmen muss der Gewinn Priorität haben. Bei der zur Frage stehenden Firma Senevita sind gleich zwei gewinnorientierte Firmen involviert, da die Gebäude nicht von Senevita selber erstellt werden, sondern von Senevita in Pacht übernommen würden. Das heisst, das aus dem Betrieb des zukünftigen Alterspflegeheims für zwei Firmen ein Gewinn erarbeitet werden muss, denn (so wie unser Gemeinwesen funktioniert) kann keine gewinnorientierte Firma auf längere Zeit ohne diesen Gewinn überleben. Der für den Seewadel formulierte Grundsatz «Der Mensch im Mittelpunkt unseres Wirkens» kann also in einem gewinnorientierten Unternehmen nicht oberstes Gesetz sein. Wenn aus dem Betrieb des Alterspflegeheims der Gewinn für zwei gewinnorientierte Unternehmen herausgewirtschaftet werden muss, werden Preiserhöhungen oder entsprechende Qualitätseinbus-

Eine klare Stellungnahme!

Fallen der Polizei, Leserbrief im «Anzeiger» vom 14. August.

Für oder gegen den Autobahnzubringer ?

Der stetig zunehmende Durchgangsund Schwerverkehr belastet die Dörfer Obfelden und Ottenbach seit der Eröffnung der A4. Der versprochene Autobahnzubringer hat eine überregionale Funktion und wird vom Bund mitfinanziert. Das Versprechen an die Gemeinden soll jetzt mit dem mehrfach angepassten Projekt der Umfahrungsstrasse eingelöst werden. Die BDP nimmt das Anliegen der betroffenen Bevölkerung ernst und setzt sich für den Objektkredit ein. Sichere Schulwege und eine bessere Lebensqualität in den Dörfern sind der BDP wichtig. Von den Gesamtkosten beträgt der Kostenanteil für den Kanton Zürich etwa 39 Mio. Franken. Einstimmig beschliesst die BDP des Kantons Zürich die Ja-Parole zur Bewilligung des Objektkredites für den Autobahnzubringer. Die Zustimmung der Verfassungsänderung zur «Abschaffung des konstruktiven Referendums» erfolgte einstimmig. Grossmehrheitlich empfiehlt die BDP den Gegenentwurf «Jugend und Musik» zur Annahme. Die Volksinitiativen «Sicheres Wohnen im Alter» und «Schutz vor Passivrauchen» sollen abgelehnt werden.

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sen unvermeidlich, zum Beispiel durch Personaleinsparungen, auch im Pflegebereich. Damit entstehen unweigerlich weniger Möglichkeiten der persönlichen, immer komplexeren individuellen Pflege der Betagten. Der heutige Preis im Seewadel – 148 Franken – wird im ersten Betriebsjahr auf 185 Franken festgelegt. Und später? Schon heute braucht im Seewadel eine beträchtliche Anzahl Bewohner Ergänzungsleistungen. Es würden später sicher mehr sein. Ist es richtig, mehr Ergänzungsleistungen zu benötigen, weil das Pflegeheim von einem gewinnorientierten Unternehmen geführt wird? Ich zitiere den Beschluss des Gemeinderates Affoltern (im Internet nachlesbar unter «Zukunft Haus zum Seewadel»): «Als Alternative hatte der Gemeinderat ein eineinhalbjähriges Projekt unter Teilnahme von drei Gemeinderäten, dem Geschäftsleiter und externer Beratung erfolgreich durchgeführt und abgeschlossen. Mit späterem Entscheid hatte der Gemeinderat dann beschlossen, die in diesem Projekt er-

arbeitete Lösung nicht weiter zu verfolgen. In diesem Projekt wurde die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft und der Neubau eines Nachfolgeheimes sondiert und geprüft. Die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit der Betriebsgründung und eines Neubaus wurden nachgewiesen, mögliche Standorte auf öffentlichem Grund in Affoltern konnten als geeignet definiert werden. Eine komplette Finanzierung des Neubaus durch Finanzinstitute wurde mittels konkretem Angebot sichergestellt. Als Rechtsform stand die Gründung einer gemeinnützigen AG im Vordergrund. Der Betrieb würde damit ebenfalls wie bei der favorisierten Lösung komplett aus der Gemeindeverwaltung ausgegliedert.» Mit dieser Route könnte die Gemeinde also weiterhin dem Grundsatz «Der Mensch im Mittelpunkt unseres Wirkens» folgen. Sollten an der Gemeindeversammlung vom 27. August nicht beide Möglichkeiten zur Abstimmung vorgelegt werden? Hanni Belck-Spahn, Affoltern

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