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Bezirk Affoltern

Dienstag, 24. Juli 2018

Von Wegen, Umwegen und Abwegen

forum

«Tongasoa» – Das neue Buch von Aeugsterin Katrin Züger

Im Hinblick auf die Abstimmung zur Initiative «Wildhüter statt Jäger» am 23. September orientieren die Jägerinnen und Jäger fleissig im gesamten Kanton, so auch in Affoltern am Albis mit einem ausgestopften Wildschwein und einer verkleideten Eule. An Strassenrändern, an Holzschöpfen, auf Wiesen, in Gärten und sogar an Postautohaltestellen sieht man Plakate mit «Jagd schützt, Jagd nützt». Doch dieser Spruch ist ein Trugschluss. Denn entgegen ihren Behauptungen schützen Jäger weder unsere Natur noch die darin wild lebenden Säugetiere und Vögel. Die Information durch die Jäger ist leider unvollständig und entspricht nicht der Realität. Die Jagd verursacht viel Tierleid und schafft Probleme, deren Lösung sie zu sein vorgibt. Durch den Jagddruck steigt die Fruchtbarkeit und führt zu einer Bestandeszunahme. Dies wiederum nutzen die Jäger als Rechtfertigung für die Tötung von Wildtieren. Die Jägerlobby ist stark und schürt in der Bevölkerung bei einer Annahme der Initiative Ängste wie Zunahme von Schäden an Kulturen und Wäldern, häufende Wildunfälle mit dem Verkehr, Ausbreitung von Krankheiten etc. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn unsere Wildtiere sind nützlich und regulieren sich grösstenteils selbst. Das Ausrücken von Jägern bei Verkehrsunfällen mit Wild bei Tag und Nacht funktioniert leider auch nicht so einwandfrei wie von den Jägern behauptet und gemäss der aktuellen Revision des Jagdgesetzes werden sich auch die Jäger ihre Einsätze zahlen lassen. Ja, der Einsatz von Wildhütern kostet, aber die Kosten sind nicht so hoch wie von den Gegnern behauptet. Während die Pachtzinsen von den Jägern fleissig erwähnt werden, wird elegant verschwiegen, dass die Jagd jedes Jahr ein Defizit verursacht. Die Jäger haben ein 6stelliges Budget zur Bekämpfung der Initiative, aber kein Geld zur Sanierung der Jagdschiessanlagen. Für diese darf der Steuerzahler aufkommen.

«Tongasoa» hat die Aeugsterin Katrin Züger ihr neues Buch genannt – nicht nur weil eine der Geschichten darin so heisst: «Tongasoa» bedeutet auf Malagasy (Madagassisch) «Willkommen» – was für das ganze Buch passt. Unterwegs sein. Gehend, laufend, fahrend, fliegend, auf dem Arbeitsweg, auf Spaziergängen, Wanderungen, Reisen. In sechzehn Geschichten wird davon erzählt. Dabei lässt sich vieles erleben und beobachten, über manches nachdenken, sinnieren, räsonieren. Über Klänge zum Beispiel: Warum ist es so schwierig, die Geräusche eines Krans oder die Laute der Vögel zu beschreiben? Wolken, vielfältige Gebilde, physikalisch gesehen Ansammlungen feiner Wassertropfen oder Eisteilchen, darüber hinaus Wunderwerke der Ästhetik, der Einmaligkeit, der Vergänglichkeit. Gras, etwas für Kühe, sie fressen es, wir bekommen Milch dafür, weil wir nicht so gut im Verdauen von Gras sind, doch wenn man genau hinschaut, offenbart sich auch hier unerwartete Vielfalt: Süssgräser, Sauergräser, Riedgräser, Binsen, Simsen, Seggen, an die zwanzigtausend Arten, darunter Mais, Reis, Weizen, Hirse, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel, Zuckerrohr. Reisen. In den Yellowstone-Nationalpark zum Beispiel. Ein Kojote steht auf einer Anhöhe in lichtdurchfluteter

Die Realität sieht anders aus Die Jäger haben sich vorgestellt, Leserbrief vom 17. Juli.

Landschaft, blickt in die Ferne, als ob dort die Wahrheit zu finden wäre, welche Wahrheit auch immer. Äthiopien, Danakil-Senke, eine der heissesten Gegenden der Erde, geprägt von Wüste, Lava, Staub, Hitze – und Menschen, die stolz und erhaben der lebensfeindlichen Umgebung trotzen. Madagaskar, seltsame Wesen auf der ältesten Insel der Welt, Versuchslabor der Evolution: Giraffenhalskäfer, Chamäleons, Blattschwanzgeckos, Nektarvögel, Tenreks, Lemuren, darunter Kattas mit den lustigen Ringelschwänzen, steigen in der Dämmerung von den Bäumen herunter, sammeln sich, wandern in Einerkolonne zu ihren Schlafstellen in den Felsen, angeführt vom Leitweibchen, die anderen hinterher, zuletzt ein Männchen, das kontrolliert, ob alle da sind. Am Ende noch ein letztes Mal der Arbeitsweg, nicht wie sonst fahrend, sondern zu Fuss, vom Zentrum der Stadt nach Hause, gefolgt von der Erkundung des Bachs, den man bisher nur schemenhaft aus der fahrenden Perspektive des Postautos wahrgenommen hat. Katrin Züger wohnt in Aeugst am Albis. 2012 erschien die Erzählung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 folgte «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land» und 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne». (pd.)

Katrin Züger mit ihrem neuen Buch «Tongasoa». (Bild zvg.)

«Tongasoa», von Katrin Züger, Collection Montagnola 2018, 184 Seiten, ISBN 978-3-75285-858-7.

Eine Sommerresidenz für drei Damen

Mattia Violetti aus Mettmenstetten hat ein Hühnermobil gebaut Innerhalb des letzten Jahres hat der 11-jährige Mattia aus alten Brettern und Fundstücken ein Hühnermobil gebastelt. Eine Anleitung hatte er nicht. Nun durfte er in seinem fahrbaren Stall tierische Feriengäste empfangen.

Hof suchte er das Material zusammen: Holz und Gitter und Hammer und Nägel. Und, und, und. Dabei war er durchaus kreativ: Aus einem Büchergestell wurde die Hühnerleiter, die Räder nahm er vom Heuwagen. Nur ein paar Schrauben und die Dachlatten sind dazugekauft. Der Rest war in

irgendeiner Art und Weise bereits einmal im Einsatz. «Upcyling» nennt man das in der fancy Do-it-yourself-Szene, oder etwas bescheidener klingend: Wiederverwertung. Ab und zu, so Mattia, habe er mit seinem Vater diskutiert, wenn er eine Frage hatte. «Manchmal kamen wir

«Es ist eigentlich kein richtiges Hühnermobil», sagt Mattia ganz bescheiden. Eher sei es ein Stall auf Rädern. Das richtige Hühnermobil sei viel grösser und könne von den Rädern auf den Boden heruntergelassen werden, erklärt er. Dabei spielt das gar keine so grosse Rolle: So oder anders ist es erstaunlich, was der 11-jährige Mettmenstetter da zusammengebaut hat. Einen eigenen Stall auf zwei Rädern, mit Türe und einem eigenen Legebereich, einer Leiter für den komfortablen Gang zu den «Logenplätzen», also den Stängeli. Sogar an eine separate Klappe für die Reinigung hat er gedacht. Er habe schon immer gerne gewerkelt, erzählt seine Mutter, Regina Violetti. Die Familie bewohnt das Nebenhaus auf dem Hof Schürenweid. «Vor dem Hühnermobil hat er einen Heuwagen zusammengebaut, und vorher ein Gartenhaus.» Am liebsten war er jedoch mit Bauer Fredi Keller auf dem Hof und den Feldern unterwegs, erzählt seine Mutter. Dann allerdings kam dieser bei einer Skitour im letzten Jahr tragisch ums Leben. Seither war es auf dem Hof ruhig geworden.

«Upcycling» mit altem Hofmaterial Als Mattia dann im Internet das Foto eines Hühnermobils sah, da war ihm klar: So eines wollte er auch. Auf dem

«Am Anfang mochten sie es nicht, wenn ich sie in ihren Auslauf trug», erklärt Mattia. Inzwischen haben sich die Hühner an ihren temporären Besitzer gewöhnt und lassen sich von ihm bereitwillig halten. (Bild Livia Häberling)

nach draussen in den Garten, und plötzlich war er wieder einen Schritt weiter», erklärt Regina Violetti. So habe er das Gefährt auf dem Boden zusammengebaut, und eines Tages sei es plötzlich auf Rädern gestanden. Seit dem Frühling ist der Stall fertiggestellt. Rund neun Monate habe er gebraucht – «aber mit grossen Unterbrüchen», wie er mehrfach betont. Per 1. März dieses Jahres übernahmen Daniel Rüttimann und Nicole Cavegn die Schürenweid. Auch sie halten wieder Hühner. Deshalb ist nun auch Mattias Stall für einige Wochen bewohnt. Eingezogen sind drei Feriengäste, die temporär von der Hühnerherde separiert werden mussten. Und die Damen brauchen viel Aufmerksamkeit: «Am Morgen vor der Schule mache ich einen Kontrollbesuch, am Mittag bringe ich Futter und Wasser». Dann trägt er sie in das Nachmittagsrevier in den Garten. Und natürlich wollen die Tiere jeden Abend wieder zurück in ihren fuchssicheren Stall auf Rädern. Dazwischen fällt auch andere Arbeit an: Das Mobil muss gemistet werden. Anfang Woche ging der Ferienaufenthalt der drei Hühner zu Ende. Sie durften zurück zur Herde dislozieren. Trotz aller Freude: Ganz unglücklich scheint Mattia darüber nicht zu sein: «Die Hühner brauchen schon viel Betreuung», gibt er zu bedenken. Nun geht er mit seiner Familie zuerst einmal in die Sommerferien. Im neuen Schuljahr besucht er die sechste Klasse. Für die Berufswahl ist es damit zwar noch etwas früh, aber hat der leidenschaftliche Handwerker dennoch eine Ahnung, in welche Richtung es gehen soll? Nicht so wirklich. Und irgendwie doch: «in Richtung Landwirtschaft.» (lhä)

Nicole Holzherr, Aeugst a. A., Vizepräsidentin Tierpartei Schweiz (TPS) Weitere Infos unter www.pro-wildtier.ch.

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