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Bezirk Affoltern

Freitag, 1. April 2016

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Obstprodukte wieder auf dem Vormarsch Die Schweizer Obstindustrie hat einen rasanten Strukturwandel durchgemacht 1951 standen im Kanton Zürich noch über 1,5 Millionen Obstbäume, 2001 waren es noch gut 270 000. Dank Pionieren, wie dem Affoltemer Hans Peter Hediger, kommen Schweizer Obstprodukte wieder öfter in den Einkaufskorb und sein Birnen-Schaumwein wurde zum besten Gärmost der Schweiz gekürt. ................................................... von salomon schneider Bis zum Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre wurde sehr wenig Obst aus dem Ausland in die Schweiz importiert – tropische Früchte wurden in den Quartierläden kaum angeboten. Transporte waren damals noch teuer und es gab noch keine Kühlsysteme, die den Früchtetransport in grossem Stil ermöglicht hätten. Die Früchte wurden im Keller eingelagert, gedörrt, eingemacht oder zu Saft gepresst, um sie haltbar zu machen. Gerade Äpfel und Birnen eignen sich hervorragend zum Pressen von Saft, da sie zu etwa 85 respektive 80 Prozent aus Wasser bestehen. Der Saft wurde pasteurisiert oder vergoren und aus dem Trester wurde Schnaps gebrannt. Aufgrund der grossen Produktion entstanden in den regionalen Zentren Obstverwertungsgenossenschaften, wie die Obstverwertung Affoltern (OVA), die 1912 gegründet wurde und 2001 endgültig ihre Tore geschlossen hat.

Rationalisierung als Hauptmotivation Seit Jahrzehnten wird in der Schweiz etwa dieselbe Menge Obstsäfte konsumiert: Dafür werden jährlich rund 100 000 Tonnen Mostobst verwertet. Da die Bevölkerung gewachsen ist, kann trotzdem von einem Rückgang des Pro-Kopf-Konsums einheimischer Obstsäfte gesprochen werden. «Bis 2009 wurde die Überproduktion zu Konzentrat verarbeitet, dessen Export vom Bund hoch subventioniert wurde», erklärt Willi Wohlwend, der ehemalige Betriebsleiter der OVA. Während der Markt mit einer Überproduktion von Schweizer Früchten zu kämpfen hatte, wurde er zudem massgeblich durch den Import ausländischer und anschliessend tropischer Früchte geschwächt. Vermehrt griffen die Konsumenten zu günstigeren oder exotischeren Produkten anstatt zu einheimischen.

Apfelschorle fand keine Abnehmer Auch beim Konsum von Schweizer Obstsäften war eine Veränderung feststellbar. Willi Wohlwend erinnert sich: «Als ich in den 1960er-Jahren die Lehre machte, bestellte noch rund die Hälfte der Konsumenten den vollvergorenen Apfelwein – der oft noch im Holzfass geliefert wurde –, während die andere Hälfte bereits den teilvergorenen sauren Most bestellte, wie er heute fast überall verkauft wird.» Als Willi Wohlwend 1986 als Betriebsleiter zur OVA wechselte, war diese noch im Wachstum begriffen. Im Konzentratbereich war die OVA damals führend. «Die OVA bot damals ein Getränk namens Sprudel an, das alles andere als ein Renner war», meint Willi Wohlwend schulterzuckend und ergänzt: «Heute heisst es Apfelschorle und ist buchstäblich in aller Munde.» Als Zulieferbetrieb der ebenfalls im Wachstum begriffenen Migros, ging es der OVA gut. Als die Migros jedoch anfing auf Tetrapack und Kunststoffflaschen umzustellen, begann sie auch immer mehr Obstsäfte in der eigenen Abfüllanlage in Bischofszell abzufüllen. In Kombination

Die 2001 in Konkurs gegangene Obstverwertung Affoltern (OVA) in einem Prospekt aus den 1970er-Jahren. (Bild Archiv) mit einigen Fehlern im Management führte der Strukturwandel im Obstsektor zum Konkurs der OVA, im Jahr 2001.

Prämie für jeden gefällten Obstbaum Auch die Agrarpolitik des Bundes wirkte sich in den Nachkriegsjahren stark auf die Obstproduktion aus. In den 1950er-Jahren beschloss der Bund, dass rationeller produziert werden sollte, weshalb eine Prämie für jeden gefällten Hochstammobstbaum bezahlt wurde – Niederstammplantagen gab es damals noch nicht. Diese sollten gefördert werden. Zudem sollte später die Überproduktion von Obst durch die Fällaktionen verringert werden. Felder sollten nach der Fällung mit Traktoren befahren werden können, ohne störende Bäume zwischendrin. Diese Politik hatte drastische Folgen für den Obstbestand im Kanton Zürich. 1951 gab es noch 376 300 Birnbäume, 1961 noch 226 600, 1971 noch 127 400, 1981 noch 89 100 und 1991 noch 68 400. Danach wurde die detaillierte Feldobststatistik eingestellt.

Obstsorten sterben aus Die Prämie für das Abholzen von Obstbäumen brachte aber auch unerwartete Nebeneffekte mit sich. «Die Obst-

bäume waren überall sehr verschieden. Regional und manchmal sogar lokal gab es unterschiedliche Obstsorten, die unterschiedlich schmeckten, zu unterschiedlichen Zeiten reif waren und sich für unterschiedliche Verarbeitungsmethoden empfahlen. Auf den Tiefstammplantagen wurden jedoch nur die ergiebigsten Sorten angepflanzt. So sind hunderte einheimische Obstsorten fast oder ganz ausgestorben», erklärt der Affoltemer Hochstamm- und Pro-Specie-RaraProduzent Hans Peter Hediger. Erst mit den Anfängen der Umweltbewegung, in den 1980er-Jahren, setzte langsam eine Trendwende ein. Die Umweltbewegung – deren Anfänge auf die erste Ölkrise 1979 zurückgehen – forderte regionale, ohne Pestizide und Kunstdünger produzierte Landwirtschaftsprodukte. Aus der Bewegung heraus entstanden Bioläden, welche diese Produkte verkauften. Der Grossteil der Konsumentinnen und Konsumenten kaufte jedoch weiterhin in den Supermärkten ein. Und auch der Bund machte eine Kehrtwende. Nur wenige Jahre nachdem die letzten Subventionen für die Abholzung von Hochstammobstbäumen an Landwirte bezahlt wurden, wurden Direktzahlungen an Bauern für den Erhalt und die Neupflanzung von Hochstammobstbäumen eingeführt.

Der beste Gärsaft der Schweiz 2016 kommt aus dem Säuliamt: Hans Peter Hedigers Birnen-Schaumwein. (Bild sals)

Nach der Konsolidierung werden wieder Kleinproduktionen gegründet Parallel zum Wandel in Politik und Gesellschaft fand auch ein Strukturwandel in der Obstindustrie statt, dem nicht nur die OVA zum Opfer fiel. Heute gibt es in der Deutschschweiz mit Ramseier und Möhl noch zwei grosse Obstsaftproduzenten. Ähnlich wie beim Biermarkt wurden alle Obstverwertungsbetriebe entweder aufgekauft oder gingen ein. Da die Grossabnehmer die Preise für das gelieferte Obst durch die Monopolstellung fast unbegrenzt drücken konnten, setzte bei einigen Obstproduzenten eine Gegenbewegung ein. Immer mehr Kleinproduzenten entschieden sich für die regionale Selbstvermarktung und setzten auf frischen Süssmost im Kunststoffbeutel sowie Essig und Most- und Brauspezialitäten. Einer dieser aufstrebenden Kleinunternehmer ist der Affoltemer Hochstammproduzent Hans Peter Hediger. Sein Birnen-Schaumwein wurde dieses Jahr vom Schweizer Obstverband zum besten Gärsaft der Schweiz gekürt «Wir haben fünf Jahre lang probiert, bis wir den hervorragenden BirnenSchaumwein nach unseren Kriterien hatten. Das Obst wird dafür auf der kleinen Packpresse gepresst, anstatt industriell, da so keine Mikropartikel entstehen und es somit keine

Trübungen gibt», erklärt Hans Peter Hediger.

Most aus ungespritzten Früchten kommt wieder in Mode Hans Peter Hediger ist nur einer von zahlreichen kleinen Produzenten, die gezielt auf eine bewusste, naturverbundene Kundschaft setzen, die naturnahe Frischprodukte aus der Schweiz wollen – anstatt ausländische Produkte aus Konzentrat. «Wir verkaufen jedes Jahr mehr Most, Essig, Schaumwein, Dörrfrüchte und gebrannte Wasser. Ich glaube, man kann von einer Rückbesinnung der Konsumenten auf ungespritzte, hochwertige Naturprodukte sprechen, wie sie vor der Mitte des 20. Jahrhunderts überall üblich waren.» Insofern sieht Hans Peter Hediger positiv in die Zukunft. Es ist gut möglich, dass bald auch die Supermarktketten diesen Trend erkennen – ähnlich wie bei den Bio-Produkten – und bald regionale Spezialitäten von kleinen Obstproduzenten in den Regalen zu finden sein werden. Volg beschreitet diesen Weg bereits heute erfolgreich. Durch die gestiegene Nachfrage werden Kleinproduzenten plötzlich grösser, kaufen Konkurrenten auf oder werden aufgekauft und der Wachstums- und Konsolidierungskreislauf geht wieder von Neuem los.

Lieferung einer neuen, industriellen Obstpresse für die OVA Ende der 1980er-Jahre. Im Hintergrund ist noch der 1993 aufgehobene Bahnübergang zu sehen. (Bild -ter.)

026 2016