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Gerd Binnig Aus dem Nichts


Gerd Binnig

Aus dem Nichts Über die Kreativität von Natur und Mensch Mit Zeichnungen/ Illustrationen und Gedanken von Helen Schmitz

Piper | München, Zürich


© 2008 bei Piper, München 3. Auflage Gesetzt aus der Minion Pro Gestaltet von Patrice Büttiker, Biberist Druck: Victor Hotz AG, Steinhausen ZG Bindung: Buchbinderei Burkhardt AG, Mönchaltorf ZH Printed in Switzerland ISBN 3-492-03353-9


F端r Bernadette und Mark


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Vorwort

Erster Teil :Die Entwicklung einer Idee

15

Göttliche oder menschliche Kreativität?

29

Grosse und kleine Pyramiden

33

Der künstliche natürliche Tod oder die Tricks der Natur

55

Bau’ Dir eine Pyramide, und wohne darin für eine Zeit

75

Ein Gedankensprung

79

Dualismus und das Kreativitäts-Rädchen

95

Vier grosse Evolutionen –

und die Mechanismen sind immer die gleichen

107

Zielgerichtet und unscharf

121

Hundert Gründe, nicht kreativ zu sein

133

Psychologie und menschliche Kreativität

143

Die fraktale Struktur der Evolutionen


Zweiter Teil: Ein Jahr danach – Arbeiten mit der Idee

167

Es ist immer wieder überraschend, was alles schon gedacht wurde

189

Wozu Kreativität, wozu Grundlagenforschung?

213

Narzissmus und Immunität

231

Kreatives Management, fraktales Management

253

Naturgesetze sind Evolutionsgesetze

273

Kreative Stationen meines Lebens

297

Register


Vorwort

Jede Art von schriftlicher Betätigung ist für mich ein Greuel, auch wenn es sich nur um das Schreiben einer Postkarte handelt. Zu diesem Buch hat es mich jedoch regelrecht getrieben, und zum erstenmal hat mir Schreiben Spass gemacht. Meine Hoffnung ist, dass Sie mein Bild der Kreativität so aufregend und faszinierend finden wie ich selbst. Diese Hoffnung war für mich der Antrieb beim Schreiben. Mir geht es in diesem Buch nicht darum, detaillierte Patentrezepte für kreatives Verhalten zu geben, sondern in erster Linie darum, ein tieferes Verständnis von Kreativität zu erreichen. Dazu muss man sich aber die gesamte Natur und nicht nur den Menschen anschauen. Die Natur war und ist in der Lage, ständig Neues hervorzubringen, ist also kreativ. Lässt sich die menschliche Kreativität mit der Kreativität der übrigen Natur vergleichen? Kann man Regeln angeben, nach denen Kreativität stattfindet? Etwa ein Jahr bevor ich dieses Buch geschrieben habe, hatte ich lediglich ein intuitives Gefühl davon, was Kreativität sein könnte. Das Thema hat mich jedoch brennend interessiert, und ich wollte mehr darüber wissen. Im Laufe meines Lebens und während meiner Arbeit habe ich in dieser Hinsicht oft erstaunliche Erfahrungen gemacht, die mich immer wieder veranlassten, über das Thema nachzudenken. Besonders plastische Eindrücke erhielt ich natürlich, wenn ich selbst in kreative Prozesse verstrickt war. Ich begann meine Gedanken und Eindrücke zu sortieren und konsequent weiter zu durchdenken. Dazu habe ich mich einen Tag pro Woche in ein stilles Kämmerlein eingeschlossen und gegrübelt. Ohne ein direktes Ziel hätte ich das nie gekonnt, also nahm ich mir vor, dieses Buch zu schreiben. 9


Als ersten Schritt dazu hielt ich an der Universität München eine Vorlesung zum Thema «Kreativität aus der Sicht eines Physikers». Der erste Teil dieses Buches besteht aus der leicht überarbeiteten zehnstündigen Vorlesung. Sie brauchen keine Befürchtungen zu haben, es handelt sich dabei keineswegs um eine Vorlesung im üblichen Sinn. Ich versuche ganz zwanglos und spielerisch herauszufinden, was Kreativität ist. Dabei erhielt ich zudem einige wertvolle Anregungen von Studenten und anderen Hörern der Vorlesungen. Dafür bin ich sehr dankbar. Lassen Sie sich bitte nicht von der Naivität des ersten Teils, die sich auch im Stil ausdrückt, irritieren. Für kreative Prozesse braucht es reichlich Naivität. Dieses Buch behandelt das Thema Kreativität in zweifacher Weise: Zum einen beschreibt es kreative Mechanismen, zum anderen verkörpert es selbst einen kreativen Prozess. Während das Buch fortschreitet und entsteht, entwickelt sich nach und nach ein neues Bild von Kreativität. Der erste Teil des Buches ist nicht nach, sondern während eines Denkprozesses entstanden. Dies bedeutet, dass ich bei keinem der ersten neun Kapitel auch nur ahnte, was sich in den folgenden Kapiteln entwickeln würde. Dies ist sicherlich eine unübliche Art, populärwissenschaftlich zu schreiben. Ich hoffe jedoch, dass es einerseits das Thema vertieft und andererseits dem Buch eine besondere Dynamik und Lebendigkeit verleiht. Im zweiten Teil versuche ich, das im Buch entwickelte Bild von Kreativität zu vertiefen und damit zu arbeiten, d.h. es auf alltägliche und auch auf nicht alltägliche Situationen anzuwenden. Dies könnte man im Prinzip beliebig ausdehnen, denn es gibt keinen Zusammenhang und keine Situation, die mit Kreativität nichts zu tun hätte. Die Breite des Themas sollte auch in den verschiedenen Ausdrucksformen dieses Buches deutlich werden. Ich bin sehr froh darüber, dass es mir gelungen ist, Rudi Gerharz dafür zu gewinnen, künstlerische Beiträge zum Text dieses Buches beizusteuern. Rudi Gerharz ist für mich einer der kreativsten Künstler unserer Zeit. Ich bin davon überzeugt, dass seine Gedichte und Bilder dem Buch eine zusätzliche Dimension verleihen und tiefere Regionen in Ihnen ansprechen werden, als dies der beschreibende Text allein vermocht hätte. Es sei noch erwähnt, dass unzählige Diskussionen mit meiner Frau, mit Freunden und Arbeitskollegen mir sehr geholfen haben. Im besonde10


ren entstand das Kapitel «Naturgesetze sind Evolutionsgesetze» aus einer engen Zusammenarbeit mit Jürgen Beier, Heinrich Hörber und Michael Niksch. Zu diesem Thema bin ich auch Theo Hänsch für anregende Diskussionen dankbar. Von Heidi Bohnet, Tilman Steiner, Manfred Weick, Rudi Gerharz und Heinrich Hörber, die das Manuskript des Buches sorgfältig gelesen haben, erhielt ich wertvolle Anregungen und Hinweise. Beim technischen Erstellen des Manuskriptes war die Hilfe von Petra Radzak von unschätzbarem Wert. Schliesslich danke ich meinen beiden Kindern, Iris (4) und Marvin (3). Sie haben mein Leben verändert und dadurch auch unter anderem dieses Buch möglich gemacht. München, im April 2001 | Gerd Binning

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窶右rster Teil

Die Entwicklung einer Idee


Göttliche oder menschliche Kreativität ?

Alles wird klarer – Mitten in der Betrachtung Sinkt das Wort so tief Dass man es nicht mehr fassen kann


Spiel mit dem Kreativitätsmuskel

Ich gebe zu, es ist reichlich vermessen von mir, über das Thema Kreativität zu schreiben: Ich habe mich bisher niemals wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt, noch habe ich die Literatur darüber studiert. Aber möglicherweise ist das genau die richtige Methode, um an ein relativ neues Thema heranzugehen. Meine ursprüngliche Motivation, mich mit Kreativität auseinanderzusetzen, war meine Enttäuschung im Studium der Physik. Ich empfand sehr stark, dass üblicherweise bei der Lehre an der Universität die Kreativität zu kurz kam. Das Hauptgewicht lag darauf, Stoff  – also Wissen – zu vermitteln, während das spielerische Umgehen mit diesem Stoff kaum eine Rolle spielte oder vollkommen übergangen wurde. Betrachtet man ein Kind, wie es/er lernt, dann stellt man fest, dieses Lernen ist eine Kombination von Spielen und Stoff, oder anders ausgedrückt, von Spiel und Spielzeug. Beides ist notwendig. Das Spielzeug ist Voraussetzung für das Spiel, und das Spiel ist Voraussetzung, um das Spielzeug zu begreifen; «begreifen» in diesem Fall sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Spielzeug wird spielerisch abgetastet. Es ist bekannt, dass Kinder, die mit Spielzeug im Übermass ausgestattet sind, aufhören zu spielen. Die Fülle des Materials, des Stoffes, erdrückt die Kreativität. Ein wichtiger Faktor ist auch, wie der Stoff dargeboten wird. Nehmen wir ein Kind, das zum ersten Mal einen Würfel in der Hand hat und dieses geometrische Gebilde zu verstehen versucht. Dabei kann es stundenlang den Würfel rechtsherum, linksherum, vorwärts und zurück drehen und diese Tätigkeiten immer wiederholen, wobei es mit Vergnügen und grosser Gebanntheit auf den Würfel starrt. Das geschieht «spielerisch». Wenn ich dieses Bild heranziehe, um meine Erfahrungen beim Studium zu beschreiben, dann will ich damit ausdrücken, dass ich das Gefühl hatte, den Würfel nie in die Hand zu bekommen. Der Würfel wurde vor meinen Augen gedreht, mal rechts- und mal linksherum, und dann sollte ich auch gefälligst alles verstanden haben, und ein neues Spielzeug wurde an die Stelle des Würfels gesetzt. Es kommt mir sogar so vor, als ob viele Professoren ein spielerisches Umgehen mit dem Stoff geradezu als kindisch oder als Zeitverschwendung betrachteten. In ihren Augen beginnt Kreativität erst dann, wenn der Stoff «beherrscht» wird. 17


Dabei werden aber zwei Dinge, zwei wesentliche Dinge, ausser acht gelassen. Einmal, dass das spielerische Erfassen des Stoffes die bessere Lernmethode ist, weil sie «Spass macht», lustbetont ist, und zum anderen, dass der «Kreativitätsmuskel» trainiert werden muss. Kreatives Denken will gelernt und geübt sein. Ich selbst habe dieses Mangelproblem für mich gelöst, indem ich während meines Studiums andere Dinge getan habe, die meinem Spieltrieb Nahrung gaben. Ich habe komponiert, Gedichte geschrieben und Bilder gemalt. Heute weiss ich, wie wertvoll das für mich war – selbst für meine wissenschaftliche Ausbildung –, denn die Mechanismen, die zu Kreativität in der Kunst führen, sind exakt die gleichen, die Kreativität in der Wissenschaft bewirken. Der Stoff ist ein anderer, doch das «Spiel» damit ist das gleiche. Ein interessantes Experiment dazu hat Prof. Dudley Herrschbach von der Berkeley Universität gemacht, indem er seinen Studenten (womit er manche schockierte) als Übungsaufgabe im Fach Quantenmechanik vorschlug, Gedichte zur Quantenmechanik zu schreiben. Seine Absicht war, eine andere Art des Denkens zu schulen, die sonst im Studium zu kurz kommt, da üblicherweise das streng logische, das begriffliche Denken betont wird. Er wollte damit wohl den «Kreativitätsmuskel» der Studenten trainieren, denke ich.

«Kreativität» ist ein allumfassendes Thema

Das waren die Gedanken, die mir anfänglich durch den Kopf gingen. Als ich mich dann näher mit dem Thema befasste, wurde mir klar, auf was ich mich da einliess, denn je länger ich darüber nachdachte, um so allgemeiner und umfassender erschien mir das Thema. Von der Natur oder vom Universum ist nicht die Rede. Kreativität ist also, wie gesagt, immer auf den Menschen bezogen. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, es gäbe überhaupt kein allgemeineres Thema mehr, denn es berührt ja praktisch alle grundlegenden Fragen dieser Welt: die Entstehung des Universums, die Evolution des Lebens und die Evolution des Universums, den Sinn des Lebens. Warum das Ganze stattfindet, und wohin das Ganze führt. Denn all dies hat etwas mit Kreativität zu tun, mit dem Entstehen von Neuem. 18


Sieht man sich die herkömmlichen Definitionen der Kreativität in den Lexika an, dann beziehen sie sich alle ausschliesslich auf den Menschen – auf das Denken, auf die Phantasie und auf den Verstand, auf Gedankenblitze und Ideen. Von der Natur oder vom Universum ist nicht die Rede. Kreativität ist also, wie gesagt, immer auf den Menschen bezogen. Diese Auffassung schien mir zu eng begrenzt. Denn ist der Mensch wirklich das einzige Wesen oder die einzige «Institution», die kreativ sein kann? So war es wohl ein kreativer Akt des Menschen, die Zange zu erfinden. Sie wurde jedoch schon etliche Zeit davor von Mutter Natur erfunden – z.B. als Krebsschere. Oder nehmen wir die Injektionsnadel. Auch sie wurde schon vor langer, langer Zeit von der Natur erfunden in Gestalt der Giftzähne von Schlangen. Die Ähnlichkeiten beider Erfindungen, der des Menschen mit der der Natur, springen ins Auge, und man fragt sich: «Ist die eine Entwicklung, die des Menschen, kreativ und die der Natur nicht ?» Die Ergebnisse ähneln sich so, dass man nicht an Zufall glauben kann. Denkbar ist auch, dass der Mensch sich von der Natur hat inspirieren lassen. Es gibt den Wissenschaftszweig der Bionik, in dem versucht wird, von der Natur zu lernen und «natürliche Technik» auf «menschliche Technik» zu übertragen. Der Mensch hat sicherlich bisher vieles von der Natur gelernt, und er wird weiterhin lernen. Darüber hinaus geht er aufbauend auf der übrigen Natur aber auch einen eigenen kreativen Weg. Ich glaube, dass er dabei nicht nur zu ähnlichen Endergebnissen wie die übrige Natur kommen kann, sondern dass sogar die Wege zu ihnen hin mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen.

Der Mensch – «nur» ein Bestandteil der Natur

Ich sehe den Menschen nicht so, wie er heute oft gesehen wird: neben der Natur stehend. Wenn man der Natur heute sozusagen etwas Gutes antun will, dann sieht man sie als Partner des Menschen. Dies ist meiner Ansicht nach falsch. Wir sind nicht Partner, wir sind Teil der Natur. Wir sind ein Unterbegriff. Denn der Mensch unterscheidet sich ja in keiner Weise prinzipiell von der übrigen Natur. Dass wir den Menschen von der Natur abspalten und ihn über die Natur stellen, hat wohl eine seiner Wurzeln im Christentum, 19


das ja den Menschen als etwas ganz Besonderes ansieht: Nur der Mensch hat eine unsterbliche Seele und sonst niemand und nichts, nur er ist Ebenbild Gottes. Den Menschen als etwas so Grossartiges aufzufassen, halte ich für einen Irrweg, denn der Mensch ist ein Teil der Natur. Jetzt werden Sie vielleicht denken: «Es ist eine triviale Äusserung zu sagen, der Mensch ist ein Teil der Natur.» Aber ich möchte an einem Beispiel zeigen, dass wir von unseren Gefühlen her einer solchen Aussage noch nicht zustimmen können. Schauen wir uns ein Bauwerk, z.B. einen Ameisenhaufen, an.

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Buch  

Buchgestaltung bei Schudel