Page 77

GEWERBE

Die Dellendrücker klagen, dass sie deutlich weniger Geld bekommen

Je mehr Dellen, desto schlechter „Wir können bald zusperren.“ Das ist die Reaktion einiger Dellendrücker auf ein seit Anfang Mai geltendes Papier, das der Branche – auf Wunsch des Versicherungsverbands – deutlich weniger Ertrag bringt als bisher. Von Mag. Heinz Müller

J

etzt, im Juni, ziehen sie sich wieder über Österreich zusammen, die dunklen Wolken, die Gewitter bringen. Manchmal ist auch Hagel dabei – zum Leidwesen der Autobesitzer und der Versicherungen, doch zur Freude der Dellendrücker, die genau von solchen Naturereignissen leben. „In den vergangenen Jahren sind die Gewitter viel stärker geworden“, sagt einer von ihnen: „Es kommt immer öfter vor, dass wir Autos reparieren, bei denen allein die Dächer 700 oder 800 Dellen haben.“ Das war bisher ein durchaus einträgliches Geschäft, nämlich genau 10 Jahre: So lang galt die bisherige „Dellenliste“, die vom Versicherungsverband mit der Innung ausgehandelt wurde, nachdem es zuvor viele Unklarheiten gegeben hatte. Diese, seit Mai 2004 gültige Liste sagt ganz genau, wie viel für eine gewisse Zahl an Dellen vergütet wird. Bisher zahlten die Versicherungen beispielsweise bis zu 100 großen Dellen (30–46 Millimeter) 8,40 Arbeitsstunden, jetzt sind es nur noch 6,72. Noch weniger wird es, wenn mehr Dellen repariert werden müssen: Bei 351–400 mittleren Dellen (21–30 mm) reduzierte sich der Vergütungssatz von auf 14,19 auf 9,22 Stunden, bei leichten Dellen (0–20 mm) gab es eine Einschränkung von 8,55 auf 5,56 Stunden – das sind immerhin 35 Prozent weniger als bisher.

Erik Papinski, Bundesinnungsmeister der Karosseriebauer

Das heißt je mehr Dellen zu bearbeiten sind, desto weniger Geld gibt es pro Delle. Eine unlogische Argumentation, so die Branche: „Eine Baufirma erhält ja auch nicht für das erste Reihenhaus 100.000 Euro und für das zweite Reihenhaus 35.000 Euro weniger“, erklärt der eingangs erwähnte Dellendrücker. Dabei sei die Arbeit in den vergangenen Jahren durch die hochfesten Bleche und die mühsamere Zugänglichkeit ohnehin schwieriger geworden. Betroffen sind nicht nur die etwa vier Dutzend kleineren Unternehmen, die teilweise nur aus einem einzigen Dellendrücker bestehen, sondern auch die Autowerkstätten, die diesen Service selbst anbieten. Auch nach der bisherigen Verrechnung sei es für die Versicherungen noch immer billiger gewesen, ein Dach mit selbst 1.400 Hagelschäden von Dellendrückern reparieren zu lassen als das Dach auszutauschen, heißt es in der Dellenbranche.

Innung droht mit Bearbeitungsgebühren Ausgegangen sei die Kürzung vom Versicherungsverband, sagt Bundesinnungsmeister Erik Papinski: „Die wollten eine Kürzung von 35 Prozent über alles, wir haben mit 15 Prozent gekontert.“ Doch dann sei alles anderes gekommen. „Man hat in den Raum gestellt, dass man ausländische Drückerkolonnen beschäftigt und dafür sogar eigene Räumlichkeiten anbietet“, erzählt Papinski. So habe man der neuen Liste schließlich zugestimmt. „Das ist aber kein Klima, das mir persönlich gefällt“, poltert der Innungsmeister: „Ich bin gewohnt, bei Lohnverhandlungen harte Sträuße auszufechten – aber nicht auf diesem Niveau.“ Papinski spricht von „vielen erbosten Briefen“, die er in den vergangenen Wochen erhalten habe. Und er ist nicht bereit, sich vom Versicherungsverband weiter auf diese Weise behandeln zu lassen. „Ich komme mir ohnedies seit Jahren wie ein unterbezahltes Inkassobüro vor“, sagt Papinski und spricht damit die mühsame Verrechnung der Schäden mit den Versicherungen an: „Das gehört auch einmal besprochen: Was ist, wenn wir eine Bearbeitungsgebühr einführen?“

Versicherungsverband widerspricht Dellendrückern

Werner Bauer, Chefsachverständiger des Versicherungsverbandes

AUTO & Wirtschaft • JUNI 2014

Man habe reagieren müssen, erwidert Werner Bauer, Chefsachverständiger des Versicherungsverbands: „Wir haben über Jahre zuschauen müssen, wie Hagelschäden in wesentlich kürzerer Zeit repariert wurden, als kalkuliert wurde. Die Vorgabezeiten wurden massiv unterschritten.“ Außerdem hätten sich, so Bauer, in den vergangenen Jahren die Arbeitsweisen geändert: „Jetzt wird beispielsweise viel mehr mit der Klebemethode gearbeitet, auch diese Möglichkeiten sind eingeflossen.“ Die Dellendrücker widersprechen Bauers Aussagen hingegen klar und prophezeien: „Da werden noch massive Streitereien herauskommen.“ •

57

AUTO & Wirtschaft 06/2014  

Schwerpunkte: Diagnose und Elektronik im Kfz; Achsvermessung/Fahrwerk; Branchen-Special: Öl & Wirtschaft

AUTO & Wirtschaft 06/2014  

Schwerpunkte: Diagnose und Elektronik im Kfz; Achsvermessung/Fahrwerk; Branchen-Special: Öl & Wirtschaft