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Ausgabe vier 2010 Lettre aus Berlin édition quatre La Lettre de Berlin 2010

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Jour Fixe Jour Fixe

Die Jour Fixe Veranstaltungen zur Bildungspolitik in Belgien und Deutschland gingen ebenfalls in die nächsten Runden, in bewährter Weise im Wechsel zwischen der Deutschsprachigen und der Französischen Gemeinschaft. Am 4. Februar wurde das Thema »Nie wieder Sitzenbleiben« diskutiert. Professor Klaus Klemm, u.a. Mitglied des Beirats der PISA-Studien, konfrontierte anhand empirischer Studien die Wirksamkeit des Sitzenbleibens mit den Ausgaben im deutschen Bildungswesen und Ruth De Sy, Leiterin des Fachbereichs Pädagogik im Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft berichtete über best-practice Modelle. Am 23. März stand in Anwesenheit von Unterrichtsminister Oliver Paasch die Frage »Wie werden unsere Kinder zu Buchstabenprofis?« im Mittelpunkt des Geschehens. Dr. Gisela Beste, Abteilungsleiterin im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg erläuterte das KMK-Projekt ProLesen. Ergänzend dazu stellten die Redner aus der Französischen Gemeinschaft Stategien und das ELSA-Informatikprogramm zur Leseförderung vor. Deren Standpunkte und Projekte können Sie hier noch einmal nachlesen. Françis Hermal  Inspektor für das Grundschulwesen im Ministerium der Französischen Gemeinschaft Belgiens

Wege zu einem Unterrichtswesen mit klaren Strategien zum Textverständnis. Der Erwerb von Lesekompetenzen ist nicht mit 8 Jahren abgeschlossen, auch wenn man lange Zeit geglaubt hatte, in diesem Stadium seinen alle Würfel gefallen und es reiche aus, die Technik des Entzifferns zu üben; das Verständnis sei ein automatischer Prozess. Nein, das Verständnis muss erlernt werden und die Kompetenzen hierfür müssen während der gesamten Schulzeit gelehrt und geübt werden. Die Lenkungsgruppe des Unterrichtswesens der Französischen Gemeinschaft organisiert jedes Jahr Tests für eine externe nicht-zertifizierte Evaluierung. Die Ausgabe 2007 widmete sich dem Feld der Lesekompetenz. Im Rahmen dieser Evaluierung wurde eine Tabelle der Typologie der Fragen und der Prozeduren erstellt, die mittlerweile ein Referenzwerk für den Lehrkörper in Sachen Ausarbeitung von Fragen geworden ist. Ziel dieses Fragebogens ist es vor allem, den Schülern die Strategien bewusst zu machen, die in einem detaillierten Textverständnis impliziert sind.

Theoretisch herrscht allerorts großes Einverständnis über die Dinge, die man unternehmen müsste, um die Lesekompetenzen zu verbessern und vielen Kindern und Erwachsenen dabei zu helfen vom Stadium des Entzifferers (kein oder geringer Schriftgebrauch) zum dem des aktiven Lesers zu gelangen. Umfragewerte und umgesetzte Maßnahmen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Lesen eine weitaus komplexere Problematik ist, als man denkt. Um sich hiervon zu überzeugen raten wir, das Büchlein von Umberto Eco »Lector est fabula« zu lesen. Wenn unser Kollege Francis Hermal sagt, dass der Erwerb von Lesekompetenzen nicht mit 8 Jahren abgeschlossen und das Verständnis kein automatischer Prozess sei sondern während der gesamten Schulzeit geübt werden muss, so fügen wir unsererseits gerne hinzu: »nicht nur!« Nicht nur während der Schulzeit, denn angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, sollten auch die Familie und die Gesellschaft im Ganzen hier eine Verantwortung übernehmen. In der Tat ist die Sprache unser wichtigstes Werkzeug, denn wir sind soziale Wesen, die der Kommunikation mit anderen bedürfen. Das Geschriebene ist oftmals auch die einzige Möglichkeit, über die Gedanken anderer nach zu denken. Die Schrift ist das Gedächtnis von Generationen aber vor allem auch ein alltäglicher Akt (vom Straßennamen bis zur Speisekarte im Restaurant, von der Einladung zu einer Versammlung bis zur Stromrechnung…). Lesen zu können eröffnet auch die Möglichkeit, als mündiger Bürger zu agieren, die Basis für eine echte Demokratie. Sei es als Eltern, als Lehrer oder Personalberater, wie oft ist man von den Leseschwächen vieler Menschen – Kinder oder Erwachsene – nicht schockiert. Wie viele Schüler geraten in Schwierigkeiten, weil sie den Sinn der Frage nicht verstehen! Wie viele Stellenbewerber versagen bei Tests mit einer einfachen Leseverständnis-Übung! Unser Ansatz liefert die Antwort auf zwei für uns untrennbare Fragen: warum und wie liest man?

Daniel Courbe  Dozent an der Universität Lüttich und Ständiger Delegierter der Französischen Gemeinschaft Belgiens bei der Deutschsprachigen Gemeinschaft Jean Zuède  Präsident des Zentrums für Ausbildungszusammenarbeit und Projektautor für das Schulwesen und die sozio-professionelle Eingliederung in Lüttich

Warum? Lesen lernen ist nicht selbstverständlich. Um Lesen zu lernen braucht man eine Motivation (wie bei jedem Lernvorgang: warum lesen, wenn zuhause keine Dokumente zur Verfügung stehen, wenn man nicht von frühester Kindheit an Leseer­ lebnisse hat). Socrates empfahl die Neugier; man kann diese bereits bei Kleinkindern wecken, indem man sie mit Plastikoder Kartonbüchern spielen lässt und sie mit dem Geräusch von umgeblätterten Seiten vertraut macht.

Die Verbesserung der Lesekompetenzen, Text­verständnis und die Unterstützung des Lesen­ lernens durch ein Computerprogramm

Wie? Um Freude am Lesen zu entwickeln, muss dies effizient sein (so wie beim Radfahren: wenn man das Gleichgewicht nicht

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Lettre de Berlin #4 Délégation générale de la Communauté germanophone, de la Communauté française et de la Région wallonne à Berlin Lettre...

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