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Die Wochenendbeilage von www.stattzeitung-plus.in 1


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Stadtmuseum Ein Museumsrundgang Das Bernsteinkollier In der Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus stehen den bronzezeitlichen Königreichen der Ägypter, Hethiter und Mykener in Mitteleuropa ausgeglichenere Gesellschaftsstrukturen gegenüber. Reiche Fürstensitze in unserem Raum fehlen. Daher geben das Bernsteinkollier von Ingolstadt uns seine anonymen Auftraggeber Rätsel auf. Es darf wohl als der prächtigste Bernsteinschmuck

Alteuropas bezeichnet werden. Bernstein war ein begehrtes Fernhandelsgut. Das Kollier bestand aus etwa 2700 Perlen und mindestens neun Schiebern. Eine Halskette aus 87 großen Perlen kommt hinzu. Der Schmuck aus baltischem Bernstein wurden nur selten, vielleicht nie getragen. Ob er als Opfer oder als Schatz am Ufer des Baches Augraben der Erde übergeben wurde, bleibt ungeklärt.

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Die Wassermühle von Etting Eine Wassermühle aus der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n.Chr. Die Wassermühle von Etting ist Bestandteil einer ausgedehnten Mittelpunktsvilla, die für die Versorgung des gesamten Limesabschnittes zwischen Pfünz und Eining von zentraler Bedeutung war. Die mehrjährigen Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege und der RömischGermanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in dieser Villa, unterstützt von der Stadt Ingolstadt, erlauben weitreichende, neue Einblicke in die Wirtschaftsstruktur und in die Verwaltung des östlichen Limeslandes. Durch die umfangreiche Forschungstätigkeit seit den 80er-Jahren ist die Villa in der Zellau einge-

bettet in eine gut untersuchte, überdurchschnittlich befundreiche Region. Die römische Wassermühle von Etting-Zellau ist aufgrund ihrer hervorragenden Erhaltung ein bislang einzigartiges Zeugnis der Wassernutzung in Mitteleuropa. Die Konservierung der Mühle fand in den Werkstätten des Landesamtes für Denkmalpflege in Thierhaupten und im Stadtmuseum Ingolstadt statt. Die wissenschaftliche Bearbeitung liegt bei der Römisch-Germanischen Kommission. Die Einrichtung des Raumes mit dem Holzbecken der Wassermühle, erläuternden Modellen und den originalen Mühlsteinen im Stadtmuseum wird 2012/13 abgeschlossen sein.

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Kreuzfibel aus vergoldeter Bronze Die seltene Gewandschließe ist der älteste mittelalterliche Fund in der Altstadt Ingolstadts. Zugehörige Siedlungsstrukturen ließen sich nicht nachweisen. Die Fibel war einst vergoldet. Die Glaseinlagen imitierten wohl Smaragde. Fibeln dieses Typs wurden nur an herausragenden

Orten des fränkischen Reiches wie Mainz oder Trier gefunden. Die Kreuzfibel ist die älteste Darstellung des christlichen Kreuzes in Ingolstadt und das archäologische Pendant zur urkundlichen Erstnennung 806.

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Kleines Sandtnermodell Im Auftrag des bayerischen Herzogs Albrechts V. fertigte der Straubinger Schreiner Jakob Sandtner Ende des 16. Jahrhunderts fünf Stadtmodelle im Maßstab von 1: 620 an: München, Ingolstadt, Straubing, Landshut und Burghausen. Es sind die wichtigen Verwaltungsstützpunkte des Landes, sog. Rentmeisterämter. Er nahm vor Ort Maß und schuf so ein regelrechtes „Porträt“ dieser Städte. Die Originale sind

im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen, alle Städte besitzen Repliken dieser wichtigen stadtgeschichtlichen Quelle des 16. Jahrhunderts. Es gibt fünf große originale Modelle und ein kleines – das von Ingolstadt. Es ist eine Miniaturausgabe des großen Modells und eine absolute Rarität. Sandtner fertigte es wohl auf städtischen Auftrag hin an.

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Eckstuhl Der Lehrstuhl Prof Johannes Eck illustriert die reiche Geschichte der Ingolstädter Universität. Das Original ist leider im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört. Der Nachbau zeigt einen Stuhl mit hoher Lehne und schmalem Sitzbrett. Er veranschaulicht die Situation des Lehrens und Lesens an der Universität, wie sie auch auf dem

Epitaph Permetters im Liebfrauenmünster zu sehen ist: Wenige Studenten hören dem Dozenten zu und machen Exzerpte. Johannes Eck war ein profilierter Vertreter des katholischen Glaubens und Gegenspieler Martin Luthers. Er verlieh der Ingolstädter Universität europäischen Ruf.

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Talar des Petrus Canisius Als Petrus Canisius 1597 in Fribourg starb, wurde er in diesen Talar gekleidet. Als er in der Kirche von St. Michael umgebettet wurde, kam der Talar auf Umwegen nach München. Er ist eine Leihgabe der Oberdeutschen Provinz der Jesuiten. In der Vitrine ist auch das Schreibkästchen des großen Theologen und Seelsorgers zu sehen.

Die Jesuiten Petrus Canisius, Jajus und Salmeron kamen 1549 auf Bitten des Herzogs Wilhelms IV. nach Ingolstadt an die Universität. Sie sollten den Theologischen Lehrstuhl übernehmen und reformieren. Canisius ist der zweite Apostel Deutschlands, seine seelsorgerische Tätigkeit war über die Grenzen des Deutschen Reiches berühmt.

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Der Schwedenschimmel Auf diesem Pferd saß König Gustav II. Adolf von Schweden, als er bei einem Erkundungsritt während der Belagerung von Ingolstadt am 30. April 1632 den Festungsmauern so nahe kam, dass ein Schuss der Verteidiger den Schimmel traf. Das Pferd stürzte samt dem König zu Boden

und starb, Gustav Adolf kam mit dem Schrecken und leichten Blessuren davon. Das Pferd wurde nach dem Abzug der Schweden in die Stadt geholt, die Haut über einen Kern aus Hartholz gezogen und als Kriegstrophäe ausgestellt. Der Schwedenschimmel ist heute das wohl älteste Tierpräparat Europas.

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Die Augustinerkirche Dieses Überreste des Bauwerks zeigen die Kirche und das Kloster der Augustiner-Eremiten an der Schutter, die im April 1945 bei zwei Bombenangriffen schwer beschädigt wurden. Die zunächst nur kleine Niederlassung der Augustiner in Ingolstadt hatte 1683 den Status eines Klosters erhalten. 1736 bis 1739 war nach Plänen des berühmten Baumeisters Johann Michael Fischer anstelle des bisherigen Kirchleins eine neue, repräsentative Rokokokirche errichtet worden. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1802 auf-

gehoben und dort ein Aussterbekloster für die bayerische Ordensprovinz der Franziskaner eingerichtet. 1827 wurde es als Kloster wieder gegründet und den Franziskanern übergeben. Beim Bombenangriff kamen insgesamt 71 Personen ums Leben, darunter 53 Flüchtlinge aus Pommern, die im Luftschutzkeller des Klosters Zuflucht gesucht hatten. 1950 wurde die imposante Ruine trotz größerer Widerstände der Bevölkerung aufgrund eines Stadtratsbeschlusses abgebrochen.

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