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Design als Prozess – Wie Schreibgeräte entstehen Mit künstlerischen Beiträgen von Christoph Niemann Design as Process – On the Creation of Writing Utensils With Special Contributions from Christoph Niemann


Inhalt Contents

Illustration: Christ oph Niemann


3 Vorwort Foreword Bernhard M. Rösner

6 Vorwort Foreword

8 Der Designprozess 18 The Design Process  Text: Klaus Klemp

Matthias Wagner K

26 LAMY 2000 Gerd A. Müller 32 LAMY safari Entwicklungsgruppe Mannheim  Mannheim Development Team Wolfgang Fabian 40 LAMY spirit Wolfgang Fabian 46 LAMY accent Phoenix Design 52 LAMY dialog 1 Richard Sapper 56 LAMY pico Franco Clivio 62 LAMY dialog 3 Franco Clivio 68 LAMY studio Hannes Wettstein 74 LAMY noto Naoto Fukasawa 80 LAMY scala sieger design

116 Designer Designers

86 thinking tools by Christoph Niemann

Text: Klaus Klemp

119 Bildnachweis Picture Credits

120 Impressum Imprint

102 Unternehmensgeschichte 110 Company History  Text: Klaus Klemp

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LAMY 2000, Gerd A. Müller, 1966

Zu Beginn der 1960er Jahre ist Dr. Manfred Lamy, damals Marketingmanager, auf der Suche nach einer neuen Strategie, um die Marke LAMY nachhaltig zu positionieren. Die entsprechende Nische findet er im Design: Fasziniert vom Bauhaus, studiert er die Produktwelten von Marken wie Braun und Olivetti, die in dieser Zeit wegweisende Maßstäbe im Industriedesign setzen. So scheint es fast wie eine Art Schicksalsbegegnung, als er kurze Zeit später auf den ehemaligen Braun-Designer Gerd A. Müller trifft. Bald ist ein gemeinsames Projekt definiert: einen Füllhalter in der Tradition des Bauhauses zu gestalten. Der LAMY 2000 ist das erste Schreibgerät von Lamy, das in Kooperation mit einem externen Designer entsteht. Nicht nur im Hinblick auf die zukünftige Formensprache der Marke ist das Modell wegweisend – die Zusammenarbeit mit Gerd A. Müller prägt zudem einen Designprozess, in dem die zwischenmenschliche Kommunikation einen besonderen Stellenwert einnimmt. In the early 1960s, the then Marketing Manager, Dr. Manfred Lamy, was looking for a new long-term strategy that could help establish the LAMY brand’s market position. Design proved to be the niche he was looking for: a great admirer of the Bauhaus, he studied the various ranges of products created by brands such as Braun and Olivetti, who were then developing groundbreaking approaches to industrial design. So it was almost as though fate intervened when shortly afterwards he met a designer formerly employed by Braun, Gerd A. Müller. They soon came up with a joint project: to design a fountain pen in the Bauhaus tradition. The LAMY 2000 was the first Lamy writing instrument to have been produced in collaboration with an outside designer. It was groundbreaking not only in terms of its impact upon the brand’s future design idiom, but also for the way the partnership with Gerd A. Müller forged a design process that put huge value on interpersonal communication.

LAMY 2000 FÜLLHALTER / FOUNTAIN PEN

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LAMY 2000, Gerd A. Müller, 1966

Mit seiner reduzierten Formgebung, die Gerd A. Müller konsequent aus der Funktion ableitet, distanziert sich der LAMY 2000 bewusst von den klassischtraditi­o­n­ellen Schreibgeräten, die Mitte der sechziger Jahre den Markt beherrschen. Er definiert eine Ästhetik des Weglassens, die bis heute stilprägend für alle Produkte der Marke ist. Als gelernter Schreiner und geprägt durch seine Tätigkeit für Braun bringt sich Müller von Anfang an mit einer ganz eigenen Arbeitsweise ein. Statt Entwurfszeichnungen bevorzugt er Holz- und Gipsmodelle, die er selbst anfertigt und bei Lamy vorlegt. So auch beim LAMY 2000, dessen erster Entwurf formal bereits nah am späteren Serien­modell ist, jedoch kaum dessen technische Umsetzbarkeit berücksichtigt. So entsteht der D ­ ialog zwischen Müller und den Konstruk­teuren bei Lamy, die regelmäßig an einen Tisch kommen, bis – nach erstaunlich k­ urzer Entwicklungszeit – die Verwirklichung der kreativen Vision gelingt. Angelehnt an die Optik des SixtantRasierers von Braun schwebt Dr. Lamy und Gerd A. Müller für den LAMY 2000 eine Kombination aus Edelstahl und Makrolon vor. Dieser recht neue Werkstoff liegt zu dieser Zeit im Trend, ist jedoch schwierig zu verarbeiten. Um die gewünschte matte Oberfläche zu erreichen und einen nahtlosen Übergang zwischen beiden Materialien zu schaffen, sind gänzlich neue Verfahren vonnöten, mit denen Lamy auch in der Fertigungs- und Verarbeitungstechnik Maßstäbe setzt.

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Featuring a minimalist design that Müller had developed by following strictly functionalist criteria, the LAMY 2000 signalled a conscious break from the classic and traditional style of pens that dominated the market in the 1960s. It came to define an aesthetic of restraint, which still to this day informs the design of all Lamy products. As a trained carpenter whose skills were honed while working at Braun, Müller was immediately able to contribute his own unique style of work. Rather than design sketches, he preferred wood and plaster models, which he himself made and displayed at the Lamy factory. The LAMY 2000 was no exception: the initial design already closely predicted the form the product would eventually take, although little attention was at this stage paid to its technical feasibility. This brought Müller into dialogue with Lamy’s design engineers over the course of re­gular meetings, until – after an astonishingly brief period of development – they managed to turn their creative vision into reality. Inspired by the look of the Braun Sixtant razor, Dr. Lamy and Gerd A. Müller decided to make the LAMY 2000 using a combination of stainless steel and Makrolon. This relatively new m ­ aterial was in vogue at the time, although it was difficult to process. To create the desired matt finish without any visible joins between the two materials, Lamy first had to come up with completely new procedures and, having done so, set new benchmarks in both the manufacturing and processing stages.


Angelehnt an die Optik des Sixtant-Rasierers von Braun kommt beim LAMY 2000 eine Kombination aus Edelstahl und dem damals neuen Werkstoff Makrolon zum Einsatz. Borrowing from the visual aesthetic of Braun’s Sixtant electric shaver, the LAMY 2000 made use of a combination of stainless steel and the then-new material Makrolon.

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LAMY pico, Franco Clivio, 2001

Ein Schreibgerät zu entwickeln, das kein Füllhalter ist und das Lamy-Sortiment sinnvoll ergänzt – so lautet die bewusst offen gehaltene Aufgabenstellung, als Lamy gegen Ende der 1990er Jahre erstmals Franco Clivio beauftragt. Der Schweizer Designer verfügt zu dieser Zeit bereits über eine beachtliche Sammlung von Alltagsgegen­ ständen, die ihn aufgrund ihrer Funktionalität und technischen Raffinesse faszinieren. Eines dieser Fundstücke, die er auf Flohmärkten, in Trödelläden und Eisenwaren­ geschäften ausfindig macht, wird zum Motivator des LAMY pico: ein gut 100 Jahre altes Schreibgerät, das durch eine Vor- und Rückwärtsbewegung zu voller Länge ausgefahren werden kann. Während der Mechanismus dieses Archetyps jedoch reich­lich umständlich ist und den Einsatz beider Hände erfordert, entwickelt Clivio in Zusammenarbeit mit Lamy einen Kugelschreiber im Taschenformat, der sich auf sanften Druck hin nahezu geräuschlos von klein zu groß ausdehnt. Develop a writing instrument (though not a fountain pen) that represents a meaningful addition to the Lamy collection – this was the brief, deliberately left open to interpretation, that Lamy gave Franco Clivio upon hiring him in the late 1990s. The Swiss designer owned a collection of everyday objects that inspired him by virtue of their functionality and technical sophistication. Among his finds (which he picked up in flea markets, junk stores, and ironmongers) was an item that served as the inspiration for the LAMY pico: a pen made over a century ago that, when moved back and forth, extended to its full length. While this archetype’s mechanism proved very cumbersome and required the use of two hands, Clivio successfully developed in collaboration with Lamy a pocket ballpoint pen that extended near noiselessly from small to large by applying just a small amount of pressure.

LAMY pico KUGELSCHREIBER / BALLPOINT PEN

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LAMY pico, Franco Clivio, 2001

Die Rolle, die Franco Clivio innerhalb des Entwicklungsprozesses des LAMY pico einnimmt, ist bezeichnend für die Art und Weise, wie Schreibgeräte bei Lamy entstehen. Die Aufgabe des Designers ist dabei nicht notwendigerweise auf die reine Gestaltung beschränkt; so liefert Clivio neben dem Entwurf für die äußere Form des LAMY pico auch entscheidende Impulse für dessen technische Umsetzung. Die Mechanik des innovativen Kugelschreibers wird von Lamy entwickelt, wobei ein konstanter Austausch zwischen dem externen Designer und den Kons­ trukteuren des Unternehmens gefragt ist. Es entsteht ein raffinierter Hubmechanismus, den Lamy sich sogar patentieren lässt: Durch leichten Druck verlängert sich das Schreibgerät von 93 auf 124 Millimeter – aus dem kompakten Zylinder wird in Sekundenschnelle ein ausgewachsener Kugelschreiber. Mindestens ebenso schnell lässt sich dieser durch erneuten Druck auch wieder auf Ursprungsgröße bringen. Die Mine versinkt im Inneren, und das Schreibgerät kann – ganz ohne Kappe oder Clip – in der Hosen- oder Handtasche getragen werden. Design und Gebrauchsnutzen sind beim LAMY pico besonders eng miteinander verknüpft. Die Verquickung von Funktionalität und Formgebung reicht bis in die Details. So dient etwa das seitlich an­gebrachte Lamy-Logo dazu, ein Wegrollen des Schreibgeräts zu verhindern. Der LAMY pico bleibt nicht das letzte Schreibgerät, dass Franco Clivio für und mit Lamy entwickelt. Wenige Jahre später

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stellt er sein Geschick für intelligentes Produktdesign mit dem kappenlosen Füllhalter LAMY dialog 3 erneut unter Beweis. Franco Clivio’s role during the develop­ ment of the LAMY pico typifies the company’s approach to writing tools. The designer’s involvement wasn’t restricted to just the design itself: as well as being responsible for the LAMY pico’s outward form, Clivio also had a decisive role in transforming the concept into a working product. The mechanics of this innova­ tive ballpoint were developed by Lamy, requiring a constant exchange of ideas between the external designer and the company’s engineers. The result was a sophisticated (and subsequently patented) lift mechanism: by applying just a small amount of pressure, the pen extends from 93 to 124 mm – within seconds, a com­ pact cylinder is transformed into a fulllength ballpoint pen. Re-applying the same amount of pressure returns the pen to its original size. The refill retracts, so it’s possible to carry the pen inside a pocket or handbag – without the need for a cap or clip. The LAMY pico embodies­ a parti­cularly close synthesis of design and utility. The fusion of functionality and form is even evident in its details: for example, the Lamy logo attached to the side of the pen also provides an anti-rolling func­tion. ­Clivio’s design partnership with Lamy didn’t end with the LAMY pico: a few years later, he again proved his talent for intelligent design by creating a capless fountain pen, the LAMY dialog 3.


Ein altes Fundstück von einem Flohmarkt inspiriert Franco Clivio zur Gestaltung des LAMY pico. Zu Beginn d ­es Designprozesses ist er dabei nicht auf ein b ­estimmtes Schreibsystem festgelegt; es entstehen auch Entwürfe für einen Druckbleistift sowie einen Füllfederhalter im Taschenformat. An old find at a flea market provided Franco Clivio with the inspiration for the design of the LAMY pico. At the start of ­ the design process he didn’t limit himself to a particular writing-implement system; he also came up with designs for ­ a retractable pencil and a pocket-sized fountain pen.

Skizze / Sketch: Franco Clivio

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thinking tools by Christoph Niemann

Die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst zeigt nicht nur, wie Schreibgeräte entstehen, sondern auch, was sie entstehen lassen. Sie sind Werkzeuge, die uns dabei helfen, unsere Gedanken zu fassen und zu formen. In Illustrationen und Skulpturen, die der Künstler Christoph Niemann für Lamy entwickelt hat, nimmt diese Idee Gestalt an.

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The exhibition at the Museum Angewandte Kunst doesn’t just show how writing implements are created – it also shows the creations they facilitate in return. They are the tools that help us to get a handle on our ideas and give them shape. This idea takes form in the illustrations and sculptures that the artist Christoph Niemann has created for Lamy.

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thinking tools by Christoph Niemann

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thinking tools by Christoph Niemann

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Katalogbuch zur Ausstellung im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main Catalogue for the exhibition at the Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

24,00 â‚Ź (D) 35.00 USD ISBN 978-3-89986-256-0

9 7 8 3 8 9 9 862560 >

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