Issuu on Google+

24–28 Ostpreussenstrasse

Ostpreussenstrasse

RAUMGESTALTUNG

24–28

RAUMGESTALTUNG

Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Maianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexande Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze llig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angeika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuwww.ostpreussenstrasse24-28.de ber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stamm-


Ostpreussenstrasse

RAUMGESTALTUNG

24–28

www.ostpreussenstrasse24-28.de


4


RAUMGESTALTUNG – der Idealfall eines Kultursommer-Projekts Dietrich Skibelski, Leiter des Bereichs Kultur der Stadt Ludwigshafen

5 Sommer 2009, Ludwigshafen am Rhein, Ostpreußenstraße 24 – 28, ein Wohnblock hat ausgedient und soll abgerissen werden. Doch bevor es zum Abriss kommt, geschieht etwas Erstaunliches: 26 Künstlerinnen und Künstler aus der Metropolregion Rhein-Neckar erwecken die ca. 20 „dem Untergang geweihten“ Wohnungen noch einmal kurzfristig zu neuem Leben. Aus abgewohnten Wohnungen mit zerschlissenen Tapeten werden Kunsträume, in denen wunderbare Verwandlungen geschehen. Sichtbare Spuren der gelebten Vergangenheit verbinden sich mit künstlerischer Kreativität zu einem Panoptikum der Wunder und der Phantasie. Die einzelnen RAUMGESTALTUNGen, die die Lebensgeschichte der früheren Bewohner mit der individuellen Handschrift der Künstler verbinden, ergeben in aller Vielfalt ein harmonisches Ganzes. Es zieht den Besucher magisch von einem Wohn-Kunst-Raum in den nächsten. Ein Idealfall, ein Glücksfall für den Ludwigshafener Kultursommer, und das aus vielen Gründen: · Künstlerinnen und Künstler der gesamten Metropolregion arbeiten gemeinsam an einem Gesamtwerk, zu dem sie alle ihre eigenen Themen, ihre eigene Formensprache beitragen können. · Das Motto der Veranstalterinnen „Kommunizieren statt kommerzialisieren“ könnte auf den Fahnen des Ludwigshafener Kultursommers stehen. · Die Kunst bricht aus den heiligen Hallen der Museen aus und erobert einen ungewohnten Ort. Viele Menschen, die die Schwelle der herkömmlichen Kunsttempel selten überschreiten, genießen diese ungewöhnliche Präsentationsform in einem Abrisshaus. Den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, insbesondere den beiden Initiatorinnen, der Malerin Christine Hohmann und der Schriftstellerin Margot Hella Scherr gilt der Dank für das vorzügliche Ergebnis, das sie mit ihrem großen Engagement und ihrem künstlerischen Ausdruckswillen zustande gebracht haben. Von solchen Kunstprojekten lebt der Ludwigshafener Kultursommer!


6


Vorwort

7 Die Idee, ein Abrissobjekt künstlerisch zu gestalten, kam uns bei einem Treffen mit befreundeten Künstlern in Berlin. Jenseits von Kommerzialisierung wollten wir in Ludwigshafen ein außergewöhnliches Kunst-Raum-Projekt umsetzen, das mit den Künstlern wachsen und sich entwickeln sollte. Die erste Hürde war genommen, als uns die GAG einen ausgedienten Wohnblock der 60er Jahre zur Verfügung stellte und weitere Unterstützung zusagte. Der Rückbautermin stand bereits fest. Wir entschieden uns sehr kurzfristig für diese spannende Raumdimension mit 24 Wohnungen. Durch Mundpropaganda, also rein zufällig, entstand bis Ende Oktober 2008 die KünstlerInnen-AG. Die Raumverteilung erfolgte nach Wunsch und die Arbeitsskizzen wurden zur Information ausgetauscht. Für die Beteiligten war die RAUMGESTALTUNG eine Hommage auf Zeit an die ehemaligen Bewohner dieser Häuserzeile. Das temporär angelegte Kunstwerk zog die interessierte Aufmerksamkeit der Anwohner auf sich. Über zwei Wochenenden im Juni 2009 war das Kunstprojekt geöffnet. Mehr als 3000 Besucher von nah und fern besuchten die Ostpreußenstraße 24 – 28. Während der Woche fanden Führungen und Aktionen auch für Schulklassen und Kindergärten statt. Der Abriss erfolgte im November 2009. Unser Dank gilt allen Künstlern, die sich auf dieses spontane Kunstprojekt in eigener Verantwortung eingelassen und so zum Gelingen beigetragen haben. Wir danken allen Spendern, Förderern und Sponsoren, für die Unterstützung.

Christine Hohmann

Margot Hella Scherr


Vernissage

8


9


Rahman Al Jabiri Malerei Ludwigshafen

10 Weiß auf Schwarz - Meditation In der Wohnung haben viele Menschen mit den unterschiedlichsten Gefühlen und Gedanken gelebt: da waren Freude und Trauer, Enttäuschung und Abschied. Ich wollte diese z.T. stillen Gedanken in einer meditativen Atmosphäre widerspiegeln. Die Idee dazu erwuchs langsam. Die Böden und Decken aller Räume wurden tiefschwarz gestrichen und mit weißen Buchstaben in arabischer Kalligraphie versehen, die durch Schwarzlicht zum Leuchten gebracht wurden und der meditativen Stimmung eine beinahe mystische Anmutung gaben. Übereinander gestapelte Bücher verliehen dem ganzen mehr Tiefe. Buchstaben und Bücher erschienen mir das passende Werkzeug für meine Installation zu sein. Buchstaben haben in jeder Sprache auch eine rätselhafte Bedeutung. Es gibt immer einen Teil der Sprache, den wir kennen und einen anderen Teil, der uns, beschäftigt wie wir Menschen heutzutage sind, oftmals verborgen bleibt. Meine Idee war es deshalb, diesen im Alltag oft verborgenen Teil der Sprache in einer meditativen Atmosphäre bei Kerzenlicht, Weihrauch und himmlischen Stimmengewirr aus dem „Jenseits“ in mehreren Sprachen, aufzudecken und dem Besucher zu verdeutlichen. Dies hat vielleicht auch dazu geführt, dass der Betrachter, angeregt von der meditativen Stimmung Zeit fand über die Gedanken und Gefühle der ehemaligen Bewohner des Wohnblocks nachzudenken und sich zumindest ansatzweise in deren Lage hinein zu versetzen und deren stille Gedanken zu verstehen.


11


12


13


Florian Naures Al Jabiri Urban Art Kรถln

14 SchwarzAufWeiรŸ


15


16


17


Bahaiden Malerei Mannheim

18 Raum der Wahrheit – Bahaiden Wahrheit erfüllt den Raum. Sinne spiegeln sich im Wort. Gott, Mutter, Heimat, Glaube, Geist charakterisieren die Wahrheit. Ein Spiel der Phantasie. Die Phantasie schwebend im Raum ist wie ein Blick in eine ganze Welt. Jedes Wort, jede Gestalt ist Ende und Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Vorstellungen. Ich möchte Natur in einer anderen Form vorstellen mit anderen Augen betrachten. Die Worte sind nicht nur Worte, sondern Atmen, Sehnsucht, Kindheit. Dinge, die noch nicht erkennbar sind, solche die sich mit einer Art von Geheimnis umgeben. In diesem Raum der Vorstellungen vermischt sich der Geist mit verschiedenen interessanten Bewegungselementen. Es gehört zu der Ästhetik. Das Wort ist Symbol für die naturgegebenen Dinge des Lebens. In diesem Raum trifft man sich mit poetischen Worten. Sprache als Bewegung, ruhige Momente durch Ruhen in sich. Das in sich ruhende Selbst wirkt auf die Familie und Gesellschaft. Dunkelheit – die religiöse Sünde hat hier keinen Platz. Unzerstörte Gesellschaft! Raum mit einer unerkennbaren Themen-Sprache. Ein unbekannter, mystischer – geheimnisvoller Tanz der Worte. Spontanes im Raum, Erinnerung in Erinnerung, Worte in Worte. Alle beanspruchen ihren eignen Raum, keiner macht dem anderen den Raum streitig. Jedes Wort hat seinen Platz. Jedes Wort hat seinen Geist. Die Menschheit hat sich verloren. In diesen Raum geht es nicht darum, ein System zu gestalten. Vielmehr ist die Intension, den ruhenden Punkt in der Natur des menschlichen Geistes zu finden. Jedoch ist die Realität vertreten. Wir finden in den Worten, welche sich durch die verschiedene Räume winden, die kalten Straßen Bagdads, die Tränen Bagdads. Die Schönheit des Paradieses, ein Himmel mit tausenden Fenstern, die kalte Umarmung, ein hässliches Spiegelbild, die zerstörte Geschichte, Sprachlose auf einem dunklen Weg, ein Haus aus der Thora, der Bibel, dem Koran, Mütter, Erde, Himmel, Exil und Wahrheit werden thematisiert.


19


20


21


Tom Baumann Interactive T/RAUM-INSTALLATIONEN Heidelberg

22 Der international, u. a. auch in Japan zu anderen japanischen Themen ausstellende Künstler Tom Baumann, geboren in Heidelberg mit Kunststudium in Berlin in den 80ern, arbeitet multimedial in den Genres Zeichnung, Malerei, Skulptur, Raum-/Objekt-Installation, Performance und Art-Events. Im Rahmen des „Kunstprojektes RaUmgestaltung“ hat er sein Projekt einem asiatischen Thema und Brauch gewidmet: nämlich dem japanischen „Tanabata“-Fest, dass ursprünglich auf eine aus China stammende Liebes-Geschichte zurückreicht. Hier, in seinem sogenannten „Tanabata-Raum der Wünsche“, dem „Room of Wishes“, konnte jeder Besucher in Anlehnung an das japanische Tanabata-Sternenfest, an buddhistische Gebetsfahnen und gute Wünsche zum Geleit, eigene Wünsche auf vor Ort selbst beschrifteten Wunschzetteln hinterlassen und in das inzwischen auf mehr als 2.000 m vom Künstler filigran in Mustern und teils Mandalas angelegte, angewachsene FadenNetz bzw. Art-Labyrinth hängen. Die von ihm in Performance mit Tusche- bzw. Acryl-Malerei und Kalligraphie bemalten Wände wurden von ihm bespannt und miteinander vernetzt, wie die einzelnen Räume der ehemaligen 3-Zi-Familienwohnung, aber auch die vielen Wünsche der zahlreich mitwirkenden Gäste. Unsichtbar im Geiste – sichtbar in den Wunschzetteln – an und mit den Fäden untereinander verbunden. Gemeinsam mit den bereits von hunderten Begeisterten aller Generationen und verschiedener Nationen, vom kleinen Kind bis zur Ur-Oma, schon hinterlassenen Wünschen. Mögen viele der Wünsche in Erfüllung gehen!


23


24


25


Alexander Bergmann Malerei Mannheim

26 Unter dicker Kulturschicht der Geschichte, genau unter dem Haus an der Ostpreußenstraße, lebte einmal ein Steinzeitmensch. Sein Name war Ab. Er lebte in eine Höhle ganz allen: die ganze Familie, die man auch ein Rudel bezeichnen kann, wurde vom Wilden Tieren (es gab damals nur solche) umgebracht. Nur der Ab wurde von einem Büffel gerettet. Als Dankeschön und Erinnerung an seiner Familie hat der Ab sein Leben als Bilder an Höhlenwänden dargestellt, und der Büffel war als Leitfigur überall da zu sehen. Den modernen Wissenschaftlern ist es gelungen den Ab wiederherzustellen. Und er konnte uns seine bemalte „Wohnung“, heute sind es die Kellerräume des Hauses, freundlicherweise, zeigen. Besonders begeistert waren die Kinder, die ohne Pinsel, ohne Farben aus der Dose oder Tube mitwirken dürften und weitere Bilder malen. Und was ist mit dem Ab? Er lebt an einem unbekannten Ort weiter! Da er zu keiner Sozialgruppe gehört, bekommt der Ab ab und zu Aufträge hier und da welche Kellerräume à la Höhlenmalerei zu gestalten und verdient damit seinen Brot, Obst und Gemüse.


27


28


29


Rosieta Braun Malerei Ludwigshafen

30 Die Inspiration zur Gestaltung dieses Raumes schöpfte ich aus den Gedanken, die ich mir über die Bewohner gemacht habe. Ich stellte mir vor, dass auch in diesen Räumen ein fröhliches Miteinander stattgefunden hat. Ich wollte damit die positiven Seiten des Lebens darstellen, wie Freude, Herzlichkeit, Lebenslust, Sinnlichkeit und Erotik. Das Raumbild entwickelte sich wie von selbst, wurde immer weitläufiger und wuchs ins Dreidimensionale. Die Fantasie verselbständigte sich, die erotischen Frauenbilder schienen an den Wänden zu hüpfen, demonstrierten ihre Ausgelassenheit und unbändige Lebensfreude. Der Blumenteppich, an die Flower-Power-Zeit erinnernd, der Aera der sexuellen Freiheit und Freizügigkeit, verband die beiden Dimensionen. Auch die Wortspielereien, die die Malerei erst vollkommen machte, zeigten einen Sinn für Tiefsinniges. Die Welt in diesen Räumen war farbenfroh, lebhaft und energiegeladen. Der Betrachter fühlte sich in eine positive Welt versetzt… die sich leider nur kurze Zeit zeigen durfte.


31


32


33


Silvia Henninger Installation Mannheim

34 „Erinnerungen“ habe ich diese Installation betitelt: Weisse Kleidungsstücke scheinen durch den Raum zu fliegen – an jedem Stück hängt mindestens ein Gedanke oder eine Erinnerung. Festgehalten wird alles durch alte, verrostete aber sehr stabile Eisenstücke. Manche Erinnerungen versuchen hochzukommen, werden aber niedergedrückt. Weiss sind die meisten Stücke – die neutrale Unfarbe kann Heiteres oder Trauriges andeuten. Die Lösung liegt aber im Auge des Betrachters…


35


36


37


Ilse Kory/Wolfgang Himmelmann Malerei/ Architektur, Malerei und Zeichnung Gaiberg

38 Als Künstlerteam wollten wir hier unsere spezifischen Vorbildungen einerseits als Architekt und zum anderen als Malerin und Studentin der Ethnologie einbringen. Unser Beitrag beinhaltet deshalb drei Aspekte. Die Zerstörung von intaktem Wohnraum sollte thematisiert und gleichzeitig den bestehenden Räumen Bedeutung gegeben werden. Durch die Präsentation einer Umbauvariante wurde der ökologische und gesellschaftliche Hintergrund angesprochen und damit die Abrissentscheidung in Frage gestellt. Die Gebäudesubstanz hat sich ohne strukturelle Schäden erhalten. Eine Renovierung mit Grundrissoptimierung und zeitgemäßem Technikkonzept bietet sich direkt an. Die Entscheidung für den Abbruch war also von Unkenntnis oder von Gründen beeinflusst, die im sozialpolitischen Bereich zu suchen sind. Der so informierte Betrachter konnte einen eigenen Standpunkt in der gesellschaftlichen Diskussion einnehmen. Das ehemalige Kinderzimmer wurde zum Schattenkabinett umfunktioniert. Hier zeigte eine Wand einen wilden Kerl, den Gewichtheber Matthias Steiner. Eine Lichtquelle warf den Schatten des Besuchers auf die gegenüberliegenden Wände. Dieser Umriss wurde von den Besuchern mit Kreide festgehalten. So entstanden eine große Zahl sich überlagernder Linien in verschieden Farben. Sie dokumentierten die Anwesenheit und die Teilnahme an der Kunstaktion und werden mit dem Gebäude abgerissen Als Teil einer Seminararbeit an der Universität Heidelberg wurde während der Besuchszeiten eine Umfrage zu der Veranstaltung durchgeführt deren Gegenstand die Situation von KünstlerInnen und die gesellschaftliche Funktion von Kunst war. Die Auswertung ergab eine große Zustimmung für Projekte von KünstlerInnen außerhalb tradierter Kunsträume. Es wurde mit dem Kunstprojekt inmitten eines Ludwigshafener Stadtteils, in dem keine „typischen“ Museumsbesucher leben, also der Zeitgeist getroffen.


39


40


41


Dieter Hoffmann Malerei Mannheim

42 Das Projekt Ostpreußenstraße interessierte mich, weil es die außergewöhnliche Möglichkeit bot, Kreativität am alltäglichen Sujet dingfest zu machen, wenngleich räumlich determiniert und temporär. Gerade darin lag der Reiz, eine Analogie zum Leben selbst… eine Installation von „Leben“. Ich wollte die möglichen Sehnsüchte der Bewohner orten und umsetzen. Es waren Spuren zu finden, Kritzeleien auf der Tapete u. andere kaum auffällige Hinweise, Worte wie Sehnsucht oder Tropenschatz, die ich als Legitimation für meine Umsetzung betrachtete. Ich versuchte zu Ende zu denken, zu überzeichnen, was durchaus trivial und gefällig sein kann. Der Raum wird in einen Dschungel, ein Regenwaldzimmer umgestaltet. Das Zimmer ist nach Norden ausgerichtet, also relativ dunkel, wenig Tageslicht. Von der Decke hängen, an Holzleisten getackerte, dicht an dicht Streifen von grünen, gelben, blauen und weißen Müllsäcken, wie Lianen, bis an den Boden. Die Decke ist, soweit sichtbar, mit Wolken bemalt. An den Wänden ist eine idealisierte Landschaft mit Meeresbucht aufgemalt; der Boden stellt einen Übergang von Land, Meer und Flußlandschaft dar. Auf dem ehemaligen Fenster ist eine überdimensionale, auf Malerfolie gemalte Sonne dargestellt, die durch einen Halogenstrahler von hinten angestrahlt wird. Die Lianen bewegen sich im Wind der Ventilatoren. Das Laub und das Gras duften. Die Dschungelakustik kommt in Endlosschleife in Raumklang. Wir befinden uns weit entfernt vom Wohnblock „Ostpreußenstraße“. Die räumlichen Gegebenheiten, akustische und olfaktorische Signale, werden vom Betrachter als Teile der Installation wahrgenommen. Der Betrachter ist eingebettet in das Kunstsystem, nicht vor einem Bild oder einer Skulptur befindlich, und trägt somit zur Komplettierung des künstlerischen Systems bei.


43


44


45


Christine Hohmann Malerei, Skulptur, Literatur Ludwigshafen

46 Vor jedem Anfang steht ein Ende. Das Ende wird wieder Anfang. So gibt es weder Anfang noch Ende. Alles unterliegt einer permanenten dynamischen Progression. Was bleibt sind Spuren, die aus diesem Prozess generiert wurden. Spuren sind sichtbar oder verdeckt, aber immer existent. Nichts geht verloren. Es wird nur umgelagert oder in einen anderen Aggregatzustand überführt. Fest, flüssig, gasförmig. Das Haus in der Ostpreußenstraße ist diesen Weg gegangen. Die Zeichen der früheren Bewohner werden nach seinem Fall transferiert und in anderer Form weiterexistieren. Diese Spuren und Zeichen in meinen beiden Wohnungen in ihrer ursprünglichen Gestalt aufzudecken und zu demonstrieren, war eine meiner Intentionen bei diesem Projekt. Die weitere bestand darin, unterschiedliche Möglichkeiten des Wohnens, der Be-Hausung des Individuums zu beleuchten. In der „Nikotinhöhle“ erzählen die Wände Geschichten der letzten Bewohner, wie sie sich eingerichtet und gelebt haben. Spuren an den Tapeten, aber auch auf den Röntgenbildern verdeutlichen die Vergänglichkeit und die progressive Dynamik des Seins. Wie z. T. auch in der zweiten Wohnung wurden hier die „vestigia nondum facti“, die „Spuren des NochNicht-Gewordenen“ durch das Objekt an sich verdeutlicht. In dieser Wohnung sind durch Hervorheben und Sichtbarmachen die individuellen An-Zeichen an Wänden und auf dem Fußboden wie ein Menetekel aufgezeigt worden. Das „Kokon-“ und das „Höhlenzimmer“ symbolisieren Be-Hausung differenzierter wie ähnlicher Form. Der Kokon als Schutz- und Entwicklungsrückzugsraum, den das Individuum, sich entfaltend, verlässt. Ebenso als Schutzareal fungiert die Höhle. Schutz vor der feindlichen Um-Welt und Rückzugsmöglichkeit. Die Be-Hausung als Raum der inneren Einkehr, in der sich das Individuum auf sich besinnen kann, das „innere Zimmer“ betrachtend. Durch die gesamte Wohnung führte den Besucher ein auf dem Fußboden befestigter „roter Leitfaden“ aus Wolle und der Aufschrift „von war bis jetzt nach dann“.


47


48


49


Klaus Hopf Maler und Grafiker Mainz

50 Hoffnung als Prinzip Das Haus, die Wohnung, ihre Bewohner bleiben bei aller Spurensuche Fragmente, skizzenhaft bilden sich Archetypen an den Wänden und finden nur teilweise zur Vollendung. An den Wänden sieht der Betrachter archaische Typen, von denen ich mir vorstelle, dass sie in dieser Wohnung gelebt haben. In meinen Bildern zeige ich das Archaische in uns und stelle es zugleich in Frage: Müssen wir wie Kain unseren Bruder töten? Müssen wir aus Machtverliebtheit den Nächsten vergessen? Für mich ist es keine Verleugnung der Realität, diese Fragen zu verneinen. Hoffen heißt für mich: Veränderung ist möglich. Als Mensch und Künstler treiben mich die Prinzipien der Hoffnung und des aufrechten Ganges. Es ist meine Hoffnung, dass sich Menschen nicht Ideologien, kommerziellen Zwängen oder dem Zeitgeist unterwerfen. Dass sie frei, selbstbestimmt und selbstkritisch denken und handeln. Die tägliche Realität zeigt ein anderes Bild: Unter der dünnen Schicht Zivilisation und unserem Wunsch nach menschlichem, kultiviertem und zivilisierten Handeln lauern archaische Wesen. Mit Farbe und Form verweise ich auf das, was möglich sein kann. Öl auf Putz - diese Maltechnik ist zwar sehr kompliziert, aber sie lässt eine einzigartige Tiefe entstehen und ein beeindruckendes Spiel der Farben. Meine Bilder fordern die phantasievolle Interpretation, auch den Widerspruch durch den Betrachter. Auf meinen Bildern kristallisiert sich meine real-utopische Gedankenwelt immer in der menschlichen Figur. Ich bediene mich der anatomischen Maschinerie: der Knochen, Muskeln, Sehnen, Nerven, Adern, um dem menschlichen Wesen ein Bild zu geben. Veränderungen möglich zu machen bedeutet, sich von Konventionen zu lösen. Meine Farbauffassung erweitert den kunsthistorisch akzeptierten Farbkreis um ein nicht mischbares Grün und damit um ungewohnte und reichere Farbkontraste.


51


52


53


KuproG illig & illig Installation Worms

54 besenrein Eine ganze Häuserzeile in der Ostpreußenstraße in Ludwigshafen wird abgerissen. Vor dem Abriss dürfen Künstler nach Verhandlungen mit der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft die Wohnungen zu „Kunsträumen“ umgestalten. Ab dem 06.07.2009 wird das Gebäude vollständig zerstört. Damit diese Zerstörung ordnungsgemäß ablaufen kann, haben die Künstler eine Verpflichtung unterschrieben, nach der die Wohnung besenrein übergeben werden muss. Dies gilt selbstverständlich auch für die Wohnung von B. Rein, die wir mit unserer Installation verschönert haben, obwohl laut BGH – Urteil bei der Vereinbarung „besenrein“ gar keine Verschönerungsarbeiten nötig sind. Dies sind Spuren die B. Rein beim Verlassen der Wohnung hinterlassen hat. Wir weisen darauf hin, dass diese Verschmutzung breits vor unserer künstlerischen Installationsarbeit in der Wohnung vorhanden war… Weiterhin fanden wir Hinweise, dass B. Rein als multiple Persönlichkeit hier unter verschiedenen Namen lebte…


55


56


57


Leo Lute Installation Freiburg/Br.

58 Reflektion des Konsums Nach Jahren belebtem Wohnblock hat es sich „ausgemenschelt“. Den ehemaligen Nachbarn, zerstreut in andere Wohnstätten, bleibt die noch frische emotionale Erinnerung. Die Erinnerungen im Bezug auf Nutz- u. Einrichtungsgegenstände verblassen dabei sicherlich schneller – wer denkt schon freiwillig an den ganzen Zivilisationsmüll der routiniert Tag für Tag entsorgt werden musste. Im Einzelnen geht der Künstler anhand von Gebrauchsgegenständen auf die ursprüngliche Nutzung der ehemals belebten Räume ein. In der KÜCHE symbolisieren Einkaufsbehältnisse zum Transport von Lebensmitteln den täglichen Konsum an Nahrung. Das BADEZIMMER reflektiert anhand von Verpackungsmüll den immensen Verbrauch von Hygieneartikeln. Die Vorstellung welche Mengen Toilettenpapier den Weg in die Kanalisation gefunden hat, ist kaum nachvollziehbar. Textilware, die sich dem Diktat der Mode unterwarf, findet sich im SCHLAFZIMMER. Wie viel Bettgarnituren wurden wohl im Laufe der Zeit gewaschen? Anhand von Ornamentik-Puzzles und Collage-Teilen verdeutlicht die Darstellung von WINDEN, RANKEN & „GEFLEUCH“ Raumnatur Tristesse u. Kargheit mit Farbe bekämpfen die Wände kletternd erforschen Farbe entdecken & die Ecken überwuchern lassen im WOHNZIMMER, dass auch Pflanzen und Tiere sich in der Wohnung befunden haben. Nun sind die Räumlichkeiten verlassen, kahl und nackt. Durch Farbe bekommen sie ein letztes Mal Leben eingehaucht.


59


60


61


Marianne Merz Malerei Mannheim

62 Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt ihm nichts gleich. Laotse, chin. Philosoph 4./3. Jh.v. Chr. Meine „Schleusenbilder“ sind die künstlerische Auseinandersetzung zwischen Natur und Technik: ein Thema, fünfzehn Werkreihen in fünfzehn unterschiedlichen Ausdrucksformen und Techniken, 25 Ausstellungen zu diesem Thema, auch 2006 im Mannheimer Kunstverein. Es geht dabei um die künstlerische Bearbeitung von Nachgiebigkeit und Widerstand, von Grenzenlosigkeit und Intimität, von Flexibilität und Festigkeit sowie von Traum und Realität an der Schnittstelle zwischen Natur und Technik, zwischen endlosem Fließen und fester Form und zwischen Geometrie und der Auflösung oder Verwandlung von Konturen. Zwei Prinzipien befinden sich im Dauerstreit: Wasser und Tor. Die wandgroßen Arbeiten zeigen auf groben Untergründen wie Rauhfaser, Rupfen, Leinwand reliefartig diesen Widerstreit. Die Beziehung zu der Wohnung (3. Etage, links) war die Farbe. Die Wände der Räume waren altrosa, mattgelb und strahlend himmelblau gestrichen. Ich habe darauf mit meinem, seit nahezu 25 Jahren erarbeiteten Thema mit dem Echo des Malers künstlerisch geantwortet. Parallel dazu habe ich mein Video „Canalwasser“ in einer Endlosschleife im abgedunkelten Badezimmer gezeigt. Als Gaudi für Schüler, Kinder und jung gebliebene Erwachsene gab es ein Ratespiel: Wie viele Schiffchen sind insgesamt auf die Wände der Wohnung gezeichnet?“ Das Projekt: „RaUMgestaltung“ hat die einmalige Gelegenheit geboten, Kunst zu erschaffen in einem Ambiente, das dem Vergehen, dem Verschwinden, dem im Widerstreit Unterlegenen überantwortet ist. Es war eine einmalige künstlerische Erfahrung und hat zudem viel Spaß gemacht.


63


64


65


Walter Pfannhuber Zeichnung Mutterstadt

66 Ein leerer Raum ist wie ein weißes Blatt. Und dann ist da die Idee. Die Idee entwickelt sich… …und bekommt ein erste Gesicht. Es entstehen neue Verbindungen, die nach immer neuen Verbindungen verlangen, und beginnen, den Raum einzunehmen. Als ehemaliger Bewohner des Stadtteils ist mir die soziale Situation dort bekannt. Das Wohngebiet war damals als Problemgebiet eingestuft und hatte in dem Bereich Jugendarbeit so gut wie nichts zu bieten. Bei meinem Projekt steht dieses Thema im Vordergrund. Ich habe ein Zimmer, das in Fragmenten noch als Kinderzimmer zu erkennen war, mit weißen Seilen total verspannt und dazwischen stellvertretend Figuren aus Kinofilmen als Projektion der Kinder-und Jugendwelten eingebaut. Mir ging es vorrangig darum, aufzuzeigen, wie eine Medienabhängigkeit mit ihren künstlichen und teilweise realitätsfremden Vorbildern heile Welten vorgaukelt, individuelles Denken und Entwicklung ausgegrenzt und schon gar nicht fördert. Ich muss zugeben, dass mir die Arbeit viel Spaß gemacht hat und die Entwicklung der Installation fast unendlich hätte weitergehen können.


67


68


69


Angelika Ritscher-Engert Malerei, Skulptur Ludwigshafen

70 Denkraum Mein Raum symbolisierte das Hirninnere, ich zeigte visualisierte Denkvorgänge und geistige Zustände. Diese Dreidimensionalität, die normalerweise bei der bildhaften Darstellung nicht wahrhaft erreicht werden kann gab diesem Kunstwerk eine ganz ungewöhnliche Realität. Es war eine sehr bunte und heitere Gedankenwelt, die durch Denkspiralen, Denkwolken, Geistesblitze, Punkte, Quadrate und sonstigen abstrakten Formen den Betrachter in seine eigene Denkdimension transportierte. Logisches Denken und Kombinationsgabe wurde durch auf Wand und Boden aufgeklebte Puzzle-und Memoryteile dargestellt. Dazu passend der Winkel der Erleuchtung… durch brennende Kerzen erhellt. Der Winkel der Verblödung fand seine eigene Sprache in einem Fernseher, sowie Alkoholflaschen, die die fortgeschrittene Verdummung unserer Gesellschaft aufzeigen sollten. Die Herde der Hohlköpfe (rote Luftballons mit Gesichtern) machten es sich in einer Hängematte bequem. Ein Mobile mit schlauen Sprüchen (aus Kleiderbügeln) hing als Denkanstoß von der Decke. Ein Spiegel – Zeichen für Selbsterkenntnis, ein Buch – Mahnmal für Lesefaulheit unserer Jugend… und zum guten Schluss zeigte uns das Brett vor dem Kopf, dass „beschränkt“ sein auch schön sein kann. Das Aussergewöhnliche an dem von mir gestalteten Raum war insgesamt die Tatsache, dass vor lauter Farbfröhlichkeit der hintergründig kritische Aspekt der ganzen Installation nicht offensichtlich war. Man hatte beim Betreten ein wohliges und angenehmes Gefühl… wie es jedes menschliche Individuum in seiner eigenen Bewusstseins-Situation haben sollte.


71


72


73


Hedda Schermer Malerei Mannheim

74 Schon bei der Erstbesichtigung der vielen identischen Wohnungen habe ich versucht, mit die ehemaligen Bewohner vorzustellen. Haben sie sich da wohlgefühlt? Waren sie zufrieden? Hatten sie Träume? Vielleicht den Traum vom wunderschönen Leben irgendwo in Südfrankreich oder Spanien? Oder sind das nur meine eigenen Träume? Die Idee kam dann ziemlich gleich. In einem der Zimmer würde ich diesen Traum für die letzten paar Tage bis zum Abriss sichtbar machen – mit gemaltem Interieur in den Farben des Südens: Sonniges Gelb und mediteranes Blau, üppige Kissen und provencalische Muster, Bistrotische, Strohstühle, Blumen und Palmen in großen Keramiktöpfen usw. Im Vordergrund stand für mich vor allem die Lust am Malen, die ich hier richtig ausleben konnte. Auch hat das ganze sich dann ziemlich schnell verselbständigt: es fehlten noch Bilder an den Wänden und der Boden musste gefliest werden und wenn die Zeit noch gereicht hätte, hätten auch noch Oleanderkübel auf dem Balkon gestanden. Ich war selbst überrascht, wie schnell die Illusion funktioniert hat – es gab für kurze Zeit mitten in Ludwigshafen Siedlung tatsächlich eine wunderschöne, sonnendurchflutete Wohnung irgendwo am Meer, ein Ort zum träumen und wohlfühlen, für mich und auch für andere. Die Ausführung war eine ganz neue und spannende Erfahrung für mich und hat großen Spaß gemacht.


75


76


77


Margot Hella Scherr Literatin Dannstadt-Schauernheim

78 Die Wort Installation „und über allem fließt die Zeit“, fügt sich ambivalent in das betagte Tapeten Flickwerk, in Haus Nr. 28, I. Etage, rechts. Sie belebt meine Initiative „GUCKKASCHDE“ im 20. Jahr neu! Dabei geht es um das Große und das Kleine, um das Innen und das Außen und immer um das „Sein“ zwischen Zukunft und Vergangenheit! Es gibt weder einen Anfang noch ein Ende, auch wenn es manchmal so scheint, das ist die Basis dem Wort eine Behausung auf Zeit zu schaffen. Raum geben – Raum nehmen – Spuren hinterlassen! Doch wohin geht mein Wort? Bei der Umsetzung nutze ich Kommunikationstechnik und unterschiedliche Medien. Alle Texte drucke ich im DIN A4 Format aus, denn keine Handschrift von mir, im üblichen Sinne, hinterlässt hier Spuren, oder ist zum Abriss bereit. Am Eingang steht: „Vorsicht Kunst!“ Ein „Trauertuch“ bedeckt die Wand „AM ANFANG WAR DAS NICHTS UND DAS WAR ALLES…“ „Lebt von den Brosamen…“, duster die Küche, gedrehte Brottüten, „Maden im Speck – Maden im Dreck“. Licht flackert im Tabernakel, „Made in Germany“ an der Wand, „das Wort und das Fleisch – fort Symbiose – fort“ „Vorsicht Kamera!“, Interaktion, Folienabschirmung. 21 Scanner stufen die Wand, Überwachung! Zig Kameras, zig ausgediente Platinen, „Der Mensch Nummer 1“, oder die kolossale „Feste Platte“ der 80er Jahre? Papproboter vor aktivem Monitor: Alles unter Kontrolle!? „Das virtuelle Baby“ fügt sich 20 mal akribisch in das Tapetenmuster: Wunschkind, blond und blauäugig? IQ nach Knopfdruck? „Der Mensch ist bereits erfunden“, „Mein Name ist Maya“! „Der Raum des Seins“ Platz nehmen – sich besinnen – „Ich bin – du bist…, aber wir haben uns nicht…“. Spiegelungen, Ruhe, „Jahr um Jahr vergeht…“. Pong“! Im Nebenraum vertickt die alte Spielkonsole die Zeit! „…UND ALLES IST NICHTS NICHTS WIRKLICH“ steht auf dem Flor.


79


80


81


Martha Scholz Malerei + Objekte Mannheim

82 Rauminstallation „BEKANNT – UNBEKANNT“/eine Begegnung Die Installation bestand aus drei Teilen. Das Ziel war, so viel als möglich von vorgefundenen Spuren, Materialien und Gegenständen („Bekanntes“) in meine Arbeit („Unbekanntes“) zu integrieren. Alle Teile – sofern sie angefertigt werden müssten – sollten an Ort und Stelle möglichst aus Materialien entstehen, die ich in der Wohnung, im Keller und der unmittelbaren Umgebung des Hauses finden würde. Mit Ausnahme der Buchskulpturen und Texte sollte möglichst wenig „Fremdes“ in der Wohnung Einzug halten. Erster Teil: Vorgefundene, herunter gefallene Teile der Deckenverkleidung wurden ebenso an der Decke „herabfallend“ montiert, wie diverse Naturmaterialien aus der unmittelbaren Umgebung des Hauses. Texte von Harry Mulisch (aus: „Die Entdeckung des Himmels“) auf Papierbahnen. Auf diesen Papierbahnen trafen lateinische Schriftzeichen auf in unserem Kulturkreis nicht gebräuchliche: Der jeweilige Text war in einem fremden Alphabet in deutscher Sprache darunter gesetzt*. Die Texte bezogen sich auf Veränderung, Zerstörung und Wiederaufbau. Zweiter Teil: Buchskulpturen In den Büchern, die aus Boden und Wand „wachsen“ oder unter der Decke schweben, kann man nicht mehr lesen. Die Skulpturen bestehen aus echten Büchern, die Kaschierung verweist auf das jeweilige Genre. Das Objekt an der Decke lässt das Licht durch ausgeschnittene Buchstaben aus verschiedenen Alphabeten fallen. Sie ergeben die Worte „du sollst“. Dritter Teil: Außenskulptur Vorgefundenes Gartengerät und allerlei Gegenstände, die sich unter der Treppe fanden. * DANKE an die Kollegen Alexander Bergmann und Rahman Al Jabiri für die Hilfestellung bei der Transliteration in das kyrillische und arabische Alphabet!


83


84


85


Isabelle Semma Installation Heidelberg

86 Ausgelebt! Die Kleidung – Das kleinste zu Hause Die Künstlerin Isabelle Semma zeigt in ihrer textilen Installation einen Raum, der auf den ersten Blick trist wirkt und eine sonderbar abgelegte Emotion trägt. Die alten, schäbigen und abgetragenen Kleidungsstücke finden keine Verwendung mehr, ihre Träger haben sie abgeschrieben und entsorgt. Der Raum in der die Präsentation stattfindet erforscht genau darin seine Parallele. Mit dem Hintergedanken an die ursprünglichste Eigenschaft der Kleidung, bilden die aneinander genähten T-Shirts, Pullis und Hosen eine dreidimensionale schützende Hülle für den Raum. Über die Fragestellungen: Warum macht man Kunst in einem Abrißgebäude?, führt der gedankliche Weg zwangsläufig zu der Auseinandersetzung mit der dem Umfeld und zu der weiterführenden Frage: Was ist wohl in diesen Wohnungen vorgegangen? Wie und warum wurde hier gelebt? „Zeitträger“, so nennt die Künstlerin die an die Wand angebrachten Kleidungsstücke. Durch die angedeutete Bahnsteigsituation lässt Isabelle Semma den Betrachter freie Assoziationen in Richtung Transport finden. Fast zwangsläufig, aber von ihr nicht vordergründig gewollt, stößt der Betrachter, mit Hilfe des visuellen und akustischen Weg, auf den Gedanken an die Deportation der Juden im dritten Reich. Die musikalisch untermalte Aufzeichnung der Kurzgeschichte von Caroliné Semma „Rassismus auf Bestellung“ bildet für Isabelle Semma eine hörbare Unterstützung der ursprünglichen Idee und dem präsentierten Ziel ihres Werkes.


87


88


89


Patris Semma Symbolmultiplizismus (Installation) Heidelberg

90 14826 leaves in the black garden Betritt man die Rauminstallation von Patris Semma, schaut man in eine auf den ersten Blick düster wirkende Gedankenstruktur. Als Betrachter stellt man sich sofort die Fragen : Liegt es am Raum, an der Umgebung an der Thematik, der sich der Künstler widmet? Man will mehr wissen! Man tastet sich voran, hinterfragt und versucht den einheitlichen, leitenden Gedanken zu finden. Eine Verbindung von Malerei, Grafik und Bildhauerei ergibt einen fühlbaren und visuellen Gesamteindruck. Die Farben, die der Künstler wählt werden durch das Schwarz getragen. Vergänglichkeit ist sein immer wieder kehrendes Thema. Schaut der Betrachter in das Raumbild entdeckt er zwei präsente Figuren im Rokokostil gekleidet. Nicht realistisch, sondern fast skeletthaft zeigt der Künstler die Figuren. Grafisch dargestellt scheinen die Gesichter als Schlüsselfunktion zu dienen. Markant ist zum einen der Totenkopf der einen Figur sowie bei der anderen das komplett fehlende Gesicht. Als wäre eine tiefere Botschaft versteckt, malte Patris Semma mit Pigmenten und Wachs, welches sich wie ein Schleier um die Farben legt. Fließende Linien von der Decke herab laufend und mit Blättern ergänzt, stellen sich als Urwald dar. Die gegenüberliegenden Seilinstallationen wirken ebenso wie ein Dickicht. Skurril und etwas unheimlich schockt Patris Semma ein weiteres Mal sein Publikum, um auf einem direkten Weg Emotionen zu öffnen und die Gedanken der Betrachtenden mit neuen Anschauungsmöglichkeiten zu füllen.


91


92


93


Dietmar Stammler Fotografie Lörrach

94 Objekt – Umgebung – Zustand – Fragmente Hinter meinen Fotografien steht offiziell kein dokumentarisches Interesse. Sie haben vielmehr intellektuelle Ansprüche an das Ersichtliche. Ich richte meinen Fokus auf Gegenstände des täglichen Bedarfs, Oberflächen und Strukturen. Mich interessiert der Wechsel zwischen Ursprungszustand und der Veränderung bis zum aktuellen Motiv. Im Übertragenen Sinne kann man dies auch auf die Ostpreußenstraße 24 – 28 projizieren. Der Wohnblock erlebt eine Veränderung. Aus dem Ursprungszustand heraus stellt sich die Frage, was mit dem Wohnblock und der Umgebung weiter geschieht. Ich habe mir die Freiheit genommen bei einigen Motiven den Veränderungsprozess selbst weiterzuentwickeln. Ich lasse verschiedene Betrachtungsweisen zu. Ein Blick nur im Vorbeigehen ist unmöglich. Das Motiv ist eine Aufforderung, sich einzulassen und etwas Neues zu entdecken. Die umfangreichen Motive sind während vieler Rundgänge um das Gelände sowie aus den Wohnhäusern 24-26-28 eingefangen. Die künstlerische Umsetzung nimmt Bezug auf den Themenkomplex UMZUG. Die roten Bilder stellen durch die nach unten auslaufende Papierspitze im übertragenen Sinne den EINZUG und die blauen Bilder durch die nach oben auslaufende Papierspitze den AUSZUG dar. Rot steht hier für den Neuanfang. Die Kombination von Schwarz und Blau sollen die Erinnerungen der Mitbewohner widerspiegeln, die hier – vielleicht – Jahrzehnte gelebt haben und zugleich die Enttäuschung, den Schmerz und die Ungewissheit darstellen, die ein Auszug aus einer gewohnten und liebgewonnenen Umgebung mit sich bringen. Umzug bedeutet aber auch immer Neuanfang. Bei der Passepartout-Darstellung sowie der Umzugskarton-Installation wurden einzelne Fragmente um den Wohnblock und einzelner Wohnungen verwendet. Beim grünen Bild wird ein Riss in der Wand zu einem abstrakten männlichen Aktbild. Der Blick aus dem Fenster bedeutet Leben.


95


96


97


Kinderaktionen

98 Zum Kunstprojekt in der Ostpreußenstraße der Ernst-Reuter-Siedlung, wurde auch die Grund- und Hauptschule so wie die städtische Kindertagesstätte der ERS, zu Führungen und Aktionen eingeladen. Die Gelegenheit Künstler und ihre Arbeitsweise kennen zu lernen, fiel bei Schülern und Lehrern auf fruchtbaren Boden. Die Resonanz war sehr groß. Viele Schüler bekamen auf diese Weise zum ersten Mal in ihrem Leben einen direkten Kontakt zur Kunst. Einzelne Künstlerinnen und Künstler erklärten den Kindern die Hintergründe ihrer Werke. Unter Anleitung der Lehrkräfte wurde der Unterricht verschiedener Klassenstufen der Hauptschule in selbst gewählte Aktionsräume verlegt. Zwei 1. Klassen der ERS-Grundschule gestalteten mit den Lehrerinnen Wände, Fenster und Türen einer 3-Zimmer- Wohnung zu Kunsträumen um. Einmal so richtig großzügig malend, sich ausleben zu dürfen, war für die Kinder ein Riesenspaß und ein besonderes Erlebnis.


99


100


101


G채stebuch

102


103


Abriss

104


105


K端nstlerverzeichnis

106 Rahman Al Jabiri

10

Florian Naures Al Jabiri

14

Bahaiden

18

Tom Baumann

22

Alexander Bergmann

26

Franz Bellmann Rosieta Braun

30

Silvia Henninger

34

Ilse Kory

38

Wolfgang Himmelmann

38

Dieter Hoffmann

42

Christine Hohmann

46

Klaus Hopf

50


107 Constanze Illig

54

Norbert Illig

54

Leo Lute

58

Marianne Merz

62

Walter Pfannhuber

66

Angelika Ritscher-Engert

70

Hedda Schermer

74

Margot Hella Scherr

78

Martha Scholz

82

Isabelle Semma

86

Patris Semma

90

Dietmar Stammler

94

Gisela Witt


Sponsoren

108

Kulturbüro der Stadt Ludwigshafen Stadtkasse Ludwigshafen Stiftung Ludwigshafener Bürger der Stadt Ludwigshafen am Rhein Musik: HANK’S

Percussion Arnd Dumont mit CO2

Sachspenden:

Malerfirmen: Ralf Brütting Chameleon colours ltd. Oskar Weber Peter Witte

Klaus Hopf Walter Pfannhuber Christian Scherr


Impressum

109 Diese Publikation ist ein Dokument zum Kunstprojekt RAUMGESTALTUNG vom 19.06. – 28.06.2009 im Kultursommer Ludwigshafen 2009 Ostpreußenstraße 24-26-28, Ludwigshafen Initiatoren: Christine Hohmann und Margot Hella Scherr in Kooperation mit der GAG Wohnungsbaugesellschaft Ludwigshafen und dem Kulturbüro der Stadt Ludwigshafen

© 2010 Alle Rechte bei den Künstlern und Autoren Die Fotos wurden von den jeweiligen Künstlern zur Verfügung gestellt Herausgeber: Christine Hohmann und Margot Hella Scherr Gestaltung und Satz: w.pfannhuber: DESIGN Druck: flyeralarm GmbH

www.ostpreussenstrasse24-28.de


110


24–28 Ostpreussenstrasse

Ostpreussenstrasse

RAUMGESTALTUNG

24–28

RAUMGESTALTUNG

Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Maianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexande Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze llig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angeika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann · Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stammler · Gisela Witt · Florian Al Jabiri · Rahman Al Jabiri · Bahaiden · Tom Baumann · Franz Bellmann · Alexander Bergmann · Rosieta Braun · Silvia Henninger · Wolfgang Himmelmann Dieter Hoffmann · Christine Hohmann · Klaus Hopf · Constanze Illig · Norbert Illig · Ilse Kory · Leo Lute · Marianne Merz · Walter Pfannhuwww.ostpreussenstrasse24-28.de ber · Angelika Ritscher-Engert · Hedda Schermer · Margot H. Scherr · Martha Scholz · Isabelle Semma · Patris Semma · Dietmar Stamm-


RAUM 2009