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TEX TE UND COMICS ZUR GESCHICHTE DER EHEMALIGEN KOLONIALSCHULE IN WITZENHAUSEN


Comic im Kolonialismus Kolonialismus im Comic „Wie kann ich denn die schwarzen Protagonisten in meinem Comic zeichnen?“ So lautete die nur scheinbar naive Frage von Studierenden bei einem unserer ersten Treffen in der Bibliothek des DITSL in Witzenhausen. Zwischen Bergen von Archivakten und Büchern mussten wir uns mit der eigenen Verantwortung in einem solchen Aufarbeitungsprojekt auseinandersetzen. Es handelte sich nämlich um eine Frage, hinter der sich viel mehr verbirgt als der Wunsch nach Political Correctness. Denn zum gegenwartsbezogenen Unbehagen gesellt sich das historische, das noch wesentlich schwieriger zu fassen ist. Nicht nur ist das koloniale Erbe Deutschlands per se schon mangelhaft aufgearbeitet. Mit den kolonialen Bildwelten – zumeist diskriminierende Darstellungen von Bewohnern der Kolonien – hat überhaupt nie ein wirklicher Bruch stattgefunden. Bis heute nicken die „Vergeltsgottnegerlein“ im Auftrag der christlichen Missionen devot in deutschen Kirchen, und Safaritouristen posieren lieber mit aus europäischer Sicht mäßig bekleideten Massai für ein Foto, als mit dem uniformierten Reiseführer. Die Kolonialzeit hat uns widersprüchliche bildliche Inszenierungen hinterlassen. Fatal ist dabei, dass etwa das Afrikabild gerade nicht von bewusst zur Kenntnis genommenen politischen Karikaturen, sondern viel mehr von tradierten Darstellungen aus Kinderbüchern stammt. Scheinbar harmlose Lurchi-Comics vermittelten seit den 1950er Jahren ein stereotypes Bild von Afrikanern als notorische Kannibalen in einer austauschbaren Savanne. Aus Lurchi bei den Wilden wurde bald schon „Lurchi in Afrika“. Ein neuer Titel immerhin, aber die Klischees und der riesige Kannibalen-Kochtopf blieben. Überall hielten sich Darstellungen von Schwarzen im Bastrock oder aber in wild kombinierten und übergroßen europäischen Uniformen. Im Nachkriegsdeutschland wurde dabei nur konserviert, was vorher auch gesamteuropäisch Standard der Bilder über Afrika war. Hergés „Tim und Struppi im Kongo“ setzte hier sicherlich Maßstäbe: Seine lächerlichen, abergläubischen, ungebildeten und auch gefährlichen afrikanischen Figuren tauchen bis heute immer wieder als modellhafter „afrikanischer“ Einschub in Comics auf. Gerade in Comics wurde der Kolonialismus von Zeitgenossen in höchstem Maße trivialisiert. Dies spiegeln auch die Berichte deutscher Reisender in Afrika wider: Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Kontinent für sie als Heimat von Staaten, Imperien und komplexen Gesellschaften, deren kultureller Reichtum zu erforschen war. Doch in den 1880er Jahren, als das Deutsche Reich spät aber intensiv neue Kolonien in

West-, Ost- und Südafrika in Besitz nahm, endete meist diese von differenziertem Interesse geprägte Begegnung. Afrikaner wurden – auch unter dem Einfluss der biologistischen Suche nach dem Missing Link zwischen Affen und Menschen – zu Körpern reduziert: fotografiert, vermessen, ausgestellt. Aus den vormals Edlen Wilden mit ihrer angeblich unverdorbenen Weisheit wurden dumme, faule und unhygienische Schwarze. Bilder waren deshalb so wirkmächtig für die koloniale Epoche und die nachfolgende Zeit, weil von ihnen Wahrheit, Authentizität und wissenschaftlich fundierte Erkenntnis erwartet wurde. Nicht durch Gespräche wollte man etwas über Afrikaner erfahren, sondern durch die Betrachtung und Untersuchung ihrer Körper. Die Kopfform sollte zum Beispiel Rückschlüsse auf den Grad ihres Intellekts und Ihre Charaktereigenschaften zulassen. Im Orient und im Okzident standen dunkle Hautfarben seit der Antike für Unterwürfigkeit und Sklavenstatus. Wahlweise mussten Religion oder Biologie als Rechtfertigung für die untergeordnete Stellung von Schwarzen herhalten. Und bis heute hat sich im Denken und Handeln vieler Gesellschaften daran wenig geändert. Schwarze waren als „Hofmohren“ Kammerdiener in Europa; in sogenannten „Völkerschauen“ im kolonialen Deutschland wurden sie als Ausstellungsobjekte betrachtet und in den Kolonien als quasi-versklavte Diener, beschönigend „boy“ genannt, eingesetzt. Visuelle und persönliche Begegnungen zwischen Deutschen und Afrikanern fanden zur Kolonialzeit fast ausschließlich unter solchen hierarchischen Verhältnissen statt. Auch die Schüler der Deutschen Kolonialschule schufen sich ihr Bild von den kolonialen Untertanen aus populären Werbezeichnungen, Buchillustrationen oder Fotografien. Ihr Bild von Schwarzen stammte also von Zeichnern und Fotografen, die selbst üblicherweise nie Afrikanern begegnet waren und ihr Bild wiederum von anderen übertriebenen Typen eines Comics entlehnten. Nie ging es darum, sich mit den schwarzen Personen im Comic zu identifizieren. Immer ging es darum, sich durch ein „über sie lachen“ oder durch „Wissenschaftlichkeit“ von ihnen zu distanzieren. Aufgerieben zwischen persönlichem und deutsch-kolonialem Scheitern, zwischen der Realität vor Ort und den Erwartungen zu Hause, versuchten die ehemaligen Kolonialschüler oft panisch zu vermitteln: mit Texten, aber weit mehr noch mit Bildern. Stephanie Zehnle

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Comic im Kolonialismus Kolonialismus im Comic „Wie kann ich denn die schwarzen Protagonisten in meinem Comic zeichnen?“ So lautete die nur scheinbar naive Frage von Studierenden bei einem unserer ersten Treffen in der Bibliothek des DITSL in Witzenhausen. Zwischen Bergen von Archivakten und Büchern mussten wir uns mit der eigenen Verantwortung in einem solchen Aufarbeitungsprojekt auseinandersetzen. Es handelte sich nämlich um eine Frage, hinter der sich viel mehr verbirgt als der Wunsch nach Political Correctness. Denn zum gegenwartsbezogenen Unbehagen gesellt sich das historische, das noch wesentlich schwieriger zu fassen ist. Nicht nur ist das koloniale Erbe Deutschlands per se schon mangelhaft aufgearbeitet. Mit den kolonialen Bildwelten – zumeist diskriminierende Darstellungen von Bewohnern der Kolonien – hat überhaupt nie ein wirklicher Bruch stattgefunden. Bis heute nicken die „Vergeltsgottnegerlein“ im Auftrag der christlichen Missionen devot in deutschen Kirchen, und Safaritouristen posieren lieber mit aus europäischer Sicht mäßig bekleideten Massai für ein Foto, als mit dem uniformierten Reiseführer. Die Kolonialzeit hat uns widersprüchliche bildliche Inszenierungen hinterlassen. Fatal ist dabei, dass etwa das Afrikabild gerade nicht von bewusst zur Kenntnis genommenen politischen Karikaturen, sondern viel mehr von tradierten Darstellungen aus Kinderbüchern stammt. Scheinbar harmlose Lurchi-Comics vermittelten seit den 1950er Jahren ein stereotypes Bild von Afrikanern als notorische Kannibalen in einer austauschbaren Savanne. Aus Lurchi bei den Wilden wurde bald schon „Lurchi in Afrika“. Ein neuer Titel immerhin, aber die Klischees und der riesige Kannibalen-Kochtopf blieben. Überall hielten sich Darstellungen von Schwarzen im Bastrock oder aber in wild kombinierten und übergroßen europäischen Uniformen. Im Nachkriegsdeutschland wurde dabei nur konserviert, was vorher auch gesamteuropäisch Standard der Bilder über Afrika war. Hergés „Tim und Struppi im Kongo“ setzte hier sicherlich Maßstäbe: Seine lächerlichen, abergläubischen, ungebildeten und auch gefährlichen afrikanischen Figuren tauchen bis heute immer wieder als modellhafter „afrikanischer“ Einschub in Comics auf. Gerade in Comics wurde der Kolonialismus von Zeitgenossen in höchstem Maße trivialisiert. Dies spiegeln auch die Berichte deutscher Reisender in Afrika wider: Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Kontinent für sie als Heimat von Staaten, Imperien und komplexen Gesellschaften, deren kultureller Reichtum zu erforschen war. Doch in den 1880er Jahren, als das Deutsche Reich spät aber intensiv neue Kolonien in

West-, Ost- und Südafrika in Besitz nahm, endete meist diese von differenziertem Interesse geprägte Begegnung. Afrikaner wurden – auch unter dem Einfluss der biologistischen Suche nach dem Missing Link zwischen Affen und Menschen – zu Körpern reduziert: fotografiert, vermessen, ausgestellt. Aus den vormals Edlen Wilden mit ihrer angeblich unverdorbenen Weisheit wurden dumme, faule und unhygienische Schwarze. Bilder waren deshalb so wirkmächtig für die koloniale Epoche und die nachfolgende Zeit, weil von ihnen Wahrheit, Authentizität und wissenschaftlich fundierte Erkenntnis erwartet wurde. Nicht durch Gespräche wollte man etwas über Afrikaner erfahren, sondern durch die Betrachtung und Untersuchung ihrer Körper. Die Kopfform sollte zum Beispiel Rückschlüsse auf den Grad ihres Intellekts und Ihre Charaktereigenschaften zulassen. Im Orient und im Okzident standen dunkle Hautfarben seit der Antike für Unterwürfigkeit und Sklavenstatus. Wahlweise mussten Religion oder Biologie als Rechtfertigung für die untergeordnete Stellung von Schwarzen herhalten. Und bis heute hat sich im Denken und Handeln vieler Gesellschaften daran wenig geändert. Schwarze waren als „Hofmohren“ Kammerdiener in Europa; in sogenannten „Völkerschauen“ im kolonialen Deutschland wurden sie als Ausstellungsobjekte betrachtet und in den Kolonien als quasi-versklavte Diener, beschönigend „boy“ genannt, eingesetzt. Visuelle und persönliche Begegnungen zwischen Deutschen und Afrikanern fanden zur Kolonialzeit fast ausschließlich unter solchen hierarchischen Verhältnissen statt. Auch die Schüler der Deutschen Kolonialschule schufen sich ihr Bild von den kolonialen Untertanen aus populären Werbezeichnungen, Buchillustrationen oder Fotografien. Ihr Bild von Schwarzen stammte also von Zeichnern und Fotografen, die selbst üblicherweise nie Afrikanern begegnet waren und ihr Bild wiederum von anderen übertriebenen Typen eines Comics entlehnten. Nie ging es darum, sich mit den schwarzen Personen im Comic zu identifizieren. Immer ging es darum, sich durch ein „über sie lachen“ oder durch „Wissenschaftlichkeit“ von ihnen zu distanzieren. Aufgerieben zwischen persönlichem und deutsch-kolonialem Scheitern, zwischen der Realität vor Ort und den Erwartungen zu Hause, versuchten die ehemaligen Kolonialschüler oft panisch zu vermitteln: mit Texten, aber weit mehr noch mit Bildern. Stephanie Zehnle

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Witzenhausen, Donnerstag 1. Juni 1899

Schluss mit der Politik der gesträubten Schnurrbartspitzen! Ein Spektakel war die feierliche Einweihung der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen am Montag des 29. Mai allemal. Von einem wahren Freudentaumel kann hier jedoch nicht die Rede sein. Der werte Verfasser des am Vortag erschienenen Beitrags hat dem Direktor der ersten Deutschen Kolonialschule, Herrn Fabarius, viel Honig um den Mund geschmiert. Andere, so auch ich, mögen dessen Rede wohl eher als ausschweifendes und überschwängliches Geschwätz empfunden haben, mit dem dieser ehemalige Divisionspfarrer die Witzenhäuser für seinen schwärmerischen, floskelhaften Patriotismus zu gewinnen suchte. Der geneigte Leser wird sich davon doch wohl nicht beeindrucken lassen! Die Deutsche Kolonialschule soll uns den angeblich so ersehnten Platz an der Sonne durch die Ausbildung junger Kulturpioniere, wie Direktor Fabarius die Schüler der neugegründeten Anstalt betitelt, sichern. Damit ist die Institution immerhin fragwürdig – wie überhaupt die gesamte koloniale Unternehmung. Ist denn nicht unser Platz an der Sonne schon heiß genug? Das Kaiserreich besitzt bereits Gebiete wie das Lüderitzland, die Kolonie Togo, das Kaiser-Wilhelms-Land oder den Bismarck-Archipel, um nur einige zu nennen. Wir brauchen nicht noch mehr Kolonien! Inzwischen können wir uns vor Kolonialskandalen kaum noch retten. Ein Beispiel von vielen der Hängepeter, der vor wenigen Jahren in Deutsch-Südwestafrika sein Unwesen trieb. Der deutsche Kolonialenthusiasmus gebiert Auswüchse, welche den verehrten Herrn Vorsitzenden Bebel zu den trefflichen Worten veranlassten: „Wenn Ihre Kolonialpolitik solche Folgen gebiert, dann haben Sie alle Ursache, so rasch als möglich dem ganzen Afrika den Rücken zu kehren und Ihre Zivilisations- und Kulturarbeit hier in Deutschland zu vollenden.“ Betrachtet man die Vielzahl an Fehlentwicklungen in der Kolonialpolitik, so könnte man fast behaupten, die Witzenhäuser Kolonialschule käme zur rechten Zeit: als eine Art Präventivmaßnahme. Denn ginge es nach Fabarius, bräuchten die Neger lediglich gewissenhaftes und entschlossenes Personal, um unsere deutsche Kolonialarbeit in

ruhige, gesicherte Bahn zu lenken und so den kulturlosen Wilden in Übersee den Segen der westlichen Zivilisation aufzuzwängen, wie Bismarck es mit seinen wahnwitzigen Komplizen der europäischen Kolonialpolitik ausheckte! Denn laut Fabarius ist die koloniale Arbeit eine ehrenvolle und tugendhafte Aufgabe, um den fremden Völkern in Übersee eine Hebung ihrer Kultur zu ermöglichen. Hierbei falle dem deutschen Volke, so behauptet es zumindest der Herr Direktor, die herausragende Rolle zu, als Vorkämpfer unserer deutschen Volkswirtschaft und Macht deutsch-christliche Kultur in die Welt zu tragen. Dem sei entgegen gehalten: Was hilft dem deutschen Volk eine Ausbildungsstätte für koloniale Erziehung, wenn doch jedes Wesen kolonialer Politik in seinem eigentlichen Grunde verfehlt ist? Wie schon der Herr Abgeordnete Bebel in einer Rede im Deutschen Reichstag sinngemäß anmerkte: Wo immer wir die Geschichte der Kolonialpolitik der letzten drei Jahrhunderte aufschlagen, begegnen wir Gewalttätigkeiten und der Unterdrückung der betreffenden Völkerschaften, bis hin zu deren vollständiger Ausrottung. Und er hat recht! So ist das wahre Wesen deutscher Kolonialpolitik! Eine Gräueltat. Gefräßige Kapitalisten stürzen sich ohne jedes Unrechtsgefühl auf alles, was Ressourcen und Gewinn bringt, und missachten dabei die schwächeren Völker. So etwas darf keine Unterstützung finden! Selbst Fürst Bismarck bewies den kolonialen Bestrebungen des Reiches gegenüber einst skeptische Vernunft, als er sagte: „Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann, und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.” Der Reichskanzler hatte mit seiner Außenpolitik nicht auf eine Konfrontation mit den Großmächten England und Frankreich gezielt – bis auch er dem Kolonialfieber erlag und sich, gemäß der vorherrschenden, aufgepeitschten Stimmung im Lande, den Forderungen der Kolonialmänner fügte. Genützt hat es ihm nichts. Ausgewechselt hat man ihn, damit der verehrte Herr Kaiser das Reich schneller in die koloniale Aufholjagd hetzen konnte.

„Nur wenn die jungen Leute vor ihrer Aussendung eine längere Zeit unter der Einwirkung edeler, christlich-sittlicher Zucht und deutsch-evangelischen Geistes gestanden haben, ist nicht allein die Aussicht auf gute Bewährung draußen größer, sondern vor allem damit die Möglichkeit geboten, eine sorgfältige Auswahl der Auszusendenden zu treffen, die Ungeeigneten rechtzeitig auszuscheiden, die Unzuverlässigen nur in minder gefahrvolle Verhältnisse zu leiten und die Tüchtigen genau ihrer Eigenart entsprechend für die verschiedenen Stellungen zu empfehlen“. E. A. Fabarius

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Impressum UNIVERSITÄT KASSEL FACHBEREICH GESCHICHTE FACHBEREICH AGRARWISSENSCHAFTEN KUNSTHOCHSCHULE KASSEL KLASSE ILLUSTRATION"UND"COMIC KUNST WISSENSCHAFT

Herausgeber*innen: Dr. Marion Hulverscheidt Prof. Hendrik Dorgathen Gestaltung: Jan Grebenstein Umschlaggestaltung: Jan Grebenstein unter Verwendung eines Bildes von Florian Biermeier Produktion: Wolfgang Korz Lektorat: Juliane Kraus, Johann Ulrich und Benjamin Mildner Druck: Boxan Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und straf bar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverf ilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Bei verwendeten Schülerakten, Büchern, Bildern und Fotos liegen, wenn nicht anders angegeben, die Rechte und der Besitz beim Deutschen Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaf t GmbH. Die Herausgeber*innen des Bandes betrachten den Abdruck der Abbildungen als durch das wissenschaf tliche Zitatrecht gedeckt. Sollten sich Eigner*innen in ihren Rechten verletzt fühlen, bitten wir um Kontaktaufnahme. KLASSE COMIC UND ILLUSTRATION KASSEL 2016 www.illuklasse.de avant-verlag Weichselplatz 3-4 12045 Berlin info@avant-verlag.de www.avant-verlag.de ISBN 978-3-945034-50-7

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HENDRIK DORGATHEN

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Hier endet die Diplomarbeit, ziemlich abrupt. Wegen einiger Rechtschreibfehler und unter Verweis auf mögliche Ergänzungen beurteilt Fabarius die Arbeit als „anerkennenswerte Leistung“ und vergibt ein „gut“.

Interessen der vorigen unter einen Hut bringen, damit aus „Eingeborenen” christliche, profitable Arbeiter werden. Auch seinen Ärger über den teuren Krieg formuliert Gärtner deutlich. Seine Haltung zur britischen Machtpolitik, zu Frankreich als Erzfeind und Vorbild dagegen bleibt unentschlossen und widersprüchlich. Gärtner ringt um sein ideales Ziel: eine friedliche, profitable, gut verwaltete Kolonie – das immerhin ist dem Text abzulesen.

1913 übersiedelt Otto Gärtner nach ‚Südwest’, geht zum Viehzüchten nach Okahandja, heiratet, gründet eine Familie. Dann kommt der Große Krieg, von 1915 bis 1919 gilt Gärtner als verschollen. Als er sich wieder bei Fabarius meldet, spricht er von finanziellen Problemen, gesundheitlich gehe es ihm gut. Im DSWA Adressbuch wird er 1914 aufgeführt als „Gärtner, Otto, Farmer Orutjiwa Post Waterberg“. Bis 1972 wird er im Anschriftenverzeichnis der Ehemaligen Kolonialschüler mit Wohnsitz in Südwestafrika genannt.

Die hier verfassten Diplomarbeiten sind ziemlich vollständig in Witzenhausen vorhanden, schlummern in Archivkisten, sind kaum je gelesen. Der jetzige Geschäftsführer des DITSL erzählt gerne, dass es sie gibt. Sein Hinweis hat unüberhörbar Aufforderungscharakter. Doch was macht man damit?! Gibt es hier einen Schatz zu heben, Gold zu schürfen? Oder ist hier nur verwaltet und dokumentiert worden, was zu dokumentieren war? Diese erste Probebohrung lässt uns unschlüssig zurück.

Was bleibt nach der Transkription bei Johanna? Verwirrung, weil sie hier nicht das vorgefunden hat, was sie sich erhofft hatte? Erst Goldgräberstimmung, und dann nicht viel mehr als ein aus der Literatur ohne Quellenangaben zusammengestoppeltes Sammelsurium gesetzlicher Regelungen, das Zusammenleben mit Einheimischen betreffend? Was bleibt bei mir? Das soll eine Diplom-Arbeit sein? Der Anspruch damals war ein anderer, gewiss, keine Schreibmaschine, kein Internet, keine umfassende Informationsmöglichkeit, nur vage Interpretationen. Eine sozialwissenschaftliche Analyse der kolonialen Ordnung sieht anders aus. Immerhin, Literatur wurde herangezogen, es wurde, wenn auch zaghaft, versucht, wissenschaftlich zu argumentieren, verschiedene Sichtweisen darzustellen und miteinander in Beziehung zu setzen. Klar unterscheidet der Verfasser drei Gruppen von weißen Europäern in den Kolonien: die Siedler, die Missionare und die Vertreter der Verwaltung. Letztere sollen die

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Mir kommt Hanna Arendts Gedanke von der Banalität des Bösen in den Sinn. Inzwischen wissen wir, dass die Verbrechen der Nazizeit auf dem Boden gedeihen konnten, der durch die Denkwelten des Kolonialismus und Imperialismus bereitet war. Vielleicht lässt sich ja aus diesen Diplom-Arbeiten, zusammen gesehen, genauer herauslesen, wie die Menschen damals den Kolonialismus, imperiales Handeln und rassistisches Abwerten, eben das aus rassistischer Überheblichkeit und kolonialer Gier begangene Unrecht rechtfertigten, wie sie daran mitwirkten, davon profitierten. Oder sind die Arbeiten dafür zu naiv? Aber wie naiv darf man sein? Naiv bis zur Grausamkeit? Otto Gärtner fand, dass sich der Krieg gegen die Einheimischen nicht gelohnt hat. Ein zwiespältiges Fazit.

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War Mecki ein Nazi? Nein, Mecki war kein Nazi, aber Wilhelm Petersen (1900-1978) war es. Von den dreizehn Mecki Bilderbüchern stammen zwölf aus seiner Feder. Nur das erste „Mecki im Schlaraffenland“ stammt von Reinhold Escher. Petersen war Untersturmführer der SS, Kriegsmaler der SS und gehörte zur Künstlerprominenz des „Dritten Reichs”. Als ich es erfuhr, war es ein Schock. Die Mecki Bücher waren schließlich eines der frühesten und prägendsten Bilderlebnisse meiner Kindheit. Doch wenn ich sie heute lese, kann ich den Rassismus des Autors nicht mehr übersehen. Wenn man, wie ich, Mitte des 20. Jahrhunderts geboren wurde und in einem der Länder aufgewachsen ist, die am Kolonialismus beteiligt waren, wurde man visuell mit rassistischen Stereotypen aller Art sozialisiert. Kinderbücher, Comics, Werbung und Filme waren voll davon. Erst in den siebziger Jahren erschienen in Deutschland Comics, die solche Klischees nicht mehr bedienten und vorher gebräuchliche Interpretationen und Darstellungen nichteuropäischer Menschen in Frage stellten. Allen voran ist dabei der in Argentinien geborene Italiener Hugo Pratt und seine Figur „Corto Maltese“ zu nennen. Corto Malteses Abenteuer spielen zur Zeit des Kolonialismus und thematisieren die Unmenschlichkeit, Borniertheit und Dummheit der Weißen. Auch stellt Pratt uns schwarze Protagonisten vor, die selbstbewusst, klug und autonom in den Geschichten agieren. Erfreulicherweise hat sich diese neue Sicht allmählich durchgesetzt. Mehr und mehr Comic-Autor*innen beschäftigen sich heute mit Kolonialismus, Migration und Rassismus. Als wir 2014 mit der Arbeit an diesem Buch begannen, war gerade „Papa in Afrika“ von Anton Kannemeyer in Deutschland erschienen. Angesichts der schwierigen Aufgabe, die Geschichte der deutschen Kolonialschule zu erzählen, war der Comic für uns eine große Ermutigung. Wir haben über Kannemeyers Verlag, der inzwischen auch der unsrige ist, Kontakt zu ihm bekommen und fragten, ob wir einen Auszug aus seinem Buch abdrucken dürften. Er sagte sofort zu.

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Leseprobe Raus Rein  

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