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Das Availon-Journal für den markenübergreifenden Windenergie-Service | Mai 2012

Fokus

EEX statt EEG ? Die Direktvermarktung von Strom aus Windenergie wird zunehmend attraktiver. Vor allem im Hinblick auf die 2. Vergütungsstufe des EEG. Ob man nun allerdings direkt an die Leipziger Strombörse EEX muss, welche Möglichkeiten und vor allem welche Risiken es dabei noch gibt, lesen Sie ab Seite 4

wpd: 16 Jahre Erfahrung im Interview. Seite 7

Fachkräftemangel: Gemeinsam und wirksam rekrutieren. Seite 10

München: Vorreiter beim Einstieg vorm Ausstieg. Seite 14


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INHALT | Mai 2012 4

Fokus

Titelthema: Chancen und Risiken jenseits der EEG-Vergütung. 7

Interview

Thomas Mischke: Abteilungsleiter Technik bei wpd windmanager. 10

Wandel

Fachkräftemangel: Bündnis für mehr qualifizierte Arbeitskräfte. 14

Thema

München: Kurs Erneuerbare schon vor der Energiewende.

IMPRESSUM Herausgeber: Availon GmbH · Jacksonring 2 · 48429 Rheine Fon 0 59 71 80 25 - 0 · Fax 0 59 71 80 25 -109 · www.availon.eu Redaktion und Gestaltung: EXPECT MORE Kommunikation GmbH · Breite Straße 4 · 48431 Rheine Fon 0 59 71 80 40 9 - 0 · Fax 0 59 71 80 40 9 -100 · www.expect-more.de V. i.S.d.P.: Dagmar da Costa Fotos: European Energy Exchange AG (S. 2, 6), IfU GmbH ( S. 2, 11, 12 ), Stadtwerke München GmbH (S. 1, 2, 14, 15), Ulrich Wozniak (S. 1, 10), wpd onshore GmbH & Co. KG (S. 1, 8, 9) Copyright: Alle in der ON Service veröffentlichten Beiträge (Texte, Fotos, Grafiken, Logos und Tabellen) sind urheberrechtlich geschützt. Das Copyright liegt bei der Availon GmbH, sofern dies nicht anders gekennzeichnet ist. Nachdruck, Aufnahme in Datenbanken, Onlinedienste und Internetseiten sowie Vervielfältigung auf Datenträgern sind nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch die Availon GmbH gestattet. Auflage: 29.500 Stück

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Fokus

„Deutlicher Mehrertrag

im Vergleich zur EEG–Vergütung.“ Chancen und Risiken der Direktvermarktung von Windstrom.

„In allen Dingen ist der rechte Augenblick für den Erfolg entscheidend“, das wusste schon der griechische Dichter Menandros. Der rechte Augenblick für den Erfolg kam augenscheinlich für die Betreiber von Windenergieanlagen (WEA), als der Gesetzgeber die Möglichkeit schuf, den produzierten Strom direkt zu vermarkten – eine Chance jenseits der EEG-Vergütungssätze, einen deutlichen Mehrertrag zu erzielen. Besonders attraktiv wird diese Option vor allem, wenn die 2. Vergütungsstufe des EEG erreicht ist. Allerdings ist die Direktvermarktung von Strom aus Windenergie alles andere als simpel und sollte daher nur Fachleuten überlassen werden. Zunehmendes Interesse an Direktvermarktung Im Jahr 2009 wurden rund 205 MW an Windstrom direkt vermarktet. Seither ist ein stetiger Anstieg zu verzeichnen, denn 2010 waren es schon 837 MW und allein im Zeitraum von Januar bis Mai 2011 betrug der Anteil an der Direktvermarktung schon 4.182 MW. 1 Analog zu dem gestiegenen Interesse von WEA-Betreibern, gegenüber den EEG-Vergütungssätzen einen Mehrertrag erzielen zu können, haben viele Dienstleister erste Erfah1

Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW).

rungen im Bereich der Direktvermarktung gesammelt. Vor allem bewähren sich solche Unternehmen im Markt, für die die Vermarktung von erneuerbaren Energien schon lange kein neues Thema mehr ist. Erfahrungen schaffen mehr als eine solide Basis Als Tochterunternehmen der EGL AG mit Sitz in der Schweiz ist die EGL Deutschland GmbH auf die Versorgung von Stadtwerken und Industriekunden mit Strom und Gas spezialisiert. Darüber hinaus konzentriert sich das in Leipzig ansässige Unternehmen auf

die Vermarktung von Energie aus Biogas, Biomasse, Wasserkraft, Photovoltaik und Windenergie. „Wir sind in diesem Bereich schon seit 2006 aktiv und verfügen nicht zuletzt durch unser Mutterunternehmen in der Schweiz, das seit jeher auch auf die Vermarktung von Wasserkraft setzt, über ein breit gefächertes Know-how und vielfältige Erfahrungen. Dies kommt uns unter anderem bei der Direktvermarktung von Windenergie zugute. Allein in Deutschland haben wir derzeit mehrere Hundert WEA unter Vertrag“, so Stephan Bohne, Head of Portfolio-Management bei der EGL Deutschland GmbH.


Fokus

Handel ist Aufgabe von Spezialisten Bei der Direktvermarktung von Windstrom an der EEX, der Leipziger Strombörse, nutzt man verschiedenste Handelsverfahren: „So wird beispielsweise der Strompreis stündlich über ein Auktionsverfahren unter Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage ermittelt, die sich in Preiskurven widerspiegeln. Aus dem Schnittpunkt dieser Kurven wird ein Settlement-Preis ermittelt, zu dem der Strom gekauft oder verkauft wird. Im kontinuierlichen Handel hingegen ermittelt man die Preisinformationen quasi sekündlich, was den unmittelbaren, zeitnahen Handel wie beim Aktienhandel erlaubt“, erläutert Stephan Bohne. Deutliche Mehrerträge im Visier Aufgabe der EGL Deutschland GmbH ist es, im Zuge der Direktvermarktung für ihre Vertragspartner an der Börse im Vergleich zu den EEGVergütungssätzen deutliche Mehrerträge zu erzielen. Hierzu nutzt man verschiedenste Modelle. So ermöglicht das Grünstrom-Händler-Privileg, dass Unternehmen wie die EGL Deutschland GmbH Strom aus erneuerbaren Energien für die Zahlung einer beschränkten EEG-Umlage direkt am Markt beziehen. „Über das Marktprämienmodell verkaufen wir Grünstrom aus unterschiedlichsten Technologien an der Börse und steigen somit gegenüber der starren Einspeisevergütung im Sinne unserer Vertragspartner in ein sehr flexibles Modell ein“, berichtet Stephan Bohne. Für seine Aktivitäten im Strommarkt erhält das Unternehmen eine Managementprämie, mit der nicht nur die Koordination an der Strombörse sowie verschiedenste operative

Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Direktvermarktung finanziert werden, sondern die sich auch als Risikoprämie für Prognoseabweichungen und Preisschwankungen versteht. Entwicklung von effizienten Modellen Die EGL Deutschland GmbH setzt bei der Direktvermarktung jedoch nicht allein auf bewährte Modelle. „Unsere Aufgabe ist es, weitere Strategien zu entwickeln, um die Erlösspanne unserer Kunden auszubauen“, betont Stephan Bohne. Eine dieser Strategien ist das sogenannte Partizipationsmodell. Dieses Modell hängt maßgeblich davon ab, wie erfolgreich die EGL Deutschland GmbH im Zuge der Direktvermarktung an der Börse agiert, und ist daher für alle Beteiligten in gewisser Weise auch als erhebliche Motivation zu sehen. „Die größten Windparkbetreiber in Deutschland haben uns im Übrigen bestätigt, dass dieses Modell sehr innovativ, flexibel und erfolgreich ist“, so Stephan Bohne. Gesetzliche Vorgaben sind eine Herausforderung Die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben für die Direktvermarktung setzt je nach Modell eine Reihe an ausgeklügelten Informationssystemen und zuverlässigen Prognoseverfahren voraus, um unter anderem auch den zu erwartenden Windstrom für den Folgemonat abschätzen zu können. Da derartige Systeme und Verfahren eine wesentliche Geschäftsgrundlage für Direktvermarkter bilden, ist es nicht besonders verwunderlich, dass man sich hier nicht tiefer in die Karten schauen lassen möchte.

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Gezielte Vermarktung mit komplexen Lösungen „Wir haben hier eine ganze Fülle an zum Teil sehr komplexen Lösungen, die uns zur Verfügung stehen, und arbeiten darüber hinaus auch mit Dienstleistern zusammen, die uns wichtige Informationen liefern. Wir wissen daher zu jeder Zeit relativ genau, welche Leistung die WEA in unserem Portfolio erzeugen. Wir können auf dieser Grundlage und auf Basis der Kenntnisse über die Preisentwicklung im Markt sowie weiterer entscheidender Faktoren den Strom im Sinne der Betreiber gezielt vermarkten. Im Hinblick auf ein effizientes Risikomanagement müssen wir außerdem in der Lage sein, sehr schnell auf unerwünschte Ereignisse zu reagieren, und unsere Aktivitäten im Handel hierauf ausrichten. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der zeitnahe Informationsaustausch mit den Anlagenbetreibern bei einem Anlagenstillstand.“


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Fokus Jeder Kraftwerksbetreiber hat eine hohe Anlagenverfügbarkeit im Blick Auch wenn der Ausfall einer einzelnen Anlage – abgesehen davon, dass sie stillsteht und somit keine Erträge erwirtschaftet – für die Handelsaktivitäten der EGL Deutschland GmbH keinen nachteiligen Effekt hat, ist es für Betreiber von WEA dennoch nicht unerheblich, sich im Zusammenhang mit der Direktvermarktung beizeiten auch über wirksame Servicekonzepte Gedanken zu machen. Nach Meinung von Stephan Bohne kann es nur im Sinne der WEA-Betreiber sein, eine hohe Verfügbarkeit ihrer Anlagen sicherzustellen – wie jeder andere Kraftwerksbetreiber auch. Kommunikation auf Augenhöhe Bei der Suche nach einem Serviceanbieter sollte sich das Augenmerk vor allem auf geeignete Partner richten, die bei der Vertragsgestaltung explizit die Wünsche ihrer Kunden im Fokus haben und die hierfür zwingend notwendige hohe Flexibilität mitbringen. Dabei gilt die Prämisse „je modularer, desto besser“, denn ein umfangreiches Leistungspaket, aus dem sich ganz gezielt Leistungen auswählen lassen, ist nicht zuletzt auch im Hinblick auf die zu erwartenden Kosten auf den individuellen Bedarf des Betreibers ausgerichtet. Solche Servicekonzepte müssen ergo in die Kalkulation des Betreibers passen, wobei eine Beratung auf Augenhöhe stattfinden sollte. Letzteres gilt insbesondere auch für die EGL Deutschland GmbH: „Je nach Größe unserer Kunden haben wir verschiedenste Modelle für die Direktvermarktung. Selbstverständlich berücksichtigen wir dabei auch Betreiber von Einzelanlagen, die wir in unser Portfolio mit aufnehmen, und bieten somit eine Partnerschaft auf Augenhöhe“, so Stephan Bohne.

Keine Chancen ohne Risiken Die Direktvermarktung von Windstrom eröffnet sicherlich interessante Möglichkeiten mit vergleichsweise höheren Erträgen. Dennoch sollte man auch die Risiken, die jeder Handel an der Börse mit sich bringt, nicht gänzlich außer Acht lassen. So können beispielsweise außergewöhnliche Wetterlagen zu extremen Preisentwicklungen führen und an Tagen mit sehr hoher Produktion von Windstrom zu dem „Merit-Order-Effekt“ und damit zu einer Reduzierung der EEX-Strompreise führen. Dieser Effekt kann dann eintreten, wenn teuer produzierende Kraftwerke durch den Markteintritt eines Kraftwerks mit geringeren variablen Kosten verdrängt werden. Oder einfacher erklärt: Scheint zu Spitzenlastenzeiten die Sonne (z.B. in den Mittagsstunden), können Photovoltaikanlagen, die nur marginal variable Kosten verursachen, teure Öl- oder Gaskraftwerke verdrängen, sodass der Strompreis an der Börse fällt. Erwartungen nicht nur an Mehrerträge erfüllt Andererseits spricht der starke Anstieg bei der Direktvermarktung von Windstrom dafür, dass dies auch auf lange Sicht ein echtes Erfolgsmodell mit kalkulierbaren Risiken für die Windenergie sein kann. Hierzu Stephan Bohne: „Wir haben bislang die Erwartungen unserer Vertragspartner immer erfüllen können, und das nicht nur im Hinblick auf Mehrerträge und damit den erfolgreichen Einsatz unterschiedlicher Vermarktungsmodelle, sondern auch in Bezug auf eine hohe Transparenz gegenüber unseren Kunden.“

Der Strompreis ermittelt sich an der Leipziger Strombörse EEX in verschiedensten Handelsverfahren, z. B. zeitnah, ähnlich dem Aktienhandel.


Interview

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„Verfügbarkeit teilweise oberhalb von Neuanlagen.“ Vor rund 16 Jahren wurde wpd mit dem Ziel gegründet, Windparks in Deutschland zu projektieren. Neben der Eigenentwicklung von Projekten übernimmt die wpd-Gruppe auch den Einkauf und die Übernahme von Standortrechten, die betriebswirtschaftliche Konzeption, die Vertragsgestaltung, die Projektfinanzierung bis hin zur Errichtung und den Betrieb von Windenergieanlagen (WEA). Der Marktführer hat bis dato Projekte mit einer Gesamtleistung von mehr als 2 GW realisiert. Für solche Projekte übernimmt die wpd windmanager GmbH & Co. KG als Teil der Unternehmensgruppe die kaufmännische und technische Betriebsführung von Anlagen. ON Service sprach mit Thomas Mischke, Abteilungsleiter Technik von wpd windmanager, über die wachsenden Herausforderungen bei der technischen Betriebsführung von WEA und der Kooperation mit markenübergreifenden Serviceanbietern, an die wpd windmanager zunehmend höhere Erwartungen knüpft.


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Interview Die rund 120 Mitarbeiter projektieren nicht nur Windparks, sie übernehmen auch die kaufmännische und technische Betriebsführung von Anlagen.

Seit wann existiert wpd windmanager und wie viele Anlagen haben Sie derzeit im Portfolio? Thomas Mischke: Die technische Betriebsführung wurde im Grunde seit den Anfängen der wpd verfolgt und hat sich analog zum Konzernwachstum entwickelt. Seit 2009 sind alle Einheiten, die sich mit dem Betrieb von Windenergieanlagen beschäftigen, unter dem Namen wpd windmanager zusammengefasst. Derzeit betreuen wir mit rund 120 Mitarbeitern circa 1.200 WEA unterschiedlicher Typen und Hersteller sowie Solarparks. Wie haben Sie in der Vergangenheit die technische Betriebsführung Ihrer Onshore-Windparks organisiert? In den Anfangsjahren haben wir sehr viel mit lokal ansässigen Betriebsführern zusammengearbeitet. Der Service für die Windparks wurde in der Regel von den WEA Herstellern übernommen. Die Anforderungen in der technischen Betriebsführung sind permanent gestiegen: kurze Reaktionszeiten, Datenverwaltung, Versicherungsmanagement, Berichtswesen, das gesamte QHSE, Lastmanagement, Direktstromvermarktung sowie viele weitere Aufgabengebiete sind nur einige Beispiele. Mit mittlerweile rund 1.200 WEA erreichen wir zudem gewissermaßen eine kritische Masse, die allein schon personell nicht mehr nur von kleineren Betriebsführungsunternehmen zu bewältigen ist. Außerdem nutzen wir unsere eigenen Teams im Rahmen der technischen Betriebsführung – etwa zur Durchführung von Gutachterbegleitung, Schalthandlungen und Schwingungsmessungen. Darüber hinaus haben wir eine eigene Leitwarte zur Fernüberwachung unserer Windparks sowie eigene Außendienstmitarbeiter für die Windparkbegehungen und natürlich auch unsere Spezialisten, etwa für die Wartung von Transformatoren. Wir legen also großen Wert auf eine entsprechend hohe Qualifikation unseres Personals und eine dynamische Weiterentwicklung unserer Unternehmenseinheit zur ständigen Verbesserung.

Parallel hierzu kooperieren Sie mit verschiedensten markenübergreifenden WEA-Servicedienstleistern? Richtig. Der Servicemarkt hat sich dahin gehend entwickelt, dass sich die Anbieter zunächst auf ganz bestimmte Anlagentypen konzentrierten. Ausgehend von dieser Basis, wurde das Portfolio dann auch auf Anlagentypen weiterer Hersteller ausgedehnt. Was ist Ihnen bei der Auswahl eines Servicedienstleisters wichtig? In erster Linie dessen Kompetenz. Unsere Partner müssen die Technik der von ihnen betreuten Anlagen wirklich beherrschen. Ziel unserer Kooperationen mit unabhängigen Serviceunternehmen war es von Anfang an, eine im Vergleich zu den Anlagenherstellern bessere Performance der WEA zu erzielen. Hierzu benötigten wir zuverlässige Partner, die die Anlagen mit hoher Verfügbarkeit zu einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis am Netz halten konnten. Was sprach in der Vergangenheit und spricht vielleicht auch heute noch dagegen, solche Aufgaben den WEA-Herstellern zu überlassen? In der Vergangenheit hatte man das Gefühl, als Kunde bei den Herstellern nicht den eigentlich zu erwartenden Stellenwert einzunehmen. Man wurde wahrgenommen, wenn es um den Kauf von Neuanlagen ging, aber nicht beim Service. Hier wurde man relativ schnell alleine gelassen.

Hat sich das mittlerweile geändert? Auch die Hersteller haben die Relevanz von Serviceleistungen als wesentlichen Beitrag zum Unternehmensergebnis erkannt. Konnten hier die Hersteller von unabhängigen Servicedienstleistern lernen? Ganz sicher. Ich war vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung, bei der ein Vertreter eines großen Anlagenherstellers vor versammeltem Auditorium sagte, man müsse den unabhängigen Servicedienstleistern für das Umdenken in den Konzernen danken, die nun die Bedeutung von Serviceleistungen erkannt hätten und den Wettbewerb aufnehmen wollten. Ich möchte noch mal ihre Aussage aufgreifen, markenübergreifende Serviceunternehmen müssten die von ihnen betreuten Anlagen technisch wirklich beherrschen. Welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach die Fähigkeit eines solchen Anbieters, die Anlagen mit Blick auf ihre Gesamtbetriebslaufzeit auch auf den neuesten technischen Stand zu bringen? Das wird immer wichtiger. Wie wir sehen, sind unabhängige Servicedienstleister in der Lage, die technische Verfügbarkeit der Anlagen in unseren Windparks sehr hoch zu halten. Diese liegt immerhin teilweise konstant oberhalb der garantierten Verfügbarkeit von Neuanlagen. Bei den Anlagen, die sich im elften oder zwölften Betriebsjahr befinden, kommen wir jetzt natürlich in eine Phase, in der Upgrades und


Interview andere technische Verbesserungen eine hohe Verfügbarkeit auch für die nächsten zehn bis 15 Jahre gewährleisten können. Das sind die anstehenden Herausforderungen, denen wir uns gemeinsam mit unseren Servicepartnern stellen müssen. Welche Rolle spielt dabei ein Serviceanbieter, der auch Großkomponenten selbst entwickelt? Das hängt davon ab, ob eine solche Leistung immer auch in das Konzept eines spezifischen Windparks respektive in die Planung von Investoren, Gesellschaften oder Fonds passt. Energieversorgungsunternehmen oder Stadtwerke sind sicherlich in der Lage, Investitionen in dieser Richtung zu tätigen. Bei einem klassischen Publikumsfonds mit entsprechend langer Laufzeit und geringerer Liquidität sehe ich da im Augenblick eher weniger eine Bereitschaft. Und letztlich ist es dann auch die Frage der technischen Notwendigkeit. Welche Servicevereinbarungen präferieren Sie im Zuge der Kooperation mit Serviceunternehmen? Eine spannende Frage. Ich präferiere in diesem Zusammenhang erst mal gar nichts, denn meine eigene Einschätzung ist hier eigentlich nicht ausschlaggebend. Die entscheidende Frage müsste eher lauten: Welches Produkt bzw. welche vertragliche Vereinbarung benötigt ein bestimmter Windpark und was ist daher finanziell sinnvoll? Letztlich kommt es auf den Anspruch der Investoren an, für die wir aufgrund unserer Marktkenntnisse die optimalen Produkte finden müssen. Natürlich sind mir entsprechende Pauschalprodukte oder -angebote im Markt bekannt. Es muss aber meiner Meinung nach möglich sein, den Vertrag eines Anbieters derart zu modifizieren,

dass er optimal zu einem spezifischen Windpark bzw. zu den Interessen der Investoren passt. Wenn ein großer Windparkeigner eine sichere Rendite erwartet, dann kann ein Vollwartungsvertrag mit einem modularen Konzept und gedeckelten Kosten eine optimale Lösung sein. Für einen Publikumsfonds, der ebenfalls gewisse Renditeerwartungen hat, wäre ein solcher Vertrag vielleicht falsch, wenn die Kosten hierfür letztendlich einen Großteil der zu erwartenden Rendite auffressen. Wenn wir einmal auf die windschwachen Jahre zurückblicken, ist es dann nicht besonders wichtig, gerade jetzt in entsprechende Serviceleistungen zu investieren, um eine hohe Verfügbarkeit und damit sichere Erträge zu gewährleisten? Da gebe ich Ihnen recht. Das wirklich Spannende im Servicemarkt ist aber, dass sich mit dem Wachstum der herstellerunabhängigen Dienstleister auch ein zunehmender Wettbewerb entwickelt hat. Der Markt präsentiert sich daher momentan aus meiner Sicht sowohl im Hinblick auf die Leistungen als auch auf die Komponenten in einer guten Phase, um Verträge neu abzuschließen oder zu investieren … wpd windmanager ist auch international aktiv. Hat die Wahl eines herstellerunabhängigen Dienstleisters, der über die Grenzen Deutschlands aktiv ist, für Sie Vorteile? Dies kann schon von Vorteil sein. In den Ländern, in denen wir aktiv sind, arbeiten wir mit entsprechenden Landesgesellschaften zusammen. In diesem Zusammenhang merken wir häufiger, dass diese Gesellschaften in der Kommunikation mit den Servicedienstleistern

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vor Ort an gewisse Grenzen stoßen. Erhalten wir entsprechende Rückmeldungen, können wir reagieren und erzielen dann auch Ergebnisse, die dem Niveau unserer Zusammenarbeit mit deutschen Servicepartnern entsprechen. Erleichtert es Ihre Arbeit, wenn ein Serviceanbieter, z. B. für den Großkomponententausch, Komplettangebote offeriert? Unsere Aufgabe ist es, für einen Windpark sowohl technisch als auch finanziell die optimale Lösung zu finden. Sicherlich verringert sich der Organisations- und Kommunikationsaufwand, wenn ein Dienstleister ein Komplettpaket, also Getriebe und Getriebetausch, anbieten kann. Das muss dann auch kostenseitig nicht immer die günstigste Lösung sein, wenn ich feststelle, dass es bei zwei oder mehreren Anbietern, die solche Lösungen getrennt offerieren, Probleme oder Risiken geben könnte. Wie wird sich der Onshoremarkt in Deutschland weiterentwickeln und welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund auch die zukünftige Vergütung über das EEG? Wir sehen eine konstante Fortentwicklung des Onshoremarktes. Repowering bietet uns u. a. große Chancen für die Zukunft, denn leistungsfähigere Anlagen bedeuten eine größere Energieausbeute. Gleichzeitig verringern sich durch die Installation von Neuanlagen auch die Belastungen für die Umwelt und die Bevölkerung, da die meisten neuen Anlagen wesentlich geringere Geräuschemissionen haben. Mit den regenerativen Energien haben wir mittlerweile eine Größenordnung erreicht, die hinsichtlich Verfügbarkeit und zuverlässiger Technik durchaus konkurrenzfähig zur konventionellen Energieerzeugung ist. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung einer EEG-Grundvergütung unbedingt wünschenswert, denn sie gibt die entscheidenden Anreize, damit sich die regenerativen Energien besser in die Stromnetze integrieren. Beispiele hierfür sind die Eismannregelung oder der Systemdienstleistungsbonus. Hätte es solche Anreize nicht gegeben, würden sich heute viele WEA vielleicht nicht so positiv im Netz verhalten, wie es für die Netzstabilität zwingend erforderlich ist. Herr Mischke, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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Wandel


Wandel 11

Verbünden macht stark. Wirksame Strategie gegen Fachkräftemangel.

Nach wie vor besteht ein hoher Bedarf an Fachkräften in der Windenergieindustrie. Da der deutsche Arbeitsmarkt aufgrund erfreulich niedriger Arbeitslosenquoten diesen Bedarf vor allem in ganz bestimmten Regionen nicht mehr decken kann, müssen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen aktiver werden. Tatkräftige Unterstützung erhalten sie vom Institut für Unternehmensentwicklung (IFU) der Akademie Überlingen mit Sitz in Osnabrück, das sich seit Neuestem auch auf die Rekrutierung von Fachkräften bzw. qualifizierten Arbeitskräften aus Spanien für die deutsche Windenergiebranche konzentriert.

Nach einer Studie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) aus dem Jahr 2011 haben im Untersuchungsjahr 2009 knapp 100.000 Beschäftigte allein in der Onshore-Windenergiebranche gearbeitet, wobei alle Bundesländer hiervon profitierten. Je nach zugrunde liegendem Szenario könnten nach Aussagen der GWS bis 2030 über 165.000 Menschen in der Offshore-Windenergie arbeiten. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wirksame Strategien gefordert „Einfach nur Fachkräfte mit einem begleitenden Sprachkurs aus dem Ausland anzuwerben, funktioniert nicht, das haben die Erfahrungen aus der Vergangenheit hinreichend bewiesen. Hiervon insbesondere betroffen sind Unternehmen mit hohen technologischen Anforderungen und Innovationskraft, wie aus der Windenergiebranche. Die ganze Sache ist weitaus komplexer, wenn es darum geht, Bewerber bspw. aus Spanien zu rekrutieren. Hier müssen wirksame Strategien und Konzepte her, die sowohl den Bewerbern als auch den Unternehmen langfristig helfen. Eine Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft von Unternehmen, ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zu leisten“, erklärt Markus Reinermann, Verbundmanager des IFU.

Eigene Strategie gegen Fachkräftemangel in der Windenergie Das Institut ist seit mehr als drei Jahren unternehmensnah aufgestellt und bietet als klassischer Träger beruflicher Bildung ein breit gefächertes Spektrum an Dienstleistungen für Unternehmen an. Vor dem Hintergrund eines dramatisch zunehmenden Fachkräftemangels hat das Institut nun eine wirksame Strategie entwickelt, um qualifizierte Arbeitskräfte und Fachkräfte aus Spanien für Unternehmen aus der Windenergie in bestimmten Regionen Deutschlands zu gewinnen.

Sieht Rekrutierung als gemeinsame Verantwortung: Markus Reinermann, Verbundmanager des IFU.


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Wandel Nicht auf die Politik warten Anstoß hierzu gab WindWest, ein Netzwerk, das im Jahr 2009 auf Initiative der Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft für Rheine, der Gemeinde Salzbergen und Windenergie-Unternehmen aus der Region gegründet wurde. Auch das IFU gehört seit Ende 2011 zu diesem Netzwerk. „Verbünden heißt die Devise, wenn es darum geht, den Personalmangel zu bekämpfen. Vergegenwärtigt man sich die demografische Entwicklung, wird die Situation in Zukunft nicht besser. Und auch auf die Politik sollte man nicht warten, sondern selbst aktiv werden. Aus diesem Grunde wollen wir in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zunächst im Emsland und nördlichen Münsterland im Bereich Recruiting ganz gezielte Maßnahmen ergreifen“, so Martin Brink, Geschäftsführer des IFU. Spanien bietet enorme Potenziale Während in Deutschland in einigen Regionen kaum noch Fachkräfte zu bekommen sind, sieht die Situation in Spanien mit einer Arbeitslosenquote von rund 50 Prozent bei den unter 25-Jährigen ganz anders aus. Es gibt dort derzeit eine Vielzahl besonders gut ausgebildeter, aber erwerbsloser Arbeitskräfte mit einem hohen Anteil an Universitätsabschlüssen. Da diese und weitere Abschlüsse auch in Deutschland anerkannt werden, besteht nach Einschätzung des IFU der immense Wille, u. a. in Deutschland zu arbeiten.

Wird lieber selbst aktiv, statt auf die Politik zu warten: Martin Brink, Geschäftsführer des IFU.

Ökonomisches Engagement der Unternehmen erforderlich Voraussetzung, diesem Willen auch konkrete Taten folgen zu lassen, ist zunächst, dass Unternehmen, die aufgrund ihrer Größe keine eigene Personalentwicklung mit entsprechenden Organisationsstrukturen haben, auch mit ökonomischen Mitteln ihren Beitrag dazu leisten, qualifizierte Arbeitnehmer von der Iberischen Halbinsel zu gewinnen. „Unsere langjährigen Netzwerkerfahrungen vor allem in der Metallindustrie und Logistikbranche belegen die Bereitschaft der Unternehmen, hier mit Investitionen aktiv zu werden“, berichtet Martin Brink. Wirksames Konzept auf Basis jahrzehntelanger Erfahrungen Entscheidend flankiert werden soll dieses Engagement durch das Konzept „Auftragsorientiertes Personaltransfer- und Integrationsmanagement (APIM) spanischer Fachkräfte“ vom IFU, wobei die Unternehmen vor allem von den mehr als 40 Jahren Erfahrung der

Akademie Überlingen bei der beruflichen Qualifizierung auch ausländischer Arbeitnehmer profitieren. Gezielte Suche anhand von Stellenprofilen Den Aktivitäten für ein Personalrecruiting in Spanien gehen zunächst Bedarfsmeldungen der Unternehmen an das IFU voraus. Hierzu Martin Brink: „Anhand von konkreten Stellenprofilen können wir dann in Spanien sehr gezielt nach geeigneten Bewerbern suchen. Hierzu werden wir mehrere Regionalagenturen im Wesentlichen im Süden und Südwesten Spaniens aufbauen, in denen sich entsprechend ausgebildete Mitarbeiter um die Personalakquise und -auswahl kümmern. In diesem Zusammenhang kommen uns die Kontakte und der intensive Austausch mit der spanischen Botschaft in Berlin und dem spanischen Konsulat in Hannover sehr entgegen, denn unser Ziel ist eine seriöse, bilaterale Beziehung zu den spanischen Behörden.“ Gezielte Vorbereitungen bereits im Heimatland Mit der reinen Auswahl potenziell geeigneter Fachkräfte ist es allerdings nicht getan. Vielmehr müssen die Bewerber bereits im Heimatland sehr gezielt darauf vorbereitet werden, was sie später in Deutschland erwartet. „In der Vergangenheit gab es hierzu bestenfalls einen Sprachkurs. Neben der Vermittlung erster Sprachkenntnisse weitaus wichtiger ist aber, den Menschen Grundlagen für eine interkulturelle Kompetenz zu vermitteln und hierbei die Bewerber auf die Eigenheiten des deutschen Arbeitsmarktes vorzubereiten. Dazu gehören nicht nur typisch deutsche Tugenden, sondern auch die Vorbereitung auf die Organisations- und Unternehmensstrukturen deutscher Unternehmen, in denen sie später eingebunden werden. Hierbei spielen nicht allein die Qualifikationen des Bewerbers eine Rolle, sondern auch weitere persönliche Faktoren. Wir achten daher sehr darauf, dass die zukünftigen Mitarbeiter auch zu den einzelnen Unternehmen passen. Letztendlich sind solche spezifischen Anpassungsmaßnahmen im Heimatland ein Garant für eine gelungene Integration der Bewerber, sowohl was das Land als auch den Arbeitsplatz anbetrifft. Niemandem ist letztendlich gedient, wenn die Fachkräfte nach kurzer Zeit bereits resignieren und nach Spanien zurückkehren“, betont Martin Brink. Parallel zu diesen Vorbereitungen in Spanien müssen außerdem spezifische Formalien, darunter auch die Wohnungssuche, Anmeldungen bei Behörden etc., geregelt werden, damit der Wechsel der Bewerber nach Deutschland möglichst reibungslos verläuft.


Wandel 13 Vertiefende Maßnahmen in Deutschland Sind die zukünftigen Mitarbeiter dann in Deutschland angekommen, ist nach Aussage von Martin Brink insbesondere in den ersten drei Monaten sehr viel zu organisieren, damit ihre Integration wirklich erfolgreich verläuft. In dieser Zeit, in der auch die Sprachkenntnisse und die interkulturelle Kompetenz vertieft werden, beginnt die fachspezifische Vorbereitung respektive die betriebliche Einarbeitung der Mitarbeiter. „Geplant ist, in diesem Bereich sehr eng im Rahmen von Mentorenprogrammen mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten. Viele Aktivitäten können dabei durchaus parallel laufen. So kann die fachspezifische Qualifikation teilweise in unserem Institut und darüber hinaus direkt in den Unternehmen erfolgen. Diesbezüglich prüfen wir derzeit zudem potenzielle Fördermöglichkeiten wie auch weiter gehende Programme, z. B. von der Bundesagentur für Arbeit.“

Die Akademie Überlingen ist eine der größten und modernsten Schulungseinrichtungen in Deutschland. An 35 Standorten in Niedersachsen, Bremen, NordrheinWestfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterhält die vor 43 Jahren am Bodensee gegründete Akademie zurzeit mehr als 2.500 Schulungsplätze. Seit Gründung im Jahr 1969 hat die Akademie Überlingen rund 100.000 Menschen umgeschult und weitergebildet. Das Institut für Unternehmensentwicklung (IFU) der Akademie Überlingen ist seit drei Jahren im Bereich der beruflichen Qualifizierung in einer Vielzahl von Branchen aktiv, darunter in den Bereichen Pflege, IT, Touristik/Gastronomie, Metall und Logistik. Das IFU verfügt derzeit über 20 feste Mitarbeiter und über 50 freie Berater und hat, wie die Akademie Überlingen, seinen Hauptsitz in Osnabrück. Regionalstandorte gibt es in der Grenzregion NRW/Niedersachsen in Rheine und Lingen sowie in Braunschweig (Niedersachsen) und Wernigerode (Sachsen-Anhalt).

Persönliche, soziale und berufliche Integration im Fokus Damit eine dauerhafte Integration bzw. eine auf alle Ebenen bezogene Eingliederung der Mitarbeiter für die Zeit ihres Aufenthalts in Deutschland sichergestellt werden kann, ist es notwendig, sie über die Anfangsphase hinaus im Alltag zu begleiten. Dies geschieht durch einen Integrationsberater, den Martin Brink auch „Kümmerer“ nennt: „Der Begriff ist für diese Person deshalb so treffend, weil er sich tatsächlich um alles kümmern soll, sowohl was die persönliche als auch die berufliche und soziale Integration des Mitarbeiters betriff t.“ Weitere Unternehmen gesucht Das Konzept des IFU im Kampf gegen den Fachkräftemangel in der Windenergieindustrie steht. In Spanien ist derzeit bereits eine Agentur tätig, die potenzielles Personal akquiriert und auswählt. „Im Laufe des ersten Halbjahres 2012 wollen wir mit ganz konkreten Qualifizierungsmaßnahmen beginnen. Allerdings benötigen wir noch weitere Unternehmen, die sich an

diesem Projekt beteiligen möchten, um unserem Vorhaben langfristig eine sichere Basis zu geben. Momentan konzentrieren wir uns hierbei auf das Emsland und das nördliche Münsterland. Wir sind aber offen dafür, das Projekt bei Bedarf auch überregional auszudehnen. Daher würde ich mich freuen, wenn sich weitere Interessenten bei uns melden“, so Martin Brink.

organized by VDI Wissensforum

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Maintenance of Wind Turbines May 8 th and 9 th , 2012 • Hamburg, Germany Organized by VDI Wissensforum | www.vdi.de/maintenance | Phone +49 211 6214-201 | Fax +49 211 6214-154

SSourc So urcc e: A Av ailon GGmbH mbH m bHH

International VDI-Conference 2012


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Thema

Wirtschaftlichkeit und Flexibilität im Fokus. Stadtwerke München: Engagement in Windenergie schon lange vor dem Atomausstieg.

Mit Blick auf die Energiewende werden kommunale Energieversorger zukünftig eine entscheidende Rolle einnehmen, wenn es um Investitionen in Erzeugungsanlagen aus regenerativen Energien geht. Bislang haben die Stadtwerke zu einem Großteil lediglich Energie vertrieben. Nun entwickeln sie selbst tragfähige Geschäftsmodelle zum Aufbau eigener Kraftwerkparks. Den Stadtwerken München (SWM) kommt hierbei sicherlich eine Vorreiterrolle zu, denn sie initiierten – noch lange bevor der Begriff Energiewende „en vogue“ war – die sogenannte Ausbauoffensive Erneuerbare Energien.

„Im Jahr 2008, also noch lange bevor die Energiewende in Deutschland durch die Katastrophe von Fukushima ein Thema wurde, starteten wir unsere ‚Ausbauoffensive Erneuerbare Energie‘ “, erklärt Thomas Eisele, Leiter Operatives Beteiligungsmanagement bei den SWM. Das Unternehmen, zu 100 Prozent in kommunaler Hand, hat sich mit dieser Offensive ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2025 wollen die SWM so viel Ökostrom produzieren, dass der Gesamtenergiebedarf der Millionenstadt München gedeckt werden kann – immerhin 7,5 Mrd. kWh pro Jahr.

Thomas Eisele: Leiter Operatives Beteiligungsmanagement bei den Stadtwerken München.

Verstärkter Blick auf die Windenergie Im Rahmen des ambitionierten Programms setzt der kommunale Energieversorger auf einen gesunden Energiemix aus Wasserkraft, Geothermie, Solarenergie und Photovoltaik, Biogas und Windenergie. „Angesichts unserer hohen Zielsetzungen liegt unser Fokus aber eindeutig auf der Windenergie“, so Thomas Eisele, Geschäftsführer der Onshore-Windparks, die sich im Portfolio der SWM befinden. Das erste Portfolio erwarben die SWM im Sommer 2009 von einem Entwickler: insgesamt fünf Windparks in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und SachsenAnhalt mit einer installierten Gesamtleistung von 50 MW und einer Arbeitsleistung von 100 Mio. kWh im Jahr. „Wenig später haben wir in ein zweites Portfolio investiert, einen Windpark mit 83 Anlagen in Brandenburg, an dem wir einen Mehrheitsanteil von 75 Prozent halten. Anteilmäßig entfallen somit 122,25 MW – das sind rund 63 Anlagen – mit einer Arbeitsleistung von 236 Millionen Kilowattstunden auf die Stadtwerke München, was einer Versorgungsdichte von rund 95.000 Haushalten entspricht. Insgesamt haben wir also 108 Onshoreanlagen mit einer Arbeitsleistung von 336 Millionen Kilowattstunden (SWM-Anteil) im Bestand“, berichtet Thomas Eisele.

Markt ist schwieriger geworden Hinzu kommt das Engagement der SWM im Bereich der Offshore-Windenergie. Mit Partnern wollen die Stadtwerke die Windparks „DanTysk“ vor Sylt, „Gwynt y Môr“ in der Irischen See und „Global Tech I“ in der Nordsee realisieren. „Gemeinsam mit den Offshore-Windparks und weiteren Erneuerbare-Energien-Anlagen kalkulieren wir bis 2015 eine Arbeitsleistung von 2,4 Mrd. Kilowattstunden pro Jahr, womit wir den Bedarf aller Privathaushalte in München decken können. Bis 2025 wollen wir dann auch die gewerblichen Bereiche und den öffentlichen Nahverkehr aus erneuerbaren Energie decken“, meint Thomas Eisele und gibt gleichzeitig zu bedenken: „Der Markt für neue Projekte ist aufgrund der Energiewende schwieriger geworden, da nun nahezu alle Stadtwerke in Deutschland hierin eine Chance sehen. Die Nachfrage liegt teilweise über dem Angebot an wirtschaftlichen Projekten, wobei die Betonung hier auf ‚wirtschaftlich‘ liegt. Wir spekulieren ja nicht mit erneuerbaren Energien, sondern haben als kommunaler Energieversorger die Verpflichtung, die Versorgung der Stadt München sicherzustellen. Daher sind wir nur an nachhaltigen, langfristigen Investitionen interessiert.“ Neue Erfahrungen sammeln Vor diesem Hintergrund müssen sich die SWM zudem intensiv mit den Technologien der Windenergieanlagen (WEA) in ihrem Portfolio auseinandersetzen. Derzeit, so Eisele, sammle man dabei in jeder Hinsicht neue Erfahrungen: „Es ist nicht nur wichtig, dass man den jeweiligen Anlagentyp kennt, sondern auch weiß, welche Komponenten aus welchen Fertigungsserien verbaut worden sind, um potenzielle Schwachstellen im operativen Betrieb der Anlagen frühzeitig zu erkennen.“ In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit verschiedenster Wartungs- und Servicekonzepte. Hierzu Thomas Eisele: „Während ein Finanzinvestor vielleicht einen Pauschal- oder Vollwartungsvertrag im Sinne eines Rundum-sorglos-Pakets präferiert, müssen wir uns die Anlagen und Windparks, auch unter der Berücksichtigung, dass ein Wartungskonzept immer in Kombination mit einer Versicherungsleistung erstellt wird, sehr individuell anschauen.“ Wirtschaftliche Servicekonzepte Die Wartung und Instandhaltung von WEA z.B. durch Drittanbieter gemäß Hersteller-Pflichtenheft sei momentan eine bevorzugte Strategie der SWM. Der Austausch von Verschleißteilen und defekten Komponenten werde dann von Fall zu Fall geregelt. „Da wir auch in diesem Bereich noch Erfahrungen sammeln müssen, ist von unserer Seite jedoch ein gewisses Maß an Flexibilität erforderlich. So haben wir durchaus auch Windparks, für die Vollwartungs-


Thema 15 verträge abgeschlossen wurden. Wir vergleichen derzeit die Wirtschaftlichkeit der verschiedensten Optionen, die sich uns bieten, und werden dann entscheiden, welche Wartungs- und Servicekonzepte zu den einzelnen Windparks passen.“ Hohe Flexibilität gefordert Flexibilität erwartet Thomas Eisele mit Blick auf die Vertragsgestaltung auch von den Serviceanbietern. So müsse aus seiner Sicht z. B. ein Vollwartungsvertrag genug Spielraum lassen, damit bestimmte Leistungen bei Bedarf auch herausgenommen oder hineingenommen werden können: „Schwierig wird es aber immer dann, wenn man von einem Entwickler einen Windpark kauft, bei dem bereits im Vorfeld ein Servicevertrag abgeschlossen wurde. Das schränkt uns in unserem Handlungsspielraum natürlich ein. Entwickler von Windparks sollten solche Überlegungen mit in ihre Planung einfließen lassen, damit ein Käufer später nicht gezwungen ist, bereits abgeschlossene Serviceverträge prinzipiell mit zu übernehmen.“ WEA-Optimierungen zunehmend wichtiger Die Möglichkeit, im Rahmen verschiedenster WEA-Servicekonzepte durch Upgrades und Neuentwicklungen die Anlagen im Portfolio auf den neuesten technischen Stand zu bringen, ist für den Leiter Operatives Beteiligungsmanagement der SWM besonders wichtig: „Über solche Verbesserungen und Optimierungen müssen wir unbedingt Kenntnisse erlangen, denn der wirtschaftliche Betrieb der Windparks sichert uns letztendlich ein langfristiges Wachstum.“

Individuelle Kundenwünsche entscheiden Aus Sicht von Thomas Eisele wird es bei zukünftigen Projekten entscheidend sein, wie flexibel die SWM hinsichtlich der Serviceleistungen für WEA agieren kann. „Nur dann haben wir die Gelegenheit, Leistungen und auch Vertragslaufzeiten nach unserem Bedarf auszuwählen. Momentan herrscht hier im Markt ein guter Wettbewerb, sodass Servicedienstleister willens sind, auch auf sehr individuelle Kundenwünsche einzugehen.“ Markt wird sich regulieren Der Markt im Bereich der Windenergie wird sich nach Auffassung von Thomas Eisele in den nächsten Jahren noch regulieren. Die Frage, in welcher Größenordnung und zu welchen Investitionen die Stadtwerke wirklich bereit seien sich hier zu engagieren, werde dabei zunehmend wichtiger: „Durch die bereits beschriebene aktuelle Situation im Markt waren wir mit unseren Aktivitäten im vergangenen Jahr etwas zurückhaltender. Dennoch haben wir unsere ‚Ausbauoffensive Erneuerbare Energien‘ fest im Blick und bauen unser Portfolio weiterhin konsequent aus. Hierbei dehnen wir unseren Fokus überdies auf ganz Europa aus.“

Bis 2025 bekommt nicht nur der öffentliche Nahverkehr Rückenwind durch erneuerbare Energien.


availon_onservice_05-2012-d2_02  

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