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kirchebewegen Wir vernetzen Wissen und Ideen

Editorial Gemeinwesendiakonie Katholische Kirchenreform Kirchentage Tagungsbeiträge Geistreich Buchvorstellungen Service

Ausgabe 2 / 2010

Editorial von Stefan Bölts Dieses Jahr war und ist für das Netzwerk Kirchenreform vor allem dadurch geprägt, dass wir die Formen der vielfältigen Kooperationen noch weiter ausbauen konnten. Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München haben wir zusammen mit Basisbewegungen und Reformgruppen wie „Wir

unterstellt – veranstalten wir Fachtagungen im KVIKontext, wird die kommerziell ausgerichtete Anbietermesse skeptisch beäugt. Berichten wir im Newsletter über Willow-Creek-Studien, verorten Kritiker die Herausgeber in eine evangelikalen Frömmigkeitskultur – veranstalten wir Tagungen mit offiziellen EKD-Institutionen, wird der Vorwurf erhoben, das Netzwerk ließe sich vom Kirchenamt vereinnahmen. Solche Kritik nehmen wir konstruktiv auf und durchaus ernst, können diese aber genauso von unserer eigenen Arbeit überzeugt zurückweisen. Ich persönlich sehe den besonderen Charme in unserem Netzwerk darin, dass wir themenbezogen mal mit den einen und mal mit den anderen Trägern und Projektpartner zusammenarbeiten können. Austausch und Dialogbereitschaft

sind Kirche“, der „Initiative Kirche von unten“, der Laienbewegung Regensburg u.a. interessante und ebenso stark besuchte Kirchentagsprogrammangebote veranstalten können. Im Rahmen des KVIKongresses haben wir vom Landeskirchenamt bis zum Dietrich-Bonhoeffer-Verein sehr verschiedene Ansätze zur zukünftigen Kirchenfinanzierung an einen Tisch bringen können und eine ebenso lebhafte wie auch erkenntnisreiche Diskussion erleben dürfen. Und bei der diesjährigen Jahrestagung leisten wir einen Beitrag zum Brückenschlag zwischen Mission, Diakonie und verfasster Kirche, indem wir vom 26. bis zum 27. November den Chancen der Gemeinwesendiakonie und den missionarischen Perspektiven für Stadt und Region auf den Grund gehen und im gemeinsamen Austausch Win-WinSituationen für Diakonie und Kirche sichtbar werden lassen. Neben vielen positiven Stimmen gibt es aber auch kritische Rückmeldungen. Arbeiten wir mit der römisch-katholischen Kirchenvolksbewegung zusammen, wird dem Netzwerk revolutionäres Rebellentum KircheBewegen - Ausgabe 2 / 2010

Zu vielen Sparten- und Nischenthemen gibt es kirchliche Initiativen und Netzwerke – von Citykirchenprojekten über die Stadtkirchenarbeit bis hin zu Profilgemeinden wie Jugend- oder Diakoniekirchen, von der charismatischen oder geistlichen Gemeindeerneuerung bis zum basisorientierten Kirchenvolksbegehren, von institutionellen Gemeindeberatern bis hin zu freien Fundraisingverbänden oder den Netzwerken der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste. Ich werte es als fruchtbaren Gewinn für alle Beteiligten, wenn wir auch streitbare Positionen unterschiedlicher Herkunft oder Prägung zusammenbringen und einen konfessionsübergreifenden Lernprozess ermöglichen – von einander wissen und lernen heißt nicht, das jeweils eigene Profil aufgeben zu müssen. Aber genau das heißt auch Ökumene: Streitbare Positionen nebeneinander stehen lassen – und dennoch die Suche nach dem gemeinsamen Fortschritt nicht aufgeben. Sowie Toleranz und Dialogbereitschaft zur modernen Gesellschaft gehören, kann auch nur die Kirche der Zukunft im Dialog gestaltet werden. Wer sich in den

Das Netzwerk Kirchenreform versteht sich als ökumenische Lerngemeinschaft, die mit Tagungen und Workshops die Qualität von Lernprozessen, den interdisziplinären Fachaustausch und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxiserfahrungen in kirchlichen Reformbewegungen fördert und begleitet. Informationen im Internet unter: www.kirchenreform.de

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2011: 10 Jahre Netzwerk Kirchenreform Im nächsten Jahr werden wir anlässlich des zehnjährigen Jubiläums eine Tagung im Kontext der Buchmesse in Frankfurt am Main veranstalten. Merken Sie sich daher schon einmal vor: 12. - 16. Oktober 2011! Infos in Kürze unter: http://10jahre.kirchenreform.de

Elfenbeinturm der Vergangenheit zurückzieht und sich diesem Dialog verweigert, kann für die Kirche von morgen kein relevanter Partner sein. Die Zukunft kann nur in konstruktiver Gesprächsbereitschaft gestaltet werden. Gerade auch aus diesem Grund wurde 2001 das Netzwerk Kirchenreform gegründet. Und um die Idee eines „Netzwerks der Netzwerke“ aufzugreifen, wurden Plattformen zur übergreifenden Vernetzung in Form von Netzwerktagungen, Publikationen und Internetportalen ins Leben gerufen. Für viele Plattformnutzerinnen und Tagungsteilnehmer ist dabei insbesondere der interdisziplinäre Austausch zwischen Theologinnen, Soziologen, Juristinnen und anderen Fachvertretern aus Verwaltung und Wirtschaft reizvoll und die Inszenierung gemeinsamer Lernprozesse gewinnbringend – gerade auch gemeinsam mit den Experten aus Wissenschaft und Kirchenleitung wie auch den Experten aus der Praxis, den Akteuren und Praktikern an der Basis. Jubiläum des Netzwerks Vor diesem Hintergrund ist es um so bedeutsamer, dass das gemeinsame Engagement im nächsten Jahr bereits sein zehnjähriges Bestehen feiern kann – dieses Jubiläum wollen wir ganz bewusst mit ganz unterschiedlichen Projekt- und Kooperationspartner während der Frankfurter Buchmesse durch ein Tagungsformat begehen, das individuelle Mitgestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Dabei hoffen wir insbesondere auch in unseren eigenen ökumenischen Zielsetzungen weiter voranschreiten zu können. Selbstverständnis Beispiel EKD

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Interessant sind auf evangelischer Seite die Beobachtungen, das von hierarchischen Strukturen bewusst losgelöste Netzwerk Kirchenreform werde zunehmend als

Konkurrenz zum EKD-Reformbüro in Hannover gesehen. Zum einen ist dies eine Bestätigung, dass unsere Tagungsergebnisse und die gemeinsame Reflexion von Reformprozessen wahr- und ernstgenommen werden. Zum anderen wirft dies notwendigerweise Fragen auf, warum hier nicht die Chancen eines fruchtbaren gemeinsamen Weiterdenkens an Reformthemen gesehen werden: Durch die strukturelle Einbindung kann die „Kirche im Aufbruch“ konkrete Reformprojekte durch die Nutzung von Haushaltsmitteln und anderen strukturellen Ressourcen begleiten. Das Netzwerk Kirchenreform bietet hingegen jenen Rahmen, in dem Presbyteriumsvorsitzende und Bischöfe gleichermaßen Zukunftsmodelle weiterspinnen und Modellbeispiele reflektieren können, ohne dass aus jeder Äußerung gleich strukturelle Verpflichtungen abgeleitet werden. Hier ist jenes freie Denken möglich, das schon „per Definition“ nicht im Rahmen der EKD möglich ist. Dort muss die Institution fast notwendig ihren Schatten auf den Inhalt der Debatten werfen. Es ist so signifikant wie problematisch, dass Impulse schon allein deshalb nicht aufgenommen werden, wenn der Absender ein EKD-Label besitzt. Auch wenn sich so manche Landessynode selbst genug sein mag oder so mancher landeskirchliche Haushalt deutlich größer als der gesamte EKD-Haushalt: Große Reformherausforderungen lassen sich nur in gemeinsamer Kraftanstrengung meistern und unter einem gemeinsamen Reformkurs verstehe ich persönlich mehr als „Wir beklatschen uns selbst“ -Veranstaltungen wie zuletzt in Kassel. Hier sind alle Ebenen gefragt, denn ich sehe es als ebenso problematisch an, wenn „die EKD“ auf das Kirchenamt in Hannover oder auf ausgewählte Gremien reduziert wird. Ich rufe an dieser Stelle gern den Alternativvorschlag zum Synodenthema „evangelisch Kirche sein“ in Erinnerung: Für die evangelischen Akteure unter uns gilt eben nicht nur „Wir sind Papst“, sondern auch „Wir sind EKD.“ Was unter diesem Label gestaltet und um-

gesetzt wird, liegt in der Verantwortung vieler und darf nicht von wenigen vorgegeben werden. Was im kleinen ABC der Kirchenreform im Kapitel „Kirchenreform – eine Bewegung von unten?“ noch diplomatisch als rhetorische Frage entfaltet wird, hat Isolde Karle in ihrer jüngsten Publikation „Kirche im Reformstress“ in der ersten ihrer „Zwölf Thesen zur Kirchenreform“ prägnant auf den Punkt gebracht: „Tendenzen innerhalb der EKD und mancher Kirchenleitungen, die Kirche von oben her, top down, zu steuern, widersprechen dem Wesen des Protestantismus. Evangelische Kirchenleitung ist herausgefordert [statt] von oben von unten her zu denken. Reformvorschläge der Kirchenleitung müssen deshalb dem offenen Diskurs ausgesetzt werden und können nur gelingen, wenn sie von einer breiten Basis unterstützt, mitgetragen und befürwortet werden.“ Die schon länger diskutierte Auslotung der Machtverteilung zwischen den EKD-Gremien und die Rolle der Kirchenbündnisse, die von einzelnen noch nicht einmal als Kirche verstanden werden, sind meiner Meinung nach ebenso zu diskutieren wie unser Verständnis und Selbstverständnis „der EKD“ als Ganzes. Denn der Streit und die Blockadehaltung zwischen den Ebenen behindern nicht nur ein notwendiges gemeinsames Weiterdenken, sondern verkennen auch die Außenwahrnehmung: Von der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung bis zu anderen nach außen gerichteten Studien gibt es eine wesentliche Erkenntnis: Nur für die stark kirchlich verwurzelten Menschen ist die Gemeinde vor Ort „die Kirche“ – im Sinne einer Clubmentalität, in der es mitunter schwer fällt, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen. Für die in unterschiedlichen Graden distanzierten Glieder und darüber hinaus muss schon als Erfolg der „Markensetzung“ angesehen KircheBewegen - Ausgabe 2 / 2010


werden, wenn überhaupt noch der Unterschied zwischen den Konfessionen bekannt ist. In der Praxis kommt eben so manches fernstehende Kirchenmitglied schnell in Verlegenheit, sucht in einschlägigen Internetsuchmaschinen nach „seiner“ evangelischen Kirche und meldet sich mit seinen Anliegen im Kirchenamt der EKD, anstatt bei der nicht selten unbekannten Pfarrerin vor Ort. Wie geht‘s der Kirchengemeinde Um so wichtiger ist, dass die Kirche vor Ort, die wie auch immer profilierte Gemeinde, auch als gleichwertiges Glied im großen Puzzle der EKD gesehen wird – und vor allem: dass sie (wieder) als „Kirche für andere“ in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Diese Notwendigkeit rückt das aktuelle Forschungsprojekt des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI) besonders in den Focus. In den Kirchen gab es schon zu vielerlei Themen Studien und Befragungen, aber noch nie wurde in einer Studie erhoben: „Wie geht’s der Kirchengemeinde?“ Die diesjährige Jahrestagung des SI stand ganz im Zeichen dieser Gemeindebefragung und hat wertvolle Impulse zusammengetragen. Im Februar werden Ergebnisse erster Pilotbefragungen vorliegen. Insgesamt können die in Zukunft in regelmäßigen Zyklen geplanten Befragungen als wertvolles Instrument dienen, so wie es für die Interessensvertretung und Personalentwicklung im Pfarramt die Pastorinnen- und Pastorenbefragungen waren und sind, zu denen in diesem Jahr ein neuer Sammelband mit dem Titel „Pfarrberuf heute“ erschienen ist. Katholische Kirchenreform Große Reformbestrebungen stehen nun auch auf dem Banner der deutschen Bischofskonferenz. Dies überrascht und kommt dennoch nicht ganz unerwartet angesichts der Tatsache, dass die KircheBewegen - Ausgabe 2 / 2010

römische Schwesterkirche in einer ihrer größten Krisen steckt. Auch wenn die Debatten zum sexuellen Missbrauch nicht nur in der römischen Kirche zu dem Thema schlechthin geworden sind, trifft es sie insbesondere von einem fast existentiellen Ausmaße. Was nicht verwundert, werden bei ihr der eklatante Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und „gelebter Praxis“ in besonderer Weise von Medien und Öffentlichkeit wahrgenommen. Der Umgang mit den Opfern sexueller Übergriffe und die Erfolgsaussichten neuer Reformschritte wird freilich unterschiedlich bewertet, was aber vor allem deutlich vor Augen hält, wie wertvoll eine kritische Begleitung kirchenleitendes Handeln durch die Kirchenbasis ist. Deren KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ feierte in diesem Jahr das 15-jährige Bestehen. Neben den Berichten sei vor allem die in der InternetMediathek des ZDF abrufbare Dokumentation empfohlen, die eines deutlich unterstrichen hat: Es geht längst nicht mehr nur um die Strukturkritik einzelner Idealisten, sondern um den inzwischen bundesweit in unzähligen Pfarrgemeinderäten verankerten Wunsch nach Erneuerung und der Hoffnung, dass endlich auch umgesetzt wird, was schon im 2. Vaticanum angelegt worden ist. Ökumenisches Lernen Wie die Reformschritte von Erzbischof Zollitsch auch immer ausgehen werden: Hier bietet sich ein ökumenischer Lernprozess. Denn auch für die evangelischen Kirchen können die Debatten zwischen Kirchensteuer und Alternativmodellen nur ein Seitenthema sein. Nicht erst Isolde Karle hat festgestellt: „Die eigentliche Krise der Kirche ist nicht eine Finanz-, sondern eine theologische Orientierungskrise.“ Damit verwoben sind Erkenntnisse, dass Volkskirchen ebenso wie auch Volksparteien im klassischen Sinne ein Auslaufmo-

dell sind, weil allein schon der Anspruch einer Volksidentität bei der jüngeren Generation, die sich meist als europäische Weltbürger verstehen, in Frage gestellt wird. Die Skepsis gegen das Flaggenmeer in den Farben des Hambacher Fests zur Fußball-WM zeigte dies deutlich. Der Inhalt von Thilo Sarrazins neuestem Buch ist mit so viel Unsinn bestückt, so dass es nicht einmal im Genre der Phantasy-Literatur ernstgenommen werden kann. Doch sein Haupttitel wirft eine Perspektive auf: Deutschland schafft sich ab. Sarrazin freilich sieht es als Bedrohung, ich will es mal als gemeinsame Aufgabe verstehen, das Nationaldenken der Ewiggestrigen zu überwinden. Dieser Ansatz sollte auch für die Reflexion von Kirchenreformdebatten fruchtbar gemacht werden. Bei allem Fortschritt, diese Themen stärker in einem ökumenischen Kontext zu beleuchten; unser gemeinsamer Austausch greift noch zu kurz: Die zurückliegende Struktur deutscher Wohlstandskirchen ist sowohl kirchenhistorisch wie auch weltweit eine Ausnahmesituation. Eine so hohe Dichte an Versorgung mit Pfarrstellen oder kirchlichen Einrichtungen hat es nirgends in der Welt jemals zuvor gegeben und wird es in absehbarer Zeit auch nicht mehr geben können. Wenn sich die beiden Großkirchen in Deutschland vom Überfluss einer Wohlstandskirche zu einer Art „Normalzustand“ zurück entwickeln, mag dies bei den Betroffenen Frustration oder Resignation auslösen; aber es ist nicht der viel beschworene Untergang des christlichen Abendlandes. Übrigens auch nicht die Äußerung des Bundespräsidenten, dass die dritte abrahamietische Weltreligion selbstverständlich auch längst zu Deutschland gehört, losgelöst von der Debatte unserer jüdischchristlichen Wurzeln (die nebenbei bemerkt unübersehbar selbst auch zu den Wurzeln des Religionsstifters des Islams gehörten).

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Wie geht‘s der Kirchengemeinde? Quantitative Befragung von Kirchenvorständen und Pastoren (SI - Panel) Ziel der Beragung ist, Erkenntnisse über die aktuelle Situation in Kirchengemeinden zu gewinnen. Wo drückt der Schuh? Was sollte getan - oder vielleicht auch besser gelassen werden? Was stärkt Initiativen und Engagement - und was behindert sie eher? Mehr zum Projekt im Web: www.ekd.de/si/projekte/15175.html

oder unter: www.si-ekd.de

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Der interdisziplinäre Austausch während der Jahrestagung 2010 soll nicht nur Praxis und Wissenschaft ins Gespräch bringen, sondern will auch selbst ein gemeinsamer Lernprozess sein, in dem wir zusammen mit unseren Kooperationspartnern Win-Win-Situationen für Diakonie und Kirche sichtbar werden lassen.

weitere Informationen zur Jahrestagung im Web unter: www.netzwerktagung.de

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Kirchenreform weltweit Wir kommen nicht umhin den Blick noch weiter nach außen zu öffnen und den Horizont noch weiter zu strapazieren: Warum wächst der Katholizismus auf der Südhalbkugel, während er auf der Nordhalbkugel auf dem Rückmarsch ist? Warum haben vor allem evangelikale Bewegungen im Fernen Osten den größten Zulauf? Und was lernen wir strukturell von dem Phänomen, dass die Pfingst-

bewegung die weltweit am stärkten wachsende religiöse Bewegung ist? Charisma ist keine Bedrohung – Vokabel und Inhalt lassen sich modifiziert füllen. Ebenfalls ist klar: Beiden deutschen Großkirchen fehlt unverkennbar das authentische Charisma. Ob Bill Hybels oder Desmond Tutu – wir müssen uns die Inspiration von außen einfliegen. Wir sind bei Barth, Bultmann und Bonhoeffer stehen geblieben – auch in punkto Innovation sind wir ein Einwanderungsland, da helfen uns auch keine Denkmäler

an Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Sebastian Bach. Reformerfahrungen im internationalen Kontext zu reflektieren geht über ein „Kirche der Freiheit weltweit“ weit hinaus. Praxisbeispiele aus der Anglikanischen Kirche aufzuarbeiten, wie es das Institut für Gemeindeentwicklung und Evangelisation in Greifswald vorgenommen hat, sind weiterführende Schritte. Aber der Weg ist noch lang und der Schritte noch viele zu tun.

In alle Welt – mit aller Welt ? Gemeinwesendiakonie und missionarische Perspektiven für Stadt und Region Jahrestagung des Netzwerks Kirchenreform in Kooperation mit dem Zentrum „Mission in der Region“ der EKD und der Initiativgruppe Gemeinwesendiakonie von EKD/ DWEKD vom 26. - 27. November 2010 in Wiesbaden Gesellschaftliche Veränderungen haben Auswirkung auf die Neugestaltung städtischer und ländlicher Räume. Sie bestimmen den Diskurs von Stadt- und Regionalentwicklung auch in sozial-kultureller Dimension. Das stellt auch Kirche und Diakonie im lokalen Gemeinwesen – im Kiez, Quartier und Viertel oder in dörflichen Gemeinden – vor neue Herausforderungen. Für die Öffentlichkeit legitimiert sich Kirche – wenn es gut geht – durch Diakonie; Mission nimmt sie als Ärgernis wahr. Die Kirche sieht sich selbst vor allem als Ortsgemeinde. Wo Diakonie als professionelle Unternehmensdiakonie erlebt wird und Mission an missionarische Werke ausgelagert zu sein scheint, verblassen sie als eigene Handlungsfelder. Tatsächlich fordern gesellschaftliche Veränderungen die Kirche als Teil der Zivilgesellschaft im Ganzen heraus. Der Rückzug aus der Fläche oder aus Problemvierteln ist keine Alter-

native. Wo sich Diakonie und Kirche sowie weitere zivilgesellschaftliche Akteure zurückziehen, füllen andere die Lücken – nicht selten Gruppierungen mit extremistischen Weltanschauungen. So wächst der Anspruch an die Kirchen, den Zusammenhalt zu gestalten. Spielt der Gedanke der „inneren Mission“ dabei noch eine Rolle, und was könnte es heißen, gemeinsam mit Wort und Tat für das Evangelium einzutreten und Gott in der Stadt zu bezeugen? Wie kann dabei der Brückenschlag zwischen professioneller Diakonie und verfasster Kirche gelingen? Lassen sich gemeinsame Handlungsoptionen entwickeln, die Gemeinwesendiakonie mit „Mission in der Region“ verbinden? Wir wollen diesen Fragen auf der Tagung nachgehen, indem wir im Vorfeld der diesjährigen „Brot für die Welt“ - Eröffnungsveranstaltung von Erfahrungen und gelungenen Beispielen ein gemeinsames Lernen ermöglichen und dabei Denkgrenzen überschreiten – zwischen Kirche und Diakonie, zwi-

schen Mission und Weltverantwortung, zwischen Ökonomie und Zivilengagement. Unsere gemeinsame Tagung - setzt die Konsultationen zum Themenfeld Gemeinwesendiakonie fort und greift dabei auf Beratungsergebnisse zurück, die seit zwei Jahren unter dem Motto „Kirche findet Stadt“ zusammen getragen werden. - Unter der Perspektive aktueller Reformdiskussionen geht es um die Frage, wie sich eine missionarische „Theologie der Region“ entwickeln lässt, um den notwendigen Mentalitätswechsel innerhalb der Kirche zu gestalten. - Damit verbindet sich der Fachaustausch zum Thema „Regionalisierung“ im Reformnetzwerk, der die Ergebnisse der Netzwerktagung zur kirchlichen Finanzierung in der Region aufgreift. Informationen zur Anmeldung und Anreise sind im Web unter www.netzwerktagung.de abrufbar. KircheBewegen - Ausgabe 2 / 2010


Der besondere charme der netzwerkarbeit  
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