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UNABHÄNGIGE ZEITSCHRIFT FÜR RELIGION UND GESELLSCHAFT Waffenexport Bombige Geschäfte mit dem Tod

Spitalseelsorge Spiritualität am Krankenbett neu entdeckt.

Religion Was junge Leute heute glauben

Steiniger Weg zu Reformen im Vatikan www.aufbruch.ch

Nummer 203 | 6. Februar 2014 | Jahrgang 27


Editorial

FOTO: THOMAS HOFSTETTER

Liebe Leserin, lieber Leser, Die Schweiz sieht sich gern als Hort der Humanität und der unabhängigen Diplomatie. Im Januar konnte sie dies als Gastgeber der Syrien-Konferenz in Montreux wieder einmal beweisen. Doch die politische Realität spricht eine andere Sprache, wie sich im Gespräch mit der Ständerätin Anita Fetz zeigt. Mit der Lockerung der Vorschriften zu Rüstungsexporten hat das Parlament deutlich gemacht, dass Waffengeschäfte schwerer wiegen als Menschenrechte, Neutralität und eine unabhängige Aussenpolitik (Seite 5). Leider war keine der grossen Schweizer Rüstungsfirmen zu einem Gespräch mit dem aufbruch bereit. Von ihren Geschäftsführern hätten wir gerne gewusst, ob sie sich nach ihren Geschäften mit dem Tod abends ruhig ins Bett legen können. Nicht nur im Hinblick auf die Waffenexporte ist die Schweiz ein widersprüchliches Land. Internationale Geschäfte prallen auf eidgenössische Abschottungsversuche. Das neuste Beispiel ist die SVP-Initiative, für deren Bewerbung die Partei eigens das Wort »Masseneinwanderung« erfunden wurde und über die am 9. Februar abgestimmt wird. Dabei haben zahllose Menschen stichhaltige Gründe, ihr Glück in einem anderen Land zu versuchen. Der aufbruch hat mit einem Europawanderer gesprochen (Seite 45).

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tungsexport weiter liberalisiert und will nun auch mit heiklen Staaten Geschäfte machen. Um den Preis der Neutralität. Seite 5

Schweiz Betrachtung

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Aufgefallen

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Der einsame Kampf von Anita Fetz gegen die Handlanger der Waffenhändler

Mit dem Fokus auf die Glaubenswelten junger Menschen heute wagen wir noch einen anderen Blick auf die Schweiz. Der aufbruch hat sich unter jungen Leuten unterschiedlicher religiöser Herkunft umgehört. Ihre Vorstellungen von Gott haben sich verändert. Während der Glaube an einen persönlichen Gott zurückgeht, bleibt ein unkonkreter und undogmatischer Glaube an eine höhere Macht mehrheitsfähig. Diese Ration Religion kommt der Konsumgesellschaft nicht in die Quere (Seite 42).

Vatikan

Doch nach wie vor geben auch die etablierten Kirchen Grund zu engagierter Diskussion. Papst Franziskus nährt fast täglich die Hoffnung auf eine Kurienreform. Dafür braucht es aber zuerst eine echte Dialogkultur. Der Theologe Dietmar Mieth erklärt im aufbruch-Gespräch (Seite 6), wie eine Reform der Kurie tatsächlich gelingen könnte.

fairNetz

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Bücher

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Jugend und Religion

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Neuen Entwicklungen in Kirchen und Gesellschaft bleiben wir auch zwischen den Heften auf der Spur. Auf unserer Homepage www.aufbruch.ch finden Sie exklusive Beiträge zu aktuellen Themen.

Personen und Konflikte

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Porträt

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Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.

Agenda

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Briefe

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Impressum

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Das Allerletzte

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Martina Läubli Redaktorin

aufbruch

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Waffenhandel. Die Schweiz hat den Rüs-

TITELBILD: JONATHAN LIECHTI

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Warum die Kurie Kontrollinstanzen braucht

Kommentare

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Kurienreform und Kirchenrecht: Eingriffe sind unvermeidlich. Entwicklungszusammenarbeit: Qualität unter Druck

Die eiserne Ration

Der Europawanderer

Sexy Predigt


FOTOS: PD; WOLF SÜDBECK-BAUR; CLAUDE GIGER; BENNO BÜHLMANN

Inhalt

Kurienreform. Der Theologe Dietmar Mieth hält den Kardinalsrat des Papstes für einen Gemischtwarenladen. Dennoch lässt er die Hoffnung nicht gänzlich fallen. Seite 6

Spitalseelsorge. Im Krankenbett zeigt sich: Kein Mensch ist unspirituell. Das bietet eine neue Chance für seelsorgerliche Begegnungen – auch interrelligiös. Seite 18

Junge Menschen. Undogmatisch glauben viele an eine höhere Macht. Religionssoziologen nennen das Minimum-Religion. Der aufbruch hat sich umgehört. Seite 42

Politik & Gesellschaft

Religion & Kirchen

Leben & Kultur

Sozialprotokoll

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Rosette Maniratunga organisiert die Schulspeisung einer Schule in Burundi

Erfolge im Kampf gegen Armut

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Wie Firmen das Online-Lexikon Wikipedia manipulieren

Kevin im Stich gelassen Rechtsmediziner schlagen Alarm: Jede Woche sterben drei Kinder an Misshandlungen durch Angehörige

Sein und Haben

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Ist Gott nur Liebe?

»Frau Raab will nach Hause«

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Zoltán Jókay zeigt Fotografien von Menschen im Altersheim. Es sind Bilder voller Würde und Zärtlichkeit

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Leib-und-Seele-Gespräch mit Schauspielerin Katharina Thalbach

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Warum ich meinem Spion vergebe 34

Papst Franziskus beruft erstmals Kardinäle und verstärkt das Gewicht der Dritten Welt

»Langweilig ohne Religion«

Die Seele vom Gift befreien

Menschen mit tiefen psychologischen Verletzungen beschreiben ihren Weg zur Versöhung

Der amtsenthobenen französische Bischof Jacques Gaillot setzt sich für eine Kirche der Armen ein. Eine Begegnung

Kirchenfürsten nicht gefragt 14

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Die Spitalseelsorge verändert sich: Die religiösen Überzeugungen der Patienten sind vielfältig wie nie. Das fordert heraus

Die harte Schule der Kirche

Ein Vergleich zwischen Brasilien und Mexiko gibt aufschlussreiche Einblicke

Unliebsame Eingriffe

Das Heilige am Krankenbett

Kampfzone Mittelmeer

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Mit Flucht und Terror befassen sich mehrere aktuelle Romane. Die Figuren bleiben meist Beobachter. Nur im Roman von Christoph greifen die Helden ein

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Eine Kontroverse

Glauben und streiten

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Kurienreform

»Unabhängige Kontrollen einsetzen« Trotz Aufbruchstimmung im Vatikan ist der Weg zur Kurienreform steinig. Der Tübinger Theologe Dietmar Mieth, der Erfahrungen mit Lehrbeanstandungsverfahren der römischen Glaubenskongregation hat, kennt die Baustellen

FOTOS: WOLF SÜDBECK-BAUR

Austausch möglich ist. Man kann nicht von einem Dialog sprechen, wenn das Gespräch von vornherein unter einer gewissen Kuratel steht. Es kann nicht sein, dass man zwar miteinander redet, aber die Ergebnisse keine Rolle spielen, weil sofort wieder die Rubriken – die Hierarchien – einsetzen. Offene Kommunikationsräume sind absolut erforderlich, aber sie sind nicht da.

Schieflage der römischen Kurie: Meinungsumfragen und Plebiszite reichen nicht aus

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Mit Papst Franziskus ist die Hoffnung auf Reformen in die katholischen Kirche zurückgekehrt. Nicht selten ist von Revolution im Vatikan die Rede. Dietmar Mieth, Sie mahnen schon seit Jahren eine Reform des Papstamtes an. Wie wäre ein rundum erneuertes Papstamt zu gestalten »zur Freude des Evangeliums«? Dietmar Mieth: Der Papst hat selbst einige Richtzeichen gesetzt, indem er von mehr Kollegialität, von mehr Kommunikation und Transparenz gesprochen hat. Er sieht, dass das Verhältnis Papstamt – Kurie – Bischofskollegium reformiert werden muss. Wenn man das als Vorhaben ernst nimmt, muss einem klar sein, dass das heisst: mehr Abstimmungen mit den pastoralen Bedürfnissen, mehr Einbeziehen der regionalen Bischofskonferenzen und der Diözesanräte. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gab es synodale Ergebnisse in den 70er Jahren, die die Adaption des Konzils sein sollten, aber in Rom schlicht nicht registriert und beantwortet wurden. Kollegialität ist nicht denkbar ohne Einbezug dieser Ergebnisse. Mit blossen Meinungsumfragen und Plebisziten, wie sie im Vorfeld der Bischofssynode im kommenden

Herbst durchgeführt werden, können die Ergebnisse beispielsweise der Würzburger Synode 1971 und der Schweizer Synode 1972 sowie weiterer Diözesansynoden nicht ersetzt werden.

Sie nehmen das Bild des Konzils auf, das die Kirche als Kommunikationsgemeinschaft ohne Einbahnstrassen charakterisiert hat. Besteht Nachholbedarf ? Mieth: Seit dem Konzil sind fünf Jahrzehnte vergangen, in denen über die regionalen Synoden bereits einiges nach Rom kommuniziert worden ist. Allerdings sind ihre Überlegungen und Vorschläge von der Kurie nicht beantwortet worden. Diese seitens der Kurie verweigerte Kommunikation scheint mir keine Möglichkeit zu sein, wie Kirche gelebt werden kann. In verschiedenen Bistümern laufen aber doch Dialogprozesse … Mieth: … das Stichwort Dialog existiert zwar, aber es werden keine dialogischen Verhältnisse hergestellt. Dialogische Verhältnisse herstellen bedeutet, dass der andere zunächst in seinen Aussagen anerkannt und gewürdigt wird und es einen Raum gibt, in dem ein ergebnisoffener

Papst Franziskus legt offensichtlich eine andere Gesprächskultur an den Tag. So spricht er Klosterfrauen auch schon mal auf den Telefonbeantworter, um ihnen ein gesegnetes neues Jahr zu wünschen … Mieth: … ich denke, dass der Papst spontane und von Menschlichkeit gekennzeichnete Gesten setzen kann. Er ist nicht so zurückgezogen und hat keinen so grossen reflexiven Abstand wie sein Vorgänger. Das kommt bei den Menschen gut an. Das ist gut so. Auf der anderen Seite muss er in Sachen Kurienreform vieles delegieren. Darum hat er eine achtköpfige Kardinalsgruppe eingesetzt. Schaut man sich die Besetzung an, denkt man, das ist – salopp ausgedrückt – ein ziemlicher Gemischtwarenladen. Aber deshalb muss man die Hoffnung nicht gänzlich aufgeben, denkt man an die reformerischen Bemühungen des Vorsitzenden dieser Gruppe, den honduranischen Kardinal Maradiaga. Er will offensichtlich Eckpunkte der nötigen Kurienreform vorantreiben. Welches wären solche Eckpunkte? Mieth: Ein wichtiger Eckpunkt ist eine Verfahrensreform bei der Ernennung von Bischöfen. In dem Zusammenhang sei an die Kölner Erklärung erinnert, in der über 200 Theologieprofessoren bereits vor 25 Jahren eine grössere Beteiligung der Kirche als solche anmahnten. Die Kirche besteht eben nicht nur aus dem Domkapitel. Sie sagen, die päpstliche Rechtsgewalt müsse fundamental neu durchdacht werden. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Eckpunkte dieses Neubuchstabierens der päpstlichen Machtfülle? Mieth: Ich denke, Rechtsgrundsätze, die


Kurienreform allgemein einsichtig sind und vom gesunden Menschenverstand geteilt werden, müssen berücksichtigt werden. Ich sage nicht, dass alles dem gesunden Menschenverstand in seiner Allgemeinheit unterworfen werden soll. Ich sage nur, es ist unverständlich, wenn beispielsweise innerhalb eines laufenden Verfahrens Kirchengesetze geändert werden. Das ist verschiedentlich – etwa bei Bischofsernennungsverfahren – vorgekommen. Das heisst, es ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, wenn der Gesetzgeber jederzeit die Möglichkeit hat, das Gesetz auch im Vollzug so zu handhaben, wie er es als letzte Instanz wünscht.

Was schlagen Sie vor? Mieth: Stattdessen müssen unabhängig berufene Kontrollinstanzen eingebaut werden, die helfen, die Richtigkeit der Verfahren und die letztinstanzlichen kirchlichen Rechtssetzer genau zu überprüfen. Diese Kontrollinstanzen dürfen nicht absolut kuriengebunden sein. Nur so ist zu vermeiden, dass in dem Moment, wo vom Kirchenrecht die Rede ist, der Eindruck entsteht, man bewege sich ausserhalb des Rechtsdenkens und operiere mit intransparenten Verfahren, in denen den Beteiligten zum Beispiel keine Akteneinsicht gewährt wird. Solche Verfahren, die die Kurie bis heute gegen eigenständig denkende Theologinnen und Theologen anstrengt, widersprechen moralischen Überlegungen, an denen sich jedes Recht messen lassen muss. Die Kirche ist bekanntlich mit guten Gründen darauf bedacht, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass hinter dem Recht einsichtige Grundsätze stehen müssen. Ich denke, was für das staatliche Recht

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Es kann nicht sein, dass man zwar miteinander redet, aber die Ergebnisse keine Rolle spielen

Dietmar Mieth

geltend gemacht wird, kann die Kirche durchaus auch auf sich selbst anwenden.

Wie könnten unabhängige Kontrollinstanzen für die katholische Kirche aussehen? Mieth: Wer Kontrollgewalt abgibt, muss nicht gleichzeitig auch Entscheidungsgewalt abtreten, aber er muss den Vertreter einer unabhängigen Instanz beispielsweise in einem Lehrbeanstandungsverfahren anhören. Das würde bedeuten, dass innerhalb dieser kirchlichen Rechtsinstanzen Menschen sitzen, die sich nicht in kurialer Abhängigkeit befinden. Wie beurteilen Sie die Durchsetzbarkeit einer Kurienreform der Dezentralisierung, von der Papst Franziskus in seiner Regierungserklärung «Gaudium Evangelii» spricht? Mit der Wahl des Argentiniers zum Papst ist die alte Kuriengarde ja nicht von heute auf morgen verschwunden … Mieth: … die Machtfülle des Papstes hat auch ihre guten Seiten. Zwar kann er Vorschläge seiner Mitarbeiter, an die er Aufgaben der Kurienreform delegieren muss, durchaus beachten. Auf der anderen Seite hat der Papst die Möglichkeit, sehr strikt in die laufenden Prozesse einzugreifen. Freilich muss er dabei einiges riskieren, denn seine Entscheidungen werden nicht immer von allen goutiert werden. Zudem sind die kurialen Behörden in der Lage, strategisch zu handeln. Der Papst wird also die Wege im Auge behalten müssen, auf denen er die Kurienreform erreichen kann. Wie ist Ihre persönliche Einschätzung: Hat Franziskus das Zeug, sich in der Kurie durchzusetzen? Mieth: Ich kann das nur hoffen, aber nicht beurteilen. Interview: Wolf Südbeck-Baur

Dietmar Mieth, lehrte bis 2008 theologische Ethik an der Universität Tübingen. Von 1974 bis 1981 war der 73jährige Professor für Moraltheologie an der Uni Fribourg. Seit 2008 präsidiert Mieth die Meister-Eckhardt-Gesellschaft.

Die Bibelpastorale Arbeitsstelle (BPA) des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks (SKB) in Zürich entwickelt innovative Projekte für die biblische Erwachsenenbildung und Bibelpastoral und bietet Dienstleistungen für biblisch Interessierte an. Sie engagiert sich dafür, dass die befreiende Botschaft der Bibel die Menschen unserer Zeit erreicht. Da sich der bisherige Stelleninhaber nach über 10 Jahren einer neuen Aufgabe zuwendet, suchen wir per 1. Juli 2014 eine/n

Fachmitarbeiterin oder Fachmitarbeiter (30-50%) Zu Ihren Aufgaben gehören: • Biblische Kurs- und Bildungsarbeit, vorzugsweise mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren • Mitarbeit bei der Bibelarbeit in sozialen Netzwerken und der Internetpräsenz der BPA • Mitarbeit an biblischen Arbeitshilfen und Publikationen Sie bringen mit: • Abgeschlossenes Theologiestudium mit biblischem Schwerpunkt • Berufserfahrung im Bereich der Erwachsenenbildung und Pastoral • Publizistische Fähigkeiten und Freude am Schreiben Wir bieten Ihnen: • die Möglichkeit, kreative Impulse in der katholischen Kirche der deutschen Schweiz und darüber hinaus zu setzen • gute Zusammenarbeit in einem kleinen, flexiblen Team • Anstellungsbedingungen gemäss den Bestimmungen der röm.-kath. Körperschaft des Kantons Zürich Einen Einblick in unsere aktuelle Arbeit und unser Jahresprogramm 2014 erhalten Sie unter www.bibelwerk.ch sowie www.facebook.ch/bibelwerk. Weitere Auskünfte erteilt Ihnen Detlef Hecking, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle und Zentralsekretär des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, unter 044 205 99 62. Ihre Bewerbung schicken Sie bitte bis zum 25. Februar 2014 mit den üblichen Unterlagen an: Detlef Hecking, Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, detlef.hecking@bibelwerk.ch.

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Nr. 203 2014

Aufbruch 203: Steiniger Weg zu Reformen im Vatikan  

Der Theologe Dietmar Mieth hält den Kardinalsrat des Papstes für einen Gemischtwarenladen. Dennoch lässt er die Hoffnung nicht gänzlich fall...