Issuu on Google+

Frido Mann Religion hat Zukunft – trotz Patriarchat

Jugendbewegungen Katholikale Gruppierungen auf dem Vormarsch

Christine Plüss Mutter Courage des nachhaltigen Tourismus

Nummer 197 2. Mai 2013 Jahrgang 26

www.aufbruch.ch

UNABHÄNGIGE ZEITSCHRIFT FÜR RELIGION UND GESELLSCHAFT

Hausarbeiterinnen Illegal und unverzichtbar


Inhalt

Katholikale Bewegungen. »Gott hat uns ein Projekt anvertraut, welches wir aufbauen dürfen.«. Das Radio »Fisherman. FM« ist im katholisch-konservativen Milieu beheimat. Schirmherr ist Churs Weihbischof Marian Eleganti. Seite 42

Wo bleiben die Töchter? Die Bibel entstand in einer patriarchalen Gesellschaft. Bis heute hapert es mit der Übersetzung in die Moderne. Der in der Schweiz aufgewachsene Frido Mann gibt der Religion dennoch eine Zukunft. Seite 29

Sans Papiers

Politik & Gesellschaft

4 Besinnung Nachgefragt

5 Marianne Künzle ist für

ein Verbot bienenschädlicher Pestizide Hausarbeiterinnen FOTO: JONATHAN LIECHTI

6 Saubere Gesellschaft Kommentare

8 Wolf Südbeck-Baur sieht

Hausarbeiterinnen: Illegal – wie lange noch? Sie wischen, waschen, glätten und sorgen für eine sauber geputzte Wohnung, während ihre Schweizer Arbeitgeber einer wesentlich einträglicheren Erwerbsarbeit nachgehen. Eine der Hausarbeiterinnen ist Sirley Escobar. Sie erzählt von ihrem Alltag und ihren Ängsten, entdeckt und ausgeschafft zu werden. 15 Jahre arbeitete die Kolumbianerin illegal und ohne Papiere. Damit die Hausarbeit von Zehntausenden von Sans Papiers künftig gesellschaftlich anerkannt und aufgewertet wird, lancierte ein breites Netzwerk von Organisationen die Kampagne »Keine Hausarbeit ist illegal«. Seite 6

aufbruch

2 Nr. 197 • 2013

mit Papst Franziskus einen neuen Aufbruch im Vatikan; Claudia Bandixen hält christliche Missionsarbeit für sinnvoll 8 fairNetz 41 Bücher Katholikale Bewegungen

42 Nomen est omen: Radio

Fisherman 44 Personen & Konflikte Porträt

45 Christine Plüss, Pionierin

in Sachen fair reisen 46 Agenda 46 Briefe 47 Impressum Das Allerletzte

48 In vino veritas – astreine Weinkultur

Bienenvölker

Märkte und Monopole

9 Migranten helfen

Deutschland. Zuwanderer oft gut qualifziert Myanmar

10 Schwarzer Rauch zwischen

goldenen Pagoden. Gewalt gegen Muslime Mexiko

12 »Das war meine Rettung.«

Die bedrohte Journalistin Ana Lilia Pérez fand für ein Jahr in Hamburg Zuflucht Michal Elia Kamal

14 »Etwas in mir war

blockiert.« Die Sängerin ist Iranerin und Israelin Initiativen und Modelle

16 »Dafür gebe ich gern

mein Gesicht.« Filmstar Hardy Krüger initiiert Aussteigermodelle für Nazis Gleichgeschlechtliche Eltern

17 »Es geht allein ums Kind.«

Fragen an einen Therapeuten zur Adoption Kommunität Beuggen

18 Vom Luftschloss zum

Wohnschloss. Eine christliche Gemeinschaft

FOTO: GREENPEACE/MATTHIAS GUNSCH

Schweiz

Pestizidverbot muss her Auf Druck der grossen Pestizidkonzerne Syngenta und Bayer entschied das EU-Parlament in Brüssel kürzlich gegen ein Verbot von bienenschädlichen Pestiziden. Doch ganz vom Tisch ist der von Umweltschützern eingebrachte Vorschlag noch nicht. Weshalb ein Verbot der für Bienen gefährlichen Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam dringend geboten ist, erläutert Greenpeace-Frau Marianne Künzle. Seite 5


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser FOTOS: BENNO BÜHLMANN, PA/BURGI, AKTE

Dass der aufbruch in diesem Jahr ein Vierteljahrhundert alt wird, werden viele langjährige Abonnentinnen und Abonnenten längst bemerkt haben. Die Jubiläums-Generalversammlung stand denn auch unter einem besonderen Stern: Sr. Pat Farrell, die diesjährige Herbert Haag-Preisträgerin für Freiheit in der Kirche, berichtete von ihrer Arbeit als amerikanische Franziskanerschwester und ehemalige Präsidentin des Dachverbands der US-Frauenorden (Leadership Conference of Women Religious LCWR). Auf den bislang unentschiedenen Konflikt, den Rom bereits 2008 lostrat mit apostolischer Visitation und intransparenten Verfahren – sowie den Widerstand dagegen –, möchte ich hier nicht weiter eingehen (siehe Nr. 196, S. 32).

Die FairReisende. Christine Plüss leitet mit Herzblut und unbändiger Energie den »Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung«. Seite 45

Beeindruckend war für mich viel mehr das bescheidene, unaufgeregte, aber kraftvolle und mutige Auftreten von Pat Farrell und ihre gläubig geerdete, durch und durch spirituelle Haltung. Wieder und wieder betonte die Ordensfrau, dass es die Kraft des Geistes Gottes ist, die »es möglich zu machen scheint, dass Menschen innere Kräfte mobilisieren für einen inspirierten Widerstand«. Im tiefen Wissen darum, dass die gegenwärtigen Krisen in Kirche und Gesellschaft Zeichen der Transformation sind, des Übergangs zu etwas Neuem, betonte Pat Farrell: »Sie können wohl einige Blumen zertreten, aber den Frühling können sie nicht aufhalten – er kommt bestimmt!« Und wie sind gute Antworten zu finden auf die Herausforderungen des Geistes? »Im tiefen Gebet und mit Unterstützung von anderen, besonders von Frauen«, wie Pat Farrell tags zuvor in der voll besetzten HeiligGeist-Kirche in Basel sagte. Das ist, so bin ich überzeugt, tragender Grund für immer wieder neue Aufbrüche.

Religion & Kirche Kirche für die Armen

20 An der Seite der Schwa-

chen. Die evangelischen Kirchen sollten den Impuls des Papstes aufnehmen, sagt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Evangelische Kirchenreform

26 Langsamer schrumpfen.

Was das Impulspapier »Kirche der Freiheit« bewirkt hat. Ein Beispiel

Mehrheitlich um Frauen geht es auch in unserer Titelgeschichte, genauer um Hausarbeiterinnen. Viele haben keine Aufenthaltspapiere, werden aber von Schweizerinnen und Schweizern als Putzfrau im Haushalt angestellt. Damit sie nicht länger illegal und in Angst, entdeckt und ausgeschafft zu werden, leben müssen, hat eine breite Koalition von Organisationen – darunter auch kirchliche wie die Evangelischen Frauen Schweiz EFS und der Schweizerische Katholische Frauenbund SKF – die Kampagne »Keine Hausarbeit ist illegal« lanciert. Wenn man die Geschichte von Sirley Escobar liest (Seite 6), können Menschen guten Willens nicht anders als laut rufen: »Indignez-vous! Empört euch!« Und schon wieder sind wir bei Respekt und Wertschätzung, Würde und Rechten, die Sans Papiers selbstverständlich zustehen, einfach, weil sie Menschen sind.

Eucharistischer Kongress

28 Zweierlei Mysterium. Nicht

im Sinne des neuen Papstes Frido Mann

29 »Wo bleiben die Töchter?«

Warum die Religion versagt – und doch eine Zukunft hat

tung. Aufruf zu einer Ökumenischen Versammlung 2014

Journal Unschuldig verurteilt

38 Der Prozess. Verfahren vor

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

FOTO: CHRISTIAN FLIERL

Kirche von unten

30 Gegen Gier und Ausbeu-

WOLF SÜDBECK-BAUR Redaktor

Gericht sind komplexe Geschehen, an denen viele beteiligt sind. Nicht immer enden sie gerecht. Nr. 197 • 2013

3 aufbruch


Startschuss der Kampagne «Hausarbeit aufwerten – Sans Papiers regularisieren»

»Klingelt es, bricht das Chaos aus« In der Schweiz leben zehntausende Hausarbeiterinnen und Hausarbeiter ohne Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung. Eine neue Kampagne kämpft für Rechte und Legalisierung der Sans-Papiers Von Hannes Liechti

Ruhig und gefasst sitzt sie da, die Hände auf dem Tisch gefaltet. Ohne Zögern und ohne Umschweife berichtet sie in gebrochenem Deutsch aus ihrem Leben. Eine grosse Dankbarkeit und Zufriedenheit strahlt sie aus, die bei weitem nicht selbstverständlich sind. Sirley Escobar Castanéda ist Kolumbianerin, aufgewachsen als zweites von sechs Kindern nahe der Stadt Cali, im Südwesten des südamerikanischen Landes. Die Grossfamilie lebte in ärmlichen Verhältnissen, die Wände des winzigen Hauses wurden mit Karton und Plastik abgedeckt, zum Schutz vor der Kälte der Nacht. »Wir hatten nicht viel, waren aber glücklich«, blickt Escobar zurück. Plötzlich starb der Vater. Er, der für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt hatte. In die Bresche sprangen Sirley und die ältere Schwester. Sie waren es nun, die das Geld für das tägliche Brot nach Hause bringen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern mussten. Dafür brachen sie die Schule ab. Arbeit gab es aber praktisch keine. Die Mutter wusch Kleider für andere Leute. Zwei bis drei Kilogramm aufbruch

6 Nr. 197 • 2013

pro Tag, von Hand auf einem Stein, bis sie krank wurde davon und Sirley einen Entschluss fasste: Sie wollte ihrer Cousine nach Europa in die Schweiz folgen, um Geld zu verdienen und die Familie damit zu unterstützen. Mit 27 Jahren wagte sie den Sprung über den Atlantik und liess die sechsjährige Tochter bei ihrer Mutter zurück. Die Reise endete in Bern, wo sie sogleich begann, als Putzfrau zu arbeiten. Illegal, ohne Papiere. Arbeit war genug da.

Tendenz steigend. Sirley Escobar ist kein Einzelfall. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich geht von rund 40 000 Arbeiterinnen und Arbeitern aus, die ohne Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen in Schweizer Privathaushalten putzen, waschen, bügeln, betreuen und pflegen. Andernorts wird die Zahl auf bis zu 100 000 geschätzt, davon über 90 Prozent Frauen. Gerade im Bereich Pflege und Betreuung vollziehe sich eine laufende Verschärfung dieser gesellschaftlichen Entwicklung, macht Anni Lanz von der Basler Anlaufstelle für Sans-Papiers deutlich: »Es gibt immer mehr betagte Leute, die zu Hause

bleiben möchten und gleichzeitig intensive Betreuung benötigen. Angebote wie die Spitex sind oftmals zu teuer. So suchen die Leute nach günstigeren Arbeitskräften wie den Sans-Papiers.« Mit einer Putzaktion auf dem Bundesplatz in Bern hat nun der Verein Hausarbeit aufwerten – Sans-Papiers regularisieren eine nationale Kampagne lanciert. Unter dem Titel »Keine Hausarbeiterin ist illegal« will der Verein über die Situation der Haushaltshilfen aufklären. Zentrales Element der Kampagne ist eine Petition, die in einem Jahr dem Bundesrat überreicht werden soll.

Wie in einem Gefängnis. Das Schlimmste sei die Angst gewesen, beschreibt Sirley Escobar das Leben in der Illegalität. Angst vor Kontrollen durch die Polizei oder vor unangemeldeten Besuchen in ihrer Wohnung. Dazu kommt die Angst vor Krankheit und Unfall, denn Versicherungen hatte die heute 43-Jährige keine abgeschlossen. Alltägliche Aufgaben wie das Mieten einer Wohnung, der Abschluss eines Handyvertrags oder die Überweisung von Geld nach Kolumbien wurden zum ernsthaften Problem. Man ist auf die Hilfe von Arbeit-


FOTOS: JONATHAN LIECHTI

Sans Papiers Schweiz

gebern und von Landsleuten angewiesen, die schon länger in der Schweiz leben. »Wenn jemand klingelt und du weisst nicht, wer es ist, bricht das totale Chaos aus. Die Illegalität ist ein zweites Leben unter ständiger Angst – wie in einem Gefängnis«, schildert Escobar die Realität unzähliger Hausangestellter hierzulande. Sie selbst hat dieses Kapitel heute hinter sich: Vor drei Jahren haben die Behörden einem Härtefallbegehren der Kolumbianerin stattgegeben und ihr eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. Gott sei Dank sei ihr in 13 Jahren Illegalität nichts Schlimmeres passiert, sagt Escobar. Nicht allen Sans-Papiers ergeht es so, wie ein Blick in die 2012 publizierte Studie »Wisch und weg!« über Sans-Papiers in Zürcher Haushalten zeigt. Von Ausschaffungen, ausstehenden Löhnen, ja sogar von physischer Gewalt und Nötigung ist die Rede. Dagegen wehren können sich die Betroffenen aus Angst vor einer Ausschaffung kaum. Liselotte Fueter, Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz, kommentiert die Situation mit klaren Worten: »Heben wir die Illegalität dieser Frauen nicht auf, beachten wir ihre Würde nicht.« Der Dachverband ist neben weiteren kirchlichen Organisationen, Sans-Papiers-Anlaufstellen, Gewerkschaften und Hilfswerken eine der rund 30 Trägerorganisationen der Kampagne. Fueter begründet an der Pressekonferenz ihr Engagement theologisch: »In unseren Leitsätzen steht ›Wir leben aus der Freude des Evangeliums und glauben an seine befreiende Kraft. Wir setzen uns ein für ein Leben in Fülle für alle‹. Das heisst für uns, sich für Frauen einzusetzen, wo ihnen Rechtlosig-

keit, Schutzlosigkeit und Ausbeutung droht oder wo es solche Missstände gibt.«

Lösungsvorschlag aus der Romandie. »Keine Hausarbeiterin ist illegal« fordert unter anderem eine landesweite Einführung des in einigen Westschweizer Kantonen mit Erfolg praktizierten Modells der Chèques-emploi. Vor allem illegale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten damit die Möglichkeit, trotz fehlender Papiere Sozialversicherungen abzuschliessen. Chèques-emploi übernimmt die Administration und meldet die Sans-Papiers bei der Quellensteuer an. »Langfristig müssen die Sans-Papiers aber dennoch regularisiert werden. Sonst lösen wir die Probleme nicht«, ist Salvatore Pittà, Koordinator der Kampagne, überzeugt. Ähnlich klingt es bei Anni Lanz und der Basler Anlaufstelle. Diese stellt in ihrer neusten Zeitung das »Basler Modell« vor, das die kontingentierte Vergabe von Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen an Hausarbeiterinnen aus Nicht-EU-Staaten vorschlägt. »Das Zwei-Kreise-Modell unserer Migrationspolitik verunmöglicht faktisch die Vergabe von Arbeitsbewilligungen an Personen, die nicht aus Europa stammen und beruflich nicht hochqualifiziert sind. Die Kampagne stellt dieses Modell in Frage«, führt Lanz den Sachverhalt aus. Die Menschenrechtsaktivistin schätzt die Erfolgsaussichten als günstig ein: »Das Parlament hat als Reaktion auf die letzte Kampagne ›Kein Kind ist illegal‹ den Zugang zu Berufslehren für jugendliche Sans-Papiers erleichtert. Ich bin überzeugt, dass auch die aktuelle Kampagne ihre Spuren hinterlassen wird.«

Der eigene Name auf dem Klingelschild. Für Sirley Escobar hat die Regularisierung bereits jetzt alles verändert. Endlich kann sie am Abend einen Deutschkurs besuchen. Zuvor hat sie sich nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Strasse getraut. Auf dem Klingelschild steht nun ihr eigener Name. Endlich konnte sie ihre Mutter in Kolumbien besuchen, die in der Zwischenzeit dank der Hilfe ihrer Tochter ein Haus bauen konnte und nicht mehr arbeiten muss. In der Schweiz hat Escobar eine Krankenkasse und zahlt in die AHV ein. Eines aber ist geblieben: »Ich habe noch immer Angst vor der Polizei. Das geht nicht so schnell weg, das braucht noch viel Zeit.« „

»Das Schlimmste ist die Angst vor Kontrollen« Sirley Escobar

Keine Hausarbeiterin ist illegal Bis März 2014 werden im Rahmen der nationalen Kampagne Unterschriften für eine Petition an den Bundesrat gesammelt. Download und Online-Unterzeichnung: www.khii.ch; Bestellung: Verein Hausarbeit aufwerten – Sans-Papiers regularisieren, Birmensdorferstr. 200, 8003 Zürich, 079 260 89 22 „ HL Literaturhinweise Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager: Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung, Seismo Verlag, Zürich 2012, CHF 38.–. Pierre-Alain Niklaus: Nicht gerufen und doch gefragt. Sans-Papiers in Schweizer Haushalten, LenosVerlag, Zürich 2013, CHF 22.50.

Nr. 197 • 2013

7 aufbruch


Aufbruch 197: Hausarbeiterinnen - illegal und unverzichtbar