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Al Imfeld Harte Kritik an Missionsarbeit in Übersee

Papstwahl Kritisches Kirchenvolk will Reform des Systems

Gesellschaft Wie der runde Tisch der Religionen allen nützt

Nummer 196 13. März 2013 Jahrgang 26

www.aufbruch.ch

UNABHÄNGIGE ZEITSCHRIFT FÜR RELIGION UND GESELLSCHAFT

Pfarrei-Initiative

bringt die Kirche ins Rotieren Ein herausfordernder Aufbruch


Inhalt

Mission. Der ehemalige Missionar Al Imfeld fordert von den Kirchen, das Missionieren zu beenden. Zugleich kritisiert der Publizist die Verzweckung der Entwicklungshilfe. Das wiederum ruft die kirchlichen Hilfswerke auf den Plan. Seite 6

»Ich schätze die Freiheit«. Pat Farrell leitete bis Mitte 2012 den Dachverband US-amerikanischer Frauenorden. Der Vatikan wirft dem Verband anti-katholischen Feminismus vor. Doch die Nonnen bieten Rom die Stirn. Seite 32

Dossier

Politik & Gesellschaft

4 Betrachtung Nachgefragt

5 Bèatrice Acklin Zimmer-

mann, warum bitte sollen die Kirchen keine Abstimmungsparolen ausgeben? Mission

6 Ex-Missionar Al Imfeld FOTO: JONATHAN LIECHTI

kritisiert kirchliche Hilfswerke Kommentare

8 Vatikan-Experte Hanspeter

Pro und Contra der Pfarrei-Initiative. Fragen an Mitinitiantin Monika Schmid und Franz Kreissl, Pastoralamtsleiter des Bistums St. Gallen VI Gute Regeln VII Wenn Seelsorger Kreise ziehen. Veränderungsprozesse dank internationaler Vernetzung VIII Zehn Selbstverständlichkeiten. Initiativtext der Pfarrei-Initiative III

In der Heftmitte

Oschwald plädiert für einen Italiener; Karin Wenger kommentiert die Gewalt gegen indische Frauen

nieszka K. pflegt alte Menschen, damit ihre Mutter in Polen überleben kann Märkte und Monopole

10 Auf Kosten aller. Autofah-

ren wird hoch subventioniert Israel und Palästina

11 »Eine Union des Heiligen

Landes«. Wie Frieden möglich wäre Harter Suchtentzug

12 Frei sein kannst du später Initiativen & Modelle

14 Ein Farbtopf für Bethlehem

Gesellschaft

15 Gestrandet auf der Insel

dem Runden Tisch der Religionen beider Basel

der Engel. Bewohner helfen Deutsche Bundeswehr im Ausland

16 Keine Empörung, nirgends

44 Personen & Konflikte

Abschied vom Wachstum

Porträt

18 Wohin denn noch? Ohne

45 Patrice de Mestral,

ehemaliger Gefängnisseelsorger 46 Agenda 46 Briefe 47 Impressum 48 Kleine Freunde

2 Nr. 196 • 2013

9 Mama, weine nicht! Ag-

Flüchtlinge auf Lesbos

Das Allerletzte

aufbruch

Sozialprotokoll

8 fairNetz 41 Bücher 42 Gute Erfahrungen mit

Gesellschaft

FOTO: REBECCA HÄUSEL

Pfarrei-Initiative – ein herausfordernder Aufbruch

Schweiz

politische Anreize wird der Abschied vom umweltzerstörenden Wachstum nicht gelingen 20 Die evangelische Initiative »einfach wachsen« fordert die Kirche auf, für eine andere Art des Wirtschaftens einzutreten

Runder Tisch der Religionen Die verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Region Basel ähneln einem bunten Mosaik. Mit dem von den Behörden initiierten Runden Tisch der Religionen beider Basel wurde ein Instrument gefunden, das einem respektvollen Miteinander den Weg ebnen kann. Doch dieser Weg braucht Regeln, und er verläuft nicht immer gerade. Fragen an Gründerin und Koordinatorin Lilo Roost Vischer, der guten Seele hinter dieser schweizweit einmaligen Einrichtung. Seite 42


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser FOTOS: LUKAS NIEDERBERGER, ZVG, SABINA BOBST

Diesmal erhalten Sie etwas dickere Post – im quantitativen wie im inhaltlichen Sinne. Die aufbruch-Redaktion hat zusätzlich zum Heft ein 8 Seiten starkes Extra-Dossier zur Pfarrei-Initiative gestaltet. Wir versuchen aufzuzeigen, dass in dieser länderübergreifenden Bewegung eine neue Qualität von Kraft und Vernetzung steckt, die den meisten Manifesten und Erklärungen, Aufrufen und Appellen seit dem 2. Vatikanischen Konzil fehlte. Denn bisher war jeweils nur die Kirchenleitung über die Bistümer hinweg miteinander eng vernetzt, nicht aber die Basis des Gottesvolks.

Der Unermüdliche. Der ehemalige Gefängnisseelsorger Patrice de Mestral ist für Rückgeschaffte in Albanien aktiv. Seite 45

Da Tagespresse und Wochenzeitschriften mehr als ausführlich über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. berichtet haben, fügen wir all diesen Meldungen und Kommentaren nichts hinzu. Und es scheint die Ironie der Geschichte zu sein, dass im aufbruch bereits bei seiner Gründung vor 25 Jahren exakt jene Forderungen zu lesen waren, die heute mit neuem Nachdruck erhoben werden: Reform des kurialen Zentralismus, Überwindung des kirchenrechtlichen Denkens und des extremen Konservativismus. Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt…

Religion & Kirchen Moderne Spiritualität

Al Imfelds kritisches Buch über das Ende der klassischen Missionen in Afrika wird in einem Artikel von Delf Bucher thematisiert (S. 6). Während die Missionare im 16. Jahrhundert aus Indien, Paraguay, China und Mexiko schrieben, dass ihnen die Hände vom vielen Taufen schmerzen würden, neigen heute Hilfswerke laut Imfeld dazu, westliche Vorstellungen von Hilfe in neu-kolonialistischer Weise in Entwicklungsgebieten aufzudrängen.

22 Das Diesseits steht bei spi-

rituellen Menschen mehr und mehr im Mittelpunkt. Das hat Folgen Ethik in den Konfessionen

25 Wenn der Bischof er-

schrickt. Sozialethiker Dietmar Mieth antwortet Ulrich Körtner

Die Indien-Korrespondentin Karin Wenger von Radio und Fernsehen SRF vermittelt in ihrem Kommentar ihre Perspektive zu den zahllosen Vergewaltigungen und Morden an indischen Frauen (S. 8). Das Phänomen ist leider nicht neu, wohl aber die öffentliche Diskussion. Ein Ort des Dialogs und der interkulturellen Vernetzung ist der «Runde Tisch der Religionen Basel». Regelmässig treffen sich dort Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Religionsgruppen mit den Verantwortlichen der Stadt. An diesem Tisch können manche potenziellen Konflikte im Vorfeld abgefedert und neue Begegnungsmöglichkeiten kreiert werden.

Katholische Kirche

26 Einer allein ändert nichts.

Kritische Christen hoffen nach der Papstwahl auf Reform des Systems 28 Zwei Kirchen im Spätwinter. Die Gläubigen und die Versammlung der Bischöfe 29 »Gott scheint für viele tot.« Über die Entfremdung von den Kirchen und katholische Mentatlitäten

Porträtiert wird in diesem Heft der ehemalige Gefängnisseelsorger Patrice de Mestral (S. 45). Der schillernde und engagierte Pensionär leitet heute ein Projekt in Albanien, das es unfreiwillig Zurückgeschafften ermöglicht, eine Zukunft jenseits der Kriminalität aufzubauen.

Herbert Haag-Preis

32 Sr. Pat Farrell streitet mit

Journal

FOTO: ZVG

Rom

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Künstlerin Paola Gandolfi

38 Die Muttermaschine. Die

LUKAS NIEDERBERGER

Malerin konzentriert sich auf die weiblichste und mächtigste unter den Frauenfiguren

Redaktor

Nr. 196 • 2013

3 aufbruch


FOTO: LUKAS NIEDERBERGER

Hilfe zur Selbsthilfe: Häuserbau auf dem Land

Mission beendet Der Buchtitel von Al Imfeld ist Programm. Der ehemalige Missionar fordert ein Ende des Missionierens und kritisiert die Entwicklungszusammenarbeit. Christliche Hilfswerke widersprechen Von Delf Bucher

H

elfen – das war für den katholischen Kleinbauernbub Alois Imfeld schon in seiner Kindheit die Lebensmaxime. Und Al Imfeld hat geholfen – als Missionar und Entwicklungshelfer, als Kunstvermittler und »Seelsorger« in den Zürcher Multikulti-Quartieren Kreis 4 und 5. Aber die helfenden Hände in Mission und Entwicklungszusammenarbeit sind ihm im Laufe seines Lebens suspekt geworden. Im letzten Jahr rechnete er im Buch »Mission beendet« mit dem missionarischen Helfen ab.

Rettet die Seelen! Anfang der 1970erJahre war für Imfeld die Mission beendet und er quartierte sich hinter dem Zürcher Hauptbahnhof in der Konradstrasse ein. Afrika liess ihn aber auch dort nicht los. Damals etablierten sich immer mehr westafrikanische Frauen im Rotlichtbezirk der früher so prüden Zwinglistadt. Der »Afrikaner« Imfeld war eine Adresse, bei der die Frauen um Hilfe bitten konnten. Und seine Zeit als Missionar und Agronom in Afrika hat der Publizist immer wieder zum Thema gemacht. Auch im Buch »Mission aufbruch

6 Nr. 196 • 2013

beendet« erinnert er sich daran, wie er im Priesterseminar Schöneck in der Bibliothek keine einzige völkerkundliche Studie fand und wie die jungen Missionspatres keine Ahnung von der afrikanischen Spiritualität hatten. »Wir sollten einfach die Seelen der Ungläubigen retten«, sagt Imfeld. Das Politische, die Kritik am Kolonialismus, fand keinen Platz in den Lehrplänen der angehenden Missionare.

Widerspruch! Joe Elsener, der frühere Generalobere der Missionsgesellschaft Bethlehem (SMB), will Imfelds Darstellung so nicht stehen lassen: »Die zukünftigen Missionare wurden gut vorbereitet.« Er räumt selbstkritisch ein, dass Kolonialismuskritik in den Anfängen der Mission in Rhodesien/Zimbabwe kaum eine Rolle gespielt hat. »Aber von Ende der 1950er- Jahre an nahm dies deutlich zu«, sagt er. Und im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils hätten die befreiungstheologischen Konzepte deutlich an Kontur gewonnen.

nar ausgewiesen. Der Gluteifer, der aus dem nun befreienden Glauben flammte, hatte manchmal auch zu tödlichen Missverständnissen geführt. In seinem Buch erinnert Imfeld an den umtriebigen Pater Gieri Jörger, der sich eng mit der Befreiungsbewegung verbunden fühlte. Letztlich wurde er von der Guerilla als angeblicher Spion exekutiert. Nach Imfelds Schilderungen hat Gieri Jörger die fatale Logik der Befreiungskämpfer nicht mitbedacht. Die Einheimischen irritierte die Solidarität eines Weissen und sie vermuteten dahinter einen CIA-Trick. »Ein Weisser ist nichts anderes als ein Kolonialist«, umschreibt Imfeld die Denkhaltung der Guerilleros. Und wenn die Europäer nicht mehr das Böse verkörpern, verliert der antikoloniale Kampf sein feindliches Gegenüber.

Buchhinweis Al Imfeld Mission beendet. Nachdenkliches zur

Verwirrung durch solidarische Weisse.

religiösen Eroberung

Al Imfeld, selbst befreiungstheologisch inspiriert, wurde damals von dem rhodesischen Apartheidsregime als BMI-Missio-

der Welt. Stämpfli-Verlag, Bern 2012, 156 S., CHF 39.–.


Mission und Entwicklung Schweiz

FOTO: MISSIO

Andererseits zeigen neben Gieri Jörger auch weitere von Imfeld porträtierte Missionare: Im christlichen Auftrag waren viele Menschen unterwegs, für die die Parteinahme zugunsten der Kolonialisierten, die »Option für die Armen«, eine Lebensaufgabe blieb. Auch Claudia Bandixen, Direktorin von Mission 21, betrachtet diesen Aspekt als den roten Faden, der das Imfeld-Buch durchzieht: »Imfeld anerkennt die bewundernswerten Einzelpersönlichkeiten, sieht aber die missionarischen Institutionen völlig negativ.« Dabei werden die Institutionen immer wieder gleichgesetzt mit der römisch-katholischen Kirche. Bandixen hat das »katholische« Buch genau gelesen und wundert sich, wie Imfeld ganz nebenbei zum Rundumschlag gegen die gesamte Pfingstbewegung ausholt. Sie selbst hat sechs Jahre in Santiago de Chile in Slums gearbeitet und dabei kaum katholische Ordensleute in den Slums angetroffen. Vielmehr seien es gerade die charismatischen Bewegungen gewesen, die die Armen ernst genommen und ihnen mit einer spirituellen Beheimatung auch wieder Lebensmut gegeben hätten. Imfeld hole dagegen zur Generalkritik aus auf der Basis von acht Gottesdienstbesuchen in pfingstlerischen Gemeinden. »Al Imfeld orientiert sich undifferenziert an einer nordamerikanisch geprägten, dem ›Wohlstandsevanglium‹ hörigen Form. Damit wird er den charismatischen Bewegungen in ihrer Vielfalt nicht gerecht«, kritisiert Bandixen.

Sozialer Wandel oder rurale Nostalgie?

Prediger, die teure Wagen fahren, verkleidet als »religiöse Bankdirektoren«, machen nach Imfeld das Faszinosum aus, um die Menschen auf der Schattenseite gleichzeitig mit »Gott und Geld« zu versöhnen.

Eurozentrisches Verständnis. Beat Dietschy, Zentralsekretär des Evangelischen Hilfswerks »Brot für alle« (bfa), nimmt Imfelds Missionskritik gelassen. Unbestreitbar befand sich nach Dietschys Meinung die Mission faktisch im Fahrwasser des Kolonialismus. Aber es sei einer »vertrackten Dialektik« geschuldet, dass sie dennoch emanzipatorisch gewirkt habe, wie beispielsweise ihr Anteil an der Unterbindung des Sklavenhandels belege. »Im Lichte des Evangeliums« und auch in der direkten Beziehung zu den Menschen in den Ländern des Südens, so Dietschy, hätten viele Missionare ihr Wirken selbst hinterfragt. Modell dafür steht der Indianerapostel Bartolomé de las Casas, der als erster Bischof die kolonialen Gräuel der spanischen Eroberer gegenüber den Indigenen anprangerte. Pointiert formuliert denn Dietschy die These: Die Mission stehe weniger in Gefahr als die Entwicklungszusammenarbeit, eurozentrische Modelle dem Süden überzustülpen. Wie Imfeld hinterfragt auch Dietschy unser Entwicklungsverständnis radikal: »Darf man Entwicklung überhaupt im Singular verwenden und damit das westliche Fortschritts- und Wachstumsmodell zur politischen Norm fernab von der Lebenswirklichkeit des Südens erheben?

FOTO: DELF BUCHER

Gute Missionare, schlechte Institutionen.

Publizist und Ex-Missionar Al Imfeld

Fokus auf Menschenrechte. Eine gute Rezeptur gegen die westliche Bevormundung war für Dietschy der frühe Perspektivenwechsel von »Brot für alle« und »Fastenopfer« hin zu den Menschenrechten. »Statt Bittstellern klagen jetzt die Menschen des Südens ihren Anspruch ein, in Würde zu leben«, sagt Dietschy. Die Forderung von Imfeld, den Menschenrechten vor allem Anderen den Vorrang einzuräumen, stösst auch bei Markus Brun vom »Fastenopfer« auf offene Ohren. Imfeld selber bescheinigt dem »Fastenopfer« aus eigener Anschauung eine gute Projektarbeit. Trotzdem wäre Imfeld nicht Imfeld, wenn er nicht auch für das katholische Hilfswerk einen Seitenhieb parat hätte. Vor allem kritisiert er die Fixierung der Schweizer Hilfswerke auf die Landbevölkerung. Imfeld fragt sich: »Nehmen sie nicht zur Kenntnis, dass die Landflucht ein globales Phänomen ist?« Der Schweizer Hang, das Bauerntum zu idealisieren, würde da die Hilfswerke auf die falsche Fährte locken.

Auf ländliche Gebiete fixiert. Landidylle ist Markus Brun fremd. Dass das »Fastenopfer« seinen Schwerpunkt auf das Land setzt, dafür nennt Brun zwei Gründe: »Bis heute wird noch die Mehrheit der acht Milliarden Menschen von Kleinbauern ernährt. Und diese machen nach wie vor knapp die Hälfte der Menschheit aus.« Aber vor allem eines hat laut Brun das »Fastenopfer« in den jüngst geführten Strategiedebatten davon abgehalten, sich stärker auf urbane Projektarbeit zu konzentrieren: »Unsere bisherige Stärke basiert vor allem auf Projekten in ländlichen Regionen.« Hier einen Kurswechsel zu vollziehen, wäre fatal. Umgekehrt wird auch Al Imfeld keine Kehrtwende vornehmen. Polemisieren und Provozieren, das gehört zu seinem publizistischen Profil. „ Nr. 196 • 2013

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Aufbruch 196: Pfarrei-Initiative bringt die Kirche ins Rotieren  

Ein herausfordernder Aufbruch. Pro und Contra der Pfarrei-Initiative – Fragen an Mitinitiantin Monika Schmid und Franz Kreissl, Pastoralamt...

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