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w w w. a u f b r u c h . c h Nummer 194 13. Dezember 2012 Jahrgang 25

UNABHÄNGIGE ZEITSCHRIFT FÜR RELIGION UND GESELLSCHAFT Gerechtigkeit Jean Ziegler und der Hunger

kreuz.net Katholisches Hassportal endlich verstummt

Kunst Die Bildhauerin mit der Kettensäge

Das Christentum Was wird, was bleibt?


Inhalt

Schweiz

Focus

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Betrachtung Nachgefragt

Das Christentum Was wird, was bleibt?

5 Warum die Migros Ärger hat wegen dem Weihnachtsverkauf Jean Ziegler

FOTO: CORBIS/CHRISTINE MARINER

6 Unermüdlich im Kampf gegen Hunger und Spekulanten Kommentare

Christentum Erwarte das Neue. Das Christentum verändert sein Gesicht. Die Kirchen schrumpfen, es ist heute leicht, sich von der Religion abzuwenden. Warum sollte man sie noch behalten? Es gibt Theologen, die darauf gute Antworten haben. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel oder Paul Ricoeur. Seite 20

8 Aufrüttelnd: Ester Wolf lobt Jean Zieglers neues Buch; Lukas Niederberger rückt Jesu Wiegenfest in ein anderes Licht 8 41

fairNetz Bücher Pfarrei-Initiative

42 Vernetzungstreffen schlagen erste Pflöcke ein 44

Personen & Konflikte Porträt

45 Dorothée Rothbrust, Bildhauerin 46 46 47

Agenda Briefe Impressum Das Allerletzte

48 Die KrippenschutzImpfung

aufbruch

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Nr. 194• 2012

Aus für kreuz.net. Das katholische Hassportal kreuz.net verschwand in der Nacht zum 1. Advent aus dem Internet. Als Schlüsselfigur in der Schweiz gilt der Churer Priester Reto Nay. Aber ein Skandal und offene Fragen bleiben. Seite 30

Politik & Gesellschaft

Pfarrei-Initiative

Sozialprotokoll

9 Jung, alleinerziehend, stark. Wie Veronica Machicado der Armut entkam

FOTO: WOLF SÜDBECK-BAUR

Hunger. Jean Ziegler geisselt die Nahrungsmittelspekulanten in seinem neuen Buch »Wir lassen sie verhungern«. Trotzdem sieht er seinen Erfahrungsbericht als ein Buch der Hoffnung. »Alles, was es braucht, ist den Aufstand des Gewissens.« Seite 6

Konflikt Israel–Palästina

10 Der Wind hat sich gedreht. Die Chance auf einen gerechten Frieden steigt 11 Missbrauch der Religionen. Wirkt Religion als Brandbeschleuniger? Initiativen und Modelle

12 Kunst hinter Gittern Film »Camp 14«

13 Flucht in die Berge. Einblicke in die Straflager Nordkoreas Umweltkonferenz Doha

14 Odyssee auf der Rikscha. Bangladesch erlebt die Folgen des Klimawandels. 14 Das grosse Erwachen. Greenpeace-Aktivist sieht Krise als Chance Märkte und Monopole

17 Bankensteuer in Ecuador Europäische Union

18 Parlamentspräsident Martin Schulz zum Friedensnobelpreis für die EU

Erste Standortbestimmung Inzwischen haben 458 Seelsorgende aus allen Bistümern der Schweiz die Pfarrei-Initiative unterschrieben. Beim ersten Vernetzungstreffen wurden erste Konturen ihres organisatorischen Profils deutlich: kein Verein, eher eine MitarbeiterInnen-Vertretung. Bei den Bischöfen allerdings stösst die Pfarrei-Initiative auf wenig Verständnis. Seite 42


Editorial

FOTOS: BERTELSMANN VERLAG, PA/HORST GALUSCHKA, ANNA WEGELIN

Liebe Leserinnen und Leser »Holder Knabe in lockigem Haar ...« Weihnachtsweisen erklingen in diesen adventlichen Tagen in den Städten, auf den Plätzen und in den Gassen. Da passt die düstere Tatsache, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, gleichsam wie die Faust aufs Auge, überhaupt nicht recht ins Bild. Doch wie die Weihnachtsbotschaft die Welt aufrütteln will, so schüttelt auch Jean Zieglers neues Buch Wir lassen sie verhungern wach. Im aufbruch-Gespräch (Seite 6) schildert der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats mit drastischen Worten jene mörderischen, aber völlig legalen Mechanismen, die täglich zu 57 000 Hungertoten führen. »Zehn Konzerne entscheiden über die Preisbildung jeden Tag darüber, wer isst und lebt und wer hungert und stirbt.« Dennoch schreibt Ziegler, ein gläubiger Christ, die Hoffnung grösser als die scheinbare Ohnmacht gegenüber der »Diktatur der Konzerne«. So spricht er vom Aufstand des Gewissens und erwachenden Bewusstsein. Zum Ausdruck kommt dies zum Beispiel in der Volksinitiative der Jungsozialisten, die die Spekulation mit Nahrungsmitteln verbieten will. Wie Ziegler unterstützt die aufbruch-Redaktion diese Initiative ohne Wenn und Aber.

Die Wirkerin. Künstlerin Dorothée Rothbrust will mit ihren Frauenfiguren dem Urmenschlichen Gestalt geben. Seite 45

Religion & Kirchen Fussballclub

25 Olé du fröhliche ... Eine besondere Weihnachtsfeier

Ebenso mache ich keinen Hehl aus unserer Sympathie für die PfarreiInitiative. Mit Mut zum Risiko setzen sich die 458 Seelsorgenden, die die Initiative bisher unterzeichnet haben, der Gefahr bischöflicher Sanktionen aus, nur weil sie aufrichtig, ehrlich und wahrhaftig öffentlich laut und deutlich sagen, was in vielen Pfarreien in der Schweiz selbstverständlich ist: Das »Brot des Lebens« (Joh 6,48) für alle Getauften, »die sich vom Auferstandenen zum Mahl eingeladen fühlen und daher zur Kommunion kommen«, Segensfeiern für wiederverheiratete Paare, Engagement für die Gleichberechtigung von Homosexuellen, auf dass sie »mit allen Rechten und Pflichten zu unserer Kirche gehören«, Predigt durch theologisch gebildete Frauen und Männer, Einsatz für überschaubare Pfarreien. Den Bericht vom ersten Vernetzungstreffen der Pfarrei-Initiative lesen Sie auf Seite 42.

Spitzenpolitiker Lammert

26 Aufbruch statt Angst Anglikaner

30 Halb England steht kopf. Nach der Entscheidung gegen Bischöfinnen Kirchliches Arbeitsrecht

31 Reaktionen auf das Urteil des Bundesarbeitsgerichts Vatikan-Experte Marco Politi

32 »Ein Teilzeit-Papst ohne Plan.« Warum Benedikt am liebsten Bücher schreibt

Und weil es bei der Migros schon seit Anfang Oktober in den Regalen weihnachtet, regt sich auch hier das kritische Bewusstsein. Der aufbruch hat beim Grossverteiler nachgefragt, wie ernst die Migros den 25 000-fachen Protest gegen den allzu frühen Weihnachtsverkauf nimmt. Mehr auf Seite 5.

kreuz.net

Kirche der Stille

37 Sehnsucht nach Mystik. Positive Bilanz nach einem Jahr

Journal Nikolaus Schneider

38 Vielleicht wird im Himmel Mozart gespielt. Der oberste evangelische Bischof Deutschlands über das Leben »danach«

FOTO: CHRISTIAN FLIERL

34 Vom Jäger zum Gejagten

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

WOLF SÜDBECK-BAUR Redaktor

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aufbruch


Pfarrei-Initiative

Widerständiges bekommt Gesichter

FOTO: WOLF SÜDBECK-BAUR

Eine Mitarbeiterinnen-Bewegung, kein Verein will die Pfarrei-Initiative sein. Die ersten Vernetzungstreffen brachten Selbstvergewisserung und erste Klärungen

Die Pfarrei-Initiative – im Bild die Teilnehmenden beim ersten Vernetzungstreffen – wird getragen von inzwischen 458 Seelsorgenden und über 600 Sympathisanten

Von Wolf Südbeck-Baur

W

ie ein Traum wird es sein, wenn der Herr uns befreit...«, schallt es aus 20 beherzten Kehlen, die sich zur feierlichen Schlussrunde zusammengefunden hatten. Hinter den Seelsorgenden, die der Einladung zum Vernetzungstreffen der Schweizer Pfarrei-Initiative Mitte November im Zürcher Centrum 66 gefolgt waren, liegen zwei Stunden intensive und erfrischend offene Diskussionen. »Zitternd habe ich die Erklärung der Pfarrei-Initiative unterschrieben«, erzählt Franziska Stadler, Pastoralassistentin im luzernischen Gettnau. Ängste, die Stelle zu verlieren, habe sie überwinden müssen. Doch die gestandene Seelsorgerin steht voll dahinter, dass

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mit dem Initiativtext endlich einmal positiv ausgesprochen wird, »was wir in der Seelsorge zur Seele Sorge Tragendes selbstverständlich tun«.

Ehrlichkeit und Transparenz. Diakon Markus Heil, Mitbegründer der Initiative, berichtet von einer Gratwanderung und schwindendem Rückhalt in seiner Pfarrei in Sursee, angefacht auch durch Schlagzeilen wie »Pfarrei-Initiative spaltet die Kirche«. Aufgrund solcher Erfahrungen ist für den Surseer Gemeindeleiter klar: »Jeder, der unterschreibt, riskiert etwas.« Die Basler Bistumsleitung habe ihn, so konstatiert Heil trocken, von der Liste möglicher Pastoralraumleiter gestrichen. Aber gerade dieses Hinstehen mache die Kraft der Pfarrei-Initiative aus. Und Franziska Stad-

ler doppelt nach. Sie habe nicht unterschrieben, weil sie unzufrieden mit ihrer Arbeit sei, sondern »weil durch die PfarreiInitiative all das öffentlich wird, was an Positivem läuft wie zum Beispiel selbstverständlich auch eine Segensfeier für ein lesbisches Paar«. Dabei sei es ihm sehr wichtig, unterstreicht Markus Heil, wieder zu lernen, sein seelsorgerliches Tun und Handeln nicht nur aus der Seelsorgepraxis, sondern zudem theologisch zu begründen. Für die angestrebte Ehrlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit sei diese theologische Grundierung von zentraler Bedeutung. Dies wurde von allen Teilnehmenden – auch von den 40 Unterzeichnenden, die zwei Tage zuvor am ersten Vernetzungstreffen teilgenommen hatten – bekräftigt.


Pfarrei-Initiative Schweiz

«

Franziska Stadler

Klar wurde in Zürich indes, dass gerade in dieser Hinsicht noch einiges an theologischer Reflexionsarbeit auf die Protagonisten der Pfarrei-Initiative wartet. Von den Bischöfen freilich erwartet und erhofft die Pfarrei-Initiative Raum und Rückendeckung, wenn sie öffentlich ausspricht, was die unterzeichnenden Seelsorgerinnen und Seelsorger – bisher sind es 458 – selbstverständlich in und aus seelsorgerlicher Verantwortung heraus tun –, auch jenseits kirchenrechtlicher Korsette. Diese Selbstverständlichkeiten* seien »urevangelische Postulate«. Beim Gespräch, zu dem die Bischöfe Markus Büchel, Felix Gmür und Vitus Huonder Ende November gebeten hatten (s. Kasten), sei zudem das Thema Realitätsverlust als Resultat »systemerhaltender Realitätsverdrängung«, wie einer meinte, prioritär zu behandeln. »Wieso darf ich die Realität in der Kirche nicht als Realität bezeichnen?«, so die bohrende Frage eines pensionierten Priesters. In diesen Zusammenhang sei zudem die Frage nach dem Pluralismus in der katholischen Kirche zu stellen, im Übrigen ein originäres Konzilsan-

liegen. Besonders schmerze da der Vorwurf, »wir seien Zerstörer der kirchlichen Einheit«, moniert Markus Heil.

Endlich …

International vernetzt. Um das Selbstverständnis der Pfarrei-Initiative zu umreissen, schlug die Sprechergruppe – die vier bisherigen Markus Heil, Monika Schmid, Hans-Peter Vonarburg und Georg Schmucki sowie neu Ute Apeldoorn wurden mit kräftigem Applaus bestätigt und beauftragt – einige Pflöcke ein. In Abgrenzung zur Tagsatzung Schweiz machte Gemeindeleiterin Monika Schmid, Effretikon, deutlich, dass »wir eine Initiative von kirchlichen Mitarbeitenden sind«, die ihre Stellung und ihre seelsorgerlichen und liturgischen Gestaltungsmöglichkeiten für neue Wege nutzen wollten. »Wir sind also keine Mitgliedervertretung wie die Tagsatzung«, so Schmid. Offen blieb Rolle und Funktion der Sympathisanten der PfarreiInitiative. »Inwieweit können wir diese Gruppe – zur Zeit sind es rund 600 Personen – konkret unterstützen?«, warf die Effretikoner Gemeindeleiterin in die Runde. Nichtsdestotrotz sei nun für alle sichtbar, dass mit der Pfarrei-Initiative »Widerständiges ein Gesicht bekommen hat«, resümierte Vonarburg die feierliche Schlussrunde einleitend. Klar ist auch, dass die Pfarrei-Initiative im engen Schulterschluss mit der österreichischen PfarrerInitiative sowie mit den deutschen und internationalen Ablegern einen langen Atem braucht. »Unsere Aufgabe ist es«, so Markus Heil, »den Schwung zu behalten.« 

entschleunigen, aufatmen, Kraft schöpfen, sich neu ausrichten … individuell oder im Rahmen einer begleiteten AUSZEIT …

INSERAT

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Ich habe unterschrieben, weil durch die Pfarrei-Initiative all das öffentlich wird, was an Positivem läuft wie zum Beispiel selbstverständlich auch eine Segensfeier für ein lesbisches Paar.

Tel. +41 (0)41 932 12 00 www.kloster-rickenbach.ch

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Bischöfe spielen vorerst auf Zeit

*Initiativtext unter www.pfarrei-initiative.ch

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INSERAT

Überflüssig sei die Pfarrei-Initiative, sie wolle Ausnahmen zur Regel machen und stehe überdies theologisch auf tönernen Füssen. Mit diesen Argumenten trat das durchaus heterogene bischöfliche Dreigestirn Büchel, Gmür und Huonder der Sprechergruppe der Pfarrei-Initiative Ende November in Zürich entgegen. Kaum verwunderlich, dass so eine inhaltliche Annäherung »nicht zustande« kam. Schliesslich wüssten die Bischöfe sehr wohl, so heisst es in einer Pressemitteilung der Pfarrei-Initiative, wo den Seelsorgenden der Schuh drücke. Gerade deshalb wiege die Tatsache umso schwerer, »dass viele Angst hätten, öffentlich zu jener Praxis zu stehen, die im Text der Pfarrei-Initiative* offengelegt wird«. Darum wolle die Pfarrei-Initiative durch einen Zusammenschluss mehr Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit erreichen sowie die Solidarität unter den Seelsorgenden stärken. Intensiv gerungen worden sei zudem um die Frage, welche Pfarreien es in Zukunft geben soll. Die Bischöfe wollten die Fragen der Pfarrei-Initiative bei ihrem nächsten Treffen Mitte Dezember diskutieren und einzelne Themen in ihren Kommissionen weiterverfolgen, heisst es. Mit anderen Worten: Die Bischöfe spielen vorerst auf Zeit.  WSB

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Theologe sucht Kommunikativer kath. Theologe mit langjähriger Pfarreierfahrung sucht neuen Wirkungskreis als menschlicher Seelsorger in offener und mutiger Pfarrei, Schule oder Bildungshaus, Hotel. Kontakte mit Hans Suck, yahoo.de, Telefon 079 262 57 35, Kohlschwärzi 9, 5014 Gretzenbach.


Aufbruch 194: Das Christentum