Issuu on Google+

Pfarrei-Initiative »Wir wollen schlafende Hunde wecken«

Krieg in Syrien Assads bischöfliche Agenten

Medien Respektlosigkeit schürt religiöse Feindbilder

Nummer 193 1. November 2012 Jahrgang 25

w w w. a u f b r u c h . c h

UNABHÄNGIGE ZEITSCHRIFT FÜR RELIGION UND GESELLSCHAFT

Umstrittener Test Proteste der Kirchen – Fehlanzeige


Inhalt

Schweiz

Focus

4

Betrachtung Nachgefragt

5 Warum die PfarreiInitiative schlafende Hunde wecken will Pränatale Diagnostik

FOTO: RALF HEINRICHS

6 Neuer Trisomie 21-Test ist für Kirchen offiziell kein Thema Kommentare

Konziliare Versammlung Mehr als 30 katholische und ökumenische Initiativen trafen sich in Frankfurt unter dem Motto »Zeichen der Zeit – Widerstand und Hoffnung«. Anlass war die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Persönlichkeiten wie der italienische alt Bischof Luigi Bettazzi, Papstkritiker Hans Küng und attac-Gründerin Susan George und viele mehr lieferten Anregungen für intensive Debatten und sorgten für grosse Momente bei dem viertägigen Treffen. Seite 20

8 Ina Praetorius lehnt perfektionierbares Leben ab; Christoph Albrecht moniert kirchliche Duldung der Ausschaffungshaft für Unbescholtene 8 41

fairNetz Bücher Medien und Religion

42 Unwissenheit macht Islam zur Zielscheibe 44

Personen & Konflikte Porträt

45 Josef Jenni, Sonnenkraftpionier 46 46 47

Agenda Briefe Impressum Das Allerletzte

TITELFOTO: PIA NEUENSCHWANDER

aufbruch

2

Nr. 193• 2012

48 Beschneidung für alle Pfaffenröcke

Syrien. Mancher Bischof, manche Ordensfrau ist dem AssadRegime so verbunden, dass sie aufständische Christen verraten. Erbittert streiten die Christen über eine angemessene Haltung zum Regime. Seite 30

Politik & Gesellschaft

Religion in Medien

Sozialprotokoll

9 Leben gegen diese Todesangst. Ein junger Afghane kämpft für sein Bleiberecht

FOTO: WWW.JESUS.CH

Medizin. Mit dem neuen PraenaTest können die Ärzte schon früh während der Schwangerschaft das Down-Syndrom diagnostizieren. Die Kirchen lassen die Eltern in deren Entscheidungsnot allein. Seite 6

Wahlkampf in den USA

10 Das Verderben zieht nicht mehr. Konservative Kirchen führen Krieg gegen Obama 11 Hilft Gott Mitt? Romney und die Mormonen 12 »Gesponserte Kreaturen der Wallstreet«. Jill Stein, Kandidatin der Grünen Märkte und Monopole

14 Förderjahr für Jugendliche vor der Ausbildung I-Phone

15 Wann kommt das fair gehandelte Handy? Grundeinkommen

16 Eine Dividende für alle. Beispiele zeigen, wie es geht Initiativen & Modelle

18 Transition-Town-Bewegung arbeitet an der Energiewende Pro und Contra

19 Lutherpreis für Pussy Riot? Wittenberg nominiert die Punk-Band

Respektlosigkeit ist salonfähig Die Fälle von respektlosen Medienberichten über Religionen mehren sich, insbesondere gegen den Islam. Die Beschneidungsdebatte und der kirchliche Missbrauchsskandal haben den Ton der Medien aber auch gegen Judentum und Christentum in einer undifferenzierten und oft respektlosen Art verschärft. Vertreter von Medien, Wissenschaft und Religionen sind alarmiert und kritisieren diese Entwicklung. Seite 42


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser FOTOS: JONATHAN LIECHTI (2), REUTERS

Dass um den aufbruch herum ein spezieller Mantel geheftet wird, ist eher die Ausnahme. Es freut uns, Sie dort auf die neu gestaltete und mit zusätzlichen Diensten verbundene Website aufmerksam zu machen. Auf dem Umhefter bitten wir Sie auch, uns Adressen von potenziellen neuen Leserinnen und Lesern zu nennen. Gewinnen können Sie damit ein Exemplar meines neuen Buches über Rituale. Einen Auszug aus dem Buch finden Sie ebenfalls auf dem Umhefter. Im Editorial vom aufbruch Nummer 191 habe ich Anfang August mit kritischem Unterton einige Gründe genannt, warum die Österreichische Pfarrer-Initiative auf die Schweiz noch kaum Auswirkungen hatte. Mitte September ist mit der Lancierung der Pfarrei-Initiative Schweiz allerdings Bewegung in die Sache gekommen. Aufbruchstimmung breitet sich aus. Mitte Oktober zählte die Pfarrei-Initiative bereits über 350 UnterzeichnerInnen und 200 Sympathisierende. Wenn meine damalige Kritik ärgerlich und provozierend wirkte, tut mir das Leid. Wenn die Kritik aber in der Folge einige Seelsorgerinnen und Seelsorger zur Unterschrift ermutigte, so freut mich das. Der aufbruch fragt bei Markus Heil von der Gründergruppe der Pfarrei-Initiative nach (Seite 5).

Der Sonnenadvokat. Elektroingenieur Josef Jenni hat sich mit Haut und Haar der Nutzung der Energie der Sonne verschrieben. Seite 45

Religion & Kirchen Debatte über Beschneidung

26 Was ist das für eine Liebe? Fraglicher Zusammenhang von Schmerz und Beziehung 28 Der Streit um das Kindswohl geht weiter

Dass der pränatale Test, mit dem Trisomie 21 (Down-Syndrom) festgestellt werden kann und der in der Folge mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Abbruch der Risiko-Schwangerschaft führt, von den Kirchen kaum thematisiert wurde, überrascht. Sind der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die Schweizer Bischofskonferenz mit anderen Themen überlastet oder haben sie ihren Kampf für die Würde allen Lebens aufgegeben? Der aufbruch hat genau hingeschaut (Seiten 6 bis 8).

Kirche von unten

29 Wenn Glaube Berge versetzt. Benefizkonzert für Indien Christen in Syrien

Berichte über religiöse Themen sind nicht nur in den schnellen OnlineMedien und Boulevardblättern oft unreflektiert und mit fragwürdigen Klischees behaftet. Religionskritik bis hin zur Blasphemie wird in immer mehr Redaktionen salonfähig. Diese Entwicklung zeigt sich vor allem gegenüber dem Islam, wo sich die Ignoranz und Respektlosigkeit von Journalisten besonders manifestiert. Der aufbruch spricht mit Experten (Seiten 42 und 43).

30 Gestatten, Bischof und Agent. Bischöfe und Priester sind dem AssadRegime ergeben Reformationsfest

32 »Hier pfarre ich und kann nicht anders.« Ruth Misselwitz, seit 30 Jahren Pfarrerin in Berlin 34 Der Papst hat die Äbtissin zur Kirchenlehrerin erklärt

Journal Menschenretter

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen FOTO: ZVG

Hildegard von Bingen

LUKAS NIEDERBERGER Redaktor

38 Polizeihauptmann Paul Grüninger rettete Tausenden Juden das Leben. Die Schweiz ächtete ihn nach dem Krieg. Erst posthum wurde ihm 1995 gebührende Anerkennung zuteil Nr. 193• 2012

3

aufbruch


Pränatale Diagnostik

Kirchen denken nur leise mit Mit dem neuen PraenaTest lässt sich schon früh ein mögliches Down-Syndrom erkennen: Ein Test, der über Leben entscheiden kann. Doch die Kirchen lassen Eltern in ihrer Entscheidungsnot allein

Von Claudia Weiss

K

onzentriert giesst die vierjährige Liliane kaltes Wasser in ihre Teetasse. Dann beugt sie sich zu ihrer gut anderthalbjährigen Schwester Charlotte hinüber und füllt auch deren Tasse auf. Die Kleine protestiert leise, sie wollte gar kein Wasser. Deshalb lächelt Liliane sie entschuldigend an und legt geschwind ein Biscuit vor ihr auf den Tisch – alles wieder in Ordnung. Die beiden Schwestern haben es gut miteinander, im Moment lernen sie gleichzeitig zu sprechen: Liliane ist etwas später dran, sie ist mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen. Ihre Eltern Doris Lüthi (43) und Thomas Holzer (43) erfuhren die Diagnose kurz aufbruch

6

Nr. 193 • 2012

nach der Geburt, vorgeburtliche Tests hatten sie damals nicht durchführen lassen: Als Doris Lüthi die Schwangerschaft bemerkte, war sie schon weit fortgeschritten, «für Tests war es sowieso zu spät». Heute ist sie froh darüber, wer weiss, wie sie und ihr Partner sonst entschieden hätten. Deshalb weckt der im August zugelassene neue PraenaTest zur Früherkennung von Trisomie 21 in ihr zwiespältige Gefühle. Momentan glaubt sie nicht, dass der neue Test viel verändert, weil er erst in gezielten Fällen eingesetzt wird und die Krankenkassen die Kosten von 1500 Franken vorerst nicht übernehmen. »Wird der Test aber eines Tages flächendeckend angewendet mit dem Zweck, Trisomie 21 auszumerzen, dann finde ich das sehr erschreckend.«

Stigmatisierung. Weder die evangelische noch die katholische Kirche hat sich zu dem brisanten Thema bisher offiziell geäussert. Allerdings haben sie eine klare Meinung dazu. »An sich ist der Test gar keine fundamentale Neuheit«, sagt Thierry Collaud, Präsident der Bioethik-Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz. »Allerdings ist es tatsächlich so: Je raffinierter die Tests werden, desto grösser wird die Intoleranz.« Die katholische Kirche, betont Collaud, warne generell davor, mittels Eugenik die Kinder nach Qualitätsstandards auszuwählen. »Das ist dramatisch«, sagt er. »Je effizienter die Früherkennung von Trisomie 21 wird, desto mehr werden jene stigmatisiert, die damit leben.« Für den Mediziner Collaud stellt sich jedoch


FOTO: JONATHAN LIECHTI

Pränatale Diagnostik Schweiz

nicht so sehr die Einzelfrage nach dem PraenaTest, sondern die Frage im weit grösseren Rahmen: »Was macht ein Leben lebenswert?« Seine Antwort: »Es ist jedenfalls nicht die Anzahl der Chromosomen, die über die Würde eines Lebens entscheidet.« Genau um diese Würde kämpft Lilianes Mutter Doris Lüthi: »Ich wünsche mir dringend, dass die Gesellschaft auch behinderte Kinder akzeptiert und echt integriert.« Für sie ist es keine Frage, dass ihre Tochter ein würdiges und erfülltes Leben führen kann – wenn ihr die Gesellschaft die Möglichkeit dazu bietet. Lüthi weiss das besonders gut, weil bereits ihre um vier Jahre jüngere Schwester Trisomie 21 hat. Daher war auch der Schock nach der Geburt ihrer Tochter nicht überwältigend: »Einen kurzen Schreck haben wir durchgemacht«, sagt Doris Lüthi heute. »Danach war es für uns nicht tragisch: Ich wusste ja bereits, das ist kein Weltuntergang.« Die Diagnose habe ihre Partnerschaft nie belastet, und die Familie unterstützte sie gut. »Wir erleben unser Familienleben als positiv«, sagt sie ruhig. Sie hat ihre Teilzeitanstellung als Qualitätsmanagerin behalten und Liliane bereits mit fünf Monaten für zwei Wochentage in die Krippe gegeben – alles problemlos. Als Liliane ein Jahr alt war, wurde ihr Herzfehler operiert, seither ist sie fast immer gesund. »Sie fing später zu laufen an als andere, sie hat ein etwas schwächeres Immunsystem und erkältet sich oft stark.« Ansonsten spielt sie, lacht oder trotzt, ist süss und anstrengend – genau wie ihre kleine Schwester Charlotte.

Leiden an Ausgrenzung. Umso mehr bedauert Bruno Schuler von der Elternvereinigung Insieme 21, selber Vater einer 16-

» Je effizienter die Früh-

erkennung von Trisomie 21 wird, desto mehr werden jene stigmatisiert, die damit leben. Das ist dramatisch.

«

Dr. med. Thierry Collaud

jährigen Tochter mit Trisomie 21, dass vielfach nur aus medizinischer Sicht informiert werde. »Ein Leben mit Trisomie 21 kann sehr wohl lebenswert sein.« Dafür, sagt Schuler, braucht es jedoch Toleranz: »Menschen mit Trisomie 21 leiden nicht am Down-Syndrom, sie leiden höchstens an der gesellschaftlichen Ausgrenzung!« Zu diesem Thema macht sich auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK Gedanken. »Trisomie 21 wird ohnehin bereits seit Jahren frühdiagnostiziert«, sagt Kirchenbund-Sprecher Simon Weber. Die einzige Neuerung sei, dass der PraenaTest weniger Risiken für das Ungeborene berge. »Warum sollte man also nicht die risikoarme Variante wählen?« Weit wichtiger sei etwas ganz anderes: »Eltern müssen vorher wissen, ob und wie sie mit einem behinderten Kind leben können.« Dieser Entscheid sei schon an sich schwierig genug zu treffen, und wenn durch einen risikoarmen Test der Druck noch erhöht und ein Schwangerschaftsabbruch zum Regelfall werde, werfe das ganz viele ethische Fragen auf. »Wir schreiben Eltern nicht vor, wie sie handeln sollen, aber wir möchten ethische Leitplanken aufbauen.« Tatsächlich können längst nicht alle Eltern mit der Diagnose »Trisomie 21« umgehen: Über 90 Prozent der Paare, die in der Schwangerschaft damit konfrontiert sind,

lassen bereits heute abtreiben. Der PraenaTest könnte diese Zahl noch steigern. Für Eltern, die nach der Diagnose nicht wissen, wie sie entscheiden sollen, gibt es an den Universitätskliniken und Kantonsspitälern Beratungsstellen. »Wir arbeiten sehr eng mit den verschiedensten Fachleuten zusammen«, sagt Olav Lapaire, leitender Arzt und Berater der Unabhängigen Beratungsstelle für pränatale Untersuchungen an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel. »Paare brauchen in jedem Fall eine ganz enge, vertrauenswürdige Begleitung, egal, ob sie sich für eine Abtreibung oder für das Behalten eines behinderten Kindes entscheiden.« Ganz wichtig sei eine gute Beratung schon im Vorfeld eines Tests, denn wenn die Diagnose einmal im Raum stehe, seien die Eltern überfordert. Im Moment glaubt auch Lapaire nicht, dass der PraenaTest eine grosse Veränderung mit sich bringt. Allerdings könnte er dennoch dereinst einen wichtigeren Stellenwert bekommen: »Vor allem, wenn damit noch andere Chromosomenstörungen wie Trisomie 13 oder 18 sowie Geschlechts-Chromosomen untersucht werden können.«

Sehr wohl lebenswert. Inzwischen haben sich die beiden Schwestern Liliane und Charlotte am Boden eingerichtet und spielen vergnügt mit den farbigen Lego-DuploSteinen: Sie lassen Elefanten und Autos ineinander purzeln und lachen fröhlich. Liliane, so vermutet ihre Mutter Doris Lüthi, weiss zwar irgendwie, dass sie ein wenig anders ist als andere Kinder. Aber im Moment stört es sie noch nicht. Und gegenwärtig ist der PraenaTest noch nicht massentauglich, so dass es weiterhin Kinder geben wird wie sie. 

Keine Frage, Liliane kann ein erfülltes Kinderleben führen. Ihre Mutter Doris Lüthi wünscht sich mehr echte gesellschaftliche Akzeptanz und Integration für Menschen mit Trisomie 21 und für alle, die mit einer Behinderung leben Nr. 193• 2012

7

aufbruch


Aufbruch 193: Umstrittener Test