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Manni Breuckmann

FLANKENGOTT

Ich nehme hohe Wetten an, dass die meisten beim Begriff Flankengott – natürlich der aus dem Kohlenpott – auf Reinhard »Stan« Libuda tippen. Das ist nachweislich falsch. ­Libudas Flanken waren weiß Gott (!) nicht schlecht, und seine göttlichen Dribblings veranlassten Schalker Fans, den Satz »An Gott kommt keiner vorbei« auf dem Plakat des Evangelisten Billy Graham mit dem Zusatz zu versehen »Außer Stan Libuda«. Aber der einzige und wahre Flankengott, den die Schalker und die Medien auch so nannten, hieß Rüdiger Abramczik. »Abi« spielte zwar in der Schalker Jugend eine Weile mit Stan Libuda zusammen, seine große Zeit in der ersten Mannschaft kam aber erst 1973, als der Bundesliga-Bestechungsskandal Libuda schon nach Straßburg vertrieben hatte. Während Stan eher ein verschüchterter Junge war, glänzte Abramczik durch seine große RuhrpottSchnauze. So zerschmetterte er seine Länderspielkarriere schon nach 19 Spielen im Nationaltrikot, indem er dem ihn kritisierenden DFB-Präsidenten Hermann Neuberger entgegenschleuderte: »Sie haben doch überhaupt keine Ahnung!« Neuberger, mit dem Selbstverständnis von Gottvater ausgestattet, sorgte dafür, dass Abramczik nie mehr in Schwarz-Weiß auflief. So blieb Abis künstlerische Perfek83

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tion am rechten Flügel Vereinssache. Aber immerhin hatte Abramczik seinen ungeliebten Trainer Max Merkel Lügen gestraft; von dem stammte die Prophezeiung: »Ehe der Abramczik Nationalspieler wird, singe ich an der Metropolitan Opera.« Merkel sang sein Leben lang nur unter der Dusche. Abramcziks kongenialer Sturmpartner in der Mitte war Klaus Fischer aus dem Bayerischen Wald, der die Flanken von rechts regelmäßig zu bildschönen Toren verarbeitete. Das allerschönste davon fiel 1977, als beide im Nationaldress gegen die Schweiz aufliefen und Klaus Fischer mit einem perfekten Fallrückzieher das »Tor des Jahrhunderts« gelang. Die Gelsenkirchener Verehrung für den Flankengott schrumpfte auf Null, als der zum Erzfeind nach Dortmund wechselte. Schalke musste ihn aus Geldmangel verkaufen, Präsident Siebert verbreitete aber, Abi sei ein Raffzahn und hätte zu hohe Gehaltsforderungen gestellt. Als das öffentlich wurde, stellten die blau-weißen Fans Abramczik nach, beschimpften ihn als »Schwein« und »Judas«, überschütteten ihn mit Bier und zerkratzten sein Auto. Für den UrSchalker Jungen eine schlimme Erfahrung. Selbst Götter haben eben im Fußball eine begrenzte Haltbarkeit. Aber ­Rüdiger Abramczik fehlte ohnehin das abgehoben Göttliche, das die Gläubigen auf die Knie sinken und beten lässt. Sicher, bei seiner Fußballkunst, beim Ausspielen der Gegner und bei den präzisen Flanken kriegten sie alle leuchtende Augen. Menschlich betrachtet war Abi aber weit von allen göttlichen Eigenschaften entfernt, mit seinen frechen Sprüchen und seinem, äh, genießerischen Lebenswandel eher ein typischer Vertreter des prolligen Ruhr-Reviers. Wenn 85

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schon höheres Wesen, dann vielleicht eher ein schelmisch lachender Buddha, der seinen Spaß daran hatte, die Gegenspieler (rechts antäuschen, links vorbeirauschen) ins Leere laufen zu lassen. Im Ruhrgebiet nannten sie ihn auch Schliekenfänger; damit ist einer gemeint, der es faustdick hinter den Ohren hat. Aber Flankengott und damit der Bezug zu Glaube und Religion war gängiger. Die Parallelen drängen sich auf: Schon der Vorlauf zu den Spielen mit geschwenkten Fahnen und weihevollen Gesängen hat was von Gottesdienst. Auch die inbrünstige Hinwendung zum eigenen Club (»Schalke, dat iss mein Leben«) und die Verehrung der großen Stars kommen der Verbindung zu Gott und den Heiligen nahe. Zugegeben auf eine sehr profane Weise, aber mit der gleichen Hingabe, bis hin zu quasi-religiösem Fanatismus, wenn es um die Verspottung, Beschimpfung und die körperliche Auseinandersetzung mit den Gläubigen anderer Vereine geht. Da ist es schon keine Überraschung mehr, wenn der liebe Gott tatsächlich ins Spiel gebracht wird, immer wieder gerne in Gestalt des Fußballgottes, der der eigenen Mannschaft den Sieg beschert hat, oder der angefleht wird, genau das zu tun. Unvergessen sind die Schalker Gefühlszusammenbrüche am 19. Mai 2001, als der Verein für etwas mehr als vier Minuten Deutscher Meister war, und ein Freistoßpfiff des Unparteiischen Markus Merk beim parallelen Auftritt der Bayern in Hamburg den Einsturz des ganzen schönen Gebäudes einleitete. Es flossen Sturzbäche von blau-weißen Tränen, und in der anschließenden Pressekonferenz donnerte der damalige Manager Rudi Assauer in den Raum, nach diesem Spiel gebe es für ihn keinen 86

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Fußballgott mehr. Und er meinte es ernst! Wie lächerlich kommt da eine Aussage der Theologin Margot Käßmann daher, die in Gott einen neutralen Fußballfreund sieht: »Er freut sich mit den Gewinnern und stärkt den Verlieren den Rücken.« Die Frau hat schlicht keine Ahnung von Fußball. Wo doch schon Kerzenspenden in der jeweiligen größten Kirche der gegnerischen Stadt ein Spiel günstig beeinflussen können. In mindestens einem Fall ist eine solche Kerzen-Entzündung allerdings jämmerlich gescheitert. 1997 versuchte der legendäre Schalker Mannschaftsbetreuer Charly Neumann, mit der Schalker Traditionsfahne auf den Schultern den Mailänder Dom zu entern, um vor dem zweiten UEFA-Cup-Finale gegen Inter Mailand eine Glück bringende Kerze anzustecken. Der Versuch wurde jedoch nach wenigen Augenblicken von aufgescheuchten italienischen Gardisten vereitelt, die die Würde des Domes in Gefahr sahen. UEFA-Pokalsieger wurde Schalke dann aber trotzdem, das höhere Wesen hat also offensichtlich schon die gute Absicht des Schalker Maskottchens belohnt. Ob der liebe Gott damit einverstanden ist, wenn Fans oder Medien ihren Fußballhelden das Etikett »Gott« verpassen, wissen wir nicht. Sein Personal auf Erden jedenfalls rümpft die Nase, früher allerdings schlimmer als heute. Das belegt der Fall des überschwänglichen Radio-Reporters Herbert Zimmermann beim WM-Finale 1954. Über den deutschen Torwart Toni Turek rutschte ihm der ekstatische Satz »Toni, du bist ein Fußballgott!« heraus. Nach kirchlicher Intervention wurde aus diesem Schrei des Entzückens in der Nachbearbeitung ein harmloses »Toni, du bist Gold wert!«. Sogar der dama87

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lige Bundespräsident Theodor Heuss mischte sich ein und sagte: »Bei aller Begeisterung – das geht zu weit.« Des Reporters Karriere soll an einem seidenen Faden gehangen haben. Später sind noch etliche andere Fußballer verbal mit Gott gleichgesetzt worden, von Empörung war jedoch kaum noch etwas zu hören. Der Verteidiger Jürgen Kohler von ­Borussia Dortmund war so einer, dem nach einigen schier übermenschlichen Rettungstaten der Ehrenname verliehen wurde. Die Österreicher hoben ihren Stürmer Hans Krankl in höhere Sphären, als er bei der WM 1978 mit zwei Toren dazu beitrug, die Deutschen nach Hause zu schießen. Für sich selber den lieben Gott zu reklamieren geht allerdings überhaupt nicht. Das musste der geniale Fußballer Diego Maradona feststellen, als er bei der WM 1986 die Hand zu Hilfe nahm, um ein Tor zu erzielen, und hinterher von der »Hand Gottes« sprach, die ihm assistiert hätte. Das bescherte Maradona weltweit – außer in Argentinien – Spott und Verachtung. Von einer Vereinnahmung Gottes für schnöde Siege auf dem Platz streng zu trennen ist der christliche Ansatz bei der Gründung eines Fanclubs. Davon gibt es eine ganze Menge, zum Beispiel im Ruhrpott die Fanclubs »Mit Gott auf Schalke« und »Totale Offensive BVB«. Dort wird zwar bestimmt mehr oder weniger heimlich für den Erfolg von Blau-Weiß oder Schwarz-Gelb gebetet. Der wesentliche Grund für die Club-Gründungen ist aber die Propagierung christlicher Werte wie Fairness, Respekt und Menschlichkeit im Fußballgeschäft. Am Vorabend des emotional aufgeladenen Revier-Derbys treffen sich die christlichen Schalker und Dortmunder Fans 88

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regelmäßig zu ökumenischen Gottesdiensten. Das dürfte Gott mit dem augenzwinkernden Missbrauch seines Namens für Fußball-Größen ein ganz klein wenig versöhnen. Der Ehrentitel Flankengott ist indessen im Sprachrepertoire der Fußball-Szene verloren gegangen. Denn die genialen Flügelstürmer mit ihren Wunderflanken sind im modernen Fußball verschwunden.

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Leseprobe: Die Poesie des Fußballs // Manni Breuckmann - Flankengott  

Poesie ist, wo gefranzelt wird. Kaum ein Sport hat soviel neudeutsche Poesie erzeugt wie der Fußball. Nirgends sonst treffen sich Stehgeige...

Leseprobe: Die Poesie des Fußballs // Manni Breuckmann - Flankengott  

Poesie ist, wo gefranzelt wird. Kaum ein Sport hat soviel neudeutsche Poesie erzeugt wie der Fußball. Nirgends sonst treffen sich Stehgeige...