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WANDERLAND SCHWEIZ

JURA-HÖHENWEG


DOMINIK WUNDERLIN

WANDERLAND SCHWEIZ JURA-HÖHENWEG


Herausgeber: Schweizer Wanderwege Monbijoustrasse 61 3007 Bern www.wandern.ch

4. Auflage, 2019 © 2008 AT Verlag, Baden und München Umschlagbild: Christof Sonderegger, Fotos Inhalt: Dominik Wunderlin Kartenausschnitte: Kartographie und Grafik Schlaich, Geislingen ISBN 978-3-03902-003-4 www.at-verlag.ch

Der AT Verlag, AZ Fachverlage AG, wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.


Wanderland Schweiz Liebe Wandernde Die Schweizer Wanderwege und ihre kantonalen Wanderweg-Organisationen heissen Sie im «Wanderland Schweiz» herzlich willkommen. Sie präsentieren Ihnen eine Auswahl der schönsten nationalen, regionalen und lokalen Wanderrouten. Egal ob Mehrtageswanderung oder kurze Tagestour; die Auswahl ist riesig und deckt die ganze Vielfalt der Wandermöglichkeiten in der Schweiz ab. Seit 1934 setzt sich der Dachverband Schweizer Wanderwege gemeinsam mit den kantonalen Wanderweg-Organisationen für ein attraktives, sicheres, einheitlich signalisiertes Wanderwegnetz in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein ein. Mittlerweile erstreckt sich dieses Netz über 65 000 Kilometer. Im Rahmen des Netzwerks von SchweizMobil haben die Schweizer Wanderwege daraus, zusammen mit kantonalen und kommunalen Behörden und Partnern aus dem Tourismus, die schönsten Wanderrouten ausgewählt. Diese Routen sind optimal an den öffentlichen Verkehr angebunden, verlaufen durch Dörfer, vorbei an Herbergen und bieten Ihnen somit Unterkunfts-, Verpflegungs- und Einkaufsmöglichkeiten. Zudem führen die Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu kulturellen Sehenswürdigkeiten und Naturdenkmälern sowie durch alle Landschaftstypen der Schweiz.

Für die Wanderrouten von «Wanderland Schweiz» werden die gelben Wegweiser, die Sie zur Orientierung im Gelände finden, mit einem grünen Routenfeld und Nummer ergänzt. Weil es nicht nur Ruhe und Erholung vom hektischen Alltag bietet, sondern gleichzeitig zur Gesundheit beiträgt, gehört das Wandern heutzutage zur beliebtesten Freizeitaktivität der Schweizer Bevölkerung. Dazu tragen auch Angebote wie «Wanderland Schweiz», die Serviceplattform wandern.ch der Schweizer Wanderwege sowie mobile Apps und Kartenmaterial bei, die das Planen einer Wanderung erleichtern. Die Schweizer Wanderwege setzen sich als kompetenter und zuverlässiger Partner für alle Belange des Wanderns und der Wanderwege ein und ermöglichen Ihnen so einmalige, unvergessliche Wanderausflüge. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen! Ihre Schweizer Wanderwege

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Wanderland Schweiz

Schaffhausen Basel

Frauenfeld

Liestal Delémont

Aarau

Dielsdorf Zürich

St.Gallen Herisau Appenzell

Solothurn

Zug Vaduz Glarus

Neuchâtel

Bern

Luzern Stans Sarnen

Schwyz Altdorf

Chur

Fribourg

Lausanne Montreux Nyon Genève

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Sion

Bellinzona


Nationale Routen in Zahlen

Regionale Routen in Zahlen

1 Via Alpina 370 km 20 Etappen 23 600 Höhenmeter

Weitere Bände bieten eine Auswahl der schönsten regionalen Routen (in der Karte feine grüne Linien). Mehr dazu: www.wanderland.ch

2 Trans Swiss Trail 460 km 30 Etappen 17 600 Höhenmeter

Highlights West 19 Routen in 67 Etappen

3 Alpenpanorama-Weg 510 km 30 Etappen 17 800 Höhenmeter 4 ViaJacobi 725 km 33 Etappen 11 900 Höhenmeter

Highlights Ost 18 Routen in 68 Etappen Die Angabe der Höhenmeter bezieht sich jeweils auf die in den Bänden vorgeschlagene Gehrichtung. Die im Buch angegebenen Wanderzeiten wurden mithilfe eines Geografischen Informationssystems (GIS) berechnet. Es handelt sich um Circa-Angaben.

5 Jura-Höhenweg 310 km 16 Etappen 13 800 Höhenmeter 6 Alpenpässe-Weg 610 km 34 Etappen 37 600 Höhenmeter 7 ViaGottardo 320 km 20 Etappen 10 500 Höhenmeter

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Jura-Höhenweg: Kleine Berge mit grandioser Aussicht Jeder, der ihn auch nur ein wenig kennt, kann es bestätigen: Der Schweizer Jurabogen ist ein wunderbares Wanderland. Hier lassen sich in angenehmer Höhe abwechslungsreiche Touren unternehmen, bei denen sich immer wieder Gelegenheiten zum Genuss eines umfassenden Panoramas bieten. Gerade die im Mittelland wohnenden Menschen wissen es zu schätzen, dass bei Dunstoder Nebellagen auf den Jurahöhen die Sonne scheint und dann zumeist auch der Blick auf die ganze Alpenkette frei ist. Mehr noch: Vor allem von den Aussichtspunkten im Deutschschweizer Jura eröffnet sich gegen Norden und Westen auch die Sicht auf die benachbarten Mittelgebirge Schwarzwald und Vogesen, während von den Kämmen und Gipfeln des welschen Juras die nach Westen fast ins Unendliche gehende wellenförmige Landschaft der Freigrafschaft Burgund genossen werden kann. Wandern im Jura und über die vorderste Kette heisst auch, sich zu Fuss fern grosser Städte und Dörfer fortzubewegen. Zwar liegt der Ausgangspunkt Dielsdorf unweit von Zürich, der mit Abstand grössten Schweizer Stadt mit einer entsprechend ausgedehnten Agglomeration, und auch der Zielort Nyon ist bloss 20 Kilometer von der welschen Metropole Genf entfernt. Doch auf dem über 300 Kilometer langen Jura-Höhenweg durchquert man lediglich 16 grössere Siedlungen, wovon die Hälfte gleich auch Etappenorte sind. Fern der Zivilisation ist der Wanderer dennoch nicht: Zahlreiche einsam gelegene Bergbauernhöfe und Sennereien, oft mit Gastbetrieb, aber auch alte Kurhäuser und Berghotels finden sich am Weg und bieten sich zur verdienten Rast an. 18


Die Jurahöhen mögen vor allem im südwestlichen Teil rauh und karg erscheinen. Das Klima erlaubt tatsächlich nur eine verkürzte Vegetationszeit, und der kalkhaltige Boden verhindert eine üppige Vegetation. Ohne Eingriff des Menschen wäre der Jura unterhalb von etwa 1500 Metern weitgehend mit Wald – Tannen, Bergahorn und Buchen – bedeckt. Der Naturfreund kann auf den teilweise durch klösterliche Rodungstätigkeit entstandenen, mageren Weidenflächen, in den Wäldern und in den herben Gipfelzonen eine erstaunlich reichhaltige Flora entdecken, die im Juni und Juli ihre grösste Blüte entfaltet. Unter den Pflanzen finden sich viele Arten, die auch im alpinen Raum heimisch sind. Dasselbe gilt auch für die Tierwelt, kann man doch vor allem im welschen Jura auch Steinböcke, Gemsen, Murmeltiere und viele selten gewordene Raubvögel beobachten. Ein dankbarer Lebensraum für viele Kleintiere sind die auf den Weiden des Hochjuras charakteristischen Trockensteinmauern. Sehr häufig sind diese alten Zeugen des bäuerlichen Existenzkampfes im Bereich des alten Fürstbistums Basel. Aus einem Gesetz dieses jurassischen Kleinstaats von 1702 lässt sich das Alter dieser oft kilometerlangen Mäuerchen zumindest erahnen: Die Grundbesitzer «sind gehalten, ihr Eigentum, Waldweiden, Mähwiesen und übrigen Besitz, mit Trockenmauern von angemessener Höhe zu umgeben». Der Jura ist ein Kalkgebirge, das weniger hoch, einfacher gebaut und jünger als die Alpen ist. Das sich bei Chambéry (Savoyen) von den Alpen ablösende und an der Lägern ins Mittelland abtauchende Faltenbündel entstand im Erdmittelalter und im Tertiär der frühen Erdneuzeit: Durch Schubkräfte von Südosten warfen sich Sedimentgesteine zu einem Gebirge auf, da die verschobenen Massen an alten Gebirgsmassiven (Vogesen, Schwarzwald, Zentralmassiv) auf unüberwindlichen Widerstand trafen. Die unterschiedlich stark erfolgte Faltung ergab den Ketten-, den Plateau- und den Tafeljura. Seinem Namen entsprechend verläuft 19


der Jura-Höhenweg nur über die Höhen des Kettenjuras am inneren, gelegentlich hart gegen das Mittelland abfallenden Jurarand. Von den Kreten und Gipfeln des Kalksteingebirges ist aber oft Gelegenheit zum Blick auf den Tafeljura (nördlicher Aargau und östliches Baselbiet) und auf den Plateaujura (Freiberge und französischer Jura/Franche Comté). Typisch für den Jura als Kalksteingebirge sind Erosionsformen und Karsterscheinungen. Erwähnt seien hier die Klusen und Halbklusen, bei denen auch die gefalteten Schichten schön erkennbar sind. Auf Grund des wasserdurchlässigen Kalkbodens versickert das meiste Regenwasser rasch im Boden und fliesst unterirdisch ab. Grössere Wassermengen, die durch den in Mulden und Talböden liegenden Ton streckenweise an der Oberfläche (in Seen, Weihern, Bächen) zurückgehalten werden, verschwinden in Schwundlöchern. Eine in bachlosen Tälchen vorhandene Abfolge von trichterförmigen Einsenkungen, sogenannten Dolinen, weist auf einen unterirdischen Wasserlauf hin. Oft in grosser Entfernung von solchen Schwundlöchern und Dolinen tritt das Wasser in einem tiefer gelegenen Tal als Stromquelle wieder ans Tageslicht, nachdem es eine im Laufe der Zeit entstandene Höhlenwelt durchflossen hat. Der Jura-Höhenweg zählt seit langer Zeit zu den schönsten und meistbegangenen Fernrouten der Schweiz. Wer sich auf diese Route begibt, weiss den Erlebniswert einer Wanderung zu schätzen, die durch eine prächtige Landschaft – reich an wertvollen Naturschönheiten und bedeutsamen Zeugnissen des kulturellen Schaffens – führt. Mit dessen rot-gelber Markierung hatte der 1898 in Olten gegründete Schweizerische Juraverein (SJV) bereits 1905 begonnen, was innerhalb des schweizerischen Wanderwegwesens eine unvergleichliche Pionierleistung darstellt. Mit der Realisation von «Wanderland Schweiz» wurde die jeder Jurawanderin vertraute Markierung aufgehoben und durch national ein20


heitliche Wegweiser ersetzt. Im Portfolio des 2015 aufgelösten Vereins befand sich über viele Jahrzehnte auch die Herausgabe eines zweisprachigen Gaststätten- und Unterkunftsverzeichnisses. Mit einem Teil des Restvermögens wurde der elektronische Weiterbestand dieses Verzeichnisses ermöglicht (www.schweizmobil.ch/de/wanderland/services). Man kann es als Besonderheit betrachten, dass sich der Jurawanderer – ohne eine Strafe zu befürchten – auf eine krumme Tour begeben darf: Da man auf der gut zwei Wochen dauernden Wanderung einen gestreckten Bogen zurücklegt, bietet sich von Anfang bis Schluss immer wieder aus erhöhter Warte die Gelegenheit, die Route in ihrer Gesamtheit zu überblicken. Der Weg über die Höhen des Schweizer Juras verbindet zudem zwei Sprachregionen und erlaubt neben der Entdeckung von Gemeinsamkeiten auch das Erkennen von Unterschieden, so etwa bei den Haus- und Siedlungsformen oder bei den Spezialitäten aus Küche und Keller. Dank den im Allgemeinen guten Anbindungen aller Start- und Zielorte an den öffentlichen Verkehr sind die im vorliegenden Buch beschriebenen Touren genauso für Tageswanderungen geeignet. Oft lassen sich aus den Vorschlägen auch Halbtageswanderungen gestalten. Dass indes der Hochjura nichts für nur leicht oder gar nicht ausgerüstete Spaziergänger ist, sei an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit betont. Gutes Schuhwerk und Regenschutz gehören ebenso zur Grundausrüstung wie ein Rucksack mit genügend Proviant und viel Flüssigkeit, zumal Brunnen mit Trinkwasser bei gewissen Etappen völlig fehlen. Den Jurawanderern, denen dieser Führer als Begleitung dient, wünschen wir viel Vergnügen beim Entdecken einer vielfältigen Landschaft und gute Erholung fern vom hektischen Alltag und vom Massentourismus. 21


Bach namens Noiraigue (= Schwarzwasser), der sich bereits nach ganz kurzem Lauf in die Areuse ergiesst, das bedeutendste Fliessgewässer des Kantons Neuenburg. Es entspringt in der Klus von St. Sulpice und wird aus dem Tal von La Brévine (Lac des Taillères) und aus der Gegend von Les Verrières gespeist. Unterhalb Noiraigue durchfliesst die Areuse die gleichnamige Schlucht,

Vue des Alpes Tête de Ran Mont Racine Grande Sagneule La Tourne Tablettes Clusette Noiraigue 54

0:45 1:30 0:20 1:00 0:45 1:30 0:55

0:00 0:45 2:15 2:35 3:35 4:20 5:50 6:45

eines der sehenswertesten Naturdenkmäler im Jura, das durch einen Wanderweg erschlossen ist. Das Wasser des Flusses wird seit dem Mittelalter auf verschiedene Art genutzt. In Noiraigue, wo vom 15. bis Ende des 19. Jahrhunderts 24 Nagelschmieden in Betrieb waren, nutzte u. a. ein Walzwerk die Wasserkraft der Areuse.

6 h 45 min 22 km 860 m 1400 m schwer 232 T Vallon de St-Imier, 242 T Avenches, 241 T Val de Travers


5.10 Noiraigue – La Combaz

Aus dem Tal der «grünen Fee» zu einem natürlichen Amphitheater Der in einer Geländekammer gelegene Startpunkt lässt nicht vermuten, dass sich flussaufwärts das Val de Travers zu einem offenen Tal weitet. In den dort gelegenen Dörfern ist seit alters der Absinth, die «Grüne Fee» heimisch. Um 1900 war er das Kultgetränk insbesondere in Pariser Künstlerkreisen; als berühmte Konsumenten galten unter anderem die Maler Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin und Vincent van Gogh. Während des jahrzehntelangen vollständigen Herstellungsverbotes aus gesundheitspolitischen Gründen (1910–2005) wurde der grünliche Wermutschnaps in geheimen Verstecken weitergebrannt. Die

Ursprünge des Getränks, das seit 1737 belegt ist, sind nicht gesichert. Möglicherweise wurde die «grüne Fee» von einer gewissen Henriette Henriod in Couvet erfunden oder entwickelt. Im grossen Stil begann die Produktion ab 1797 durch die Herren Dubied und Pernod. Letzterer eröffnete 1805 im nahen französischen Pontarlier eine Fabrik, die Basis für den späteren Grosserfolg in Frankreich, der allerdings nur gut hundert Jahre dauern sollte. Nach einem Familiendrama in der Waadt, verursacht im Absinthrausch, kam es zum Verbot des Genussmittels, dem 1915 auch Frankreich folgte. Seit der am 1. März 2005 gewährten

Nicht im Grand Canyon, sondern im Jura: Creux du Van.

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Ziegenkäse, seinen Vorläufer hatte. Mangels Ziegenmilch wurde der schmackhafte Käse seit 1860 nur noch aus Kuhmilch produziert, was auch die Änderung zur heute üblichen Bezeichnung nach sich zog. Der Verkauf des von Affineuren veredelten Weichkäses, der nur im Winterhalbjahr hergestellt wird, erfolgt traditionellerweise in Holzschachteln, die in der Region angefertigt werden. Der Abstieg erfolgt vom Gipfel über das bewirtete Chalet de la Dent de Vaulion nach Pétra Felix und Communal du Pont zum kleinen Bahnhof von Le Pont am Ufer des Lac de Joux, der durch einen Überlauf mit dem kleineren Lac Brenet verbunden ist.

über die Seen im Vallée de Joux und auch zurück gegen Vallorbe und den Mont d’Or mit den nach Osten abfallenden Steilwänden. Nach dem Mont d’Or hat der in diesem schweizerisch-französischen Grenzraum sowie rund um das Vallée de Joux produzierte Vacherin Mont d‘Or seinen Namen. Es wird vermutet, dass dieser Käse im Chevrotin, einem bereits um 1800 bezeugten

Vallorbe Sur le Voué Chalet de la Dent de Vaulion Pétra Félix Communal du Pont Le Pont 66

0:00 1:35 1:30 0:45 0:05 0:40

1:35 3:05 3:50 3:55 4:35

Le Pont am Nordende des Lac de Joux.

4 h 35 min 14 km 800 m 600 m mittel 251 T La Sarraz


5.14 Le Pont–Col du Marchairuz

Ein eiskaltes Geschäft, Luxusuhren und der höchste Punkt im Schweizer Jura Versetzen wir uns zu Beginn der Wanderung gedanklich zurück in einen Sommertag um 1900! Am Bahnhof von Le Pont herrscht ein geschäftiges Treiben. Aus den umliegenden fensterlosen Lagergebäuden werden von starken Männern eilig Eisblöcke in die Eisenbahnwagen verladen. Fragt man einen der Anwesenden, wohin die eisige Fracht geht, wird er vielleicht Paris sagen oder gar den Seehafen Le Havre nennen. Er weiss auch, dass die Hauptabnehmer Spitäler, Schlachthäuser, Brauereien, Gastronomie und Reedereien sind. Welche Bedeutung das eiskalte Geschäft für das Vallée de Joux einst hatte, illustriert die Geschichte der Bahn von Vallorbe nach Le Brassus: Sie wurde 1886 nur bis Le Pont gebaut, zum Zweck des

Einst eine lukrative Einnahmequelle: Natureisgewinnung in Le Pont.

Hier kann man die Seele baumeln lassen: am Lac de Joux.

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5.15 Col du Marchairuz–St-Cergue

Durch eine einzigartige Parklandschaft zu den Ruinen einer Abtei Als Goethe 1779 bei seiner zweiten Reise in die Schweiz den Col du Marchairuz zu Pferd überquerte, bekam er von den Schönheiten rund um die Passhöhe kaum etwas mit – der Ritt der Reisegesellschaft um Herzog Carl August von Sachsen-Weimar erfolgte bei Mondschein. Dennoch entging ihm die reizvolle Gegend rund um das Vallée de Joux keineswegs, wie wir seinen Aufzeichnungen entnehmen können. «Wir waren wohl drei Stunden gestiegen, als es hinterwärts sachte

wieder hinabzugehen anfing. Wir glaubten unter uns einen grossen See zu erblicken, indem ein tiefer Nebel das ganze Tal, was wir übersehen konnten, ausfüllte. Wir kamen ihm endlich näher, sahen einen weissen Bogen, den der Mond darin bildete, und wurden bald ganz vom Nebel eingewickelt. (…) Den 25. morgens war helles, kaltes Wetter, die Wiesen bereift, hier und da zogen leichte Nebel; wir konnten den untern Teil des Tals ziemlich übersehen. (…) Der Teil des Tals,

Col du Marchairuz

La Neuve

Perroude de Marchissy

St-Cergue

1500

Ruines du Couvent

2000

La Neuve

Stets ein Genuss: der Blick zu den Viertausendern. m

St-Cergue

Ruines du Couvent 1000

500

km 44,2 166 55,0 000 5,5

70

10,0 1 0000

113,3 3289

115,0 5000

117,0 6979


an dem wir hinritten, besteht in abgeteilten Wiesen, die gegen den See zu etwas sumpfichter werden. Die Orbe fliesst in der Mitte durch. Die Luft ist sehr rein und gesund.» Heute würde Goethe wohl auch schwärmen von der parkähnlichen Landschaft, die sich vom Col du Marchairuz bis zum Col de la Givrine, westlich von St-Cergue, über den breiten Rücken der vordersten Jurakette auf einer mittleren Höhe von 1300 bis 1400 Metern erstreckt. Der Wanderweg führt in leichtem Auf und Ab durch Waldpartien und über ausgedehnte Bergweiden. Auf den extensiv genutzten Viehweiden finden sich die für den Hochjura charakteristischen Trockenmauern, die zumeist aus den letzten zwei Jahrhunderten stammen und der Eingrenzung des Grundbesitzes dienen. Sie sind heute ideale Lebensräume für Reptilien und Kleinlebewesen. Die seit dem Hochmit-

Gipfelrast auf der Crêt de la Neuve.

telalter genutzte Landschaft mit den zahlreichen Sennhöfen wie beispielsweise La Neuve ist einerseits ein einzigartiges Zeugnis von kulturhistorischer Bedeutung, überrascht zum anderen durch eine grossartige Fauna und Flora und ist ausserdem reich an Dolinen, abflusslosen Mulden (Combes), Karrenfeldern und anderen Karstphänomenen.

Couvent d’Oujon: Nur noch die Grundmauern zeugen vom einstigen Klosterleben.

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