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Zwischen Himmel und Erde Manchmal ist plötzlich der Wunsch da, sich noch enger mit dem Baum zu verbinden. Und manchmal geschieht es ganz von selbst: Du wirst zum Baum. Geh zu einem Baum, der deine Nähe zulässt. Nimm im Fluss des Atems den Lebensstrom in dir wahr. Betrachte und befühle den Stamm des Baumes. Vergegenwärtige dir das Strömen seiner Säfte, atme mit ihnen. Lehne dich mit dem Rücken und dem Kopf an den Stamm. Lass dann deine Wahrnehmung zu deinen Füßen sinken, zur Erde darunter, lass dir mithilfe deiner Vorstellungskraft Wurzeln wachsen, die sich mit jedem Ausatmen feiner verzweigen, tiefer ins Erdreich ausbreiten und sich mit denen des Baumes verflechten. Wiege dich im Halt, den du dadurch gewinnst. Mit jedem Einatmen kannst du Kraft aus der Erde in dich einströmen lassen. Nimm sie auf deine Weise wahr. Dann lass die Wahrnehmung aus deinen Wurzeln, aus deinem Stamm aufsteigen. Lass aus deinen Schultern, aus deinen Armen, aus deinem Scheitel Äste wachsen und sich immer feiner verzweigen. Atme in deine Krone, spüre beim Einatmen, wie der Wind dich wiegt, wie die Zweigspitzen die Lebensströme aus kosmischen Höhen aufnehmen. Lass sie sich sanft im ganzen Geäst, in den Blättern, den Blüten oder Früchten verteilen, lass sie in den Stamm und in die Wurzeln sinken. Spüre die Verbindung von Himmel und Erde. Lass dich nähren. Nach einer Weile lässt du die Erfahrung verblassen. Zieh deine Wurzeln und deine Äste zurück. Sei wieder Menschenkörper. Die frischen Kräfte sammelst du in deinem Zentrum, in deiner Mitte. Mögen sie heilsam wirken.

»Reiß dich doch zusammen!« Mag sein, dass man Sie während Ihrer Krankheit mit diesem Satz zurechtgewiesen hat. Vielleicht taten Sie es auch freiwillig: um Ihre Angehörigen zu schonen, eine angenehme Patientin zu sein, ein positiver Kranker, ein leuchtendes Vorbild in dieser schwierigen Lebenslage.

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