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Alexander Lauterwasser

Das Geheimnis der

Schildkrรถte

Eine Entdeckungsreise durch Morphologie, Zoologie und Mythologie eines wundersamen Tieres


Inhalt

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Vorwort Begegnung Eine wahre Begebenheit als Ausgangspunkt

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Annäherung Die Tragödie des Bewusstseins oder der Konflikt zwischen Denken und Leben

64

Anschauung Die Schildkröte als Urinsel im Weltenmeer

104

Betrachtung Die Struktur des Schildkrötenpanzers als Signatur der festen Materie

144

Inneres Nachschaffen Die Formensprache des Schildkrötenmusters

184

Einbildung Die dreizehn Schilde auf dem Rücken der Schildkröte und das Motiv der Zahl Dreizehn

212

Durchdringung Struktur und Bedeutung des Sechseck-Schildes in der Mitte des Rückenpanzers

238

Verinnerlichung Der Aufbau des Knochenpanzers

306

Versenkung Das Innere der Schildkröte

332

Einsicht Die Schildkröte als der Mittelpunkt der Erde

358

Verwandlung Die Schildkröte und das Motiv der Wandlung

372

Durchbruch Die Wandlung der Schildkröte zur Leier des Apollon

396

Entfaltung Orpheus, die Stimme und das Lot

414

Literaturverzeichnis

423

Dank

424

Bildnachweis


Vorwort

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Das Motiv für dieses Buch liegt weit zurück und ist in einer tatsächlichen biografischen Begebenheit begründet. Im Alter von etwa zwölf Jahren war mir in einem bewaldeten Tal nördlich des Bodensees eine wohl irgendwo entlaufene Griechische Landschildkröte begegnet. Ich nahm sie mit nach Hause, und das war der Beginn einer langen Freundschaft mit vielen verschiedenen Schildkrötenarten. Da ich eine glückliche Hand mit ihnen hatte, gelangen mir schon bald viele Nachzuchten, und so wurde der elterliche Garten zunehmend von zahlreichen Land- und Wasserschildkröten bevölkert. Während meiner Studienzeit und in den ersten Jahren meiner beruflichen Tätigkeit waren die Schildkröten ein wenig in den Hintergrund getreten. Vor etwa 25 Jahren jedoch begann ich, verbunden mit einer beruflichen Umorientierung und Krise, zurückzuschauen und mich zu fragen, ob ich vielleicht in meinem Leben etwas übersehen hätte. Genau zu dieser Zeit bekam ich auch, wie mir zufallend, einen Gedichtband geschenkt mit dem Titel: »Welches Tier gehört zu Dir?« (HAMM 1984). Als ich darin ein Gedicht über die Schildkröte entdeckte (siehe Seite 20), wurde ich in meinem bisher eher unbewussten Gefühl bestärkt, dass ich mich diesem Tier noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise nähern sollte, als ich es damals als Jugendlicher getan hatte. Dies war der Beginn jahrelanger Studien zu Fragen der Biologie, Zoologie und Morphologie, aber auch der Mythologie im Zusammenhang mit der Schildkröte. Die Rätsel der in der Natur wirksamen gestaltbildenden Prozesse, die zum Beispiel das eigentümliche Muster auf dem Rücken der Schildkröten hatten entstehen lassen, traten mir immer eindringlicher vor Augen, während mich gleichzeitig die in den biologischen Lehrbüchern dargebotenen Antworten nicht zufriedenstellten. Als ich dann eines Tages eine Ausgabe der Zeitschrift »Du« in die Hand bekam, in der ich einen Artikel von Hans Jenny über seine Arbeiten zur Kymatik fand – so nannte er die durch Schwingungen hervorgerufenen Gestaltungsprozesse – und die Fotos von sogenannten Chladnischen Klangfiguren sah, da war alles in mir sofort wie »elektrisiert«. Ich fühlte, dass dieser Ansatz ein wichtiger Schlüssel für ein tieferes Verständnis morphogenetischer Fragen darstellen könnte. Es verging nicht viel Zeit, bis ich mir mit der fachmännischen Hilfe von Helmut Lua ein Experimentierlabor eingerichtet hatte und mit eigenen Versuchen beginnen konnte. Dass diese Arbeit dann solche Dimensionen annehmen und mich über fünfzehn Jahre in ihren Bann ziehen würde, war in der Anfangszeit nicht vorherzusehen. Die ersten Jahre arbeitete ich nur mit den Chladnischen Klangfiguren, bei denen zuvor mit feinem Sand bestreute Metallplatten in Vibration versetzt werden, sodass der Sand die je nach Tonhöhen unterschiedlichen Schwingungsformen der Platten sichtbar werden lässt. Tatsächlich gelang es mir, dabei auch Klangfiguren zu entwickeln, deren Muster der Struktur des Schildkrötenpanzers erstaunlich nahe kamen (vgl. Seite 380f.). Später ging ich dazu über, Wasser als schwingendes Medium zu verwenden, um Musterbildungen von Wellenbewegungen zu beobachten. Aus all diesen Arbeiten sind zwei Bücher hervorgegangen, in denen ich den bisher


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dir nicht sagen. Diese Antwort findest du nur in deinem Inneren. Und dann musst du sie aber auch vollziehen, sonst wirst du niemals wirklich eigenverantwortlich handeln können.« Daraufhin stemmte sie ihren schweren Panzer mit ihren vier Beinen etwas von der Erde hoch, streckte mir weit den Kopf entgegen und meinte: »So, ich glaube, für heute war das jetzt erst einmal genug. Aber es war notwendig. ›Erkenne die Lage!‹, so heißt es irgendwo bei Gottfried Benn, ›rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.‹ (BENN 2003) Außerdem musstest du erst einmal auf den dem Thema entsprechenden Ernst eingestimmt werden. Das hat Sören Kierkegaard in der Einleitung zu seiner berühmten Abhandlung über den ›Begriff Angst‹ sehr richtig klargestellt: Zuerst einmal müsse – und das gelte gerade für eine wissenschaftliche Schrift – die dem Begriff entsprechende Stimmung erzeugt werden, sowohl beim Schreibenden als auch beim Leser; denn ›dass ein Fehler in der Modulation ebenso störend ist wie ein Fehler in der Gedankenentwicklung, hat man in unserer Zeit völlig vergessen‹ (KIERKEGAARD 1976: 452). Nur so wirst du meinen Gedankengängen – die zugegeben vielleicht etwas ungewohnt sind – angemessen folgen und deren ganze Tragweite überhaupt gedanklich ermessen können. Und, was noch viel wichtiger ist: Nur so wirst du hoffentlich in der Lage sein, alles das stimmig zu verinnerlichen und dir anzueignen, dir zu eigen zu machen, es zu etwas Eigenem werden zu lassen und nicht einfach ein innerlich unbeteiligter Zuhörer oder Betrachter bleiben!« Daraufhin wandte sie sich langsam von mir ab und ging davon; nach einigen Schritten hielt sie nochmals inne und sagte: »Siehst du dort hinten diesen schön gewölbten, baumlosen Hügel? Unterhalb fließt ein kleiner Fluss, irgendwo dort treffen wir uns morgen wieder, zur richtigen Stunde, wenn du willst – und beginnen mit der Betrachtung der Schildkröte. Du kommst doch, oder?« Vorsichtig und doch sehr geschickt ging sie den leicht abfallenden Hang hinunter und verschwand schließlich zwischen Gräsern und Büschen im dichten Unterholz des Waldes, der allmählich im Dunkel der Dämmerung versank.

»Misheekaehn oder Makinak – Die Schildkröte Die Schildkröte hat einen besonderen Platz im Bereich des Natürlichen und Übernatürlichen, weil sie der Menschheit diente, indem sie Nokomis auf ihrem Rücken ausruhen ließ und ihren Panzer für die Wiedererschaffung der Welt zur Verfügung stellte. Als Zeichen der Dankbarkeit verlieh Nokomis der Schildkröte einzigartige Fähigkeiten. So konnte die Schildkröte Zeitgrenzen von der Gegenwart in die Zukunft und die Vergangenheit und wieder zurück überschreiten; sie konnte sich von einem körperlichen in ein körperloses Wesen verwandeln. Dadurch wurde die Schildkröte nicht nur zum Symbol, sondern zum tatsächlichen Medium der Kommunikation zwischen den Wesen dieser Welt und Zeit und Wesen anderer Welten und Zeitdimensionen. Sie ist immer noch Schutzherrin der Indianische Schildkrötenzeichnung (aus JOHNSTON 1994: 219).

Medizinmänner.« (JOHNSTON 1994: 219)


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Annäherung Die Tragödie des Bewusstseins oder der Konflikt zwischen Denken und Leben

»Hätte ich in meiner Brust kleine Fenster aus Kristall, und du sähst hinein, dann sähst du wie da Blutestränen tropfen.« (Federico GARCIA LORCA, Mariana Pineda)


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»Habe ich recht, Alexander, du wusstest zunächst nicht, was ich gestern mit der ›richtigen Stunde‹ gemeint habe?« Aus dem gleichen Halbdunkel, in das sie am Vorabend verschwunden war, vernahm ich auf einmal ihre Stimme, während ich selbst in der frühen Morgendämmerung mit Mühe jene Stelle zu finden versuchte, an der ich mich einfinden sollte. In dem zwielichtigen Ineinander von Dunkelheit, Schatten und dichten Sträuchern vermochte ich sie jedoch nirgends zu sehen. »Wo bist du denn? Ich kann dich nicht sehen!«, entgegnete ich ihr in die Richtung, aus der ich ihre Stimme vernommen hatte. »Im Augenblick genügt es vollkommen, wenn du mich hörst!«, und dann blieb es lange still. »Aber du hattest heute Nacht einen Traum, und dann bist du aufgewacht und hattest nur noch diese Worte im Ohr: ›Da er schicklich ist und edel, und damit ihn niemand sieht, kommt er, wenn ...‹« »Ja, das stimmt«, antwortete ich ihr, »und dann habe ich dauernd überlegt, woher ich diese Zeilen kenne und was sie mir sagen wollen, aber ich bin einfach nicht darauf gekommen. Doch dann, halbwach daliegend, ist es mir eingefallen. Es sind die Worte von Federico Garcia Lorcas ›Mariana‹, wie sie voll Hoffnung und Zuversicht ihre Befreiung durch ihren Geliebten herbeisehnt: ›Hoch zu Pferd sprengt her Don Pedro, wie im Wahnsinn, wenn er hört, dass ich eingekerkert worden, weil ich seine Fahne stickte. Und, wenn sie mich töten sollten, kommt er, um mit mir zu sterben – hat er eines Nachts geflüstert und er küsste meinen Kopf… Wie ein heiliger St. Georg, ganz Demant und schwarzes Wasser, kommt er, und die rote Capa, flatternd, blendet selbst die Luft. Da er schicklich ist und edel, und damit ihn niemand sieht, kommt er, wenn der Morgen dämmert, in des Morgengrauens Frische, wenn kaum in der dunklen Luft der Zitronenhain erschimmert ...‹ (Federico GARCIA LORCA 1972: 72)

Griechische Landschildkröte.


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... und da habe ich gewusst, was du mit der ›richtigen Stunde‹ gemeint hattest.« Ich wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie blieb still. Trotz der frühen Morgenstunde wehte ein sanfter, geradezu lauer südlicher Wind, und außer dem Gesang der zahllosen Vögel war nichts zu hören. »Mit Nadeln ganz aus Silber und Rahmen aus Kristall bestickt sie seine Fahne und singt aus vollem Hals.« (ebd. 42)

So erklang es mit einem Mal in der Nähe meiner Füße aus dem Dunkel heraus. »Mariana Pineda«, fuhr sie fort, »die im Kerker sitzt und auf ihre Hinrichtung wartet, weil sie an der Fahne der Freiheit gestickt hat ... Nur weil sie dem großen Werden der Freiheit in der Welt dienen will, wird sie ihrer eigenen Bewegungsmöglichkeit und Lebendigkeit beraubt, wird sie unterdrückt, gefangen und sogar mit dem Tode bedroht! Für wen und für was nicht alles in dieser Welt ist das ein Sinnbild?! – Oder ist es gar ein Sinnbild für das innerste Herz jeder lebendigen Daseinsform, dessen Sehnsucht und Impuls nach Veränderung, Entwicklung und Befreiung immer auch unter den Bedingungen endlicher Existenz leidet? Hieß es nicht einmal sogar, dass die ›gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt‹ (PAULUS, Römer 8.22)? Sollten selbst die Tiere und Pflanzen und sogar die Steine unter ihrer jeweiligen Existenzform


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leiden? Von dem berühmten Maler Franz Marc, der die sehr eindrucksvollen Tierbilder geschaffen hat, gibt es eine Aufzeichnung, in der er ein, sicherlich auch für ihn selbst erschreckendes ›Gesicht‹ zu schildern versuchte: ›Ich ging zwischen den Dingen umher und die ich ansah, die verwandelten sich und zeigten ihre Unseligkeit und flohen aus ihrem unwahren Sein. Ein Baum, den ich ansah, begann qualvoll zu seufzen und brach auseinander; seine grünen Blätter flatterten singend durch den blauen Himmel davon; und wo der Baum gewesen war, stand mit Worten in den Sand geschrieben: Wer mich erlöst hat von dem harten Baum-Sein, der suche meine Seele nicht im Kern des Apfels, auch nicht im Willen zur Gestalt, sondern allein in der Not des Baum-Seins, im Leid und Zwang zur Missgestalt. Der Künstler soll nicht das Lob unsres hässlichen Seins singen, sondern unseren Dryadenwillen zum Anders-Sein. Dass wir euch Saft und Holz und Form scheinen, ist unser Verhängnis. Wer uns kennte! Das ist das Lied vom Leid des Baumes!‹ (MARC 1978: 212).« Ich war von diesen Worten, die aus doppelter Dunkelheit – der der Dämmerung und der des Inneren der Schildkröte – an mein Ohr drangen, so erschüttert und irritiert, dass ich lange Zeit fassungslos dastand und schwieg. Dann beugte ich mich hinunter und fragte halblaut in das Dunkel hinein: »Meinst du, … selbst die Bäume? Und ich dachte immer, die Pflanzen, ja die Natur überhaupt wäre so ... ganz eins mit sich ...«, ich stockte, denn alle jene Worte, die einst so fraglos für mich gewesen waren, wie ›ganz‹, ›eins mit sich‹, ›vollkommen‹, sie wollten mir nicht mehr mit der bisherigen Selbstverständlichkeit über die Lippen kommen. Griechische Landschildkröte.


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Da erklang ganz nah neben mir und wie aus einer unergründlichen inneren Tiefe ihre unbeschreibliche Stimme: »Die ganze Welt leidet an sich selbst, an ihrem eigenen inneren Widerspruch zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte! Das ist das Urdrama, der Urkonflikt, in dem sich alles, aber besonders das Lebendige zu allen Zeiten befindet: nie wirklich ganz neu ansetzen und anfangen zu können, sondern immer bereits Bestehendes vorzufinden, an dem es anknüpfen und von dem es zugleich auch wieder loskommen muss! Einerseits bedarf jeder Neubeginn einer festen, stofflichen Form als sichere Grenze gegen den allzu frühen und meistens auch allzu heftigen Ansturm der Welt, denn nur in einer solchen schützenden Hülle kann Lebendiges in den Stoff eintauchen, sich mit diesem verbinden und hier in der Welt ankommen, keimen und reifen. – Und es braucht den ruhenden, Beständigkeit gewährenden Boden, demgegenüber es seine Eigenständigkeit entwickeln und festigen kann, um sich dann schließlich von diesem loslösen und abspringen zu können. Andererseits ist dieses Immer-schon-Vorgefundene so voll von Vergangenem, dass es für das zum Neuen, Offenen, Zukünftigen strebende Lebendige ebenso zu einer alles hemmenden, lähmenden und schließlich erdrückenden Last werden kann. Glaube mir, Alexander, die Trägheit des Alten, die Entwicklungsverweigerung alles ›Ewig-Gestrigen‹, die Widerstände und Verharrungstendenzen fester und erstarrter Formen, jene ›Angst des Gewordenen vor dem Werden‹, von der Goethe gesprochen hat, sie sind eine gewaltige und immer zur Gewalt neigende Macht, eine ernste Bedrohung für jeden jungen Lebensimpuls. Wie hatte doch einst einer über Hölderlin gesagt: ›Ihn erschlug die gealterte Zeit, da er sich in den Weg ihr warf und entgegen ihr hielt zürnend ihr jugendlich Bild ...‹ (nach HÄRTLING 1983: 389f.). Alexander, bedenke bitte, das alles sagt dir jetzt hier an dieser Stelle nicht etwa der ewigjunge ›Kleine Prinz‹ und auch keine neunjährige ›Pippi Langstrumpf‹, sondern eine Millionen Jahre alte Schildkröte, die in einem so festen und harten Panzer steckt!« Lange hielt sie inne, dann sagte sie langsam und bestimmt: »Aber du musst wissen, nur im ›Wie‹ des Lebendigen ist etwas, was es vor dem Zugriff des Alten, vor dem Verfallen an die Erstarrung zu bewahren vermag: seine Freude an der Bewegung, seine Begeisterungsfähigkeit für das Neue, seine Bereitschaft zur Verwandlung und seine Liebe zum Werden, zur Entfaltung immer neuerer, vollendeterer, freierer Daseinsgestalten mit immer höheren, gelingenderen Resonanzmöglichkeiten. ›Wie ein großer goldner Falter, dessen Flügel rot erglühen.‹ Diese Worte stammen aus einem sehr tiefsinnigen Gedicht über den Stierkampf (GARCIA LORCA 1972: 36). Nicht dass ich den Stierkampf befürworte, bei all den Schmerzen für diese schönen Tiere; er mag einmal früher seine Richtigkeit gehabt haben – aber jetzt ist diese Zeit vorbei, man sollte es nicht mehr tun! Das Wichtige jedoch ist das innere Bild: die heftige Auseinandersetzung zwischen dem wuchtigen und eher massiv-schwerfälligen Alten – dafür könnte der schwarze Stier ein Sinnbild sein – und dem jungen, farbenfrohen, sich leicht und wendig wie ein Schmetterling von allem Schweren lösenden Neuen – dieses Moment könnte der Torero repräsentieren. Gilt doch überall der Falter als das Symbol von Verwandlung, Entwicklung oder gar Auferstehung schlechthin. Zumindest was den Stier anbelangt, so legt der stierköpfige Minotauros auf der Insel Kreta eine solche Deutung nahe: Forderte er doch immer wieder ein große Anzahl junger Menschen, um sie zu verschlingen. – Das aber heißt doch: Solange das Stierhafte einseitig herrscht, müssen Zukunftsimpulse auf der Strecke bleiben.«


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Nach einer längeren Pause erklang ihre Stimme erneut aus dem Dunkel heraus, aber sie erschien mir ein wenig traurig und wehmütig: »Hätte ich in meiner Brust kleine Fenster aus Kristall, und du sähst hinein, dann sähst du wie da Blutestränen tropfen.« (Federico GARCIA LORCA 1972: 36)

»Von wem sprichst du da?«, fragte ich in das Dunkel zurück. Da entgegnete sie: »Das sind ›Marianas‹ Worte. Aber da ich sie dir in diesem Augenblick sage, sind es auch meine. Und wie du sie jetzt gerade hörst, fühlst du sehr deutlich, dass sie dir wie aus dem Herzen gesprochen sind. Es sind auch die Worte deines eigenen Herzens.« »Wie meinst du das?«, erwiderte ich ihr mit einem ungläubigen Unterton und fast schon ein wenig abwehrend. Aber ich bekam keine Antwort, sie blieb still – nur die Vögel in den Bäumen waren zu hören. Ich starrte in die allmählich schwindende Dunkelheit des Waldes, während sich der Himmel über mir langsam aufhellte, und wartete auf eine Regung ihrerseits; aber nichts tat sich. Und da fielen mir plötzlich die Worte des blinden Sehers Theiresias ein, die er einst dem eindringlich fragenden Ödipus entgegnet hatte: ›Durch mein Schweigen werde du wissend!‹ Auf einmal raschelte es ein wenig, ganz nahe bei meinen Füßen, und da konnte ich im Schein der Dämmerung die Umrisse ihres rundlichen Panzers erkennen. Langsam bewegte sie sich und entfernte sich von mir. Während sie sich zwischen dem niedrigen Gesträuch und am Boden liegenden Ästen einen für sie gangbaren Weg suchte, rief sie mir zu: »Obwohl ich dein Gesicht wegen des schwachen Lichtes nicht so richtig sehen kann, spüre ich sehr genau, wie du dich – bei allem Interesse für die soeben besprochenen Aspekte – wie gestern auch, schon wieder fragst, was das denn alles mit mir, der Schildkröte, zu tun haben soll! – Habe ich recht?« Da sie aber einfach weiterlief, und ich sie im Dickicht fast aus den Augen verlor, versuchte ich, ihr zu folgen. Nach einer kleinen Weile hielt sie an und wartete, bis ich wieder bei ihr war: »Du musst einfach mehr Geduld haben!«, fuhr sie fort. »In unserem gestrigen Gespräch musste ich in dir erst einmal anhand der Problematik von Innen und Außen, von Offensein und Verschlossensein gefühlsmäßig die zu unserem Thema gehörende existenzielle Stimmung erzeugen. Heute geht es darum, dir anhand der Auseinandersetzung zwischen Altem und Neuem, zwischen Erstarrtem und Lebendigem zu verdeutlichen, wo du selbst von diesem Konflikt betroffen bist, damit dir bewusst wird, ob vielleicht auch in dir eine Seite ist, die unter unbeweglich Erstarrtem leidet und sich nicht wirklich entfalten kann.« Erst nachdem sie ein Stück weiter gegangen war, begann sie fortzufahren: »Du sollst wissen, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen einer Schildkröte und dem Menschen, aber ein wesentlicher Unterschied besteht. Auch wenn es dir im Augenblick noch etwas rätselhaft erscheint, später, nach eingehender Betrachtung wirst du es besser verstehen: Ich bin ein Kopf,


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in dem ein Herz schlägt – nach Auffassung der alten Indianer besitze ich sogar das stärkste und ausdauerndste Herz aller Tiere! – Dein Kopf aber muss sich erst noch auf die Suche nach seinem Herz machen! Das Lebendige in dir, der Impuls deines Daseins ist das, was im Puls deines Herzens lebt, ist das, wofür dein Herz überhaupt nur schlägt. Und die Frage, die sich jetzt auftut, ist die: Kann dein Bewusstsein diesen lebendigen Impuls – und damit das Lebendige schlechthin – wirklich in sich aufnehmen und lebendig denken? Ist dein Denken offen und beweglich genug, um sich auf Lebendigkeit einlassen zu können, diese unverfälscht in sich zur Geltung kommen und ungehindert walten zu lassen, also mitzugehen und mitzuschwingen? Oder kann dein Wachbewusstsein – und solange es ausschließlich von der Tätigkeit des nur die Dinge der Außenwelt kennenden Verstandes bestimmt ist, wird es immer dazu neigen –, kann also dein Wachbewusstsein nur in fest gefügten Strukturen, starren Formen, gewohnten Bahnen und in leicht überschaubaren und auf das Messbare reduzierten Dimensionen klar denken und wach bleiben? Sollte es nur auf diese Weise denken können, wird es immer versucht sein, das Lebendige begreifend festhalten zu wollen, und es dadurch aber gerade hemmen, einengen, einfangen, unterdrücken, verbiegen, entstellen, ihm Gewalt antun oder gar abtöten. Und alles, was es eigentlich denkend gerade noch verstehen wollte, das heißt, zum Inhalt seines Bewusstseins werden lassen wollte, ist ihm entweder aus den eben nur zugreifen könnenden Händen entglitten, oder in den alles nur erfassenden und festhaltenden starren Begriffen gestorben.« Wieder ging sie wortlos einige Minuten weiter, wobei sie oft unten durch das niedrige Buschwerk hindurchkroch, während ich mir mühsam um Sträucher und Büsche herum einen Weg suchen musste, ständig auf der Hut, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als das Gelände wieder offen genug war, um gut nebeneinander zu laufen, fuhr sie fort: »Alexander, du hast doch Philosophie studiert und kennst diese eine Stelle in der berühmten ›Phänomenologie des Geistes‹, an der G.W.F. Hegel – wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang – von dem ›unglücklichen Bewusstsein‹ spricht, dem ›nur das Grab seines Lebens zur Gegenwart‹ kommen kann (HEGEL 1952: 164). Erinnerst du dich?« »Ja, sogar sehr gut«, antwortete ich ihr, »gerade diese Stelle hat mich, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe, sehr berührt und immer wieder beschäftigt.« »Genau diese Worte drücken Folgendes sehr treffend aus: In der Art und Weise eures derzeitigen Denkens steht dieses so im Widerspruch zum ›Wie‹ des Lebendigen, dass in dem gleichen Moment, da ihr dieses zu denken versucht, es euch erstirbt und ihr nur noch das ›Grab‹ desselben vor Augen habt«, gab sie mir darauf zu verstehen. Vor einem größeren Felsbrocken, der zwischen den Bäumen lag, hielt sie einen Augenblick inne und schaute an dem Stein hinauf: »Seit Prometheus von Zeus das Feuer – und das ist ein Sinnbild für das Licht des Geistes – geraubt hat und meinte, mit seinem Verstand der alleinige Macher des Feuers, also des Denkens, zu sein, seitdem hängt er angeschmiedet am Felsen des Kaukasus – und seitdem haftet, sozusagen als die Kehrseite der neuen Selbstmächtigkeit eures Denkens, dieses am bloß stofflich-materiellen Aspekt der Welt: Nur noch tote Dinge können euch Inhalt eures Bewusstseins werden!«


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Sie senkte ihren Kopf und ging langsam und sehr bedächtig weiter; dann setzte sie ihre Ausführung fort: »Dieser Zwiespalt zwischen Denken und Leben – oder besser: zwischen dem seit fast 3000 Jahre herrschenden Denken und dem Leben – zieht sich wie eine einzige furchtbare Tragödie durch eure ganze abendländische Geschichte und Kultur. Nicht dass andere Kulturen ohne Tragödien gewesen wären, aber diese ist die eure! Angefangen bei dem jungen kleinasiatischen Mädchen ›Europa‹, das ihr zwar aus der mütterlich gestimmten, zeitlosen Traumwelt der Kindheit herausgeholt und in eine Bewegung und damit Entwicklung gebracht habt, aber nur, um sie gleich im nächsten Schritt als ›Kore‹ dem ›Hades‹ auszuliefern und in das Totenreich zu verbannen.« Bei diesen letzten Worten war ihre Stimme nicht nur immer leiser geworden, sondern zunehmend brüchiger, bis sie schließlich stockte und ganz verstummte. Dann blieb sie plötzlich stehen und holte tief Luft, verbunden mit einem allertiefsten Seufzer, der sie im Innersten zu erschüttern schien. »Alexander«, fuhr sie mit fast flüsternder Stimme fort, »du musst wissen – und ich kenne mich da aus, glaube mir, aber jetzt ist es noch zu früh, um schon davon zu sprechen –, der ›Hades‹ ist nicht, oder besser: nicht nur tief unter der Erde. Haben doch die alten Griechen dem Totengott ›Hades‹ nicht ohne Grund auch oft den Beinamen ›Dis‹ gegeben; diese Silbe steht in der griechischen Sprache für das Prinzip des Trennenden, Teilenden, Zerteilenden, Zersplitternden – denke nur an die Worte ›Disharmonie‹, ›Diskontinuität‹, ›Distanz‹ und ›Dissonanz‹. Genau dieses Prinzip des ›Dis‹ ist aber auch das eures einseitig gewordenen, nur noch analytisch-unterscheidenden Verstandes-Denkens. Im Hades sind nicht nur die, die von diesem aus dem Leben gerissen wurden, endgültig scheiden mussten und nun für immer verschieden und unwiderruflich abgeschieden im Totenreich sind, im Reich des ›Dis‹ ist auch alles, was unter der Macht genau dieses Prinzips steht: die ganze Welt, indem Griechische Landschildkröte.

und so wie sie von eurem derzeitigen Denken erfasst und verstanden wird!


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Der Verstand ist es, der alles zum Stehen, zum Stillstand bringt, atomisiert, entlebendigt und abtötet, zum ›Grab des Lebens‹ wird. Das Reich des Hades-Dis ist auch die in eurem Kopf und von dessen Gegenstandsbewusstsein vorgestellte Welt.« In der Zwischenzeit war es spürbar heller geworden; aus dem Grau der Dämmerung begannen allmählich die Farben hervorzutreten, und ich vermochte Maja wieder viel deutlicher neben mir zu erkennen. Sie lief unbeirrt weiter, als wisse sie genau, wohin sie wollte. Als wir an einem großen, umgefallenen Baumstamm anlangten, hielt sie an, streckte ihren Kopf zu mir nach oben und sagte: »Setze dich bitte hier auf diesen Baum, dann muss ich nicht immer den Hals so weit nach oben zu dir strecken, um dich besser zu sehen und mit dir sprechen zu können. Es gibt so Vieles und Wichtiges, was ich dir jetzt noch sagen möchte und was wir besprechen müssen!« Sie wartete, bis ich mich hingesetzt hatte und ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit wieder zuwendete. Dann drehte sie sich ganz zu mir und schaute mich lange Zeit stumm an. Schließlich begann sie wieder zu sprechen: »Es gibt in eurer abendländischen Kunst ein Motiv, das in den unterschiedlichsten Variationen der Dichtung, Malerei und Musik immer wieder auftaucht – sozusagen, als versuchtet ihr selbst, euch diese Problematik immer wieder, oder vielleicht eher: endlich bewusst zu machen. Ich meine das Motiv ›der Tod und das Mädchen‹. Eine der treffendsten und erschütterndsten Gestaltungen dieses Themas, so finde ich, ist ein Holzschnitt von Edvard Munch. Ich sehe dieses Bild in meinem Inneren ganz deutlich vor mir, so sehr hat es mich berührt und betroffen gemacht: Wie da ein kahler, nackter, blut- und fleischloser Totenschädel das Gesicht eines jungen Mädchens zu berühren oder gar zu küssen versucht 1 Baum des Todes, Deutschland, 16. Jahrhundert (aus ARGÜELLES 1979: 38).

und wie sie in dieser Berührung mit einem leidvoll abgewandten und eigentlich etwas ganz

2 Edvard Munch, »Todeskuss«, 1899 (aus WEISNER 1980: 44).

kalt abweisenden Grenze abgeschlossenen, beziehungslosen und beziehungsunfähigen Selbst-

anderes ersehnenden Blick zu erstarren und zu ersterben droht. – Gibt es eine furchtbarere Entgegensetzung? Dieser glatte Schädel, Sinnbild eines innerhalb jener verhärteten, alles andere verständnisses und einer Seinsweise und dann diese, seelischen Schmerz empfindende und in


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ihrem Gesicht ausdrückende junge Frau, die ein ganz anderes – was immer es auch sein mag, aber sie weiß um dieses – innerlich erfühlt und zu dem alles in ihr hinzustreben und hinzuströmen scheint. So ganz anders als der kalte, nur bei sich bleibende Schädel, der letztlich alles nur selbstbezogen und äußerlich zu besitzen strebt, es damit zum Objekt seiner Begierde erniedrigt und schließlich die wirkliche Andersheit, sprich echte Lebendigkeit, abtötet. Diese Tragödie, dieser Schmerz, dieses Leiden des ›lebendigen Lebens‹ zieht sich durch eure ganze Geschichte, sowohl in der Außenwelt als auch in eurem eigenen Inneren!« Die ganze Zeit über, während sie mir das alles darlegte, hatte sie den Kopf weit aus ihrem Panzer hervor- und zu mir hin gestreckt. Jetzt aber zog sie ihn mit einem Mal zurück und mit einem geradezu stöhnend-fauchenden Geräusch tief in sich hinein. Ich blieb regungslos sitzen und wartete ab, den Blick unverändert auf sie gerichtet. So vergingen einige Minuten, bis sie die Vorderbeine langsam zur Seite schob und der Kopf schließlich wieder aus ihrem Inneren auftauchte. Ganz leise und vorsichtig fragte ich sie: »Was ist los mit dir, was hast du gemacht?« »Was ich gemacht habe?«, erwiderte sie und schüttelte dabei ein wenig den Kopf. »Dieser Schmerz – wenn ich davon erzähle, wird er zu groß, ich kann ihn dann fast nicht mehr ertragen. Das alles lastet schwer, sehr schwer auf mir, obwohl ich von Anfang an vieles zu tragen gewohnt bin. Ich musste mich einfach für einen Augenblick ganz in mich zurückziehen, meinen Kopf ganz nah an mein Herz schmiegen und lauschen.« Griechische Landschildkröte.


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Sie blickte mich dabei lange sehr eindringlich und ernst an, so als wolle sie wieder tief zu meinem Innersten vordringen. Dann fuhr sie fort: »Es muss dir ganz klar bewusst werden: Dieses Drama mit tödlichem Ausgang ereignet sich nicht nur zwischen dem Tun eures Kopfes und der Außenwelt, sondern ebenso zwischen eurem Wachbewusstsein und eurem eigenen innersten Wesen, dem Herz eurer Seele – also jener Seite, der gerade dieses Bewusstsein die Bezeichnung ›das Unbewusste‹ gegeben hat. Ist es nicht so, dass sich in vielen der wirklich großen Liebesdramen eurer Dichter im Grunde genommen immer beide Aspekte dieses Dramas spiegeln?« »Wie meinst du das? Und, was für sonderbare Bezüge zwischen den verschiedensten Ebenen du immer wieder herstellst; woher nimmst du das eigentlich alles? Auf jeden Fall ist es sehr anstrengend, dir bei deinen so weit ausholenden Gedankengängen zu folgen und mitzukommen«, entgegnete ich ihr. »Ja, ja, das ist wieder typisch: 1er-Abitur, studiert, gescheit daherreden … Doch wenn es dann einmal darum geht, selber die gewohnten Denkwege zu verlassen, den Horizont des eigenen Bewusstseins zu erweitern, um vielleicht zu neuen Zusammenhängen und Einsichten zu finden, dann wird gestöhnt! Du hast eben auch bloß ›die Teile in seiner Hand, fehlt leider nur das geistige Band‹ (GOETHE, Faust I., Vers 1938), und genau um dieses geht es bei allen unseren gemeinsamen Betrachtungen in den kommenden Stunden! Also, was ist? Willst du weiterkommen, weiter mit mir mitkommen, oder nicht?«, kam es in einem für sie sonst sehr ungewohnt schroffen und ungeduldigen Tonfall aus ihr heraus. »Verzeih mir, Maja, du hast recht! Ich will mich bemühen, mich mehr auf dich einzulassen, um dir innerlich besser folgen zu können. Bitte, erzähle weiter«, gab ich ihr schnell zur Antwort. »Also gut, bei der doppelten Spiegelung eurer Liebesdramen waren wir stehen geblieben. Ich kann jetzt nicht auf alle diese Liebesgeschichten eingehen und auch nicht alles ausführlich ausbreiten, ich möchte dir ja nur einen entscheidenden Vorgang verdeutlichen. Schauen wir doch einmal das Geschehen zwischen Tristan und Isolde an. Weil Isolde genau weiß, dass Tristan – obwohl sie eigentlich beide füreinander bestimmt sind – sie verraten und dem alten König Marke übergeben wird – ›mir erkoren, mir verloren‹, singt sie in Richard Wagners Oper – aus diesem Grund und weil es keine gemeinsame Zukunft geben kann, reicht sie ihm den Todestrank. Erst im Augenblick der eigenen Todesnähe wird Tristan ihrer und seiner Liebe zu ihr gewahr, um sie dann doch letztlich den Mächten des Alten und Vergangenen auszuliefern: Marke; dieser zieht und markiert die alten, verhärteten Grenzen, innerhalb deren das lebendige, nach offeneren Bezügen und freierer Bewegung strebende Leben erstickt. Ich sehe es dir an, du bist schon wieder erstaunt, dass ausgerechnet ich, eine Schildkröte, die in einem so harten und festen Panzer steckt, solche Dinge sagt; es ist eben genau so, wie Klaus Heinrich es einmal ausgedrückt hat, dass für alle Lebewesen die ›Grenze die Wahrheit und die Unwahrheit‹ ist (HEINRICH 1964: 15). Aber ich wollte noch etwas zu ›Tristan und Isolde‹ sagen. Die fast nur hörend zu erfühlende und mit keinen Worten wirklich zu beschreibende Stimmung jenes bis heute rätselhaften, berühmten ›Tristan-Akkordes‹ in Richard Wagners Musik lässt genau dieses geheimnisvoll-


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tragische Geschehen anklingen: das noch ganz junge, gerade erst erwachende, der Welt und seiner selbst anfänglich bewusst werdende Bewusstsein – Tristan – gewahrt zum ersten Mal wirklich die Lebendigkeit der Welt, die Andersheit alles anderen, besonders aber auch die der Frau und zugleich die Wirklichkeit seiner im Bild des Weiblichen erscheinenden eigenen Seele, seines ›inneren Mädchens‹, wie Rainer Maria Rilke es einmal nannte. Und dann wird er voller Begeisterung von Liebe zu allem, besonders aber zu ihr, ergriffen und will es ›fassen‹, verstehen. Er kennt und hat aber nur die alten, längst erstarrten Vorstellungsformen aus der Vergangenheit, um all das denken zu können. Und da, inmitten dieses zum allerersten Mal empfundenen Glücks, der wirklichen Berührung des Andersseins – er berührt und wird zugleich berührt –, ergreift ihn ein tiefer, bisher nicht gekannter Schmerz: Weil er genau spürt, wie alles Lebendige, da er es so zu denken versucht, an der Art seines Begreifens und Fassen-Wollens erstickt, erstarrt und zerfällt. ›Tot denn alles, alles tot‹, so lautet die späte, bittere Erkenntnis des alten ›Marke‹-Bewusstseins. ›Uns überfüllts.Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.‹ (Rainer Maria RILKE, 8. Duineser Elegie, aus RILKE 1976, Bd. 2: 714)

Und ruft nicht ebenso eine andere Leidende, bei deren Anblick ihn – wenn auch spät – ›der Menschheit ganzer Jammer‹ anzublicken scheint, jenem zu: ›Heinrich! Mir graut’s vor dir.‹? Du weißt schon, wen ich damit meine: Faust’s Gretchen! (GOETHE, Faust, Vers 4405ff.). Das Bild des vom Tode bedrohten ›Gretchens im Kerker‹ stellt genau, von der Seite der Seele her gesehen, jene Situation dar, in der Faust ganz zu Anfang in seinem Studierzimmer sich selbst mit seinem Denken vorfindet: ›Und fragst du noch, warum dein Herz sich bang in deinem Busen klemmt? Warum ein unerklärter Schmerz dir alle Lebensregung hemmt? Statt der lebendigen Natur, da Gott die Menschen schuf hinein, umgibt ihn Rauch und Moder nur dich Tiergeripp und Totenbein.‹ (GOETHE, Faust, Vers 410f.)

Faust sucht das lebendig ›Werdende‹ (ebd.Vers 346), ohne selbst lebendig werden zu können in seinem Denken; das ist seine missliche Lage und der tiefe Grund seiner Lebenskrise.« Ich hob ein wenig den Kopf und ließ den Blick über den immer blauer werdenden Himmel und die Wipfel der Bäume streifen, die gerade von den ersten Sonnenstrahlen getroffen wurden. Da sprach sie: »Was schaust du da hinauf? Dort kannst du vielleicht noch Beruhigung und Trost finden, aber keine Antworten mehr, die dir wirklich weiterhelfen! Dieses Zugleich von schöns-


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tem Glück, innerster Freude und tiefster Melancholie, das in jenem unbeschreiblichen Klang des ›Tristan-Akkordes‹ erklingt: Höre immer wieder hinein und suche die Erinnerung an diese Geschehnisse in dir auf: Wo hast du in der anfänglichen Begegnung mit der Welt etwas erlebt, worin du das Erwachen und Lebendigwerden deines eigenen Inneren plötzlich gefühlt hast? Und das dann auf deine Hinwendung wartete, das du aber – aufgrund althergebrachter, gewohnter Denkformen – nicht verstanden hast und daher nicht anzunehmen vermochtest, übergingst und dich selbst schließlich in vergangene, von anderen ausgetretene Wege eingefügt und angepasst hast? Das sind die Fragen, die du dir stellen musst! Da solltest du hinschauen, denn da erst beginnt Bewusstsein bewusst zu werden!« Und wieder war es mir – obwohl an ihrem festen Panzer nichts zu bemerken war –, als ginge eine tiefe Erschütterung durch ihr ganzes Inneres hindurch. Sie schloss für eine Weile die Augen, dann setzte sie sich erneut in Bewegung und rief mir zu: »Steh auf! Komm, wir müssen weiter!« Während sie so weiterging, war es mir, als schaute sie immer wieder selbst hinauf zu jenen Baumwipfeln – es waren Kiefern, deren orangefarbene Rinde der Kronen im Licht der Sonne aufleuchteten. »Bäume«, rief sie diesen plötzlich im Gehen zu: »ihr Bäume!« Dann senkte sie wieder den Kopf ein wenig und blickte nur voraus, immer weitergehend. »Das Drama eures Gegenstandsbewusstseins«, fuhr sie dann wieder zu mir gewandt fort, »dieses Drama mag sich zu Anfang eurer abendländischen Geschichte ›nur‹ in eurem Kopf abgespielt und der Außenwelt keinen sichtbaren Schaden zugefügt haben. Die Sensibleren aber haben es schon sehr früh gespürt; durch sie hat sich schon immer vieles ausgesprochen und mitgeteilt, was den meisten Menschen lange Zeit verborgen bleibt. Oder glaubst du, es gäbe sonst diesen Mythos um die ›Kore‹, oder dieser wäre nur eine Geschichte, die vom Werden und Sterben der Vegetation erzählt? Denke nur einmal an jenes erschütternde Erlebnis, von dem einst ein Steuermann gegen Ende der Antike berichtete, dem eines Abends von einer Insel der Ägäis zugerufen wurde: ›Der große Pan ist tot!‹ (SANTILLANA 1993: 251 ff.) – ›Pan‹ bedeutet ›All, alle, alles‹. Alles, das war zumindest für die damaligen Menschen auch die ganze Natur. Der Mythos beschreibt die Entstehung seines Namens in dem Sinne, dass alle Götter an ihm, seiner Eigenart und Andersheit ihre Freude hatten (KERENYI 1983, Bd. I: 139). Vielleicht war für die alten Griechen Pan so etwas wie die Verkörperung der Freude aller am All, Ausdruck der Freude bereitenden Bejahung der Andersheit von allem im All: ›Pan ... die Gesamtheit des Alls – Himmel, Meer, Allkönigin Erde und das unsterbliche Feuer, denn alle sind Glieder des Pan.‹ (Orphische Hymnen, aus ORPHEUS 1928: 17)


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Sollte dieser sonderbare Ruf, der jenen Steuermann über das Meer hinweg erreichte und dessen Bericht, wo immer er vernommen wurde, Wehklagen und Entsetzen auslöste, vielleicht letztendlich Ausdruck einer tiefen, dunklen Ahnung sein, dass eine große Umwälzung im Gange war, in deren Verlauf ›der große Pan‹ zu Tode kommen würde? Und zwar deshalb, weil im Bewusstsein der Menschen die ehemals freudige Bejahung der Andersheit von allem einer freudelosen Verneinung, einer gleichgültigen Verobjektivierung und gefühllosen Vernichtung zu weichen begann?« Sie hörte auf zu sprechen, lief aber immer weiter. Dann stockte sie und wandte sich mir wieder direkt zu und sah mich an: »Wie ich dir vorher schon sagte, in früheren Zeiten mag sich das alles ›nur‹ im Bewusstsein der Menschen abgespielt haben; die Welt draußen blieb davon noch fast unberührt. In den letzten 200 Jahren jedoch hat die Möglichkeit der Machtausübung eures alles zerteilenden und vergegenständlichenden Denkens mit Hilfe der Technik solche Dimensionen angenommen, dass inzwischen in der Natur die Spuren eurer alles vernichtenden Gewalt, die Zerstörung verschiedenster Lebensformen und Lebensräume nicht mehr zu übersehen sind. Der Maler Edvard Munch hat ihn gehört, diesen ›Schrei der Natur‹, und immer wieder in verschiedensten Variationen versucht, dieses schreckliche Erlebnis zu gestalten: ›Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, todmüde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur‹. (STANG o.J.: 46) Nicht der Mann auf dem Bild ist es, der schreit – wie viele immer wieder meinen – sondern er wird vom Schauder ergriffen, als er diesen erschütternden Schrei der Natur vernimmt!« Edvard Munch, »Geschrei«, 1895 (aus WEISNER 1980: 193).

Ich sah ihr in die Augen und merkte, wie sie weinte. Da blickte sie zu den leuchtenden Kronen der Kiefern hinauf und mit einem Mal brach es voll Verzweiflung aus ihr hervor: »Nicht damals,

Griechische Landschildkröte.

damals noch nicht! – Heute liegt ›der große Pan‹ im Sterben, in unserer Zeit! Wie könnt ihr das


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»Ein den Weg Suchender fragt eine Schildkröte: ›Die Wunderkraft zu gewinnen, bedeutet das, das Leben verlängern zu können?‹« »In einem Kanon über langes Leben heißt es: ›Es ist eine Freude, mit Tugend seine Natur zu pflegen.Wozu sollte man dann noch ein Heilmittel mischen, um sein Leben zu verlängern!‹« (CHUGEN)

nur mit ansehen und ertragen, ohne dass ein Aufschrei auch durch euch geht und ihr innehaltet!? In eurem, fast nur durch Gewalt geprägten und von leblosen Begriffen bestimmten Zugriff, ja Übergriff auf die Welt, seid ihr dabei, die ganze Erde dem Untergang zu weihen und in ein einziges ›Grab des Lebens‹ zu verwandeln!« Was ich dann sah, ließ mich erschaudern: Ihr ganzes, eigentlich zu keiner Mimik fähiges Gesicht war Ausdruck eines unermesslichen Schmerzes, ihr Blick inmitten tränender Augen voller Entsetzen und ausweglosem Jammer, grenzenloser Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Fassungslosigkeit, Unverständnis, Resignation und Verlorenheit. – Eine einzige erschütternde Klage und Anklage zugleich. Noch nie in meinem ganzen bisherigen Leben hatte ich Derartiges gesehen und erlebt – ohne die geringste Möglichkeit, davor die Augen zu verschließen, mich abzuwenden, um alles das abzuwehren oder gar zu verdrängen. Ich spürte genau: Hinter das in diesem Augenblick Erfahrene würde ich nie wieder zurückgehen können, diesem jetzt noch auszuweichen war ebenso ausgeschlossen. Ich musste mich rückhaltlos dieser Situation stellen, sie annehmen, zu mir sprechen lassen und mit meinem eigenen Leben darauf antworten. – Aber wie und wodurch? Unmittelbar getroffen, betroffen und erschüttert sank ich auf die Knie und vermochte sie nur noch anzustarren; unfähig, den Blick von ihr abzuwenden, wurde ich nun meinerseits ebenso von einer Hilflosigkeit und Ratlosigkeit ergriffen, die mich gänzlich verstummen ließ. Als wolle sie sich gegen einen qualvollen Schmerz aufbäumen, stemmte sie sich, wie von inneren Krämpfen geschüttelt, in ihrem Panzer mit den Vorderbeinen vom Boden ab, so hoch es ging Moderne chinesische Zeichnung von Chugen.

und rief mit klagender, fast erstickender Stimme: »Die Erde! Die Erde! Was macht ihr nur mit der Erde? Wisst ihr denn gar nicht, dass diese Erde ...«


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Fast eine Minute, die mir jedoch wie eine Ewigkeit erschien, blieb sie in dieser Stellung, ohne sich zu bewegen. Dann senkte sie sich langsam wieder zu Boden, holte sehr bedächtig tief Luft und begann ganz leise zu sprechen: »Versetze dich nur einmal mit Hilfe deiner Fantasie hinaus in das Weltall, auf irgendeinen Mond des Saturn oder noch weiter draußen, mitten in diese endlose Leere, Kälte, Einsamkeit und Dunkelheit – so grandios und atemberaubend schön die Erscheinungen des Kosmos ohne Frage sind – aber: Mitten aus dieser Weite des endlosen äußeren Raumes heraus wende einmal für einen Moment den Blick der Erde zu, mit ihren blauen Meeren, weißen Wolken, den Kontinenten und vielen, farbigen Landschaften, den zahllosen Pflanzenformen und Tierarten. Und mitten aus der Stille des Weltalls heraus lausche einmal dem Gesang eines einzigen Vogels. Vielleicht beginnst du dann zu ahnen, was die Erde eigentlich für ein Ort ist, was sich da vollzieht, wer die Erde in Wahrheit ist! Denn, du weißt: Alles ist, was es ist, und dann noch einmal etwas ganz, ganz anderes.« Sie stockte erneut, wieder rannen zahllose Tränen über ihre Wangen. »Ihr seid als Gäste eingeladen, an einem der größten Mysterien des ganzen Kosmos teilzunehmen. Aber was tut ihr? Nicht nur, dass ihr euch ebenso wie einst ›Parzival‹ auf der Gralsburg des Leides der Welt nicht fragend annehmt, sondern angesichts des sich euch darbietenden Wunders, das das Leben hier auf der Erde darstellt, stürzt ihr euch auf alles und seid nur darauf aus, es an euch zu reißen; bloß um alles zu Geld machen zu können, schlagt ihr auf alles ein und bekriegt euch gegenseitig, bis alles zerstört und kein Leben hier mehr möglich ist!« Noch immer vermochte ich nicht, mich zu regen und rang innerlich um Fassung. Was sollte ich jetzt tun, was jetzt noch sagen? Mir war, als wäre der Fluss der Zeit ins Stocken geraten, oder die Zeit selbst erstarrt. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so einander anschauend, in tiefem gemeinsamem Innehalten und Schweigen verharrten, bis ich ganz leise und vorsichtig, fast flüsternd zu sprechen wagte: »Meinst du, es ist schon zu spät, und alles ist verloren? Gibt es denn eine andere Möglichkeit? Gibt es etwas, was man dagegen tun könnte?« Ich hielt dann aber von selbst inne, weil ich sehr deutlich spürte, dass es im Grunde genommen nur einen einzigen Weg geben konnte: »Maja«, sagte ich zu ihr, »du weißt um so vieles. Bitte hilf mir, gib mir einen Rat, deinen Rat: Womit kann ich anfangen, um den Anteil in mir, der genauso gewaltsam und leblos denkt, zu verändern?« Da hatte es den Anschein, als würde die Verzweiflung und Resignation aus ihrem Gesicht zu weichen beginnen und mir war, als hätte ich einen leichten Schimmer von Zuversicht, vielleicht sogar von verhaltener Freude bei ihr wahrgenommen. Sie antwortete: »Alexander, entschuldige bitte alle meine weit ausholenden, so vielschichtigen und oftmals ungewohnt verschlungenen Ausführungen. Ich versichere dir, es sind nicht etwa die ersten Anzeichen einer zunehmenden gedanklichen Verwirrung einer langsam doch alt und damit vielleicht ein wenig geschwätzig werdenden, schrulligen Schildkröte. Aber, wie ich dir gegenüber schon angedeutet habe: Ich musste dich erst einmal in die unserem Thema entsprechende Stimmung versetzen. Vor allem aber – und das ist das Entscheidende – ich musste außerdem bewirken, dass du an diesem Leid so Anteil nimmst, dass du dieses geradezu an ihm mitleidend an und in dir selbst erlebst. Denn


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nur, wenn du auf diese Weise ergriffen und erschüttert – und nicht nur mit dem Kopf alles zur Kenntnis nehmend – um diese durch euer derzeitiges Bewusstsein verursachte äußere und innere Not wissend wirst, erst dann wirst du auch bereit und entschlossen genug sein, mit der alten Denkweise aufzuhören und ernsthaft nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Kannst du das nachvollziehen und verstehen?«, fragte sie. Zustimmend nickte ich mehrmals mit dem Kopf. Dann fuhr sie fort: »Ich denke, es dürfte dir auch klar geworden sein, dass ich – bei allem Aufzeigen der Gewalt in eurem derzeitigen Denken und der davon hervorgerufenen Not in der Welt – die Antwort dieses Problems nicht in einer Aufgabe des Denkens selbst sehe. Der Versuch, das wache Bewusstsein einfach zu verabschieden und die Lösung in einer Art Rückkehr in eine alte, träumend-erfühlte, diese dann wieder genießen wollende Einheit mit der Natur zu suchen, scheidet aus! Es ist schon so, wie Heinrich von Kleist es am Ende seiner berühmten Abhandlung ›Über das Marionettentheater‹ ausgedrückt hat: ›Um die einstige Harmonie mit dem Ganzen wiederzuerlangen, muss das erkennende Bewusstsein gleichsam erst durch ein Unendliches gehen und dann auch wieder zurückfinden.‹ (KLEIST o.J.: 1088)« »Durch ein Unendliches gehen«, fragte ich etwas ungläubig, »wie soll denn das gehen? Wie muss man sich das vorstellen?« »Heinrich von Kleist meinte, man müsse eben noch einmal vom Baum der Erkenntnis essen.« Und da öffnete sie weit die Augen, so, als wolle ein Mensch die Augenbrauen weit hochziehen. »Vielleicht bedeutet das aber, die Früchte dieses Baumes dann nicht wieder nur zum eigenen


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Genuss einfach zu essen und zu verschlingen – wie beim ersten Mal –, sondern diese Früchte auf eine ganz andere, neue, intensivere, subtilere Art in sich aufzunehmen und somit in einem höheren Sinne zu verinnerlichen. Wie man einen Apfel isst, um sich von dessen Stoffen zu ernähren und körperliche Kräfte zum Leben und Handeln zu gewinnen, so hat der Mensch seit Adam – oder richtig erst seit Prometheus – die Früchte dieses Baumes, und das sind eure Gedanken und Erkenntnisse, zu sich genommen, um deren Ergebnisse zur Gestaltung des eigenen Daseins zu benutzen; er hat diese Erkenntnisfrüchte einfach verzehrt und im gleichen Moment und vom gleichen Ort ausgehend, dem Kopf, diese für die zielstrebige Umsetzung seiner Zwecke und Absichten eingesetzt und verbraucht. – Kannst du mir noch folgen?«, fragte sie, mich dabei ein wenig kritisch anschauend. »Ja«, antwortete ich ihr, »bis jetzt komme ich ganz gut mit. Auf was willst du denn hinaus?« »Höre mir einfach weiter zu! – Du weißt, auch mir schmecken Früchte besonders gut und sie sind ja auch von euch wegen ihres Nährwertes so begehrt. Ist aber das Wesentliche an einer Frucht nicht so sehr das Fruchtfleisch als vielmehr die Samenkörner, die darin verborgen sind?« »Das stimmt!«, sagte ich. »Und ist es nicht so, dass für die Entstehung eines jeden Samenkorns in jenem besonderen und geheimnisvollen Lichtraum, den ihr Blüte nennt – wir werden das später noch genauer betrachGriechische Landschildkröte.

ten –, zunächst einmal zwei polare, stoffliche Gebilde miteinander verschmelzen müssen, damit


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innerhalb dieses besonderen Lichtraumes und unter der Mitwirkung des Lichtes selbst sich ein neuer Lebenskeim, ein zukünftiger Entwicklungsimpuls in dieses zuvor eingeschmolzene Zellgewebe einsenken und eingehen kann, der dann im Inneren des Samenkornes ›schläft‹ bis zur eigentlichen Keimung?« »So habe ich das noch nicht betrachtet, aber es klingt überzeugend. Das ist alles interessant, sprich weiter!«, sprach ich zu ihr, während ich zunehmend das Gefühl hatte, das im Grunde genommen weniger mein Kopf als irgendetwas in meinem Inneren immer wacher, aufmerksamer und hellhöriger wurde. »Dann wollen wir jetzt einmal gemeinsam betrachten, was dieser Gesichtspunkt für jene Früchte zur Folge hat, die vom Baum der Erkenntnis stammen. Wenn also in den Früchten der Pflanzen das darin enthaltene Samenkorn mit seinem schlafenden Lebenskeim das Wesentliche ist, könnte das dann nicht für die Erkenntnisfrüchte bedeuten, dass beim bloßen Verzehren derselben zur Gewinnung zweckdienlicher und handlungsrelevanter Erkenntnisse gerade das Wichtigste unbeachtet bleibt, ja das Kostbarste darin übergangen wird, verloren geht und schließlich der bloßen Vernichtung anheimfällt? ›Erkenntnis und Interesse‹, so heißt doch ein Buch von einem bekannten Philosophen! (HABERMAS 1971) Vielleicht bleibt gerade deshalb seitdem für den Menschen der Zugang zum ›Baum des Lebens‹ verwehrt? Könnte es nicht sein, dass in diesen besonderen Früchten, also in euren Gedanken und Erkenntnissen, etwas darauf wartet, von euch in einer ganz anderen Weise verinnerlicht zu werden, als sie in der soeben geschilderten Art nur zu essen? ›Aber sollte aus dem Gedanken nicht Lebendiges sich entwickeln können? Sollte er nicht seinem eigenen Leben durch den Gebrauch entzogen werden, …wie der Pflanzenkeim seinem Leben entzogen wird, wenn er zur menschlichen Nahrung verwendet wird? … Der Gedanke könnte fordern, dass er als lebendiger Keim erfasst und unter gewissen Bedingungen in der Seele zur Entfaltung gebracht werde, damit er … zu einer Weltanschauung führe, in der sich die Seele, ihrem Wesen nach, erst erkennen könne und mit der sie sich erst wahrhaft in die Außenwelt versetzt fühlen könne.‹ (STEINER 1968: 338f.) – Verstehst du, was ich damit andeuten möchte?«, fragte sie mich mit ruhiger und liebevoller Stimme. »Ich glaube schon. Aber sprich weiter, es wird immer spannender, und ich habe das Gefühl, dass in mir alles ganz aufgeregt ist!«, erwiderte ich ihr. »Wenn in den Samen der Natur ein zukünftiger Lebenskeim ruht, der in die Erde gesenkt wird und dort, unter der Mitwirkung von Wasser und Wärme, aufgehen und sich entfalten will – so ist in euren Gedanken und Erkenntnissen ein Impuls verborgen, der von euch verinnerlicht werden will, den ihr in das Innere eurer Seele senken und dort mit all eurer Hinwendung, Aufmerksamkeit, Hingabefähigkeit und inneren Wärme vertiefen und umgeben solltet, sodass dieser Impuls erwachen, keimen, in euch wurzeln, sich entwickeln und wirklich Neues auf dieser Erde hervorbringen kann. Also: nicht Gedanken und Erkenntnisse suchen, um diese dann einfach zu nehmen und gleich etwas damit machen zu können. Es geht darum, sie eingehender zu betrachten und zu befragen, was aus ihnen selbst heraus werden will – und dem dann nachgehen!


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›Nachgehen‹ – das entspricht genau dem Sinn des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes ›Methode‹: ›einem Weg nachgehen, auf, in einem Weg folgen‹ – und nicht ›machen‹, ›schaffen‹, ›erzeugen‹, ›vorstellen‹, ›konstruieren‹! Für heute gilt demnach: Folge mir auf dem Weg, den ich dich führen werde! Und dann wird es darauf ankommen, dass du lernst, mit deinem Bewusstsein den eigenen Bewegungstendenzen deiner Gedanken bewusst nachzugehen!« »Wenn ich mir das so alles anhöre, und ich mich dabei bemühe, dir zu folgen, kann ich dir eigentlich nur zustimmen. Es hat auch irgendwie etwas Befreiendes, dir zu lauschen«, antwortete ich ihr. »Aber sag mir, wie soll das gehen, mit einem Gedanken ›mitgehen‹ zu können? Was muss ich dazu tun, oder: Wie muss ich eventuell anders bewusst sein und denken, um zu einer solchen inneren Bewegung in der Lage zu sein, ohne diese zu beeinflussen oder gar zu verfälschen, zu behindern oder anzuhalten und zum Stillstand zu bringen?«, fragte ich zurück. Da entgegnete sie: »Siehst du, jetzt sind wir genau an dem Punkt, wo ich zuvor davon gesprochen habe, dass es darum geht, ›lebendig‹ zu denken. Das ›Wie‹ deiner Denktätigkeit muss offen, ansprechbar, geschmeidig, wendig – ›versatil‹ hat es J.W.v. Goethe so gern genannt –, bildsam, ja flüssig werden, um in lebendigen Prozessen ungehindert und ohne diese zu stören mitgehen und folgen zu können. Dazu bedarf es höchster Aufmerksamkeit, Geistesgegenwart, Klarheit, Spannkraft, Tiefe, Weite, intensivster Einbildungskraft und vor allem Fantasie. Verstehst du, was ich meine?«, fragte sie mit einem etwas besorgten Blick. »Ja, ja – ich denke schon. Aber wie kann es gelingen, so lebendig zu denken, das heißt, ohne Lebendigkeit dabei zu unterdrücken?«, fragte ich zurück. »Lass mich versuchen, dir auch das am Beispiel der Samenkörner der Pflanze zu verdeutlichen. Einen der Höhepunkte der Blütengestalt im Pflanzenreich stellt sicherlich die Blüte der Sonnen-

Blütenboden der Sonnenblume mit dem doppelgewundenen Spiralmuster.


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blume dar; ganz entsprechend, nur etwas kleiner und daher nicht so klar zu sehen, zeigt es sich in jedem Gänseblümchen, jeder Margerite, also bei allen sogenannten Korbblütern, bei denen das Erscheinungsbild der Blüte aus vielen kleinen Einzelblüten aufgebaut ist. Der Blütenboden weist bei all diesen Blumen eine ganz besondere Struktur auf: Die einzelnen kleinen Blüten, unter denen sich später die Samenkörner herausbilden, sind nicht einfach wahllos in diesem großen Blütenkelch zusammengeworfen, sondern sie sind nach einem geheimnisvollen und geradezu universellen Prinzip angeordnet. Betrachtet man einen solchen Blütenboden genauer, so wird man gewahr, dass seine wunderschöne Struktur aus zwei gegenläufigen Spiralen entsteht, von denen sich eine Spirale im Uhrzeigersinn windet und die andere entgegengesetzt. Wie du bei den Vorgängen des Wetters in den Hoch- und Tiefdruckgebieten verfolgen kannst, vollzieht sich in den rechtsdrehenden, das heißt sich im Uhrzeigersinn drehenden Hochdruckgebieten ein Bewegungsprozess von innen nach außen und in den linksdrehenden Tiefdruckgebieten der umgekehrte von außen nach innen. Ebenso verhält es sich auch in den Prozessen der Blüten und aller doppelten Spiralbewegungen und Spiralmuster in der Natur. Und jetzt kommt das Allerwichtigste: Genau an den Stellen, an denen sich diese beiden gegenläufigen Bewegungen überlagern und durchdringen, befinden sich die einzelnen kleinen Blüten mit den späteren Samenanlagen. Das bedeutet: Nur da, wo eine solche Vereinigung polarer Prozesse gelingt, nur da kann ein neuer, in die Zukunft weisender und strebender Lebensimpuls hier auf der Erde ankommen, Ereignis werden, einen Ort finden, sich zu inkarnieren, in den Stoff einzugehen, einzutauchen und sich mit diesem zu verbinden. Weißt du, die Spirale – und besonders die doppelt-gegenläufig gewundene – ist nicht nur die vielleicht schönste Struktur in unserem Weltall, sondern sie ist auch die allerwichtigste. In ihrer Prozessgestalt vermag sich die Integration und Harmonisierung von Polaritäten am Gelingendsten zu vollziehen und zu ereignen.« »Ich bin wirklich sprachlos, wovon du alles Kenntnis besitzt. Aber was hat jetzt dieses Spiralenphänomen mit dem Denken zu tun? Du wolltest mir doch anhand der Sonnenblume etwas über den Vorgang eines ›lebendigen‹ Denkens verdeutlichen!« »Langsam, langsam! Nur Geduld!«, fuhr sie fort. »Ich muss das Schritt für Schritt alles mit dir entwickeln. Es ist zu wichtig, um es nur an der Oberfläche zu streifen. Noch einen Aspekt der Sonnenblume wollte ich dir zeigen. Hinter der Anordnung der beiden Spiralen ist ein für alles Lebendige ganz wesentliches und universelles Prinzip am Wirken. Wenn du nämlich einmal die rechts- und dann die linksdrehenden Spiralen durchzählst, wirst du merken, dass diese immer von unterschiedlicher Anzahl sind; aber diese Unterschiede sind nicht beliebig, sondern zum Beispiel immer nur 13 und 21, oder 21 und 34, oder 34 und 55. Diese Zahlenwerte sind in der Mathematik als ›Fibonacci-Reihe‹ bekannt und von großer Wichtigkeit; die nächstfolgende Zahl entsteht immer aus der Addition der beiden vorangegangenen. Und, was das eigentlich Aufregende daran ist: Bildet man die Brüche zwischen zwei benachbarten Zahlen, so ergibt das einen Wert, der sich immer mehr der Proportionszahl des Goldenen Schnitts annähert. Und noch etwas Faszinierendes: Die Winkel, in denen in der Mitte der Sonnenblume die Spiralen aufeinandertreffen, sind ebenso durch das innere Prinzip des Goldenen Schnitts bestimmt. Kannst du mir immer noch folgen?«


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»Ja, ich kann deinen Ausführungen folgen – bei allem Erstaunen darüber, was sich alles in der Blüte einer Sonnenblume an Zusammenhängen offenbart«, antwortete ich ihr. »Spürst du jetzt, wieviel Spannkraft dein Denken aufbringen und entwickeln muss, um alles das zusammenbringen zu können? – Das Wesentliche am Goldenen Schnitt ist nun, dass dieser, wenn zum Beispiel eine Strecke nach diesem Prinzip geteilt wird, die einzige Teilungsproportion darstellt, in der für die daraus hervorgehenden Teile der Bezug zum Ganzen nicht verloren geht. Das bedeutet, dass bei allen anderen Teilungen das ursprüngliche Ganze zerrissen wird und zerfällt. Nur beim ›Goldenen Schnitt‹ bleibt das Ganze auf geheimnisvolle Weise im ›Wie‹ des Zueinander der Teile immer noch erhalten, gegenwärtig und damit auch wirksam. Anders ausgedrückt: Die beiden Momente bleiben stets in Resonanz mit dem Ganzen – und genau dieses Phänomen berührt das innerste Geheimnis alles Lebendigen. Gleich, welche Lebensform du auch nimmst, sie kann nur als abgesondert einzelne existieren; gleichzeitig muss sie aber als solche einen Bezug zu gerade dem verwirklichen, gegen das sie sich abgegrenzt hat, um ihre Existenz aufrechterhalten zu können. Das eine große und alles durchziehende Thema alles Lebendigen ist die Spannung zwischen Individualität und Universalität, zwischen Endlichem und Unendlichem, zwischen Teil und Ganzem, Grenze und Grenzenlosigkeit, Form und Auflösung, Ordnung und Chaos. Das Geheimnis des Lebendigen ist, dass es vielleicht das einzige Phänomen im ganzen Kosmos darstellt, das jenes ›Wie‹ zu realisieren vermag, in dem die klar geformte Grenze, innerhalb deren es existiert – seine Gestalt – nie völlig abgeschlossen ist, sondern immer durchlässig, dialogisch offen auf das Ganze hin, dass also die endliche Form sich nie ganz absondert und sich in sich abschottet, sondern immer in Beziehung zum Unendlichen bleibt, in Resonanz zum Ganzen. – Spürst du es, genau hierin ist das innere ›Wie‹ des Lebendigen geradezu identisch mit dem ›Wie‹ des Goldenen Schnitts. Der Zahlwert des Goldenen Schnitts, die Zahl Phi = 0,618... stellt übrigens zusammen mit der anderen großen Geheimniszahl des Kosmos, ich meine die Zahl Pi des Kreises = 3,14…, die beiden sogenannten irrationalsten Zahlen der Mathematik dar. Was hat der alles nur als Verendlichtes und Vergegenständlichtes denken könnende Verstand angesichts solcher Realitäten gemacht? Er hat diese Zahlen mit dem Etikett ›irrational‹ versehen, weil sie eben nicht abschließbar, einfach nicht zu einem Ende zu bringen sind. Der Zahlwert des Goldenen Schnitts, die Zahl Phi = 0,618… erreicht nämlich nie die numerisch endliche Größe von 0,62, trotz allem aber ist sie in ihrer Tendenz unendlich, sozusagen ›unendlich nach innen hinein‹. Doch da gerät die rationale Logik des Verstandes mit seinen toten Etwas-Dingen im Kopf durcheinander, ihm wird schwindlig; und weil er das nicht zu denken in der Lage ist, hat es als undenkbar zu gelten: dieses für ihn immer im Verdacht des aufrührerisch Bedrohlichen stehende und in seinen Augen alles immer nur negativ-chaotisierende ›Irrationale‹! So gesehen ist die Stelle, in der eine ganze Strecke im Verhältnis des Goldenen Schnitts geteilt wird, auch kein Punkt im klassischen Sinne der Verstandesdefinition, sondern letztlich ein nicht ausschließlich im Endlichen und daher Messbaren lokalisierbares Moment, eher ein Prozess. – Geht es noch, oder wird auch dir schon ein wenig schwindlig? Sollen wir lieber erst einmal eine Pause einlegen, bevor wir dann wieder von der Sonnenblume und deren Goldenem Schnitt den Bogen zurück zum Prozess des lebendigen Denkens schlagen? Was meinst du?«, und wieder blickte sie mich besorgt an.


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»Es geht schon noch. Aber vielleicht wäre eine kleine Verschnaufpause wirklich nicht schlecht«, antwortete ich ihr erleichtert. Ich erhob mich vom Boden, wo ich noch immer kniete, ging ein paar Schritte und schaute dann hinunter auf den Waldboden mit den vielen Tannen- und Kiefernnadeln und den wenigen Gräsern und Blumen; dann wanderte mein Blick an den Baumstämmen entlang in die Höhe bis in die Wipfel und schweifte dann hinaus zu den weißen Wolken, um sich irgendwo im Blau des Himmels zu verlieren. Ohne an etwas Bestimmtes zu denken, stand ich lange unbewegt da. Aber ich spürte deutlich und zugleich nur ahnungsweise und wie von Ferne, dass alles in mir wie aufgewühlt, aufgeregt und voller Anspannung war. Wieder fielen mir Worte der Mariana Pineda ein: »Und mein Blut erregt sich, zittert wie in weichen Meereswogen ein Korallenbaum erbebt …« (Mariana Pineda, aus GARCIA LORCA 1972: 73)

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so dagestanden habe, als Maja, die sich immer noch hinter mir an der gleichen Stelle befand, mich rief: »Hast du dich genug erholt? Können wir weiterfahren?« »Ja, Maja, ich komme schon!«, erwiderte ich; dann drehte ich mich um, ging zurück und setzte mich wieder zu ihr. Wir schauten uns beide in die Augen; sie wartete noch ein Weilchen, bis meine Aufmerksamkeit wieder ganz bei ihr war und begann mit der Fortsetzung ihrer Ausführungen: »Bist du ganz Ohr? Denn jetzt musst du noch genauer aufpassen und noch besser hinhören!« »Ich bin ganz da, ganz bei dir, um deinen Worten zu lauschen«, antwortete ich. »Gut. Dann will ich noch einmal kurz das Wesentliche zusammenfassen: Der Blütenboden der Sonnenblume geht aus einem Prozess hervor, innerhalb dessen sich zwei gegenläufig windende Spiralen durchdringen; während sich dabei in der rechtsdrehenden eine Bewegung von innen nach außen vollzieht, verläuft diese Bewegung in der linksdrehenden von außen nach innen. Sowohl die Anzahl der unterschiedlich sich drehenden Spiralarme als auch der Winkel, in dem diese in der Blütenmitte zusammentreffen, ist durch das innere Prinzip des Goldenen Schnitts bestimmt. Diesem wohnt, als einzigem Teilungs- oder Gliederungsprinzip eine Kraft inne, die Teil und Ganzes dynamisch so miteinander verbindet, dass das individualisierte Einzelne immer mit dem Universellen in Resonanz bleibt. Dieses Prinzip entspricht genau dem Phänomen des Lebendigen im Kosmos. Genau an den Stellen, an denen sich die zwei gegenläufigen Spiralen durchdringen und überlagern, entstehen die jeweiligen Samenkörner. Dort, und nur dort, besteht die Möglichkeit für den Beginn von etwas Neuem und Zukünftigem! – Bist du mitgekommen, und hast du alles verstanden?«, fragte sie mich jetzt sehr eindringlich. »Alles ist in mir präsent, fahre nur fort, Maja«, antwortete ich ihr.


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»Ich habe das alles so ausführlich vor dir ausgebreitet, um dir deine Frage nach dem Weg zu einem ›lebendigen Denken‹ auf eine Art beantworten zu können, die die Neigung des Verstandes zum Schnell-wissen-und-abhaken-Wollen umgeht, oder sogar unterläuft. Auch wenn bei dem, was ich dir jetzt über das menschliche Bewusstsein und das Denken sagen werde, den modernen Gehirnforschern, Bewusstseins- und Denktheoretikern die Haare zu Berge stehen würden – sollten sie unser Gespräch mitanhören können –, so hoffe und baue ich bei dir auf deine Unvoreingenommenheit und Offenheit, auf deine innere Bereitschaft, erst einmal mitzugehen. Wenn du willst, kannst du ja anschließend zu eurer üblichen Auffassung über das Bewusstsein zurückkehren und alles als bloße irrationale Spinnerei einer alten Schildkröte abtun und verwerfen!«, hielt sie mir in einem sehr bestimmten Tonfall entgegen. »Ich vertraue mich ganz deiner Führung an und werde dir folgen, so gut ich kann. Wenn es zu schwierig oder für mich überhaupt nicht mehr nachvollziehbar erscheint, werde ich es dir schon sagen, und dann werden wir weitersehen«, antwortete ich daraufhin. Sie senkte den Kopf auf den Boden, um daran zu riechen, dann hob sie ihn wieder weit nach oben, schaute erst um sich nach allen Seiten und schließlich wieder zu mir, und fuhr fort: »Für mich ist die wunderschöne, faszinierende und geheimnisvolle Struktur der Sonnenblume mit all dem im Verborgenen sich Vollziehenden wie ein Sinnbild für das Phänomen des Bewusstseins und besonders des lebendigen Denkens. Ist nicht das Bewusstsein der Ort, oder vielleicht das Feld, der Prozess der Begegnung, der Berührung, des Austausches, der Vermittlung, ja Durchdringung, der Kommunikation, des Dialogs – und in der besten und höchsten aller Möglichkeiten – der Integration und gar Kommunion zwischen innen und außen, zwischen dem individuGriechische Landschildkröte.

ellen Einzelwesen und dem Ganzen, dem All?


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Damit das gelingen kann, müssen im Bewusstsein – und von diesem – die zwei polaren Prozesse, die für jegliche Art von Lebendigkeit grundlegend sind, in höchster Intensität im ständigen Wechsel und sogar gleichzeitig vollzogen werden: Hinein- und Hinausgehen, Einatmen und Ausatmen, oder Systole und Diastole, wie man diese zwei Bewegungen beim pulsierenden Herz nennt. Die ›Systole und Diastole des menschlichen Geistes war mir, wie ein zweites Atemholen, niemals getrennt, immer pulsierend‹, so hat es J.W.v. Goethe sehr schön ausgedrückt (GOETHE 1963, Bd. 39: 183). Da sich im Bewusstsein alle diese Vorgänge in höchster Schnelligkeit, Subtilität und Komplexität ereignen, würde ein Darlegen derselben in ausformulierten Sätzen dieses große ›Zugleich‹ von allem – das war eine beliebte Formulierung von Novalis zur Charakterisierung der Natur (vgl. NOVALIS 1968: 130) – durch das Nacheinander der vielen Worte zu sehr auseinanderreißen. Ich werde dir deshalb zunächst nur einzelne Stichworte geben, die du dann selbst in deinem Bewusstsein in eine Bewegung, in einen dynamischen Zusammenhang bringen musst. Meinst du, das gelingt dir?«, fragte sie mich. »Ich werde mich auf alle Fälle bemühen!«, antwortete ich ihr. »Beginnen wir mit der diastolischen Geste: • aus sich hinausgehen, sich öffnen, weiten, erschließen • in höchster Wachheit und Aufmerksamkeit sich hin-geben • sich freimachen: – von fixen Vorstellungen, die sich vor, also zwischen dich und den Gegenstand schieben und somit die unvoreingenommene freie Sicht verstellen – von unbeweglichen, starren, das Einzelne von allem anderen nur abgrenzenden, isolierenden und daher letztlich oft inhaltslosen Begriffen – wie nannte es Johann Wolfgang von Goethe doch einmal so treffend: ›lieber einen Inhalt ohne Form als eine Form ohne Inhalt‹ • das ganze Bewusstsein als eine einzige, alles offen lassende, nichts vorherbestimmende, ausschließende oder zensierende, also alles frei-gebende Frage • die Bemühung um ein äußerst behutsames, die Andersheit anerkennendes und achtendes, also vollkommen gewaltloses Berühren – von einer ›zarten Empirie‹ hat Goethe gesprochen (GOETHE 1963, Bd. 21: 68; Bd. 39: 178) • eine Art liebevolles Umströmen, Umfließen, Umhüllen • sich einfühlen, nachempfinden • sich einbilden: – sich hinein in das Andere, das Andere in sich selbst hineinbilden Inmitten dieser großen Diastole, dieses ›Unendlich-aus-sich-selbst-Heraus‹ beginnt nun die systolische Gegenbewegung des ›Unendlich-in-sich-Hinein‹ einzusetzen. • Auf meine mich ganz hin-gebende Frage kommt von der anderen Seite her die Antwort: das Wort des anderen. • Ich werde ganz Ohr, reines empfangendes Wahrnehmen; dieses hat nichts zu tun mit Passivität, sondern ist höchste Sensibilität, innere Beweglichkeit, Beeindruckbarkeit, Fantasie, ›produktive Einbildungskraft‹ (GOETHE, Bd. 39: 96)


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• Fülle der Eindrücke, Aspekte, Momente, Vorgänge • Erstaunendes Berührtwerden, Innewerden • Suche nach Einsicht, Erkenntnis, Verständnis • Frage nach den inneren Zusammenhängen • Behutsame gedankliche Tätigkeit des Unterscheidens und Zusammenfassens, der gedanklichen Durchdringung • ›inneres Nachschaffen‹ (GOETHE): Strukturen und Ganzheiten suchen, konfigurieren, ordnen, nie gegen, vorbei, darüber hinweg, sondern immer im Dialog mit dem Phänomen; • bewegliche, geradezu ›flüssig-bleibende‹ Begriffe bilden, die – wenn sie zu starr gedacht werden – sofort zu einem ›toten Begriff‹ werden und damit ungeeignet sind für ein lebendiges Innewerden • immer flexibel und aufgeschlossen bleiben für neue Aspekte, innerlich bereit für vom Thema geforderte eventuelle Umstrukturierungen Dies verlangt höchste Geistesgegenwart, so lange bis alle Einzelaspekte und Momente des Phänomens ein stimmiges Ganzes bilden, eine ›gute Gestalt‹, so wurde das einmal genannt (WERTHEIMER 1964). Geht es noch?«, fragte sie mich, »du musst jetzt die Geistesgegenwart aufbringen, von der ich soeben gesprochen habe, um alles das gleichzeitig in deinem Bewusstsein präsent zu haben!« »Ja, Maja, ich glaube schon, dass ich alles ganz gegenwärtig habe, wie du es von mir gefordert hast«, antwortete ich ihr. »Hör zu! Von einem alten chinesischen Zen-Meister gibt es einen wunderbaren Ausspruch: ›Das Rad des Geistes steht von Haus aus still, doch wenn’s sich dreht, dann nur nach beiden Seiten.‹ (BI-YÄN-LU 1973, Bd. 1: 444) Genau so, wie sich in der Blüte der Sonnenblume die zwei Spiralsysteme mit ihren innerlich polaren Bewegungsrichtungen und entgegengesetzten Windungen überlagern und gegenseitig durchdringen und auf diese Weise das höchst komplexe aber vollkommene und wunderschöne Muster bilden, genau so muss das Bewusstsein die beiden polaren Bewegungen des von innen nach außen und des von außen nach innen in einen alles übergreifenden Prozess zusammenbringen. Bei aller Dynamik und Intensität der verschiedensten komplexen Vorgänge kann sich dann eine Art klare Struktur, eine ruhende Ordnung einstellen, kein starres Gefüge, sondern eher ein einheitlich schwingendes, sensibles Feld. – Du kommst doch noch mit?«, hielt sie fragend inne. »Ich höre dir zu, und alles schwingt in mir!«, gab ich ihr zurück. »Wenn es gelingt, dieses geistige Feld des Bewusstseins in stimmige Resonanz, in Einklang mit den innersten Bildungsprinzipien, dem geistigen ›Wie‹ des zum Beispiel betrachteten Baumes zu bringen – und das meinte Goethe mit dem ›inneren Nachschaffen‹ –, dann wird sich das in dir ereignen können, was ihr im Grunde genommen meint, wenn ihr sagt: ›Mir geht ein Licht auf‹, oder ›Mir kommt eine Idee‹, oder ›Ich habe eine Eingebung‹ oder gar einen ›Einfall‹!– Warum sprecht ihr überhaupt in solchen Worten von diesem Vorgang, obwohl ihr doch eigentlich


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seit Prometheus und natürlich erst recht seit eurer modernen Gehirnforschung sagen müsstet: ›Ich habe einen Einfall erfunden‹, oder: ›Ich habe Licht angemacht in mir, oder angezündet‹, oder: ›Ich habe eine Idee gemacht‹? – Hast du einmal wirklich darüber nachgedacht? Eure derzeitige Auffassung von eurem eigenen Kopf, also eurem Gehirn und Bewusstsein, ist das einer ›Produktionsstätte von Gedanken‹, eine Art ›Gedankenfabrik‹. Vielleicht gleicht das Bewusstsein jedoch viel eher einem Wahrnehmungsorgan im höheren Sinne! – Verstehst du auch wirklich, was ich mit all dem sagen will?«, und wieder blickte sie mich dabei sehr eindringlich mit großen offenen Augen an. »Ich beginne zu ahnen, worauf du hinaus willst, aber so ganz durchschauen und ermessen kann ich es noch nicht«, musste ich gestehen. »Dann wollen wir es einmal mit einer kleinen praktischen Übung bei dieser Kiefer dort drüben versuchen«, und sie deutete mit einer kleinen Bewegung ihres Kopfes auf eine größere, freistehende Kiefer. »Martin Buber, übrigens einer der Begründer einer Philosophie des Dialogs, hat ein solches Geschehnis einst in treffenden Worten geschildert. Höre zu! ›Sieh diese Zirbelkiefer an. Du magst ihre Eigenschaften mit denen andrer Zirbelkiefern, andrer Bäume, andrer Gewächse vergleichen, Gemeinsames und Ungemeinsames feststellen, du magst erkunden, woraus sie zusammengesetzt ist und wie sie geworden ist: Das wird dir in der nützlichen Hilfswelt der Namen und Einteilungen, der Entstehungs- und Entwicklungsberichte nützlich sein, von der Wahrheit dieses Wesens erfährst du nichts. Und nun versuche dieser Zirbelkiefer selber zu nahen. Nicht mit der Kraft des fühlenden Blickes allein – die könnte dir nur die Fülle eines Bildes schenken: viel, nicht alles. Nicht mit der Richtung des aufnehmenden Geistes allein – die könnte dir nur den Sinn der lebenden Gestaltung eröffnen: viel, nicht alles. Sondern mit all deiner gerichteten Kraft empfange den Baum, ergib dich ihm. Bis du seine Rinde wie deine Haut fühlst und das Abspringen eines Zweiges vom Stamm wie das Streben in deinen Muskeln; bis deine Füße wie Wurzeln haften und tasten und dein Scheitel sich wölbt wie eine lichtschwere Krone; bis du in den weichen blauen Zapfen deine Kinder erkennst, ja wahrlich bis du verwandelt bist. Aber auch in der Verwandlung ist deine Richtung bei dir, und durch sie erfährst du den Baum, dass du in ihm in die Einheit gelangst. Denn es zückt dich in dich zurück, die Verwandlung löst sich wie ein Nebel, und um deine Richtung bildet sich ein Wesen, der Baum, dass du seine Einheit, die Einheit erfährst. Schon ist er aus der Erde des Raumes in die Erde der Seele gepflanzt, schon redet er seine Heimlichkeit an dein Herz, schon gewahrst du das Mysterium des Wirklichen.War er nicht ein Baum unter Bäumen? Aber jetzt ist er der Baum des ewigen Lebens geworden.‹ (Martin Buber, Daniel, aus BUBER 1919: 14)

Nirgendwo habe ich es bisher schöner ausgedrückt gefunden. Und, Alexander, ohne diese höchste, wenn auch äußerste und vielleicht auch nur in wenigen Sternstunden erreichbare Möglichkeit, wäre alles sinnlos: eure ganze Existenz, vielleicht sogar die der Welt überhaupt!« Sie verstummte und verfiel in ein langes Schweigen, während ich regungslos sitzen blieb. Dann fuhr sie fort: »So eine Idee unterscheidet sich von euren zumeist isoliert und in sich abgeschlossen gedachten – und daher leider zu oft leeren – Begriffen dadurch, dass sie sich


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immer in einer fast schon als lebendig zu charakterisierenden Beziehung zu allem anderen und folglich in Resonanz zum Ganzen befindet. Merkst du, wie sehr sich das soeben über das Wesen einer Idee Gesagte wieder mit dem innersten Prinzip des Goldenen Schnitts berührt? Eine Idee kommt euch dann zu Bewusstsein, wenn eure Denkprozesse dem inneren ›Wie‹ des Goldenen Schnitts entsprechen!« »Du hast recht: Überall, an den entscheidenden Schnittpunkten und Berührungszonen taucht das innere ›Wie‹ dieses Prinzips auf; das ist schon erstaunlich!«, erwiderte ich ihr. »Komm! Steh auf! Wir wollen ein wenig weitergehen. Ganz in der Nähe fließt ein kleiner Fluss. Auf dem Weg dahin werde ich dir das Dargelegte noch ein wenig ergänzen, bevor wir dann endlich mit der Betrachtung der Schildkröte beginnen können.« Ich erhob mich vom Boden und wartete ab, in welche Richtung sie gehen würde, um ihr zu folgen. Nach einigen Minuten schweigenden Miteinandergehens sagte sie dann: »Lies einmal zu Hause in Goethes Einleitung zu seinen botanischen Schriften nach, die er mit ›Bildung und Umbildung organischer Naturen‹ überschrieben hat. Dort spricht er von einem ›wechselseitigen Einfluss‹ zwischen Mensch und Natur und einem ›doppelt Unendlichen‹, der unerschöpflichen Fülle der Naturphänomene einerseits und der ›unendlichen Ausbildung‹ der inneren Möglichkeiten des Menschen zur Begegnung mit der Welt. (GOETHE 1963, Bd. 39: 7) In einer anderen kleinen Schrift Goethes, ›Polarität‹ betitelt, sind unter anderen Gegensatzpaaren aufgeführt: ›Wir und die Gegenstände‹, ›Geist und Materie‹, ›Ideales und Reales‹, ›Atemholen‹. Durch eine ›Steigerung‹ derselben, heißt es dort, könne das ›Getrenntsein‹ überwunden werden, sodass in der daraus hervorgehenden ›Verbindung‹ ein ›Neues, Höheres, Unerwartetes‹ erscheinen könne (GOETHE ebd. 173f.). Novalis sprach einmal von der ›Gedankenwelt‹ und deren ›Harmonie mit dem Universum‹ und dass sich auf dem Wege der Entwicklung einer ›schöpferischen Weltbetrachtung‹ durch den Menschen eine ›Freude des Wissens und Wachens, eine innigere Berührung des Universums‹ erlangen lasse (NOVALIS 1968: 13). Doch wer berührt hier eigentlich wen? Spürst du das?«, wollte sie wissen. »Ja, ich verstehe, wie du das meinst: Es ist eigentlich eine doppelte gegenseitige Berührung. Ich berühre das Universum, und das Universum berührt zugleich mich«, antwortete ich ihr. »Genau so ist es! Bei Paul Valéry heißt es einmal: ›Meine Hand fühlt sich berührt, gleich wie sie berührt. Das eben heißt wirklich. Und sonst nichts.‹ (VALÉRY 1957: 69). Erst in dieser wechselseitigen Begegnung und Berührung ereignet sich Wirklichkeit. Und erst wenn alles in dir auf diese Weise lebendig zu werden beginnt, erst dann hast du eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Er-lebnis. In diesem auf dich einwirkenden Erlebnis der ›Andersheit des Anderen‹ (THEUNISSEN 1965 ), erfährst du eine ›Veranderung‹ (ebd.) deiner selbst. Nur durch eine solche hindurch kann es zu einer Veränderung kommen, kannst du zu einer lebendigen schöpferischen Entwicklung deiner eigenen Existenz finden. – Vielleicht spürst du jetzt auch ein wenig


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deutlicher, wie groß die inneren Gemeinsamkeiten zwischen einem lebendigen Denken und einem künstlerisch-schöpferischen Prozess sind. Wie wir später noch sehen werden: Weder das Denken noch der kreative Prozess haben letztendlich etwas zu tun mit ›machen‹ oder herstellen!« Schweigend ging sie einige Minuten weiter. Dann drehte sie wieder den Kopf zur Seite, mich ganz kurz anschauend, um sogleich wieder nach vorne zu blicken. Dann sagte sie im Gehen: »Ich hoffe doch sehr, dass du mir bis hierher so gut folgen konntest, dass dir jetzt mein vorheriger Vergleich der Gedanken mit den Samenkörnern der Pflanzen ganz alleine und wie von selbst aufgeht, und dass ich dir das jetzt nicht mehr alles im Einzelnen darlegen und erläutern muss, oder?« »Doch, doch«, entgegnete ich ihr darauf, »du kannst ganz beruhigt weitergehen. Ich spüre sehr deutlich, was du damit meinst und werde auch noch weiter darüber nachdenken. Wir können Griechische Landschildkröte.

durchaus fortschreiten.«


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»Gut«, meinte sie daraufhin, »dann können wir ja jetzt mit der Betrachtung der Schildkröte beginnen. Aber lass uns erst eine Zeit lang stillschweigend zusammen durch den Wald gehen.« Nachdem wir ein Stück weit gegangen waren, hielt sie unter einem über dem Weg liegenden Ast an und begann, ihren Panzer an diesem zu reiben, sodass man den Eindruck haben konnte, sie würde sich kratzen. Ich schaute ihr erstaunt zu und fragte sie ganz verwundert: »Was machst du denn da? Man könnte ja fast meinen, du kratzt dich. Aber das kann bei deinem harten Panzer wohl nicht sein!« »Selbstverständlich kratze ich mich, was sonst!«, gab sie mir zur Antwort. »Ihr meint natürlich wieder, wegen meines festen, dicken Panzers wäre ich an meiner Außenseite gefühllos! – Siehst du, das ist jetzt ein sehr gutes Beispiel für eine falsche Vorstellung, für eine äußerst unvollständige Begriffsbildung zum Thema ›Schildkröte‹!« Worauf sie mit ihren Kratzbewegungen fortfuhr, bis sie schließlich weiterging.

»Zur Morphologie Wenn der zur lebhaften Beobachtung aufgeforderte Mensch mit der Natur einen Kampf zu bestehen anfängt, so fühlt er zuerst einen ungeheuren Trieb, die Gegenstände sich zu unterwerfen. Es dauert aber nicht lange, so dringen sie dergestalt gewaltig auf ihn ein, dass er wohl fühlt, wie sehr er Ursache hat, auch ihre Macht anzuerkennen und ihre Einwirkung zu verehren. Kaum überzeugt er sich von diesem wechselseitigen Einfluss, so wird er ein doppelt Unendliches gewahr: an den Gegenständen die Mannigfaltigkeit des Seins und Werdens und der sich lebendig durchkreuzenden Verhältnisse, an sich selbst aber die Möglichkeit einer unendlichen Ausbildung, indem er seine Empfänglichkeit sowohl als sein Urteil immer zu neuen Formen des Aufnehmens und Gegenwirkens geschickt macht.« (J. W. v. GOETHE 1963, Bd. 39: 7)


Die beiden Gedichte auf dem Bild lauten: »Die mit mehreren tausend Jahren gesegnete Schildkröte kommt langsam wie ein Kind daher und spricht Glückverheißendes.« »Stärker noch als die tausend Jahre lang schlagenden Flügel des vorbeiziehenden Kranichs ist die zehntausendjährige Schildkröte.«

Anschauung Die Schildkröte als Urinsel im Weltenmeer »Die Tiere sind Hieroglyphen, welche der Weltsprache entstammen; sie sind auch Siegel, welche zum Weltall und seinen Spiegelungen führen. Diese öffnen sich dem, welcher die Tiere liebt.« (Hans JENNY)


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So liefen wir ohne Worte eine Weile nebeneinander durch den Wald, sie für ihre Verhältnisse ziemlich schnell, ich dagegen ohne jegliche Eile, ganz langsam, um neben ihr zu bleiben. Allmählich begann sich der Wald zu lichten und auch die dichten Sträucher wurden immer seltener, sodass wir nach einiger Zeit in offenerem Gelände auf einen kleinen Fluss hinabschauen konnten, der, etwas unter uns gelegen, durch die morgendliche Landschaft dahinfloss. Da blieb sie stehen, schaute hinunter und sagte: »Am Ufer eines solchen Flusses ist er vor Tausenden von Jahren gesessen.« »Von wem sprichst du?«, fragte ich. »Lass uns erst einmal hinuntergehen«, sagte sie ganz bedächtig und dennoch spürte ich, dass sie innerlich unruhig war. Schließlich gelangten wir hinunter an das Ufer und schauten hinaus auf die langsame Strömung in der Flussmitte, wo gerade zwei Kraniche über das Wasser dahinschwebten. Da senkte sie ihren Kopf und blickte in das Wasser hinein, das an dieser Stelle aufgrund einer größeren Einbuchtung des Ufers fast keine Strömung zeigte. »Da, schau!«, sprach sie auf einmal in flüsterndem Ton und deutete hinab unter die Wasseroberfläche. Zwischen grünen Wasserpflanzen erblickte ich einige dunkle Wasserschildkröten. »Nicht bewegen, sonst tauchen sie sofort weg und verschwinden! – Wir wollen ihnen ein wenig zuschauen«, sagte sie wie beglückt. So verharrten wir regungslos und still, ganz versunken in den Anblick der Schildkröten in der Tiefe des Wassers, bis sich diese allmählich entfernt hatten. Dann hob sie ihren Kopf, schaute mich an und sagte: »Lass uns dorthin, zu diesem kleinen Sandhügel am Ufer gehen, dort kannst du dich hinsetzen.« Als wir dort angelangt waren und ich mich niedergelassen hatte, begann sie in einem geradezu feierlichen Ton zu sprechen: »Am Ufer eines solchen Flusses ist er vor Tausenden von Jahren gesessen, als aus dem Wasser eine Schildkröte an Land gekrochen kam. Er hat sie lange angeschaut ... und dann hat er auf dem Rücken ihres Panzers die ganze Welt entdeckt.« »Wen meinst du denn? – Sag es mir doch endlich!«, forderte ich. »Ich spreche von dem sagenumwobenen ›Fu-Hsi‹, oder auch ›Fuxi‹, halb göttlich-mythisches Wesen mit Menschenkopf und Schlangenleib, halb Mensch, und als solcher einer der Gründer des Reiches der Mitte und als einer der ersten Kaiser angesehen und verehrt. (FIEDELER 1995: 41f.) Ihm haben sich nach eingehender Betrachtung der sonderbaren Linien und Strukturen auf dem Panzer dort die geheimnisvollen Zeichen der späteren Trigramme aus dem berühmten chinesischen ›I-Ging‹, oder ›Yijing‹ offenbart – dem ›Buch der Wandlungen‹ wie es genannt wird, der sich ständig wandelnden Bezüge und Verhältnisse von Himmel und Erde, von Makrokosmos und Mikrokosmos (WILHELM 1970). Wasserschildkröten. Japanischer Holzschnitt von Gakutei Harunobu (aus SHONO-STADEK, 1991: 93).

Nicht nur, dass sich in der Gestalt meines Panzers diese zwei grundlegenden Weltaspekte spiegeln, im gewölbten Rücken der Himmel und im flachen Bauch die Erde, sondern das klare Muster auf meinem Rücken galt als ein Abbild der inneren Weltordnung. An einem Nebenfluss


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des Gelben Flusses soll auch einst auf einer Schildkröte das berühmte Zahlen-Quadrat erschienen sein, das lange Zeit als das universale Modell der Welt angesehen wurde (vgl. SCHAFER 1

1968: 102). Du musst wissen, es gibt eine ganz besondere Beziehung von uns Schildkröten zu den For-

1 Schriftzeichen für »Langlebigkeit« (aus LESSING 1934: 76, 23).

men und Signaturen der Schriftzeichen; auf Schildkrötenknochen, die man damals für Orakelzwecke benutzt hat, finden sich die ersten Anfänge von Schrift überhaupt. Eines der von den alten Chinesen besonders geschätzten Schriftzeichen, jenes für ›Langlebigkeit‹, erinnert tatsächlich sehr stark an eine Schildkröte.«

2 Der legendäre chinesische Kulturschöpfer Fu-Hsi entdeckt, an einem Fluss sitzend, auf dem Rücken einer Schildkröte das Grundprinzip des I-Ging. Ma Lin, Farbe und Tusche auf Seide, Mitte 13. Jahrhundert, National Palace Museum, Taipei (aus SCHAFER 1968: 10).

»Auf dem Rücken einer Schildkröte sollen Schriftzeichen erschienen sein?«, fragte ich sie ganz verwundert. »Nein, sie sind nicht dort erschienen, wie bei Momos ›Kassiopeia‹, sondern der Rückenpanzer selber mit seinen Linien bildet verschiedenste Zeichen und stellt auf diese Weise eine Art Schrift dar«, sagte sie sehr deutlich und bestimmt. »Ihr Menschen habt mir doch – zumindest in eurem


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deutschen Sprachraum – den tiefsinnigen Namen ›Schild-Kröte‹ gegeben! – Was ist denn ein Schild?« »Ein Schild ist ein Schutz, etwas, hinter dem man sich verbergen und eine Bedrohung abwehren kann«, antwortete ich ihr. »Und, weiter?!«, fügte sie schnell hinzu. »Wie, weiter?«, gab ich achselzuckend zurück. »Was ist denn ein Schild noch?«, entgegnete sie schon ein wenig ungeduldig. »Aha, jetzt verstehe ich«, sagte ich daraufhin. »Du meinst ein Schild, eine Tafel, auf der Zeichen, Symbole oder eine Schrift zu sehen sind, die auf etwas hinweisen oder hindeuten, wie Schilder mit Straßennamen oder Verkehrsschilder.« »Ein Schild war ursprünglich ein aus möglichst widerstandsfähigem Material gefertigter Schutz 1 Die acht Trigramme des I-Ging (aus LESSING 1934: 82).

zur Abwehr von Verletzungen, eine Deckung, hinter der man sich verbergen und folglich gebor-

2 Das berühmte Zahlenquadrat auf dem Rücken einer Schildkröte (aus SENDA 2001: 87).

gewisse Rückschlüsse zuließen auf die sich dahinter befindende Person. Ein Schild ist also bei-

3 Inschrift auf einem Schildkrötenpanzer (aus LINDQUIST 1990: 18).

gen fühlen konnte. Gleichzeitig waren auf den früheren Schilden Wappen oder Symbole, die des zugleich: ein feindliche Übergriffe abwehrender Schutzschild für etwas leicht Verwundbares und ein – wenn auch verschlüsselter – Hinweis auf ein sich dahinter Verbergendes. Ein Schild ist ein äußeres Zeichen mit Bedeutung: Es deutet auf ein Wesen hin, verbergend und offenbarend zugleich. Ich werde nun versuchen, dir darzulegen, was dir mein Schildkrötenpanzer alles von meinem Inneren schildert und offenbart.«


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Sie hielt ein wenig inne, schien zu überlegen und fuhr dann fort: »Übrigens, da fällt mir gerade etwas sehr Interessantes in diesem Zusammenhang ein: Einer der berühmtesten Universitätsprofessoren der Semiotik – das ist die Lehre von der Bedeutung von Zeichen, Schriften und Texten – hat eines Tages angefangen, einen großen Roman zu schreiben und nicht mehr nur wissenschaftliche Texte. Es war Umberto Eco, der Verfasser des bekannten Buches ›Der Name der Rose‹. In einem Interview wurde er einmal gefragt, wie er als Wissenschaftler und Professor auf einmal dazu käme, einen Roman zu schreiben? Er meinte dann, dass er im Laufe seiner wissenschaftlichen Forschungen zu Ergebnissen und Einsichten gelangt sei, die für eine angemessene Darstellung eine vollkommen neue Ausdrucksform verlangten, weil die übliche wissenschaftliche Sprache ihnen nicht mehr gerecht würde! – Du siehst, man beginnt allmählich zu spüren, dass die alten Formen zu eng werden und zuviel von der Wirklichkeit unterbinden und unterdrücken!« »Was du von Umberto Eco erzählst, ist sehr interessant«, sagte ich daraufhin. »Aber Maja, wenn ich mir jetzt deinen Panzer anschaue, so kann ich nirgendwo etwas von den Trigrammen des I-Ging erkennen! Wo soll Fu-Hsi denn diese gesehen haben?«, fragte ich sie. »Ich habe mir schon fast gedacht, dass auch du, wie ihr so schön zu sagen pflegt, ›ein Brett vor dem Kopf hast‹! Jetzt ist alles ganz konkret von dir gefordert, was ich dir zuvor über das lebendige Denken dargelegt habe. Alle Beweglichkeit, Spannkraft und Fantasie deines Denkens musst du nun aufbringen, um zum ›ursprünglichen Sinn‹ der Dinge hinzufinden. In einem seiner kostbarsten Fragmente hat Novalis in einmaliger Weise beschrieben, worauf es ankommt, und was du jetzt leisten musst. Höre genau hin: ›Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung ... Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es …‹ (NOVALIS 1968: 424) Von euren hochgebildeten Wissenschaftlern wird ein solches Vorgehen natürlich mit Empörung als vollkommen unwissenschaftlich abgelehnt, da hier dem objektiv zu erforschenden Objekt zuviel oder überhaupt nur Subjektives beigemischt und dadurch die ›objektive‹ Wirklichkeit völlig verfälscht werde. Aber ist es nicht seltsam: Die von den genau so argumentierenden Menschen täglich betriebene Reduzierung und damit Depotenzierung der Phänomene auf das bloß Quantitative gilt nicht als unwissenschaftlich, nur der von Novalis angeregte umgekehrte Weg!« »Das stimmt, da muss ich dir vollkommen recht geben!«, fügte ich hinzu. »Es geht Novalis dabei gar nicht um eine äußerliche Aufblähung des Bewusstseins oder gar um eine Inflationierung der Denkprozesse, sondern um eine Steigerung der Bewusstheit hin zu Krieger mit symbolischen Wappenzeichen auf seinem Schild. Etruskische Stele, um 650 v. Chr. (aus BACON 1963: 191).

einer freieren Durchlässigkeit und Durchsichtigkeit hin auf vollkommen ungewohnte Aspekte, Dimensionen und Wirkungsweisen. J.W.v. Goethe hat es einmal sehr schön ausgedrückt, als er sagte, man müsse sich die ›Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten ... Um aber einer solchen Forderung sich zu nähern, so müsste


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man keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Fantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks.‹ (GOETHE 1963, Bd. 39: 148f.) Sind das nicht alles wunderschöne Gedanken?«, fragte sie mich, innerlich sichtlich bewegt. »Ja, es ist, als würde durch solche Worte von Novalis und Goethe ein Tor aufgestoßen: Eine neue Weite und Tiefe eröffnet sich, ein anderes Licht beginnt, alles zu beleuchten. Es ist eine Befreiung, fast wie eine Erlösung – als wüsste unser Inneres um diese Möglichkeit, aber in all den Jahren des Lernens vom bloßen Verstandeswissen haben wir das Vertrauen, ja den Glauben an diese eigene Fähigkeit verloren und trauen uns schon gar nicht mehr, in einer solchen ganz anderen Weise die Welt denkend verstehen zu wollen oder gar davon zu sprechen. Aber jetzt, solche Worte hörend, atmet alles auf in einem, erwacht, fühlt sich befreit und ist bereit«, brach es aus mir hervor. »Dann lass uns nun in dieser freudig-erwartungsvollen Stimmung beginnen, und zwar bei demjenigen Aspekt meines Erscheinungsbildes, der sich dir von selbst zeigt: dem Rücken meiGriechische Landschildkröte.

nes Panzers! Er ist wie das Gesicht eines Menschen, in dem du vieles – wenn auch nicht alles –


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lesen kannst; und tatsächlich gibt es immer wieder Darstellungen von Künstlern, bei denen auf meinem Rücken eine Physiognomie erscheint!«, mit diesen Worten leitete Maja die lange und viele ungeahnte Räume und Zeiten durchwandernde Betrachtung ihrer eigenen Daseinsgestalt ein. Ich begann allmählich zu verstehen, warum für einige Indianer Nordamerikas ›Misheekaehn‹ oder ›Makinak‹, wie sie die Schildkröte nannten, eine Art ›Botschafter‹ war, ein ›Medium der Kommunikation zwischen den Wesen dieser Welt und Zeit und Wesen anderer Welten und Zeitdimensionen‹. (JOHNSTON 1994: 286). »Die Natur«, so begann sie zu berichten, »hat immer wieder in den verschiedensten Formen und Gestalten ein empfindsames, lebendiges Inneres durch harte und feste Schalen zu umhüllen und zu schützen verstanden; denn, wie J.W.v. Goethe es so treffend charakterisiert hat: ›Die ganze Lebenstätigkeit verlangt eine Hülle, die gegen das äußere rohe Element, es sei Wasser oder Luft oder Licht, sie schütze, ihr zartes Wesen bewahre, damit sie das, was ihrem Innern spezifisch obliegt, vollbringe ... Alles was zum Leben hervortreten, alles was lebendig wirken soll, muss ein1 Das »Gesicht« des Schildkrötenrückens. Plastik »Zeitgeist« von Ruth Jäger, München, Sammlung Klaus Lurati, München.

gehüllt sein.‹ (GOETHE 1963, Bd. 39: 12) Ganz besonders denke ich hier an die vielen Formen der Samenkapseln und Nussschalen im Pflanzenreich, an die frühesten einzelligen Planktonlebewesen, an die Muscheln und Schnecken, Trilobiten, Schwertschwänze … ebenso an die Gürteltierarten und die altweltlichen

2 Frühe Formen stark beschuppter Reptilien (aus HAUBOLD 1981: 14, 131).

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1 Dornschwanz (aus MÜLLER 1994: 423). 2 Skelette von Strahlentierchen (aus SCHMEIL 1969: 319). 3 Gehäuse und Schalen verschiedener Meerestiere (aus PORTMANN 1965: 96, 123).

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4 Schuppentier (aus WOLF 1988: 85).

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Schuppentiere; und dann an die vielen Urformen von Tierarten, die schon sehr an uns spätere Schildkröten erinnern, sich aber doch nicht dazu weiterentwickelt haben (OBST 1985; GRZIMEK 1969, Bd. 6: 162f.) und zuletzt an uns Schildkröten selbst! In den Anfangszeiten unserer Entwicklung war das Muster unserer Schildplatten auf dem Rücken noch eher unbestimmt; aber schon sehr bald hat sich dann die heutige Struktur und Anordnung klar herauskristallisiert. Dieses Muster ist seit Jahrmillionen unverändert und weist nur bei einigen wenigen Arten gewisse kleinere Abweichungen auf; oder es fehlt völlig, wie bei den Weichschildkröten und einer der großen Meeresschildkröten. Bis auf ganz individuelle, kurzzeitige Variationen – Mutationen nennt ihr das – stellt dieses Muster für uns ein markantes und signifikantes Zeichen unseres Wesens, unseres Typus dar. Der Schein ist eben dem Wesen wesentlich, oder wie Goethe das einmal ausgedrückt hat: ›Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? – Das Wesen, wär’ es, wenn es nicht erschiene?‹ (GOETHE o.J., Bd. 6: 284) Auch Adolf Portmann hat in seinem Buch über die Tiergestalt darauf hingewiesen, dass es darauf ankommt, ›gerade die Erscheinung, die unser Auge schaut, als das Bedeutsame‹ aufzufassen und diese ›nicht zu einer bloßen Hülle‹ zu entwerten, ›die unserem Blick das Wesentliche verbirgt‹. (PORTMANN 1965: 36)« Sie schien ein wenig nachzudenken und fuhr dann fort: »Ich werde mich jetzt immer wieder so zu dir hindrehen, dass du meinen Rücken gut betrachten kannst; auf diese Weise kann ich außerdem diesen etwas schräg stellen und so noch besser die wärmenden Sonnenstrahlen einfangen – das ist mir nämlich ein zutiefst inneres Bedürfnis. – Und noch etwas: So bist du immer 3

hinter mir und ich vor dir. Vielleicht bin ich euch ja tatsächlich immer ein kleines Stück voraus, genau so, wie die berühmte Schildkröte des alten griechischen Philosophen Zenon, die sogar dem schnellen Achilleus immer voraus war.« Daraufhin drehte sie sich weg und brachte sich mir gegenüber in die von ihr beschriebene Stellung. Dann hob sie ihren Kopf, wandte ihn ein wenig zur Seite, damit sie mich über ihren Rücken hinweg sehen konnte und sprach: »Ich hoffe doch sehr, du gehst nicht davon aus, dass ich dir nun alles fertig präsentieren werde, oder?« »Nein, nein, das habe ich nicht erwartet«, antwortete ich ihr schnell.

1 Mögliche Urschildkröte (aus HAUBOLD 1981: 55).

»Das ist auch gut so! Wir werden das jetzt zusammen entwickeln, indem ich dir immer wieder Fragen stelle. – Also: Sage mir, was du alles siehst, wenn du meinen Rücken betrachtest!«, sprach

2 Gehörnte Schildkröte (aus SCHLEICH 1980, Abb. 9). 3 Vermutete Vorformen der heutigen Schildkröten (aus HAUBOLD 1981: 55, 72).

sie und richtete ihren Kopf wieder nach vorne, meine Antwort abwartend. »Ich sehe mehrere, deutlich voneinander abgegrenzte und zugleich eng aneinandergefügte Felder. Dabei fällt mir auf, dass manche Linien ganz geradlinig verlaufen, was eigentlich für Formen tierischer Körper eher ungewöhnlich ist«, antwortete ich ihr.


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1 Trias-Schildkröte (aus PRITCHARD 1979: 75). 2–5 Senegal- (2) und Pfauenaugen-Weichschildkröte (3), Bastardschildkröte (4) und Lederschildkröte (5) (aus WERMUTH 1996: 241, 251, 272, 243).

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1 Musterungen von Schildkrötenpanzern (aus WERMUTH 1996: 330, 23). 2 Mutationsformen des regulären Musters bei Griechischen Landschildkröten.

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3 Der Grundtypus des Musters bei der Griechischen Landschildkröte.

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»Das ist gut beobachtet, wir sollten das im Gedächtnis behalten, denn es ist sehr wichtig! Ich möchte jetzt aber erst einmal mit dir von der Betrachtung des Ganzen ausgehen, bevor wir uns einzelne Aspekte genauer ansehen und dann auch sicherlich Fu-Hsis Trigramme entdecken werden. Kannst du unter den vielen Feldern und Linien irgendwelche größeren, übergreifenden Strukturen feststellen?«, fragte sie daraufhin ganz geduldig. »Zunächst einmal ist da eine durchgehende, etwas vom äußeren Rand zurückgesetzt verlaufende und die Umrisse des Panzers aufnehmende Linie, die den Rand deutlich von einem mittleren Teil abgrenzt«, sagte ich ihr. »Sehr schön«, rief sie aus, »diese Linie ist ganz entscheidend! Du musst nämlich wissen, dass sich unter den sichtbaren äußeren Hornplatten ein knöcherner Panzer befindet, der ebenso aus vielen einzelnen Platten zusammengesetzt ist, ganz ähnlich euren Schädelknochen. Diese Knochenplatten haben jedoch eine völlig andere Gliederung und Verteilung als die darüberliegenden Hornplatten, sodass die Nahtlinien der Knochen- und der Hornplatten immer unterschiedlich verlaufen. Nur bei der von dir soeben hervorgehobenen Linie sind beide Linienverläufe identisch – mit der einzigen Ausnahme bei der großen fünfeckförmigen Hornplatte des Innenteils vorne am Kopf: Diese Platte überlappt jenen Linienverlauf. Also: Dieser Linie kommt eine grundsätzliche Bedeutung zu. Beschreibe mir einmal genau, was sich außerhalb dieser befindet.« Ich bemühte mich, genauer hinzuschauen und begann, die einzelnen Schilde am Rand zu zählen. »Außen herum ist eine größere Vielzahl kleinerer Platten, der Innenteil dagegen hat weniger, aber großflächigere Platten. Außen sind auf jeder Seite 12 Schilde, also 24 insgesamt, mit einem zusätzlichen, ganz kleinen und spitzen Schild direkt über deinem Nacken.« »Dieses kleine Nackenschild wird uns später noch beschäftigen. Nicht alle Schildkrötenarten besitzen es, auch wenn die Verteilung aller übrigen Schilde fast völlig identisch ist. Kommen wir zurück zu den 24 Randschilden – auch wenn es da bei einigen Arten gewisse Unterschiede gibt. Fällt dir dazu etwas ein?«, fragte sie. 1

»Wie meinst du das?«, fragte ich zurück.

1 Gliederung der Hornplatten im Unterschied zum darunterliegenden Knochenpanzer (aus THOMSON 2006: 461). 2 Verlauf der Hauptwachstumsrille auf dem Rücken; sie trennt den Innenteil vom Außenring. 3 Kleines Nackenschild.

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»Romantisieren, Alexander, potenzieren! ›Dem Gemeinen einen hohen Sinn geben!‹ – Das hat dir doch bei Novalis so gut gefallen! Und jetzt wird’s konkret!«, rief sie mir daraufhin laut und herausfordernd zu, ohne mich jedoch anzuschauen, den Kopf nach vorne gerichtet. Ich blickte erneut auf das Muster der vielen Linien und Flächen und versuchte herauszufinden, was sie meinen konnte. Nachdem ich einige Zeit wortlos schwieg und nichts zu antworten vermochte, sagte sie: »›Dem Endlichen einen unendlichen Schein‹ geben! Ist denn das so schwer für euch? Vielleicht hilft dir zum Anfangen eine kleine methodische Anleitung aus Goethes Farbenlehre weiter: ›Bei einer Erscheinung der Natur, besonders aber bei einer bedeutenden, auffallenden, muss man nicht stehen bleiben, man muss sich nicht an sie heften, nicht an ihr kleben, sie nicht isoliert betrachten, sondern in der ganzen Natur umhersehen, wo sich etwas Ähnliches, etwas Verwandtes zeigt; denn nur durch Zusammenstellen des Verwandten entsteht nach und nach eine Totalität, die sich selbst ausspricht und keiner weiteren Erklärung bedarf.‹ (GOETHE 1980, Bd. I: 131) – Du siehst, was man bei dem alten Meister so alles Wichtiges finden kann! Also, sprich einfach aus, was dir einfällt! Und zensiere nicht schon wieder im Voraus. Wir können später immer noch alles nicht so ganz Stimmige verwerfen! Vielleicht hilft es dir weiter, wenn du die Struktur meiner Panzeroberfläche einmal als die Struktur einer räumlich Gliederung der Hornplatten im Unterschied zum darunterliegenden Knochenpanzer.

gewölbten Kuppel oder Kugel betrachtest, oder auch als Sinnbild eines flächigen Musters, wie zum Beispiel die Fellzeichnung eines Tieres oder den Grundriss einer Stadt, aber auch als das Muster eines Schnittbildes, das sich zeigt, wenn du beispielsweise eine Frucht aufschneidest.«


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Ich dachte noch ein wenig nach. Dann fiel mir eine alte Vasenmalerei ein: »Es gibt eine frühe Darstellung einer Schildkröte, auf der die Form des Panzers kreisrund und das äußere Band der 24 Schilde als ein Ring mit einem mäanderähnlichen Muster zu sehen ist.« »Sprich nur weiter. Aufgrund meiner ganz besonders ausgeprägten inneren Einbildungskraft und der unauslöschlichen Erinnerung an alle je Form gewordenen Zeichen, Muster und Bilder 3

sehe ich alles sehr deutlich vor mir. Es gibt übrigens ein sehr ähnliches Bild auf dem Boden einer alten chinesischen Bronzeschale. Da ist der mittlere Bereich des Panzermusters sogar als eine Spirale dargestellt«, fügte sie hinzu. »Wir haben also ein Rundes, einen Ring außen herum, der einen Innenraum umfasst, umschließt und in diesem Innen geschieht etwas, oder?« »Ja, das ist so«, antwortete ich ihr. »Der altindische ›Shiva nataraja‹, der den ganzen Kosmos als den Tanz eines Gottes verkörpert, tanzt doch auch innerhalb eines solchen Ringes; dieser ist dazu noch voller Flammen.«

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»Das mit dem Shiva ist ein sehr gut passendes Beispiel. Jedoch: Nicht einfach ›voller Flammen‹ ist dieser Ring, sondern nach der ursprünglichen Auffassung und Regel müssen es zusammen mit der einen Flamme, die er in der rechten Hand hält, genau 24 sein, hörst du, 24! – Auch wenn 1 Siedlungsstruktur eines mexikanischen Fischerdorfes (Foto: Precision Ltd., aus MICHELL 1989: 25).

sich später nicht mehr alle Künstler daran gehalten haben«, fügte sie eilends hinzu.

2 Kuppel der Blauen Moschee in Isfahan, Iran.

»Vielleicht nicht unbedingt mit euren 24 irdischen, kleinen Stunden, vielleicht jedoch mit größe-

3 Oberfläche einer Melone.

»Meinst du, das hat etwas mit unseren 2 × 12 = 24 Stunden zu tun«, fragte ich erstaunt.

ren Rhythmen einer anderen Zeit; so hat ja das Jahr zwölf Monate, also zwölf Vollmonde und zwölf Neumonde. Oder denke einmal an die zwölf Tierkreiszeichen. Es gibt da auch einen sehr schönen Kalenderstein der alten Azteken. Dieser hat zwar nicht die Form einer Schildkröte und

4 Angeschnittene Melone.

keine 24 Felder, er ist aber auch so ringförmig aufgebaut und mit besonderen Feldern in der

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1 Verzierung auf dem Boden einer altchinesischen Bronzeschale (aus LINDQUIST 1990: 78). 2 Stilisierte Schildkröte (aus SÜSS 1991: 12). 3 Tanzender Shiva Nataraja. Südindische Bronze, Museum Rietberg, Zürich (aus SCHAVERNOCH 1981: 195). 4 Brettmaske. Afrikanische Holzschnitzerei, Elfenbeinküste, Sammlung Lurati.

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Mitte. Außerdem gibt es ein altes tibetisches, astrologisches Orakel in der Gestalt einer Schildkröte, deren Ringfelder tatsächlich mit Tierkreiszeichen besetzt sind!«, fügte sie hinzu. Wieder betrachtete ich ihren Rücken und ließ das zeichenhafte Ornament zu mir sprechen. Dann erinnerte ich mich an die Bilder der Navajo-Indianer und sagte: »Mir kommen gerade einige jener geheimnisvollen Sandbilder der Navajos in den Sinn, die oft sehr ähnlich aufgebaut sind. Dort ist der alles umfassende Ring durch eine große, oft schwarze Schlange dargestellt, in der Mitte treffen dann nicht selten vier spiralartig gewundene Schlangen aufeinander; diese könnten vielleicht die vier Himmelsrichtungen symbolisieren, die Ordnung unserer hiesigen Welt, oder?« »Nur weiter so! Allmählich beginnen sich die Formen mit Inhalten zu füllen; die inneren Aspekte können gar nicht reichhaltig und vielfältig genug sein!«, sagte sie freudig gestimmt. »Man könnte sich auch eine große, zwölfgliedrige Schlange denken, die – ähnlich einem altsumerischen Schöpfungsmythos – der Länge nach geteilt wird, sodass auf diese Weise ein Zwischenraum entsteht, der so von einem 24-gliedrigen Ring eingefasst wird.« »Von M.C. Escher gibt es ein sehr ähnliches Motiv: Drei große Schlangen am Rand sind dort in ein Gewirr von vielen kleinen Kreisringen eingeflochten«, fügte ich hinzu.

Aztekischer Kalender, aufgeteilt in dreizehn mal zwanzig Tage (aus ENDRES 1998: 244).

»M.C. Escher«, und dann hielt sie einen Moment inne, »einer der großen Meister in der Kunst der Gestaltung und Gliederung von Flächen. Das Interessante an dem von dir angesprochenen Bild – es ist übrigens das letzte seiner faszinierenden Werke – sind nicht die drei Schlangen


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1 Sandbilder der NavajoIndianer (aus PURCE 1974, JAFFE 1983: 88). 2 Die Aufspaltung und Zerteilung der Ur-Schlange. 3 »Schlangen« von M. C. Escher (aus ESCHER 1971: 270). 4 »Kreislimit I«, 1958, von M. C. Escher (aus ESCHER 1971: 233).

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selbst, sondern das ›Gewirr‹, wie du es nennst. Dieses ist aber kein bloßes ›Gewirr‹, sondern eine nach einem sehr komplexen Prinzip aufgebaute Struktur mit einem tiefen philosophischen Hintergrund. Was Escher in vielen seiner Bildern beschäftigte, war die Gestaltung des Übergangs von Unendlich zu Endlich und wieder zu Unendlich. Daraus sind dann seine bekannten ›Kreislimits‹ entstanden. Die äußere Region, in der zum Rand hin die Strukturen immer feiner werden, stellt demnach die Nahtstelle zur Unendlichkeit dar. Wenn du dir jetzt noch im Bild ›Kreislimits I‹ die Mitte etwas genauer anschaust, dann erkennst du dort zwei polare Dreiecks-Figuren – drei weiße und drei schwarze –, die zusammen ein Sechseck bilden: genau an der Stelle, wo sich auf meinem Panzer ganz oben in der Mitte ein ebensolches Sechseck befindet! Da staunst du? – Aber komm, mach weiter! Was fällt dir noch ein zum Umfeld von Unendlichkeit – Endlichkeit oder Ewigkeit – Zeitlichkeit, so könnte man es auch nennen?« Am leicht schmunzelnden Unterton ihrer Stimme merkte ich, dass sie meine zunehmende Verdutztheit, ja Sprachlosigkeit angesichts all dieser von ihr angesprochenen Bezüge sehr wohl spürte, obwohl sie die ganze Zeit über nur nach vorne geschaut und so die Regungen meines Gesichts gar nicht hatte mitbekommen können. »Unendlichkeit – Endlichkeit? – Ewigkeit – Zeitlichkeit?«, wiederholte ich leise diese zwei alles umspannenden Begriffspaare. »In den alten Weltbildern stellte der Planet Saturn mit seinem geheimnisvollen Ring genau die Grenze und die Nahtstelle zwischen diesen zwei Welten dar.« Ich suchte in meiner Erinnerung nach weiteren bildhaften Umsetzungen dieser Thematik. Schließlich sah ich jene sehr schöne spätmittelalterliche Illustration des Buches ›Genesis‹ vor mir: »Aber natürlich! Es gibt ein wunderbares Schöpfungsbild aus einer alten Bibel. Da ist auch außen herum ein alles umfassender Kranz, die kosmisch-umkreishaften Sphären und ganz oben der durch sein gesprochenes Wort die Welt schaffende Schöpfergott; außerdem sind viele Engel dort abgebildet. Dieser äußerste Ring repräsentiert die rein geistigen immateriellen Aspekte der Wirklichkeit: Unendlichkeit und Ewigkeit. In einem zweiten Ring nach innen hin sind Sonne und Mond und viele Sterne; diese stellen sozusagen die erste physische Manifestation des geistigen Kosmos dar: den mit irdischen Augen von der Welt her sichtbaren Himmel. Diese Region ist zudem noch durch ein schleifenartiges oder gar schlangenlinienförmiges Band strukturiert, in dem sich Ausbuchtungen nach außen und Einbuchtungen nach innen rhythmisch abwechseln. Man könnte es als den Versuch des Künstlers ansehen, das Ein und Aus einer kosmischen Atmungsbewegung bildnerisch umzusetzen. Als nächstes schließt sich ein blauer Strom an, der ›Okeanos‹ der alten Griechen, der Weltumströmer, in dessen Mitte dann, wie eine Insel inmitten des Kosmos, die Erde auftaucht. – Du kannst dir das sicherlich alles vorstellen?«, fragte ich sie. »Selbstverständlich! – Das ist wirklich ein eindrucksvolles Bild, eines meiner liebsten. Es ist in seinem inneren Aufbau mit der sich materialisierenden Erde in der Mitte, der Chiffre meines Panzers so nah«, antwortete sie mir. »Entschuldige, dass ich dich unterbreche! Aber – bevor ich es wieder vergesse – mir fällt in diesem Moment in Zusammenhang mit dem inneren Aufbau eine Zeichnung ein, die mir einmal ein alter Imker gezeigt hat: Viele Bienen sind dicht nebeneinander fast kreisförmig aufgereiht, in


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der Mitte ist die große Bienenkönigin, das Zentrum und der Quellpunkt des ganzen Bienenvolkes. – Ich hoffe nur nicht, dass ich jetzt mit diesem Bild vom Thema abgekommen bin«, fügte ich schnell hinzu. 1

»Nein, gar nicht! Auch das ist ein weiterer, sogar weiterführender Aspekt.« Sie machte eine kürzere Pause und sagte dann langsam: »Ein umkreishaft Umhüllendes, Umströmendes, nach innen hinein Wirkendes und in der Mitte ein Quellort des Lebens, ein Raum der Inkarnation. Schau dir einmal Zeichnungen von werdenden menschlichen Embryos etwa in der 3. Woche an. Da es sich hierbei um Querschnittzeichnungen handelt, musst du sie dir eher als kugelige Blase vor1 Die Bienenkönigin im Zentrum, umgeben von einem Ring von Arbeiterinnen (aus GERSTUNG 1902).

stellen – aber der strukturelle Aufbau gleicht sehr dem des Schöpfungsbildes: in der Mitte, wie eine Insel im Fruchtwasser schwimmend: der Embryo, und außen herum der sogenannte Trophoblast, dessen innere Struktur dem Muster der Innen-Außen-Stülpungen der Region des Sternenhimmels durchaus ähnlich ist. Was meinst du? Oder nimm einmal eine Fotografie eines

2 Illustration zum Buch Genesis. Spätmittelalterliche handkolorierte Bibel, Leopold-SophienBibliothek, Überlingen.

etwa zwei bis drei Monate alten Embryos und betrachte es, aber mit der notwendigen Ehrfurcht: das leiblich Werdende in der Mitte, schwimmend im Fruchtwasser-Ozean, umschlossen von der hautartigen Hülle der Keimblase und dann die sich nach außen hin immer mehr verzweigende,


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Trophoblast

»Extraembryonales« Mesenchym

Embryoblast Chorionhöhle

Gebärmutterschleimhaut

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auffächernde, verfeinernde, verunendlichende Plazenta, eingebettet in den mütterlichen Organismus. All das sind nicht einfach zufällig entstandene Strukturen. Es sind Urbilder kosmischer Ordnungen und Gesten, Spiegelungen des Makrokosmos im Mikrokosmos!« Hier hielt sie lange inne, verharrte zunächst regungslos und drehte sich dann unvermittelt wieder mir zu: »Diese kugelige Fruchtblase, die Form des Eies und die Entstehung des Weltalls. Das ist eines der größten Geheimnisse. Ihr denkt immer alles nur expansiv, radial von einem materiell gedachten Mittelpunkt ausgehend, stofflich wachsend und druckerzeugend, sich ausdehnend, aufblähend; oder im Fall des Weltalls mit eurem Urknallmodell dann sogar explosiv sich ausbreitend! Versucht doch einmal beispielsweise die plastische Gestaltbildungsgeste der Eiform gleichzeitig aus einer Sogwirkung vom Umkreis her hervorgehen zu lassen. Erkläre mir doch einmal, wie sich in dem kleinen Leib eines Vogels, wie der Blaumeise, zwei bis drei so wohlgeformte Eier inmitten eines fast flüssigen Zustandes aus einer expansiven Druckbewegung ausbilden sollten – oder gar im vollkommen starren und begrenzten Innenraum einer Schildkröte! Denke einmal darüber nach. Bei der Betrachtung des Innenlebens der Schildkröte werden wir darauf noch einmal zu sprechen kommen.« Dann hob sie ihren Kopf, drehte ihn ein wenig zur Seite und schaute an mir vorbei in den Himmel. Ohne die Blickrichtung zu ändern, sprach sie weiter: »Es gibt eine sehr alte aus Holz geschnitzte, vermutlich afrikanische Schale: ein Hohlraum, in dessen Innerem die Welt, die Erde, jeder Embryo zu keimen beginnt. Diese Keimblase wird umfangen, aber auch gleichzeitig von außen her wie durch einen Sog aufgespannt von einer menschenähnlichen, die Weltenmutter darstel1 Menschlicher Embryo am Beginn der dritten Woche (aus SCHAD 1985: 232). 2 Der Schoß der Weltenmutter. Holzschale aus dem Kongo (aus JUNG 1973a: 515).

lenden Gestalt, die in ihrem Schoß dem Geheimnis des Werdens Raum gibt. In der Embryonalentwicklung jeder tierischen Lebensform gibt es dieses kugelige Stadium, in dessen Innen sich ein Hohlraum ausbildet: der sogenannte Blasenkeim. Überlege einmal, welche plastischen Kräfte wirken müssen, um solch eine Hohlkugel zu formen?! – So, jetzt drehe ich mich wieder um, damit ich noch etwas die Sonne genießen kann und du einen besseren Blick auf meinen Rücken hast!«


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»Aber Maja«, kam es da unvermittelt aus mir heraus, »du meinst wirklich, dass alles das etwas mit dem Muster deines Panzers zu tun hat? Ist das nicht alles ein wenig weit hergeholt, vielleicht zuviel des ›Romantisierens‹?« »Sei doch jetzt bitte nicht so kleingeistig. Man könnte gerade meinen, du hättest Angst, so weitreichende Bezüge zusammenzudenken. Angst kommt von Enge! Du musst doch hier keine Prüfungsarbeit im Fach Zoologie mit dem Spezialgebiet ›Testudines‹ ablegen! Was in dir ist da schon wieder versucht, diese Betrachtungen zu zensieren? Schau dir doch einmal an, wie ihr in diesen Zeiten aufgrund und mittels eures derzeitigen Denkens auf der Erde haust, wie ihr ohne jegliche Achtung gegenüber der Welt, in der ihr lebt, alles plündert, zerstört und nur noch zum Objekt eurer selbstsüchtigen Interessen macht! Wir haben heute Morgen bereits besprochen, dass ihr nur so handelt wegen eines völlig falschen Bewusstseins bezüglich der wahren Wirklichkeit der Erde! Wie wollt ihr jemals zu einem anderen Verhalten gegenüber eurem Lebensraum finden, wenn ihr nicht radikal umdenkt?! Und das ist nicht damit getan, wenn ihr euch einfach einmal andere Inhalte greift und diese dann aber in der gewohnten, alten Denkweise des Verstandes zusammenbaut! Entschuldige bitte, aber ebenso kann ich euer inzwischen inflationär gewordenes, pseudo-esoterisches Gerede schon nicht mehr hören! Radikal umdenken heißt: von der Wurzel her anders und nicht: anderes in der alten Weise Griechische Landschildkröte.

denken. Ihr müsst eure Haltung und Einstellung ändern! – Aber das habe ich dir jetzt schon zur


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Genüge dargelegt! Also können wir jetzt weiter fortfahren, oder willst du lieber das Ganze hier abbrechen?« Dies kam mit einem eher unwirschen Unterton aus ihr heraus, während sie sich wieder in die vorherige Position brachte. Dort verharrte sie, blieb stumm und wartete geduldig auf meine Reaktion. »Maja, es tut mir leid, es sind eben doch sehr weitgestreckte Querverbindungen und so völlig ungewohnte Blickwinkel, mit denen meine vielleicht doch noch zu unbeweglichen Denkstrukturen nicht so ganz klarkommen und wogegen sich noch manches sträubt«, erwiderte ich ihr beinahe kleinlaut. »Du sollst ja auch dein klares, waches, alles nachprüfendes Denken nicht aufgeben und dann alles in einem nebulösen Einheitsallerlei auf- beziehungsweise untergehen lassen. Aber versuche, dich noch mehr darauf einzulassen, mitzugehen, es gedanklich nachzuvollziehen, immer ein Stückchen weiter. Und dann beobachte dein eigenes Inneres, ob sich da etwas tut, ob du etwas dabei erlebst. Du kannst nachher immer noch sagen: Bis hierhin und nicht weiter, jetzt hat die alte Schildkröte den Verstand verloren! – Aber ziehe diese Grenze nicht zu früh!«, sprach sie wieder in ihrer freundlichen, ja liebevollen und geduldigen Weise. »Du hast ja recht, Maja, ich muss innerlich einfach beweglicher werden und die Flügel meiner Fantasie noch weiter spannen; so würden es sicher die Dichter ausdrücken, um deinen Gedankenflügen, deiner Zusammenschau besser folgen zu können. Also, ich werde mich anstrengen, meine inneren Grenzen immer weiter hinauszuschieben. Fahre bitte fort!« Auf diese Weise versuchte ich sie dazu zu bewegen, mich nicht aufzugeben, sondern wieder ein wenig Vertrauen in meine innere Bereitschaft zu setzen. »Na gut, wenn dem wirklich so ist, dann können wir ja gleich ganz weit hinaus in das Weltall gehen«, sagte sie sichtlich erfreut. »Stelle dir nun einen Kreis vor, der vom Rand zur Mitte hin von zahllosen Strahlen durchzogen ist, ähnlich einer ›Radiolarie‹. – Du kennst doch diese winzig kleinen Planktontierchen mit ihren strahlenartigen Gehäusen aus Kiesel oder Silizium? Denke dir jetzt eine so aufgebaute Sphäre mit 24 oder 48 Punkten am Außenrand, von denen Strahlen ausgehen, die das ganze Innenfeld durchziehen, und zwar so, dass jeder Außenpunkt mit jedem durch einen Strahl verbunden ist. Auf diese Weise entsteht ein von sich kreuzenden Strahlen gewobenes, sehr komplexes Geflecht. Man könnte sich auch die 24 oder 48 Punkte als Lichtquellen vorstellen, wie zum Beispiel Sterne, deren Lichtstrahlen dieses Gewebe entstehen lassen. Wenn du jetzt einige dieser Linien nachziehst und manche Schnittpunkte miteinander verbindest, dann erhältst du ein Muster, das – bis auf eine kleine Abweichung, und diese befindet sich wieder an dem Fünfeck-Schild hinter meinem Kopf – genau der Anordnung der Schilde im Mittelteil meines Panzers entspricht.– Und jetzt spiele noch ein wenig in der Fantasie mit den Zahlen 24 oder 12 und bringe das dann in eine Beziehung zu den Sternen! Fällt dir dazu etwas ein?«, fragte sie. Radiolarie (Foto: R. Schmehlik, aus Das deutsche Lichtbild 1932).

»24 oder 12 Sterne?« Ich überlegte ein wenig. »Ja, die zwölf Tierkreiszeichen! Aber was soll das jetzt mit dir zu tun haben?«, fragte ich schon wieder ein wenig ungläubig.


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Verwandlung Die Schildkröte und das Motiv der Wandlung

»Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt: Jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.« (Rainer Maria RILKE, Sonette an Orpheus)


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Im selben Augenblick, als ich Maja folgen wollte, bemerkte ich, wie sich die Wandfläche der Stundenbilder um den ganzen Rundgang herum wieder in die große, hell aufleuchtende Schlange verwandelte. Genau an der Stelle des 25. kleinen Nackenschildes berührte ihr Kopf den Schwanz und schloss den Kreis. Hier befand sich auch der kleine Ausgang, durch den Maja die große Kuppelhalle verlassen hatte. Ich rief ihr hinterher: »Maja, ich weiß, wir müssen uns beeilen, aber komme bitte noch einmal zurück – hier ist noch etwas Wichtiges, das ich nicht verstehe!« »Ich weiß schon«, sagte sie und kam wieder zurück, »das kleine, unscheinbare Nackenschild! Es wird so oft übersehen, obwohl es, ähnlich dem Schlussstein eines Gewölbes oder Bogens, von großer Bedeutung ist. Viele Schildkrötenarten besitzen gar kein solches, ich schon; bei mir kommen je 11 Randschilde auf beiden Seiten dazu und ein ungeteiltes ganz hinten als Ab1

schluss; das macht 22 + 1 + 1 = 24 Randschilde. Bei den Griechischen Landschildkröten sind es 2 × 12 + 1 Nackenschild, das ergibt zusammen 25 Randschilde; sonderbarerweise ist bei dieser Art das letzte Schild ganz hinten auf der Oberseite des Panzers geteilt, auf der Unter- beziehungsweise Innenseite jedoch nicht. Warum nun manche Schildkrötenarten dieses 25. Schild haben und andere nicht, das ist – wie schon erwähnt – eine sehr interessante Frage. Dieses kleine 25. Schild durchbricht den geschlossenen, einheitlichen 24er-Kreis, wie ein Spross eine Samenkapsel sprengt. Ein wenig romantisierend könnte man daher die Frage stellen, ob das Vorhandensein dieses kleinen Schildes etwas mit einem Durchbruch zu tun hat, einem Hervortreten, Herauskommen aus einem geschlossenen Innenraum, aus einem Kokon, aus der Erde.«

Linke Seite: Strahlenschildkröte (aus GRANDIDIER 1910). 1 Der Außenring des Rückenpanzers mit dem 25. kleinen Nackenschild. 2 Das deutlich an der Außenseite zweigeteilte Schwanzschild bei der Griechischen Landschildkröte.

»Du meinst, dass diejenigen Schildkrötenarten, die dieses 25. Schild haben, eher jenen entsprechen, die im Begriff sind herauszukommen, oder schon ganz ›draußen‹ sind? Oder sollten diejenigen, die kein solches Schild haben, schon über diesen Schritt des allerersten Durchbruchs hinaus sein? Oder ist es so, dass sie erst hineingehen in die Erde oder noch ganz tief unten sind?« Ich hielt inne, um nachzudenken und fragte: »Sind das nicht bereits etwas sehr weitgehende, zu sehr romantisierende Fragestellungen zur Mytho-Morphologie der Schildkröte?« »Nun, auf jeden Fall stellt diese 24 einen Ring der Ganzheit und Vollkommenheit dar; das haben wir ja gestern schon besprochen. Vielleicht gibt es aber ein Darüberhinaus in eine andere Dimension, auf eine neue Ebene?«, sagte Maja.


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»Wie meinst du das?«, wollte ich wissen. »Ein Wissenschaftler hat zum Beispiel einen sehr sonderbaren Primzahlenkreis entwickelt oder entdeckt, aus dem eine genaue Verteilung aller Primzahlen innerhalb aller möglichen Zahlen hervorgeht. In diesem ›Primzahlenkreuz‹ springt nach Erreichen der 24 das Zählprinzip in die nächst höhere Ebene (vgl. PLICHTA 1991). Du hast doch auch einmal ein sehr schönes Schwingungsbild bei deinen Wasserklangbildern gefunden, das genau 24 Spiralwindungen aufwies und darin fast der Struktur der Blüte einer Sonnenblume entsprach. Vielleicht liegt ja die 24 noch im Bereich des sinnlich Sichtbaren und stofflich Greifbaren; dann hätte die 25 eher etwas mit dem Lebendigen zu tun, das aus der 24er-Ordnung heraustritt; sie überschreitet, wie alles Lebendige, das Bestehende und sprengt beziehungsweise transzendiert dieses. Überhaupt, die Qualität dieser Zahl 25 taucht an manchen Stellen immer wieder, wenn auch versteckt, auf. So hat man beispielsweise herausgefunden, dass ihr Menschen von eurem eigenen inneren Rhythmus her eigentlich ›25-Stunden-Menschen‹ seid, dass ihr aber durch den 24-Stunden-Rhythmus der Erdumdrehung geradezu ›heruntergeregelt‹ werdet. (CRAMER 1993: 236). Außerdem gibt es seltsamerweise genau 25 Primzahlen bis zur Zahl 100 (SAUTOY 2006: 66). Im I-Ging repräsentiert die Zahl 25 die Zahl des Himmels (WILHELM 1970: 236). Und als Parzival zum ersten Mal auf der Gralsburg ist und das Wunder dort erblickt, erscheinen zunächst 24 Frauengestalten, bis schließlich die 25. eintritt, die den Gral hereinträgt (ESCHENBACH 1973: 118f.).« »Das alles kennst du auch?«, entfuhr es mir und ich schüttelte vor Verwunderung den Kopf. »Es gibt noch einen anderen Bezug, der einen Hinweis auf das eher schmerzvolle Geschehen im Prozess eines solchen Durchbruchs oder Transits enthält: Der 25. April soll in der Antike der Dionysos-Tag gewesen sein (vgl. BRAUN 1997: 211). – Dionysos, der den Prozess des Zerrissen-Werdens eines bestehenden Gefüges und seiner alten Ordnung zugunsten einer Erneuerung und Wiederauferstehung leidvoll an sich selbst erfährt. Oder wie Goethe es einst ausdrückte: ›Man muss seine Existenz aufgeben, um zu existieren.‹ Diese Hinweise auf ein tieferes Verständnis müssen dir vorerst genügen, wir müssen nun wirklich nach oben hin aufbrechen ... auf-brechen.« Sie wiederholte dieses Wort noch einmal langsam, um sogleich fortzufahren. »Ist in diesem Wort nicht bereits wieder alles enthalten, um was es geht?« Schon war sie wieder in dem schmalen Gang verschwunden, der genau an der Stelle des Das »Primzahlenkreuz« nach Peter Plichta. Nach der ersten Umrundung springt die Zahlenreihe, die mit 24 endet, auf die nächsthöhere Ebene, die mit 25 (= 5 x 5) beginnt (aus PLICHTA 1991).

25. Schildes aus der großen Kuppelhalle führte. Ich folgte ihr, und im Hinaustreten blickte ich an die Spitze dieses Eingangs; dabei war mir, als wäre auf der Felswand ein kleines Bild erschienen, auf dem zwei Gestalten einen gebogenen, aber nach oben hin offenen Kranz in den Händen hielten. Wieder lag vor mir tiefe Finsternis, nur Majas leuchtende Nachtsonnen wiesen mir den Weg, der stetig aufwärts verlief. Da tauchten auf beiden Seiten an den Felswänden wie in einer


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1 Die Wanderung durch das Innere der Erde mit sieben Höhlen, toltekisch (aus PURCE 1974).

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Galerie äußerst komplexe Bilder und Zeichnungen auf, die aztekischer Herkunft sein mussten. Als Erstes konnte ich eine Art Höhle ausmachen mit sieben Kammern, in die Fußspuren hinein

2 Kranzhalter über einer Buddha-Nische, Turkestan (aus KÜKELHAUS 1963: 6). 3 Der Weg durch den Schlund der Erde zur östlichen Region der Unterwelt, aztekisch, Codex Borgia (aus NEUMANN 1989: 193).

und auch wieder hinaus führten: gleich daneben war das Bild eines Schildkrötenrückens, in dem die neun äußeren Areolen ebenfalls solche Kammern andeuteten. »Das sind fantastische Prozessbilder, die die nächtliche Wanderung und Wandlung des Gottes Quetzalcoatl im Inneren der Erde mit all seiner Dramatik zum Ausdruck bringen. Auf dem Bild des Schildkrötenpanzers wären es dementsprechend neun Kammern oder Stufen: ›neun‹ und ›neu‹!«, gab mir Maja als Erläuterung.


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»Und wer war dieser Gott Quetzalcoatl?«, fragte ich. »Er ist ein Sohn der Urgottheiten von Himmel und Erde; sein Name vereint ›Quetzal‹, den Himmelsvogel, und ›Coatl‹, die Erdschlange; er ist also eine gefiederte Schlange, wie wir sie bei den Ägyptern im Bild der fünften Stunde gesehen haben. ›In seiner Doppelheit verbindet er die West- und Todesseite als Abendstern mit der Ost- und Lebensseite als Morgenstern‹; er wird oft in Gestalt eines ›aufsteigenden Spiralturms‹ dargestellt (NEUMANN 1989: 197).« Wir gingen einige Schritte weiter zum nächsten Bild. Maja fuhr fort: »Im oberen Teil dieses Bildes siehst du eine ähnliche Szene; auch hier verlaufen Fußspuren durch das Innere der Erde, 1 Wasser-Klang-Bild, Stehende Welle, 27,9 Hertz. 2 Verwandlung des Quetzalcoatl: sein Tod, die Reise durch die Unterwelt und seine Wiedergeburt als Morgenstern im Leib der Todesgöttin, hier im Viereck dargestellt, Codex Borgia (aus GROF 1994: 49).

vorbei an zwölf Erdgöttinnen: Es handelt sich offenbar um ›die Verschlingung, Opferung und Wiedergeburt des Lichthelden‹ (ebd. 194). Im unteren Teil ist eine Geburtszene dargestellt, in der Quetzalcoatl neu geboren wird. Wie du erkennen kannst, ist der Bauch der Erdgöttin in Gestalt einer großen Sonne dargestellt: Es ist eine Geburt aus einer verborgenen, inneren Sonne heraus ... so ist auch ihr ganzer Leib von vielen Sonnen und Sternen übersät ... ›Astrochelys radiata‹. In den Erläuterungen zu diesem Bild heißt es, dass Quetzalcoatl im Bauch der Erdgöttin Feuer entfachen muss: Das Bewusstsein muss in die Tiefe der Finsternis hinab. Verstehst du


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jetzt? Das ist genau die entsprechende Situation: Der Homunculus muss sich in die Tiefe des Meeres hineinbegeben, darin ganz eingehen, ohne darin unterzugehen und zu erlöschen! In der Mitte, da siehst du Quetzalcoatl in einer Art Gefäß, in dem er sich einer Verjüngung und Öffnung zum Licht unterziehen muss.« Wieder gingen wir ein wenig weiter bis zum folgenden Bild, auf dem mir etwas wie eine rote Sonne auffiel. »Das Schwarz an dem großen, roten Gebilde in der Mitte zeigt an, dass wir uns hier in der Mitte der Erde befinden. So erkennst du in der Mitte des Bildes, schlangenartig von einem gefiederten Halsband umschlossen, die zwei ineinander verschlungenen Aspekte des Quetzalcoatl. Hier, in diesem sonnenhaften Herz der Erde vollzieht sich seine Wandlung. Ganz unten tritt er neugeboren in der Gestalt des Morgensterns wieder hervor.

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1 Maya-Darstellung zum Prozess der Wiedergeburt, ganz unten links die Schildkröte (aus ARNOLD 1991). 2 Zeichnung auf einer Schamanentrommel aus dem Altaigebirge (aus SCHNEIDER 1951: 134). 3 Indianisches Ojibwa-Logogramm von Del Ashkewe (aus JOHNSTON 1994: 2). Ganz am linken unteren Bildrand ist die halb in die Erde gesunkene Schildkröte zu sehen, die so auf ihre Verbindung zum Inneren der Erde hinweist.

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Wenn du dir jetzt noch die Anordnung der Lichtstrahlen, die von innen kommend das Schwarz durchdringen, genauer anschaust, so wirst du sehen, dass es genau 32 sind; dabei wechseln sich ständig zwei verschiedene Typen miteinander ab, sodass es von jeder Art Strahl je 16 gibt. Das entspricht genau dem Gestaltungsprinzip der Schwingungsmuster der ›stehenden Wellen‹ deiner Wasser-Klang-Bilder, bei denen sich ebenfalls Wellentäler und Wellenberge in klar geordneter Folge abwechseln. Die strahlende Sonne ist folglich eine schwingend-tönende Sonne, eine Klang-Sonne. Wenn du jetzt die Anzahl der Strahlen 32 als Charakteristikum einer Schwingungsfrequenz und damit einer Tonhöhe ansiehst und diesen Wert 32 zweimal hochoktavierst, kommst du genau zu der Frequenz 128 Hertz, die bemerkenswerterweise von einigen 1 Auferstehung: der aus der Erde hervorbrechende Maisgott, in Gestalt einer Schildkröte dargestellt (aus EGGEBRECHT 1993: 213).

Menschen als der ›Sonnenton‹ angesehen wird (RENOLD 1985: 135f.).« »Auf diesem Bild ist zu sehen«, meinte Maja zu einem weiteren Bild, »wie sich einer der ›8 mythischen Vögel der Wiedererneuerung‹ vom Blut des ›schaffenden Gottes‹ ernährt, der sich ›für die Wiedergeburt der Wesen opfert‹ (ARNOLD 1991: 64). Die Schildkröte da unten symbolisiert

2 Mit einem Vogel zusammen im Himmel fliegende Schildkröte. Trommel eines Medizinmanns, Smithonian Institution Washington (aus COTTEREL o.J. : 272).

die ›Unvergänglichkeit des Lebens‹ (ebd.); auf ihr sitzt eine Gestalt, die dieses ›vergöttlichte Ritualopfer‹ repräsentiert (ebd.).

3 »Der Berg der Schildkröte des Westens«, taoistische Göttin auf einer Schildkröte (aus LAGERWEY 1991: 142). 4 Sonnen-, Mensch- und Tiersymbole, Höhlenmalerei Irian Jaya (nach HOLT 1967).

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Dass besonders die Mayas und Azteken die Erde immer wieder auch mit der Schildkröte identifiziert haben, wird in diesem Bild daneben schön erkennbar. Aus dem in der Mitte aufbrechenden Panzer steigt eine Gestalt auf, die den aufkeimenden und zu neuem Leben erwachenden Maisgott darstellt. Unter dem Panzer der Schildkröte siehst du ›Wasserlilien, Symbole der Wiedergeburt und Wandlung und das Wassersymbol, der Ursprung des Lebens‹ (GROF 1994: 77).« So stiegen wir unaufhaltsam durch das Dunkel weiter empor. Nach längerer Zeit sagte sie: »Du weißt doch! – Bloß nicht umdrehen! Alles Erlebte will von dir nun hinaufgeführt und dort oben in der Welt des Tages verwirklicht werden. Du musst aufpassen, dass der Verstandeskopf, der nur dem äußerlich Greifbaren und seinen sogenannten Tatsachen Wirklichkeit zubilligen kann, diesen neuen, ganz in das unbekannte Offene hineinwirkenden Im-Puls nicht wieder in Zweifel zieht und damit alles zerstört!« Nach langer Zeit tauchten erneut zwei eigentümliche Zeichnungen oder Diagramme an der Höhlenwand auf, und Maja erläuterte sie: »Das erste hier ist eine Zeichnung auf der Trommel eines Schamanen aus dem Altai-Gebirge. Die obere Hälfte zeigt die oberirdische Welt mit Sonne und Mond, dem Baum des Lebens und des Todes und viele andere Gestalten. Die untere Hälfte symbolisiert die Unterwelt; das größere Tier in der Mitte soll ein Frosch sein – für mich sieht er aber, besonders auch wegen der gekreuzten Linie, eher aus wie eine Schildkröte (SCHNEIDER 1951: 134). Ob Kröte oder Schildkröte – mit der Kröte wären wir auch schon wieder bei der Schild-Kröte! Spricht man nicht in eurem Dialekt auch von der Schild-›Krott‹ oder -›Grott‹? – Und schon sind wir wieder in der ›Grotte‹, der Höhle im Inneren der Erde! Das andere Bild ist eine Art Logogramm der Ojibwa-Indianer Nordamerikas; ganz oben, das ist der Geist Kitche Manitus, dort siehst du die Sonne und den Mond, die Welt der Tiere und Menschen, die Erdoberfläche mit den Wigwams und dann, halb in der Erde versunken, eine Schildkröte: das Symbol der Erde, des alles tragenden Grundes, von dem sich die große senkrechte Achse des Bildes erhebt, wie ein Lot.«

Mit und zwischen zwei Menschen tanzende Schildkröte. Älteste bisher bekannte Darstellung einer Schildkröte, Fragment einer Kalksteinschüssel, Anatolien, um 8000 v. Chr. (Badisches Landesmuseum Karlsruhe 2007: 294).


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»Der große Kreis mit den vier Vorsprüngen am oberen Rand repräsentiert Kitche Manitu, den Schöpfer. Ein Kreis bedeutet Geist; um die Bedeutung ›Großer Geist‹ darzustellen, wurde einem kleinen Kreis ein großer umschrieben. Die vier Vorsprünge bedeuten Allgegenwärtigkeit. Der umgekehrte Halbkreis unter dem Symbol für Kitche Manitu steht für Himmel und Universum. Unmittelbar darunter befindet sich das Symbol der Sonne; mit seinen linearen und zyklischen Anteilen verdeutlicht es Leben und Zeit. Unter der Sonne ist das Bild eines Mannes im Kreis. Mann und Kreis verkörpern zusammen das menschliche Dasein. Die Linie des Lebens und der Kraft verbindet das Symbol des Lebens mit dem Symbol Kitche Manitus; die beiden bogenförmigen Abzweigungen stehen für den Baum des Lebens, für die Pflanzenwelt, auf die alle anderen Lebewesen angewiesen sind. Die Basis der Lebenslinie und des Lebensbaumes, die aus einer geraden waagrechten Linie besteht, symbolisiert Erde und Gestein, die Substanz, aus der Mutter Erde besteht. Die verschiedenartigen Tipis stehen für Stämme, Gemeinschaften… und weisen auf die unterschiedlichen Lebensweisen hin …« (Aus: JOHNSTON 1994 : 2)

Gleich daneben erschien in diesem Moment das Bild eines altindianischen Schildes, worauf Maja meinte: »Hier jedoch fliegt die Schildkröte, enthoben aller Schwere, vereint mit dem Donnervogel, den Sternen und der Milchstraße, inmitten des Himmels! Pass auf, wir werden jetzt gleich an einer der ältesten bisher gefundenen Darstellungen einer Schildkröte vorbeikommen. Es handelt sich um ein über zehntausend Jahre altes Relief aus dem anatolischen Hochland – eine mich immer wieder glücklich stimmende Szene!«, rief sie freudig und wurde immer schneller. Dann, nach einer Biegung des Weges, vorbei an Sonnensymbolen und Wandmalereien mit diversen Schildkrötenmotiven, tauchte es vor uns auf: Zu sehen waren zwei tanzende Menschen, die voller Begeisterung die Arme hoben, und in ihrer Mitte eine Schildkröte in aufrechter Stellung, die ebenfalls zu tanzen schien. »Ist das nicht einfach wunderschön, eine mit euch Menschen tanzende Schildkröte!?«, rief sie aufgeregt aus: »Welch eine Verwandlung!« Und wirklich, in seiner archaischen Darstellungsweise vermittelte dieses uralte Relief den ursprünglichen Ausdruck einer tiefen inneren Freude: das Erlebnis des Daseins als Fest! »Die Überwindung der Schwerkraft, die äußere und innere Aufrichtung, das Hineinfinden in das Lot als das einzig stimmige Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde, das ist die Ursehnsucht alles Lebendigen. Bei den chinesischen Taoisten gibt es das Motiv einer tief im Nordwesten auf einer Schildkröte thronenden Göttin; sie hat ihren Sitz in der Region der Wirbelsäulenbasis des Menschen, ganz in der Nähe des von uns betrachteten os sacrum, des Kreuzbeins! Von dieser Göttin, so heißt es, verlaufe durch die Wirbelsäule eine direkte Verbindung zur ›JadeResidenz‹ auf dem Scheitelpunkt des Schädels (LAGERWEY 1991: 141f.).«

Der Stufenprozess der Wandlung mit der Schildkröte als Basis (aus SENDA 2001).

In der Zwischenzeit war auf der linken Seite der Höhle die chinesische Zeichnung einer auf einer Schildkröte sitzenden Gottheit aufgeleuchtet; jene war umgeben von einer Aura voller Lichtstrahlen und schwingend-klingend-flutenden Wellenlinien. Ich war noch ganz in die Betrach-


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tung dieser Szene versunken, als Maja rief: »Und jetzt schau hierher: eine tibetische Tara, hoch oben als Sinnbild der Erhabenheit und Vollendung, umgeben von einer einzigen Blütenmandorla! Getragen von der Schildkröte als Fundament der Entwicklung, vollzieht sich die Entwicklung in aus mehreren Lotosblumen und Kobraschlangen gebildeten Stufen, entlang der senkrecht 1

aufgerichteten Lebensachse als dem Baum des Lebens. Schlangen-Drachen winden sich um diesen hinauf, bis zur nächsten Stufe, auf der ein mächtiger Sonnenlöwe das taghelle, klare Wachbewusstsein repräsentiert; aus diesem erhebt sich dann schließlich in der Gestalt der Tara das Erleuchtungsbewusstsein. Tara, ›die hinausführt (tarani) über das Dunkel‹ in die ›Vollkommenheit der Erkenntnis‹ – ›Prajna Paramita‹ – ›param ita‹, das bedeutet so viel wie: ›ans andere Ufer (param) gegangen (ita)‹ (ZIMMER zit. nach NEUMANN 1989: 311).« Noch während sie gesprochen hatte, waren auf der gegenüberliegenden Felswand erneut mehrere Bilder erschienen; auf dem einen waren zwei Schlangen zu sehen, die sich um einen Stab windend nach oben bewegten und dort einen Vogel als Symbol des Geistes umschlossen, aber so, dass das Ganze nach oben hin offen blieb. Und dann waren noch zwei Bilder des Schildkrötenrückens, eines mit einem Baummotiv darin und eines mit ebenfalls zwei, sich überkreuzenden Schlangen in der Mitte. »Ach«, sagte Maja, »da fällt mir noch eine kuriose Entdeckung ein. Stell dir vor, im Jahr 2004 hat man in Zürich, hoch oben in einer Kugel auf der Turmspitze des Fraumünsters eine konservierte Europäische Sumpfschildkröte gefunden, die vermutlich im Jahr 1846 bei Renovierungsarbeiten nach einem Brand dort hineingelegt worden war – vielleicht als Schutz gegen Blitzschlag und Brände, wie man es auch vom alten China her kennt (vgl. NIEVERGELTALBRECHT 2007). Die Plastikerin Anna-Maria Bauer aus Zürich, von der ich dir schon erzählt habe, hat nun für die Spitze des Stadthaustürmchens in Zürich eine neue Wetterfahne

1 Am Merkurstab sich emporwindende Schlangen als Symbol der Entwicklung (aus PURCE 1974).

gestaltet, deren Motiv auf sich überlagernden Strukturen des Schildkrötenpanzers beruht. Und sie hat auch im Hof des Fraumünsters eine aus 37 voll-massiven Kupferblöcken – 13 + 24 = 37 – bestehende Plastik geformt, wobei das Gliederungsprinzip der Blöcke aus den Anordnungen und Zahlenverhältnissen des Schildkrötenpanzers abgeleitet ist. (vgl. BAUER 2009)«

2/3 Entwurf und Ausführung von Anna-Maria Bauer für die neue Wetterfahne auf dem Stadthaustürmchen in Zürich (aus BAUER 2009).

»Eine Schildkröte, hoch oben auf dem Turm einer abendländischen Kirche? Das ist wirklich eine sehr merkwürdige Geschichte«, fügte ich hinzu.

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Wenig später hielt Maja plötzlich ohne sichtbaren Grund an und meinte: »Das sind sehr aufschlussreiche Verwandlungsprozesse, die aus all diesen Bildern sprechen.« Und dann wiederholte sie nochmals langsam und einzelne Wortteile stark betonend: »Ver-wand-lung – Ich glaube, das ist das tiefgreifendste Wort, das es in eurer Sprache gibt.« »Maja«, fragte ich wissbegierig, »wie meinst du das jetzt wieder?« »Nun, auch wenn die Etymologen mir wieder einmal nicht gleich bei den von mir hergestellten Bezügen zustimmen werden, so wirst du doch erstaunt sein, was alles in diesem einen Wort enthalten ist. Also: Ver-wandel-ung«, fuhr sie fort, wobei sie erneut die Wortteile hervorhob. »Lass uns mit der Vorsilbe ›ver-‹ beginnen: Während die Vorsilbe ›zer-‹ – wir haben uns ja schon darüber unterhalten – auf einen Teilungs- oder gar völligen Zertrümmerungsprozess hinweist, wie: zer-teilen, zer-legen, zer-fetzen, zer-reißen usw., beinhaltet die Vorsilbe ›ver-‹, dass ein Vorgang ›über etwas hinausführt‹, ›über eine Grenze hinausgeht‹: schlafen – ver-schlafen, brauchen – verbrauchen, spielen – ver-spielen. Eigentlich weist das ›ver-‹ darauf hin, dass etwas ganz in dem Prozess aufgeht, den das folgende Verb anspricht: hungern – ver-hungern, schwinden – verschwinden, einen – ver-einen, legen – ver-legen. Es ist gerade so, als würde alles restlos in den angezeigten Prozess hinein und darin untergehen, oder eben aufgehen: brennen – ver-brennen, bis alles fer-tig ist, also alles bis zum Ende in die Tätigkeit eingegangen ist und nichts mehr übrig bleibt. ›Ver-‹ war früher auch ›fir-‹, ›far-‹, ›for-‹ oder ›per-‹, ›peri-‹, ›para-‹, ›pro-‹. ›Ver-‹ bedeutet demnach eine vollkommene Steigerung und Totalisierung des jeweiligen im Verb angesprochenen Prozesses.« Da machte sie eine kleine Pause und fragte: »Ist das für dich nachvollziebar?« »Durchaus«, gab ich zur Antwort, »und die Silbe ›-wand-‹ in unserem Wort, hat diese etwas mit einer Wand zu tun?« »Genau so ist es! Wird doch auch der Konsonant W genau an den Lippen, das heißt an der Grenze, der Trennwand zwischen innen und außen gebildet. ›-wand-‹ ist tatsächlich die Wand, die Mauer im Sinne von ›Grenze‹, von fester und Widerstand bietender Form, von etwas Trennendem, Einschließendem, was ein Hier vielleicht von einem Dort trennt, oder mich selbst vom anderen: ›W-and‹! – Vielleicht trennt mich diese Wand ja sogar vom ›anderen‹ meiner selbst?! Die ›W-and‹ ist eine Schwelle, die mich, die ich davor stehe, von allem ›anderen‹ scheidet, abschneidet, isoliert – genau wie der Homunculus in seinem Glas durch dieses vom Ganzen der Welt getrennt wird! Du musst dich jetzt darum bemühen, alle Aspekte und alle, die noch anklingen werden, nebeneinander und gleichzeitig ineinander im Bewusstsein zu haben und sie in immer neuen Verbindungen in ein Gesamtbild, in eine Art schwingendes Feld miteinander zu bringen. Die Schildkröte als Basis und Gefäß des Wandlungsprozesses, altindisch (nach Müller 1822, aus NEUMANN 1989: 313).

Nun wird aus ›wand‹ ›wandel‹. Das L ist einer der weichsten, geschmeidigsten, geradezu flüssigsten Laute eurer Sprache, wie es zum Beispiel in ›Welle‹ anklingt. ›Wandeln‹ bedeutet auch: bewegen, einen festen, unbeweglichen Standpunkt aufgeben, flexibel werden, das Hartsein, Geschlossensein der Wand beenden, aufgeben, überwinden: eine ›Wende‹ herbeiführen.


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›W-ende‹: das Ende der alten ›W-and‹ ist gleichbedeutend mit Umkehr und Hinwendung zum Anderen und Neuen. Und das beinhaltet eine Öffnung, einen Durchbruch, die Schaffung eines Durchgangs, eine Aufweichung, eine Herbeiführung der Auflösung der widerständigen, starren Wand, damit ein Auf-bruch, der Beginn einer neuen Bewegung möglich wird. ›Wand‹ – ›Wende‹ – ›Wunde‹! Der Durch-bruch ist für die alte Wand wie eine ›W-unde‹! – Aber nur durch einen solchen Auf-bruch und Durchgang, eine gelingende Überschreitung einer bisherigen Grenze kann sich das ›W-under‹ einer Transformation oder gar Transzendierung ereignen.« »Maja, das ist ja atemberaubend, was in diesem einen Wort alles anklingt und mitschwingt! – Du hast recht, ein großartiges und zugleich erschütterndes Wort!«, gab ich zu verstehen. »Und jetzt noch das ›-lung‹! Es kommt, wie du dir sicher denken kannst von ›gelingen‹! Die Endung ›-ung‹ spricht immer aus, dass die Tätigkeit des vorausgegangenen Verbs auch vollendet und damit ›gelungen‹ ist. ›lingen‹ (mhd.) bedeutet: vorwärtsgehen, gedeihen; ›gilingan‹ (ahd.) bedeutet: glücken, gelingen! (vgl. PFEIFER 1999; KLUGE 1967). – Kannst du folgen?« »Ja, es ist einfach befreiend, wenn einem so viele Bedeutungszusammenhänge auf eine so einfache und alles andere als abstrakt-theoretische Weise aufgehen und klar werden. Wir kennen alle diese Worte unserer Sprache und haben doch im Grunde genommen keine Ahnung davon, um was diese alles weiß. Nein, dass sie eigentlich um alles weiß!« »Warte, es kommt gleich noch besser, noch ergreifender; auch wenn, wie gesagt, die Etymologen vielleicht nicht mehr ganz mitgehen würden! Lass uns nochmals zusammenfassen: Ver-wand-lung: ›Ver-‹ meint: gänzlich in die Tätigkeit des Wandelns und der damit verbundenen Bewegung eingehen und darin aufgehen. Das beinhaltet: eine bisherige Grenze überschreiten, die trennende Wand überwinden, aufheben, auflösen, bis alles restlos und ohne Rückhalt in diese Bewegung mit eingeht; die alten Mauern und Widerstände selbst müssen mitgehen, mitmachen, sich beteiligen, frei-werden für den anstehenden Prozess. – Um mit Goethe zu sprechen: Das ›Gewordene‹ muss seine ›Angst vor dem Werden‹ überwinden! ›Sich wandeln‹ bedeutet demnach: ›werden‹ im Sinne von sich weiterentwickeln, ›entstehen, drehen, wenden‹ (PFEIFER 1999). Wenn nun die Vorsilbe ›ver-‹ meint: ganz zu der Tätigkeit des Verbs werden, dann bedeutet ›ver-wandeln‹ eigentlich: ›Werden werden‹, ganz für das ›Werden‹ sein! Meint aber nicht ›ver-‹ überhaupt: ganz ›für‹ ... sein?! –›Ver-‹ war einst: ›fi-, far-,fer-, for‹. – Klingt nicht im alemannischen und schweizerdeutschen Dialekt ›Feuer‹ wie ›füer‹ also wie ›für‹, oder im Englischen ›fire‹? Wir haben demnach für ›ver-‹ die drei mitschwingenden Bedeutungen von: ›ganz ... werden‹, › für ... sein‹, und ›Feuer‹. ›Ver-‹ will sagen: ›werden für Feuer‹! Alle drei Worte beinhalten daher vom inneren Sinn her ein und dasselbe.« »Aha«, rief ich aufgeregt dazwischen, »diese Vorsilbe ›ver-‹ will ausdrücken: ›ganz Feuer und Der Stufenprozess der Wandlung mit der Schildkröte als Basis (aus SENDA 2001).

Flamme werden für ...‹, alles ganz in diese Bewegung hineingeben, sich hingeben an ..., vielleicht sogar: sich opfern?!«


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»›Op-fer‹ – auch so ein tiefgründiges Wort! ›Open‹ meint ›offen‹, englisch ›open‹, sich erschließen, und das ›fer‹ ist wieder unser ›ver-‹ im Sinne von ›werden‹. ›Op-fer‹: sich ganz dem Werden öffnen: ›open‹ (öffnen) – ›fer‹ (für), für das ›Feuer‹! Hat nicht Novalis von der ›Erhaltung einer heiligen und geheimnisvollen Flamme‹ als dem zentralen Antrieb alles Lebendigen gesprochen (zit. nach RODER 2000: 746).« »Ja, du hast vorgestern bei unserer ersten Begegnung davon gesprochen«, pflichtete ich bei. »Und jetzt stelle dir vor, das alles sage ausgerechnet ich dir: eine, in ihrem harten, fast steinernen Panzer steckende Schildkröte. Geschlossenheit und Offenheit, diese Entgegensetzung und ihre Dialektik ist eines der großen Motive meines ganzen Daseins. Der Rückzug von allem Äußerlichen, das Sich-Abschließen in sich selbst, die Versenkung in die Tiefe und Stille – das sind auch alles Voraussetzungen, um sich selbst in einem ersten Schritt überhaupt erst einmal zu finden, um zum Selbst zu gelangen. Denn nur, wer sich selbst in diesem Sinne ›hat‹, kann sich im zweiten Schritt auch selbst wirklich ›geben‹. Nicht ohne Grund wird daher in der berühmten ›Bhagavad Gita‹ der Inder dieses Vermögen der Meditation und Verinnerlichung im Bild einer Schildkröte zum Ausdruck gebracht: ›Wenn ein Mensch seine Sinne ganz aus dem Bereich ihrer Objekte einziehen kann, wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, dann wird seine Innenschau (prajna) beständig.‹ (zit. nach ZIMMER 1973: 389). Der Dämon Mara, der Siddharta Gautama vor seinem letzten Schritt in die Erleuchtung und der Erlangung des Buddha-Bewusstseins mit allen Mitteln abzubringen versuchte, verzweifelte an Gautamas Entschlossenheit: ›Seht ihr dort den Weisen auf dem Sitze in dem Panzerkleide des Entschlusses? Schaut ihn an, sein Bogen ist die Wahrheit, und sein spitzer Pfeil ist die Erkenntnis.‹ (ASHAVAGOSHA 1922: 80) Die schönste Schilderung des Vergleichs einer konzentrierten meditativen Lebensweise mit dem Dasein der Schildkröte findet sich in den Erzählungen der ›Fragen des Milindo‹, in denen ein Zwiegespräch zwischen einem König und einem Mönch geschildert wird. Weil mir das selbst sehr zu Herzen geht, will ich dir auf dem letzten Stück unseres Aufstieges die ›Geschichte von der Schildkröte‹ daraus vortragen: ›Fünf Eigenschaften der Schildkröte, sagst du, ehrwürdiger Nagaseno, habe man anzunehmen: Welches sind diese?‹ ›Gleichwie, o König, die Schildkröte sich im Wasser bewegt, sich im Wasser aufhält,‹ [hier meinte Maja, dass sie die Übersetzung ein wenig verändere, da ihr diese für einen buddhistischen Mönch doch etwas zu kriegerisch-kämpferisch klang] ›so soll auch der mit sich selbst Ringende in Wohlwollen und Mitleid mit allen lebenden Wesen und Geschöpfen verweilen, indem er die ganze Welt mit liebevoller Gesinnung durchstrahlt, mit weiter, großer, unermesslicher, von Hass und Härte befreiter. Das, o König, ist die erste Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat.


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Wenn da ferner, o König, die Schildkröte, während sie beim Schwimmen im Wasser ihren Kopf aufrichtet, irgendjemanden bemerkt, so taucht sie auf der Stelle wieder unter, taucht in die Tiefe, damit jener sie nicht mehr zu sehen bekommt. Ebenso, o König, soll der mit sich Ringende, sobald die Leidenschaften auf ihn eindringen, sich in das Meer der Vertiefung versenken, in die Tiefe tauchen, damit ihn die Leidenschaften nicht mehr zu sehen bekommen. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat. Wie ferner, o König, die Schildkröte, wenn sie aus dem Wasser herausgekrochen ist, ihren Körper 1

erwärmt: So auch soll der mit sich Ringende, sobald er seinen Geist vom Sitzen, Stehen, Liegen und Auf-und-ab-Wandern abgelenkt hat, denselben in rechtem Üben erwärmen. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat. Wie ferner, o König, die Schildkröte die Erde aufwühlt und dort abgeschieden ihre Behausung sucht: So auch soll der mit sich Ringende, Gewinn, Ehre und Ruhm ertragen und sich in einen einsamen, abgeschiedenen Wald begeben, eine waldige Anhöhe, auf einen Berg, in eine Grotte, eine Felsenhöhle, an einen lautlosen, stillen, abgeschiedenen Ort; und dort in der Abgeschiedenheit soll er seinen Aufenthalt nehmen. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat ... Wenn da ferner, o König, die Schildkröte beim Hin-und-her-Kriechen jemanden bemerkt oder ein Geräusch vernimmt, so verbirgt sie ihre vier Füße und fünftens den Kopf unter ihre Schale und verharrt untätig und still, indem sie dabei über ihren Körper wacht. Ebenso auch, o König, soll der mit sich selbst Ringende, wenn von allen Seiten Formen, Töne, Düfte, Säfte, Berührungen und Vorstellungen auf ihn eindringen, die sechs Toreingänge der Sinne verschließen, den Geist zusammennehmen und achtsam und klarbewusst verweilen, indem er über seine Asketenpflichten wacht. Das, o König, ist die fünfte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, ... sagt in der erhabenen ‘Verbundenen Sammlung’ (Samyutta-Nikaya), in dem Sutta vom Schildkrötengleichnis: ‘Gleichwie die Schildkröte die Glieder in der eigenen Schale, so ziehe fest zusammen die Gedanken der Asket. Und unabhängig lebend, keinem Wesen wehe tuend, mög’ niemanden mehr tadeln er, im Herzen ganz gestillt’.‹ (NYANATILOKA 1924, Bd. 2: 183f.)«

1 Wappenbild mit doppelter Treppe: die »Heiligenberger Stiege«. 2 Amduat, die zwölfte Stunde: Bild des Sonnenaufgangs: Von dreizehn Göttinnen (rechts) und zwölf Göttern wird die Sonnenbarke aus dem Schlangenleib der Unterwelt herausgezogen, bis die Sonnenscheibe in Gestalt des Skarabäus die Kokonhöhle durchbricht (ganz rechts) (aus HORNUNG 1991).

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In der Zwischenzeit war der Weg steiler geworden, sodass der Aufstieg zunehmend mühsamer wurde; gleichzeitig führte er geradlinig nach oben. Ich hatte das Gefühl, dass es von ganz oben her ein wenig heller würde. Und tatsächlich, je höher wir kamen, desto deutlicher war am weit vor uns liegenden Ausgang das noch schwache Licht der Morgendämmerung zu sehen. »Jetzt haben wir es gleich geschafft!«, meinte Maja, der keinerlei Anstrengung anzumerken war. »Unmittelbar vor dem Ausgang wirst du auf der einen Seite der Höhle noch einmal das Bild der zwölften Stunde aus dem ägyptischen ›Amduat‹ sehen, den Moment des Sonnenaufgangs, in dem die zwölf beziehungsweise dreizehn Göttinnen die Sonnenbarke aus dem Leib der Nachtschlange herausziehen, und der große Skarabäus die Hülle seines unterweltlichen Kokons durchbricht.« Als wir uns schließlich dem Höhlenausgang näherten, erkannte ich auf der linken Seite jenes Bild aus der großen Kuppelhalle wieder. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich jenes Wappenzeichen mit der doppelten Treppe, wie es gestern Abend beim Hinuntergehen in die Erde schon erschienen war; nur waren jetzt die Farben Schwarz und Weiß vertauscht, sodass der freie, aus mehreren Würfeln gebildete Treppenraum nun hell und alles außen herum dunkel war. »Erkennst du das Symbol?«, wollte Maja von mir wissen. »Ja, es ist ein Wappenzeichen, die sogenannte Heiligenberger Stiege«, gab ich ihr zur Antwort. »Und weißt du auch, dass diese doppelte Stufenform ein Hinweis auf die zwei entgegengesetzten Wege in der Erde ist: der des Abstiegs und der des Aufstiegs? Du wohnst doch in einer Ortschaft, die ›Steigen‹ heißt, nicht wahr?«, fragte Maja mich erneut. »Ja, ich wohne in ›Steigen‹«, stimmte ich selber ganz überrascht zu. »Ich habe mich zwar immer über dieses eigentümliche Wappen gewundert, wusste sie aber nie richtig zu deuten. Jetzt ist alles sehr einleuchtend.« Inzwischen waren wir oben am Ausgang der Höhle angelangt, und im immer strahlender und heller werdenden Licht des Tages begannen die Bilder der Nacht und der Unterwelt dem Auge immer mehr zu entschwinden und unkenntlich zu werden.


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Durchbruch Die Wandlung der Schildkröte zur Leier des Apollon

»Nun erhebe deine Stimme, du meine göttliche Schildkröte.« (SAPPHO, V. Buch)


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Die Sonne war gerade über dem Horizont erschienen, als wir aus der Höhle traten. Da sah ich Maja zum ersten Mal im vollen Tageslicht: Die kleine, strahlende Sonnenschildkröte grüßte die große Sonne am Himmel und schaute ihr entgegen. »So ähnlich wie jetzt, früh am Morgen, unmittelbar nach dem Verlassen einer Höhle, so musst du dir die Situation vorstellen, die Homer in seinem berühmten Hymnus an den Gott Hermes besungen hat. Höre: ›Singe mir, Muse von Hermes, dem Sohne des Zeus und der Maia, der Kyllene beherrscht und das herdenreiche Arkadien, ihm, dem Boten der Götter, dem segenspendenden; Maia hat ihn dem Zeus in Liebe geboren, die lockige, hehre Nymphe ... Morgens war er geboren, am Mittag schlug er die Leier ...‹ (HOMER 1927: 24f.) Die Nymphe Maia war vielleicht auch eine Göttin der Nacht und des Nachthimmels, schließlich ist sie eine der sieben Plejaden, des Siebengestirns (KERENYI 1983, Bd. I: 129f.); sie hatte in einer dunklen Höhle ihre Wohnstatt und gebar dort den Gott Hermes. Kaum geboren, verlässt dieser die kindliche Wiege und die bergende Grotte; er tritt heraus als ›göttliches Kind‹, als Sinnbild des Jungen, Neuen, voll Zukunft Handelnden, noch nicht vom Alten und Gewordenen eingeholt, eingeengt, bedrückt oder gar erschlagen – wie Abel von seinem älteren Bruder Kain. ›Nun er dem unsterblichen Schoß der Mutter entsprungen, lag und weilte er nicht mehr lange in der heiligen Wiege; über die Schwelle der hohen Höhle schritt er von dannen, stürmte davon … Eine Schildkröte fand er; sie brachte ihm mächtigen Reichtum: Hermes formte sie ja zuerst zur singenden Laute. Sie begegnete ihm vorn an der Türe des Vorhofs, wie sie an dem frischen Gras vor dem Hause sich nährte ...‹ (ebd.)

Schon mit diesem Schritt hinaus offenbart sich der entscheidende Grundzug seines Wesens: Hermes ist der ›Gott des Weges‹, der ›Götterbote‹. Er ist nicht einfach der Gott eines Weges, der schon vorhanden ist, sondern er ist der ›Wegbereiter‹, derjenige, der neue und bisher verschlossene Wege eröffnet und damit andere Möglichkeiten erschließt. Wenn also Hermes so entschlossen aus der tiefen Höhle des Berges heraustritt, dann drückt sich darin aus, dass er einen Weg heraus aus deren saturnhafter Abgeschlossenheit gegenüber dem All zu ebnen und zu weisen vermag: Das Kind als die Zukunft der Höhle, der Erde überhaupt! (vgl. KERENYI 1978: 99f.; OTTO 1956: 195f.)« Strahlenschildkröte aus Madagaskar.


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»Aber dann ist ja Hermes gar nicht der Gott der Händler, Diebe und Wegelagerer!«, gab ich zu bedenken. »Zu einem solchen haben ihn manche gemacht, aber das sind letztlich Oberflächlichkeiten und gehen an dem, was die Kraft des Hermes in Wahrheit für die Welt bedeutet, vorbei. Schau doch, was diesem ›göttlichen Kind‹ als erstes begegnet: eine Schildkröte, die selber wie ein Stein, wie eine felsige Höhle ist und dennoch lebt: ein Bild für die verborgene Lebendigkeit des Steines, der Erde selbst! Die etymologische Herkunft des Namen Hermes ist noch immer nicht ganz klar; ›Hermes‹ wird von zwei Stammsilben gebildet: ›ma, me‹, das die materiell-sichtbare Welt repräsentiert – das M ist der einzige mit ganz geschlossen bleibenden Lippen gebildete Konsonant, der ein individuelles Innen gegenüber dem All und Allem abschließt (vgl. WALSER 1808: 56f.); somit ist das M auch der Laut der reinsten Innerlichkeit. Als zweites wird der Name von der Silbe ›her-‹ gebildet, die sich ursprünglich aus der Sprachwurzel ›quer, ger, ker‹ herleiten lässt (GEBSER 1973, Bd. III: 192). Diese Silben stehen für Prozesse wie ›drehen, treiben, streben, wachsen‹. Vielleicht klingt in dem Namen Her-mes tatsächlich etwas an wie ein ›ker‹ des ›ma‹, eine Kraft, die die Kehre, die Umkehr des bloß Materiellen zu bewirken vermag. Schließlich steckt in seinem lateinischen Namen ›Mercur‹ neben dem ›ma, me‹, auch das ›cur, currus‹, der Lauf; ›curare‹, sorgen, pflegen; ›kurieren‹, heilen! Vermag also Hermes-Mercur das Urleid der Materie zu ›heilen‹, sie wieder ›ganz zu machen‹, mit dem Geist erneut zu versöhnen, das individualisierte Abgetrennte mit dem All? ›Cur?‹ meint im Lateinischen auch die Fragen ›warum?, wofür?‹. Sollte vielleicht HermesMercur an jegliche physische Daseinsform die Frage stellen: Warum ›ma‹? Wozu? – Wofür willst du überhaupt diese individuelle Existenz? Welchen Sinn willst du ihr geben? Was fängst du damit eigentlich an? Hermes-Mercur stellt die grundsätzliche Frage nach der einzig vertretbaren Daseinsberechtigung! Wie könnte diese aussehen, welche Bedingungen wären zu erfüllen, damit durch das Individuelle das Ganze nicht zerfällt und am Ende zerstört und atomisiert wird?« Wir waren in der Zwischenzeit ganz aus der Höhle herausgetreten, und ich bemerkte, dass sich ihr Ausgang im oberen Teil einer steil abfallenden Felswand befand, an der entlang ein schmaler Weg nach oben führte. Unter uns lag eine weitgestreckte hügelige Landschaft im frühmorgendlichen Licht. Ich schaute mich um, und plötzlich erkannte ich die Gegend wieder: Weit in der Ferne lag der Bodensee, über dem hoch der Säntis mit der Alpenkette thronte. Unmittelbar uns zu Füßen lag Steigen. »Doch zurück zu Hermes und der Schildkröte«, fuhr Maja fort. »Dass er anschließend die Schildkröte tötet und aushöhlt, darfst du nicht zu wörtlich nehmen und zu äußerlich auffassen; zumal es auch eine ägyptische Legende gibt, nach der der Gott Thot einst einen ausgetrockneten Schildkrötenpanzer fand, über den noch einige Sehnen gespannt waren, die im Wind ertönten (vgl. SÜSS 1991: 190). Nimm die Handlung des Hermes als Sinnbild für das, was wir in den letzten Stunden über den Vorgang des Durchbruchs und der Verwandlung gesprochen


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haben, über das Sich-Erschließen und die Bedeutung des Wortes Opfer, im Sinne von Sich-Öffnen für ..., damit im eigenen Inneren Raum für anderes entstehen kann.« »Das also steckt hinter dem Bild, wenn er die Schildkröte tötet, aufbricht und aushöhlt?«, fragte ich erstaunt. »Man könnte es auch so ausdrücken: Hermes verwandelt den exklusiven Eigenraum, den das egozentrierte Individuum eigentlich missbraucht hat, indem es diesen zu einem Versteck, zu einer saturnhaften Räuberhöhle gemacht hat. Diesen alles andere abwehrenden und aus sich aus-schließenden Ich-Panzer bricht nun Hermes auf und schafft im Inneren einen neuen Freiraum. In diesem Mythos wird von der Wandlung des alten Raumes der Saturnhöhle in einen Klangraum erzählt. Aus dem leiblich-stofflichen Körper, in dem die Seele bisher eingeschlossen und gefangen war, wird ein Resonanzkörper, in dem sich Schwingungen und Klänge erst wirklich entfalten können – und die Seele wieder frei atmen kann! Hier wird ein tiefes Geheimnis berührt: Das Licht bedarf der Außenseite der Gegenstände, um durch die Reflexion an der Oberfläche überhaupt sichtbar zu werden; zugleich aber wird es durch die Dinge aufgehalten und an einem Weiterkommen gehindert. Der Klang jedoch vermag zum einen die Gegenstände selbst in Schwingung zu versetzen und sie auf diese Weise zu durchdringen; gleichzeitig bedarf der Klang gerade der Innenseiten der Körper, um die volle 2

Wirkung seines ganzen kraftvollen Tönens entfalten zu können.« »Der Klang, das Innen, ein Resonanzraum, die Seele ...«, sagte ich langsam und nachdenklich leise vor mich hin. »In vielen Kulturen taucht die Schildkröte als ein solcher Klang-Innenraum immer wieder auf.

1 Ausgehöhlter Schildkrötenpanzer als Resonanzraum. 2 Schildkröte als Trommel, Tonfigur von den Mayas (aus MARTI 1970).

So war bei den Mayas der ausgehöhlte Schildkrötenpanzer, ›ayotl‹ genannt, als eine Art Trommel in Gebrauch, die oft mit dem Geweih eines Wildtieres angeschlagen wurde (vgl. MARTI 1970, Bd. 2: 102ff.); auch stammen von ihnen viele Darstellungen, auf denen ein Mensch aus dem Maul einer Schildkröte herauskriecht. Jene Jaboti-Schildkröte, deren Mythos mit dem zerbrochenen Panzer ich dir gestern erzählt habe, spielt übrigens sehr gerne Flöte, so heißt es.«


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»Da fällt mir ein, ich besitze eine sehr schöne südamerikanische Okarina in Form einer tönernen Schildkröte; auf der Bauchseite ist sogar eine Schlange als Verzierung«, fügte ich hinzu. »Ja, ich weiß, doch kehren wir nun zu Hermes zurück und schauen, wie er aus dem Klangkörper ›chelys‹, die Schildkröten-Leier, vollendet (vgl. DUMOULIN 1992: 85ff.). Er befestigte aus Tierhörnern bestehende ›Arme‹ daran, die er durch einen Steg oben miteinander verband; dann legte er ein Stierfell über den Hohlraum und spannte die sieben Saiten. ›Als nun aber das liebliche Spielwerk vollendet, prüfte er mit dem Schläger die Saiten der Reihe nach: mächtig tönte unter der Hand des Gottes die Leier, und lieblich sang er aus freier Erfindung‹ (HOMER, ebd.)

So ist Hermes oft mit der Schildkrötenleier in der Hand dargestellt worden. Ich möchte dir aber nun zeigen, dass die Gestalt der Chelys-Leier mit ihren verschiedenen Bauteilen und deren Formen und Anordnungen geradezu ein archetypisches Symbol darstellt für einen außergewöhnlichen Verwandlungsprozess voller Geheimnisse und Andeutungen. Beginnen wir mit den zwei aufragenden, oft aus Tierhörnern bestehenden ›Armen‹: Sehen sie nicht aus wie zwei zum Himmel gestreckte Arme eines Menschen – flehend, bittend, betend, 2

ganz offen für das von dort Kommende? Formen nicht auch die oft so wundervoll gebogenen Hörner der Rinder geradezu eine Art Kelch? Und dann der Vorgang, der sich hinter dem ›Spannen der Saiten‹ verbirgt: Wie wenn eine Beziehung zwischen zwei Polen hergestellt wird, so wie eine Brücke einen Fluss über-spannt. Für den altgriechischen Philosophen Heraklit waren die Leier und der Bogen geradezu ein Urbild für jene allem wirklich Lebendigen innewohnende Spannkraft, dieses ›Aneinanderbinden des Auseinanderstrebenden‹ (DIELS 1963: 27); auf der Ebene des Bewusstseins entspräche dieser Spannkraft das, was man ein ›echtes Interesse‹ nennt, meint doch Inter-esse: nicht nur bei sich selbst, aber auch nicht nur beim anderen, oder gar darin verloren, sondern wörtlich: ›dazwischen sein‹, im Spannungsfeld der gegenseitigen Begegnung! Ist das Spannen der Saiten nicht ein sehr eindrucksvolles Bild für das, was geschieht,

1 Okarina in Schildkrötenform. 2 Rekonstruktion des ChelysInneren von P. Courbin (aus DUMOULIN 1992: 233).

wenn etwas aus seiner bloßen Selbstbezogenheit und dem Verfallensein an die eigene Schwere herausgehoben, um nicht zu sagen herausgezogen, befreit wird und auf diese Weise in ein neues Verhältnis zu einem anderen findet?


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Das Sich-über-sich-hinaus-Spannen ist überhaupt eine der Urgesten alles Lebendigen; denke nur an die Pflanzen, wie sie der Schwerkraft entgegen nach oben wachsen und sich erheben, so kraftvoll und anmutig zugleich; oder viele der Tierarten, die sich vom Boden lösen und voll Harmonie bewegen; oder ihr, die ihr euch aufzurichten vermögt und euren eigenen freien Stand erlangt und euren erhabenen Gang, ... oder das Aufsteigen einer Flamme! Hatten wir nicht schon, wenn auch auf einer anderen Ebene, etwas Ähnliches bei der Betrachtung des Würfels als des Sinnbilds der Erde kennengelernt? Dass dieser, sofern er aus der Schwerelage gehoben und in die Schwebelage gebracht wird, eine völlig neue Ausrichtung erfährt?« »Das stimmt, auf diese so weitreichende Verbindung wäre ich alleine nicht so schnell gekommen«, fügte ich hinzu. »Schau nur einmal dieses Bild genau an, nimm es als Sinnbild: Aus dem Panzer der MaterieErd-Schildkröte als Resonanzkörper ragen die sich dem Himmel weihenden Geweihe oder Hörner empor und bilden einen nach oben hin offenen Kelch. In diesem kelchförmigen, empfänglichen Feld wird eine Spannung nach oben hin erzeugt, die das Ganze in ein echtes Spannungsverhältnis zum Kosmos bringt. In diesem Spannungsfeld entsteht dann der Ton, der Klang! In diesem Gespanntsein auf ... beginnt das Schwere und Erstarrte wieder zu schwingen, erklingt die Welt, beginnt die Weltseele wieder zu atmen und zu leben. Die Schwingungen der Saiten sind der Atem der im Stoff gefangenen Weltseele, ihre Töne der Klang ihrer nach Befreiung rufenden Stimme. In den Schwingungsformen der sieben richtig gestimmten Saiten – sieben war die Zahl der 1 Hermes mit der Schildkrötenleier, nach einer Zeichnung auf einer griechischen Schale (aus SÜSS 1991).

Planeten des Himmels und ihrer Sphären – offenbarten sich die Proportionen der himmlischen

2 Hermes mit Schildkrötenleier und Merkurstab.

nesischen Meister die Musik das harmonisch Vereinigende von Himmel und Erde.«

Harmonien und der Sphärenmusik. Im gekonnten Spiel als dem angemessenen ›Anschlagen‹ der Saiten – dem Sinnbild für das Erfassen und Bewegen der Materie – konnte sich in der erklingenden Musik eine Übereinstimmung mit dem Kosmos einstellen. So war auch für die altchi-


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»Maja, du hast es schon gestern angedeutet, aber so langsam beginne ich die ganze Dimension dessen erst jetzt zu erahnen: Jede Form, jede Bewegung, jedes Tun – alles ist eine Geste von unermesslicher Bedeutung und Tragweite, alles ist ein Ereignis, das die Welt in jedem Augenblick mitgestaltet und damit verändert«, musste ich ihr zugestehen. »Eine sehr schöne Geschichte aus Indien berichtet von einer tiefen Verbindung der Saiteninstrumente mit der Schildkröte. Komm, setze dich hier auf diesen Fels neben mich, ich will sie dir erzählen: ›Über die Anfänge der Saiteninstrumente erzählt man sich, dass die Göttin Parvati, die Frau Shivas, sich entschlossen hatte, dem Menschen etwas zu schenken, weil sie angesichts des Schicksals, das ihn bei seinem irdischen Abenteuer erwartet, Mitleid empfand; etwas, das ihn vor den Dämonen schützen und ihm ermöglichen sollte, auf Erden die Welt der Götter zu finden, falls er es wollte. Aber Shiva, eifersüchtig über diese Aufmerksamkeit, zerstörte ihr Geschenk mit einem einzigen Schlag. Die Bruchstücke fielen in die Meere und auf die Wälder herab, schufen die Muscheln und die Schildkröten, drückten sich in das Holz der Bäume ein, sanken sogar bis hinab in die Hüften der Frau. Unversehrt gelangte zum Menschen nur der Bogen, er wurde jedoch durch viele Generationen als Waffe benutzt. Er war die erste schwingende Saite. Viele göttliche Zeitalter sollten vergehen, bis es dem Menschen gelang, aus einem Schildkrötenpanzer ein erstes Saiteninstrument zu bauen, das jedoch noch mit dem Finger gezupft wurde. Erst als sich das letzte und furchterregendste Zeitalter näherte, entdeckte der Mensch, wie sein Bogen gebraucht werden konnte, um Saiten zum Schwingen zu bringen und auf diese Weise den anhaltenden Ton nachzuahmen, der die Welt geschaffen hatte, den Hauch, den Shivas, des tanzenden Gottes, wirbelndes Kleid hervorbrachte. Er, der das Universum regiert und die Ordnung aufrechterhält.‹ (MAURENSIG 2003: 7f.). Hast du gemerkt, auch hier klingt etwas an von jenem Motiv eines Sturzes aus dem Himmel und der Erscheinung der Schildkröte, einer Zertrümmerung und ihrer Wandlung in einen Resonanzkörper.« »Sollten vielleicht in den Mustern und Strukturen deines Panzers«, fragte ich, »zum einen die 1 Ideale Schwingungsformen einer Saite, nach P. Neubäcker. 2 Griechische Münze mit Schildkrötenleier (aus SÜSS 1991).

himmlisch-lichten Harmonien ihren Niederschlag gefunden haben, zum anderen aber auch Zeugnis ablegen von jenem gellend herzzerreißenden Schrei der Kore-Weltseele – einem sicherlich völlig dissonanten Not-Ton –, von dem alles erschüttert wurde, als sie von Dis ihres Im-AllSeins beraubt und in die abgeschiedene Unterwelt entführt wurde? – Homer hat dieses Geschehen doch geschildert!«


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Worauf Maja sogleich die Stelle aus dem homerischen Hymnus an Demeter anstimmte: ›Aber so lange die Göttin [Kore] das Sternengewölbe des Himmels und die Erde noch sah und die Flut des fischreichen Meeres und des Helios Licht und auch noch hoffte, die treue Mutter zu schaun und die Schar der ewiglebenden Götter, hegte ihr hoher Sinn noch Hoffnung trotz aller Betrübnis ... Hallend tönten die Höhen der Berge, die Tiefen des Meeres von der unsterblichen Stimme, die hehre Mutter vernahm sie. Schneidender Jammer durchfuhr ihr Herz ...‹ (HOMER 1927: 54f.)

Im Bild meines Panzers haben beide Welten und Reiche ihre Spuren hinterlassen. Von den vielen Rissen, der schrecklichen Erschütterung im Ereignis der Kristallisation und dem tiefen inneren Zusammenhang all dessen mit der Zahl dreizehn und dem Tod haben wir gestern gesprochen. Ebenso haben wir vergangene Nacht betrachtet, wie durch die Gegenkraft des Herzens und die Inkarnation des Lichtes, diese ›Zerrissenheit der Dreizehn‹ zu einem zwar schmerzhaften, aber ebenso unerlässlichen Moment eines allesübergreifenden Prozesses der Transformation wird.« »Hans Jenny hatte doch einmal gesagt, dass die Tiere ›Hieroglyphen‹ seien, in denen sich das Weltall spiegelt, oder?«, schaute ich sie fragend an. »Ich spüre es immer deutlicher: Alles ist Hieroglyphe, heiliges Zeichen.«

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1 Signatur von Lichtstrahlen und Schallwellen. 2 Strahlenschildkröte.

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»Ich habe dich auch schon darauf hingewiesen, dass sich im Zusammenspiel der goldgelben Farbmuster in meinen Schildplatten und deren Wachstumsrillen die Signaturen von Licht und Klang widerspiegeln: die hellen, geraden und vom Zentrum ausgehenden Linien entsprechen genau der phänomenologischen Typik der Lichtstrahlen, und die ringförmig um die Schilde herumlaufenden Linien der Wachstumsrillen den Ausbreitungsformen von Schallwellen! Dass sogar in den Formgebungen und Ordnungsstrukturen meines Panzers Gestaltbildungen von Schwingungsprozessen – von Klängen also – ihren Ausdruck finden, das hast du mit deinen Schwingungsexperimenten während der letzten Jahre schon ansatzweise sehr eindrucksvoll aufzeigen können. Würdest du das für den weiteren Fortgang unserer Betrachtungen noch einmal kurz zusammenfassen?« »Versetzt man dünne und zuvor mit feinem Sand bestreute Metallplatten von unten her in Schwingung, so entstehen bei bestimmten Tonhöhen, die in Resonanz zu den Eigenschwingun-

1 Chladnische Klangfiguren, Stahlplatte. 2 Vergleich von Schwingungsmustern mit Naturformen, Collage mit in der Mitte Zeichnung von E. Haeckel (aus HAECKEL 1989).

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gen der Platte stehen müssen, ganz klare, aus Sandlinien geformte Muster: die nach ihrem ersten Entdecker benannten Chladnischen Klangfiguren (LAUTERWASSER 2002: 37ff.). Durch die Vibrationen der Platte wird diese wellenartig verformt, das heißt, es bilden sich einerseits Wellenbäuche mit einem Maximum an Bewegung, sodass der Sand von dort weggeschleudert wird, und andererseits sogenannte Knotenlinien mit minimalen Plattenbewegungen, entlang deren sich der Sand sammelt und zur Ruhe kommt. Aus diesem Wechselspiel von Ruhe und Bewegung entstehen die faszinierenden Muster. Diese sind neben vielen anderen Faktoren besonders von den Formen der Platten abhängig. Werden elliptische Platten in Schwingung versetzt, so Vergleich der Typik von Schwingungsmustern mit dem Fell des Zebras.

entstehen Muster, die eine verblüffende Formverwandtschaft mit organischen Strukturen aufweisen.«


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»Ob Novalis solche Chladnischen Klangfiguren gekannt hat oder nicht, er muss das sehr genau gespürt haben, wenn er meinte: ›Sollte alle plastische Bildung, vom Kristall bis auf den Menschen, nicht akustisch, durch gehemmte Bewegung zu erklären sein?‹ (NOVALIS 1957, Bd. II: 351). Er hat auch von der ›unendliche[n] schöpferische[n] Musik des Weltalls‹ gesprochen (NOVALIS 1968: 398). Auch wenn Ernst Florens Chladni lange vergessen ist und die Weltsicht eines Novalis als unwissenschaftliche Romantisiererei abgetan wird, allmählich tauchen derartige Ideen wieder in Büchern namhafter Wissenschaftler auf. In einem preisgekrönten Buch über ›Die Musik der Primzahlen‹ vergleicht Marcus du Sautoy, ein bekannter Mathematiker, ›auf den Spuren des größten Rätsels der Mathematik‹ wandelnd, Phänomene der Quantenwirklichkeit mit denen der Chladnischen Klangfiguren. Nachdem er aufgezeigt hat, dass das klassische Atommodell mit der Vorstellung eines dinghaften Kerns, um den die Elektronen wie die Planeten um die Sonne kreisen, nicht mehr haltbar ist, erklärt er, dass sich das Geschehen dessen, was wir ›Atom‹ nennen ›eher wie eine Trommel‹ verhält. ›Die Schwingungen beim Schlag einer Trommel setzen sich aus bestimmten Grundmustern zusammen, von denen jedes seine eigene Frequenz hat.‹ Da diese Muster in den Chladnischen Klangfiguren ihren Ausdruck finden, können diese sehr gut als eine adäquate Beschreibung eines Atoms herangezogen werden. Die Physiker hatten erkannt, ›dass die Mathematik zur Beschreibung der Frequenzen im Klang einer Trommel dieselbe ist, mit der sich auch die charakteristischen Energieniveaus der Elektronen in einem Atom vorhersagen lassen. Die Abmessungen eines Atoms entsprechen den Rändern der Trommel. Kräfte in den Atomen bestimmen die Schwingungen der subatomaren Teilchen, ebenso wie die Spannung des Trommelfells oder der Umgebungsdruck die Schwingungen festlegt, die den Klang einer Trommel ausmacht. Jedes Atom gleicht einer von Chladnis Platten. Die Elektronen in einem Atom schwingen nur in ganz bestimmten Mustern, ebenso wie die von Chladni sichtbar gemachten Muster auf der Platte. Die Anregung eines Elektrons lässt es auf einer neuen Frequenz schwingen, ebenso wie Chladni neue Sandmuster erzeugen konnte, indem er seine Platten mit seinem Geigenbogen auf eine andere Weise anregte. Jedes Atom im Periodensystem hat seine ihm eigenen Frequenzen, auf denen die Elektronen dieses Atoms bevorzugt schwingen. Diese Frequenzen sind so etwas wie die Signatur eines Atoms.‹ (SAUTOY 2006: 324f.) Es wird zwar sicher noch viele Jahre dauern, bis auch die Biologen ihr noch an der Physik eines Isaac Newton orientiertes vergegenständlichendes Denken werden überwunden haben, 1 Schwingungsmuster einer Stahlplatte, links 1364 Hertz, mit deutlichem 24er-Kranz, rechts 4768 Hertz mit beliebigem Muster. 2 Schwingungsmuster einer Plattenform, die dem Innenteil des Schildkrötenpanzers entspricht. 3 Schwingungsmuster einer Plattenform, die dem Umriss einer Schildkröte entspricht.

aber irgendwann werden sich die Erscheinungsformen der Tiere mit allen ihren Farben, Mustern und Zeichnungen auch euch als faszinierende Äußerungen komplexester Klangstrukturen und Schwingungsfelder offenbaren: jedes Tier, ja, jede Pflanze, alles überhaupt ... ein Klang, eine Melodie ... alle Erscheinungen in diesem Kosmos wie ein tönend-klingendes Instrument, mitspielend in der fantastischen Symphonie der Schöpfung. Du hast doch auch Versuche unternommen, deren Schwingungsbilder ganz nahe an das Muster meines Rückens heranreichten, oder?« »Richtig, nimmt man elliptische Platten oder solche, deren Umrisse der Form der Schildkröte nachgebildet sind, so entsteht dort zunächst mit wechselnden Frequenzen eine beinahe unüberschaubare Anzahl von Mustern, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit deinem Rücken aufweisen.


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1 Schwingungsmuster elliptischer Plattenformen. 2 Vergleich der Grundformen des Schildkrötenpanzers mit Schwingungsmustern: Hauptgliederung in Randbereich und Mittelteil, 24er-Außenring, gegliederte Mittelachse, Formen einzelner Schilde, wie Fünfeck oder Sechseck.

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Bei einigen Tonhöhen jedoch können sich Strukturen ausbilden, die fast genau dem Urtypus des Schildkrötenmusters entsprechen. So konnte ich eine Schwingung finden, die im Randbereich der Platte tatsächlich eine Gliederung mit 24 Feldern erzeugte, wie sie auch auf deinem Rücken anzutreffen ist; sogar mit einem Mittelfeld, das deutlich durch eine entsprechende Knotenbeziehungsweise Sandlinie, deiner ›Hauptrille‹, vom Rand abgegrenzt war. Einzelne Schildformen, wie das Sechseck in der Mitte oder das Fünfeck vorne zeigten sich ebenso ganz eindeutig. Nur alle diese Phänomene zusammen und auch noch mit den dreizehn Feldern in der Mitte, das ist mir bisher noch nicht gelungen!« Mit diesen Worten versuchte ich kurzgefasst die Ergebnisse meiner Arbeit mit Chladnischen Klangfiguren zu schildern. Daraufhin meinte Maja: »Es wäre ja auch – verzeihe mir bitte den Ausdruck – etwas naiv zu glauben, man könne die Erscheinungsform eines Lebewesens aus einer schwingenden Stahlplatte herleiten, und dazu noch mit einigen wenigen Frequenzen. Das Schwingungsfeld eines Lebewesens umfasst mindestens die Komplexität einer mehrsätzigen Symphonie! Aber das Entscheidende und Eindrucksvolle ist, dass wir hier ein konkretes, anschauliches Beispiel vor uns haben, das zeigt, dass Schwingungen, Töne und Klänge in der Lage sind, den materiellen Stoff zu ergreifen, in Vibration zu versetzen, ihn somit aus seiner bloßen Schwerkraftsbezogenheit herauszureißen, und ihn dann zu bewegen, in einen Prozess zu bringen. – Die Sandkörner vollziehen tatsächlich Ortsveränderungen und Umstrukturierungen der Lageverhältnisse. Und diese Bewegungen des Sandes verlaufen nicht einfach chaotisch und damit form-

Zahlenordnungen und klare geometrische Strukturen bei schwingenden Wassertropfen zwischen 30 und 90 Hertz.


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los, sondern durch die Vibrationen der Schwingungen kommen Formen in diese Bewegungsabläufe: Ergreifen – bewegen – gestalten! Töne gestalten schöpferisch die Welt! Sand ist jedoch nicht unbedingt ein ideales Gestaltungsmedium – zumal wenn er ganz trocken ist. Erzähle mir in Kürze, was deine Schwingungsexperimente mit Wasser zu den Formtypen der Schildkröte bisher ergeben haben.« »Zunächst einmal ist es sehr erstaunlich, dass sich in einzelnen Wassertropfen, die in niederfrequente Schwingungen versetzt werden, klar geformte, geometrische Zahlenordnungen ausbilden. Dies ist ein augenscheinlicher Hinweis auf den inneren Zusammenhang von Klang, Zahl und Gestalt, auf die verborgene Musikalität der Welt. Es haben sich sogar Formen mit Wellenbildungen am Rand der Tropfen gezeigt, die deinem 24er-Ring sehr ähnlich sind; sogar im Innenbereich tauchten im Ansatz ähnliche Strukturen auf. Darüber, dass man die segmentartig gegliederte Ordnung deines Rückens als Spuren von Schritten, Stufen oder gar als Bewegungsmomente von fortlaufenden Wellen auffassen könnte, haben wir schon gesprochen. Gerade zu den Bildegesten sich rhythmisch wiederholender Wellen als Urbild für den Typus der Wirbelsäule konnte ich sehr schöne Beispiele finden – auch wenn sich das Phänomen eines sich derartig in die Länge ziehenden Wassertropfens ganz selten und nur unter bisher noch nicht eindeutig geklärten Umständen zeigt. Ein Phänomen lässt sich nicht einfach machen, schaffen oder gar herbeizwingen! Nimmt man eine etwas größere Wassermenge und versetzt diese in einer elliptischen Schale in Schwingung, so entsteht auf der Wasseroberfläche zunächst ein eher chaotisch wirkendes

Schwingende Wassertropfen mit wellenartiger Gliederung am Außenrand und segmentartigen Mustern im Inneren.


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Gewoge. Stimmen jedoch auch hier einzelne Frequenzen mit der Eigenschwingung des Gefäßes und der jeweiligen Wassermenge überein, dann können sich aufgrund der dann vorliegenden Resonanz sogenannte Stehende Wellen ausbilden, und aus deren geordnet und einheitlich schwingenden Wellenbewegungen regelrecht ruhende Ordnungen und sogar komplexe Muster hervorgehen (vgl. LAUTERWASSER 2002; 2005; 2008). Auch bei diesen Versuchen haben sich Formen ausgebildet, die besonders im Randbereich der Formensprache deines Rückens sehr nahe kommen.« »Siehst du«, fügte Maja hinzu, »das sind doch alles wunderschöne Beispiele, die zeigen, wie nah unser so genial ›potenzierend-romantisierender‹ Novalis diesem Geheimnis war. Doch lass uns jetzt wieder zu Hermes und seiner Leier zurückkehren, denn die Geschichte der Chelys ist noch lange nicht zu Ende.« »Ich bin sehr gespannt, was du noch alles aus diesem Mythos herausholen wirst«, erwiderte ich darauf.

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1 Sonderformen von schwingenden Wassertropfen mit deutlich segmentartigen, rhythmischen Gliederungen. 2 Musterbildungen durch Stehende Wellen in elliptischem Gefäß mit Wasser und Glycerin: a) Phase 1, b) Gegenphase 2; wo sich in a) ein Wellenberg befindet, ist in b) ein Wellental und umgekehrt. Deutlich ist die Gliederung im Randbereich zu erkennen, die eine große Verwandtschaft zu dem in 24 Schilde gegliederten Außenring des Schildkrötenpanzers aufweist.

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»Ich verkürze jetzt die ganze Rahmenhandlung ein wenig: Hermes erscheint nach einer Weile mit der Leier in der Hand vor Apoll und beginnt auf der Chelys zu spielen. ›Da lächelte Phoibos Apollon freudig erregt; der liebliche Klang der göttlichen Töne drang in sein Herz und süßes Sehnen befiel seine Seele, wie er ihm lauschte. Da stand zur Linken Phoibos Apollons furchtlos Maias Sohn und rührte spielend der Leier schmelzenden Klang. Alsbald begann er unter den hellen Tönen lauter zu singen mit lieblicher Stimme Begleitung. Feiernd besang er die ewigen Götter, die düstere Erde, ihrer aller Geburt und eines jeglichen Schicksal.‹ (HOMER 1927: 38)

Daraufhin erhält Apollon von Hermes die Schildkrötenleier als Geschenk. ›Die Leier hielt mit der Linken Letos leuchtender Sohn, der Herrscher und Schütze Apollon, prüfte dann mit dem Schläger die Saiten der Reihe nach, drunter tönten sie mächtig, und herrlich scholl die Stimme des Gottes.‹ (HOMER 1927: 40)

Ist dir aufgefallen, dass jedes Mal – kaum ist die Chelys erklungen – die Götter gar nicht anders können, als anfangen zu singen? Die Chelys und die Stimme: Das sollten wir nachher noch genauer besprechen! Zu diesem Apollon mit der Leier in der Hand gibt es eine einmalig schöne, alte Darstellung im Inneren einer weißgrundigen Trinkschale, die in Delphi gefunden wurde. In einem kürzeren Hymnos an Apollon hat Homer auch dies besungen: ›Du stimmst mit klingendem Spiele den Himmelspol zur Harmonie, einmal schreitend dahin zu den Tönen der Tiefe, dann zur klingenden Höhe, und nun zu des Doriums Weise; mengend den ganzen Pol, sondernd die lebenssprossenden Stämme, mischend in Harmonie den Männern das Weltengeschick.‹ (HOMER 1927: 50)


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Nimm jetzt all dies zusammen als ein einzigartiges Bild für die Licht-Klang-Natur des Kosmos, ›dass Apollon mit den Klängen seiner Leier das Weltall in harmonischer Bewegung hält, und das Plektron, mit dem er sie schlägt, ist das Licht der Sonne‹ (OTTO 1956: 81). Im lichthaften Anschlagen der Saiten beginnt die Welt zu schwingen und zu tönen, wird der in ihrem Inneren verborgene und erstarrte Klang wieder gelöst, die verstummte Stimme der Weltseele wieder zum Leben erweckt: Geist befreit und erlöst die Seele!« »Das alles schwingt in diesem Bild mit und liegt in dessen tiefer Symbolik begründet?«, fragte ich wieder erstaunt. »All das sind wirklich unermesslich tiefgründige Chiffren und Gesten des Alls. Alles ist, was es ist, und dann noch einmal ...« »Warte,«, unterbrach sie mich, »die Chiffre gerade dieses Bildes reicht noch viel, viel weiter! »Apollon, das Trankopfer spendend«, mit der Schildkrötenleier im Arm, Delphi, um 470 v. Chr. (aus ANDRONICOS 1982: 80).

Nimm zunächst einmal das oft verwendete Symbol des Hermes-Merkur. Darin spiegelt sich zum einen der Merkurstab, um den sich die zwei Schlangen nach oben winden und dort einen nach oben hin offenen Dreiviertelkreis bilden; oft ist darin ein Vogel zu sehen, als Symbol für den Geist.


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Mit einer kleinen Veränderung wird daraus das Zeichen für den Planeten Merkur, mit dem nach unten weisenden Kreuz; das heißt, dass sich nun das Merkurzeichen im unteren Teil aus dem Symbol des Weiblichen und der Venus, und im oberen Teil aus diesem nach oben hin geöffneten Dreiviertelkreis zusammensetzt. Dieser ist aber zugleich auch das Bild einer Mondsichel oder das der nach oben geschwungenen Hörner eines Rindes: die Geste eines nach oben hin 1

offenen Kelches. Zur Zeit des neuen Reiches wurde in Ägypten die Göttin Isis, ähnlich der Himmelsgöttin Hathor, oft mit einem solchen Kuh-Gehörn auf dem Kopf dargestellt, in dessen kelchartigem Innenraum sich die Sonnenscheibe befindet. Diese Symbolik sollte das folgende Geheimnis zum Ausdruck bringen: ›Die den Geist empfangende Seele‹! Nun versuche einmal, dieses Symbolbild, bestehend aus Hermes-Mercurius, sowie das Isis-Bild und die ChelysSchildkrötenleier nebeneinander zu halten, und betrachte es eingehend. Fällt dir etwas auf?«, fragte sie, während sie mich erwartungsvoll anschaute. Ich verglich die verschiedenen Aspekte und Formen der drei Bildmotive miteinander und plötzlich sprang mir eine grundlegende strukturelle Übereinstimmung ins Auge. »Die Schildkröte«,

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rief ich, selber ganz überrascht, aus, »der Kopf der Isis, das Venus-Zeichen, das gleichzeitig das umgedrehte oder umgewendete Zeichen der Erde ist! Dann die ›Arme‹ der Leier, das kelchartige Kuh-Gehörn der Isis, die Mondsichel, oder die nach oben hin offenen Schlangen ...«

1 Der Merkurstab mit den zwei sich nach oben windenden Schlangen (aus George Ripleys »The Marrow of Alchemy«, 1676, Caduceus, nach Holbein 1523, aus PURCE 1974).

»... in deren Mitte beim Merkurstab der Vogel als archetypisches Symbol des Geistes sitzt!«, ergänzte mich Maja. »Doch jetzt, jetzt erst kommt das Entscheidende! Erkennst du es nicht?«, und ich spürte, wie sie innerlich immer aufgeregter wurde. Im ersten Augenblick stutzte ich ein wenig, da das von ihr erhoffte Aha-Erlebnis in mir noch

2 Hermes mit Merkurstab und Tieren (aus SÜSS: 1991). 3 Vergleich der Bildsprache: Isis-Zeichen – Schildkrötenleier – Merkurzeichen.

auf sich warten ließ, doch dann durchzuckte es mich wie ein Geistesblitz: »Die runde Sonnenscheibe auf dem Haupt der Isis als das Sonnenlicht und die geraden Linien der gespannten Saiten der Chelys als Chiffren für die Lichtstrahlen: Sie sind ein und dasselbe. Aber ...« und wieder stockte ich, »das würde ja heißen, dass der sich zum All hin öffnende und für das Licht empfänglich werdende Kopf mit seinem zu höchster Wachheit und Spannkraft gesteigerten


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Bewusstsein, voll echtem Interesse, zu einem Wahrnehmungsorgan für das geistige Licht der Ideen würde, zu einem Resonanzraum für geistige Impulse!« »Genau so ist es!«, stimmte Maja mir zu. »Apollons Sonnen-Licht-Klänge finden einen Resonanzkörper im Individuum, können so auf dieses einwirken und auf diese Weise durch den Menschen hier auf der Erde erneuernd zur Wirkung gelangen. Die Chelys ist im Grunde genommen eine Chiffre für das ›Erwecken der inneren Sonne‹, so möchte ich es einmal nennen! In diesem Bild kannst du anschaulich das sehen, was ihr eigentlich meint, wenn ihr davon sprecht, dass ihr einen Einfall, eine Eingebung hattet, dass euch eine Idee gekommen oder gar ›ein Licht aufgegangen ist‹!« »Und du, Astrochelys radiata, mit den vielen Sonnen auf deinem Rücken, wärst demnach ein Bild für die verborgene Sonnennatur der Erde, für die Sehnsucht, die Bereitschaft und das Vermögen der Erde zum ›Sonne-Werden‹?«, fragte ich sie. Doch Maja ging nicht auf meine Frage ein und blickte nur versonnen und schweigend zur Sonne hin, als führe sie ein stummes Zwiegespräch mit dem morgendlichen Licht. Dann knüpfte sie unmittelbar an ihre vorherige Äußerung an: »Aber Apollon greift erst dann in die Saiten und wird dich erst dann durch Resonanz berühren, wenn du dich in der entsprechenden Weise gespannt und ein-gestimmt hast, wenn du dich ansprechbar, berührbar, beeindruckbar und empfänglich hast werden lassen, innerlich beweglich genug zum Mitschwingen! ›Alles Geschaffene hat den Status der Resonanz dieses Schöpfungsklanges: Als Körper ist es Resonanzkörper, als zum Wissen fähiger Geist ist es Echo dieses Schöpfungsklangs‹. (NICKLAUS 1994: 105) Vielleicht kannst du jetzt besser nachvollziehen, warum ich dir gestern Morgen erst einmal die ganze Tragweite der ›Tragödie‹ eures Bewusstseins, diesen entsetzlichen und für die meisten Lebensformen hier auf der Erde zu einer einzigen Qual gewordenen Zwiespalt zwischen dem lebendigen Leben und eurem Denken zu Bewusstsein bringen musste; vielleicht kannst du inzwischen innerlich ermessen und erahnen, durch welch einen Prozess wir heute Nacht gegangen sind. Das Gehirn ist keine ›Produktionsstätte‹ für Gedanken und schon gar nicht von Ideen, wie viele von euch heutzutage meinen. Es ist eine Art Wahrnehmungs- und Aufnahmeorgan. Bevor wir jetzt weiter hinauf auf einen nahe gelegenen Hügel gehen, möchte ich dir noch einige Äußerungen und Beschreibungen von Menschen mit auf deinen weiteren Weg geben, die genau das, was ich versucht habe dir zu erklären, sehr eindrucksvoll und klar geschildert haben. Lass mich mit einer Beschreibung von Hugo Kükelhaus beginnen: ›Wer hat noch nicht erfahren, dass sich manchmal mitten aus dem Fluss des gewöhnlichen Denkens und selbstläufigen Verknüpfens Begleitgedanken ablösen, die man vergleichen könnte mit einer fernen Melodie, die sich in unsere Alltagsgeräusche einflicht. Man meint, diese Gedanken entsprängen gar nicht den Windungen unseres Gehirns. Erst laufen sie schüchtern hinterIsis-Hathor mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe, Reliefszene aus dem Grab der Haremhab (Foto: Frank Teichmann, aus HORNUNG 1991: 83).

und nebenher, allmählich spielen sie sich heraus, werden fester, hörbarer, reißen dann plötzlich die Führung unseres Wort- und Verstandesdenkens an sich und prangen wie eine Offenbarung in unserer Seele. Dichter haben es schon besungen. In ihr Licht getaucht, erscheinen uns die Dinge um riesige Sprünge weiterentwickelt. In unvermittelt neuer Gestalt stellen sie sich dar,


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wie wenn aus einer Raupe plötzlich ein Schmetterling geworden wäre; Gestalten, die überraschen und doch so vertraut und brüderlich berühren. Es ist das Reich der Eingebung.‹ (KÜKELHAUS 1963: 1) Von Rainer Maria Rilke gibt es ein sehr eindrucksvolles Gedicht, das selbstgemachten Entwürfen die ganz andere Qualität empfangener Gedanken entgegenhält: ›Solang du Selbstgeworfenes fängst, ist alles Geschicklichkeit und lässlicher Gewinn. Erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles, den eine ewige Mitspielerin dir zuwarf, deiner Mitte, in genau gekonntem Schwung, in einem jener Bögen aus Gottes großem Brückenbau: Erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen – nicht deines, einer Welt ...‹ (Rainer Maria RILKE 1976, Bd. III: 132)

Vor allem die Künstler haben um dieses geheimnisvolle Geschehen gewusst, das vermutlich wahrhaft einzig und allein über den Gehalt eines Kunstwerkes entscheidet; höre, was der Maler Franz Marc dazu in einem kleinen Aufsatz über Wassily Kandinsky geschrieben hat: ›Wir Maler kennen jenen geheimnisvollen Moment in unserer Arbeit, in dem das Werk zu atmen beginnt. Es fällt von uns ab und beginnt sein eigenes Leben. Waren wir auch zu Beginn Herr des Bildes, so werden wir in diesem Moment sein Sklave. Es sieht uns fremd, groß, mahnend, zwingend an. Das Früh oder Spät dieses wunderbaren Augenblickes gibt ein feines Kriterium der Kunst ab. Wir Maler wissen dies. Allzuviele bleiben bis zum Ende Herren ihrer Bilder (...). Die echten Werke lösen sich nach dem ersten Anfang schon von dem Willen des Schöpfers ab. Es scheint mir, dass heute gar nicht viel solche Werke entstehen. Zu den seltenen


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Ausnahmen gehören die Werke Kandinskys; sie sind nicht aus sterblichem Willen geformt; ihr Eigenleben läuterte sein Wollen und hielt ihn bei der Arbeit in Bann; ihr Sein ist unsterblich. Ich sehe sie wieder, an die Himmelwand gestellt. – Warum sollen wir nicht glauben, dass ein Erzengel sie dort gemalt hat, Dinge aus seinem Reich, durch die Hand unseres Freundes Kandinsky?‹ (Franz MARC 1978: 139f.) Auch Novalis hat das einmal ähnlich beschrieben: ›Mit jedem Zuge der Vollendung springt das Werk vom Meister ab in mehr als Raumfernen – und so sieht mit dem letzten Zuge der Meister sein vorgebliches Werk durch eine Gedankenkluft von sich getrennt – deren Weite er selbst kaum erfasst – … In dem Augenblicke, als es ganz Sein werden sollte, ward es mehr als er, sein Schöpfer – er zum unwissenden Organ und Eigentum einer höhern Macht. Der Künstler gehört dem Werke und nicht das Werk dem Künstler‹ (NOVALIS 1957, Bd. III: 171f.). Pablo Picasso hat diesen so wichtigen Unterschied zwischen herrischem, alleinbestimmendem ›Machen‹ und sich einstimmender Entsprechung einmal anhand des Gegensatzes von ›Suchen‹ und ›Finden‹ beschrieben: ›Ich suche nicht – ich finde. Suchen, das ist ein Ausgehen von alten Beständen und ein Findenwollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden, das ist das völlig Neue, das Neue auch in der Bewegung ... Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt ... Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die im Ungeborgenen sich geborgen wissen, die in der Ungewissheit in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.‹ (Pablo PICASSO)

Und stell dir vor, Gottfried Benn hat einmal in einem Aufsatz über ›Probleme der Lyrik‹ geschrieben: ›… und nun kommt das Rätselhafte: Das Gedicht ist schon fertig, ehe er es begonnen hat, er weiß nur seinen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lauten, als es eben lautet, wenn es fertig ist.‹ (BENN 2003, Bd II: 1070).« »Maja, jetzt erst habe ich zum ersten Mal wirklich innerlich verstanden, warum wir von ›nachdenken‹ sprechen: Vielleicht bedeutet ja ›denken‹ letztendlich, Gedanken und Ideen, die in der Welt schon da sind, dankend nach-zuvollziehen, diese mitzuvollziehen, sich in die Bewegungen des Geistes einzuschwingen!«


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»Der ganze Kosmos ist ein einziges Resonanz-Phänomen«, fuhr sie fort, »jede Art von Körper und Gestalt: ein Resonanzkörper, jeder Organismus: ein Resonanzorgan, eingestimmt auf jeweils bestimmte Aspekte, Schwingungen des Weltganzen! Sollte vielleicht das Gehirn, oder besser das Bewusstsein, das komplexeste und sensibelste Resonanz-Organ sein? Forschungen der letzten Jahre auf diesem Gebiet zeigen immer deutlicher, dass es nicht Signale einzelner Nervenzellen sind, die in diesem unaufhörlichen Gewoge millionenfacher Ströme die eigentlichen bewusstseinsbildenden Prozesse darstellen; vielmehr sind es übergeordnete Strukturbildungen, Synchronisierungen und Rhythmisierungen, die die unzähligen Einzelaspekte miteinander verbinden und ›zu einem übergeordneten, sinnvollen Ganzen‹ formen (BAIER 2001: 192f.). Wenn sich das Licht das Auge schuf, um gesehen werden zu können – wie GOETHE es ausdrückte – sollte sich dann vielleicht auch der Geist das Gehirn beziehungsweise das individuelle Bewusstsein geschaffen haben, um wahrgenommen, aufgenommen, nachgedacht und verinnerlicht zu werden? Das individuelle Bewusstsein als Resonanzorgan wäre dann der ›Raum‹, in dem sich, vermittelt über Resonanz, eine wirkliche Begegnung, Berührung, Kommunikation oder gar Kommunion mit der Dimension eines überindividuellen Bewusstseins, des Geistes in der Welt ereignen könnte. Es müsste sich nur selbst disziplinieren, in Aufmerksamkeit üben, konzentrieren, öffnen, einstimmen, sein ganzes unruhig-schwankendes Gewoge zu einer einzigen synchronen Schwingung systolisch sammeln, um sich dann – sozusagen als eine große geeinte Welle – der Welt diastolisch entgegenzubringen.« Während ich über alles Dargelegte nachdachte, kam mir eine Frage: »Maja, wenn ein wesentliches Motiv alles Lebendigen tatsächlich die ständige Weiterentwicklung und Steigerung der eigenen Resonanzfähigkeit ist, woher ›weiß‹ dann ein zunächst isoliert existierendes Einzellebewesen überhaupt, wie es sich auf was einstimmen soll?« »Siehst du, das sind wirkliche Fragen, weil sie Horizonte aufreißen! Vielleicht aber auch erst einmal innere Abgründe ... Du bist dem richtigen Ansatzpunkt auf der Spur! Auf irgendeine Weise muss man um das, woraufhin man sich in Resonanz einzustimmen sehnt und bemüht ist, wissen; etwas von diesem anderen muss schon auf geheimnisvolle Weise in einem sein. Einer der großen griechischen Philosophen hat einmal gemeint, die Seele sei irgendwie alles! Am tiefsten klingt etwas von diesem Geheimnis in den Worten von Friedrich W.J. Schelling an: ›Dem Menschen muss ein Prinzip zugestanden werden, das außer uns und über der Welt ist; denn wie könnte er allein von allen Geschöpfen den langen Weg der Entwicklungen, von der Gegenwart bis in die tiefste Nacht der Vergangenheit zurückverfolgen, er allein bis zum Anfang der Zeiten aufsteigen, wenn in ihm nicht ein Prinzip vor dem Anfang der Zeiten wäre? Aus der Quelle der Dinge geschöpft und ihr gleich hat die menschliche Seele eine Mitwissenschaft der Schöpfung. In ihr liegt die höchste Klarheit aller Dinge ... Aber nicht frei ist im Menschen das überweltliche Prinzip noch in seiner uranfänglichen Lauterkeit, sondern an ein anderes, geringeres Prinzip gebunden. Dieses andere ist selbst ein gewordenes und darum von Natur unwissend und dunkel; und verdunkelt notwendig auch das höhere, mit dem es verbunden ist. Es ruht in diesem die Erinnerung aller Dinge, ihrer ursprünglichen Verhältnisse, ihres Werdens, ihrer Bedeutung. Aber dieses Urbild aller Dinge schläft in der Seele als ein verdunkeltes und verges-


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senes, wenngleich nicht völlig ausgelöschtes Bild. Vielleicht würde es nie wieder erwachen, wenn nicht in jenem Dunkeln selber die Ahndung und die Sehnsucht der Erkenntnis läge.‹ (SCHELLING 1985, Bd. IV: 216)« »Das sind aber wahrlich Abgründe, unergründliche und zugleich voller Geheimnisse! Abgründe, vor denen einen schaudert und zugleich von ungeahnter Anziehungskraft!«, erwiderte ich. »J.W.v. Goethe hat es einmal so ausgedrückt: ›a. In der Natur ist alles was im Subject ist. y. und etwas darüber. b. Im Subject ist alles was in der Natur ist. z. und etwas darüber. b kann a erkennen, aber y nur durch z geahndet werden. Hieraus entsteht das Gleichgewicht der Welt und unser Lebenskreis, in den wir gewiesen sind. Das Wesen, das in höchster Klarheit alle viere zusammenfasste, haben alle Völker von jeher Gott genannt.‹ (J. W. v. GOETHE, zit.nach CANISIUS 1998: 204)

So, Alexander, jetzt gehen wir noch zusammen auf diesen Hügel mit der Baumgruppe, von dort haben wir einen weiten Blick über das ganze Land. Diesen Ort hier mit dem Höhlenausgang wollen wir als Erinnerung an unsere Begegnung und innere Verbundenheit ›FreundschaftsHöhle‹ nennen! Was meinst du?«


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Entfaltung Orpheus, die Stimme und das Lot »Sei immer tot in Eurydike –, singender steige, preisender steige zurück in den reinen Bezug. Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige, sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug. Sei – und wisse um des Nicht-Seins Bedingung, den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung, dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.« (Sonette an Orpheus, aus RILKE 1976, Bd. II: 759)


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Ein schmaler Pfad entlang der Felswand führte uns hinauf zu der von Maja erwähnten Anhöhe. Während wir aufstiegen, bemerkte Maja, die vorausging: »Eines müssen wir aber noch besprechen: Ich habe vorhin schon die enge Beziehung zwischen der Chelys und dem Gesang erwähnt. Es gibt einen sehr aufschlussreichen altgriechischen Text, der insbesondere Hermes mit der Sprache und dem Klang der Worte in Verbindung bringt: ›Hermes, Herrscher der Welt, der im Herzen wohnt, Kreis des Mondes, Runder und Viereckiger, Erfinder der Worte der Zunge, Gehorsamer der Gerechtigkeit,Chlamysträger, Beschwingtbeschuhter, der alltönenden Zunge Walter, Prophet der Sterblichen ...‹ (zit. nach C. G. JUNG 1978, Bd. 13: 211)

Hast du bemerkt, dass Hermes hier als ›der alltönenden Zunge Walter‹ beschrieben wird? Und ist dir schon aufgefallen, dass der Klang- und Resonanzraum eurer menschlichen Mundhöhle mit der Wölbung des Gaumens fast genau die Form einer Schildkröte hat? Der Hohlraum eures Mundes mit der Zunge unten stellt sozusagen eine inverse Schildkröte dar, wie eine Negativform beim Gießen. Ihr habt folglich eine Schildkröte im Mund, die nach innen gewendet ist: der Form des Gaumens nach mit dem Kopf in Richtung Kehle. Schaue dir die entsprechenden anatomischen Abbildungen an. Man könnte fast meinen, in meinem Außenring mit den hintereinanderliegenden Schilden spiegele sich etwas von den ebenso aneinandergereihten Zähnen. Im übrigen: Im 27. Zeichen des I-Ging – es stellt das Bild des geöffneten Mundes mit den 2

Mundwinkeln dar – wird gerade an dieser Stelle im Begleittext ein Bezug zu einer ›Zauberschildkröte‹ hergestellt, als Sinnbild für die eigene innere Wesensart eines jeden Menschen (I-Ging 1970: 113).« »Dass die Schildkröte auch in einer bedeutungsvollen Beziehung zum Mund steht, darauf wäre ich nun wirklich nie gekommen«, gab ich ihr zu verstehen.

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»Dann lass uns noch ein Stück weiter oder tiefer hineinschauen, zum Kehlkopf. Dieser stellt allein schon von seiner morphologischen Formenvielfalt und den Ähnlichkeiten einzelner Strukturen zu anderen organischen Bildungen ein höchst interessantes Phänomen dar. Eine

1 Orpheus mit seiner Schildkrötenleier umgeben von Tieren, römisches Mosaik in Palermo (Museo archeologico regionale di Palermo, Foto: Giovanni Dall’Orto): 2 Querschnitt durch die Mundhöhle des Menschen: Der Hohlraum mit der Zunge hat die Form einer Schildkröte (aus FENEIS 1970: 117, 111). 3 Das 27. Zeichen aus dem »I-Ging«: »Die Mundwinkel«.

tatsächliche Formverwandtschaft der verschiedenen Knorpelgebilde des Kehlkopfes mit den knorpeligen Gehörknöchelchen wurde schon entdeckt und auf ihre gemeinsame entwicklungsgeschichtliche Herkunft aus der Kiemenregion hingewiesen (PAEDE 1985: 155ff.); wenn du nun jeden der drei Gehörknöchelchen beider Ohren bildlich zusammennimmst, so gehen aus dieser Verschmelzung die drei wichtigen Knorpel des Kehlkopfes geradezu augenscheinlich hervor. Man könnte demnach sagen, dass der Kehlkopf so etwas wie eine Integration der LinksRechts-Polarität der Kopfregion darstellt. Es ist schon der Prozess des Einatmens mit dem Vorgang des Hörens in Verbindung gebracht worden: das Hören in diesem Sinne als ›Einatmung auf höherer Ebene‹ (ebd.156). Außerdem hat man aufzeigen können, dass zwischen der hochkomplexen Ausbildung eures menschlichen Sprachvermögens und der differenzierteren Ausformung und Plastizierung eurer Ohrmuschel ein sehr enger Zusammenhang besteht (vgl. BURCHHARD 1997: 23f.).


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Gerade die Ohrmuschel mit ihrem Zusammenspiel der plastischen Formen von Bögen, Faltungen und Windungen einerseits und den daraus hervorgehenden Hohlraumbildungen andererseits hat für mich etwas sehr Faszinierendes; ich kann nicht anders als in diesen Formgebungen eine gewisse Nähe zu Embryoformen zu sehen.« »An embryonale Formen erinnert dich das?«, erwiderte ich ihr. »Was aber sollte das Ohr und dann vielleicht sogar noch der Kehlkopf mit dem Neubeginn von Leben zu tun haben?« 2

»Was ist nicht schon alles vom Ohr empfangen worden, aus dem schließlich als Antwort etwas gänzlich Neues hervorging und zur Welt kam! ... Das Ohr ...«, doch da unterbrach sie sich selbst in ihrem Satz und hielt inne, »... An den beiden Vorhöfen des Herzens gibt es jeweils eine Ausbuchtung, denen die Anatomen sinnfälligerweise den Namen ›Herzohren‹ gegeben haben (FENEIS 1970: 186f.); bis heute ist – soviel ich weiß – ihre Bedeutung und Funktion noch nicht so richtig klar. ›Herzohren‹: Was für ein wohlklingendes Wort, sollte vielleicht selbst das Herz auf etwas hinlauschen, hinhorchen? Überhaupt, dass es im Kehlkopf einen von euch so benannten ›Schild-Knorpel‹ und sogar eine ›Schild-Drüse‹ gibt, das lässt mich als Schild-Kröte natürlich besonders aufhorchen. Wenn du dir einmal diese höchst komplizierte Organisation genauer anschaust, wirst du spüren, dass sich in dieser Region des Körpers etwas sehr Wichtiges und Geheimnisumwobenes vollzieht: zum einen die Geburt des Klanges der Stimme und zum anderen die gerade für Werdeprozesse entscheidende Rolle der Schilddrüse! Nicht unwichtig ist auch, dass sich in der Zeit der männlichen Pupertät hier sehr Wesentliches spiegelt, gerade was die Auseinanderentwicklung von männlich und weiblich betrifft; nicht nur, dass sich die Form des Schildknorpels verändert, der ganze Umwälzungsprozess findet schließlich in dem Phänomen des Stimmbruchs beim männlichen Jugendlichen seinen Niederschlag und wird hierdurch sogar hörbar. In einem gewissen Sinn spiegelt sich innerhalb der

1 Kehlkopf des Menschen mit Bändern und Muskelansätzen (aus RANKE 1886, I: 593). 2 Verschiedene Formen von Ohrmuscheln (aus RANKE 1868, II: 37).

Kopfregion im Kehlkopf ›in verwandelter Form das Fortpflanzungssystem, weshalb er bei der Pupertät mutiert‹. (SCHAD 1971: 238)« »Was aber ›zerbricht‹ hier eigentlich? Und warum sinkt die männliche Stimme überhaupt tiefer hinunter in die dunklere Tonlage?«, fragte ich sie unwillkürlich. »Heißt das etwa auch, dass sie tiefer hinunter in den Leib, in die Materie sinkt?«


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»Erinnere dich an das, was wir bei der Betrachtung des Dornröschen-Märchens zu der Bedeutung der dreizehnten Fee gesagt haben, und dass im Alter von etwa fünfzehn Jahren der Bezug zum weiteren Umkreis des Himmels zerbricht und sich ein vertieftes Eingehen in den Stoff vollzieht. Die organischen Formen der gesamten Kehlkopfregion lassen eine gewisse Ähnlichkeit mit jenen Organen erkennen, aus deren Vereinigung neues Leben hervorgeht; doch bemerkenswerterweise so, als wäre innen und außen, männlich und weiblich wie in einer Art Umstülpung geradezu vertauscht.« »Das würde ja bedeuten, dass der Kehlkopf nicht nur – wie schon bei den Gehörknöchelchen angesprochen – eine Integration der linken und rechten Seiten darstellt, sondern darüber hinaus auch eine der zwei Urpolaritäten von weiblich und männlich.« Einen kurzen Augenblick hielt ich inne. »Der Kehlkopf wäre dann in einem gewissen Sinne ›hermaphroditisch‹ – womit die Verbindung des Hermes mit dem Klang der Stimme und dem Kehlkopf offensichtlich würde. Sollte Hermes als der Gott des Weges, der ›Wegbereiter‹, wie er im Resonanzkörper der Chelys die verborgene Musikalität der Welt wieder zum Klingen brachte, durch den Kehlkopf und die schildkrötenförmige Mundhöhle im Ertönen der Stimme die im Stoff eingeschlossene Seele wieder zum Leben erwecken, erklingen und zu Wort kommen klassen, sie gar befreien, erlösen? – Aber natürlich: Der Kehlkopf liegt ja genau in der Mitte zwischen dem Kopf und dem Herzen, er vermittelt also auch diese Urpolarität! – Maja, ich bin ganz ergriffen von meinen eigenen Gedankengängen, die du in mir angeregt, ja geradezu entfacht hast!« »Neues Leben ›zeugen‹, mit Worten ein ›Zeugnis‹ ablegen, von etwas ›zeugen, erzeugen.‹ – Alle diese Begriffe haben ursprünglich etwas mit ›hervorbringen‹ zu tun. Etwas, was bisher verborDie innere Struktur des Kehlkopfs mit Stimmbändern (aus SUNDBERG 1992: 15).

gen, unsichtbar, noch nicht da war, wird ›in das Licht der Welt geholt‹, ›zur Welt gebracht‹, hervorgeholt, gezogen; auf diese Weise wird der Welt etwas Neues ›gezeigt‹: ›zeugen, ziehen, zeigen!‹«, gab mir Maja zu verstehen.


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»Die Organisation des Kehlkopfes hätte demnach etwas mit einer Art Werde-, Entstehungs- und Hervorbringungsprozess zu tun, gewissermaßen mit einer Geburt auf einer anderen Ebene?«, fragte ich verwundert zurück. »Gerade was den Zusammenhang von Kopf, Herz und Kehlkopf betrifft, so gibt es ein sehr außergewöhnliches und anatomisch einzigartiges Phänomen: Gewöhnlich nehmen alle vom Gehirn ausgehenden ›effektiven‹ Nervenbahnen den kürzesten Weg hin zu ihrem Zielort, wie zum Beispiel zu einem bestimmten Muskel. Bei jenen Nerven jedoch, die die Bewegungen der Kehlkopfmuskulatur und damit den Klang der Stimme formen, gibt es – und zwar für beide Körperhälften einen unterschiedlichen – Strang, der zunächst bis zum Herz geht und dann wieder zum Kehlkopf zurückläuft. Diese Nervenbahnen machen einen durchaus unüblichen Umweg, weswegen die Anatomen ihn ausdrücklich als den ›Nervus laryngeus recurrens‹ benennen (FENEIS 1970: 296; vgl. TOMATIS 1994: 25). Welch eine fantastische Chiffre der Natur ist doch die Geste dieser Nerven! Ohne Herz kein Klang, keine Stimme! In jedem, durch den ausströmenden Luftzug hervorgehenden und erklingenden Ton, in jedem Klang der Stimme schwingt und wirkt das Herz auf geheimnisvolle Weise mit. Im Klang ertönt Seele – das sonst Unsichtbare, Verborgene, völlig Ungegenständliche und daher Unfassbare offenbart sich dem wiederum so wunderbar auf den Klang hin gebildeten Ohr!« »Du hast recht, das mit diesen von der Nähe des Herzens zum Kehlkopf wieder zurücklaufenden Nerven ist wirklich ein sehr vielsagendes Phänomen. Allen Bewegungen und Gesten der Natur wohnt tatsächlich ein tiefer Sinn inne!«, pflichtete ich ihr bei. »Und noch etwas am Kehlkopf ist sehr merkwürdig und nicht weniger bedeutungsvoll: Genau hinter dem großen Schild-Knorpel befindet sich die nach ihm benannte Schild-Drüse. Ausgerechnet in dieser Drüse wird ein Hormon gebildet, das alle Wachstums- und Entwicklungsprozesse unter Mitwirkung der Hypophyse im Gehirn maßgeblich beeinflusst und steuert; vor allem aber entscheidet dieses Schilddrüsenhormon über das Eintreten der Metamorphose bei vielen Tieren! – Ja, ausgerechnet der Metamorphose, der Verwandlung der Gestalt! Wird zum Beispiel bei Kaulquappen von Fröschen die Produktion dieses Hormons ›Thyroxin‹ künstlich unterbunden, so ›verwandeln sie sich nicht, sondern wachsen zu Riesenkaulquappen heran‹; erhöht man die Menge dieses Hormons zu früh, ›so erfolgt sogleich die Metamorphose … zu winzigen Fröschen‹ (FELS 1974: 264).« Mit diesen Worten ergänzte Maja ihre bisherigen Ausführungen über den Kehlkopf. »Nach all dem gäbe es demnach einen tiefen inneren Zusammenhang zwischen dem Ohr mit seinem Vermögen des empfangenden Hörens, dem Herzen mit seinem alles verlebendigenden Impuls und dem Kehlkopf als empfangenden wie auch hervorbringenden Organ. – Liegt er doch auch genau in der Mitte zwischen dem Bewusstseinspol im Gehirn und dem Gegenpol des Herzens. Aus der Tiefe des Inneren kommt die Kraft, die Wärme, das Leben, der Atem, die Intensität des Klanges der Stimme hervor, wird dann im Kehlkopf vom Bewusstsein im Einklang mit


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dem Herzen – ›nervus recurrens‹ – modelliert und schließlich im Resonanzraum des Rachens und der Mundhöhle so geformt und akzentuiert, dass Sprache ertönen und sich geistiger Sinn in Worten offenbaren kann – auf dass Geist zur Welt kommt! – Wärst du mit einer solchen Sichtweise einverstanden?«, fragte ich sie ein wenig unsicher angesichts solch ungewohnter Gedankengänge. »Ich finde, du hast sehr gut erfasst und ausgedrückt, was ich dir mit meinem Hinweis auf den immer mit der Leier zusammen erklingenden Gesang von Hermes und Apollon anzudeuten versucht habe. Auch Hölderlin hat deutlich gespürt, wie gerade der Klang und der Ton der Stimme vom Wesen einer jeden Daseinsform kündet und daher besonders von der ›Treue‹, von der ›Art, wie eines in sich selbst zusammenhängt‹, Zeugnis gibt (HÖLDERLIN o.J.: 977). Ja, ich glaube, er war sogar der Auffassung, dass trotz und gerade wegen des Gewahrtbleibens aller individuellen Lebensformen dadurch, dass ›alles mehr Gesang und reine Stimme‹ würde (ebd.), das so sehr ersehnte Wieder-Eins-Werden von allem im symphonischen Zusammenklang aller zu erreichen wäre. Angesichts dieser innersten Zusammengehörigkeit von Chelys und Gesang, nimmt es da Wunder, dass Apollon diese Leier dem begnadeten Sänger Orpheus geschenkt hat? ›Bei seinem Gesang und Spiel, so heißt es, vergaßen die wilden Krieger seiner Heimat, … all ihre Wildheit, und er beeinflusste mit seinem Spiel auch die wilden Tiere und konnte Felsen und Bäume … bewegen‹ (SCHADEWALDT 1976: 79). Welch wunderbares Zusammenspiel zwischen der Schildkrötenleier und der menschlichen Stimme, welch ein einmaliger daraus hervorgehender Einklang mit der ganzen Welt! Wenn das kein treffendes Sinnbild für Resonanz ist!« »Maja, warum aber hat dann alles dennoch eine so tragische Wendung mit Orpheus genommen?«, fragte ich. »Sich darüber gründlich Klarheit zu verschaffen, ist sehr wichtig, finde ich. Wir wollen uns, während wir hinauf auf diese Anhöhe gehen, näher damit befassen«, gab mir Maja zu verstehen. Wir gingen zunächst noch ein Stück dem schmalen Weg an dem Felsabhang entlang, bis wir schließlich einen langgezogenen Bergrücken erreichten, von dem man einen noch höher gelegenen Hügel sehen konnte. »Was meinst du: Wie alt mag Orpheus gewesen sein, als er sich zu so vollkommener Resonanz hat einschwingen, oder besser sogar aufschwingen können?«, fragte mich Maja. »Du meinst, dass er vielleicht noch sehr jung war, als ihn – um mit Hölderlin zu sprechen – noch ›goldene Tage umfingen‹ und ihm in allem die ›Seele der Natur‹ erschien (HÖLDERLIN o.J.: 45f.; vgl. KERENYI 1983, Bd. II: 221)? Aber was geschah dann und warum?«, fragte ich sie zurück. Schildkröte als Schwingungsfeld (Grafik A. Lauterwasser).


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»Vielleicht entspricht ja die Art und Weise des In-der-Welt-Seins des jugendlichen Menschen in einigen wichtigen Aspekten dem früherer Zeiten der Menschheit überhaupt? Die Hopi-Indianer haben die Erinnerung an die einstige Zeit so beschrieben: ›Die lebendigen Körper von Mensch und Erde waren von gleicher Art. Durch jeden lief eine Achse. Die Achse des Menschen war seine Wirbelsäule, die das Gleichgewicht bei seiner Bewegung herstellte. Auf dieser Achse lagen Schwingungszentren, welche den Urklang des Lebens durch das ganze Universum widerschallen ließen ... Das erste dieser Zentren lag beim Menschen am Scheitel. Hier war bei seiner Erschaffung die weiche Stelle, ... die ‘offene Tür’ gewesen, durch die er das Leben empfing … Bei jedem Atemzug hatte sich die Stelle auf und ab bewegt – in sanfter Schwingung vereint mit dem Schöpfer‹ (WATERS 1983: 26). Das Gehirn galt als das zweite Zentrum, worauf als drittes der Kehlkopf folgte, ›wo die Öffnungen von Nase und Mund verbunden sind, durch welche der Mensch den Atem des Lebens empfing. Dort lagen die Schwingungsorgane, die es ihm ermöglichten, den Atem als Klang zurückzugeben. Dieser Urklang war – genau wie der Klang von den Schwingungszentren des Erdkörpers – in Harmonie mit der allumfassenden Schwingung der ganzen Schöpfung. Der andere Zweck dieser schwingenden Organe war es, ganz neue, verschiedenartige Klänge zu erzeugen: So hatte der Erdenmensch Sprache und Gesang‹ (ebd.). Wie im Verlauf ihrer Geschichte die Menschheit diesen Ein-Klang zunehmend verlor, so muss im Leben des Orpheus etwas geschehen sein, wodurch auch für ihn diese Über-Ein-Stimmung mit dem Ganzen zerbrach und verlorenging. Nachdem er sich mit der jungen und schönen Eurydike vermählt hatte – deren Namen übrigens so viel wie die ›weithin Richtende‹ bedeutet (KERENYI 1983, Bd. II: 222) – geschah etwas, was an die gestern schon erwähnte Situation zwischen Tristan und Isolde erinnert: Liefert er doch Isolde, obwohl er gerade erst seiner tiefen Liebe zu ihr innegeworden ist, an den alten König Marke aus, der nur in der bekannten ›alten Weise‹ (WAGNER: Tristan) auf die Frau hinzuschauen vermag und dadurch gerade ihr Wesen durch das Augenscheinliche verliert und verfehlt. In der Sage des Orpheus sieht sich nun Eurydike kurz nach ihrer Heirat einem Fremden gegenüber – Aristaios mit Namen –, der ihr auch in der ›alten Weise‹ nachzustellen versucht. Sollte dieser fremde Mann vielleicht eine ihr bisher in Orpheus selbst verborgen gebliebene, fremde Seite des Männlichen repräsentieren, die das Wesen des Weiblichen völlig verkennt und missachtet? Auf der Flucht vor dem gewaltsam Besitz ergreifen wollenden Zu- und Übergriff dieses Fremden, läuft Eurydike durch eine Wiese, wo sie von einer Schlange in den Fuß gebissen wird – aus ihrem reinen, lichten und lebendig-jungen Bezug stürzt sie hinab in das dunkle Schattenreich des Hades-Dis. Im sie nur fest-halten und zwingen wollenden, alle freie Lebendigkeit unterdrückenden und alle Andersheit vergegenständlichenden Missgriff wird sie zu seinem Objekt und als bloßes Ding ins Reich der Gegenständlichkeit gestoßen. Sehr aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Bericht des Mythos, dass als Folge des Missgriffs diesem Aristaios, der ein bekannter Bienenzüchter war, ›alle Bienen starben‹ (RANKE-GRAVES 2008, Bd. II: 252). Verstehst du dieses Sinnbild?«, fragte mich Maja eindringlich.


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»Da die Bienen mit ihrer Königin in der Mitte ein Sinnbild für die innerste weibliche Wesensart darstellen, würde deren Absterben bedeuten, dass unter einem gewissen männlichen Selbstverständnis – dem zumeist auch eine alles bestimmen wollende Denkstruktur entspricht – die reale Frau an der Seite des Mannes wie auch seine eigene weibliche Seite in ihm selbst, sein ›inneres Mädchen‹ (RILKE ), auf der Strecke bleiben und dahinsterben?«, gab ich ihr etwas unsicher zur Antwort. »Ja«, meinte Maja, »so langsam kommen wir einem tieferen Verständnis der ganzen Geschichte näher. Doch stelle dir vor: Auch in diesem Mythos ist es wieder der dir von heute Nacht bekannte Proteus, der jenem Aristaios zu Bewusstsein bringt, dass ›das Sterben seiner Bienen eine unmittelbare Folge seines eigenen Fehlverhaltens Eurydike gegenüber ist, durch das sie zu Tode kam‹ (RANKE-GRAVES 2008, Bd. II: 252).« »Welch ein erschütterndes Bild! Und das wird tatsächlich so in einem der Mythen aus dem Umkreis der Orpheus-Sage erzählt?«, wollte ich wissen. »Genau ein solcher Zusammenhang wird hergestellt, und zwar von den alten Griechen selbst und nicht von mir!«, gab sie darauf zu verstehen. »Wir haben diese Tragödie des Bewusstseins bereits ausführlich thematisiert: Das männlich betonte, alles vergegenständlichende Denken des herzlosen Kopfes wird zum ›Grab des Lebens‹ (HEGEL). Eurydike – sie ist die Seele des Lebens und das Leben der eigenen Seele! Aristaios – das vielleicht etwas zu ›aristo-kratisch‹ überhebliche, weil sich selbst als ›das Beste‹ wähnende Verstandesbewusstsein des Orpheus! – Du weißt: ›Aristos‹ bedeutet ›der Beste‹ und ›kratein‹ bedeutet ›herrschen‹! Also: Weil die falsche Instanz im Menschen die Herrschaft an sich reißt und meint, alles nach ihren egozentrierten Gesichtspunkten bestimmen zu können, kommt es zu einer Ver-Stimmung zwischen dem Kopf und dem Herz, bis die ›innere Stimme‹ ganz verstummt. Sie ist die Stimme eures eigenen Wesens, der einzigen Instanz, die darüber zu befinden hat, ob ihr in Über-ein-Stimmung mit eurer Bestimmung lebt oder nicht! Eurydike, die ›weithin Richtende‹, die euch die richtige Richtung Weisende, die Vermittlerin jener euch zugedachten ›kaiserlichen Botschaft‹ (KAFKA), euer um alles wissendes Ge-wissen; Eurydike, die euch längst durchschaut hat, und euch als ›innere Stimme‹ warnt, wenn ihr wieder einmal im Begriff seid, euch selbst – euer Selbst – nicht ernst zu nehmen. Als Orpheus bemerkt, dass Eurydike in die Unterwelt – in das Unterbewusstsein – gestürzt ist und er jegliche Verbindung mit ihr verloren hat, hebt er sein Klagelied an, durchzieht verzwei-felt singend – schmerzvoll seine eigene innere Ent-zwei-ung fühlend – durch ganz Griechenland und schreitet schließlich hinab in das Reich der Toten, hinein in das ›Grab des Lebens‹, um sie wiederzuerlangen. Dort gelangt er vor Hades und Persephone; und auch Eurydike, die noch unter den ›neuangekommenen Schatten‹ weilte (KERENYI 1983, Bd. II: 223) kam aufgrund des vom Schlangenbiss angeschwollenen Knöchels mit langsam schleifenden Schritten daher.«

Orpheus. Bild auf einer altgriechischen Vase.

»Meinte nicht tatsächlich einmal jemand, Schildkröten hätten wie geschwollen wirkende Klumpfüße als Hinterbeine!«, fiel mir spontan dazu ein. »Also, dass ihr hinken würdet, das kann


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man nun nicht behaupten. Aber man kann schon zuweilen den Eindruck haben, als würdet ihr euch nur mit Mühe über den Boden schieben. Schließlich ist die Schildkröte von allen Wirbeltieren, und selbst noch unter den Kriechtieren, jenes, das sich am schwerfälligsten und mühseligsten über die Erdoberfläche fortbewegt.« »Ob hinken, humpeln, schlürfen, schleifen oder schieben – das alles sind Bilder für eine unfreiwillig gehemmte eigene Beweglichkeit, für eine zwanghaft unterdrückte innere Lebendigkeit und Freiheit!«, ergänzte Maja mit bestimmter, ernster Stimme. »Doch zurück: Jetzt, in diesem entscheidenden Augenblick ist es nicht der Kopf des Orpheus allein, der die unfassliche und im Grunde genommen völlig ausgeschlossene Umkehr Eurydikes zurück ins Leben zu bewirken vermag, sondern sein durch das Herz impulsierter und intonierter Gesang, begleitet von den Klängen der Schildkrötenleier – also dadurch, dass das Bewusstsein wieder eine Verbindung zu seinem eigenen Herzen gefunden hatte. Die Schildkröte – so habe ich dir schon zu Anfang gesagt – ist ein Kopf, in dem ein Herz schlägt! Diese, sogar Steine erweichenden Klänge waren es, die die Unabänderlichkeit des Schicksals, die von ihm selbst geschaffenen Zwangszusammenhänge wieder auflösen und die Verlorene erneut in den Strom des Lebens zurückzuholen vermochten. Der lebendige Fluss der Musik, ihre rhythmischen Schwingungen, ihr beseeltes Pulsieren allein konnten Eurydike – Inbegriff des Lebens der eigenen Seele – der toten Gegenständlichkeit wieder entreißen und ihr ihre eigene Lebendigkeit wiederschenken.« »Es ist unbeschreiblich, welch tiefgründige Zusammenhänge du wieder vor mir ausbreitest«, sagte ich innerlich bewegt von ihren Ausführungen. »Doch das eigentlich Furchtbare kommt ja erst noch: Nachdem Orpheus diese Umkehr, diese innere Wende geschafft hatte, machte er sich auf den Weg hinauf und zurück ins Leben, und wenige Schritte hinter ihm ging, von Hermes geleitet, Eurydike, ... doch dann ... geschah das Unbegreifliche: Orpheus begann dem Versprechen der Götter, der hörend nur vernehmbaren inneren Welt, zu misstrauen, weil er meinte, nur dem selbst und äußerlich-real Gesehenen Glauben schenken zu können. ›Und als plötzlich jäh der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf die Worte sprach: Er hat sich umgewendet, begriff sie nichts und sagte leise:Wer? ...‹ (Orpheus.Eurydike.Hermes, aus RILKE 1976, Bd. II: 542)

Wer? – Der herzlose Verstand war es, der nicht umgeschwenkt und zurückgeschaut hat! Am äußerlich Sichtbaren haftend und nur dem Gegenständlichen Wirklichkeit zubilligend hatte der Kopf – im gleichen Ungeist wie zuvor Eurydikes unselig-seelenloser Verfolger Aristaios – sie auf das ihm allein Fassbare und Greifbare beschränkt und darin zugleich alles Zukünftige, neu Werden-Wollende und daher noch vollkommen Unfassbare zerstört. Der Verstandes-Kopf war es, der das ihm weit voraus seiende eigene Herz verriet und im Stich ließ, da er das Lebendige durch seine eigene Rückwärtsgewandtheit der Erstarrung im Vergangenen auslieferte, anstatt


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sich selbst rückhaltlos, ohne jeglichen Halt im Gegenständlichen, der Verheißung des Werdens anheimzugeben. Seiner eigenen inneren Lebendigkeit auf diese Weise endgültig verlustig geworden, fällt 2

Orpheus selbst dem Gesetz der Dinge anheim und zerfällt. – Dionysische Mänaden hätten ihn zerrissen, berichtet der Mythos ...« Stumm ging Maja unaufhaltsam weiter, ich selbst wagte nach dieser Geschichte kein Wort mehr zu sagen. Nach einiger Zeit sprach sie: »Zeus hat dann die Schildkröten-Leier an sich genommen und hinauf in den Himmel versetzt, wo sie noch heute zu sehen ist, ganz in der Nähe des ›Schwans‹ und dem Kopf des ›Drachens‹. Die ›Wega‹, der hellste Stern in der ›Leier‹, wird in etwa 12 000 Jahren der Polarstern für die Erde sein.« Inzwischen hatten wir die Hälfte der Strecke bis zur Baumgruppe auf dem Hügel zurückgelegt.

1 Der Tod des Orpheus. Altgriechisches Vasenbild.

Immer weiter öffnete sich der Blick auf die uns umgebende Landschaft, auf das tiefer gelegene breite Tal und weit entfernt auf den Bodensee. Da bemerkte ich, wie Maja immer langsamer wurde und immer öfter wie versunken in sich hinein und zugleich in die Ferne blickte.

2 Die Leier des Orpheus als Sternbild, Abbildung aus dem Codex Ms 188 Aratus der Bibliotheque municipale von Boulogne sur Mer, Frankreich (aus THORBECKE 2004: 63). 3 Sternbild der Leier, daneben der Schwan.

»Maja«, fragte ich ein wenig scheu, »was ist mit dir? Der Anstieg ist doch nicht plötzlich zu mühsam für dich?« »Nein, mir ist kein Aufstieg zu anstrengend – aber die Stunde ...« Da stockte sie, und erst nach längerem Schweigen vollendete sie ihren angefangenen Satz: »Mit jedem Schritt rückt die Stunde unseres Abschieds immer näher, denn unsere Wege werden sich bald trennen.«


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»Aber warum denn?«, fragte ich fassungslos. »Warum kannst du mich denn nicht weiterhin begleiten, sodass wir zusammenbleiben können?« »Sternstunden sind nun eben einmal – wie der Name schon sagt – nach der Dauer von Stunden bemessen und nicht nach der von Tagen oder gar Wochen und Monaten. Aber unsere Begegnung war so tief, dass ich ab jetzt immer in dir sein werde, auch wenn du mich äußerlich nicht siehst«, gab sie mir zu verstehen. Schweigend gingen wir weiter nebeneinander den Hügel hinauf. Nach einiger Zeit fragte sie mich: »Was willst du eigentlich machen, wenn ich fort bin?« Da ich noch immer von der Tatsache des bevorstehenden Abschieds ganz betroffen war und mich sehr unsicher fühlte, blieb ich zunächst sprachlos und vermochte ihr keine Antwort zu geben. Auch ein wenig aus Verlegenheit sagte ich einige Zeit später: »Vielleicht sollte ich ein Buch über unsere Begegnung schreiben und von allem berichten, was du mir an Gedanken eröffnet hast, um es so an andere Menschen weitergeben zu können. Was meinst du?« »Wie? Ein Buch willst du schreiben? Aber wenn du wirklich darin alles darlegen willst, was wir zusammen besprochen und erlebt haben, dann wird das ein ›Riesen-Schildkröten-Buch‹! Ich weiß nicht, ob du für ein solches Vorhaben einen Verleger finden wirst!«, gab sie mir zur Antwort. »Da könntest du allerdings recht haben; aber ich werde auf jeden Fall versuchen, den Verlag meiner bisherigen Bücher dafür zu interessieren«, entgegnete ich. »Du könntest ja dem Leiter des Verlages, Herrn Hunziker, und der Lektorin, Frau Schmidhofer, einen Gruß von mir ausrichten und ihnen mitteilen, dass ich sie um Verständnis bitte, wenn sich die vielen Aspekte und Bedeutungszusammenhänge des nun schon Jahrmillionen währenden Daseins der Schildkröte auf der Erde nur schwerlich auf einhundert Seiten beschränken und angemessen darlegen lassen. – Aber, selbst wenn nichts daraus werden sollte, dann kannst du das mit mir Erlebte ja trotzdem für dich selbst niederschreiben.« Es waren inzwischen nur noch wenige Schritte bis hinauf zu dem höchsten Punkt der Anhöhe; da fügte sie noch hinzu: »Ich bin damit einverstanden, wenn du ein Buch über unsere Begegnung schreiben möchtest!« Wieder hielt sie inne und erst, als wir ganz am obersten Punkt angelangt waren, fuhr sie fort: »Du musst mir aber versprechen, dass du dem, was ich dir gestern andeutungsweise zu deinen ›Wasser-Klang-Bildern‹ gesagt habe, weiter auf den Grund gehen wirst! Vergiss die heutige Nacht nicht: Nur in Übereinstimmung mit der vom linken Auge des ›Drachen‹ ausgehenden, durch dich und dann durch den Mittelpunkt der Erde hindurchgehenden und bis zum Antipoden verlaufenden Achse bist du im Lot!« »Nur dann bin ich ›im Lot‹?«, fragte ich halblaut. »Wie soll ich das verstehen und deuten?«


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Da streckte sie ihren Kopf weit heraus, blickte mich zuerst eindringlich an, schaute dann weit hinauf in den Himmel und sprach: »›Götter schreiten vielleicht immer im gleichen Gewähren, wo unser Himmel beginnt; wie in Gedanken erreicht unsere schwereren Ähren, sanft sie wendend, ihr Wind. Wer sie zu fühlen vergaß, leistet nicht ganz die Verzichtung: dennoch haben sie teil. Schweigsam, einfach und heil legt sich an seine Errichtung plötzlich ihr anderes Maß.‹ (Rainer Maria RILKE 1976, Bd. III: 159)

Hast du das verstanden?«, fragte sie mich ernst, aber mit einem freundlichen Unterton in der Stimme. »Da, ›wo unser Himmel beginnt‹, ist etwas, was uns frei sein lässt in unseren Entscheidungen; in Form von Ahnungen oder gar Eingebungen werden von dort her Gedanken in uns angeregt oder geweckt, die uns Hinweise geben, so wie die Ähren eines Feldes von einem Windhauch berührt und bewegt werden, oder wie die Blätter einer Espe ... oder wie bei dieser eindrucksvollen altägyptischen Statue des ›Chephren‹, hinter dessen Haupt ein Falke sitzt, der nur mit einer sanften Berührung seiner Flügel das Denken und Schauen des Pharao auf das Wesentliche hinzulenken scheint.« Mit diesen Worten versuchte ich mitzuteilen, was mir spontan zu diesem Gedicht eingefallen war. »Welche schönen Zusammenhänge du inzwischen selbst herstellst! Ich spüre sehr deutlich, dass du in den letzten zwei Tagen doch einige Einsichten gewonnen hast. Und weiter?« »Wer das Gefühl für die eigene stimmige Richtung verloren hat, ist nicht immer bereit, davon zu lassen, was er im Grunde seines Herzens gar nicht tun möchte. Und dann mangelt es meistens als Folge davon an der Kraft, sich wirklich für das zu entscheiden, was man eigentlich tun will«, gab ich ihr zur Antwort. »Doch das tiefste innere Wesen, das zugleich das Höchste ist, weiß um alles Tun und Lassen und nimmt daran Anteil; es wartet mit Engelsgeduld darauf, dass man jene Ahnungen ernst nimmt und – um bei deinem Beispiel zu bleiben – sich wie das Laub einer Espe auf den leisesten Windhauch hin regt. Und dann verspürst du eines Tages, dass bei all deiner äußeren wie inneren Selbst-Ständigkeit diese Erhebung nur dann nicht zur maßlosen Überheblichkeit gerät, wenn du bereit bist, diese deine Auf-Richtung an jenem ›anderen Maß‹ auszurichten und dich von diesem leiten zu lassen. – Verstehst du, wie ich das meine? – Vielleicht meint ja der Name Eurydikes eher die ›weithin sich Aus-Richtende‹, und somit wäre sie in euch Menschen die tiefe Sehnsucht nach dem Im-Lot-Sein; sie wäre die innere Bereitschaft, der Richtung des Lots zu


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entsprechen und euer eigenstes Vermögen, in Resonanz mit eurer Bestimmung zu kommen. Sie wäre eure kostbarste Möglichkeit!«, fügte sie hinzu. »›Eurydike in der Unterwelt‹ würde dann bedeuten, dass diese Sehnsucht verdrängt wird, aus dem eigenen Lebensvollzug ausgeschlossen bleibt und die Entwicklung und Entfaltung dieses Vermögens unterdrückt, verunmöglicht oder gar abgetötet wird«, antwortete ich ihr bestürzt. »Das innere Streben nach der Ausrichtung des eigenen Lebens hin auf das eigene Lot wäre demnach ein weiterer Bedeutungszusammenhang für das Sinnbild der von unten nach oben gespannten Saiten der Chelys-Schildkrötenleier, auf der Apollon spielt, oder?«, fragte ich. »Erst in diesem Hingespanntsein in die wirklich eigene Richtung kann das Licht in einem zu spielen beginnen und strömen – aber nicht für dich in dich hinein, sondern durch dich hindurch, hinein in und für die Welt!«, ergänzte sie meine Gedanken und fuhr fort: »Vielleicht verstehst du jetzt erst die gegenüber allen anderen Wirbeltieren so ungewöhnliche und eigenartige räumliche Lage von uns Landschildkröten. Ob wir laufen, liegen oder schlafen, immer sind wir flach mit der Bauchseite am oder ganz nah am Boden; dies ist aber nicht als ein Zeichen einer völlig passiven räumlichen Haltung anzusehen, sondern als Ausdruck einer im Laufe von Jahrmillionen zur festen Körpergestalt gewordenen unablässigen Geste des Hinorientiertseins auf jene vom Himmel kommende und bis zum Erdmittelpunkt reichende Achse. Meine Form und 1 Die geheimnisvolle Form des »Gömböc« (aus GEO 2 2008: 150/151).

die zur Erdoberfläche hin nahezu unveränderliche Lage ist das Bild eines unverrückbaren ImLot-Seins. Wehe, wenn wir diese Position zu sehr verlassen, sodass wir auf den Rücken fallen! – Es gibt für uns nichts Unangenehmeres, weil Unangemesseneres und lebensbedrohlich Gefähr-

2 Indische Sternschildkröte.

licheres! Sollte es doch einmal geschehen, sind alle Landschildkröten darum bemüht, sich so

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schnell wie möglich wieder aus dieser misslichen Lage zu befreien. Die indische Sternschildkröte ›Geochelone elegans‹ ist darin Meisterin; sie hat ihren Panzer so elegant nach oben hin ausgewölbt, dass sie eine ganz besondere Lage des Schwerpunkts in sich erlangt hat. Kommt sie auf den Rücken zu liegen, rollt sie fast wie von alleine wieder in die ihrer Bestimmung gemäße Lage zurück. – Ungarische Forscher haben diese besondere Körperform der Sternschildkröte mit der Form eines in dieser Hinsicht idealen geometrischen Körpers verglichen, der sich auch wie von selbst wieder ausrichtet; sie haben ihn ›Gömböc‹ genannt, von ungarisch ›gömb‹, die ›Kugel‹ (GEO 2.2008: 150; vgl. Dambeck 2008). Von großer Bedeutung für das ganze Thema des Lotes ist auch das chinesische Schriftzeichen für ›Mitte‹: ein senkrechter Strich, ›symbolisch auf die Weltachse, auf die ‘gelbe Mitte’ vom himmlischen Auge bis zur Leibesmitte ... bezogen‹ geht durch ein Oval und endet unten in einem kleinen weißen, runden Raum, einer Kugel: sie bedeutet die ›Keimperle‹ (ROUSSELLE 1933: 199). – Schon wieder eine Perle! Inzwischen weißt du ja um deren innere Bedeutung. Aber nun komm, setze dich hier zu mir ins Gras, und lass uns noch ein Weilchen den Blick über das weite Land genießen; dort hinten im Süden ist sogar der Säntis zu sehen. Gestern hatten wir es von jenem auf der Spitze dieses Berges auflodernden Licht und vom Mythos der von einer Waberlohe umgebenen und in einer Schildburg schlafenden Walküre. Es gibt noch einen weiteren nordischen Mythos, der auch von einer wartenden Frauengestalt erzählt, in einer unüberwindbaren und von Flammen geschützten Burg, hoch oben auf dem ›Lyfiaberg‹, dem Berg der Verborgenheit. ›Menglöd‹ heißt diese Frau, die ›Halsbandfrohe‹; damit ist vermutlich der sternenfunkelnde Tierkreis gemeint, mit seinen das ganze irdische Geschehen durchwaltenden Kräften und Urbildern. Wie Eurydike wäre Menglöd das innerste Vermögen des Menschen, in Resonanz mit dem All zu gelangen. Sie, die ›froh‹ wäre, wenn der individuelle Mensch seine eigene Aufrichtung wieder frei in Übereinstimmung mit dem eigenen Lot brächte. In dieser »Der Schmetterling

Geschichte, die ich dir jetzt nicht ausführlicher erzählen kann, spielt auch die senkrechte Achse eines mächtigen Baumes eine wesentliche Rolle. Menglöd wartete sehnlichst auf ›Svipdag‹– in

Ich, Tschuang-Tschou, träumte

diesem Wort klingt ›svip‹ an, was so viel bedeutet wie ›verzwirnen‹ oder ›ineinander verflechten‹,

einst, ich sei ein Schmetterling,

›verwirbeln‹ und das ›dag‹, also der ›helle Tag‹; sein Name will also sagen: das sich frei in das

ein hin und her flatternder

Licht einschwingende, auf das Ganze hin ausrichtende wache Tages-Bewusstsein des Men-

Schmetterling, ohne Sorge

schen‹ (EDDA 2000: 108f.; GOLTHER 1895: 451f.).«

und Wunsch, meines Menschenwesens unbewusst. Plötzlich

Ich setzte mich neben sie und wir schauten lange schweigend hinunter in die morgendliche

erwachte ich; und da lag ich:

Landschaft. Da kam auf einmal ein Schmetterling dahergeflogen und ließ sich auf einer der Wie-

wieder ›ich selbst‹. Nun weiß

senblumen nieder.

ich nicht:War ich ein Mensch,

Maja betrachtete ihn intensiv, als wäre sie in seinen Anblick ganz versunken, bis sie mich,

der träumt, er sei ein Schmetter-

fast ein wenig verträumt, fragte: »Du kennst doch sicherlich jenen berühmten ›Schmetterlings-

ling, oder bin ich jetzt ein

traum‹ des Dschuang-Dsi?«

Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch? Zwischen

»Ja, Maja, ein wundersamer Text«, antwortete ich.

Mensch und Schmetterling ist eine Schranke. Der Übergang

»Weißt du, mir ergeht es manchmal so wie Dschuang-Dsi. Auch ich träume ab und zu, ich wäre

ist Wandlung genannt.«

ein Schmetterling, und wenn ich dann wieder erwache, weiß auch ich nicht mehr, ob ich nun

(TSCHUANG-TSE 1951)

eine Schildkröte bin, die träumt, sie sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumt,


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er sei eine Schildkröte. Zwischen Schildkröte und Schmetterling ist ein Unterschied. ›Der Übergang ist Wandlung genannt‹ (TSCHUANG-TSE 1951: 27; vgl. DSCHUANG-DSI 1974: 52).« »Das ist ja ein noch viel wundersamerer Traum als der des Dschuang-Dsi!«, entgegnete ich ihr. »Gibt es doch fast keinen größeren Gegensatz als den zwischen einer Schildkröte und einem Schmetterling!« »Du magst recht haben, was die Entgegensetzung von Schwere und Leichtigkeit, von Schwerfälligkeit und Schwebe, von systolischer Zusammenklumpung und diastolischem Ausgebreitetsein, von erdhaften Brauntönen und leuchtender Farbigkeit anbelangt, aber ...«, und da hielt sie kurz inne, »ich würde auch nicht von Gegensätzlichkeit sprechen, sondern eher von einer antipodischen Polarität. Zwischen Polaritäten gibt es nämlich immer den Prozess der Wandlung des einen Gegenpols in den anderen, jenen geheimnisvollen Übergang vom einen ins andere. Höre nur, wie unübertroffen Nelly Sachs, tief an das Mysterium dieses Wandlungsprozesses rührend, den Weg des Schmetterlings beschrieben hat: ›Schmetterling Welch ein schönes Jenseits ist in deinen Staub gemalt. Durch den Flammenkern der Erde, durch ihre steinerne Schale wurdest du gereicht, Abschiedsgewebe in der Vergänglichkeiten Maß. Schmetterling, aller Wesen gute Nacht! »Das chinesische Schriftzeichen Dschung ›Mitte‹. Der senkrechte Strich wird u.a. symbolisch auf die Weltachse, auf die ›gelbe‹ Mitte vom himmlischen Auge bis zur Leibesmitte, auf das ethische Prinzip der Mitte des Rechten usw. bezogen, zugleich aber auch auf den Strom, der beim ›Kreislauf des Lichtes‹ von oben her über die Stirne geht. Die durchströmte ovale Figur … stellt gleichzeitig das dritte oder ›himmlische Auge‹ dar. Am unteren Ende des senkrechten Pfeiles ist ein kleiner weißer Raum freigelassen. Das bedeutet die Keimperle ...« (Aus ROUSSELLE 1934: 199)

Die Gewichte von Leben und Tod senken sich mit deinen Flügeln auf die Rose nieder, die mit dem heimwärts reifenden Licht welkt. Welch schönes Jenseits ist in deinen Staub gemalt. Welch Königszeichen im Geheimnis der Luft.‹ (Nelly SACHS 1988: 148)

›... durch den Flammenkern der Erde, durch ihre steinerne Schale wurdest du gereicht‹. – Klingt das nicht fast so, als wäre der Schmetterling im Laufe seines Verwandlungsprozesses geradezu durch die Erde – und damit auch durch mich und meine ›steinerne Schale‹ hindurchgegangen? Oder noch besser: Als wäre ein vom Urquell der Welt Herkommendes erst durch meine Erscheinungsform, dann durch die des Schmetterlings hindurchgegangen, um dann wieder den Kreis


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mit dem Anfang zu schließen? – Was sollte denn überhaupt ein Schmetter-ling bei seiner Wandlung zer-schmettert haben, wenn nicht diese steinerne Schale?« Sie machte eine lange Pause, bevor sie fortfuhr: »Aus den Anfängen und Urzeiten der Welt komme ich her und trage den im festen Stein verborgen ruhenden Urimpuls der Schöpfung, wie das Herz in meinem festen Panzer durch alle Zeiten hindurch, geduldig und ausdauernd, unbeirrt und treu, wissend um die tiefsten Gründe, bis hin zum gemeinsamen Ziel von allem. Aber dahin wird es nur kommen, und mein Schmetterlingstraum wird nur wahr werden können, wenn ihr Menschen dieses vielleicht einmalige und einzigartige Mysterium Erde, die Heimat des Wunders des Lebens, nicht zuvor in eurer Verblendetheit und eurem Wahnsinn zerstört.« 1 Sich an den Ufern des Amazonas auf einem Holzstamm sonnende Schildkröten. »Die Tränen der Schildkröten – ein Lebenselexier für Schmetterlinge« (Foto: André Bärtschi, aus GEO Spezial 5 1994: 120/121).

Als ich zu ihr hinsah, bemerkte ich, dass sie Tränen in den Augen hatte. Im gleichen Augenblick fiel mir ein Bild ein, das ich einmal gesehen hatte: Wasserschildkröten des Amazonas saßen auf einem Stück Holz und sonnten sich, umflattert von vielen Schmetterlingen; die Bildunterschrift hatte gelautet: ›Die Tränen der Schildkröten – ein Lebenselexier für Schmetterlinge‹ (GEO Spezial: Amazonas, 5.1994: 120). »Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, und bei der Betrachtung meiner Bauchseite gestern

2 Strukturen der Bauchschilde von vorne und von hinten im Vergleich mit den Flügeln von Schmetterlingen, Collage (Schmetterlingszeichnungen aus SCHNACK o.J. a: 23.b: 24).

Nachmittag ist es dir sicherlich nicht aufgefallen, aber: Verborgen trage ich dort in Gestalt der Umrisse der 4 vorderen und der 4 hinteren Schildplatten sogar die Signaturen von zwei Schmetterlingen auf mir ... ›Zukünftiges voraus lebendig‹, so hatte es doch bei Goethe geheißen.« Freudig lächelnd schaute sie mich an.


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Gerade als ich im Begriff war, ihr zu sagen, dass ich das fast nicht glauben könne, entgegnete sie mir schnell: »Ich spüre es sehr genau. – Gerade wolltest du mich bitten, dir doch noch einmal meine Bauchseite zu zeigen. Aber hüte dich davor, dass es dir wie Orpheus ergeht, der auch meinte, nur dem Glauben schenken zu können, was er mit eigenen Augen gesehen hat, anstatt der göttlichen Verheißung zu vertrauen!« 1

Betroffen und fast ein wenig beschämt über meine unangebrachte Neugierde wandte ich meinen Blick hinunter in das Tal und schwieg. Beide blieben wir lange Zeit wortlos nebeneinander sitzen. Dann sagte sie plötzlich: »So, Alexander, jetzt ist der Augenblick des Abschieds gekommen. Gehe nun hinunter nach ›Steigen‹, so heißt doch der Ort, in dem du wohnst. Aber du darfst dich nicht nach mir umsehen. Dafür werde ich immer in dir, mit dir sein.« Ich wollte mich ihr zuwenden und ihr für alles danken, was ich durch sie erfahren und erleben durfte, da sagte sie ganz leise und warmherzig mit dem unvergesslichen Klang ihrer Stimme: »Danke mir nicht mit Worten, danke mir durch dein Leben! Lebe wohl, Alexander!« Und sie drehte sich um und ging vermutlich in nördlicher Richtung den Hügel wieder hinunter, wie ich dem immer leiser werdenden Geräusch ihrer Schritte entnehmen konnte. Denn mich nach ihr umzuwenden wagte ich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dann dort oben sitzen geblieben bin, alles um mich herum vergessend; was ich noch wahrnahm, war der milde südliche Wind, der sanft über das Land hinzog. Da, auf einmal ließ sich ein Schmetterling auf meinem Handrücken nieder – es war ein Apollo-Falter. Er blieb ruhig sitzen, breitete seine Flügel weit aus, um sich in den Strahlen der morgendlichen Sonne zu wärmen – wie es die Schildkröten auch so gerne tun. Plötzlich war mir, als hörte ich Maja zu mir sagen – aber so, als käme ihre Stimme aus meinem eigenen Inneren: »Lies, was auf seinen Flügeln steht!« – Hatte sie jetzt seinen oder meinen Flügeln gesagt? Ich war verwirrt und begriff zunächst nichts. Dann begann ich, das Muster auf den Flügeln des Schmetterlings genauer zu betrachten und erinnerte mich daran, irgendwann einmal Fotos des ganzen Alphabets nur aus den farbigen Zeichnungen von Schmetterlingen gese-

1 Apollofalter (Foto: Gerhard Merk). 2 Strahlenschildkröte (aus SOWERBY 1872).

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hen zu haben. Und tatsächlich, ich konnte so etwas wie eine Schrift entziffern und las leise vor mich hinsprechend die Worte: »Denen ist die Erde leicht, die sie lieben.« (CAMUS, Die Pest) Im gleichen Augenblick wurde der Wind etwas stärker, der Apollo-Falter löste sich von meiner Hand und ließ sich im Schwebeflug, ohne einen einzigen Flügelschlag, langsam über die Wiese den Hang hinabgleiten. Ich stand auf und verließ die Anhöhe. Im Hinuntergehen kam mir das Gedicht eines altchinesischen Zen-Meisters aus dem ›Bi-Yän-Lu‹ in den Sinn, das mich schon immer tief berührt hatte, sich mir jedoch in diesem Moment erst wirklich erschloss: »Wesen in der Bilder Hülle, einzig offenbar, Salvador Dalí, »Figuras«, 1989, »The Mock Turtle’s Story«, Farbheliogravure mit Originalholzschnitt aus »Alice im Wunderland«, Rigal, Nourisson, New York 1969 (Michler 330, aus Auktionskatalog Zeller, Lindau 2007).

mir nur spät, erst auf mein Jawort, innig nah und wahr. Jahrlang säumte ich am Wege, suchte fremdes Gut, sehe jetzt: Ich war ein Brocken Eis in Feuerglut.« (TSCHANG-TIJING HUI-LENG, aus YÜAN-WU 1973, Bd. I: 154)

9783038004776