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Vom Alltagsverstand zum Widerstand Reflexionsräume führen eine ständig bedrohte Existenz. Immer wieder sind sie gefährdet, im „politischen Alltag“ den gerade drängenden Herausforderungen „geopfert“ zu werden. Oft sind wir mit der Spannung zwischen dem „kurzfristig Dringlichen und dem langfristig Wesentlichen“ konfrontiert. Klar ist, dass eine Antwort im Sinne eines „entweder – oder“ hier nicht weiterbringt. Das zapatistische Motto des „caminamos preguntando“ (fragend schreiten wir voran) bringt dies sehr gut zum Ausdruck. Dass Reflexionsräume selbst ganz zentraler Bestandteil politischer Praxis sind und diese enorm bereichern, wurde beim Gramsci-Symposium im Dezember letzten Jahres in Wien deutlich. Das Symposium bot Raum, wichtige Fragen im Hinblick auf dieses Spannungsfeld zu reflektieren. Antonio Gramsci, italienischer Kommunist und Theoretiker in den 1920er und 30er-Jahren, versuchte wie kaum ein anderer kritische Theorie und politische Praxis der revolutionären Linken zu verbinden. Seine Begriffe und Konzepte entwickelt im faschistischen Italien, sind bis heute im Zeitalter von Neoliberalismus und Globalisierung wichtige Bezugspunkte kritischer Gesellschaftswissenschaft und emanzipativer politischer Praxis und halten viele anregende Impulse bereit.

Das Gramsci-Symposium und Reflexionsräume bei Attac Wie lassen sich heute Macht- und Herrschaftsverhältnisse verstehen? Welche Perspektiven gibt es in unserer Zeit für emanzipatorische Politik? Wie kann emanzipatorische Praxis vor diesem Hintergrund aussehen? Welche pädagogischen Impulse lassen sich aus Gramscis Verständnis von „Lehr- und Lernverhältnissen“ gewinnen? Wie ist das Verhältnis „zum Staat“ zu fassen? Wie am „Alltagsverstand“ anknüpfen? Und wo politisch-praktisch ansetzen? Diese und viele weitere Fragen wurden mit gramscianischen Begriffen wie „Alltagsverstand“, „Hegemonie“, „Zivilgesellschaft“ oder „erweiterter Staat“ intensiv diskutiert, und so wurde versucht, neue Impulse und Perspektiven zu gewinnen. Mit dem Symposium wurde auch die Frage nach geeigneten Formen der Zusammenarbeit und des Dialogs zwischen

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sozialen Bewegungen und kritischer Wissenschaft aufgeworfen. Das Symposium war dabei ein guter Anknüpfungspunkt; nun gilt es, dies zu verbreitern und weiterzuverfolgen. Insgesamt war das Gramsci-Symposium ein großer Erfolg. Neben der mit 250 Menschen außerordentlich gut besuchten Podiumsdiskussion lag der Schwerpunkt bei den zahlreichen Workshops. Diese Workshops wurden über den Herbst in offenen Arbeitsgruppen vorbereitet. Diese Arbeitsgruppen arbeiten nun über das Symposium hinaus weiter und versuchen so, die Anstöße in die Praxis zu tragen und Räume zu eröffnen, die eine emanzipatorische Praxis im Spannungsfeld des „kurzfristig Dringlichen und langfristig Wesentlichen“ ermöglichen. Dass auch Attac daraus und dabei noch sehr viel lernen kann, war allen Beteiligten klar. Und hierin wird auch eine wesentliche Herausforderung für kommende Jahre liegen. Die Dokumentation des Symposiums sowie die Kontaktadressen zu den Arbeitsgruppen sind zu finden unter: www.gramsci.at Franziskus Forster

Attac Jahresbericht 2008  

das siebte Jahr