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Über die Wiederentdeckung der Landwirtschaft in unseren Breitengraden

Die Landwirtschaft war vor gut 25 Jahren sehr stark politisiert. Dies mag an Filmen wie „Septemberweizen“ gelegen sein, aber auch an Solidaritätsbewegungen, wo sich immer auch Themen der Landwirtschaft aufdrängten. Zwar ist es nicht unbedingt angebracht, sich nostalgisch in die 80er-Jahre zurückzuwünschen, doch für uns war dies der Anlass uns zu fragen, wie es heute „im neuen Jahrtausend“ aussieht: Sofort sticht ins Auge, dass der stärkste Arm der globalisierungskritischen Bewegung aus Bauern und Bäuerinnen (vor allem) des Südens gestellt wird. Die Landwirtschaft steht in Ländern des Südens heute ganz oben im Kampf sozialer Bewegungen: die Land- und Eigentumsfrage, ökologische Zerstörung, Hunger, etc. Viele Kernthemen der globalisierungskritischen Bewegung sind mit der Landwirtschaft aufs Engste verwoben. Und wie sieht es in unseren Breitengraden aus? Wir haben es in der Öffentlichkeit mit einer permanenten De-Thematisierung der grundlegenden Probleme zu tun. Diese sichtbar zu machen, ist unsere große Herausforderung. Viele der Fragen „im Süden“ sind aufs Engste mit unserer Wirtschafts- und Lebensweise verwoben. Agrarattac, eine der jüngsten Attac-Gruppen, bemühte sich von Anfang an, alltägliche Zusammenhänge und Erfahrungen globalisierungskritisch zu artikulieren, von diesem Alltagszusammenhang aus weiter zu fragen und ihn so zu politisieren. Es sind Fragen der Ernährung, des Konsums, der „Lebensweise“ und der Naturverhältnisse, die uns immer wieder beschäftigten. Im Zuge der aktuellen Umweltdiskussion (Klima,

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Biodiversität, ...) und der Konsumfrage („Was soll ich einkaufen?“) beginnen viele Menschen, sich mit kapitalistischer, industrieller Landwirtschaft kritisch auseinanderzusetzen. In der Öffentlichkeit wird der Mythos des Marktes immer und immer wieder als Antwort auf Globalisierungskritik heruntergebetet und vielfach in Bildern landwirtschaftlicher Idylle aufzulösen versucht: Der Markt bietet für alle KonsumentInnen das Richtige an, über den Konsum lässt sich die Welt verändern, es ist eine Frage der „KonsumentInnendemokratie“. Jedoch haben immer mehr Menschen ein „ungutes Gefühl“ dabei: Lässt sich politisches Handeln tatsächlich auf den Konsum reduzieren? Was ist mit jenen Menschen, die nicht mal Geld zum Einkaufen haben? Genügt die „Wahlfreiheit aus dem Bestehenden“ im Supermarkt? Über diese Fragen kamen viele Menschen zu Agrarattac. Ausbeutungsverhältnisse bestehen oftmals gerade dadurch, dass sie „unterschlagene Wirklichkeiten“ darstellen und eben nicht so ohne weiteres ins Blickfeld geraten. Für uns besteht die Herausforderung darin, diese Zusammenhänge herauszuarbeiten und sichtbar zu machen, diese Fragen zu politisieren, Widerstand zu artikulieren und die vielfältigen Alternativen aufzugreifen. Auf diese Zusammenhänge legten wir 2007 verstärkt unseren Fokus; darüber hinaus erarbeiteten wir ein Positionspapier zur globalen Landwirtschaft, diskutierten und vertieften globalisierungskritische Themen und das Konzept der Ernährungssouveränität, leisteten viel Vernetzungsarbeit und protestierten in einer bunten Aktion gegen Syngenta. Wir haben ein neues Feld für Attac vermessen, bestellt und aufbereitet. Daran gilt es im kommenden Jahr anzuknüpfen, um die Früchte ernten zu können. Denn Widerstand ist fruchtbar! Franziskus Forster, Agrarattac

Attac Jahresbericht 2008  

das siebte Jahr