__MAIN_TEXT__

Page 1

Residenz Revue Maga zin der Atl a s S tif tung

N R . 5 – A p r il 2 016


4

Sicher unterwegs

10

Autofahren «früher» und «heute»

16

Augen und Ohren spitzen

22

«Sobald etwas fährt, kann ich nicht schlafen – ich fahre automatisch mit»

24 Trivia

Mobilität Pfade und Strassen zu Land, in der Luft und zu Wasser sind Sinnbilder und Leitlinien für Mobilität. Sie prägen die Bildstrecke in der vorliegenden Residenz Revue.


I n h a lt

Liebe Leserin, lieber Leser

D

ie vorliegende Ausgabe der Residenz Revue dreht sich um die Mobilität im dritten Lebensabschnitt.

Wir recherchierten für Sie, dass unterwegs sein mit dem öffentlichen Verkehr oder gar Fernreisen nicht zwingend mit Schwierigkeiten zu verbinden ist, sondern sehr angenehm erfahren werden kann. Die Mobilitätsanbieter offerieren hierzu viele nützliche Hilfestellungen. Die Reiselust gar spürbar erfahren Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenn der Südparkbewohner Alfred Hosch über seine Leidenschaft für Motorradreisen in Europa spricht. Weiter geben wir uns Gedanken hin über das Mobilitätswesen und im speziellen über das Autofahren «früher» und «heute». Diese Überlegungen werden untermalt mit Expertentipps eines Fahrlehrers und eines Arztes. Wir wünschen Ihnen viel Mobilität! Ihre Atlas Stiftung

3


R ESIDENZ R EV U E

Sicher unterwegs

E

insteigen, umsteigen, aussteigen – das Reisen über kurze oder längere Strecken kann zur Herausforderung werden. Doch wer einige Tipps und Vorsichtsmassnahmen beachtet, kommt rechtzeitig und sicher ans Ziel. Vor zwei Jahren erlebten wir am eigenen Leib, was es mit der eingeschränkten Mobilität auf sich hat. Ein komplizierter Bruch im Sprunggelenk hatte uns wortwörtlich lahmgelegt. Auf die Hochzeit des Schwagers in England zu verzichten, kam natürlich dennoch nicht in Frage. Also ging es humpelnd und mit Krücken auf zum Flughafen. Dort begegneten wir vielen freundlichen Flughafenangestellten, welche denen, die es auf eigenen Füssen nicht (mehr) so weit schaffen, mit Buggy und Rollstuhl und einer grossen Portion Hilfsbereitschaft zur Seite stehend. Wir begegneten kurz vor dem Einsteigen ins Flugzeug – in der Wartezone für Personen mit eingeschränkter Mobilität – auch Fred. Fred, stolze 91 Jahre alt, gebürtiger Brite und seit über 60 Jahren in der Schweiz zuhause, war auf dem Weg nach Manchester, um seine Tochter und seine Enkelkinder zu besuchen.

Fred scherzte mit den beiden Damen, die uns das Einsteigen erleichtern sollten, hatte auch für uns einen lockeren Spruch auf den Lippen und freute sich sichtlich auf die Flugreise. Früher, so erzählte er, sei er noch mindestens drei Mal pro Jahr nach England geflogen. Als dann aber seine Frau schwer erkrankt sei, habe es andere Prioritäten gegeben. Und nach ihrem Tod habe er sich eine Weile lang regelrecht «verkrochen». Jetzt aber wolle er es noch einmal wissen. Es war Freds erster Flug seit sechs Jahren. «Ein Abenteuer»,

4

sagte er noch, bevor er seinen Sitz im Flugzeug einnahm. Und: «Man ist nie zu alt, um etwas zu wagen.» Man muss aber nicht gleich wie Fred nach England fliegen, um etwas zu wagen. Für viele Seniorinnen und Senioren ist bereits die alltägliche Mobilität eine Herausforderung. Die städtische Lebenswelt verändert sich rasend schnell, und es fällt vielen zunehmend schwerer, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten. Neue Billettautomaten, neue Buslinien, plötzlich ist der Fussgängerstreifen, den man über viele Jahre benutzt hat, nicht mehr da – wer in der Stadt mobil sein will, muss sich ständig neuen Gegebenheiten anpassen. Und Mobilität wird zunehmend wichtig. Vorbei sind die Zeiten, in denen Kinder, Enkelkinder und Freunde gleich um die Ecke wohnten. Die Liebsten sind immer öfter im ganzen Land – oder gar in der ganzen Welt – verteilt. Missen möchte man sie dennoch nicht, denn jeder soziale Kontakt ist eine Bereicherung, und das Reisen – sei die Distanz auch noch so kurz, öffnet Horizonte und füttert die grauen Zellen mit neuen Informationen. Dass die Orientierung im öffentlichen Verkehr vielen nicht leicht fällt, haben inzwischen auch die Verkehrsbetriebe erkannt. Eine Studie des Bundesamts für Verkehr kam im vergangen Jahr zum Schluss, dass der öffentliche Verkehr in den nächsten 15 Jahren deutlich entschleunigt werden muss. Denn die Zahl der ÖV-Kunden über 65 wird bis 2030 von heute rund 450‘000 auf über 700‘000 wachsen. Um diesem Kundensegment entgegen zu kommen und den öffentlichen Verkehr für diese Verkehrsteilnehmer attraktiv zu gestalten, müssten die kürzesten Halte- und Umsteigezeiten um rund 30 bis 40 Prozent verlängert werden.


M obili t 채 t

5


R ESIDENZ R EV U E Noch ist dies Zukunftsmusik. Doch bereits jetzt unternehmen die städtischen Verkehrsbetriebe so einiges, um jenen, die sich nicht so leicht zurecht finden, das Reisen zu erleichtern. Für viele beginnen die Schwierigkeiten bereits am Billettautomaten. Diesen bedienen zu können wird immer wichtiger, denn längst gibt es nicht mehr an allen Bahnhöfen und Haltestellen einen Schalter, an dem man persönlich bedient wird. Unter dem Titel «Mobil sein und bleiben» bieten die SBB daher in der ganzen Schweiz Kurse an, in welchen nicht nur die Bedienung der Billettautomaten ausführlich erklärt wird, sondern auch andere Nöte der Kursteilnehmer Gehör finden – zum Beispiel, wie man sich im Bahnhof leichter zurechtfindet, und wie man trotz Gehstock oder Rollator sicher und unfallfrei am Ziel ankommt. Ausserdem erhält man einen nützlichen Überblick über die verschiedenen Sonderangebote speziell für Senioren. Ähnliche Kurse bieten auch die städtischen Verkehrsbetriebe in Basel, Zürich und Winterthur an. Doch nicht nur wer mit Bahn, Tram und Bus unterwegs ist, findet Unterstützung. Das Beispiel von Fred, der mit 91 nach England fliegt, zeigt: Man ist nie zu alt, um abzuheben. Am Flughafen Zürich werden Menschen mit eingeschränkter Mobilität von der Ankunft bis zum Abflug bei all ihren Wünschen und Anliegen unterstützt. Wer den zusätzlichen Service in Anspruch nehmen will, gibt am besten bereits bei der Buchung des Fluges oder der Reise an, zu welchem Grad und in welcher Art und Weise er in seiner Mobilität eingeschränkt ist, damit die Betreuung entsprechend vorbereitet werden kann. Auch der Euroairport Basel verfügt über ein solches Betreuungsangebot. Wer sich trotz all dieser Hilfestellungen oft unsicher fühlt, sollte nicht verzagen. Vielleicht liegt die Lösung ja ganz nah – beim Nachbarn oder der besten Freundin. Das Reisen und Fortbewegen ist immer auch eine Form der Begegnung, und zu zweit oder in der Gruppe reist es sich oft besser, angenehmer und lustiger als allein. Der Frühling ist da, die Sonne zeigt sich immer öfter. Und so ein Blueschtfährtli wird doch erst richtig zum Vergnügen, wenn man es nicht alleine unternehmen muss.

6

Sicher unterwegs im städtischen Verkehr – einige nützliche Tipps • Halten Sie Abstand: An der Haltestelle sollten Sie immer einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zum einfahrenden Bus/Tram halten. • Warten Sie vorne: Wenn Sie vorne einsteigen, erkennt die Tramfahrerin/der Busfahrer, dass Sie unter Umständen beim Einsteigen etwas mehr Zeit brauchen und kann die Türen für Sie offen halten. • Machen Sie sich bemerkbar. Oft sind die anderen Fahrgäste gerade mit etwas anderem beschäftigt, bieten ihnen aber auf Nachfrage gerne einen Sitzplatz an.


M obili t ä t

• Finden Sie den richtigen Zeitpunkt für Ihre Reise: Zu Stosszeiten sind die Trams und Busse oft überfüllt. Am besten planen Sie Ihre Reise zwischen 9 und 16 Uhr. So haben Sie genug Platz und werden nicht von jenen bedrängt, die es an diesem Tag etwas eiliger haben. • Halten Sie Ihre Taschen verschlossen: Lang finger sind auch im öffentlichen Verkehr unterwegs. Tragen Sie ihre Tasche möglichst um den Körper (nicht einfach in der Hand), und so, dass Sie den geschlossenen Reiss verschluss immer im Blick haben.

• Reisen Sie in der Gruppe: Wenn Sie Angst davor haben, alleine unterwegs zu sein, schliessen Sie sich am besten anderen an. So können Sie sich gegenseitig helfen und haben ausserdem mehr Spass.

Text: Katharina Blansjaar

7


R ESIDENZ R EV U E

Autofahren «früher» und «heute»

A

utofahren «früher» und «heute» war und bleibt ein mobiles Abenteuer. Früher lag es eher an den Unzulänglichkeiten des Vehikels, was Autofahren so unberechenbar machte. Heute sind es primär das starke Verkehrsaufkommen und neue Regeln, die die AutoMobilität prägen. Im Jahr 1900 existierten für die gerade mal 200 400 Fahrzeuge in der Schweiz noch keine Regeln. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Höchstgeschwindigkeit bei 36 km pro Stunde lag und man eher von Glück sprechen konnte, wenn man tatsächlich ein zweites Automobil auf den Strassen zu Gesicht bekam. 1904 wurde die erste kantonale Regel in Graubünden eingeführt, die besagte, dass eine Ortsdurchfahrt nur mit Pferdeoder Ochsengespann und mit ausgeschaltetem Motor gestattet sei. Ein anderer Kanton verlangte einen

10

Läufer vor dem Auto, der mit einer schwingenden Fahne auf das herannahende Auto aufmerksam machte. Mehr als ein Jahrhundert später löst diese Forderung Schmunzeln aus – unvorstellbar bei den heutigen Verkehrsverhältnissen. Die stetige Zunahme von Verkehrsteilnehmern führt dazu, dass die Fahrsicherheit eine immer grössere Rolle spielt. Wer heute die Prüfung ablegt, muss nicht mehr das gleiche können wie vor 50 Jahren. Autofahren untersteht einem Verkehrswandel. Dies zeigen auch folgende Zahlen: 1970 waren 1.6 Millionen Autos immatrikuliert und es gab 1600 Verkehrstote. Im Jahr 2014 waren es mehr als dreimal so viele Autos auf Schweizer Strassen – nämlich 5.8 Millionen und dabei ist ein deutlicher Rückgang auf 243 Verkehrstote zu verzeichnen. Entsprechend diesen Entwicklungen verändern sich auch die Verkehrsregeln mit dem Ziel der Verkehrssicherheit.


Au t of a h re n Im Gespräch mit Roger Wintsch, Fahrlehrer und Präsident des Aargauer Fahrlehrer Verbands (AFV), erfahren wir Tipps und Denkanstösse zur Sicherheit für Verkehrsteilnehmer. Was empfehlen Sie Senioren beim Gebrauch eines Autos? Ich würde darauf achten, dass das Auto mit grossen und übersichtlichen Fenstern ausgestattet ist, eine Klimaanlage hat, um immer einen kühlen Kopf zu bewahren und den nötigen Komfort zum Ein- und Aussteigen bietet. Das Fahrzeug sollte nicht zu tief und auch nicht zu hoch liegen, man sollte darin bequem sitzen und einen guten Überblick behalten können. Ich bin kein Fan von Extremen. Hat das Fahrzeug zu viele PS, kann es schwierig zu bedienen sein, hat es zu wenig Leistung, muss man damit rechnen, dass ein Überholvorgang oder das Beschleunigen auf dem Beschleunigungsstreifen auf der Autobahn zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Zudem kann man sich das Fahren vereinfachen, indem man seine Termine nicht auf Stosszeiten legt oder beispielsweise bis zur Agglomeration mit dem Auto fährt und den Stadtverkehr umgeht, indem man auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigt.

Mindestanforderungen an den heutigen Stand der Wissenschaft und Technik eingeführt werden. Ich persönlich empfehle jedem Verkehrsteilnehmer jeden Alters, wenn er sich nicht mehr sicher genug fühlt, sein Wissen durch ein paar Fahrstunden aufzufrischen. Meist sind jedoch nicht die Selbstkritischen das Problem, sondern diejenigen, die denken: „Ich bin die letzten 30 Jahre unfallfrei gefahren, dann reicht es auch heute noch.“ Wo liegt die häufigste Fehlerquelle bei Unfällen? Es gibt drei Faktoren, die gemäss Regelkreis zu Unfällen führen: Mensch, Maschine und Umwelt. In 98% der Unfälle liegt die Ursache bei menschlichem Versagen und nicht etwa bei der Maschine, beim Fahrzeug oder in der Umwelt. Wichtig dabei ist zu bemerken: Ein Unfall zum Beispiel wegen Nebel ist nicht der Umwelt zuzuordnen – sondern dem Menschen. Dabei hat der Mensch den Nebel falsch eingeschätzt, denn auch bei Nebel gilt die Regel, dass jeder Verkehrsteilnehmer auf Sichtweite anhalten können muss. Und ein Reifen, der platzt weil ich drei Wochen zuvor den Randstein touchiert habe, ist ebenfalls nicht dem Fahrzeug zuzuordnen, sondern wiederum dem Menschen. Darum ist es wichtig, dass wir die Strassenregeln beherrschen und ein Fahrzeug richtig bedienen können.

«Ich persönlich empfehle jedem Verkehrsteilnehmer jeden Alters, wenn er sich nicht mehr sicher genug fühlt, sein Wissen durch ein paar Fahrstunden aufzufrischen.»

Im Jahr 2016 stehen Neuerungen zur Verkehrssicherheit für alle Fahrzeuglenker und besonders für Senioren im Strassenverkehr an. Was halten Sie davon? «Via Sicura» ist ein Bundesprogramm, das die Verkehrsunfälle reduzieren und die Verkehrssicherheit stärken soll. Es beinhaltet die Qualitätssicherung bei der Fahreignungsabklärung und Aktualisierung der medizinischen Mindestanforderungen. Man spricht davon, dass nicht mehr der Hausarzt diese Abklärungen durchführen kann. Es sollen gesamtschweizerische und einheitliche Qualitätssicherungsmassnahmen bei der Fahreignungsabklärung und Anpassungen der medizinischen

Wie kann der Mensch denn seine schlechte Bilanz bei Unfällen verbessern? An erster Stelle steht ganz klar die richtige Einstellung. Leider konzentrieren sich viele Lenker während der Fahrt auf anderes, beispielsweise auf ihr Smartphone anstatt auf den Verkehr. Mit teilweise fatalen Konsequenzen. Denn wenn ich bei 30 km/h auch nur zwei Sekunden auf mein Smartphone schaue, habe ich schon 18 Meter im Blindflug zurückgelegt. 18 Meter entsprechen vier hintereinander

11


R ESIDENZ R EV U E aufgereihten Mittelklassefahrzeugen. Bei 60 km/h lege ich bei zwei Sekunden Ablenkung schon 36 Meter «blind» zurück. Wenn man jetzt weiss, dass in den 26 Kantonen unseres Landes durchschnittlich jeden Tag 249 Unfälle «passieren» und davon 98% auf den Menschen zurückzuführen sind, könnten rein theoretisch - wenn der Mensch keine Fehler machen würde - jeden Tag 244 Unfälle vermieden werden. Welche technischen Neuerungen haben in den letzten Jahren zu mehr Verkehrssicherheit geführt? Im Vergleich zu früher hat sich die Länge, Breite und die Höhe der Fahrzeuge verändert. Früher hatte man einfache, luftgekühlte Motoren. Heute sind sie wassergekühlt und mit diversen Nebenaggregaten, elektronischen Kraftstoffeinspritzanlagen, Kompressoren für Klimaanlage und mit hydraulischen Pumpen für die Servolenkung ausgestattet. Sicherheitstechniken wie ABS oder Spurhalteassistenten tragen heute zur Fahrsicherheit bei. Durch all das hat sich das Gewicht des Fahrzeugs erhöht und darum benötigen die Autos auch mehr Motorleistung. Heute sind nur noch sehr wenige mit 60 PS ausgestattet. Vor vierzig Jahren war das die Durchschnittsleistung bei Neuzulassungen. Die Fahrzeuge sind jetzt auch mit Knautschzonen ausgestattet, was dazu dient, dass bei Unfällen nicht in erster Linie der Mensch die Kräfte abbekommt, sondern das Fahrzeug sich verformt... alles im Dienste der Sicherheit. Wenn Sie ein Zeitreisender wären und mit dem Fahrzeug Ihrer Wahl reisen könnten, wohin führte die Reise und mit welchem Fahrzeug? Mir wäre egal mit welchem Auto – das müsste nicht so was wie ein «Pontiac Firebird» sein – auch in welche Zeit spielte keine Rolle. Wichtig wäre für mich, dass meine Familie dabei sein könnte. Das Auto müsste so etwas wie ein Wohnmobil sein, das viel Platz bietet, um während der Fahrt mit meinen Jungs spielen zu können. Fahren bräuchte ich das Gefährt nicht, alles würde automatisch funktionierten. Das Fahrzeug wäre so etwas wie eine kleine «Zeitkapsel» für mich und meine Familie. Interview: Tanja Bernold

12


Au t of a h re n

Roger Wintsch Einst jüngster Fahrlehrer der Schweiz, ist er heute Präsident des AFV, Fahrlehrer und FahrlehrerAusbildner. Seine geduldige Art und die klare und sachliche Stimme zeichnen ihn als Fahrlehrer besonders aus. Man hört ihm gerne zu, denn er weiss, wie man komplizierte Dinge auf einfache Art verständlich macht. Roger Wintsch bietet auch (Theorie-)Kurse für Senioren an bezüglich der veränderten Regeln und Themen im Strassenverkehr. www.wints.ch

13


R ESIDENZ R EV U E

Augen und Ohren spitzen

U

nsere Augen und unser Gehör sind besonders stark gefordert, wenn wir uns fortbewegen. Eine nachlassende Seh- oder Hörleistung kann sich auch auf die Mobilität auswirken. Eingeschränkte Mobilität liegt nicht immer nur an den Beinen, den Knochen und den Muskeln. Der Körper wird mit zunehmendem Alter schwächer, aber das gilt für die Augen und die Ohren genauso wie für die Knie und die Hüften. Daher können sich auch Seniorinnen und Senioren, denen das Laufen leicht fällt und die vor Energie nur so strotzen, plötzlich stark in ihrer Mobilität eingeschränkt fühlen, wenn sie die Welt nicht mehr so scharf und differenziert wahrnehmen wie noch vor einigen Jahren.

Unsere Sehleistung ist im Allgemeinen – und entgegen der landläufigen Meinung – bis ins Alter auf einem hohen Niveau. Bis zum 65. Lebensjahr erreichen stolze 99 Prozent der Menschen eine Sehstärke von 0,5 und mehr. Damit kann man Zeitung lesen und darf auch am Strassenverkehr teilnehmen. Auch unter den über 75-Jährigen erreichen immer noch über drei Viertel diesen Wert. Ab dem siebten Lebensjahrzehnt nimmt allerdings die Häufigkeit von degenerativen Erkrankungen des Auges – dazu gehören zum Beispiel das Glaukom (Grüner Star), die Makuladegeneration oder die Katarakt (Grauer Star) – stark zu. Neben solchen eigentlichen Erkrankungen leiden Seniorinnen und Senioren zusätzlich unter einer generell verminderten Netzhauthelligkeit. Mit

16

zunehmendem Alter trifft immer weniger Licht auf die Netzhaut. Dies hat einerseits mit dem geringeren Pupillendurchmesser älterer Menschen zu tun, andererseits auch mit altersbedingten Trübungen der Augenlinse. Bereits mit 60 Jahren liegt die Lichtmenge, die auf die Netzhaut trifft, nur bei rund einem Drittel des Wertes eines 20-Jährigen. Durch die Verminderung der Lichtmenge auf der Netzhaut nehmen ältere Menschen Kontraste weniger deutlich wahr, und auch die Sehschärfe leidet. Ebenso wie die Sehleistung verschlechtert sich mit dem Alter auch das Gehör. Erste Anzeichen davon sind häufig, dass andere sich über die Lautstärke von Fernseher oder Radio beschweren, oder darüber, dass man zu laut spreche. Doch auch als Betroffene oder Betroffener bemerkt man etwas – auch wenn man es nicht immer gleich mit dem Gehör in Verbindung zu bringen vermag. So fällt einem zum Beispiel ein Gespräch in lärmiger Umgebung zunehmend schwer, und sich in einer Gruppe zu unterhalten, kann furchtbar ermüdend sein. Der altersbedingte Hörverlust ist sehr häufig. Rund zwei Drittel der Menschen über 70 leiden darunter. Oft erfolgt der Gang zum Arzt allerdings erst spät – weil die Betroffenen sich schämen oder ihre Probleme nicht als Hörverlust erkennen. Oder weil sie ihr schwindendes Gehör lieber akzeptieren als es zu behandeln. Glaubt man allerdings der Forschung, so birgt gerade diese stillschweigende Akzeptanz die grösste Gefahr. Denn der Hörverlust geht oft mit einer zunehmenden Vereinsamung einher. Wer sich


S e h e n u n d Hรถre n

17


R ESIDENZ R EV U E nicht mehr gut mit anderen unterhalten kann, sucht weniger soziale Kontakte und hält sich zunehmend nur noch in den eigenen vier Wänden auf. Einsamkeit und Depressionen können die Folge sein. Möglichst lange eine ausreichende Seh- und Hörleistung zu erhalten ist daher ein wichtiges Ziel für alle, die auch im hohen Alter noch mobil bleiben möchten. Denn vermindertes Sehen und Hören führt dazu, dass man sich schlechter zurechtfindet, dass man Ansagen und Hinweisschilder nicht ausreichend versteht und die Fülle von Eindrücken, die im städtischen Alltag auf den Menschen niederprasseln, nicht schnell genug verarbeiten kann. Deswegen zuhause zu bleiben, führt zu einem erheblichen Verlust der Lebensqualität. Daher lohnt es sich, rechtzeitig Gegenmassnahmen zu ergreifen.

Fabrizio Branca, Augenarzt am Augenzentrum Basel, hat sich eingehend mit dem Thema befasst. Die Residenz Revue hat ihm einige Fragen dazu gestellt: Herr Branca, welche Rolle spielen schlechtes Sehen und Hören bei der Mobilität im Alter? Lässt das Seh- und Hörvermögen mit dem Alter nach, führt dies oft zu einer erschwerten Orientierung im Alltag und insbesondere auch im Strassenverkehr. Eine sehr einschneidende Einschränkung der individuellen Mobilität und damit der Lebensqualität kann beispielsweise eintreten, wenn die Anforderungen der Motorfahrzeugkontrolle zum Lenken eines Fahrzeugs nicht mehr erfüllt werden und der Führerausweis abgegeben werden muss. Was sind Gründe für eine mögliche Abnahme der Sehschärfe im Alter und was kann der Augenarzt unternehmen? Der Augenarzt wird anhand einer umfassenden Untersuchung der Augen mögliche Ursachen für die verminderte Sehschärfe feststellen. Oft lässt sich die Sehschärfe mit verschiedenen Massnahmen verbessern, dazu gehören beispielsweise eine Brillenanpassung, eine Operation des Grauen Stars oder aber auch die Behandlung einer feuchten Makuladegeneration.

18

Was können Patienten, die wegen ihrer schwindenden Seh- und Hörleistung zunehmend auf ihre Mobilität verzichten, dagegen unternehmen? Glücklicherweise gibt es heute eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die den Alltag von Menschen mit Einschränkung bei der Seh- und Hörleistung erleichtern können. Bei stark sehbehinderten Menschen kann beispielsweise ein Besuch bei der Sehbehindertenhilfe sehr hilfreich sein. Diese Institution ist auf die Beratung dieser Patienten spezialisiert und kann Hilfsmittel und Möglichkeiten aufzeigen, wie der Alltag leichter bestritten und die Mobilität so gut wie möglich erhalten werden kann. Viele Seniorinnen und Senioren scheuen den Gang zum Augen- oder HNO-Arzt. Wie lassen sich solche Hemmschwellen überwinden? Wenn der Gang zu einem unbekannten Spezialisten eine psychologische Hürde darstellt, lohnt sich oft eine Besprechung mit dem Hausarzt. Er hat einen guten Einblick in die Gesamtsituation


S e h e n u n d Höre n

und kann als Vertrauensperson für den Patienten den Weg zum richtigen Spezialisten ebnen. Text und Interview: Katharina Blansjaar

«Mobilität» in Ihrer Seniorenresidenz Für Ihre persönliche Mobilitätsförderung bietet Ihnen Ihre Seniorenresidenz einerseits wöchentliche Gruppenkurse für Gymnastik, Nordic Walking, Pilates, etc. an. Andererseits werden Mobilitätskurse in Zusammenarbeit mit den öffentlichen Dienstleistern durchgeführt: - Residenz Konradhof: «Sicher unterwegs» am 30. und 31. Mai 2016 in Zusammenarbeit mit Stadtbus Winterthur - Residenz Südpark: «Andere Ansichten – mobil durch den Alltag trotz Sehbehinderung» am 15. Juni 2016 in Zusammenarbeit mit der Seh behindertenhilfe Basel - Residenz Spirgarten: «Sicher unterwegs» im September 2016 in Zusammenarbeit mit den Ver kehrsbetrieben Zürich (VBZ) Machen Sie mit!

19


R ESIDENZ R EV U E

«Sobald etwas fährt, kann ich nicht schlafen – ich fahre automatisch mit»

B

egegnet man Alfred Hosch in Töffmontur traut man seinen Ohren kaum, wenn man erfährt, dass er bald 92 Jahre alt wird. Seine geistige und physische Präsenz lässt ihn viele Jahre jünger erscheinen. Wir haben den freundlichen Basler, der in der Residenz Südpark wohnt, zum Interview getroffen.

Alfred Hosch hat es nicht nötig, zu prahlen, obschon er allen Grund dafür hätte aufgrund seiner bewegten Vita. Und bittet man ihn um ein Foto mit seinem Motorrad, schwingt er sich kurzer Hand auf den Sattel und stellt sich lässig in Position vor der Residenz Südpark. Auf die Frage, ob das denn gehe, ohne Töffbekleidung und Helm erwidert er: «Wir befinden uns auf Privatgrund, das müsste also kein Problem darstellen».

– ich fahre automatisch mit. Ein Jahr nach meiner Fahrprüfung – ich war in der Rekrutenschule bei der Panzertruppe eingeteilt, gerade `mal 7 Wochen dabei und vom Leutnant zum Fahrer erkoren - da geschah ein schrecklicher Unfall… und ich am Steuer. Noch nie zuvor fuhr ich mit einem «Peugeot Camionnette» und einer derart schweren Kanonen-Ladung! In einer Kurve auf einer schmalen Kiesstrasse schleuderte es die Fracht aus dem Anhänger und wir kamen vom Weg ab. Dabei verstarb ein Mann, einer war schwer verletzt und ich trug eine starke Gehirnerschütterung davon. Der Fall kam vors Militärgericht und ich wurde am Ende freigesprochen. Ich hatte keine Schuld. Seither habe ich grossen Respekt vor Kiesstrassen und ihren Tücken und ich bin ein sehr vorausschauender und auch vorsichtiger Fahrer geworden.

Woher kommt Ihr Talent und Interesse fürs Fahren? Ich habe im Jahr 1944 den Führerschein gemacht. Meine sechste Fahrstunde war die Fahrprüfung. Ich fuhr sehr oft mit dem Wagen meines Vaters und wenn ich nicht am Lenkrad sass, dann war ich ein sehr aufmerksamer Beifahrer. Ich mochte die Abendstimmung im Auto und während meine Mutter schlief, unterhielt ich stundenlang meinen Vater. Sobald etwas fährt, kann ich nicht schlafen

Was mögen Sie so besonders am Motorradfahren? Ich schätze das Naturerlebnis, denn man riecht und fühlt alles viel intensiver mit dem Töff. Ich geniesse jede Fahrt. Früher hatte ich mal ein Cabriolet, aber das war nicht dasselbe, machte nicht halb so viel Spass. Wenn man auf dem Motorrad sitzt, gehört es einfach dazu, dass man die Gülle und den Kaminrauch, die Wälder und das Benzin riecht.

22


P ersö n lic h Kann man mit einem Motorrad Frauen beeindrucken? Darum ging es mir nie. Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich bin eher so der «graue-MausTyp». Meine Frau war nicht gerade erfreut, als ich 1967 im Alter von 43 Jahren mit dem Töfffahren begann. Sie hatte immer Angst um mich. Ich liess mich jedoch nicht davon abhalten, es war einfach mein Bubentraum. Zu Beginn fuhr ich eine Lambretta. Mit meiner Frau samt Konzertkarten in der Tasche düste ich also durch die Stadt zu Aufführungen. Das wiederholte sich nicht sehr oft, denn sie fror immer an die Beine. Irgendwann einmal sagte sie sogar zu mir: “Ich steche dir bald in die Reifen, was für ein „Sauvieh“!“ Und ich erwiderte: „Lass das, es kostet doch nur.“ Jetzt, da ich seit 20 Jahren Witwer bin, gibt mir das Motorradfahren sehr viel. Es bedeutet noch immer Freiheit für mich.

ne war ein Vorführmodell und darum nicht gemäss meiner üblichen Farbwahl. Und welche Maschine hat Ihnen am wenigsten Spass bereitet? Das war ein „Yamaha Zweitakter“. Ich fahre eher niedertourig und bei diesem Modell verfolgte mich bis zur Ausfahrt Pratteln während der ganzen Fahrt eine schwarze Wolke. Das war schrecklich… ich habe sie dann wieder verkauft. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Ich möchte noch so lange Motorrad fahren, wie es geht. Ich habe die Augen operiert und seitdem sehe ich wieder 100 Prozent und das ohne Brille. Ich will weiter Europa erkunden und meine Freiheit geniessen. Interview: Tanja Bernold

Was raten Sie anderen Motorradfahrern? Als Motorradfahrer muss man noch achtsamer sein als jeder andere Verkehrsteilnehmer. Zweidrittel der Motorradunfälle entstehen durch das Verschulden der Autofahrer. Man muss also mehr als nur die Regeln einhalten, man muss auch noch für die anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken. Man sollte auch geduldig unterwegs sein und bei „orange“ nicht noch beschleunigen, sondern eben anhalten. Wenn ich in Italien bin, fahre ich wie die Italiener und wenn ich in Frankreich bin, wie die Franzosen. Es geht darum, den Strassenverkehr zu lesen und sich einzufügen. Welches war ihr Lieblingsmotorrad? Sehen Sie her, ich führe seit 1967 Statistik zu meinen Fahrzeugen, darauf sind alle Modelle, wie lange ich sie hatte, Kilometerzahl und Verbrauch komplett aufgelistet. Ich bin ein Statistikfan, muss ich zugeben. Meine liebste Maschine war gleichzeitig die, mit der ich in einem Jahr 106‘000 km zurücklegte. Eine „Pan European“. Danach habe ich sie wieder verkauft. Ich mag viel Sitzkomfort und praktische Gepäckvorrichtungen. Heute fahre ich ein Motorrad der Marke BMW. Die sind mit dem entsprechenden Luxus ausgestattet, den ich mag, besitzen Griffheizung und einen Tempomaten. Eigentlich bevorzuge ich die hellen Modelle, aber meine aktuelle Maschi-

Alfred Hosch

Alfred Hosch, ist passionierter Motorradfahrer und hat bereits eine halbe Million Kilometer mit dem Auto zurückgelegt und 800‘000 km mit dem Töff. Damit nicht genug. Er plant im kommenden Sommer eine weitere mehrtägige Reise nach Frankreich und Italien. Um fit zu bleiben, turnt er täglich 20 Minuten und geht möglichst viele Strecken zu Fuss.

23


R ESIDENZ R EV U E

Trivia - wussten Sie schon, . . . ... dass die SBB die pünktlichsten Bahnen Europas sind? Im Jahr 2014 erreichten 87,7 Prozent der Schweizer Bahnreisenden ihr Ziel mit weniger als drei Minuten Verspätung. 97,1 Prozent der Umsteigepassagiere schafften es auf ihren Anschlusszug. In der Schweiz nehmen wir es mit der Pünktlichkeit genauer als in den Nachbarländern. Als pünktlich gilt bei uns ein Zug, der mit weniger als drei Minuten Verspätung eintrifft. In Österreich ist ein Zug mit unter fünfeinhalb Minuten Verspätung noch pünktlich, in Deutschland darf er gar unter sechs Minuten Verspätung haben.

... dass Autos immer länger halten? Man sagt ja gerne so daher, dass neue Autos billig gemacht werden, damit man möglichst schnell wieder ein neues kaufen muss. Bei so viel Plastik und Elektronik ist man geneigt zu glauben, dass die Autos von früher, die noch mehrheitlich von Hand zusammengebaut wurden, langlebiger waren als moderne Modelle. Doch dieser Eindruck täuscht, denn in den vergangenen 25 Jahren hat sich die Lebensdauer von Personenwagen deutlich verlängert. Betrug das durchschnittliche Alter eines Autos in der Schweiz im Jahr 1990 noch 5,4 Jahre, waren es 2012 stolze 8,2 Jahre. Die neuen Autos sind also vielleicht nicht unbedingt schöner, aber immerhin langlebiger.

24


t rivi a

... dass wir Schweizer immer mobiler werden? Zwischen 1998 (dem ersten Jahr, in welchem solche Zahlen erhoben wurden) und 2011 ist die Summe der auf Schweizer Strassen und Schienen zurückgelegten Kilometer um 23 Prozent gestiegen. Fast drei Viertel der 122 Milliarden Personenkilometer, die 2011 gemessen wurden, wurden auf der Strasse zurückgelegt. Dennoch hat der öffentliche Verkehr im Zeitraum der Erhebung zulegen können – von 16 Prozent im Jahr 1998 auf fast 20 Prozent im Jahr 2011. Auf der Schiene wurden 2011 20 Milliarden Personenkilometer zurückgelegt, im öffentlichen Strassenverkehr vier Milliarden.

Text: Katharina Blansjaar

... dass in der Schweiz durchschnittlich auf zwei Einwohner ein Auto kommt? Im Jahr 2012 kamen in der Schweiz auf 1000 Einwohner durchschnittlich 535 Personenwagen. Allerdings sind die regionalen Unterschiede gross. Während es in städtischen Zentren mit gut ausgebautem öffentlichem Verkehr eher wenig Autos gibt (in Basel Stadt kommen auf 1000 Einwohner nur 362 Personenwagen), ist die Motorisierung zum Beispiel im Wallis, im Tessin und in der Innerschweiz sehr hoch. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz unter den Spitzenreitern – die meisten Autos pro Kopf hat allerdings Italien.

25


Impressum Herausgeber & Redaktion Atlas Stiftung, www.atlas-stiftung.ch, 044 233 33 55 Konzept, Illustration & Gestaltung Dr. Helen-Deborah Maier Texte Atlas Stiftung, Tanja Bernold, Katharina Blansjaar Bilder Tanja Bernold, Fotolia Auflage 2000; deutsch Bezug Seniorenresidenz Konradhof, www.residenz-konradhof.ch, 052 265 15 15 Seniorenresidenz Spirgarten, www.residenz-spirgarten.ch, 043 336 75 75 Seniorenresidenz Südpark, www.residenz-suedpark.ch, 061 366 55 55


Profile for Atlas Stiftung

160330 atlas magazin 5 16  

160330 atlas magazin 5 16  

Advertisement