__MAIN_TEXT__

Page 1

Residenz Revue Maga zin der Atl a s S tif t ung

N R . 4 – N o v e m b e r 2 015


4

Überwintern leicht gemacht

10

Der zweckentfremdete «Pfannenblätz»

12

Vom grünen in den weissen Winter und zurück

14

Auf das Kamel gekommen

18

Zwischen den Zeilen

22

Die Eisprinzessin - vom Zelgli bis Beirut

24

Ich, das Seemädchen

26

An Weihnachten geschehen noch Wunder

28 Trivia

Winterträume Klirrend kalte Wintertage laden ein zum gemütlichen Zusammensein, zum Geschichten erzählen, zum Lesen und zum Träumen.


I n h a lt

Liebe Leserin, lieber Leser

V

or einem Jahr haben wir die Residenz Revue aus der Taufe gehoben.

Viele Rückmeldungen mit Lob, Anregungen und Ideen haben uns seither erreicht. Zum einjährigen Jubiläum der Residenz Revue wollen wir auch Sie, liebe Leserinnen und Leser miteinbeziehen. Ihre persönlichen Wintergeschichten – einige haben wir in der vorliegenden Ausgabe abgedruckt – sind der Stoff, aus dem Winterträume und Wintererinnerungen sind. Nebst einander Geschichten erzählen möchten wir Sie mit dem Beitrag «Zwischen den Zeilen» auch ermuntern, die bevorstehenden Wintertage mit Lesen und Lesungen abwechslungsreich zu gestalten. Wir wünschen Ihnen angenehme Winterträume! Ihre Atlas Stiftung

3


R ESIDENZ R EV U E

Überwintern leicht gemacht

V

iele Tiere in unseren Breitengraden halten einen Winterschlaf. Auch wir Menschen ziehen uns in der kalten Jahreszeit gern zurück.

Wenn es draussen kalt wird, will man sich am liebsten verkriechen. Die Glieder schlottern und schmerzen angesichts der Kälte, der Boden ist rutschig, die Haut wird trocken und fahl. Der Winter ist wahrlich keine Freude für den menschlichen Körper, und so mancher schläft in der kalten Jahreszeit auch regelmässig ein paar Stunden länger als im Sommer – schliesslich ist es draussen nicht nur frostig, sondern auch dunkel. Ähnlich wie uns Menschen geht es auch den Tieren. Doch viele von ihnen schlafen nicht nur ein paar Stunden mehr – sie begeben sich gleich für mehrere Monate in den Winterschlaf. Murmeltiere zum Beispiel halten einen rund sechsmonatigen Winterschlaf. Etwa fünf Kilo wiegt ein ausgewachsenes Murmeltier, wenn es im Herbst bereit ist, sich in seinen Bau zurückzuziehen. Allei-

4

ne legt sich das Murmeltier allerdings nicht schlafen – um sich gegenseitig zu wärmen und vor dem Erfrieren zu schützen, wird im Familienverband geruht. Die Jungtiere liegen in der Mitte der Gruppe, denn sie haben im Laufe ihres ersten Sommers weniger Fett aufbauen können als die erwachsenen Murmeltiere und müssen besonders vor Kälte geschützt werden. Wer sich nun aber vorstellt, der Winterschlaf sei eine durchgehende Schlafperiode, der irrt. Die Tiere schlafen nicht einmal richtig, sondern liegen bei stark gesenkter Körpertempereatur mit offenen Augen da – sie können sich aber nicht bewegen. Zwischendurch steigt die Körpertemperatur allerdings immer wieder an und der Stoffwechsel normalisiert sich. Das Tier wird nun bewegungsfähig, entleert seinen Darm und bessert wenn nötig das Nest aus, danach fällt es für kurze Zeit in einen echten Schlaf, bis durch die sinkende Körpertemperatur wieder der erstarrte Zustand einsetzt. Dieser Vorgang wiederholt sich etwa alle zwei Wochen.


W i n tertr채 u me

5


R ESIDENZ R EV U E Nicht nur Säugetiere ziehen sich zur Überwinterung in ihr Nest zurück – auch Insekten wie zum Beispiel die Bienen haben ähnliche Überwinterungsstrategien. Während allerdings ein Murmeltier im Winter ausschliesslich von seinen angefutterten Fettreserven lebt, nimmt die Biene im Winter Nahrung zu sich. Nicht umsonst hat das Volk einen ganzen Sommer lang Nektar gesammelt. Bereits nach der Sommersonnenwende wird das emsige Treiben der Bienen langsam ruhiger, gesammelt wird aber noch bis weit in den Oktober hinein. Erst im Laufe des Novembers zieht das Bienenvolk sich dann in seinem Stock eng zur sogenannten Wintertraube zusammen – allerdings nicht bevor es alle Ritzen der Behausung sorgfältig verschlossen hat, um frostigen Durchzug zu verhindern. Bienen sind äusserst kälteempfindlich, und die Temperatur darf nicht unter 14 Grad Celsius sinken. Um dies zu erreichen, versuchen alle Bienen, der warmen Mitte der Wintertraube möglichst nahe zu kommen; sie drücken mit ihren Köpfen nach innen und wechseln regelmässig die Plätze, damit keine zu lange im kühlen Aussenbereich hocken muss. Nur die Königin verbleibt den ganzen Winter über in der warmen Mitte der Traube. Damit es in der Traube immer zwischen 14 und 20 Grad warm bleibt, zittern die Bienen heftig und erzeugen so Wärme. Als «Benzin» und Heizmaterial dient ihnen dabei der Honig. Die Bienen auf der «Aussenhaut» der Traube nehmen den Honig auf und geben ihn an die tiefer in der Traube sitzenden Artgenossinnen weiter. So frisst sich die Wintertraube im Laufe des Winters nach und nach durch die Nahrungsvorräte und wandert langsam von einer Seite der Behausung zur anderen. Wie die Bienen und Murmeltiere sind auch viele andere Tiere während des Winters dazu gezwungen, ihre Aktivität zu reduzieren oder ganz einzustellen, da sie in der Natur keine oder zu wenig Nahrung finden und angesichts der Aussentemperatur Gefahr laufen zu erfrieren. Die Strategien der Überwinterung sind aber sehr unterschiedlich: Manche Tiere, zum Beispiel die Fledermaus, halten einen durchgehenden Winterschlaf und

6

wachen während dieser Zeit auch nicht auf. Wird eine Fledermaus aus ihrem Winterschlaf geweckt oder an ihrem Schlaf gehindert, kann das für sie tödlich enden. Andere Tiere – wie zum Beispiel das bereits erwähnte Murmeltier, aber auch der Igel oder die Haselmaus – unterbrechen ihren Winterschlaf in regelmässigen Abständen, um sich zu reinigen und ihr Nervensystem vor Schäden zu bewahren. Neben diesen «echten» Winterschläfern gibt es aber auch viele Tiere, die eine Winterruhe halten. Bei diesen Tieren sinkt die Körpertemperatur deutlich weniger als zum Beispiel bei den Murmeltieren. Der Braunbär verbringt bis zu sieben Monate des Jahres in seiner Höhle in einem Dämmerschlaf und nimmt in dieser Zeit keine Nahrung zu sich. Er lebt allein von seinen Fettreserven. Anders verhält es sich mit der Winterruhe der Eichhörnchen: Diese wachen regelmässig auf und fressen etwas in den Wachphasen. Die Lebensweise der Winterschläfer hat wohl auch für so manchen Menschen ihren Reiz; einfach alle Schotten dichtmachen und den kalten und ungemütlichen Winter verschlafen. Zumindest ansatzweise tun wir das ja ohnehin, der Begriff des «Einigelns» kommt schliesslich nicht von irgendwoher. Im Winter haben wir das Bedürfnis nach warmem Licht und einer kuscheligen Decke, wir sehnen uns nach einem Kaminfeuer und stimmungsvoller Musik. «Cocooning» nannte das die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn in den 80er Jahren, angelehnt an die Kokons, in welche Insekten sich einspinnen. «Cocooning» wurde von ihr und später auch von anderen zum Trend ausgerufen. Das Wort steht für das Bedürfnis vieler Menschen, sich in ihre eigenen vier Wände zurückzuziehen, in ihre heile Welt, weitab von der Aussenwelt voller Gefahren, Glatteis und Temperaturen unter Null. Unter dem Begriff des «Cocooning» wurden und werden teure Wolldecken verkauft und Duftkerzen, und so manches Möbelgeschäft wirbt auch in diesem Winter wieder damit. Der Trend aber ist längst ein anderer. Statt «Cocooning» praktiziert der moderne Mensch in der kalten Jahreszeit jetzt «Homing», was sich vom


W i n terträ u me

englischen Wort «home», also Heim oder Zuhause, ableitet. Die Wolldecken sehen immer noch gleich aus, und auch die Duftkerzen riechen nicht anders. Doch während es beim «Cocooning» einzig und allein um einen selbst ging – wir zogen uns in die eigene Höhle zurück, einsam wie ein Braunbär – geht es beim «Homing» geselliger zu und her. Der Winter wird zwar immer noch im eigenen, kuschligen Heim verbracht, doch nun lädt man Freunde und Familie ein, man setzt sich gemeinsam an den Tisch, kuschelt sich aneinander wie die Murmeltiere. Und ebenso wie das Murmeltier steckt man hin und wieder die Nase aus dem eigenen Bau, atmet die kühle Luft tief ein, streckt die Glieder und freut sich nach einem kurzen Winterspaziergang dann doch schon wieder auf die eigene warme Stube.

Ausstellung im Naturmuseum Olten: «Überwintern – 31 grossartige Strategien» noch bis 24. April 2016. Am 21. Januar 2016 findet von 14 bis 15 Uhr eine Führung für Seniorinnen und Senioren statt, der Eintritt ist frei. Naturmuseum Olten Kirchgasse 10 4600 Olten www.naturmuseum-olten.ch

Text: Katharina Blansjaar

7


R ESIDENZ R EV U E

Der zweckentfremdete «Pfannenblätz» Erwin Grieshaber, Residenz Konradhof

V

or über 50 Jahren kam es in der EPA zu einem rätselhaften Ausverkauf. Erwin Grieshaber deckte auf, warum die «Pfannenblätze» ständig vergriffen waren. Vielleicht können sich viele nicht mehr an dieses Produkt erinnern. Zu meiner Jugendzeit und auch noch später in den Sechzigerjahren verwendete man für die Reinigung der Pfannen ganz besondere «Chupferblätze». Sie waren so lang wie breit, ungefähr zwanzig Quadratzentimeter und gefertigt aus einem robusten Material, verwoben mit Kupferstreifen. Mit diesem Tuch, damals erhältlich in der EPA, der Warenhauskette in der ich arbeitete, reinigte man Pfannen, befreite deren Oberfläche von Kalk und Schmutz und rieb sie glänzend. Ein Produkt, das 60 Rappen kostete und im Winter 1963 ständig ausverkauft war. Jede Woche die gleiche Nachbestellung. Es gingen so viele über die Ladentheke wie noch nie und unser Lieferant kam in Lieferschwierigkeiten.

10

Nach wochenlanger Kälte von bis zu minus 13 Grad ist der Bodensee 1963 zugefroren. Freigegeben für die Öffentlichkeit tummelten sich zehntausende Fussgänger, Schlittschuhläufer und Fahrradfahrer auf der riesigen Eisfläche. An den Wochenenden spazierten die Massen von Arbon (TG) nach Langenargen (D) oder auch von Rorschach (SG) nach Nonnenhorn (D). Nicht alle kamen auf dem Fussweg wieder zurück, manche wählten für den Rückweg die gemütlichere Variante mit der Bahn. Die «Seegfrörni» wurde zum Spektakel nicht nur für die Seeanwohner. Menschen aus der ganzen Schweiz und Deutschland kamen und wollten den See überqueren. Die Läuferschar, welche die ganze Seebreite hinter sich liess, hin und zurück wären das ungefähr 40 Kilometer, erhielt eine Auszeichnung vom Bürgermeister persönlich. Ich selber habe den See nicht überquert, aber ich war am regen Treiben interessiert und wagte mich ebenso auf die Eisfläche. Da bemerkte ich, dass gewisse Personen schneller und andere langsamer vorwärts kamen. Einige mit


W i n tergesc h ic h te n Grip und andere gleitend. Diejenigen, die wie auf Eiern gingen, wagten sich mit blosser Schuhsole auf die rutschige Oberfläche. Die anderen hatten etwas befestigt. Und siehe da – der «Chupferblätz». Man weiss nicht mehr wer auf diese Idee kam, es bleibt auch dahingestellt, ob das die beste Idee war oder ob man nicht besser das Gleiten unterstützt hätte anstatt mehr Rutschfestigkeit zu bezwecken, auf jeden Fall hat sie sich durchgesetzt, die Idee mit dem «Pfannenblätz». Die Kundinnen und Kunden der EPA schnallten sich das Kupfertuch an die Schuhsohlen und fühlten sich damit auf der Eisfläche des Sees sicherer. Es diente der Haftung und der Vermeidung von unfreiwilligen Stürzen. Als Zuständiger für den Einkauf ging mir ein Lichtlein auf. Hier also wanderten alle «Chupferblätze» hin und deshalb reichte plötzlich pro Haushalt nicht mehr nur einer! Als es März wurde, die Temperaturen arg gegen die Eisflächenidylle arbeiteten, da waren die Verkäufe der «Pfannenblätze» wieder rückläufig. End-

lich kehrte Normalität ein und die Warenbestände verzeichneten keine sonderbaren Auffälligkeiten mehr. Auch im März gab der Bodensee noch zu reden. Der eine oder andere Tollkühne wagte sich auf die gesperrte Eisfläche vor, obwohl dies längst verboten wurde. Ich erinnere mich noch, wie sich ein Fahrradfahrer gegen die Vorschriften auf die Eisfläche wagte, den See überqueren wollte und verschwand, höchstwahrscheinlich vom See verschlungen. Er wurde nie gefunden. In meiner ganzen Zeit als Zuständiger für die Einkäufe bei der EPA, später EPA Neue Warenhaus AG, war dies das sonderbarste Vorkommnis, welches sich so nie wiederholte. Wer weiss, vielleicht gefriert der Bodensee in Zukunft ein weiteres Mal und wir dürfen gespannt sein, auf welche Ideen die Fussgänger dann kommen. Irgendeine Idee? Text: Tanja Bernold

11


R ESIDENZ R EV U E

Vom grünen in den weissen Winter und zurück Ursula Hille-Dahl, Residenz Südpark

N

orwegen ist ein Land für sportliche und junge Menschen – und wer nicht sportlich ist, der wird es zwangsläufig, meint Ursula Hille-Dahl.

Eines Tages kam mein Mann von der Arbeit und sagte zu mir: “Ich will nach Hause!“ An diesem Tag fühlte er sich als Opfer von Ausländerfeindlichkeit. Er erhielt eine Parkbusse in Genf, in der Stadt in der wir wohnten. Wohlbemerkt, sie war berechtigt. Eigentlich konnte er von Glück reden, dass er nicht schon viel früher für seine regelmässigen Parksünden gebüsst worden war. Ich sagte zu ihm: „Aber wir sind doch zu Hause!“ Mein Mann war Norweger und er meinte mit „zu Hause“ zum ersten Mal klar und deutlich sein Herkunftsland. In Norwegen ist es immer Winter, es gibt nur den Unterschied zwischen weissem und grünem Winter. Ich dachte mir, hätte er das doch nur vor zehn Jahren gewollt – da waren wir noch frisch verliebt – ich hätte dieses Vorhaben spannend und reizvoll gefunden, aber 1970 nach einigen Jahren Ehe und mit zwei Kindern...

12

Zum Glück war Norwegen, ein fortschrittliches Land sowohl in der Technik als auch in der Geschlechtergleichstellung. Als Frau eines Norwegers wurde ich als Schweizerin gut akzeptiert. Ich lernte im Abendgymnasium die Sprache und besuchte diverse Kurse für meinen Abschluss. Meine Schweizer Diplome und die kaufmännische Ausbildung interessierten damals niemanden. Weil es in Norwegen üblich war, dass auch die Frauen berufstätig sind, begann auch ich rasch wieder zu arbeiten. Ein weiser Entscheid, denn die Wintertage waren kurz und die Nächte ewig lang. In Skandinavien leiden viele Einwohner unter der Winterdepression. Während der Wintermonate dauert der Tag von morgens um 10.00 Uhr gerade einmal bis nachmittags um 14.00 Uhr. Danach wird es schon finstere Nacht. Lichter liess man ganztags brennen und niemand kümmerte sich um den Stromverbrauch. In Norwegen weiss man sich gegen die Dunkelheit zu helfen. Entweder man rettet sich in die Arbeit oder beleuchtet alles Mögliche, wie zum Beispiel auch die Langlaufloipen. Wintersport wird besonders grossgeschrieben, es gibt ja auch kaum etwas anderes zu tun. An einem


W i n tergesc h ic h te n

klassischen Wintersonntag sind wir in der Früh aufgestanden, haben ausgiebig gefrühstückt und unsere Sachen fürs Skifahren gepackt. Schon die Kleinsten nahm man mit auf die Piste. Ab zwei Jahren auf Skiern und davor gut eingepackt auf einem Pulk, einer schlittenartigen Vorrichtung mit der man Ski fahren, Langlaufen oder Schneeschuhwandern kann. Das Witzige daran war, dass sehr oft die Frauen den Pulk ziehen mussten – so viel zur Gleichberechtigung. Bevor man das Haus verliess, stellte man noch einen «Får i kål», zu Deutsch «Hammelin-Kohl»-Topf auf den Herd. Das ist Hammel- oder Schafsfleisch mit Kohl und etwas Salz und Pfeffer gewürzt. Ein sehr einfaches norwegisches Gericht, das man 3-4 Stunden köcheln liess, während man einen Tag im Schnee verbrachte. Kehrte man nachmittags zurück, war das Essen schon fertig. Die Norweger, so fortschrittlich sie auch sind, mögen es immer wieder, Dinge ganz primitiv herzustellen. So musste mein Mann beispielsweise immer seine Kaffeekanne zu einem Skiausflug mitnehmen, um dann irgendwo im Wald ein Feuer machen zu können und selber in der freien Wildnis eine schwarze Brühe zu kochen, die gar nicht schmeckte. Kaffee wird in Norwegen nicht einfach nur getrunken, nein er wird viel eher «gesoffen», mindestens 6 Tassen am Tag...

Wir lebten in Drammen. Wollten mein Mann und ich an ein Fest oder in den Ausgang gehen, so fuhren wir mit dem Auto nach Oslo. Er trank gerne ein Gläschen oder zwei und ich konnte gut darauf verzichten. Auf einer dieser Rückfahrten, die Strasse war dunkel und eisig, steuerte ich eine Kurve an. Schön nach links eingeschlagen weigerte sich unser Fahrzeug, meinem Befehl zu folgen. Das Auto reagierte nicht die Spur auf meine Lenkung und wir schlitterten gerade über die Strasse hinaus in einen Graben. Danach war mir auch klar, warum man in Norwegen um den Führerausweis zu bestehen, diverse Fahrsituationen auch bei Nacht und bei Eis üben musste; ich war mit meinem Schweizer Fahrausweis halt automatisch zugelassen und somit ohne diese Fahrpraxis. Wenn man mich heute fragt, was ich am Winter in Norwegen vermisse, dann muss ich gestehen - nichts. Was ich tatsächlich vermisse, ist «die Jugend». Damals hat der Winter in Norwegen noch wahnsinnig Spass gemacht. Text: Tanja Bernold

13


R ESIDENZ R EV U E

Auf das Kamel gekommen Fritz Bucher, Residenz Spirgarten

D

er Zoo Zürich liess in den 50er Jahren keine Idee unversucht, um sich über die Tatsache der fehlenden Motorisierung hinweg zuhelfen. Fritz Bucher, ehemaliger Betriebsassistent, erinnert sich an das Schneepflügen mit Kamel Sultan. Als Professor Hediger 1954 seine Arbeit als Zoodirektor aufnahm, und ich bereits schon sieben Jahre im Zoo Zürich gearbeitet hatte, waren die ersten neuen Tiere, die unter seiner Leitung gekauft wurden zwei Kamele. Damals war der Zoo eher armselig und nicht die Attraktion, die er heute ist; erst kürzlich wurde der Zoo Zürich von einer Jury europaweit auf Platz 3 gewählt. 1954 lautete die Anweisung vom neuen Direktor: „Es müssen zwei Kamele an der Viehrampe bei den Güterzügen, Ecke Langstrasse in Zürich abgeholt und zu Fuss sicher in den Zoo gebracht werden!“ Und so nahm ich mich den neuen Schwielensohlern an und führte sie an den Halftern ab Zürich’s Langstrasse durch Zürich hindurch bis zum Zoo. Weil das so gut gelaufen war, die Tiere perfekt an den Halftern geführt werden konnten, dachte

14

ich mir, das dürften sie nicht verlernen, sie müssten darin Übung behalten. Also machte ich mich schon am nächsten Tag ans Training und ging mit den zwei Kamelen laufen. Da wurden die ersten Stimmen laut: „Was fällt dir denn ein, ganz alleine mit zwei so grossen Tieren laufen zu gehen, die könnten ja durchbrennen, das ist verantwortungslos!“ Trotzdem habe ich das Laufen weiterverfolgt und ich bin heute noch der Meinung, es hat den Tieren gut getan. In jenem Jahr hatte der Zoo auch noch kein einziges Motorfahrzeug. Wie jedes Jahr wurde es Winter und es fiel Schnee auch über dem Zoo Zürich. Ich erinnerte mich daran wie in früheren Jahren ein Bauer aus der Nachbarschaft mit den Pferden Schnee gepflügt hatte und ich dachte mir, unser Kamelhengst Sultan, der Prachtbursche, kann das auch. Die schwere Arbeit das männliche Tier verrichten lassend, behielt ich die Kamelstute in der Stallung. Damals noch mutete man den Weibchen eher weniger schwere Arbeit zu - vergleichbar mit den Menschen - aber auch das hat sich zum Glück mit den Jahren gewandelt. Wir kauften einen einfachen Pfadschlitten. Ich fand ein Geschirr,


W i n tergesc h ic h te n das sich eignete und schon begann Sultan mit der Schneeräumung. Die Beschaffenheit der Kamelhufe mit einer breiten Auflagefläche macht es möglich, dass diese Tiere sowohl durch Sand als auch durch Schnee laufen können. Der ganze Fussweg, überall wo die Besucher lang laufen konnten, wurde auf diese Weise vom Schnee befreit. Direktor Hediger unterstützte das Treiben und berief sogar extra eine Pressekonferenz ein, um den Medien die neue Errungenschaft werbetreibend vorzuführen. Von da an war Sultan für die Schneeräumung zuständig. Die Kamele ertrugen die Kälte problemlos. Nach einem anstrengenden Tag wie nach der Schneeräumung gab es eine Extraportion Futter für das schwer schuftende Tier. Dies bedeutete etwas mehr Gerste und sonst das übliche Futter bestehend aus Heu und Brot, was man heute den Tieren wegen des Salzes allerdings nicht mehr verfüttert.

dere Beziehungen – bei Sultan war das genau so. Ich könnte jedoch noch etliche weitere Tiere nennen, wie beispielsweise die grösste asiatische Elefantendame, auf der die Kinder noch reiten konnten, oder die Streifenhyäne, die von einem Tierpfleger mit dem Schoppen aufgezogen wurde und an der Leine durch den Kreis 4 Gassi ging. All diese Tiere waren auf ihre Weise ganz besonders für mich. Diese Leidenschaft wurde von der ganzen Familie geteilt und heute arbeitet auch mein Sohn bereits seit dreissig Jahren im Zoo Zürich. Jetzt gerade befindet er sich als Reiseleiter in Afrika. An die Rufe der Pinguine – wenn sie sich im Aussenbereich aufhielten – erinnert sich auch meine Frau gut und gerne, denn wir haben direkt neben dem Zoo Zürich gewohnt. Text: Tanja Bernold

Wenn man so viele Jahre mit Tieren arbeitet, dann entwickelt man schon ab und zu ganz beson-

15


R ESIDENZ R EV U E

Zwischen den Zeilen

W

interzeit ist Lesezeit. Doch was macht ein gutes Buch aus, und welche Schweizer Autoren sollte man unbedingt lesen?

«Die Jungen lesen ja nicht mehr!» Ein Spruch, den man häufig hört. Und einer, der weder Hand noch Fuss hat. Denn die Zahlen des Bundesamtes für Statistik sprechen eine ganz andere Sprache. 76 Prozent – über drei Viertel der jungen Menschen unter 30 Jahren – lesen jedes Jahr mindestens ein Buch zu privaten Zwecken, also unabhängig von Ausbildung, Schule und Beruf. Bei den über 60-Jährigen sind es dagegen «nur» 67 Prozent – obwohl auch das eine stattliche Zahl ist. Schaut man sich die Statistiken an, lassen die nämlich nur ein Fazit zu: Die Schweiz ist ein Land von Bücherwürmern. Im Jahr 2008 haben ganze 81 Prozent der Bevölkerung mindestens ein Buch gelesen. Im Vergleich dazu waren es im europäischen Gesamtdurchschnitt nur 71 Prozent. Überhaupt wird in den deutschsprachigen Ländern viel gelesen. In Deutschland und Österreich lesen ebenso wie in der Schweiz rund 80 Prozent der

18

Bevölkerung mindestens ein Buch pro Jahr, im «Literaturland» Frankreich sind es dagegen rund zehn Prozent weniger, in Italien gar nur 63 Prozent. Gerade jetzt, wenn die Tage kürzer werden, freuen sich viele wieder darauf, es sich mit einem Buch und einer Decke über den Beinen gemütlich zu machen. Doch was soll man nur lesen, auf wen sich für Empfehlungen verlassen – und was ist eigentlich «gute» Literatur? Der Streit darüber, was seriöser Lesestoff ist und was trivial, ist so alt wie die Belletristik selbst. Der Begriff der Belletristik entstammt dem Französischen. «Belles lettres» waren im frühen 18. Jahrhundert jene Bücher, die der Unterhaltung dienten, also Romane, Dramen und Lyrik. Und deren Zahl war – ganz anders als heute – im Verhältnis zum Gesamtbuchmarkt sehr klein. Denn um 1700 wurden in viel grösserer Zahl wissenschaftliche Abhandlungen, politische Schriften und vor allem Gebetsbücher und Theologisches gedruckt. Dies änderte sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Roman als literarische Form ge-


L esezeit wann an Bedeutung, und es etablierte sich eine öffentliche Literaturkritik – es erschienen nun Rezensionen von Büchern, in denen der künstlerische Wert solcher Werke diskutiert wurde, und die Belletristik entwickelte sich immer mehr zu einem Massenmarkt. Was gedruckt wurde, zielte darauf, rezensiert zu werden. Dies versetzte die Rezensenten, die «Literaturkritiker», in eine machtvolle Position: Sie bestimmten, was wertvolle Literatur war, sprich was es wert war, besprochen zu werden, und was keine ästhetischen Qualitäten hatte – egal, wie gut es sich verkaufte. Denn die sogenannte Trivialliteratur misst sich gerne an Verkaufszahlen. Ihre Grenzen sind selbstverständlich nicht klar definiert – für manche fallen unter die Trivialliteratur nur die Schundromane vom Kiosk, für andere gehört jede Art von Frauenroman in diese Sparte, ausserdem Abenteuerromane, Science Fiction und alles andere, das vor allem der Unterhaltung dient. Die Literaturkritik spricht gerne davon, dass Triviales die Erwartungen des Lesers erfüllt und nicht in Frage stellt, während sich «echte» Literatur kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzt und die gängigen Denkweisen hinterfragt. Doch den Leser gibt es gar nicht, und jeder empfindet sein Leseerlebnis anders. Als Beispiel kann einer der bekanntesten zeitgenössischen Schweizer Autoren herangezogen werden – Martin Suter. Seine Bücher sind Bestseller – für die Kritiker oft ein klarer Hinweis auf Trivialliteratur. «Suter kann nicht schreiben», erklärte 2011 der Literaturkritiker Ulrich Greiner in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit». Und folgerte am Ende seines Artikels: «Kann sein, dass man so was in der S-Bahn lesen will. Wenn man schrecklich müde ist. Und jetzt gerade überhaupt keinen Sinn für

Literatur hat.» Georg Diez von der Zeitschrift «Spiegel» schrieb: «Was wie ein Klassiker aussieht, enthüllt bei Suter nur noch Klischees.» Diese scharfen Kommentare machen deutlich: Das Heutige einzuordnen fällt schwer. Was relevante Literatur ist und was nicht, das zeigt sich oft erst mit der Zeit. Grossartige Dichter gehen vergessen, andere werden hochgejubelt und finden Eingang in den «Kanon» der Literaturgeschichte, werden zu Klassikern. Zu diesen zählen hierzulande ohne Frage die grossen Vertreter der realistischen Literatur – Gottfried Keller, Jeremias Gotthelf oder Conrad Ferdinand Meyer. Auch Dramatiker wie Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch sind allen ein Begriff, ebenso Robert Walser. Doch der meistverkaufte und bekannteste Autor der Schweiz ist – eine Autorin. Johanna Spyri gelang mit ihren beiden Heidi-Büchern ein Welterfolg. 1880 publizierte sie «Heidis Lehr- und Wanderjahre», im Jahr darauf «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat». Die Bücher erschienen bereits 1890 in einer amerikanischen Schulausgabe, wurden in 50 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und bisher über 50 Millionen Mal verkauft.

«Was relevante Literatur ist und was nicht, das zeigt sich oft erst mit der Zeit.»

Doch kommen wir zurück zum Sofa, zum Winter und der warmen Decke über den Beinen: Was soll man sich denn nun anschaffen an Neuem, was gibt unser Schweizer Literaturbetrieb her an Lesenswertem? Ein Werk bietet sich allein schon wegen seines Titels an: «Über den Winter» des gebürtigen Zürchers Rolf Lappert. Lappert, der in den Kantonen Aargau und Solothurn aufwuchs, schreibt seit den frühen achtziger Jahren Romane und war ab 1997 beim Schweizer Fernsehen als Drehbuchautor für die erfolgreiche Sendung «Mannezimmer» tätig. Sein 2008 erschienenes Buch «Nach Hause schwimmen» bekam den Schweizer Buchpreis, wurde für den Deutschen Buchpreis

19


R ESIDENZ R EV U E nominiert und machte Lappert über unsere Landesgrenzen hinaus bekannt. Auch «Über den Winter» war in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert. Es ist ein zarter Roman, in dem ein Mann, der sich lange von seiner Familie entfremdet hatte, einen Winter lang die Bande, die er eigentlich kappen wollte, neu knüpft. Ebenfalls mit dem Schweizer Buchpreis und als erstes Schweizer Buch auch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde der 2010 erschienene Roman «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji. Die Autorin wurde als Angehörige der ungarischen Minderheit in Serbien geboren und wuchs in der Schweiz auf. Sie lebt seit vielen Jahren in Zürich. «Tauben fliegen auf» ist durch die Thematisierung von Migration und Heimat ein Buch, welches das aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehen in der Schweiz aufgreift. Dies tut auch der bereits erwähnte Martin Suter in seinem neuen Roman «Montecristo» – hier liegt die Aktualität aber bei den Banken und den politischen Verflechtungen. Wer lieber hört als liest, kann sich diese Bücher selbstverständlich auch als Hörbücher bestellen. Und auch bekannte Schweizer Dramen kann man heute bequem auf dem eigenen Sofa geniessen – im Herbst hat zum Beispiel der Diogenes-Verlag die beiden Dürrenmatt-Klassiker «Die Physiker» und «Der Besuch der alten Dame» als Hörspiele neu aufgelegt. Es handelt sich um Original-Hörspiele des Schweizer Radios und des Bayerischen Rundfunks aus den Jahren 1957 und 1963. Egal ob über Kopfhörer oder Buchstaben – es lohnt sich auf jeden Fall, die Wintermonate mit einem guten Buch zu verbringen. Text: Katharina Blansjaar

20


L esezeit

«Lesezeit» in Ihrer Seniorenresidenz

Insbesondere in der Winterzeit veranstalten wir viele Anlässe rund «ums Buch». Einerseits führen wir Literaturabende und Lesungen in den Residenzen durch. Persönliche Einladungen erhalten Sie rechtzeitig oder entnehmen die Details unseren Veranstaltungskalendern. Andererseits ermuntern wir Sie, sich für Ihre individuellen Lesestunden Bücher und Zeitschriften aus der hauseigenen Bibliothek zu entleihen.

21


R ESIDENZ R EV U E

Die Eisprinzessin vom Zelgli bis Beirut Ursula Knechtli, Residenz Konradhof

S

eit Kindesbeinen stand die Winterthurerin Ursula Knechtli sicher auf dem Eis. An die Figuren erinnert sie sich heute noch und ganz besonders an den «Vierzehner».

Im Jahr 1934, ich war vier Jahre alt, da stellten mich meine Eltern erstmals auf die Eisfläche. Der Tennisplatz Schützenwiese wurde vom Platzwart im Winter zum Eisfeld umfunktioniert. Damals existierte in Winterthur noch keine Natureisbahn. Meine Eltern waren sportlich interessiert, der Vater ein Skifahrer und die Mutter eine Tänzerin. Die Medien berichteten damals von der erfolgreichen Eiskunstläuferin Sonja Henie aus Norwegen. Sie verzeichnete Erfolge bei den Olympischen Winterspielen; etliche Male gewann sie Gold an den Weltmeisterschaften und an den Europameisterschaften ebenfalls. Meine Eltern setzten sich wohl in den Kopf, aus mir eine Eisprinzessin zu machen und ich bewies das nötige Talent dazu. Während des Krieges nahmen sie manche Entbehrung auf sich, um mir das Schlittschuhlaufen zu ermöglichen. Jede Eiskunstläuferin weiss, dieser Wintersport kann auch sehr hart sein. Man lernt

22

Disziplin und Ausdauer, es ist kalt und man leidet an Frostbeulen – wenig prinzessinnenhaft – und doch geniesst man die Schaulaufen und die Bewunderung, den Applaus und die Auszeichnungen für die Erfolge. Der Wintersport wurde zunehmend populärer. Die Stadt Winterthur begann beim Zelgli den Bach zu stauen, um die Wiese zu fluten, so gross wie ein Fussballfeld, um dort eine Eisfläche freizugeben, sobald der Winter die nötigen Temperaturen bescherte. Auf dem Zelgli, 45 Gehminuten entfernt von meinem Zuhause, begannen später die Trainingslektionen bei einem Freund meiner Eltern. Er brachte mir die ersten Schritte bei und förderte mich, wo er konnte. Eiskunstläuferinnen und Hockeyspieler vereinten sich auf der Natureisbahn. Man verabredete sich in der Schule und traf sich zum Freizeitplausch. Anfangs hatte ich noch Örgeli Schlittschuhe mit insgesamt drei Kufen. Die befestigte man am vorderen und am hinteren Ende des Stiefels. Danach bekam ich Schlittschuhstiefel -braun- genauso wie sie Sonja Henie trug. Mit den besseren Schlittschuhen kam auch die passende Bekleidung dazu. Ich


W i n tergesc h ic h te n trug Wollstrümpfe gegen die Kälte, handgestrickt von meiner Mutter – ui haben die gejuckt – einen wunderbaren Faltenjupe – relativ kurz für damals – der seine Wirkung erst bei den Pirouetten entfaltete. Als einzige Winterthurerin beherrschte ich schon damals die Sitzpirouette. Nach der Gründung des Winterthurer Schlittschuhclubs lernte ich immer mehr Pflichtfiguren. An eine Schrittkombination erinnere ich mich besonders gut, an den «Vierzehner». Man konnte ihn paarweise oder alleine laufen. Ein Herr Biedermeier, Mitbegründer des Clubs, brachte ihn mir bei. Ich bin mir sicher, ich könnte den „Vierzehner“ heute noch. Im Sommer übte man auf Rollschuhen und sehnte das winterliche Eis herbei. Meine Eltern waren damals sehr ambitioniert was mich betraf und ich hatte wahnsinnig Spass. So kam es, dass wir an den Sonntagen morgens nach Zürich fuhren, damit ich auf der Dolder Eisbahn mit der Elite trainieren konnte. Ich absolvierte Tests und wurde zu meinen besten Zeiten Sechstplatzierte an nationalen Wettkämpfen. Es war der Zeitpunkt erreicht, an dem ich mich entscheiden musste. Eiskunstlaufkarriere oder Schule? Ich beschloss als Amateurläuferin weiterzumachen; das hiess, keine Wettkämpfe mehr dafür mehr Schaulaufen zu bestreiten und die Matura zu bestehen.

Die Schulzeit war auch die Zeit der Freundschaften und der Musik. Ein Schulorchester spielte Jazz aus Amerika und ich war begeisterte Zuhörerin an den Proben und den Konzerten. Zum grossen Ärgernis meiner Eltern studierte ich auch noch eine Kür zu Glenn Millers Jazzmusik ein und ich muss gestehen, es hat nun wirklich nicht gepasst. Die Hockeyclubs engagierten mich als Schauläuferin in den Spielpausen und ich wurde mit weit mehr als nur Blumen und Applaus beschenkt. Nach dem Gymnasium und der zweijährigen Handelsschule entschied ich, bei der Amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am zu arbeiten. Als Flugbegleiterin schleppte ich die Schlittschuhe überall mit. Ich drehte meine Runden beim Rockefeller Center in New York und im Libanon in Beirut. Dort gab es ein Hotel, wo ganzjährlich eine Eisfläche betrieben wurde. Wir Angestellten der Fluggesellschaft übernachteten dort. Bei jedem Aufenthalt nahm ich mir die Zeit alte Schrittkombinationen, den Dreier oder Pirouetten zu üben und um einfach wieder Eisprinzessin zu sein. Text: Tanja Bernold

23


R ESIDENZ R EV U E

Ich, das Seemädchen Mathilde Huggel, Residenz Südpark

M

athilde Huggel erinnert sich lebhaft, wie 1929 der Zürichsee seinen weissen Teppich für Fussgänger und Schlittschuhläufer ausbreitete. Ich bin ein Seemädchen. Ich habe den Zürichsee geliebt und er fehlt mir heute noch. Im Sommer trafen wir uns zum Rudern im Doppelvierer oder zum Fischen mit den Knaben. Dann sassen wir also am See und badeten die Würmer stundenlang. Wer wie ich am See, in Richterswil, aufwuchs konnte gut schwimmen. Ich war Mitglied des Seeclubs und lernte das Wasser und die Wetterbedingungen zu meinem Schutz lesen. Wenn in den Glarner Bergen dunkles Grau von Blitz und Donner aufzog, nannten wir den Zigerschlitz auch gerne mal «em Liebgott sin Schüttstei». Während dem eisig kalten Winter im Jahr 1929 zeigte sich uns der Zürichsee von einer neuen Seite. Etliche Tage fielen die Temperaturen nachts unter minus 20 Grad Celsius. Diese Bedingungen führten dazu, dass sich eine dicke Eisschicht bilden konnte. Als das gefrorene Seewasser an der Oberfläche eine Eisdecke von circa 20 cm erreicht hatte, wurde die Eisfläche für die Öffentlichkeit freigegeben.

24


W i n tergesc h ic h te n An diesen kalten Wintertagen machten wir uns wochentags mit dem Schlitten auf in die Schule. Warm eingepackt zog unsereins das Holzgestell den Hang hoch, in Vorfreude auf die rasante Abfahrt nach Schulschluss. Ich erinnere mich noch gut, wie einer der Schüler, wohnhaft in Bäch am Zürichsee sogar mit den Schlittschuhen zur Schule kam. Am Seeufer in Richterswil angekommen, musste er dann zu Fuss weiter. Der Schulsport wurde unter den höchst winterlichen Umständen auf den gefrorenen See verlagert. Während der Lehrer voraus ging und sicherstellte, dass die zwei Abfahrtskurven vom Schulhaus zum Ufer autofrei blieben, reihten wir unsere Schlitten aneinander, zuvorderst ein Junge mit Schlittschuhen als Lenker, und sausten abwärts. Ohne Lenker hätten wir die Kurve beim Friedhof nicht geschafft und wären ungebremst in die Mauer geknallt. Damals gab es noch nicht viele Autos, trotzdem schaute immer jemand zum Rechten. Mit der Schulklasse bewegten wir uns über die Eisfläche weit weg vom Ufer. Ein plötzlicher Knall liess uns aufschrecken. Wir schauten uns um und suchten nach dem Riss im Eis und hatten die wildesten Fantasien. Der Lehrer beruhigte uns und erklärte uns, aufgrund welcher physikalischen Gesetze die Ausdehnung und damit Risse zustande kamen. Unbesorgt glitten wir also weiter übers Eis, spielten Fangen und hatten irrsinnig Spass. Am Wochenende kehrte ich mit meinen Eltern auf die Eisfläche zurück. Samstags und sonntags war jeweils reger Betrieb; der Dorfmetzger stellte seinen Wurststand auf, verkaufte Servelats und Bratwürste und ein Wirt wärmenden Glühwein. Mit Vater und Mutter spazierten meine Cousine und ich auf dem See bis nach Wädenswil. Dort kehrten wir ein, tranken im Café Brändli einen Tee und assen ein Zwanzigerstück. Ein Zwanzigerstück, das war damals eine Cremeschnitte oder ein Mohrenkopf, eine Leckerei, die man 1929 für nur 20 Rappen kaufen konnte. Heute kosten sie etwas mehr, nicht wahr?

Wenn die Zeit reichte, überquerten wir auch gerne mal den See zu Fuss. Auf der anderen Seite von Richterswil liegt Stäfa. Genau an dieser Stelle ist der Zürichsee am breitesten. Die besonders Mutigen wagten sich sogar mit dem Fahrrad auf die Eisfläche. Immer wieder sah man dabei ein Hinterrad in der zu eng geschnittenen Kurve weggleiten – zum Ärgernis des Fahrers und zur Belustigung der Zuschauer. Sogar die Fasnacht wurde in jenem Jahr «aufs Glatteis geführt». Der See war während des ganzen Februars gefroren und als eines Tages richtig viel Schnee gefallen war, räumten sogar die Gemeindearbeiter die Eisfläche erneut frei, so dass eine Fläche mit den Schlittschuhen wieder befahrbar wurde. Ganz so schön glatt war die Oberfläche danach leider nicht mehr. Als die Temperaturen stiegen und die Messungen nicht mehr die obligatorischen Werte ergaben, durfte man den See nicht mehr passieren. Damit der Seeverkehr wieder starten konnte, befreite man die Oberfläche mit Pickel und Eisbrechern von der starren weissen Masse. Ich erinnere mich gerne an die Zeiten am See. Als der Zürichsee im Winter 1963 erneut zugefroren war, kehrte ich mit meinem Mann und den Kindern an den See zurück und erlebte das gleiche Spektakel ein zweites Mal. Nie hätte ich in meiner Kindheit gedacht, dass ich eines Tages in Basel leben könnte, an einem Ort, wo es eben keinen See gibt. Wohin uns doch die Liebe führt...! Text: Tanja Bernold

25


R ESIDENZ R EV U E

An Weihnachten geschehen noch Wunder Arnold Küpferle, Residenz Spirgarten

D

en Schneemassen trotzend verbrachte Arnold Küpferle mit seiner Frau ein unvergessliches Weihnachtsfest in einem Montrealer Vorort. In Montreal fiel Schnee. Pausenlos tanzten weisse Flocken vom Himmel und kleideten die Stadt in kühles Weiss. Drei Tage lang hatte es ununterbrochen geschneit und die Strassen waren zugedeckt. Die Schneeräumungsarbeiter waren mit der Schneemasse überfordert; es war Weihnachtszeit und die parkierten Autos verlassen und zugeschneit. Meine Frau und ich, ein frisch verheiratetes Paar aus der Schweiz, hatten in einem Vorort von Montreal Pläne für Heiligabend mit Freunden. Wir lebten noch nicht lange in Kanada, dementsprechend gross war das Heimweh meiner Frau insbesondere zur Adventszeit. Weihnachten alleine zu verbringen war keine Option und obwohl im Radio von Autofahrten wegen schlechter Strassenbedingungen abgeraten worden war beschlossen wir, an Heiligabend loszufahren, um mit der befreundeten Familie zu

26

feiern. Das Schlimmste was hätte passieren können war, dass wir steckengeblieben wären. Dieses Risiko nahmen wir in Kauf. Ich traute mir die Fahrt durch den Schnee zu, hatte bereits erste Erfahrungen mit den winterlichen Strassenbedingungen in Montreal gemacht, denn durchschnittlich fielen pro Winter rund fünf Meter Schnee. Ein Meter Schnee war innert kürzester Zeit gefallen, aber zum Glück hörte es bald auf zu schneien. Los ging die Fahrt, vorbei an all den parkierten Autos, raus aus der Stadt. Auf den Highways kamen wir problemlos vorwärts. Je weiter wir in die Aussenquartiere kamen, desto schlechter wurden jedoch die Bedingungen. Es lagen 30-40 cm Schnee auf der Strasse und vor uns lagen noch circa zehn Kilometer. Dann kurz vor dem Ziel, blieben wir in der Strasse, die zum Haus unserer Freunde führte, beinahe mehrere Male stecken. Inzwischen wurde es langsam dunkel und das Haus, zugedeckt von den Schneemassen, erkannten wir schon fast nicht mehr. Der Wind hatte den Schnee auf einer Seite hoch bis unters Dach zugetragen. Es sah aus wie ein Zuckerberg und man sah nichts mehr von dem zweistöckigen Haus. Da waren wir also am Ziel angelangt und wurden von den Freunden und


W i n tergesc h ic h te n deren Tochter herzlich begrüsst. Louise, hiess die damals 4-Jährige. Während der Begrüssung begann sie an den Schneemassen am Haus hochzuklettern und treppenartig aufzusteigen. Und plötzlich war sie verschwunden. Keine Spur mehr von dem Mädchen... Wo konnte sie sein? Wir fingen an zu suchen, zu rufen und schauten, wo sie denn bloss steckte. Sie war ein ganz besonderes Mädchen, weinte oder jammerte nie, war immer ganz tapfer. Beim Klettern holte sie sich zwar jeweils Schrammen – dies aber ohne eine Miene dabei zu verziehen. Endlich konnte der Vater Louise durch Rufen ausfindig machen. Sie musste zwischen Hausfassade und Schneemauer gefallen sein, sicher fünf Meter tief. Aber wie sollten wir sie nur da rausholen? Ich fuhr mit dem Auto vor, machte mit den Scheinwerfern Licht und wir begannen mit Schaufeln ein Loch frei zu graben. Zu zweit mussten wir Schneemassen wegtragen und buddeln, sicher zwei Kubikmeter Schnee und dabei immer darauf achten, dass die Wand nicht einbrach und das Mädchen darunter nicht vom Schnee

begraben wurde. Für mich war es eine schreckliche Aufregung, Louise allerdings blieb dabei seelenruhig und gelassen. Ebenso ihr Vater und ihre Mutter; sie sagten dauernd: „Nur keine Angst, wir bringen sie schon da raus!“ Am Ende schafften wir es, das Mädchen hinter dem Schneeberg zu befreien. Louise war zwischen Hausmauer und Schneewand gefallen und blieb da einfach unversehrt stecken... Louise hatte zu keiner Zeit geweint, auch nicht als sie wieder draussen war in den Armen der Eltern und sich die Anspannung löste. Danach war die ganze Aufregung schnell vergessen und wir feierten Weihnachten... noch einmal mit einem Schrecken davon gekommen. Ein kleines Wunder, geschehen an Heiligabend! Text: Tanja Bernold

27


R ESIDENZ R EV U E

Trivia - wussten Sie schon, . . . ... dass Schildkröten im Kühlschrank überwintern?

... dass manche Tiere statt eines Winterschlafs einen Sommerschlaf halten? In heissen Regionen halten Krokodile und einige Schlangen- und Froscharten einen Trocken- oder Sommerschlaf. Diese Zeit verbringen sie meist unter einer Schlammdecke, um sich vor der Hitze und dem Austrocknen zu schützen. Während dieser Zeit reduzieren sie – ähnlich wie die Winterschläfer – ihren Stoffwechsel und ihre Nahrungsaufnahme. Ein ähnliches Verhalten lässt sich aber auch in unseren Breitengraden beobachten: Bei grosser Hitze und aussergewöhnlichem Wassermangel verschliessen die Weinbergschnecken den Eingang zum Schneckenhaus mit einem Häutchen. So können sie bis zu 14 Tage ohne Futter und Wasser überleben.

28

Halter von Landschildkröten bereiten ihre Tiere auf die Winterruhe vor, indem sie während zwei bis drei Wochen langsam das Licht und die Temperatur des Terrariums herunterdrehen. So setzt bei den Schildkröten die Winterstarre ein. Das Tier kommt dann in eine spezielle Überwinterungskiste, welche wiederum in einen Kühlschrank – es empfiehlt sich ein separates Gerät – gestellt wird. Während drei bis fünf Monaten öffnet der Besitzer nun wöchentlich die Kühlschranktür, damit das Tier genug Sauerstoff bekommt. Ist es an der Zeit, die Winterruhe zu beenden, wird die Temperatur im Kühlschrank einfach langsam erhöht, bis die Schildkröte aus ihrer Winterstarre erwacht.


trivi a

... dass manche Schweizer Seen noch nie zugefroren sind? In vielen Schweizer Regionen erinnert man sich noch genau an die letzten Seegfrörnen – beim Boden- und Zürichsee war dies zuletzt im Winter 1963 der Fall. Kleinere Seen, wie zum Beispiel der Pfäffikersee im Kanton Zürich, frieren auch im 21. Jahrhundert noch regelmässig komplett zu. Zuletzt wurde auf dem Pfäffikersee am 11. Februar 2012 das Eis freigegeben. Dagegen sind andere Schweizer Seen noch nie komplett zugefroren: Weder vom Brienzer- noch vom Urnersee ist in historischer Zeit eine Seegfrörni bekannt. Das liegt daran, dass diese Seen besonders tief sind, und die Abkühlung daher viel länger dauert.

... dass die richtige Ernährung im Winter für gute Laune sorgen kann?

Texte: Katharina Blansjaar

Wenn die Tage kürzer werden, sinkt der Serotoninspiegel in unserem Blut. Serotonin ist als «Glückshormon» bekannt, und wenn wir zu wenig davon im Blut haben, fühlen wir uns müde, traurig und lustlos – ein Gemütszustand, unter dem im Winter viele leiden. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung kann diesen Effekt abmildern, ausserdem helfen auch frische Luft und ausreichend Tageslicht. Amerikanische Forscher haben aber herausgefunden, dass auch der Genuss des Lieblingsessens die Stimmung hebt: Die positiven Erinnerungen, die mit dem Duft und dem Geschmack der Leibspeise verbunden sind, stärken das Wohlbefinden und haben einen Einfluss auf die Gefühlswelt.

29


Impressum Herausgeber & Redaktion Konzept, Illustration & Gestaltung Texte Bilder Auflage Bezug

Atlas Stiftung, www.atlas-stiftung.ch, 044 233 33 55 Dr. Helen-Deborah Maier Atlas Stiftung, Tanja Bernold, Katharina Blansjaar Atlas Stiftung, Fotolia 2000; deutsch Seniorenresidenz Konradhof, www.residenz-konradhof.ch, 052 265 15 15 Seniorenresidenz Spirgarten, www.residenz-spirgarten.ch, 043 336 75 75 Seniorenresidenz Südpark, www.residenz-suedpark.ch, 061 366 55 55


Profile for Atlas Stiftung

151102 Atlas Magazin Nr 4 November 2015  

Residenz Revue - Magazin der Atlas Stiftung Nr. 4 November 2015

151102 Atlas Magazin Nr 4 November 2015  

Residenz Revue - Magazin der Atlas Stiftung Nr. 4 November 2015

Advertisement