a product message image
{' '} {' '}
Limited time offer
SAVE % on your upgrade

Page 1

Rainer Knaust Bildhauer Fotoarbeiten 1986 – 2018


Rainer Knaust Bildhauer Fotoarbeiten 1986 – 2018


Rekonstruktion und Erweiterung eines abgebrochenen (anonymisierten) Interviews Dezember 2017

2\3


Du bist, glaube ich, Ende 60 und stellst nun nach

Wieso diese Verrenkung, du brauchtest Unterstüt-

über 10 Jahren erstmals wieder aus. Wie kommt das?

zung; über wieviele Ausdrucke sprechen wir?

R.K.: Die letzten beiden Ausstellungen waren drüben in Köln, 2003 oder 4. Ich bin den Ausstellungen nie so recht hinterher gerannt; natürlich hatte ich in den 80ern und 90ern die üblichen Ausstellungsaktivitäten unterschiedlichster Art... am liebsten waren mir allerdings die selbstinitiierten Fabrikprojekte...

R.K.: Mindestens 10 Arbeiten, einige davon dürfen auflösungstechnisch nicht größer als 70 x 100cm sein, andere können bis zu 200cm breit werden. Naja, ich bin halt nicht gläubig, d.h. ich bin noch nicht einmal Atheist, das wäre schon wieder Glaube. Wir frickeln uns mit erstaunlichen Ergebnissen, sei es in der Architektur, Medizin, Kunst, Ernährung, Technik und was weiß ich nicht alles, durch ein uns gegenüber völlig gleichgültiges Universum... ich stehe dem genauso gleichgültig gegenüber und nun soll ich mich an das Erzbistum Köln wenden?

...das war nicht meine Frage...

R.K.: Gut! Vor etwa 3 Jahren kam ich mit einem Projekt nicht so recht weiter; d.h. es ging um eine Fotoreihe. Die Probeausdrucke waren OK, konnte sie aber nicht auf‘s große Format bringen, dazu fehlten mir die Mittel.

Und wofür waren die Arbeiten gedacht? Wie konntest du mit deinen anderen Mitteln Probedrucke erstellen und sie entsprechend beurteilen?

R.K.: Ich habe durchaus professionell arbeitende Geräte, von der Kamera, über den Rechner, die Software, bis schließlich zum Drucker und dem Papier. Über A3+ komme ich allerdings nicht hinaus und für die kleinen Formate reicht mir das; das sind die Formate, die sich in der Ausstellung im Maternushaus in Köln zu den größeren Formaten gesellen werden. Die Ausgangsfrage ist damit noch immer nicht beantwortet...

R.K.: ...habe mich im Kollegenkreis umgehört und bekam einen Hinweis vom Mip...

R.K.: Wenn ich ausstelle, hat das eher privaten Charakter, das kann in meinen Räumen sein, die sind großzügig angelegt, oder halt woanders. In der Regel funktioniert das ganz gut, und ich wollte für den kommenden Anlass neue Arbeiten zeigen. Wie hat sich das weiterentwickelt, nach dem „kleinen Brief“.

R.K.: Es ist ein kurzer Dialog entstanden, mit dem vorläufigen Ergebnis, dass der Prälat Anfang 2014 zu mir ins Atelier gekommen ist und sich einen Überblick über meine Arbeiten verschafft hat. Ich solle einen Antrag auf Förderung stellen. Letztlich konnte ich wenige Monate danach, mit der Umsetzung meines Vorhabens anfangen.

...Mispelbaum...

R.K.: … ja, genau… also vom Mip bekam ich Kontaktdaten in Richtung Künstler Union Köln, Prälat Sauerborn, Erzbistum Köln. Nach mindestens 10 Umdrehungen im Kreis habe ich einen kleinen Brief dorthin geschrieben.

Wie kam es zu der jetzigen Ausstellung?

R.K.: Eineinhalb Jahre danach hatte ich den Prälaten nochmals zu einem Atelierbesuch gebeten, um sich die Ergebnisse anzusehen. Im Zuge dessen hat er mir eine Ausstellung im Maternushaus für 2019


angeboten, dort wird seit Jahrzehnten ausgestellt. Umständehalber lassen sich in dem Ambiente besser Wandarbeiten zeigen und ich wollte im Herbst 2019 ein Fotoprojekt vorstellen, woran ich seit Oktober 2016 arbeite. Plötzlich kam vor etwa 3 Wochen eine Anfrage von deren Sekretariat, ob ich mir vorstellen könne, im April 2018 auszustellen, also eineinhalb Jahre früher. Ich habe ein paar Tage überlegt – schließlich rücken die Grenzen des Vorübergehenden immer näher, man wird immer kleiner, wie, wenn etwas zu lange in der Pfanne gebrutzelt hat – sagte Ja und änderte das Konzept. Du bist Bildhauer, stellst aber ausschließlich Fotografien aus. Das sind völlig unterschiedliche Bereiche. Wie geht das, was hast du für eine Ausbildung?

R.K.: Zunächst habe ich eine Ausbildung als Büromaschinenmechaniker abgeschlossen. Währenddessen kamen die ersten elektronischen Tischrechner auf den Markt und ich begann mich dafür zu interessieren und bildetet mich in diese Richtung weiter. Es hatte nur 2-3 Jahre gedauert, da wurden bei Reparaturen, anstatt einzelne Bauteile auszutauschen, ganze Baugruppen gewechselt, es ging alles Ruckzuck und machte keinen Spaß mehr. Nach dem Besuch weiterführender Schulen und anderen Erfahrungen hatte ich mich in Maastricht an der Kunstakademie im Bereich Bildhauerei für die Aufnahmeprüfung beworben und bestanden … Wie lange hat diese Umbruchphase gedauert?

R.K.: Etwa 4 Jahre … ich habe den Beruf aufgegeben, die Städte gewechselt von Oberhausen nach Köln, Düsseldorf, die unterschiedlichsten Jobs angenommen, einiges gelernt und zwischendurch das Land gewechselt.

4\5

Ist nach der Bildhauerei die Fotografie für dich ein neuer Weg?

R.K.: Überhaupt nicht. Schon seit meiner späteren Jugend habe ich mir in all meinen Wohnplätzen eine Dunkelkammer eingerichtet, damit ich meine Fotos selber bearbeiten konnte; ich habe immer fotografiert. Hat sich die Motivart gegenüber damals verändert?

R.K.: Natürlich. Häufig sehe ich das eine oder andere Motiv unter bildhauerischen Gesichtspunkten, ein anderes Mal als Lichtinstallation oder es können Bildfolgen entstehen, in denen von Bild zu Bild kaum Veränderungen wahrzunehmen sind, die eben durch sich langsam veränderndes Licht provoziert werden können oder durch die Gemächlichkeit eines Windhauchs, (Seite 55) und wenn das Motiv dabei ein mächtiger Baum ist, sind die Veränderungen schon deutlich weniger als minimal, das ist schleichend. Ich kenne nur wenige deiner fotografischen Arbeiten, in der Regel sind sie dunkel bis schwarz...

R.K.: Naja, zum Teil ist das richtig. Bei Tageslichtbildern ist alles sofort präsent, das ist auch völlig OK. Manchmal meine ich mit Hilfe der Dunkelheit mehr sichtbar machen und herauskitzeln zu können. Die Bilder sind dermaßen schwarz... regelrecht stumpf...

R.K.: … genau so möchte ich das! Für unseren optischen Gesamteindruck gibt es keinen „Glanz“, „Halbglanz“ oder „hinter Glas“. Wiedergaben dieser Art wären unvorteilhaft für meine Motive: Bei dem vielen Schwarz wären Reflexionen unausweichlich; man ist bei Bildern immer irgendwie zu dritt oder mehr: einerseits mit demjenigen, der das Bild ge-


macht hat, andererseits dem Bild selbst und des weiteren mit dem Betrachter, der sich darin spiegelt und nicht da hinein gehört. Oder gar noch Fenster im Hintergrund und Lampen, die von oben dazu kommen und die zu weiteren Bildelementen werden können. Francis Bacon hat es mit seiner Malerei, oft in Glasrahmen ausgestellt, darauf angelegt, dass der Betrachter sich zu seiner Psychowelt hinzugesellt, bei ihm ist das gut nachvollziehbar. Das Glas kann eine Schutzfunktion erfüllen, manchmal kommen mir die Bilder hinter Glas schärfer gezeichnet vor ... und bei Grafiken stört mich Glas

Hier, in dem Regal mit Kästen, sind Fotos zu sehen. (Seite 15)

R.K.: Damals, Mitte der 90er Jahre gab es sonntags noch den ARD-Wochenspiegel. Die einzelnen Themen habe ich von dem Fernsehbildschirm abfotografiert und dann hinter Glas in einzelne Kästen gesteckt, die man, jede für sich, mittels einer Klappe öffnen und schließen konnte. Das war die 33. Woche 1994. U.a. war Tage zuvor Bayern München gegen eine 600-SeelenGemeinde aus dem Pokalwettbewerb geworfen worden, Elias Canetti war gestorben, erstmals wurden Boatpeople gezeigt, die von Kuba in die USA wollten und natürlich noch einiges mehr.

überhaupt nicht.

R.K.: Komischerweise ist das bei Grafiken etwas ganz anderes, da bemerke ich das Glas in der Regel garnicht. Ein Foto ist eine andere Art von Bild mit seiner eigenen Sprache. Bildende Kunst ist eine Form von Rhetorik und bei verglasten Fotos quatscht mir häufig irgendwas dazwischen...

Hast du das schonmal ausgestellt?

R.K.: Klar, mehrmals; damals hier im Kunstpalast, in Galerien, auch in Köln, gegen 2004. Also, ich Frage deshalb danach, weil ich mir nicht sicher bin, ob das heute noch wegen der komplizierten Copyrightregeln so ohne weiteres ausstellbar ist.

Dann lass’ uns mal die Mappe durchgehen… Hier gibt‘s Fabrikambiente zu sehen, eher schlecht gemachte Fotos... die Anschnitte... das Licht... (Seiten 11, 12, 13)

R.K.: ...die sind damals als Belegfotos gemacht worden, ohne fotografischen Wert. Das war zur Zeit der sogenannten Fabrikkunst: Da habe ich Hallen umgebaut, ein Dach entfernt, heimlich... die Immobilien gehörten schließlich jemanden …, aus Rohrmaterialien ist ein feuerakustisches Instrument entstanden, einige Hallen waren garnicht mehr wiederzuerkennen... das hatte alles absolut nichts mit dem herkömmlichen Kunstbetrieb zu tun.

R.K.: Damals wurde in der Tat nicht oder nicht viel danach gefragt. Aus den Vorgaben der Medien war es möglich, eigenständige Dinge zu schaffen und dem vorgegebenen Inhalt einen ganz anderen Dreh zu geben. Die Fragen bei dem Regal können sein, was steckt hinter den unkommentierten Bildern, was hinter den geschlossenen Kästen, wann ist etwas davon vergessen oder hat die Gültigkeit verloren oder: „gab es das wirklich?“ und so weiter… so etwas ist heute schon noch genauso möglich und wird auch gemacht. Die ersten Urheber sollten sich über ihr Material freuen, wenn es auch für andere Bestimmungen taugt.


Zeigst du die Arbeit in Köln?

R.K.: Nein, das ist allein schon technisch nicht machbar. Das Regal ist fast so schwer wie ein mittelgroßer Schrank und hat mit Fotografie eher nichts zu tun. Du hast viel mit Regalen gemacht... hast du sie selber gebaut?

R.K.: Ja, sicher. Wie, wo und wann hast du das gelernt?

R.K.: Das habe ich mir selber beigebracht. Anlass war ein Besuch in der Villa Romana, Florenz, beim Mip… der taucht häufig in meinem Werdegang auf, stelle ich gerade fest… jedenfalls hatte ich dort ein paar Arbeiten gemacht, die ich nicht nach Deutschland ausführen durfte und in einer dort angefertigten Kiste verstecken musste, die mir dann der Mip nach Ende seines Stipendiums mitgebracht hat. Vielleicht hat der Umgang mit Holz deshalb funktioniert, weil ich eine technische Ausbildung absolviert habe. Der Weg vom Metall zum Holz ist nicht sonderlich weit, das Messen und die spanabhebenden Handhabungen erfordern das gleiche Maß an Disziplin und Achtung vor dem Material. Natürlich ist mir nicht alles auf Anhieb gelungen… Und so bist du zu den Regalen gekommen?

R.K.: In dieser Transportkiste musste ich ein System schaffen, damit die Arbeiten geordnet und sicher über alle möglichen Wege bewegt werden konnten. Was ich in meinem Leben absolut nicht kann, ist Ordnung halten, es ist katastrophal, und ich vermute, dass ich mir deshalb das Ordnungssystem Regal für die Kunst entwickelt habe.

6\7

Jetzt wird’s aber psychologisch... Was steckst du heute in die Regale?

R.K.: Ich mache das schon lange nicht mehr. Schade, dass die Fotos davon so schlecht sind.

R.K.: Kann schon sein, dass ich der am schlechtesten arbeitende Fotomensch bin – auch das muss man erstmal schaffen; aber wahrscheinlich gibt es einen der noch viel schlechter ist … du wirst noch sehr viel schlechtere Fotos sehen … das ist dann allerdings bewusst gesetzt... Das Treppengewusel sieht interessant aus, was ist das genau ... (Seite 25)

R.K.: Das ist ein Stilleben, gemacht aus den Treppenabfällen, die im Laufe meiner Treppenarbeiten entstanden sind… es musste viel ausprobiert werden, der Ausschuss war enorm… ...du hattest es mit Treppen...

R.K.: Naja, davon, also von Treppenstufen, gab und gibt es wahrscheinlich mehr, als es Menschen jemals gegeben hat... für etwa 4 Jahre sind Treppen mein Thema gewesen und ich habe es entsprechend variiert; z.B. dieses „Selbst“ (Seite 18+19) ist eine Krücke für eine Fotoarbeit: hier wird einzig und alleine der Werdegang dieses Gebildes fotografisch dokumentiert und mittels dieser Architekturkrücke in Form gebracht. Für den Betrachter eine Zumutung: Wer alles sehen und ergründen will, muß auf eine kleine Leiter steigen und schließlich sogar vor der Kunst auf die Knie gehen und unten hin und her rutschen.


Die „Porträts“ (Seiten 22 + 23) ziehen sich über 30 Jahre hin, wie und warum ist diese Zusammenstellung zustande gekommen? Hast du die alle gemacht?

R.K.: Das sind Zeitgenossen von mir, du warst doch auch dabei, teilweise Lebensbegleiter aus Presse, Museen, Sammler, Künstlerkollegen, Kunstvermittler, Leute die mir ein „schau‘ mir ins Objektiv“ wert waren. Natürlich habe ich die alle selber gemacht, ich laß’ mir doch keine Passbilder zuschicken… leider ist mir das Negativ vom Klaus Staeck durch ein Missgeschick kaputt gegangen und ich mußte das nächste, leider unscharfe, nehmen. Das war Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre, damals war ich mit Chris Reinecke auf der Art Cologne. Die beiden kannten sich gut aus den 68er Jahren und der Lidl-Zeit. Dort habe ich ihn fotografiert, auf seinem Stand mit Plakaten, Zeitschriften und Büchern. Das muss man sich heute mal vorstellen: Ich weiß garnicht, wie ich ihn benennen soll: Wahlhelfer – der war ähnlich wie Günther Grass angelegt – Plakatkünstler, Satiriker („Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“). Der hatte als Person, wie auch Beuys und viele andere, richtig hingehalten. Reiner Ruthenbeck konnte ich nicht dazu bewegen, in die Linse zu schauen. Er hatte eher empört reagiert, weil es mir um den „Augenblick“ ging, ihm aber die Körperlichkeit näher stand. Interessant ist der Anfang und das Ende der „Porträts“, wie sich manchmal so einiges selber macht: Den Galeristen Wolfgang Wittrock habe ich als ersten fotografiert. Bei einem der Fotos kneift er ein Auge zu und steht in der alphabetischen Reihenfolge am Schluss. Neulich hatte ich den argentinischen Tangotänzer Andres Alarcon zu Besuch. Mein letztes Porträt. Bei einem der Fotos macht er beide Augen zu und steht am Anfang der alphabetischen Reihenfolge …

Oder Friedrich Mielke: Architekt, Professor, hat nach dem Krieg den Denkmalsschutz mit begründet, wurde Ehrenbürger der Stadt Potsdam und vieles mehr. Im Krieg hat er ein Bein verloren, nach dem Krieg bei einem Autounfall das andere Bein und hat dann aus Trotz oder zu Kompensationszwecken, ich weiß es nicht, die Treppenforschung ins Leben gerufen, zahllose Treppen vermessen und über alle Treppeneigenarten der ganzen Welt etliche Bücher veröffentlicht. Irgendwie hat er mich ausfindig gemacht und zwei Texte zu meiner Arbeit geschrieben; daraufhin wollte ich ihn kennenlernen und bin zu ihm gefahren, wobei ich das mit seinen Beinen noch nicht wusste. Was ist „Kitesch“, was zeigt das Bild genau? (Seite 29)

R.K.: Zunächst ist Kitesch eine legendäre russische Ansiedlung an einem Fluss in Richtung Mongolei gelegen, vor einigen hundert Jahren. Der Legende nach war dieser Ort mit seinen gottesfürchtigen Bewohnern unbefestigt, also angreifbar. Eines Tages stürmten mongolische Horden auf diesen ungeschützten Flecken zu, um diesen zu erobern. Die Bewohner beteten und baten Gott um Hilfe. Kitesch wurde zu einer gebrechlichen schwimmenden Insel in dem Fluss und ist weggetrieben ohne zu versinken und die Bewohner sind so den Mongolen entkommen, sagt man... Kitesch wurde zum Thema einiger Künstler, Rachmaninow hat, glaube ich, sogar ein größeres Musikwerk darüber verfasst. Was auf dem Foto zu sehen ist, ist eine von mir modellierte Turmansiedlung aus Tonerde, die teilweise mit starren Kernen versehen ist. Durch den Trocknungsprozess konnten die kernigen Bereiche nicht nachgeben und sind gerissen. Unmittelbar nach dem Foto ist der ganze Klumpatsch durch eine Bodenerschütterung in sich zusammengefallen, so dass keine weiteren Fotos möglich waren. Das wäre sowieso passiert und war im


Vorhinein bedacht, allerdings ging mir das ein bis zwei Tage zu schnell. Wie kommst du zu solchen Themen?

R.K.: Wie kommt die Jungfrau zum Kind? Die „Kohlenstaubfabrik“ (Seite 31) ist nicht gerade eine fotografische Glanzleistung ... Wo steht die überhaupt?

R.K.: Ich kann doch dieses Drecksdingen nicht mit meiner dicken Kamera aufnehmen, die macht doch mit ihrer Schärfe und hohen Auflösung alles kaputt... ... wir leben hier immerhin in Düsseldorf. Das ist die Stadt der Werbung, der Werbefotografie, der Fotokünstler überhaupt... hier wurde Fotogeschichte geschrieben...

R.K.: Das ist schon richtig, die Ergebnisse sind phantastisch gut, ja; so arbeite ich aber nicht! Es wird häufig schnell und nicht richtig hingeschaut. Das kann man sich zueigen machen: In der „Kohlenstaubfabrik“ wurde Kohle zu Kohlenstaub gemahlen, um daraus neben Russ das schwärzeste Malmittel herzustellen, das brauchte ich hin und wieder. Dem Foto liegt eine monumentale Bildauffassung zugrunde und soll den Eindruck einer großen Industrieanlage vermitteln. Genauso wird es auch wahrgenommen, das ist gewollt. Die dargestellten Objekte sind aber nur 3 Küchenmaschinen, die eigentlich jeder kennt, etwa 25 cm hoch, die vor meiner Ateliertüre arbeiteten. Na gut, wie dem auch sei... nächtliche Stadtbilder

mit den ganzen Standby-Lichtern der vielen Geräte … Du hast eben gesagt, dass die Nürnbergfotos (Seite 49) schlecht sind und mit einem Rotfilter mittels Photoshop gemacht wurden und ich das Nachschärfen vergessen hätte … Um die Fotos machen zu können, habe ich mir die am schlechtesten auflösende Kamera genommen, die ich bekommen konnte … ... ich muß mal unterbrechen: dieses eine da, gibts das noch? (zeigt auf das Kolosseum)

R.K.: Ja, natürlich, was denkst du denn? Die NS-Bauten sind doch nicht von mir mal ebenso dahin gestellt, die stehen da seit 70, 80 Jahren … die sind älter als ich! Allmählich geht mir hier die Puste aus, das ist wie bei Kindern, die erstmals ein Huhn sehen und die Bedeutung dessen nicht kennen und ich denen erklären muss, wo die Eier her kommen … – … du bist fast doppelt so alt wie ich … ! ...du scheinst manchmal etwas viel zu wollen, mit deinen Arbeiten... ?

R.K.: … meine anfangs angesprochene Gleichgültigkeit hat ihre Grenzen … zurück zu Nürnberg … … jedenfalls brauchte ich die schlechteste Digikamera. Das war das erste iPhone mit seiner 2MB-Knipse drin, die unter aller Sau war, womit ich übrigens bei Bedarf immer noch arbeite. Darüber habe ich dann in Nürnberg, mit aller größter Häme, eine rosarote MonCheri-Schachtel aus transparentem Plastik gestülpt … (Seite 48)

sind verhältnismäßig oft fotografiert worden, als dass du sie noch einmal fotografieren müsstest. (Seite 33)

R.K.: Siehst du? Das ist ähnlich wie eben: „Elektro City I“, ist keine Stadt ... das ist mein Atelier bei Nacht

8\9

... und die hattest du dabei?

R.K.: Es ist nie verkehrt, gewisse Kleinigkeiten in der Hinterhand zu haben …


10 \ 11


Fabrikkunst Schaffung einer Veranstaltungsäche mittels mehrerer hundert Gabelstaplerpaletten 1983


12 \ 13

Fabrikkunst: Endloses Dach Demontage/Montage 1984


Fabrikkunst: Feuerakustisches Instrument Konzert 1984


14 \ 15

Selbstportrait GipsabgĂźsse von Kopf und Hand 1993


33. Woche 1994 Ă–ffnungsbeispiel 1994/95


16 \ 17

Treppenhaus Modell, Grundriss, Aufbau 2001– 2002


Karl Ernst Osthaus-Museum Karl Ernst Osthaus-Preis Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Treppenhaus Environment, begehbar 440 × 650 × 680 cm, 2001– 2002


Auszug aus „Treppen im Modell“ Band XIV, Schriften zur internationalen Treppenforschung, hrsg von Prof. Friedrich Mielke

18 \ 19

Selbst Architekturell 162 cm hoch 2003 – 2004


20 \ 21

Treppenhaus Architekturell ca. 45 Ă— 45 Ă— 45 cm 2003


Luftwege Architekturell ca. 30 cm hoch 2004


27 Porträts 1986 – 2018

22 \ 23

Andres Alarcon

Erik Andersch

Jürgen Dahmen

Bogomir Ecker

Gisela Kleinlein

Evangelos Koukouwitakis

Peter Kowald

Frantisek Kynci

Harald Naegli

Chris Reinecke

Klaus Rincke

Werner Ruhnau


Ulrich Erben

Michaela Gottstein

Armin Hundertmark

Hans-Georg Inhestern

Heinz-Norbert Jocks

Christoph Lungwitz

Helga Meister

Friedrich Mielke

Hermann Josef Mispelbaum

Toni MĂśrger

Josef Sauerborn

Klaus Staeck

RĂźdiger Wich geb. Bernd

Stephan von Wiese

Wolfgang Wittrock


24 \ 25


Getreppe Fotoinszenierung 100 Ă— 168 cm 2008


Fotoarbeiten „Aushub“ heißt eine Fotoarbeit aus dem Jahr 2015 und zeigt, wie sie heißt, einen Aushub. Was da der Erde entrissen wurde, präsentiert sie in rätselhafter Schönheit. Rainer Knaust hat das Auge und den fotografischen Blick, um die gegebene Wetterlage und die damit einhergehenden Lichtwirkungen wahrzunehmen und in dieser Anschüttung eine landschaftliche Skulptur zu entdecken. Merkwürdig geheimnisvoll steht sie da vor einem vagen Horizont. „Blitzlicht“ heißt eine andere Fotoarbeit aus dem Jahr 2016 und zeigt das Licht des Blitzes, das auf ein Bergmassiv fällt. Ist das technische Blitzlicht der Aufnahme gemeint oder ein Blitz der Natur? Das Bild lässt die Frage offen. Eine bedrohlich faszinierende Stimmung liegt in dem Bild, ausgelöst durch die fotografische Präsenz seiner Entstehung. Das Wort Fotoarbeit bekommt in den Bildern von Rainer Knaust eine ganz eigenwillige Klarheit, enthält dieses Wort doch den Prozess und das Ergebnis. Auch wenn das Ergebnis zu sehen ist, bleibt der Prozess sichtbar, so beim „Aushub“, so beim „Blitzlicht“. Fotoarbeit ist Arbeit mit dem Licht. Auf sehr unterschiedliche Weise geschieht dies. Sehr aufwendig in der Arbeit „ElektroCitiy“, eher minimalistisch in den Handygrafien. Ein Büroraum wird durch nächtliches Dunkel und den schimmernden Lichtern der unterschiedlichen Bürogerätschaften zur ElektroCity. Die Nacht als Nacht sichtbar zu machen, verlangt ein schwieriges und langwieriges fotografisches Verfahren.

26 \ 27

Um die belasteten und belastenden Monumentalbauten der Nazis in Nürnberg zu fotografieren, steckt Rainer Knaust ein einfaches Handy in eine rosa Mon Chéri-Packung. In winterlicher Landschaft vor menschenleeren Flächen abgebildet desavouiert sich die nazistische Arroganz. Andere Handygrafien fangen den atmosphärischen Augenblick ein, so „Edward Hopper’s Bahnsteig in Mannheim“, „Hagen“ und „Kohlenstaubfabrik“. Rainer Knaust zeigt im Maternushaus ein weites Spektrum seiner Fotoarbeiten aus mehr als drei Jahrzehnten. Nicht gezeigt werden können seine bildhauerischen Arbeiten. Aber die Fotografien wollen und können nicht verbergen, dass da ein Bildhauer mit und in ihnen arbeitet. Prälat Josef Sauerborn

Monument Fotoinstallation 140 x 110 cm 2002 – 2004


28 \ 29


Kitesch Fotoinszenierung 90 x 106 cm 2003


30 \ 31


Kohlenstaubfabrik HandygraďŹ e 90 x 90 cm 2008


32 \ 33


ElektroCity 1 (Standby) Staatspreis NRW für Fotografie, 2007 100 x 150 cm 2007


Gute Nacht, ihr lieben Geräte! Eine nachtschwarze Bürolandschaft. Schemenhaft lassen sich Bildschirm, Drucker, Scanner, Faxgerät, Rechner, eine Tischleuchte ausmachen – ein Bild wie aus einem Kopierer mit leck geschlagener Tonerkartusche. Wenn da nicht diese grünen und rötlichen Standby-Lichtlein wären, die wie Glühwürmchen auf den Geräten sitzen und kleine Löcher in die Büronacht reißen. „ElectroCity 2“ ist die Fotografie des Foto- und Konzeptkünstlers Rainer Knaust betitelt, die im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung „Lichtungen – Reflexionen in der Kunst“, im Epson Kunstbetrieb im Medienhafen Düsseldorf bis Mitte September zu sehen war, und sie funktioniert doppelbödig. Einerseits steht das großformatige, im Epson Digigraphie®-Verfahren ausgegebene Werk mit der UltraLowkey-Ästhetik für sich selbst. Durch radikale Reduktion meistert es eine der größten fotografischen Herausforderungen: das Schwarz der Nacht sichtbar zu machen. Dass die Büromaschinen den Betrachter trotz fortgeschrittener Stunde anstarren, steigert die nachtmährische Spannkraft des Bildes, zugleich aber sprechen ihre LED-Augen zu uns, sie sagen: Wir kommen nicht zur Ruhe! Wir tun zwar momentan nichts Nutzbringendes, bleiben aber stromhungrig. Leerlaufverluste nennt das der Fachmann, und die läppern sich. Mit der Energie, die die elektronischen Kollegen in den Büros Deutschlands für ihren Bereitschaftsdienst verlangen, ließe sich eine Stadt wie Berlin mit Strom versorgen. Quelle: Benjamin A. Monn: „P 3 #2-Licht an“, München, 2008

34 \ 35


ElektroCity 2 100 x 150 cm 2008


36 \ 37


Aushub (Wildeshausen) 100 x 140 cm 2007


38 \ 39


Hafen HandygraďŹ e 100 x 200 cm 2008


40 \ 41

Hagen HandygraďŹ e 90 x 150 cm 2010


Express 90 x 120 cm 2010


42 \ 43


Bahnsteig in Mannheim Handygrafie 90 × 120 cm 2010


44 \ 45

Leipzig HandygraďŹ e 90 x 150 cm 2010


Glashütte Handygrafie 90 x 150 cm 2010


46 \ 47


Blitzlicht 100 x 150 cm 2012


48 \ 49

Nürnberg Handygrafie, durch eine Mon Chéri-Schachtel gesehen je 70 x 100 cm, 2010


50 \ 51


Flur 48 × 32,5 cm 2007

Dresden 48 × 32,5 cm 2013


52 \ 53


Grazer Fenster 48 × 32,5 cm 2011

Wiener Fenster 48 × 32,5 cm 2012


Die folgenden Abbildungen zeigen Fotos aus einem Projekt, das probehalber seit Okt. 2016 nahezu täglich läuft und seit dem 21.12.2017 permanent bis zum 21.12.2018, also von der einen Wintersonnenwende bis zur folgenden. In dieser Zeit macht eine festinstallierte Fotokamera alle 10 Minuten eine Aufnahme. Das theoretische Ziel ist die Zusammenfassung aller mehr als 52.000 Fotos zu einem Bild. D.h. die winzigen Fotos werden auf Stoß in 365 Spalten für die Tage und 144 Zeilen für die jeweiligen Tagesaufnahmen aneinander und übereinander aufgelistet. Für die übers Jahr verteilte Lichtzeit wird ein helles und farbenprächtiges elliptisches Bild im Inneren der rechteckigen Fläche entstehen, umgeben von den entsprechenden dunkleren Dämmerungs- und Nachtmomenten. Die unterschiedlichen Farben und Lichter resultieren aus den sich verändernden Mond- und Sonnenphasen und den damit verbundenen Auf- und Untergangsverschiebungen. Die laubfreie Phase des Baumes bewirkt eine gewisse Transparenz mit einer Sicht in den Himmel, den Sternen, den Wolken usw., je nach Wetterlage. Hinzu gesellt sich der Baumzustand im Zusammenhang mit den sich langsam verändernden Jahreszeiten. Nach der Transparenz wird sich mit dem Schnee, den Knospen, Blüten, Früchten, Blättern (grün bis bräunlich) eine sich farblich verändernde Dichte ergeben, die mit den unterschiedlichen Lichteinflüssen wieder in eine Transparenz mündet.

54 \ 55

Die Unschärfen resultieren aus den längeren Verschlusszeiten der Kamera in den Dunkelphasen, in denen Stürme oder Winde den Baum in Gänze oder in Teilen bewegen können. Das einzelne Foto wird bei der Umsetzung keine besondere Rolle spielen, sondern nur im „Schulterschluss“ mit den anderen funktionieren. Beim zwischenzeitlichen Sichten des Materials fallen allerdings Reihungen innerhalb von 1–2 Stunden auf, die mir eine Vergrößerung und Veröffentlichung wert sind.

Am 11.1.2017 zwischen 18 und 19:15 Uhr, alle 15 Minuten Fotoprojekt 2016 – 2018


Herausgeber

Künstler-Union-KöIn Prälat Josef Sauerborn, Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln Dieser Katalog erscheint anläßlich der Ausstellung: Rainer Knaust – Bildhauer, Fotoarbeiten von 1986 – 2018, im Maternushaus Köln, April – Mai 2018. Autoren

Prälat Josef Sauerborn Rainer Knaust Fotos

Rainer Knaust Achim Kukulies (S. 17) Robert Stulier (S. 13) Grafik

Jan van der Most, Düsseldorf Herstellung

das druckhaus, Korschenbroich Auflage

300 Copyright

© beim Künstler und den Autoren

56


Profile for Atelier-Knaust

Rainer Knaust - Bildhauer - Fotoarbeiten 1986-2018  

Fotoarbeiten des Düsseldorfer Künstlers Rainer Knaust. Gezeigt werden Arbeiten aus den Jahren 1986 bis 2018.

Rainer Knaust - Bildhauer - Fotoarbeiten 1986-2018  

Fotoarbeiten des Düsseldorfer Künstlers Rainer Knaust. Gezeigt werden Arbeiten aus den Jahren 1986 bis 2018.

Advertisement