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Vorwort

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Oswald Oelz

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as der einsame Leopard am Kraterrand des Kilimandscharos suchte, wird für immer ein Geheimnis bleiben – weiter unten sind die Beute-

tiere fetter, größer und häufiger. Das Tier ist aber keine Ausgeburt Hemingway’scher Phantasie, es existierte tatsächlich; eine Fotografie aus den 1920er-Jahren zeigt den gefrorenen, ausgedörrten Kadaver nahe Gillman’s Point neben zwei Missionarinnen, anlässlich einer frühen Frauenbesteigung des höchsten Punktes Afrikas. Dieser Kraterrand mit dem schwindenden weißen Saum im Himmel über dem grün-gelben Dschungelsteppenland, entrückt und abgehoben, lockte seit jeher viele Träumer, Ehrgeizige und Prahler sowie in früheren Zeiten politische Eroberer. So schrieb Dr. Hans Meyer, der Erstbesteiger des Kilimandscharos, in seinen «Ostafrikanischen Gletscherfahrten»: «Daneben erschien es mir fast als eine nationale Pflicht, dass der Gipfel des Kilimandscharos, wahrscheinlich des höchsten afrikanischen und zweifellos des höchsten deutschen Berges, der von einem Deutschen entdeckt und von einem Deutschen zuerst näher untersucht worden ist, nach allen Bemühungen englischer Reisender, doch zuerst von einem deutschen Fuß betreten werde.» Und nachdem er dies am 6. Oktober 1889 als Erster getan hatte: «Ich pflanzte auf dem verwetterten Lavagipfel mit dreimaligem, von Herrn Purtscheller [kaiserlich-königlicher Turnlehrer aus Salzburg] kräftig sekundiertem ‹Hurra› eine kleine, im Rucksack mitgetragene deutsche Fahne auf und rief frohlockend: ‹Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher unbekannte, namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: Kaiser-Wilhelm-Spitze.›» Dies war der Beginn der Aufteilung der Bergbeute Afrikas zwischen Deutschen, Briten (Mount Kenya) und Italienern (Ruwenzori). Schon lange sind keine «Claims» mehr zu machen, Wilhelm ist «Uhuru», der Freiheit, gewichen. Die Verlockung des schönen Riesen aber ist geblieben, und mehr als 20 000 quälen sich jedes Jahr am Kilimandscharo zur Pflege des eigenen Egos in sauerstoffarme Höhen, für die wir nicht gemacht sind. Dabei verlockt der leichte Anstieg durch zahlreiche Klimazonen zum raschen Gehen. In der unteren Urwaldzone macht der Organismus noch gern mit, und irgendwann im Ödland folgt die Rache der Höhe und des sauerstoffverarmten Körpers. Der rasche Höhengewinn erlaubt keine ausreichende Akklimatisation, das Tempo des Höhengewinns ist, physiologisch betrachtet, mörderisch. Wer die Jammergestalten am Kraterrand des Kilimandscharos gesehen hat, weiß, wovon ich rede, jene, die zu 8

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Kilimandscharo – Der weiße Berg Afrikas  

Als leichtester der höchsten Gipfel aller Kontinente erfreut sich der Kilimandscharo großer Beliebtheit. Der höchste Berg Afrikas zieht Berg...

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