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V E R

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Charlie Buffet

Erhard Loretan Ein Leben am Abgrund


Charlie Buffet

Erhard Loretan Ein Leben am Abgrund

Aus dem FranzĂśsischen Ăźbersetzt von Seraina Gross

AS Verlag


Die Originalausgabe ist 2013 in französischer Sprache unter dem Titel «Erhard Loretan, une vie suspendue» von Charlie Buffet bei Éditions Guérin – Chamonix, erschienen.

www.as-verlag.ch Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe: AS Verlag & Buchkonzept AG, Zürich 2014 Gestaltung und Herstellung: AS Verlag, Urs Bolz, Zürich Lektorat: Claudia Heppeler, Zürich Korrektorat: Alfred Mathis, Willstätt Druck und Einband: Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell ISBN 978-3-906055-21-3


Inhalt

7 Prolog – Grünhorn 13 Dent de Broc 25 Aiguilles du Diable 37 Cordillera Blanca 47 Nanga Parbat 61 Karakorum 67 Annapurna 81 K2 93 Everest 121 Cho Oyu 137 Shishapangma 149 Nicole 157 Kangchendzönga 185 Nordwand 197 Jannu 207 Dent Blanche 217 Anhang 218 Die wichtigsten Daten im Leben von Erhard Loretan 236 Dank 239 Bibliografie 240 Bildnachweis


Die FiescherhĂśrner und das Grosse GrĂźnhorn (Mitte).


Prolog Grünhorn

A

m Morgen des 28. April 2011 erwacht Erhard Loretan in der Finsteraarhornhütte, einer grossen, komfortablen Hütte auf

3048 Meter Höhe. Er hat in einem für die Bergführer reservierten Zimmer geschlafen, zusammen mit seiner 38-jährigen Partnerin

Xenia Minder, Richterin am Genfer Mietgericht. Xenia hatte Erhard vor etwas weniger als zwei Jahren kennengelernt. Sie hatte ihn als Bergführer engagiert. Sie kamen sich näher und Xenia lebt nun in Erhards Chalet in Crésuz in der Nähe des Lac de la Gruyère. Sie schmieden Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Hinter dem Paar liegt eine Woche im Berner Oberland, während der sie einen Viertausender nach dem anderen bestiegen haben. Nach dem Aufwachen gratuliert Xenia Erhard zum Geburtstag. Erhard ist 52 Jahre alt. Das Wetter ist mittelmässig an diesem Morgen. Während der Nacht ist eine dünne Schicht Neuschnee gefallen. Warm eingepackt machen sie sich auf in Richtung Gross Grünhorn. Am Fusse des Südwestgrats deponieren sie ihre Ski und Xenias Rucksack. Während sie sich hinsetzen, um die Steigeisen zu montieren, geht ein junger Bergführeraspirant mit seiner Freundin in Richtung des nahen Gipfels los. Die beiden sind nicht zu sehen im Nebel. Der Aspirant heisst Marcel Schenk und er kommt aus Pontresina im Engadin. Wie viele junge Bergbegeisterte hat auch er Loretans Buch «Den Bergen verfallen» gelesen. Aber er erkennt ihn nicht. Er wird erst am Abend nach seiner Rückkehr in die Hütte erfahren, dass es sich um den berühmten Alpinisten gehandelt hat. Xenia und Erhard machen sich ihrerseits auf, den als relativ einfach geltenden Viertausender zu besteigen.

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Eine Dreiviertelstunde später kehrt Marcel Schenk vom Gipfel zurück. Im Nebel fällt ihm zu seiner Rechten ein Pickel auf, in der steilen Wand, etwa zwanzig Meter unterhalb des Grats. Er ist beunruhigt und seilt sich ab. Das Eis ist hart unter der dünnen Schneedecke, die über Nacht gefallen ist. Schliesslich erreicht er den Pickel. Etwas weiter unten liegt ein zweiter, dazu eine Skibrille. Er weiss nun, dass es sich um einen Unfall handeln muss. Um 12.14 Uhr ruft er die Nummer 1414 an. Die Rettung wird eingeleitet. Auf dem Grat wartet der Aspirant die Ankunft der Retter ab. Er hat nur ein 40-Meter-Seil. Unterhalb der Stelle, an der er die Pickel gesehen hat, fällt die Wand senkrecht ab. Unmöglich, im Nebel abzuschätzen, wie hoch sie ist. Allein kann er nichts machen. Xenia Minder erinnert sich an den Sturz wie in einem Stummfilm in Farbe. «Erstes Bild: mein linker Fuss, der rutscht. Danach, Saltos rückwärts. Ich sehe das Seil an mir vorbeigleiten. Es ist absolut still. Kein Ton. Ich sehe einen Felsvorsprung. Ich sage mir: ‹Das darf nicht wahr sein, das ist ein Sturz.› Dann: ‹Meine Liebe, ich hoffe, Du wirst Dir nicht allzu weh tun›. Ich befinde mich in einem weissen, feindlichen Universum voller Gletscherspalten. Ich bin überzeugt, dass das Wetter überwältigend schön ist. Erhard ist nicht hier, ein schlechtes Zeichen. Ich habe überall Schmerzen, ich sage mir, dass ich einschlafen werde und dass ich immer davon geträumt habe, so zu sterben. Ich habe das Gefühl, nicht mehr in meinem Körper zu sein. Ich liege da, ich beobachte mich, ein Gefühl eines absoluten Wohlseins. Dann wird es dunkel.» Das gleissende Licht existiert nur im Kopf von Xenia. An diesem Tag ist der Nebel so dicht, dass der Helikopter erst in der Dämmerung zu ihr wird fliegen können. Ein Suchtrupp fährt im Zug auf das Jungfraujoch. Es ist unmöglich, die Unfallstelle auf die Schnelle zu erreichen. Der Alarm wird deshalb an die Finsteraarhornhütte weitergeleitet, von der aus die Seilschaft gestartet war: Auf dieser Seite ist der Nebel weniger dicht. In der Hütte erreicht die Nachricht vom Unglück gegen 14 Uhr Reto Schild, jener Bergführer, mit dem das Paar am Vorabend zu8


sammengegessen hatte. Reto Schild macht sich sofort auf den Weg in Richtung Grünhorn. Gegen 16.30 Uhr erreicht er das Skidepot. «Ich habe ihre Ski gesehen, ebenso den schwarzweissen Rucksack von Xenia», erzählt er. «Ich habe ihn sofort wiedererkannt, denn am Vortag hatten wir das Finsteraarhorn zusammen gemacht, und Erhard hatte Xenia gesagt, sie solle ihren Rucksack am Fuss des Gipfelgrats lassen. Ich wusste, dass ihnen etwas Schlimmes zugestossen sein musste.» Er trifft auf Marcel Schenk, der ihm sagt, was er gesehen hat. Sie diskutieren kurz miteinander. Reto Schild ist sehr gut vertraut mit den Örtlichkeiten, er weiss, dass die Wand durch einen Sérac begrenzt wird. Es ist unklar, ob ihr Seil ausreichen wird, um sich abzuseilen: Der Nebel ist noch immer sehr dicht auf dieser Seite, viel dichter als auf der Ostseite, von der er gekommen ist. Die einzige Möglichkeit, die Vermissten zu finden, besteht darin, der Falllinie zu folgen. Sie brauchen mehrere Seillängen, um die vollständig vereiste Wand hinunterzukommen, über die Erhard und Xenia abgestürzt sind: ein erster Absatz von dreissig Metern, dann, nach einem steilen Abschnitt mit Tiefschnee, dreimal dreissig Meter von einem zweiten Vorsprung aus, und eine letzte, kürzere Seillänge im Überhang. «Die Körper waren auf einem steilen Gletscher zum Stillstand gekommen, zehn Meter oberhalb einer grossen Gletscherspalte. Erhard war unter einer kleinen Lawine begraben, Kopf und Oberkörper waren mit einem halben Meter Schnee bedeckt. Er lag seit vier oder fünf Stunden da. Ich bin kein Arzt, aber ich habe sofort gesehen, dass er tot war.» Xenia und Erhard waren ungefähr 200 Meter tief gestürzt. «Ich wurde von einem fürchterlichen Schrei geweckt», erzählt Xenia. «Dieser Schrei, das war offenbar ich. Ich dachte, die Rettungskräfte hätten gerufen, und ich habe zurückgerufen. Dann kamen sie.» Es ist ungefähr 17.30 Uhr. Xenia steht seit mehr als fünf Stunden unter Schock. Sie sieht die Männer auf sich zukommen. Sie fragt: «Wo ist Erhard? Wo ist Erhard?» Sie sagt, sie habe Schmerzen. Ihr Arm ist gebrochen. Sie ist schwer unterkühlt, aber bei vollem Bewusstsein: 9


Erhard Loretan bleibt nur fünf Minuten auf dem Gipfel des Kangchendzönga am 5. Oktober 1995.


K A P I T E L

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K ANGCHENDZÖNGA Wo der Himalaya eine dramatische Inszenierung für den vierzehnten Akt vornimmt

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rhard trifft Benoît Chamoux im Herbst 1994 am Fuss des Lhotse und man kann nicht gerade sagen, dass er ihm um den Hals

gefallen ist. Dennoch hat der Savoyer Alpinist nicht wenige Ge-

meinsamkeiten mit ihm. Benoît wird zwei Jahre nach Erhard geboren, und auch er wächst im Schatten der Berge auf. Die gleiche koboldhafte Statur, die gleiche Leichtigkeit, die gleiche bestechende Einfachheit. Wie Erhard ist Benoît Mitte der Achtzigerjahre bekannt geworden, als im Himalaya alles neu erfunden wurde. Er hat seine ersten Achttausender im Laufschritt erklommen, drei von ihnen in weniger als 24 Stunden. 1986, ein Jahr nach Erhard, ist auch er am K2 erfolgreich, und noch schneller. Er geht am Mittag im Basislager los, klettert die ganze Nacht im Schein seiner Stirnlampe, um bei Tageslicht in die Todeszone zu kommen und schneller, als man denken kann, wieder abzusteigen. Weder vorher noch nachher hat irgendjemand diesen Berg schneller bestiegen als er. Wenn man in der Sprache der Zahlen spricht, dann erinnert der Stil von Chamoux an denjenigen von Erhard. Aber wenn man sich das anhört, was die beiden übereinander zu erzählen haben, dann zeigt sich ein wichtiger Unterschied. Erhard liebt es, seinen eigenen Weg zu gehen, im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne: sich an jungfräulichen Wänden zu messen, die verlassene Gletscher und verlorene Täler dominieren. Für ihn ist jeder Aufstieg ein Sprung in eine unbekannte Welt, der sich häufig zu einem anstrengenden und angsterweckenden Nahkampf mit dem Berg verwandelt. Der Tod von Pierre-Alain Steiner hat gezeigt, dass es keinerlei Sicherheitsnetz gibt. Am K2 und am Everest schwamm Erhard bis zum Bauch im Pulverschnee. Am Cho Oyu und am Dhaulagiri stoppte ihn die Nacht auf rund 8000 Meter. Die Aussicht auf diese Biwaks im Sturm, den Po auf einem schmalen Balken Schnee und die Füsse in der Wand, genügte, um fast alle Anwärter auf den «night naked style» zu entmutigen. Benoît Chamoux hat die meisten seiner Gipfel über die Normalroute bestiegen, mit Höhenlagern und Fixseilen in den heiklen Passagen. Seine Express-Aufstiege hat er auf gespurten Routen realisiert, auf über weite Strecken festgewalzten Wegen – was der physischen 158


Leistung keinen Abbruch tut, zu welcher nur wenige Leistungssportler fähig wären. Aber es würde keinen Sinn machen, diese Art der Besteigung mit den Improvisationen der Seilschaft LoretanTroillet zu vergleichen. Nach seiner Express-Besteigung des K2 hat Benoît Chamoux einen Vertrag mit «Bull» unterschrieben, der Nummer eins der französischen Informatik. Er hat ein Programm gemacht für drei Jahre, um die sechs Achttausender zu erklimmen, die ihm noch fehlten, im Rhythmus von zwei Expeditionen pro Jahr, eine im Frühling, eine im Herbst. Das Projekt ist so konzipiert, dass es den Slogan der Firma illustriert, «l'esprit d'équipe». Benoît Chamoux richtet Lager mit Hilfe von Sherpas ein, er führt jedes Mal eine ganze Gruppe auf den Gipfel. Oft erreicht er sein Ziel. Als er Ende der Achtzigerjahre in den «Bains Douches» (einem Pariser Nachtclub) von Thierry Ardisson interviewt wird, sagt er, dass er sich wünsche, seine Ankunft auf dem Everest direkt im Fernsehen übertragen zu können. Der Interviewer antwortet ihm: «Du könntest deiner Mutter vom Gipfel des Everest aus guten Tag sagen!» Das ist die Logik von Benoît. In grosser Höhe aber kämpft jeder Alpinist ums Überleben, indem er sich in einer Blase einschliesst; der Druck einer Direktübertragung kann gefährlich sein. Aber so ist es eben: Ein Sponsor erwartet Werbewirksamkeit. Man muss kommunizieren. Nicht jeder hat, wie Erhard, die Chance, einen Mäzen zu haben. Als «Bull» abspringt, findet Benoît Chamoux neue Partner in der Welt der Wissenschaft. Er klettert nun mit Elektroden auf seinem Körper oder mit Messinstrumenten auf dem Rücken. Er hat ein Laserziel auf dem Everest deponiert und kann sich seither damit brüsten, zwei Meter vom Dach der Welt abgezogen zu haben, indem er dessen Höhe auf 8846,10 Meter korrigierte – seltsamerweise hat sich diese «wissenschaftliche» Höhe nicht durchgesetzt und alle gehen weiterhin davon aus, dass der Everest 8848 Meter messe, ganz abgesehen davon, dass es nur einen Schneesturm braucht, damit es stimmt . . .

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Zurück vom Lhotse schickt Erhard einen bitteren Text an das spanische Magazin «Desnivel.» «Der Geist des Alpinismus war vergleichsweise rein bis zu dem Zeitpunkt, als eine zunehmende Zahl von Alpinisten die Medienwirksamkeit zur hauptsächlichen Motivation ihrer Leistungen machte», schreibt er. Er ist der Meinung, dass der Alpinismus seine Identität und seine Ethik verliere, dass er sich vom Abenteuer entferne und in eine Phase des Niedergangs eintrete. Er spricht «vom Zirkus, der sein Zelt am Fuss des Everest aufschlägt», und von der Traurigkeit, die er vor diesem «jämmerlichen Schauspiel» empfand. Er hat bis zu 87 Zelte am Fuss des Everest gezählt, gleich viele wie am Lhotse, wo er sein Traversierungsprojekt vorbereitete. «Was für eine Enttäuschung, zu einer phantastischen Expedition aufgebrochen zu sein und sich in einem überbevölkerten Lager wiederzufinden neben einem Generator, der ständig läuft, um, so scheint es, der Wissenschaft zu dienen!» Erhard ist schockiert, dass man die Arbeit der Sherpas nicht würdigt, «ohne die nur ein Prozent der Expeditionen erfolgreich wäre». Er bedauert das System der Lizenzgebühren, das Leute mit Geld bevorzugt und es den jungen Alpinisten unmöglich macht, zur Geltung zu kommen. Er muss sich immer stärker echauffiert haben, je weiter er seinen Text in den Computer tippte. Als er zum Ende kommt, ist er richtig wütend: «Bis zu Beginn der Achtzigerjahre war ich stolz, der grossen Familie der Alpinisten anzugehören, doch heute schäme ich mich fast. Ich bin eine Kämpfernatur, optimistisch und positiv, doch was das angeht, wäre ich froh, wenn jemand kommen würde, um mir zu sagen, dass ich träume.» Er fährt los, seinen Menschenhass in der Antarktis zu kurieren, die mit Sicherheit kein Ort für die Armen ist, wo man aber noch immer Einsamkeit erleben und das erkunden kann, was er «die spirituelle Dimension des Alpinismus nennt». Romolo Nottaris, ein befreundeter Tessiner Bergführer, begleitet ihn in die südliche Hemisphäre. Sie haben die Absicht, zusammen die Erstbesteigung eines jungfräulichen Gipfels zu machen, den Mount Epperly (4508 Meter). Doch bevor sie in Punta Arenas im Süden von 160


Chile ins Flugzeug steigen, erfährt Romolo, dass er notfallmässig in die Schweiz zurückkehren muss. Am 30. November setzt das Flugzeug Erhard in der Antarktis ab. Er ist allein am Fuss einer Wand mit Himalaya-Dimensionen. Während der Akklimatisierungsphasen im Himalaya kam es vor, dass er jungfräuliche Sechstausender bestieg, doch das war ohne offizielle Bewilligung und er erzählte nie davon. Nun hat er endlich die Gelegenheit, der Erste auf einem Berg zu sein, ohne sich verstecken zu müssen. Und das in einer extremen Einsamkeit: Nur eine kleine Handvoll Menschen befindet sich sieben Kilometer von ihm entfernt im Basislager des Mount Vinson. Und sonst? Ein paar gut im Eis versteckte Wissenschaftler, die sich über vierzehn Millionen Quadratkilometer verteilen. Gleich nach dem Aufstellen des Zelts startet Erhard einen ersten Versuch, doch dann kommt der Nebel und er steigt ab, um sich ein paar Stunden auszuruhen. Er startet erneut, besser ausgerüstet, und diesmal kommt er schnell voran in der eisigen, steilen Wand. Der Horizont wird immer breiter: Weiss und Eis ad infinitum unter der Mitternachtssonne. Ein Wind kommt auf. Erhard hält an, unter einem verwitterten Felsen, ganz in der Nähe des Gipfels. Ein paar gewagte Kletterzüge in einem zerfallenden, überhängenden Felsen, über einer 2000 Meter tiefen Leere. Er zögert. Bei jedem Versuch bläst ihm der Wind den Schnee ins Gesicht. Er zieht sich mehrmals einen Meter hoch, ohne sich weiter vorzuwagen. Er ist allein, nur ein dünnes Fünf-Millimeter-Seil in der Hand. Er zieht seinen Rucksack ab und befestigt ihn an einem winzigen Vorsprung: Das Seil wird es möglich machen, den Rucksack hinaufzuziehen . . . oder es wird den Kletterer zum Absturz bringen, wenn sich der Rucksack abkoppeln sollte. Erhard zieht die Handschuhe aus. Dreimal setzt er an, ohne den Punkt zu überschreiten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Dann, ein vierter Versuch und es klappt. Ein heftiger Schmerz am Nagel, aber ein intensives Glücksgefühl. Sein Thermometer ist beim Minimum blockiert: –45 Grad Celsius.

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nördliche Seite des Passes ist eine kleine Oase des Friedens, im Schatten des Windes». Wie beim Lhotse genügt Erhard ein einziger Blick, um zu begreifen, dass das Projekt einer Traverse, von dem er beim Start geträumt hatte, nicht realistisch ist. Sie gehen weiter in Richtung des Gipfels des Kantsch. Der Weg führt am Fuss eines gewaltigen roten Monolithen entlang, der über den Grat hinausragt. Beim Blick durch das Teleobjektiv hat Erhard eine Passage ausgemacht, von der er nicht sicher ist, ob es die richtige ist. Er nimmt seinen Funk hervor, um im Basislager um Rat zu fragen. Man sagt ihm, dass einer der Sherpas von Chamoux tödlich gestürzt ist. Rikou, der Chamoux auf den vier letzten Expeditionen begleitet hatte, hat sich in der Wand hingesetzt und ist ausgerutscht. Er konnte seinen Sturz nicht mehr bremsen. Chamoux hatte einen Moment angehalten. Dann ging er weiter. Erhard versteht das nicht. Diejenigen, die Chamoux vom Basislager aus verfolgen, verstehen es nicht. Diejenigen, welche die Nachricht live auf «France Info» erfahren, verstehen es nicht. Rikou ist tot, Chamoux geht weiter. Auf dem Grat werden Erhard und Jean erneut zum Spielball des eisigen Windes. Sie müssen noch einen Höhenunterschied von ungefähr 150 Meter überwinden, eine Distanz, die vom weit entfernten Basislager aus winzig erscheint. Sie gehen noch drei Stunden, mit winzigen Schritten. Jean geht vorne, Erhard ist nicht gerade in Hochform. In dem Bericht, den Erhard von Katmandu seinem Mäzen Rodolphe Zingg zukommen lässt, ist die Ankunft auf dem Gipfel nicht wirklich berauschend: «Wir müssen noch ein paar Meter absteigen, um ein paar wirklich heikle Passagen in Angriff zu nehmen. Schliesslich kommen wir unter einer kleinen felsigen Pyramide an, welche die Nähe des Gipfels markiert. Ich finde die Felsspalte bald. Ein paar Züge noch und wird sind da. Und dann, 8586 Meter, der dritthöchste Gipfel der Welt und mein vierzehnter Achttausender, tut mir leid für Chamoux . . .» Ein historischer Moment? Erhard erledigt die Frage mit einem Satz: «Wir machen einige Bilder, es ist 14.35 Uhr, es ist kalt, aber schön, wir bleiben ein paar Minuten und schon müssen wir wieder 168

(Fortsetzung auf Seite 178)


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Erhard Loretan (1959–2011) war eine schillernde Figur der internationalen Profibergsteigerszene. Dem Schweizer war es als drittem Menschen überhaupt gelungen, nach Reinhold Messner und Jerzy Kukuczka alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen. Ein Erfolg, der Loretan zu einer internationalen Berühmtheit machte. Sein Leben aber war geprägt durch eine Tragödie, die ihn an den Rand des Abgrunds brachte.

ISBN 978-3-906055-21-3


Erhard Loretan