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GABRIELE

#12 arttourist.com gazette Herbst/Winter 2017

KUNST | STÄDTE & REGIONEN | THEATER | KLASSIK | FESTIVALS | TANZ & BALLETT | JAZZ NEUE MUSIK | FILM | FOTOGRAFIE | LITERATUR | MODE | DESIGN | ESSEN & TRINKEN


JULES | arttourist.com 1|2016

Editorial | 3

Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Kunden und Freunde der arttourist.com

Tamina-Florentine Zuch | © Helmuth Scham, www.schampus.com

Gabriele Münter um 1921 | Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, Gabriele Münter- und Johannes EichnerStiftung, München | © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

„GABRIELE“ Tamina-Florentine Zuch

„GABRIELE“ Gabriele Münter

Tamina-Florentine Zuch, geboren 1990, hat Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover studiert. Gewinnerin des ZEISS Photography Awards 2016 und des STERN Junge Fotografie Stipendiums 2017. Sie lebt und arbeitet in Hannover und der ganzen Welt.

Gabriele Münter, geboren am 19. Februar 1877 in Berlin. Besuch der privaten Damenkunstschule in Düsseldorf. Ab 1901 Unterricht an der an den Künstlerverein „Phalanx“ angeschlossenen Kunstschule, wo sie Wassily Kandinsky kennenlernt, der dort lehrt und mit dem sie bis 1914 eine intensive Lebens- und Künstlerbeziehung verbindet. 1909 Erwerb eines Hauses in Murnau am Staffelsee. Begegnung mit Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Franz Marc und August Macke. 1909 Gründungsmitglied der „Neuen Münchner Künstlervereinigung“, 1911 ist sie an der Gründung des „Blauen Reiters“ aktiv beteiligt. Künstlerischer Durchbruch mit ihren Werken in den beiden Ausstellungen des „Blauen Reiters“1911/1912.

Bisher erschienen: PAB O

1 arttourist.com gazette Frühjahr / Sommer 2012 Gratisexemplar

BILLIE

FRIDA

2 arttourist.com gazette Herbst / Winter 2012 Gratisexemplar

THOMAS

3 arttourist.com gazette Frühling / Sommer 2013 Gratisexemplar

GRET

4 arttourist.com gazette Winter 2013/2014

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Shopping

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Shopping

#6 arttourist.com gazette Herbst/Winter 2014/2015

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

EMILE

KATE

#7 arttourist.com gazette Frühling/Sommer 2015

#8 arttourist.com gazette Herbst/Winter 2015

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

JULES

KURT

#5 arttourist.com gazette Frühling 2013/2014

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Shopping

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Shopping

#9 arttourist.com gazette Frühling/Sommer 2016

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

ASTRID

#10 arttourist.com gazette Herbst/Winter 2016

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

Meine erste Kamera war eine Minolta SRT 101, die ich zu meiner Konfirmation bekommen habe und mit der meine Kinder heute trotz Handy und Digitalkameras erste Fotoexperimente machen und einmal etwas toll aus der „alten Zeit“ finden. Noch viel cooler finden sie die ZEISS Ikon Box-Tengor mit Goerz Frontar von meiner Omi Else, die mich Ende der 70er-Jahre auf meine erste Jumelage-Reise in unsere Partnerstadt Bois-Colombes mit Peter, Georg, Sabine und François begleitet hat. Ich staune noch heute, dass da überhaupt Bilder „rausgekommen“ sind. Diese Reise verhalf mir auch zu einem ersten Job neben der Schule und zu einem weiteren Einstieg in die Welt der Fotografie. Ich begann im Fotogroßhandel von Hermann Dörr, dem Vater meines Freundes Peter, der heute die Dörr GmbH leitet und ohne den vieles mit unserer Zeitung nicht möglich wäre. Fotografie hat mich seither begeistert, sodass eine Fotografin oder ein Fotograf als Titelname von Beginn an gesetzt war. Dass es nun mit GABRIELE Münter eine Künstlerin geworden ist, die nicht auf den ersten Blick mit Fotografie in Verbindung gebracht wird, ist der Hartnäckigkeit und Leidenschaft von Claudia Weber, der Presseverantwortlichen im Lenbachhaus München zu verdanken, die mich mit Unterlagen, Essays und Ausstellungskatalogen über das Frühwerk Münters „weichkochte“ und inhaltlich fundiert überzeugte. In Tamina-Florentine Zuch haben wir eine ganz wunderbare GABRIELE gefunden. Eine erfolgreiche Fotografin, die schon in jungen Jahren ein perfektes Gespür und ein sensibles Auge für ganz besondere Themen, eine intensive Bildsprache und sensationelle Fotos hat. Beim Shooting kam es zur Begegnung auf Augenhöhe zwischen Tamina-Florentine Zuch und Helmuth Scham, mit dem ich seit Beginn jeden Titel in Szene setze. Es war an der Zeit, Ihnen diesen tollen Fotografen und Menschen hinter und als Teil unserer Zeitung einmal in GABRIELE vorzustellen.

Kai Geiger

KUNST Seite 3 -31

FOTOGRAFIE Seite 33 - 47

NEUE MUSIK Seite 48 - 52

JAZZ Seite 53 - 55

KLASSIK Seite 57 - 59

THEATER Seite 60 - 61

TANZ Seite 62

FILM Seite 63

LITERATUR Seite 64 - 67

CARL

#11 arttourist.com gazette Frühling/Sommer 2017

Kunst | Kultur | Festivals | Reisen | Essen & Trinken | Design & Lifestyle

GABRIELE

PETER PAUL

#12 arttourist.com gazette Herbst/Winter 2017

KUNST | STÄDTE & REGIONEN | THEATER | KLASSIK | FESTIVALS | TANZ & BALLETT | JAZZ NEUE MUSIK | FILM | FOTOGRAFIE | LITERATUR | MODE | DESIGN | ESSEN & TRINKEN

Kunst | Kultur

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ter online un urist.com www.artto

JAZZ ACROSS EUROPE Projektleitung Kai Geiger, ART CITIES IN EUROPE GmbH | arttourist.com Ein Marketingprojekt des EJN Europe Jazz Network auf Initiative der jazzahead! Bremen, Deutschland. Ziel ist es, Jazzfestivals und deren Besucher miteinander zu vernetzen, die Zusammenarbeit und Expertise der einzelnen Festivals und deren Mitwirkende auf einem europäischen Level zu entwickeln und zu stärken. Deren Programm durch touristische Angebote zu bereichern, diese zu erfassen, zusammenzustellen, für einen touristischen Markt aufzubereiten und aktiv in Zielmärkten zu vermarkten. www.jazzacrosseurope.com

| Festivals | Reisen

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# 13 arttourist.com gazette Frühjahr/Sommer 2018

erscheint im Frühjahr 2018

JAZZ ACROSS EUR OPE

Neben Fotografie finden Sie verschiedenste Kulturthemen in GABRIELE, die wir für Sie zusammengetragen haben. So nähern wir uns erstmals dem Thema Hörspieltage, begegnen dem Kunstbuchhändler Franz König, treffen den in Berlin lebenden Ulmer Künstler Jürgen Grözinger, der seit vielen Jahren die Ulmer für Neue Musik begeistert, berichten aus der aufstrebenden Kunststadt Singapur, die u.a. von zwei Kunstenthusiasten aus Europa, dem Gründer und Leiter der Art Stage Singapore und früheren Leiter der Art Basel und der Buchmesse Frankfurt Lorenzo Rudolf und dem Berliner Galeristen Mathias Arndt, mit dem ich im Jahr 2000 eine spektakuläre Eröffnung der Halle für Kulturtourismus in Berlin inszeniert habe, vorangetrieben wird.

HÖRSPIEL Seite 68 - 69

DESIGN Seite 70 - 71

STÄDTE & REGIONEN FLANDERN Seite 7 - 12

KONSTANZ Seite 21

SINGAPUR Seite 23 - 27

Wir haben GABRIELE mit viel Freude, Staunen und Begeisterung zusammengestellt. Lassen Sie sich von uns anstecken und einstimmen auf die Kultursaison 2017/2018 und einen spannenden Kulturherbst/winter.

SPECIALS TAMINA-FLORENTINE

ZUCH

Seite 33 - 39

Herzliche Grüße, Ihr

WWW.JAZZACR OSSEUROPE.CO M

Kai Geiger ART CITIES IN EUROPE GmbH geiger@arttourist.com

arttourist.com

KICKS OFF 2017 Impressum: ART CITIES IN EUROPE GmbH | Titel: GABRIELE, Tamina-Florentine Zuch, © Helmuth Scham, www.schampus.com | Produktion, Gestaltung & Layout: Chris Bernert, chris@deluxe-grafik.

Danke:

com | Teillektorat: Katharina Raub, Berlin, www.raublektorat.de | Druck: Druckhaus Waiblingen www. DRUCKHAUS WAIBLINGEN

dhw.de | Redaktion: ART CITIES IN EUROPE GmbH | arttourist.com, Glärnischstraße 7, D-78464 Konstanz, Tel. (+49) 07531 9073-0, Fax (+49) 07531 9073-5, www.arttourist.com, info@arttourist.com


4 | Baden-Baden

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

RODNEY GRAHAM. LIGHTBOXES

ADRESSE Museum Frieder Burda Lichtentaler Allee 8 b 76530 Baden-Baden www.museum-frieder-burda.de ÖFFNUNGSZEITEN Di–So 10–18 Uhr An allen Feiertagen geöffnet geschlossen am 24. und 31.12. EINTRITTSPREISE Ticket EUR 13, ermäßigt EUR 11 Schüler ab 9 Jahren EUR 5 Familienticket EUR 27 AUDIOGUIDE deutsch und französisch EUR 4

Alex Katz, Scott and John, 1966, Öl auf Leinwand, 183 x 123 cm, Museum Frieder Burda © VG Bild-Kunst, Bonn, 2017

FÜHRUNGEN Öffentliche Führungen EUR 4 Mi 16 Uhr, Sa, So 11 und 15 Uhr Private Gruppenführungen EUR 75 Buchung von Führungen und Anmeldung von Gruppen T. +49 7221 39898-38 fuehrungen@ museum-frieder-burda.de

BADEN-BADEN

AMERICA! AMERICA! HOW REAL IS REAL? 9.12.2017 – 27.5.2018 Mythen, Projektionen, Sehnsüchte: In Zeiten von „Fake News“ und „Alternative Facts“ wird deutlich, wie sehr der amerikanische Traum mit emotional aufgeladenen Bildern und Symbolen verwoben ist. Zugleich ist sich wohl kaum eine andere Nation der Wirkungskraft von Bildern so bewusst. Die Images des „American Way of Life“, die in den Medien und der Unterhaltungsindustrie produziert werden, können bestehende Machtverhältnisse und Vorstellungen von Wirklichkeit zementieren, aber auch radikal in Frage stellen.

die von ungeheurer Verführung und kühler Distanz spricht. Indem sie die Methoden der kommerziellen Bildproduktion übernehmen, verabschieden sie sich von den traditionellen Vorstellungen von Authentizität. Das Gefühl von Entfremdung verkörpern auch die Werke der großen US-Maler der 1980er. Die psychologisch aufgeladenen Leinwände von Eric Fischl, die hermetischen Szenen von Alex Katz, die riesigen Film-Noir-artigen Grafitzeichnungen von Robert Longo sezieren die

Träume und Ängste einer verunsicherten weißen Mittelschicht. Zur selben Zeit erobern Künstler wie Jeff Wall oder Cindy Sherman die Szene, die unsere medial geprägte Wahrnehmung kritisch reflektieren. Sie werden zu Vorbildern für nachfolgende Generationen. Mit den Strategien der Konzeptkunst, Performance und Fotografie schaffen sie Bildwelten, in denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung zerfließen: How real is real?

Mit rund 70 Meisterwerken der US-Gegenwartskunst, wie Andy Warhols Race Riot (1964), Jeff Koons lebensgroßer Skulptur Bear and Policeman (1988) oder Jenny Holzers Leuchtschriftinstallation Truisms (1994) zeigt „America! America! How real is real?“, wie Künstler von den 1960er-Jahren bis heute die amerikanische Realität kommentieren. Mit Werken aus der Sammlung Frieder Burda und zahlreichen hochkarätigen Leihgaben lädt die Schau zu einer Exkursion durch die visuelle Kultur Amerikas ein. Schon die Stars der Pop Art wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder James Rosenquist transformieren die Oberflächen der Konsumkultur in eine Kunst,

Der kanadische Konzeptkünstler Rodney Graham (*1949) präsentiert 22 monumentale Fotoleuchtkästen von 2000 bis heute sowie eine Videoarbeit. Wie kaum ein anderer Gegenwartskünstler hat er sich auf die Spuren der Aufklärung und Moderne begeben. Seit den 1970ern arbeitet er an einem konzeptionellen und Rodney Graham, Newspaper Man, 2016, verzweigten Werk, das imLeuchtkasten, 182 x 136 x 18 cm, Museum Frieder Burda, Baden-Baden mer wieder neue Zeit- und © Rodney Graham, 2017 Genresprünge wagt und die Denk- und Lebenswelten des 19. und 20. Jahrhunderts erkundet. In seinem Schaffen verknüpft er Film, Fotografie, Installation, Performance, Malerei, Literatur und Musik. Graham, der gemeinsam mit Künstlern wie Jeff Wall oder Stan Douglas zu der sogenannten „Vancouver School“ zählt, eignet sich Stile, Moden und Diskurse von der Romantik bis zur Postmoderne an, um sie mit leiser Ironie zu kommentieren, weiterzudenken, umzuschreiben. In den Leuchtkästen stehen Grahams Selbstinszenierungen im Zentrum. Er schlüpft dabei häufig in die Rolle des begabten Amateurs oder „Renaissance-Mannes“, der sich in mannigfaltigen Verkleidungen durch die Irrungen und Wirrungen moderner Kultur bewegt. 8.7.–26.11.2017 | www.museum-frieder-burda.de

DIE BRÜCKE 1905 – 1914 Die farbenfrohen Werke des Deutschen Expressionismus sind ein wichtiger Schwerpunkt der Sammlung Frieder Burda. Daher soll nach der Ausstellung zum Blauen Reiter im Jahr 2009 nun auch der zweiten einflussreichen Künstlervereinigung des Deutschen Expressionismus, der „Brücke“, in Baden-Baden eine Schau gewidmet werden. Zu ihren Mitgliedern zählten unter anderem die Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller. Die Mehrzahl der in der großen Ernst Ludwig Kirchner, Sonderausstellung ausgestellten Artistin – Marcella, 1910, Öl auf Leinwand, 101 x 76 cm, Werke kommt aus dem Brücke Brücke Museum Berlin Museum Berlin, das eine hochkarätige und äußerst umfangreiche Sammlung mit Arbeiten der Künstlergruppe besitzt. Sie werden ergänzt durch bedeutende Leihgaben aus internationalen Sammlungen, darunter auch Werke aus der Sammlung Frieder Burda. Die Schau präsentiert Gemälde der prominenten Künstlergruppe von deren Gründung 1905 bis 1914, dem Jahr nach der offiziellen Auflösung. Kuratorin der Ausstellung ist die Brücke-Spezialistin Magdalena M. Moeller, langjährige Direktorin des Brücke Museum Berlin. 10.11.18–24.3.19 | www.museum-frieder-burda.de

MUSEUM FRIEDER BURDA | SALON BERLIN Der Salon Berlin ist der neue Schau- und Projektraum des Museum Frieder Burda in der Auguststraße 11-13 in Berlin. Eng mit dem Museum in Baden-Baden verbunden, stellt der Salon Berlin unter der kuratorischen Leitung von Patricia Kamp in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule die vielfältigen Aspekte des Museumsprogramms und der Sammlung Frieder Burda vor. Dabei versteht sich der Ausstellungsraum ebenso als Forum für internationale Gegenwartskunst. Mit aktuellen Themenausstellungen, Einzelpräsentationen und Events tritt der Salon Berlin in Dialog mit der vitalen Kunstszene der Metropole. Als Treffpunkt für Kunstbegeisterte, Künstler und Sammler ist er ein Ort des Austausches und des Diskurses. Auguststraße 11-13, Berlin, Do–Sa 12–18 Uhr u.n. Vereinbarung Andy Warhol, Diamond Dust Shoes, 1980, Museum Frieder Burda © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, 2017


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Bonn | 5

François Boucher, (1703–1770), Männlicher Akt, Kohle und Pastellkreide auf Papier, www.lostart.de/533092 , Foto: David Ertl, © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, (...) Um 1932: Roger Delapalme, Paris (per Cornelius Gurlitt Papers) (...) Erworben nach Februar 1941: Hildebrand Gurlitt, Hamburg (per Cornelius Gurlitt Papers) Durch Erbgang an Cornelius Gurlitt, München/Salzburg Seit 2014: Nachlass Cornelius Gurlitt

Claude Monet (1840–1926), Waterloo Bridge, 1903, Öl auf Leinwand, www.lostart.de/532967 Dezember 1905: Galerie Durand Ruel, Paris, Erwerb vom Künstler

BONN

BESTANDSAUFNAHME GURLITT Der NS-Kunstraub und die Folgen | 3.11.2017 – 11.3.2018 Unter dem Titel „Bestandsaufnahme Gurlitt“ zeigen die Bundeskunsthalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern zeitgleich zwei Ausstellungen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten des umfangreichen Werkkonvoluts aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt. Die in einen historischen Gesamtkontext eingebetteten Präsentationen basieren auf dem aktuellen Forschungsstand zum „Kunst-

fund Gurlitt“ und sind inhaltlich eng aufeinander abgestimmt. Während die Berner Schau sich mit etwa 220 Exponaten auf die Aktion „Entarteten Kunst“ konzentriert, widmet sich die Ausstellung in Bonn vor allem jenen Werken, die in enger Verbindung mit dem NSKunstraub stehen sowie den Schicksalen der verfolgten, meist jüdischen, Künstler, Sammler und Kunsthändler.

Die Bundeskunsthalle zeigt rund 250 Werke, von denen die meisten NSverfolgungs-bedingt entzogen wurden oder deren Herkunft noch nicht geklärt werden konnte. Die einzelnen Kapitel werden durch eine durchlaufende Zeitleiste mit relevanten historischen Ereignissen zu einem großen Orientierungsrahmen und Hintergrund des Geschehens verbunden. Besonderes Augenmerk liegt

dabei auf der wachsenden Entrechtung und Diskriminierung insbesondere der jüdischen Künstler, Sammler und Kunsthändler. Ihre Schicksale werden in einer Reihe von biografisch angelegten Fallbeispielen visualisiert.

höchster Qualität und aus aller Welt, wie zum Beispiel Werke von William Turner, John Constable oder Otto Modersohn, die ersten wasserdichten Gummischuhe von Macintosh und ein originales Thermometer von Daniel Fahrenheit. Wir möchten starke Räume schaffen, die berühren, erklären und nachdenklich stimmen. Wetter ist erlebbares Klima. Der Begriff „Klima“ umfasst die statistische Erfassung von Wetterereignissen über einen bestimmten Zeitraum. Aus 30 Jahren Wettergeschehen lässt sich ein Klimatrend ablesen. Die Ausstellung fragt, inwiefern kurzfristige Wetterereignisse und längerfristige klimatische Veränderungen Einfluss auf die Natur, menschliche Zivilisation und Kultur haben. Wetter und Klima sind auf der Erde allumfassend und unentrinnbar. Niemand kann sagen „das gefällt mir nicht und deshalb nehme ich daran nicht teil“. Sie sind gesellschaftlich allein deshalb in höchstem Maße relevant, da wir andauernd von ihnen betroffen und zum Teil sogar bedroht sind. Das subjektive Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Lufthülle, der „Laune der Luft“, dem „Atem Gottes“ ist seit jeher Thema künstlerischer Äußerung, Kommentierung oder Beschwörung aller Kulturen, gleichgültig ob klimatisch begünstigt oder benachteiligt.

Gabriel Loppé, Der Eiffelturm wird vom Blitz getroffen, 1902, Fotografie © bpk RMN - Grand Palais / Gabriel Loppé

WETTERBERICHT Über Wetterkultur und Klimawissenschaft 7.10.2017 – 4.3.2018 Die Ausstellung „Wetterbericht. Über Wetterkultur und Klimawissenschaft“ in der Bundeskunsthalle entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museum in München und seiner Zweigstelle in Bonn. Gemeinsam wählen wir einen experimentellen und interdisziplinären Zugang zu diesem aktuellen Thema, der die unterschiedlichen Perspektiven künstlerischer Positionen, der Kulturgeschichte und der Naturwissenschaften vereint. Das Deutsche Museum liefert hierbei die naturwissenschaftliche Expertise und ein großes Konvolut an Leihgaben. Unsere gemeinsame Ausstellung soll den Besucherinnen und Besuchern einerseits handfeste Erklärungen liefern, sie gleichzeitig aber auch emotional erreichen und ihre Aufmerksamkeit für die Schönheit der verschiedenen Wetter- und Klimaphänomene schärfen, die unser Leben und Überleben so existentiell bestimmen. „I‘m

a prisoner of hope.“ Hans Joachim Schellnhuber, Klimaexperte

Die einzelnen Kapitel der Ausstellung vereinen künstlerische, kulturgeschichtliche und naturwissenschaftliche Exponate von

Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle und des Deutschen Museums in Zusammenarbeit mit der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) und dem Deutschen Wetterdienst. Während der Laufzeit der Ausstellung findet vom 6. bis 17. November 2017 in Bonn COP 23 statt, die jährliche Konferenz der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen.

FERDINAND HODLER Maler der frühen Moderne 8.9.2017 – 28.1.2018 Ferdinand Hodler (1853–1918) ist einer der erfolgreichsten Künstler des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und zählte in den Augen seiner Zeitgenossen zu den wichtigsten Malern der Moderne. Seit der letzten großen monografischen Ausstellung 1999/2000 in München und Wuppertal ist Hodlers Œuvre nicht mehr umfassend in Deutschland gezeigt worden. Die Ausstellung in Bonn gibt die Gelegenheit, andere Schwerpunkte zu setzen und Werke zu präsentieren, die lange nicht mehr oder noch nie in Deutschland zu sehen waren. Rund 100, zum Teil großformatige Gemälde und über 40 Zeichnungen veranschaulichen, welche Etappen und Ereignisse in der Laufbahn des Künstlers wesentlich zu seinem nationalen und internationalen Erfolg beigetragen haben. Im Fokus der Präsentation steht auch die Frage nach Hodlers Strategien, die ihn

Ferdinand Hodler, Fröhliches Weib, um 1911, Öl auf Leinwand, Leihgabe aus Privatbesitz © Kunstmuseum Bern

dazu befähigten, als autonomer Künstler wahrgenommen und geschätzt zu werden. Thematisiert werden die Ausbildungszeit, Auslandsreisen, Wettbewerbsbeteiligungen, Skandale sowie die Ausstellungstätigkeit. Eine wichtige Rolle in Hodlers Künstlerkarriere kommt den Vermittlungsinstanzen zu: Seine Kontakte zu Sammlerinnen und Sammlern sowie zum Kunsthandel und zu den Kunstvereinen trugen zur erfolgreichen Verbreitung seiner Kunst bei, wobei Deutschland neben Wien und Paris eine zentrale Rolle spielte. Dieser Aspekt der Erfolgsgeschichte wurde in vergangenen Präsentationen zu Ferdinand Hodler kaum berücksichtigt und wird in der Ausstellung besonders gewürdigt. Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich den formalen Besonderheiten der frühen Moderne, etwa die geschlossenen Formen, die großflächige Malweise, die parallelen Strukturen, der Rhythmus. Die Ausstellung berücksichtigt alle Gattungen wie Landschaft, Bildnis, Figur und Historie. Hodlers Biografie wird mit Fotografien dokumentiert, die Einblick in das familiäre Umfeld, sein Atelier, seine Arbeitsweise und seinen Freundeskreis geben. ADRESSE Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Friedrich-Ebert-Allee 4 D-53113 Bonn T +49 228 9171 203 F +49 228 9171 209 www.bundeskunsthalle.de

ÖFFNUNGSZEITEN Di, Mi 10–21 Uhr Do–So und feiertags 10–19 Uhr (auch an allen Feiertagen, die auf einen Montag fallen) Freitags für angemeldete Gruppen ab 9 Uhr geöffnet.


6 | Brühl

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

BRÜHL

„MIRÓ – Welt der Monster“ Joan Mirós plastisches Werk im Max Ernst Museum Brühl des LVR 3.9.2017–28.1.2018 Joan Miró (1893–1983) gehört zu den bedeutendsten und populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk bietet ein faszinierendes Spektrum bildnerischer Mittel, die durch ihre Vielfalt und Erfindungskraft beeindrucken. Bekannt ist er vor allem für seine farbig-leuchtenden Bildwelten, in denen die Darstellungen von Mensch, Natur und Gestirnen sowie Zeichen und geometrischen Formen immer wieder spannungsreich gestaltet werden. Unter dem Titel „MIRÓ – Welt der Monster“ rückt die Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR vom 3. September 2017 bis zum 28. Januar 2018 das weniger bekannte plastische Schaffen des in Barcelona geborenen Malers, Grafikers und Bildhauers in den 1960er- und 70er-Jahren in den Fokus. In dieser Zeit entstanden zahlreiche, aus Fundstücken und ausgedienten Gegenständen kombinierte Figuren, die anschließend in Bronze gegossen wurden. Einige von ihnen sind farbig bemalt und wirken wie seinen sprühend-bunten Gemälden entsprungen. Für Miró bevölkern sie eine „traumhafte Welt lebender Monster“. 40 bis zu drei Meter hohe Bronzeplastiken bilden das Herzstück der Ausstellung, die insgesamt 67 Werke umfasst. Sie stehen in unmittelbarem Dialog mit ausgewählten Gemälden, Arbeiten auf Papier und einer Tapisserie und erlauben verblüffende Einblicke in das auf alle Gattungen übergreifende Schaffen des Künstlers.

Die Ausstellung „MIRÓ – Welt der Monster“ entstand exklusiv in Zusammenarbeit mit der Fondation Marguerite et Aimé Maeght im südfranzösischen Saint-Paulde-Vence, die über eine der größten Sammlungen der bildhauerischen Arbeiten Joan Mirós verfügt. Miró gilt als der wichtigste Vertreter der abstrakten Richtung im Surrealismus. Anfang 1925 lernt er André Breton kennen, den Gründer der surrealistischen Künstlergruppe, zu der auch Max Ernst, Hans Arp oder Paul Éluard gehören. Breton sieht in Miró den „surrealistischsten von uns allen“. Bereits in den 1930er- und 40er-Jahren erforscht der Katalane skulpturale Möglichkeiten und beginnt mit ungewöhnlichen Materialien zu arbeiten, wie Fundstücken, Holz oder Ton. Im Schaffensprozess lässt er die Gegenstände unverändert und fügt sie im Geiste der surrealistischen Kombinatorik zu Objektcollagen zusammen. Er bemerkt in seinen Notizen von 1941/42: „In der Plastik erschaffe ich eine wahrhaft traumhafte Welt lebender Monster; in der Malerei arbeite ich eher konventionell.“ In den 1960er- und 70er-Jahren arbeitet Miró in diesem Sinne intensiv an plastischen Werken, die er dann allerdings in Bronze gießen lässt.

Joan Miró, Femme échevelée (Frau mit zerzaustem Haar), 1969, Bronze

Miró 2.0 Joan Miró ging es um eine „Kunst für alle“ mit einer direkten und offenen Bildsprache. Die Ausstellung greift diesen Gedanken auf und überführt ihn in unser digitales Zeitalter. Eigens dafür entwickelte das Max Ernst Museum in Zusammenarbeit mit dem Cologne Game Lab (CGL) der Technischen Hochschule Köln die Puzzle-App „Mirós Monster“. Ähnlich wie Miró für seine Plastiken Alltagsgegenstände gesammelt und zusammengestellt hat, können Besucher mit der AugmentedReality-App per Smartphone Aufkleber scannen, sammeln, zu einem virtuellen Monster ergänzen, farblich bearbeiten und ein Selfie machen. Begleitend zur Ausstellung ist außerdem ein Katalog mit einer weiteren interaktiven App erschienen und ermöglicht die erstmals vollständige räumliche Betrachtung darin abgebildeter Kunstwerke. Elf ausgewählte Plastiken können mit der App „Miró 360°“ virtuell umrundet und in ihrer Materialität erkundet werden.

ADRESSE Max Ernst Museum Brühl des LVR Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1 50321 Brühl (Rheinland) www.maxernstmuseum.lvr.de ÖFFNUNGSZEITEN Di-So: 11-18 Uhr sowie 3.10, 1.11. und 26.12. Mo geschlossen 24.12., 25.12., 31.12.2017 geschlossen

Joan Miró, Personnage (Figur), 1975, Kohle, Tuschelavierung, Gouache und Pastellstift

EINTRITTSPREISE Erwachsene EUR 10,50 ermäßigt EUR 6,50 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei Tickets im Vorverkauf zum Selbstausdrucken, inkl. VRS-Fahrausweis über www.koelnticket.de bzw. www.bonnticket.de Ticket Hotline 0221 2801 bzw. 0228 502010 und an allen bekannten Vorverkaufsstellen: EUR 13, ermäßigt EUR 8,60

Joan Miró, Jeune fille s‘évadant (Fliehendes junges Mädchen), 1967, bemalte Bronze

Alle Werke: Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul – France © Successió Miró / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

FÜHRUNGEN Öffentliche Führungen EUR 5 zzgl. Museumseintritt Sa 15.30 Uhr / So 11.30 Uhr und 15 Uhr Öffentliche Familienführungen jeden 3. Sonntag im Monat, 14.30 Uhr Mehrsprachige Gruppenführungen INFO-SERVICE ANMELDUNG | BUCHUNG kulturinfo rheinland Tel 02234 9921 555 Fax 02234 9921 300 info@kulturinfo-rheinland.de KATALOG Der Katalog ist im Museumsshop erhältlich: EUR 39,90


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Flandern | Gent | 7

CR 919-2" by Gerhard Richter. © Gerhard Richter 2017 (0192)

Saisonstart in den Kunststädten

Flanderns

Wenn im September die Musiker, Schauspieler und Kulturakteure gut gelaunt aus dem Sommer kommen, die Spielzeiten in den Theatern, Opern- und Konzert-

GENT

GERHARD RICHTER Über Malen 21.10.2017–18.2.2018 Zu seinem 85. Geburtstag wurden dem in Köln lebenden Malerstar Gerhard Richter eine Reihe Ausstellungen ausgerichtet. Das Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.) in Gent zeigt die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn entwickelte Ausstellung in erweiterter Form. Es ist die erste Einzelausstellung mit Werken von Gerhard Richter seit mehr als 40 Jahren.

häusern beginnen, die Museen sich rüsten für „hungrige“ Kunstliebhaber von nah und fern und sie mit besonderen Ausstellungen aufwarten, wenn der Herbst mit frisch gebrautem Bier und allerlei Lukullischem aus den Gärten und von den Feldern Flanderns aufwartet, machen sich die Liebhaber von Kultur- und Städtereisen auf und reisen los. Einmal mehr lockt Flandern und man kommt nicht an den Städten Antwerpen, Brügge, Brüssel, Gent, Leuven und Ostende vorbei. Es wird gefeiert, erinnert, entdeckt und eröffnet. www.visitflanders.de

Gerhard Richter ist ein Künstler, dessen Werk die Trennung von abstrakter und gegenständlicher Malerei, die die Debatten des 20. Jahrhunderts beherrschte, hinter sich lässt. Weder kultivieren seine Bilder – im Sinne der Moderne – ein selbstgenügsames Spiel von Farben und Formen noch stiften sie ein ungebrochenes Bild der Wirklichkeit. So befragt der Malerskeptiker Richter die Abbildlichkeit selbst dann, wenn die Realität und ihre Fakten Thema seiner Gemälde sind. Im Besonderen gilt das für seine Tür-, Vorhang- und Fensterbilder der 1960er-Jahre, die im Zentrum der Ausstellung stehen. Sie zitieren zwar den Offenbarungsgestus einer gegenständlichen Kunst, die vorgibt, uns die Wirklichkeit zu zeigen, zugleich verweigern sie aber den Zugriff auf diese Reali-

tät, weil dem Bildraum fast jede illusionistische Tiefe fehlt. Beispielhaft hierfür sind die Vorhangbilder, die sich einer Inszenierung der Gegenstandswelt ostentativ entziehen: Der Vorhang ist gefallen. Die Genter Ausstellung „Über Malen“ zeigt nicht nur historische Bilder von Gerhard Richter. Mit einer kleinen Auswahl aktueller Werke vergleicht sie seine künstlerischen Reaktionen auf die Turbulenzen der 1960er-Jahre mit denen auf die digitale Revolution, von der unsere Gegenwart geprägt ist. Seine ab 2011 erarbeiteten „Strip Paintings“ etwa erinnern mit ihrem optischen Flimmern an seine frühen Vorhangbilder und stellen doch etwas ganz anderes dar: Es sind digitale Umrechnungen von abstrakten Bildern aus seinem gewaltigen und beinahe unüberschaubaren Gesamtwerk. ADRESSE S.M.A.K Jan Hoetplein 1 9000 Gent www.smak.be

ÖFFNUNGSZEITEN Di–Fr 9:30–17:30 Uhr Sa, So & feiertags 10–18 Uhr Mo geschlossen 24., 25., 26. und 31.12.2017 geschlossen 1. und 2.1.2018 geschlossen


8 | Flandern | Antwerpen

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Joseph Beuys and Henning Christansen, Eurasienstab, Fluxorum organum opus 39 (16mm film still), 1968, Courtesy Anny De Decker © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

ANTWERPEN

JOSEPH BEUYS: Eurasienstab 13.10.2017 –21.1.2018 Die Ausstellung „Joseph Beuys: Eurasienstab“ befasst sich sowohl mit Beuys’ Aktivitäten in Antwerpen in den 1960er- und 1970er-Jahren als auch mit seiner Bedeutung für eine neue Generation von Künstlern.

weiteren Schlüsselfiguren wie Marcel Broodthaers begegnet ist), sondern auch – auf inzwischen weitgehend vergessene Weise – insgesamt einen großen Eindruck in Belgien hinterlassen hat.

Joseph Beuys war in den späten 1960er-, frühen 1970er-Jahren im Rahmen seiner Beziehungen zur Wide Wide Space-Galerie, in der er ein fest etablierter Künstler war, in Antwerpen aktiv. Hier hat er am 9. Februar 1968 neben seinen zahlreichen Ausstellungen u.a. seine Performance Eurasienstab in Zusammenarbeit mit Henning Christiansen präsentiert. In erster Linie beschäftigt sich diese Ausstellung mit dem Künstler Beuys, der nicht nur in Antwerpen aktiv war (wo er

Die Ausstellung befasst sich mit Beuys als Person, deren Vorgehensweise im Widerspruch zur Logik und Vorherrschaft des Modernismus stand. In diesem Sinne war er die Verkörperung der Anti-Moderne. Auf der Grundlage seiner Eurasienstab-Performance untersucht die Ausstellung, inwieweit Beuys’ Eurasien-Konzept Teil seiner antimodernen Auffassung war, den Blick derart von der Geschichte des „Westens“ abgewandt und der Vision einer Affinität zum „Osten“

David Bowies Tintoretto seit dem 27.6.2017 im Rubenshuis Im Herbst 2016 fand im Auktionshaus Sotheby’s in London die

Versteigerung von David Bowies Kunstsammlung statt. Bowie hatte exakt ein Werk eines Alten Meisters in seiner Sammlung: ein monumentales Altarstück von Jacopo Tintoretto (1518-1594). Das Gemälde wurde von einem Privatsammler gekauft, der nur wenige Minuten nach der Versteigerung ankündigte, es als langfristige Leihgabe an das Rubenshaus zu geben. Tintorettos Werk ist seit dem 27. Juni 2017 im Antwerpener Rubenshaus zu sehen. www.rubenshuis.be

Olivier Theyskens – She walks in beauty 12.10.2017–18.3.2018

Jacopo Tintoretto (1518-1594), de Heilige Catharina (1560-1570), particuliere verzameling, vanaf 26 juni 2017 in langdurig bruikleen in het Rubenshuis Antwerpen, Foto: KIK-IRPA

Die Ausstellung „Olivier Theyskens - She walks in beauty“ im MoMu nimmt die Besucher mit auf eine Reise durch die faszinierende Welt des belgischen Modedesigners Olivier Theyskens. Die Ausstellung ist eine atmosphärische Reise durch 20 Jahre Handwerkskunst und Kreativität, eine fabelhafte Vielzahl von Silhouetten im Geist der Haute

zugewandt, dass sich solche Unterschiede gar völlig auflösten. Diese Vision stand eher in Bezug zu kultureller Tiefe, Mystik und Natur und spiegelte sich in seinem politischen Engagement wider; seine politischen Auffassungen äußerten sich im Glauben an die Debattenkultur, Kreativität, direktes Handeln und Freiheit. Die Ausstellung umfasst zahlreiche große Werke von Beuys, einschließlich einer Reihe von Installationen in Bezug auf wichtige Aktionen und Aktivitäten, u.a. Eurasienstab (1968) sowie Honigpumpe am Arbeitsplatz (1977), die er 1977 bei der Documenta 6 in Kassel aktiviert hatte; ein Werk, das seine Vorstellung der „Sozialskulptur“ veran-

schaulicht. Außerdem wirft die Ausstellung einen Blick auf die lange in Vergessenheit geratenen Aktivitäten der Freien Internationalen Universität Antwerpen, die in den frühen 1980er-Jahren ebenfalls von Beuys und einheimischen Künstlern gegründet worden war. Es ist die erste große Ausstellung mit Werken von Joseph Beuys seit den 1980erJahren in Belgien; damals lebte der Künstler noch. ADRESSE M HKA – Museum of Contemporary Art Antwerp Leuvenstraat 32, 2000 Antwerp www.muhka.be ÖFFNUNGSZEITEN Di, Mi, Fr–So 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr, Mo geschlossen

Strahlende Sehnsucht 18.10.2017 – 14.1.2018

Nina Ricci by Olivier Theyskens FW 2007-2008, Photo Sybille Walter, Encens Magazine, 2007 Model Hannelore Knuts - Styling Haider Ackermann Hair & Make-up Carole Colombani

Couture. Von der dunklen Romantik seiner frühen Arbeit, die ihm internationale Anerkennung brachte, bis hin zu seiner neuen Vision der Pariser Haut Couture für Rochas, seiner magischen Handwerkskunst für Nina Ricci, seinem amerikanischen Abenteuer mit  Theyskens’ Theory  und seiner vor Kurzem relaunchten  Fashion-Line Olivier Theyskens. Die Silhouetten, die im MoMu zu sehen sind, sind Zeugen der Hand eines Meisters. www.momu.be

Menschen haben Sehnsucht. Tief von innen heraus nach Liebe und Geborgenheit, nach einem Lebenssinn. Aber auch nach irdischem Reichtum, Status und Macht. Entdecken Sie in der Ausstellung „Strahlende Sehnsucht“, wie der Mensch diesem Verlangen mit sprechenden Objekten, die oft aus kostbaren und seltenen Materialien gemacht sind, Form verleiht. Der Diamant ist hier ein gutes Beispiel. Ein Diamant ist einfach nur Kohlenstoff, der unter hohem Druck zusammengepresst wurde. In seiner kulturellen Bedeutung jedoch ist er ein Gefäß für menschliches Verlangen. Fürsten zeigen ihre Macht, Gläubige äußern ihre Verehrung, Geliebte zeigen ihre Gefühle, Reiche präsentieren ihren Status. Die Ausstellung „Strahlende Sehnsucht“ untersucht, wie der Mensch sein Streben nach Glück und Geborgenheit, sein Ringen um Leben und Tod, sein Bedürfnis nach Status und Macht in Objekte über-

Diamanten Borstjuweel Fourment Nationaal Museum Budapest

setzt. Der Verlobungsring von Maria von Burgund, die Jubelkrone von Unserer Lieben Frau, der diamantene Haarschmuck der Kaiserin Sisi, die große Zarenkrone des russischen Reichs und sogar das „Bling Bling“ der beliebten Hip-Hoper von heute stellen dieses Verlangen dar. www.mas.be


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Flandern | Brügge | 9

Concertgebouw Circuit ab 17.9.2017 Dieses internationale Zentrum für Musik und Kunst ist eines der „1001 buildings you must see before you die“. Hier wird Ihnen das Beste geboten, was es an modernem Tanz und an klassischer Musik zu sehen und zu hören gibt. Der imposante Konzertsaal (1.289 Plätze) und Concertgebouw © Jan Termont & Dirk Van der Borght staand ein intimerer Kammermusiksaal (322 Plätze) werden gelobt wegen ihrer ausgezeichneten Akustik. Im Concertgebouw können Sie darüber hinaus diverse moderne Kunstwerke genießen. Ab September finden neue Architekturführungen statt. Concertgebouw | www.concertgebouw.be

Kookeet 23. – 25.9.2017

BRÜGGE Es gibt Orte, die einem unter die Haut gehen, auch wenn man sie nie ganz ergründen kann. Brügge ist so ein besonderer  Ort, eine Stadt voller Geschichten, die jeden Besucher unmittelbar packt. Eine organische Stadt, wo Tradition und Innovation verschmelzen: der „Geburtsort“ der flämischen Primitiven und jetzt die Werkstatt von aktuellen kreativen Leuten und leidenschaftlichen kreativen Menschen, die Sie mit ihren Kreationen überraschen möchten. Als Kunststadt mit einem wertvollen architektonischen Erbe und einem authentischen mittel-

alterlichen Stadtgefüge ist es logisch, dass die UNESCO die gesamte Stadt als Weltkulturerbe anerkannt hat. Brügge ist die einzige Stadt Belgiens und eine der wenigen Europas, denen diese Ehre zuteilwurde. Besonders ist auch, dass alle Baudenkmäler und andere Highlights mühelos zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet werden können. Nicht zu verpassen im Herbst 2017 – Frühjahr 2018? Die Ausstellung „Pieter Pourbus und die vergessenen Meister“, die Öffnung vom Concertgebouw Circuit, Kookeet: das größte kulinarische Festival Belgiens

Rozenhoedkaai © Jan Dhondt

mit 31 Brügger Spitzenköchen und der exklusive Rundgang „Herzliches Brügge“ – dieser beginnt mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Stadt. Auch im Jahr 2017 ist Brügge die  Stadt der klassischen Musik mit „Bruges Sounds Great“.

Thematische Führung Herzliches Brügge

PIETER POURBUS und die vergessenen Meister 13.10.2017–21.1.2018

Peerdenbrug © Jan Dhondt

Zeitpunkt im künstlerischen Schatten Antwerpens. Bis zum heutigen Tage konzentriert man sich im Bereich flämische Malerei des 16. Jahrhunderts hauptsächlich auf Antwerpen. Das ist jedoch ungerecht, angesichts der Kraft und Pracht der Meister aus Brügge, die Sie in dieser Ausstellung erleben werden. Pieter Pourbus ist einer von ihnen. Er ist eine kreative Ausnahmeerscheinung, als er 1543 bei Lancelot Blondeel in Brügge anfängt. Unter der Anleitung des erfahrenen Meisters aus Brügge entpuppt sich Pourbus als talentierter Nachwuchskünstler und schafft es, viele Aufträge an Land zu ziehen. Er fertigt beispielsweise das Jüngste Gericht an, ein Werk für das Landhaus der Burggrafschaft „Brugse Vrije“ im Jahr 1551. Außerdem kreiert er treffende Porträts von vornehmen Familien, die das Selbstbewusstsein dieses Standes reflektieren. Diese Aufträge aus elitären Kreisen bestätigen erneut die Qualität seiner Werke. Groeningemuseum visual Pourbus (Gillis Claeissens, Portret van een onbekende man, Hallwylska Museet, Stockholm) www.visitbruges.be

Im modernen Brügge können Sie jahrhundertealte und vergessene Gemälde wiederentdecken. In der Ausstellung „Pieter Pourbus und die vergessenen Meister“ im Groeningemuseum können Sie Talente wie Pieter Pourbus, Marcus Gerards, Pieter Claeissens den Älteren und seine Söhne Gillis, Pieter den Jüngeren und Antonius kennenlernen. Unglücklicherweise gerieten sie jahrhundertelang in Vergessenheit. Bis heute! Die Ausstellung versetzt Sie in das Brügge früherer Zeiten, genauer gesagt in das 16. Jahrhundert. Die Stadt erlitt in dieser Zeit einen wirtschaftlichen Rückschlag, der zu einer Abwanderung der Bevölkerung führte. Händler verließen die Stadt und die Bevölkerung verarmte immer mehr. Die Zahl der Kunstliebhaber sank rapide, bis auf einen festen Kern, der weiterhin bereit war hochwertige Kunstwerke zu erwerben. Während im 16. Jahrhundert alle nach Antwerpen schauen, richten wir unseren Blick auf Brügge! Brügge befindet sich zu dem

Kookeet ist der Treffpunkt für jeden, der sich kulinarisch gerne richtig verwöhnen lässt. Jedes Jahr kommen mehr als 100.000 Besucher zu diesem gastronomischen Fest, das inzwischen seine siebte Ausgabe erlebt. Das Erfolgsrezept von Kookeet ist einfach: Drei Tage lang servieren 31 Brügger Spitzenköche und ein Gastkoch kulinarisch Interessantes zu erschwinglichen Preisen. Die Besucher stellen ihr Menü aus Kookeet 2 © Kookeet einer reichen Palette von Gerichten selber zusammen, und zwar in ihrem eigenen Tempo. Die 31 Brügger Spitzenköche, die jedes Jahr teilnehmen, gehören ausnahmslos zur kulinarischen Spitze mit einem oder mehreren Michelin-Sternen, einer Bib Gourmand-Erwähnung oder einer hohen Einstufung bei Gault Millau. Neben den 32 Essständen finden Sie bei Kookeet eine Champagnerbar von Résidence Pierre und eine edle Kaffee- und Weinbar. Während des Duells „En garde“ treten die Köche bei diversen kulinarischen Herausforderungen gegeneinander an. Stationsplein Brugge | www.kookeet.be

jeden Samstag bis 31.12.2017, 14.30 – 16.30 Uhr Bei diesem exklusiven Rundgang (max. 16 Personen) nimmt Sie ein Führer, der in Brügge geboren und aufgewachsen ist, mit auf eine spannende Reise. Sie entdecken nicht nur die vielen prachtvollen historischen Gebäude und Orte, sondern auch die gut versteckten Perlen und geheimen Stellen. Der Rundgang beginnt mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Stadt von der DachHartelijkBrugge 1 © Jan DHondt terrasse des Konzertgebäudes (exklusiv nur für diese Tour zugänglich). Ein wirklich einzigartiges Erlebnis! Deutschsprachiger Rundgang verfügbar während der Schulferien in Deutschland. www.visitbruges.be

Bruges Sounds Great Bereits im Mittelalter gingen international bekannte flämische Polyfoniker in den eleganten Stadtpalästen der reichen Burgunder ein und aus. Im Jahr 2017 ist Brügge die  Stadt der klassischen Musik. Das Konzertgebäude, eine lebendige Erinnerung an Brügge 2002, das Jahr, in dem die Stadt Europäische Kulturhauptstadt war, ist der Inbegriff einer imposanten Akustik und internationaler Spitzenarchitektur. Feste Bestandteile des Repertoires sind die alljährlichen mehrtägigen Themenfestivals wie die  Bach-Akademie, das  Budapestfestival, Surround und das neue Gold Festival (7.– 13.5.2018). Brügge ist zudem das Biotop vom MAfestival, einem international renommierten Festival für Alte Musik. In jedem Sommer präsentiert es eine große Auswahl von Aktivitäten mit Spitzenmusikern und vielversprechenden Ensembles.  Bruges sounds great campaign www.brugessoundsgreat.com


10 | Flandern | Brüssel

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Les Amants (1928) © C.H./ADAGP Paris, 2017

Magritte, das Atomium trifft Surrealismus Fünfzig Jahre nach dem Tod von René Magritte bietet das Atomium eine einzigartige Huldigung an eine der großen Figuren des belgischen Surrealismus. Ab 21. September 2017 lädt das Museum zu einer überraschenden Entdeckungsreise ein. Durch ein innovatives Ausstellungskonzept werden einige der wichtigsten Werke des Meisters des belgischen Surrealismus gezeigt. In Gruppen zusammengestellt oder in Details zerlegt, tauchen die Besucher in die surreale Welt von René Magritte ein, dringen in die magische Welt des größten belgischen Künstlers und wandeln Zick-Zack zwischen den Silhouetten, Bowlern, Wolken und Vögeln. Die Besucher entdecken die geheime Botschaft hinter seinen Bildern, die außergewöhnlichen und geschmackvollen Details seiner Meisterwerke. 21.9.2017–10.9.2018 | www.atomium.be/magritte

René Magritte, The Good Faith, 1964-1965, oil on canvas, private collection, Foto: Ludion © Ch.Herscovici, with his kind authorization c/o SABAM, Belgium © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

BRÜSSEL Königliches Museum der schönen Künste Belgien

MAGRITTE, BROODTHAERS & CONTEMPORARY ART 13.10.2017–18.2.2018

© Magrite Haus | Salon

Ausstellung anlässlich des 50. Todestages

Frankreichs und Wegbereiter der modernen Lyrik, mit Magritte.

Brüssel ehrt einen der berühmtesten Söhne der Stadt: René Magritte. Anlässlich des 50. Todestages des Künstlers untersucht das Königliche Museum der Schönen Künste Belgien den Einfluss, den der große Surrealist bis heute ausübt. Die Schau stellt eine Verbindung zu zeitgenössischen Künstlern her. René Magritte, der Magier der verrätselten Bilder, ist eine der Schlüsselfiguren der Kunst des 20. Jahrhunderts. Magritte war für viele Künstler eine wichtige Orientierung in der Reflektion mit dem eigenen Werk und der Darstellung von der Wirklichkeit und deren Erscheinungsbild. Magritte sah sich nicht als Künstler, sondern vielmehr als denkenden Menschen, der seine Gedanken durch die Malerei vermittelt. Ein Leben lang beschäftigte es ihn, eine der Sprache ebenbürtige Ausdrucksform zu finden. Dem Dialog mit dem Werk Magrittes ist die Ausstellung im Royal Museum of Fine Arts of Belgium gewidmet. Die Ausstellung bringt Künstler zusammen, die sich seit den 1980er-Jahren mit dem Werk Magrittes auseinandergesetzt haben. Sie zeigt Werke von zeitgenössischen Künstlern wie George Condo bis Gavin Turk, von Sean Landers bis David Altmejd. Seit seinem Tod im Jahre 1967 hat ADRESSE Königliches Museum der schönen Künste Belgien Rue de la régence 3, 1000 Brüssel www.fine-arts-museum.be

René Magritte, The Secret Player, 1927, oil on canvas, inv. 11631, RMFAB, Brussels Foto: J. Geleyns / Ro scan © Ch. Herscovici, with his kind authorization c/o SABAM, Belgium © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Magritte nie aufgehört, aktuell zu sein, und er ist es bis heute. Diese Aktualität, der Einfluss und die Präsenz Magrittes stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, u.a. zeigt sich dies am Beispiel der Freundschaft und dem Dialog von Marcel Broodthaers mit Magritte. Broodthaers, seit Ende des Krieges mit Magritte bekannt und später befreundet, ahnte nicht, wie sehr die Begegnung mit Magritte sein Leben verändern würde. In seiner Jugend wird er von der Bilderwelt René Magrittes beeinflusst und er schließt sich daraufhin der belgischen „Groupe Surréaliste-révolutionnaire“ an. Er schreibt Gedichte und publiziert in von Surrealisten herausgegebenen Zeitschriften und teilt seine Liebe zu Stéphane Mallarmé, einem der berühmtesten Dichter ÖFFNUNGSZEITEN Mo–Fr 10–17 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr 11.11., 25.12.2017 sowie 1. und 11.1.2018 geschlossen

Der belgische Maler René Magritte hat sich nicht nur mit Malerei an sich, sondern in seinem Werk „Les mots et les images“ auch mit „Bildern, die in Wörtern verborgen sind“, beschäftigt. Die „Wortbilder“ (1927-1929) von Magritte hatten sowohl in Belgien als auch in den Vereinigten Staaten starken Einfluss auf die Entstehung des Konzeptionismus, dem sich auch Broodthaers und viele zeitgenössische Künstler bis heute verbunden fühlen.

Magritte Haus In diesem Haus im Brüsseler Vorort Jette hat das Ehepaar Magritte fast ein Vierteljahrhundert gewohnt. Heute befindet sich im ehemaligen Wohnhaus von René Magritte ein vorzügliches Museum mit vielen Souvenirs, Dokumenten und Zeugnissen aus dem Leben des Malers. Die Erdgeschosswohnung wurde originalgetreu restauriert. www.magrittemuseum.be

Surrealismus-Touren Brüssel war und ist das Zentrum des Surrealismus in Europa. Die Stadt ist prall gefüllt mit Lieblingsplätzen, Cafés, Geschichten und Anekdoten von René Magritte und seinen Künstlerfreunden und mit nicht weniger als zwei Museen, die Magritte gewidmet sind. Man kann sich auf den Spuren von Magritte leicht in Brüssel verlieren. Abhilfe schaffen mehrere Anbieter von Surrealismus-Führungen, ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Bus. www.itineraires.be www.culturamavzw.be www.busbavard.be www.asbl-arkadia.be www.provelo.org

MAGRITTE-MUSEUM

René Magritte, The Man of the Sea, (1927) oil on canvas, inv. 7221, RMFAB, Brussels Foto: J. Geleyns / Ro scan © Ch. Herscovici, with his kind authorization c/o SABAM, Belgium © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Das Magritte-Museum beherbergt die größte Sammlung von Werken des belgischen Künstlers René Magritte. Mit 230 Werken und einem großen Archiv ist es ein „Must-see“ für Besucher aus der ganzen Welt, die vom Museum und seinem surrealen Universum fasziniert sind. Der multidisziplinäre Umfang der Sammlung zeigt Gemälde, Gouachen, Zeichnungen, Skulpturen und bemalte Objekte, aber auch Werbeplakate, Musikpartituren, Fotos und Filme. Mehr als 300.000 Besucher entdecken dieses einzigartige Museum jährlich. Für die Dauer der großen Ausstellung „Magritte, Broodthaers & Contemporary art“ vom 13. Oktober 2017 bis 18. Februar 2018 wird das Magritte-Museum 7 von 7 Tagen offen sein! Während der Ausstellung im Königlichen Museum der schönen Künste Belgien wird ein Kombiticket angeboten. Seit Januar 2017 stehen neben den Audioguides für Erwachsene zwei neue Original-Audioführungen für Kinder und Jugendliche im Magritte Museum zur Verfügung. Musée Magritte Museum Place royale/Koningsplein 1, 1000 Brussels www.fine-arts-museum.be


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Flandern | Leuven | 11

Sammlung Museum M © Dirk Pauwels

M – Museum Leuven Das Museum M, welches 2009 am Standort eines älteren Museums errichtet wurde, beherbergt Leuvens Kunstsammlung. Der belgische Spitzenarchitekt Stéphane Beel integrierte die alten Museumsgebäude in einen Neubau, eine Verschmelzung alter und neuer Architektur. Acht Jahre, 100 Ausstellungen und eine Million Besucher später war es Zeit für eine erneute „Frischzellenkur“. Nach fünfmonatigen Renovierungsarbeiten öffnete M am 11. Juni 2017 erneut seine Pforten und begrüßt Besucher mit einem erneuerten Ausstellungskonzept. Auf 6500 qm Ausstellungsfläche zeigt das Museum eine Mischung aus alter und moderner Kunst. Eine spannende Ausstellungskonzeption gruppiert die Werke nach Themen statt nach Zeitabschnitten. Ein Café, ein Auditorium, Räumlichkeiten für Workshops, eine atemberaubende Aussicht von der Dachterrasse des Museums und das sommerliche Festival M-idzomer im Innengarten des Museums runden das Angebot ab und machen den Besuch zu einem spannenden Kulturerlebnis. www.mleuven.be

LEUVEN

PARK-ABTEI

Universitätsbibliothek © Milo-Profi © Marco Mertens

Eröffnung Museum PARCUM Museum for Religion, Art and Culture (Nicht) von dieser Welt. Abgeschiedenheit und Befreiung 25.10.2017–25.2.2018 Am 25. Oktober eröffnet in der Park-Abtei Leuven das neue Museum PARCUM – Dialogmuseum für Religion, Kultur und Kunst mit der Ausstellung „(Nicht) von dieser Welt. Abgeschiedenheit und Befreiung“. Die Ausstellung zeigt zum ersten Mal religiöse Kunst der flämischen Klöster und Abteien, die bisher der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Die Vermittlung und das Erleben des religiösen Kulturerbes stehen im Mittelpunkt. Gläubige Menschen erlebten die Kunstwerke auf eine spirituelle und sehr intime Art und Weise. Der Besucher wird in der Betrachtung und Bildsprache dieser Kunst geschult. Manche Exponate stehen im Dialog mit zeitgenössischen Werken. Nach der Ausstellung schließt das Museum seine Pforten, um dann als permanentes Museum mit wechselnden Ausstellungen wieder zu eröffnen.

Park-Abtei Das PARCUM befindet sich auf dem Gelände der Park-Abtei Leuven. Dieser wunderschöne Abteikomplex, eine 42 ha große Insel der Sittsamkeit, Ruhe und Stille,

© Marco Mertens

war ursprünglich der Jagdpark des Herzogs Gottfried I. des Bärtigen. 1129 schenkte er seinen Wildpark den Norbertinern der nordfranzösischen Abtei von Laon, um dort eine Abtei zu gründen. Seitdem haben die Norbertiner die Domäne quasi ununterbrochen bewohnt. Die Abtei entwickelte sich zu einer der maßgebenden Abteien der Südlichen Niederlande und besaß Grundstücke mit einer Gesamtflä-

Die Universitäts-Bibliothek

che von 3.500 ha und hatte Besitze in 130 Dörfern in Brabant und Umgebung. 1797 wurde die Abtei von den französischen Besatzern aufgelöst. Trotzdem behielt sie im Laufe der Jahrhunderte ihre Authentizität. Die Gebäude – wie der Bauernhof, die Wassermühle, die Kirche und das Klostergebäude – sind seit dem 17. Jahrhundert fast unverändert geblieben. Das macht die Park-Abtei zu einem der besterhaltenen Abteikomplexe der Niederlande und Belgiens. Außerdem blieben die Klosterinnenausstattung und die Dekoration der Gebäude nahezu intakt.

1914 fielen die Universitätshalle an der Naamsestraat und die jahrhundertealte Bibliothek, die sich dort befand, die Flammen zum Opfer. Über 300.000 wertvolle Bücher gingen verloren. Die internationale Empörung war groß. Und so auch die Solidarität. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde, vor allem mit amerikanischer Unterstützung, eine vollständig neue Bibliothek errichtet. Ein schöner Komplex im Stil der flämischen Renaissance und ein Turm, der bis heute die Skyline der Stadt dominiert. Die Bibliothek und der Turm können besichtigt werden. Eine umfassende Ausstellung (mit Audioguide) zeigt die bewegte Geschichte des Gebäudes.

Nichtsdestotrotz wird der gesamte Komplex bis 2020 stückweise restauriert. Zur Eröffnung des PARCUM werden weite Teile der Klostergebäude, u. a. auch die außergewöhnlichen Stuckdecken aus dem 17. Jahrhundert im Refektorium und der Bibliothek sowie die Buntglasfenster des Kreuzgangs, bereits in neuem Glanz erstrahlen. Auch das Sankt-Norbertustor, die Gartenpavillons und das Wagenhaus haben ihre alte Pracht zurückerlangt und werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieses besondere Kulturerbe ist dank des offenen Raums, der Ländereien, Alleen, Teiche und Wiesen ein beliebter Ort zum Wandern. Eine grüne Lunge am urbanisierten Stadtrand von Leuven. www.parcum.be

In diesem Jahr feiert die flämische Spitzenuniversität KU Leuven ihren 500. Geburtstag. Im Jahre 1517 gründete Hieronymus Van Busleyden, inspiriert von Erasmus, die Collegium Trilingue in Leuven. Das College ist ein einzigartiges Stück Geschichte, das zur Entwicklung der Universität Leuven als führendes Zentrum des Humanismus in Europa beigetragen hat. Im Herbst feiert die Universität dieses historische Jubiläum mit einer einzigartigen und dynamischen Ausstellung, einer neuen Publikation und einer kulinarischen Erkundungstour. Die Ausstellung „Erasmus’ Traum. Collegium Trilingue (1517-2017)“ zeigt die Auswirkungen der Hochschule auf die Universität, die Stadt und ihren Einfluss in Europa, der zu diesem attraktiven Ausstellungsprojekt geführt hat. Die Ausstellung vereint eine spezielle Sammlung von Werken aus der eigenen Sammlung sowie Beiträge von zahlreichen Partnerinstitutionen und Museen im In- und Ausland. www.visitleuven.be

Ausstellung Erasmus’ Traum. Collegium Trilingue (1517-2017) 19.10.2017 – 18.1.2018


12 | Flandern | Ostende

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

The Crystal Ship © SpY

The Crystal Ship „The Crystal Ship“ ist eine permanente Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum von Oostende. Im Rahmen jedes Festivals seit 2016 erschaffen weltberühmte Künstler riesige Wandmalereien und beeindruckende Installationen. Zusammen bilden sie einen zugänglichen künstlerischen Parcours durch die Innenstadt und den Grüngürtel Ostendes. Die Ausstellung findet an verschiedenen Orten in Oostende statt, die sonst nicht oder nur schwer zugänglich sind. Insgesamt stellen 50 Künstler ihre Werke an 20 verschiedenen Orten aus. Die Organisatoren finden es wichtig, alle Bürger einzubeziehen und an dem bestehenden Parcours weiterzuarbeiten. Innerhalb seines Genres ist „The Crystal Ship – Public Art Festival“ das größte in Europa. Auch im April 2018 wird sich das Kunstfestival über das gesamte Gebiet von Ostende erstrecken. Es werden sowohl im Zentrum als auch in anderen Stadtteilen neue Arbeiten entstehen. www.thecrystalship.org MBA 790 SANS CADRE

OSTENDE

JAN FABRE Het vlot. Kunst is (niet) eenzaam / The Raft. Art is (not) lonely / Das Floß. Kunst ist (nicht) einsam 20.10.2017–15.4.2018 Ende Oktober 2017 wird die Folgeausstellung von „Das Meer – Salut d’honneur Jan Hoet (2015)“ eröffnet: In der zweiten Ausgabe der dreijährlichen internationalen Ausstellung steht „Das Floß“ im Mittelpunkt. Die Ausstellung ist dem Schiff und der Freude an der Kunst gewidmet.

© muzee steven decroos Michael Fliri | Early One Morning with no time to waste | 2007

Im Rahmen dieser Thematik und Ausstellungsdramaturgie von „Das Floß“ lädt das Museum 50 zeitgenössische Künstler ein, der Thematik des Floßes auf eigene Weise Ausdruck zu verleihen, sowohl mit bestehenden Werken als auch mit neuen, speziell für diese Ausstellung geschaffenen Arbeiten.

Het vlot /The Raft/Das Floß: das Floß als Monument, als utopisches Modell, als Hinterlassenschaft einer manuellen Arbeit und Spur eines physischen Prozesses, als Ausdruck eines Experiments oder einer Expedition; das Floß historisch und/oder aktuell, poetisch, gesellschaftlich, politisch, national oder global.

Der Künstler Jan Fabre wurde Anfang des Jahres als Kurator für die neue Ausgabe verpflichtet und wird sich dieser Herausforderung mit großer Begeisterung stellen. Joanna De Vos wird CoKuratorin des Projekts. „Das Floß“ ist nicht nur eine Ausstellung, sondern auch ein Dialog mit Ostende, der Stadt am Meer mit einer reichen Geschichte und einer ganz besonderen Atmosphäre. Die Dramaturgie der Ausstellung, die an 20 verschiedenen Orten des belgischen Badeorts wie dem Gerichtsgebäude, der Dominikanerkirche, der Königliche Loge und dem Delvaux-Saal veranstaltet wird, beginnt im Mu.ZEE und beruht auf einer gründlichen Untersuchung des Werks „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault sowie dem utopischen Floß von Jan Fabre aus dem Jahr 1986, das den Titel „Kunst ist (nicht) einsam“ trägt. Zwischen beiden Werken liegen unverkennbar 170 Jahre und auch ihre Entstehungsgeschichte ist völlig anders, trotzdem knüpfen sie aufgrund ihrer Darstellung einer Expedition und der Bestimmung des Künstlers – einer Thematik, die gleichzeitig auch eine Metapher für die Conditio humana ist – aneinander an. ADRESSE Mu.ZEE Romestraat 11 B-8400 Ostende www.muzee.be

ÖFFNUNGSZEITEN Di–So 10–18 Uhr Mo geschlossen 25. & 1.1.2018 geschlossen 24. und 31.12.2017 10–17 Uhr

Ensor- und Spilliaert-Flügel des MuZee James Ensor und Léon Spilliaert. Zwei Großmeister aus Ostende Ostende und James Ensor gehören zusammen wie Strand und Meer. James Ensor liebte sein Ostende: Die Stadt war ihm Muse und Inspirationsquelle zugleich. Er liebte die Stadt mit ihren vielen Menschen, die ungestüme Nordsee, den Karneval, der jedes Jahr die Straßen bunt zauberte … Auch der Maler Léon Spilliaert, zwanzig Jahre jünger als Ensor, hat seinen Namen mit der Königin der Badeorte verbunden. Seine nächtlichen Streifzüge durch die Stadt und die langen Strandspaziergänge haben ihn zu seinen besten Werken inspiriert: Dunkel und geheimnisvoll! Obwohl Ensor und Spilliaert im Grunde sehr unterschiedliche Künstler waren, werden ihre Namen häufig in einem Atemzug genannt. In der permanenten Ausstellung „Zwei Großmeister aus Ostende“ lässt das Museum in erster Linie ihre Glanzstücke für sich sprechen. Hinter jedem Kunstwerk und Archivdokument verbirgt sich eine ganze Reihe von kleinen oder großen Geschichten mit und über Edgar Allan Poe, Willy Finch, Emile Verhaeren, Maurice Maeterlinck,  Walter Benjamin, Stefan Zweig, Richard Wagner, Honoré de Balzac, Paul-Gustave van Hecke, Félix Labisse, Constant Permeke, Henri Storck, Rik Wouters und andere. www.muzee.be

Museumsschiff Mercator

Jan Fabre, Kunst is niet eenzaam (1986) / Art is not Lonely / L’art n’est pas solitaire Foto: Lieven Herreman © Angelos

Der Polarreisende Adrien de Gerlache entwarf diesen Dreimaster, der in Schottland gebaut wurde. Die Mercator hatte zwei Kommandanten und machte 54 Reisen. Von 1932 bis 1960 fungierte die Mercator als Schulschiff für die Offiziere der belgischen Handelsschifffahrt. 1960 Mercator lief die Mercator in den Hafen von Antwerpen ein. Jetzt liegt es in Ostende vor Anker, wo es mit seiner authentischen Innenausstattung den perfekten Ort für ein nautisches Museum bildet, eine treibende Schatzkammer voller Gegenstände, die auf den vielen Weltreisen des Schiffes gesammelt wurden. Regelmäßig fährt das Schiff aus dem Hafen aus, um an großen Segelveranstaltungen teilzunehmen. www.zeilschipmercator.be/de/mercator/


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Düsseldorf | 13

DÜSSELDORF

AXEL HÜTTE NIGHT AND DAY 23.9.2017 – 14.1.2018 Mit einer großen Werkschau zeigt das Museum Kunstpalast erstmals einen umfassenden Überblick auf das künstlerische Schaffen von Axel Hütte (*1951). Der als Meister der zeitgenössischen Landschaftsfotografie geltende Künstler ist wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff und Candida Höfer aus der berühmten Klasse von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie hervorgegangen. Gemeinsam mit ihnen zählt er zu den bedeutenden, international anerkannten Vertretern der Düsseldorfer Fotoschule. Reisen und Schauen, Welt-Erfahrung und Natur-Wahrnehmung sind für die künstlerische Arbeit von Axel Hütte von wesentlicher Bedeutung. Für seine Aufnahmen bereist der in Düsseldorf lebende Fotograf alle Kontinente der Welt. In seinen faszinierenden Fotoarbeiten aus Europa, Nord- und Südamerika, Afrika, Australien, Asien und der Antarktis reflektiert er die Phänomene des Sehens, der Wahrnehmung, die Bedeutung von Bild und Bildlichkeit, Abbild und Realität.

Hütte visualisiert in seinen Landschaftsaufnahmen zum einen eine tief empfundene Natur, zum anderen nutzt er architektonische, aber auch Licht- oder Wetterphänomene wie Nebel als künstlerische Elemente, ähnlich dem malerischen Sfumato, und schafft Bild-und Farbkompositionen mit kluger Blickregie. Den Betrachter überraschen Hüttes Fotografien durch die Bildstrukturen, die seine Arbeiten jenseits des Dokumentarischen verorten lassen. Mit Wasserspiegelungen, Wolken, dem Dunkel der Nacht, vertikalen oder horizontalen Architekturelementen komponiert er stimmungsvolle, an romantische Landschaftsmalerei erinnernde Bildräume. Die durch Nebelschwaden gebotene Unschärfe des Lichts nutzt er ebenso wie die Gliederung von Brückenbauten zur Schaffung gleichsam perspektivisch ungewöhnlicher wie atmosphärischer Landschaftsbilder. Hüttes Fotografien sind geprägt von einer unendlichen Stille, von einer überwältigenden Einsamkeit. Seine mit der Plattenkamera aufgenommenen Bilder haben ihm bei der künstlerischen und technischen Umsetzung meist große Geduld abverlangt.

Axel Hütte | Kuala Lumpur-1, Malaysia, 2008 | Duratrans-Print, 207 x 157 cm | Courtesy Galería Helga de Alvear, Madrid | © Axel Hütte

Ob Aufnahmen aus der afrikanischen Wüste, dem antarktischen Eismeer oder Nachtaufnahmen der Megacities Asiens und Amerikas – Axel Hütte präsentiert mit seinen Fotografien immer auch wichtige Augenblicke des Innehaltens, an denen er teilhaben lässt und einlädt, genauer hinzuschauen.

Axel Hütte | Furkablick, Swiss, 1994 | C-Print, 187 x 237 cm © Axel Hütte

Die umfassende Ausstellung vereint etwa 70 großformatige, darunter neue und erstmals öffentlich gezeigte Nacht- und Tagbilder von Axel Hütte aus mehr als zwanzig Jahren. Eine Zusammenschau mit dem im Museum Quadrat, Bottrop, parallel gezeigten Frühwerk von Axel Hütte erweitert den Blick auf sein künstlerisches Schaffen.

Axel Hütte | Rio Negro-2, Brazil, 1998 | C-Print, 187 x 237 cm | © Axel Hütte

Axel Hütte | Tokyo-1, Japan, 2010 | Duratrans-Print, 207 x 172 cm Galerie Nikolaus Ruzicska, Salzburg © Axel Hütte

ADRESSE Museum Kunstpalast Kulturzentrum Ehrenhof Ehrenhof 4-5 40479 Düsseldorf T + 49 (0)211-566-42 100 www.smkp.de ÖFFNUNGSZEITEN Di - So 11–18 h, Do 11–21 h, Mo geschlossen Feiertagsöffnungen siehe www.smkp.de/besucherinfo

KURZFÜHRER begleitend zur Ausstellung kostenfrei, dt./engl. EINTRITTSPREISE EUR 12, ermäßigt EUR 9,50 EUR 1 für Kinder von 7 – 17 Jahren Kinder unter 7 Jahren frei Gruppen an 10 Personen: EUR 9,50 Tickets online: www.smkp.de/shop

Axel Hütte | Ise (bridge), Japan, 2012/17 C-Print, 172 x 399 cm | © Axel Hütte

VORTEILSTICKET Tipp! Buchen Sie bis zum 22. September 2017 Ihr Ticket online und besuchen Sie die Ausstellung bis zum 15. Oktober 2017 für nur EUR 9. Solange der Vorrat reicht. FÜHRUNGEN Do 18 Uhr, So 14 Uhr Gebühr: EUR 5 + ermäßigter Ausstellungseintritt, Anmeldung erforderlich, auch unter T 0211-566 41 160, bildung@smkp.de oder www.smkp.de/shop

GRUPPENFÜHRUNGEN EUR 75 für 60. Min. zzgl. Ausstellungseintritt pro Person. Maximale Gruppengröße: 20 Personen Führungen auch in weiteren Sprachen buchbar Fremdsprachenzuschlag: EUR 10 Fremdführungsgebühr: EUR 26 / Fremdführungen sind nur nach Voranmeldung möglich. Vorkasse für die Führungen. Die Eintritte sind vor Ort an der Kasse zu entrichten.

EDITION Anlässlich der Ausstellung erscheint eine signierte Edition (35 x 45 cm, Auflage: 100/25 a.p.) mit dem Motiv „Ingelheim, 2009“. Zu erwerben im Museumsshop, Preis: EUR 850 (ungerahmt) KATALOG Zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König ein reich bebilderter Katalog mit 168 Seiten in deutscher und englischer Sprache. Preis Museumausgabe: EUR 39,90 Preis Buchhandelsausgabe: EUR 49,90


14 | Bonn

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Meister des Marienlebens: Maria mit dem Kind und der heilige Bernhard, 1460 Malerei auf Eichenholz, 31.3 x 24.5 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud (WRM 0128) Foto: © Rheinisches Bildarchiv, Sabrina Walz, rba_d040702

nis zu den weltlichen Herrschern ihrer Zeit. Auch auf die Rolle der Zisterzienser als innovativer und sehr erfolgreicher Wirtschaftskonzern geht die Ausstellung ein.

Anniversartuch für Holmger Knutsson, 1. Hälfte 15. Jh., The Swedish History Museum | Foto: Gabriel Hildebrand | The Swedish History Museum.

Mitmachangebote und moderne Bild- und Tonmedien ergänzen die Ausstellung, eine CAD-Rekonstruktion ermöglicht den virtuellen Rundgang durch die Kirche, Klausur- und Wirtschaftsgebäude des Klosters Altenberg. Ein ausführliches Rahmenprogramm zur Ausstellung knüpft an die Gegenwart an und bietet Veranstaltungen für alle Altersgruppen. Insbesondere die Fähigkeit der Zisterzienser, ein europaweites Netzwerk aufzubauen, das einem einheitlichen Ritus und Wertekodex verpflichtet war, bietet sicherlich manche Anknüpfungen an gegenwärtige Entwicklungen.

BONN

DIE ZISTERZIENSER DAS EUROPA DER KLÖSTER 29.6.2017-28.1.2018 Vom späten 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts gründeten die Zisterzienser fast 650 Klöster. Der Zisterzienserorden erwuchs zu einem der mächtigsten Verbände der Christenheit mit einer ganz eigenen, die zivilisatorische Praxis seiner Zeit radikal in Frage stellenden Wertekultur, die nicht nur das klösterliche Leben veränderte. Ihre Ideen und Innovationen drangen schnell über die Klostermauern hinaus und gaben einer reformbereiten Gesellschaft entscheidende Impulse und veränderten so Europa. Die Ausstellung konzentriert sich auf die mittelalterliche Blütezeit des Ordens. Die Meisterwerke der mittelalterlichen Kunst aus den Klöstern der Zisterzienser werden erstmals zusammen ausgestellt. Zu den Höhepunkten zählt der beeindruckende Hochaltar des ehemaligen Zisterzienserklosters Kamp.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist das Scriptorium, die Schreibwerkstatt: Hier werden die in Zisterzienserklöstern entstandenen, oft aufwändig geschmückDie Chorruine des ehemaligen Zisterzienserten Handschriften im klosters Heisterbach im Siebengebirge. Original präsentiert, so Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn. etwa vier PergamentHandschriften aus der Frühzeit des Ordens, die heute in Dijon aufbewahrt werden. Sie zählen zu den kostbarsten und berühmtesten Zeugnissen der Buchkunst des gesamten hohen Mittelalters. Sie können nicht nur die Originale bewundern, sondern auch eigens für die Ausstellung hergestellte originalgetreue Faksimiles. Übersetzungen der Texte, Musik und Erläuterungen lassen Sie tief in die faszinierende Geisteswelt des Mittelalters eintauchen. So wird deutlich, dass Bücher nicht nur ästhetische Objekte waren, sondern gerade auch für die Zisterzienser mit ihrer Erinnerungskultur weitreichende Bedeutung und Funktion hatten.

Ganz selten nur sind Bildtafeln dieser Zeit in solcher Frische erhalten. Sie werden gemeinsam mit den zugehörigen Skulpturen erstmals wieder in ihrer ursprünglichen Anordnung zu sehen sein. Aus Paris kommt die einzigartige Madonna aus Kloster Eberbach, heute als "Belle Allemande" eines der mittelalterlichen Hauptwerke des Louvre. Vier als Reliquien verehrte Schädel, reich und kostbar verziert, stammen aus dem Altar des Zisterzienserinnenklosters Marienfeld. Das Grabtuch des Holmger Knutsson, eine lebensgroße figürliche Bildstickerei, gefertigt von den Nonnen des Skoklosters in Schweden aus dem Nationalmuseum Stockholm ist erstmals außerhalb Schwedens zu bewundern. Die Ausstellung zeigt nicht nur die Lebenswelt der Mönche und Nonnen, sondern auch das nicht immer einfache Verhält-

ADRESSE LVR-LandesMuseum Bonn Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte Colmantstr. 14–16, 53115 Bonn www.landesmuseum-bonn.lvr.de ÖFFNUNGSZEITEN Di – Fr und So 11–18 Uhr, Sa 13–18 Uhr 24.12., 25.12., 31.12. und Neujahr geschlossen EINTRITTSPREISE Erwachsene EUR 8, ermäßigt EUR 6 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt

TICKET IM VORVERKAUF inklusive VRS-Fahrausweis über www.bonnticket-de bzw. www.koelnticket.de und an allen bekannten Vorverkaufsstellen: EUR 9,80, ermäßigt EUR 7,60, Familienticket EUR 20,60 Ticket-Hotline +49 (0) 228 502010 ANMELDUNGEN VON FÜHRUNGEN info@kulturinfo-rheinland.de +49 (0) 2234 9921-555 Unter der Nummer +49 (0) 228 2070-277 können Sie sich von Di-Fr 9-13 Uhr zusätzlich detailliert über das museumspädagogische Angebot informieren.


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Emden | 15

Die Kunsthalle Emden

Robert Gniewek (*1951), Scotten Inn, 2014, Öl auf Leinen, 66,04 x 86,36 cm © Robert Gniewek, Courtesy Louis K. Meisel Gallery, New York

EMDEN (D) / ASSEN (NL)

„THE AMERICAN DREAM“ AN DER NORDSEEKÜSTE

Für das Projekt „The American Dream“ hat das Drents Museum die Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Emden gesucht, das im Jahr 2010 mit der großen Ausstellung „Das Abenteuer der Wirklichkeit“ mit großem Erfolg ein wichtiges Projekt zum Thema Realismus realisiert hatte. Die Kunsthalle wurde 1986 von dem Journalisten Henri Nannen und seiner späteren Ehefrau Eske in ihrer ostfriesischen Heimatstadt gestiftet. Sie gilt nicht nur als eines der wichtigsten, sondern auch der schönsten Kunstmuseen Norddeutschlands, und liegt zentral mitten im Stadtzentrum und zugleich idyllisch an einer Gracht. Zum Haus gehören auch das Café-Bistro „Henri’s“ sowie eine eigene Schiffsanlegestelle für Grachtenboote. Nicht Willkür, sondern „Lustkür“ habe seine Sammlungsauswahl bestimmt, hat Nannen einmal gesagt. Diese Lust am Bild wirkt ansteckend und macht die Kunsthalle zu einem sehr lebendigen Ort der Begegnung zwischen Menschen und Kunst. Neben dem Bestand zeigt das Haus große Sonderausstellungen zur modernen und zeitgenössischen Kunst.

Doppelausstellung zum Amerikanischen Realismus von 1945 bis heute in der Kunsthalle Emden (D) und im Drents Museum (NL) 19.11.2017 – 27.5.2018 Schon lange kein Geheimtipp mehr: seit einigen Jahren machen zwei Museen im Nordwesten immer wieder mit außergewöhnlichen Ausstellungen von sich reden und sind zu Publikums-Lieblingen avanciert, die Kunsthalle in der reizvollen Hafenstadt Emden und das nahegelegene Drents Museum in den Niederlanden. Im Herbst 2017 präsentieren die beiden erfolgreichen Museen gemeinsam die umfangreiche internationale Ausstellung „The American Dream“ als zweiteilige Schau, die an beiden Orten parallel läuft. Spätestens dieses spektakuläre Projekt macht einen Besuch der beiden Häuser für Kunstfreunde zu einem Muss. Die Doppelausstellung in Assen und Emden ist ein Überblick über den amerikanischen Realismus von 1945 bis heute, darunter Werke von Edward Hopper, Andy Warhol, Alice Neel, Richard Diebenkorn, Martha Rosler, Alex Katz und Chuck Close. Doch auch die Region beiderseits der Grenze hält viele überraschende Entdeckungen parat, in Sachen Natur, Kultur und Geschichte.

auf die Kunst von 1945 bis 1965, während die Kunsthalle Emden ihren Fokus auf die Zeit von 1965 bis zur Gegenwart richtet. Die beiden Häuser arbeiten dabei mit großen US-amerikanischen Museen und Privatsammlungen zusammen, die über bedeutende Bestände auf diesem Gebiet verfügen.

THE AMERICAN

AMERICAN REALISM 1945-2017

EDWARD HOPPER, ANDY WARHOL, ANDREW WYETH, ALICE NEEL, STONE ROBERTS AND OTHER ARTISTS

19 NOV 2017 – 27 MAY 2018

DRENTS MUSEUM ASSEN

KUNSTHALLE EMDEN

Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Museen „The American Dream“ ist die erste große Übersichtsausstellung zum amerikanischen Realismus in Europa überhaupt. Das Drents Museum konzentriert sich

Robert Bechtle (*1932), Potrero Golf Legacy, 2012, Öl auf Leinen. © Robert Bechtle, Courtesy Louis K. Meisel Gallery, New York

Die Kunst des Realismus stand beim Publikum seit jeher sehr hoch im Kurs. Jetzt rückt sie auch in den Museen wieder stärker in den Vordergrund, in denen die seit der Nachkriegszeit eher die abstrakte und später die konzeptionelle Kunst Beachtung gefunden hatten. Nach dem 2. Weltkrieg symbolisiert die Abstraktion der ‚New York School‘ und nachfolgenden Künstlergenerationen den Wiederneuanfang und eine scheinbare Entideologisierung der Kunst in den USA. Dieser von einflussreichen Kunstkritikern geförderten Abstraktion steht der amerikanische Realismus gegenüber, der sich parallel hierzu weiter entwickelt. Die Strömungen und Künstlerpositionen des amerikanischen Realismus spielen eine vom Kunstbetrieb lange nur teilweise gewürdigte und dennoch bedeutende Rolle in der Entwicklung der amerikanischen Kunst. Sie zeigen oftmals die realen Lebensbedingungen der Amerikaner, vertreten gesellschaftskritische Positionen und legen den Fokus verstärkt auf die menschliche Figur und die menschliche Existenz in den USA. Die aktuelle Diskussion um die politischgesellschaftlichen Entwicklungen in den USA und den ‚American way of Life‘ gibt dieser künstlerischen Betrachtung zusätzliches Gewicht. ADRESSE Kunsthalle Emden Hinter dem Rahmen 13 26721 Emden www.kunsthalle-emden.de

Drents Museum Brink 1, 9401 HS Assen NIEDERLANDE www.drentsmuseum.nl

Edward Hopper (1882-1967), Morning Sun, 1952, olieverf op doek, 71,44 x 101,93 cm, Columbus Museum of Art, Ohio: Museum Purchase, Howald Fund.

Drents Museum Das Drents Museum zeigt auf einer Fläche von etwa 4.600 Quadratmetern neben den großen Sonderschauen Funde aus der Zeit der Neandertaler, Beigaben aus alten Hünengräbern, das älteste Boot der Welt und geheimnisvolle Moorleichen. Die Kunstausstellungen konzentrieren sich auf die Zeit von 1885 bis 1935 und seit einigen Jahren verstärkt auf den zeitgenössischen Realismus.

Website für Besucherinformationen Ab September geht die gemeinsame Website www.visittheamericandream.com online, die mehrsprachig Auskunft über die beiden Ausstellungen, das Begleitprogramm und touristische Tipps gibt. Dort können Besucher auch Online-Tickets für beide Häuser buchen und sich über Führungen und GruppenAngebote informieren.

Die Städte Das Drents Museum in Assen, Hauptstadt der niederländischen Provinz Drenthe, ist ca. 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und bequem mit dem Auto zu erreichen. Es liegt etwa fünf Gehminuten vom Bahnhof und ZOB Assen entfernt. Auch die Kunsthalle Emden ist nur wenige Schritte vom Emder Hauptbahnhof und ZOB entfernt und hat direkten Autobahnanschluss. Sie bietet Autofahrern 4 Stunden kostenloses Parken im nahegelegenen Parkhaus, Bootseignern aber sogar einen Liegeplatz an der Schiffsanlegestelle direkt vor dem Haupteingang – wohl einzigartig in der europäischen Museumswelt.

Die Region beiderseits der Grenze: Weite, Meer, Natur und viel Geschichte „The American Dream“ schlägt eine Brücke zwischen zwei unterschiedlichen wie attraktiven Museen, die grenznah und nur rund eine Stunde entspannte Fahrt über nahezu leere Autobahnen und Straßen voneinander entfernt liegen. Die Ausstellungskooperation bietet Gelegenheit, beiderseits der grünen Grenze eine einzigartige weite Landschaft, charmante Städtchen und eine unvermutet bewegte Geschichte zu entdecken.


ANTWERPEN BAROCKJAHR 2018. RUBENS ALS INSPIRATION

VISITFLANDERS

www.visitflanders.de


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

München | 17

GABRIELE MÜNTER | Bildnis von Marianne von Werefkin, 1909 | Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung | © VG Bild-Kunst, Bonn 2017


18 | München

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

MÜNCHEN

DIE BLAUEN REITER Das Lenbachhaus München kann man inzwischen schon als Münchner Tradition bezeichnen. Die ehemalige Künstlervilla an der Luisenstraße prägt nun bereits seit über einhundert Jahren das Münchner Stadtbild. Doch traditionell bayerisch mutet der Prachtbau des Malerfürsten Franz von Lenbach mit seinem toskanischen Stil vor der griechischen Kulisse des Königsplatzes zunächst nicht an. Allerdings verstand es von Lenbach bereits damals, Tradition und Moderne geschickt zusammenzuführen. Die Sehnsucht nach dem Süden wollte er trotz seiner beachtlichen Sammlung verschiedenster Preziosen aus aller Welt auch architektonisch umsetzen lassen. Kein geringerer als der berühmte Münchner Architekt Gabriel von Seidl half Lenbach, seinen exotischen Palast zu erbauen. Und in seiner Künstlervilla, in der „die europäische große Kunst“ zusammenkommen sollte, versammelte Franz von Lenbach nicht nur die wichtigsten Zeitgenossen aus Kultur, Kunst und Politik, sondern unterstützte und förderte Künstler aus München und dem Umland im großen Stil. Als Lolo von Lenbach nach seinem Tod den Bau mitsamt der Lenbach’schen Sammlung der Stadt München zum Kauf anbot, erschien es nur logisch, dass die 1929 eröffnete Städtischen Galerie im Lenbachhaus die Tradition des Hausherren fortführte und bis in die 1950er Jahre Münchner Malerei des 19. und deutsche Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zeigte, v.a. die »Münchner Schule« mit ihren bunten, bäuerlichen oder bürgerlichen Genrebildern und Landschaften unter weitem Himmel. Neben dem ehemaligen Hausherren und Künstlerfürsten Franz von Lenbach gibt es aber auch eine „Hausherrin“. Gabriele Münter, eine hervorragende Malerin und die ehemalige Lebensgefährtin Wassily Kandinskys, schenkte dem Lenbachhaus anlässlich ihres 80. Geburtstags 1957 ihre Sammlung an über 1.000 Werken der Künstlergruppe »Blauer Reiter«. So wurde das Lenbachhaus quasi über

Nacht zu einem der großen Player der internationalen Museumslandschaft. Denn die großzügige Gabe Münters zog weitere nach sich, z.B. die Schenkung an Werken von Franz Marc durch die Erben des damaligen Förderers Bernhard Köhler; und so besitzt das Lenbachhaus nun die größte Sammlung an Werken von Kandinsky und der Künstlergruppe des »Blauen Reiter«, neben Werken der beiden Gründer Marc und Kandinsky, auch Gemälde von Gabriele Münter, Paul Klee, August Macke, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin u.a. Der »Blaue Reiter« in München gehört neben der Künstlergemeinschaft der „Brücke“ in Dresden und Berlin zur wichtigsten Bewegung der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Aus Russland, Frankreich, der Schweiz und ganz Deutschland hatten sich die Künstler zur Jahrhundertwende in und um München niedergelassen und fanden hier ihre Inspiration. Die Auseinandersetzung mit der Landschaft, Licht und Farbe, die die Künstler in München und im oberbayerischen Raum suchten, führte schließlich zu einer strahlend farbigen, expressiven und zum Teil abstrahierenden, neuen Formensprache. Vereint im Glauben an eine „geistige“ Dimension in der Kunst ebneten die zahlreichen und vielfältigen Werke der Gruppe den Weg in die Moderne. Die Neueinrichtung der Abteilung des »Blauen Reiter« setzt nach den umfangreichen Ausleihen für Ausstellungen im Museo ThyssenBornemisza Madrid, im MoMA New York, im Frankfurter Städel, in der Alten Nationalgalerie Berlin, im Palazzo Ducale, Venedig, u.a. nun neue Akzente in der Schausammlung. Einzelne Hauptwerke wurden, angeregt durch Kandinskys Diktum, dass nur das „eigentlich Künstlerische“ im Mittelpunkt jeder Betrachtung stehen solle, nun auratischer gehängt. Dieses Postulat des „eigentlich Künstlerischen“ beinhaltet auch einen offenen Ansatz, demzufolge Kandinsky und Marc in ihrem 1912 herausgegebenen Almanach »Der Blaue

LENBACHHAUS | Alte Villa

Reiter« Volkskunst, Kinderkunst, ägyptische Schattenbilder, afrikanische Schnitzereien und bayerische Hinterglasbilder gleichberechtigt neben die Kunstwerke alter europäischer Meister und der aktuellen Avantgarde stellten. Ein eigener Raum ist deshalb dem Almanach und seinen Bildwerken gewidmet, auf einem Touchscreen kann man durch das berühmte Buch blättern. Gabriele Münters Stillleben und Figureninterieurs werden mit Objekten aus ihrer und Kandinskys Sammlung von Volks- und Kinderkunst kombiniert. In einem Dokumentationsbereich laufen historische Filme – Beispiele aus dem von Münter altmodisch genannten „Kintopp“ – und auf Hörinseln können Besucherinnen und Besucher das Verhältnis der »Blauen Reiter«-Künstler, insbesondere Kandinskys, zur Musik der damaligen Avantgarde – von Arnold Schönberg, Anton von Webern, Alban Berg und Alexander Nikolajewitsch Skrjabin – nachvollziehen. Seit Beginn der 1970er Jahre zeigte das Lenbachhaus in seinen Ausstellungen wesentliche Tendenzen der internationalen zeitgenössischen Kunst, darunter Einzelpräsentationen von Gerhard Richter, Arnulf Rainer, Cy Twombly, Piero Manzoni und anderen. Die Ausstellungstätigkeit spiegelte sich in der Sammlung zuerst nur durch vereinzelte Ankäufe von internationaler Gegenwartskunst. Erst mit dem Erwerb von Joseph Beuys’ Environment „zeige deine Wunde“ (1974/75) im Jahr 1979 war der Durchbruch für eine offene Sammlungstätigkeit gelungen.

FRANZ MARC, Der Tiger, 1912, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Wichtig für die Erwerbungspolitik des Lenbachhauses ist die Konzentration auf wenige Künstlerpersönlichkeiten, deren Werkentwicklung intensiv verfolgt und unterstützt wird. Heute besitzt das Lenbachhaus eine der umfangreichsten und interessantesten Museumssammlungen mit Werken von Gerhard Richter, Joseph Beuys, Isa Genzken, Maria Lassnig, Erwin Wurm, Anselm Kiefer, Angela Bulloch und anderen.

Das gleichberechtigte Nebeneinander von Positionen der Moderne und der zeitgenössischen Kunst sowie die Verbindung von lokalem Charakter und internationaler Ausstrahlung machen das Lenbachhaus zu einem Museum, das es in dieser Art nur in München gibt und das gleichzeitig zu den populärsten Kunstmuseen in Europa zählt. ADRESSE Städtische Galerie im Lenbachhaus Luisenstraße 33 80333 München www.lenbachhaus.de ÖFFNUNGSZEITEN Di 10–20 Uhr Mi – So 10–18 Uhr Mo geschlossen SONDERÖFFNUNGSZEITEN FÜR SCHULKLASSEN Di – Fr, 8.30–10 Uhr Nur nach Voranmeldung und Bestätigung seitens des Lenbachhauses. Informationen: T+49 89 233 32029 (Mo – Fr 9–12 Uhr)   EINTRITTSPREISE Regulär: EUR 10 Ermäßigt: EUR 5 Audioguide inklusive (deutsch und englisch). Tickets können entweder an der Museumskasse im Lenbachhaus (nicht im Kunstbau), online oder an den Vorverkaufsstellen von München Ticket (Tel.: +49 (0) 89 548181-8821) erworben werden. ERMÄSSIGTER EINTRITT Keine Gruppenermäßigung. Gegen Vorlage eines gültigen Ausweises: Bildende Künstler im BBK, Kunsthistoriker/innen im VdK, Lehrkräfte der Akademie der Bildenden Künste Studenten/-innen, Auszubildende, Renten-, Versorgungsempfänger/innen, Schwerbehinderte, Bezieher/-innen des Arbeitslosengeldes I, Jugendleiter/innen, Bundesfreiwilligendienstleistende Eintrittskarten der anderen städtischen Museen (Münchner Stadtmuseum, Villa

Stuck, Jüdisches Museum, NS-Dokumentationszentrum) bis zum zweiten auf das Tagesdatum der Karte folgenden Öffnungstages FREIER EINTRITT Gegen Vorlage eines gültigen Ausweises: Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, geschlossene Schulklassen unter Führung einer Lehrkraft, Vorbereitungsbesuche einer Lehrkraft/Erzieher/-in (schriftl. Nachweis der Schule o. Einrichtung nötig) Studenten/-innen der Kunstgeschichte, der Akademie der bildenden Künste und Kunsterziehung anerkannte Guides der vom Museum organisierten Führungen Pressevertreter/innen Mitglieder des ICOM (International Council of Museums) und des Deutschen Museumsbundes Schwerbehinderte, die auf eine Begleitperson angewiesen sind Inhaber/-innen des MünchenPasses, Bezieher/-innen des Arbeitslosengeldes II GRUPPEN Bitte melden Sie Ihre Gruppe an (ab 5, max. 20 Personen) mindestens 2 Wochen vor dem gewünschten Termin unter Angabe des Tages, der Uhrzeit und der Teilnehmerzahl, unabhängig davon, ob Sie einen Guide buchen möchten oder nicht. EUR 100 pro Guide Di – Fr EUR 120 pro Guide Sa, So, feiertags EU 10 Zuschlag für fremdsprachige Führung Gruppenanmeldungen und / oder Tickets unter München Ticket oder Gruppenanmeldung über Anmeldeformular unter www.lenbachhaus.de


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

München | 19

GABRIELE MÜNTER | Porträt, um 1921 © Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

GABRIELE MÜNTER Jawlensky und Werefkin, 1909 Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Buddha-Legende, 1931 Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

GABRIELE MÜNTER | Dame im Sessel schreibend, 1929 | Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München | © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

KUNSTBAU

Gasse in Tunis, 1905 Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

GABRIELE MÜNTER 31.10.2017–9.4.2018 Bevor Gabriele Münter sich der Malerei zuwandte, hatte sie bereits fotografiert, um 1900 und zwar zum ersten Mal in den USA. Bald wird sie anfangen zu malen, fast täglich, ihr Leben lang. Und Gabriele Münter geht ins Kino! Sie war eine offene und experimentierfreudige Künstlerin, vieles, was sie geleistet hat, ist bisher nur wenig wahrgenommen worden, weil ihr Werk meist durch den engen Fokus ihrer Biografie und ihrer Beziehung zu Kandinsky interpretiert wurde. Bis heute sind daher fast nur ihre Bilder aus der Zeit des »Blauen Reiter« im Zentrum der Aufmerksamkeit gewesen. Und so ist der Name Münter vorwiegend mit dem deutschen Expressionismus assoziiert, mit Murnau und dem Münter-Haus. Münters Werk ist jedoch deutlich facettenreicher, fantasievoller und stilistisch breitgefächerter als bisher bekannt.

Die ihr im Lenbachhaus gewidmete Ausstellung will diese reduzierte Rezeption ihrer Arbeit erweitern. Die Komplexität und Eigenständigkeit von Münters Schaffen soll anhand kunsthistorischer Fragen sichtbar gemacht und neu bewertet werden. Im Mittelpunkt der Schau wird ihr malerisches Oeuvre stehen, welches in verschiedenen thematischen Sektionen präsentiert wird. Von den klassischen Gattungen wie Porträt und Landschaft über Interieur, Abstraktion bis hin zum »Primitivismus« wird das reiche Gesamtwerk der Künstlerin vorgestellt. Da Münter ihre künstlerische Laufbahn mit der Fotografie begann, was nachhaltige Spuren in ihrer Malerei hinterließ, wird auch eine kleine Sektion dieser Technik gewidmet. Es werden daher Fotografien gezeigt, die sie 1899-1900 während ihrer Reise in die USA geschaffen hat. Zudem wird ihr frühes Interesse

Jahrzehnten der Öffentlichkeit präsentiert. Er stammt aus dem Nachlass der Künstlerin, der sich in der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung befindet. Diese Werke werden durch internationale und selten ausgestellte Leihgaben ergänzt.

GABRIELE MÜNTER | Im Zimmer (Frau im weißem Kleid), 1913 Städtische Galerie im Lenbachhaus, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

für das neue Medium »Film« durch Filmstationen dokumentiert. Ein großer Teil der 130 Gemälde in der Ausstellung wurde noch nie oder letztmals vor

Die Ausstellung wird durch die Städtische Galerie im Lenbachhaus und durch die Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung erarbeitet und findet anlässlich des 140. Geburtstags von Gabriele Münter und des 60. Jubiläums ihrer Schenkung 1957 von Werken der Blaue Reiter-Künstler an das Lenbachhaus statt. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Prestel Verlag, herausgegeben von Isabelle Jansen, Leiterin der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und Matthias Mühling, Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.


20 | Karlsruhe

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Cézanne. Metamorphosen 28.10.2017– 11.2.2018

KARLSRUHE

DIE ETRUSKER Weltkultur im antiken Italien Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg 16.12.2017–17.6.2018 Ab Dezember 2017 zeigt das Badische Landesmuseum eine umfassende Präsentation der Kultur der Etrusker. Erstmalig in Deutschland werden sie in ihrem Verhältnis zu anderen Zivilisationen der antiken Mittelmeerwelt charakterisiert. Diese innovative Perspektive zeichnet ein detail- und facettenreiches Panorama etruskischer Lebenswelten und eröffnet spannende Wege zu deren Verständnis.

Von der etruskischen Liebe zur Schönheit zeugt die Bildkunst mit griechisch beeinflussten Skulpturen, vielfigurigen Reliefs und farbenfrohen Wandmalereien. In technischer Perfektion gestaltete Kunsthandwerksprodukte, z.B. bemalte Keramiken oder fein ziselierte Bronzegefäße und -geräte, künden von der Ästhetik des Alltags. Besonders phantasiereich gestaltet war der kostbare Goldschmuck.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem italienischen Kulturministerium, den archäologischen Denkmalbehörden und Museen der Toskana, Latiums, der EmiliaRomagna und Umbriens. Die Projektpartner unterstützen die Karlsruher Ausstellung mit hochkarätigen Leihgaben. Daher können viele Exponate erstmalig in Deutschland gezeigt werden. Ein Gremium aus international anerkannten Etruskologen fungiert als wissenschaftlicher Beirat und ermöglicht den Zugang zu aktuellen Forschungen und archäologischen Entdeckungen. Die Zusammenarbeit beinhaltet auch den Austausch von Wissenschaftlern, z.B. im Rahmen eines von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Fellowships.

Ihren Wohlstand verdankten die Etrusker dem effektiven Wirtschaftssystem mit weit verzweigten Handelsbeziehungen, u.a. zum Vorderen Orient, Nordafrika, Griechenland sowie zu Nordwest- und Mitteleuropa. Inspiriert von den fremden Einflüssen entwickelte sich die etruskische Zivilisation im Schnittpunkt und Spannungsfeld der Kulturen des Mittelmeerraums. Mit dieser internationalen und transkulturellen Integrationsleistung sind die Ras´na bis zum heutigen Tag Vorbild für unsere gesamteuropäische Gegenwart.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe – Große Sonderausstellung des Landes BW Paul Cézanne hat als Maler, Zeichner und Aquarellist ein überaus facettenreiches Werk geschaffen. Aufgrund seiner Tendenz zur AbstrakPaul Cézanne, Blick auf das Meer bei L’Estaque, tion der Bildelemente 1883 – 1885 © bpk Staatliche Kunsthalle Karlsruhe gilt er als wichtiger Wegbereiter der Moderne. Cézanne selbst hatte jedoch den Anspruch, die Malerei auf Grundlage der klassischen Kunst zu erneuern. Die Ausstellung wirft einen neuen Blick auf Cézannes lichte Landschaften, seine Badenden, Porträts und Stillleben. Sie zeigt seine Arbeitsweise als einen faszinierenden Prozess der Verwandlung der wahrgenommenen Natur in ein Gefüge farbiger Bildelemente. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe | www.cezanne-in-karlsruhe.de

James Bridle: Autonomous Trap 001 (2017), ditone archival pigment print. © James Bridle

Open Codes – Leben in digitalen Welten 20.10.2017 – 5.8.2018 Mit der Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“ widmet sich das ZKM | Karlsruhe erneut dem Thema der Digitalisierung und der Erfassung der Welt durch den binären Code. Mit der Ausstellung wird versucht durch Dokumente, Artefakte und Kunstwerke die Entwicklungslinien der Physik und Mathematik der letzten 300 Jahre aufzuzeigen. Die Konturen einer digitalen Philosophie und Kunst werden mittels Arbeiten von KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und IngenieurInnen thematisiert. Es werden der heutige Stand der innovativsten zeitgenössischen Digitaltechnologien, von Robotik bis künstliche Intelligenz, von Sensorentechnologie bis Bio-Design, sowie deren soziale, politische und gesellschaftliche Folgen vorgestellt. ZKM | Zentrum für Kunst und Medien | www.zkm.de

Wer waren die Etrusker? Sie selbst nannten sich Ras´na. Heute kennen wir sie unter dem Namen, den ihnen die Römer gaben. Den Etruskern verdanken wir die erste Hochkultur Italiens, insbesondere auf dem Boden der heutigen Toskana. Als eine der großen Zivilisationen der Antike bestimmten sie das Schicksal des westlichen Mittelmeerraums während des ersten vorchristlichen Jahrtausends, vom 10. bis zum 1. Jh. v. Chr. Kultur und Identität, Geschichte und Schicksal Etruriens bergen bis heute zahlreiche Geheimnisse. Die Archäologie erforscht das reiche materielle Erbe der Etrusker, deren Schrift und Sprache nur bruchstückhaft entschlüsselt ist. Ihr blühendes Städtewesen mit einer entwickelten Infrastruktur und luxuriösen Wohnhäusern erzählt von der vielfältigen Alltagskultur mit hoher Lebensqualität – von einer Welt, in der Männer kühne Fürsten, Krieger oder Staatsmänner und Frauen erstaunlich emanzipiert waren. Prachtvolle Heiligtümer, Nekropolen mit monumentalen Gräbern und kostbaren Grabbeigaben zeugen von einer tief empfundenen Religiosität. Lebenslust und Genussfreude, Jenseitsgläubigkeit und Todesfurcht sind die Gegensätze, welche das Dasein der Ras´na bestimmten.

Mut zur Freiheit. Informel aus der Sammlung Anna und Dieter Grässlin im Dialog 16.12.2017– 11.3.2018

Lebensgroße Bronzestatue des Redners Avle Metele, gefunden beim Trasimenischen See nahe Perugia oder Cortona, 2.-1. Jh. v. Chr., Museo Archeologico Nazionale, Florenz © Museo Archeologico Nazionale, Florenz

Das Kriegsende 1945 brachte einer ganzen Künstlergeneration neue Freiheiten. Viele suchten nach unverbrauchten Ausdrucksformen und wagten Karlsruhe Städtische Galerie Wols den Schritt in die gestische OhneTitel ohne Rahmen Abstraktion. Die Ausstellung zeigt erstmals die bedeutende Sammlung informeller Kunst des Unternehmerehepaars Anna und Dieter Grässlin aus St. Georgen im Schwarzwald, darunter hochkarätige Werke von Peter Brüning, Carl Buchheister, K. F. Dahmen, Jean Fautrier, K. O. Götz, Gerhard Hoehme, Erich Hauser, Emil Schumacher, Bernard Schultze, K. R. H. Sonderborg, Fred Thieler und Wols. Städtischen Galerie Karlsruhe | www.staedtische-galerie.de

Internationale Händel-Festspiele 2018 16.2.–2.3.2018

Aschenurne in Form einer Kanope aus Chiusi, 6. Jh. v. Chr., | Museo Archeologico Nazionale, Chiusi | © Museo Archeologico Nazionale, Florenz

ADRESSE Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe Schlossbezirk 10 76131 Karlsruhe

EINTRITTSPREISE Normalpreis EUR 12, erm. EUR 9 Schüler EUR 3 Familien EUR 25

ÖFFNUNGSZEITEN Di-So, Feiertage 10-18 Uhr

ANGEBOTE Öffentliche Führungen, buchbare Gruppenführungen, Vorträge, Workshops, EventAbende

AUDIOGUIDE Deutsch | Englisch EUR 4 INFORMATIONEN +49 (0)721 926-6514 www.landesmuseum.de BUCHUNGSSERVICE +49 (0)721 926-6520 service@landesmuseum.de

Die FESTSPIELE ziehen jedes Jahr zahlreiche internationale Gäste nach Karlsruhe. Erstklassig besetzte Operninszenierungen gehören ebenso zu der VerGeorg Friedrich Händel - Semele: anstaltung wie speziell kreierte, Ed Lyon (Jupiter / Apollo), Jennifer einzigartige Konzerte mit weltFrance (Semele). Foto: Falk von Traubenberg berühmten Händel-Interpreten. Rund 20 hochkarätige Aufführungen warten 2018 auf Sie! Im Mittelpunkt steht die Zauberoper „Alcina“ und die 2017 gefeierte „Semele“. Badisches Staatstheater www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele/


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Konstanz | 21

Gra ti Oswald von Wolkenstein © www.eminent-design.com

KONSTANZ

TERMINAUSWAHL 2017 / 2018

600 JAHRE KONSTANZER KONZIL 2014–2018 Europa zu Gast: Konzil, Kultur und Minnesang Die einzige Papstwahl nördlich der Alpen, die vor 600 Jahren in Konstanz stattfand, ist nicht nur aus kirchlicher Sicht eine Erfolgsstory. Gerade heute, in einer Zeit, in der sich die Frage nach der Einheit Europas wieder ganz oben auf der gesellschaftlichen Tagesordnung platziert hat, ist ein Blick auf die Ereignisse beim größten Kongress des Mittelalters besonders interessant. Für heute unfassbare vier Jahre lang tagten kirchliche und weltliche Machthaber in Konstanz, um aus einer verfahrenden Situation heraus einen Einheitspapst zu wählen. Par excellence ist ihnen das mit einem bis heute einmaligen Wahlverfahren gelungen: Neben den Kardinälen verfügten auch Wahlmänner aus den „Konzilnationen“, über eine Stimme. Zuvor waren die drei parallel amtierenden Päpste vom Konzil abgesetzt worden oder

Papst Martin V., Richental-Chronik © Rosgartenmuseum Konstanz

traten selbst zurück. Die Konzilversammlung übernahm für kurze Zeit die Führung der Kirche und sorgte durch die Beteiligung der Konzilnationen für eine langfristig stabile Lösung. In unruhigen, zum Teil kriegerischen Zeiten schafften es die europäischen Teilnehmer, sich friedlich auf einen einenden Papst zu einigen. An diesen lösungsorientierten Diskurs der damaligen Konzilväter knüpft das vierte Jubliläumsjahr als „Jahr der Religionen“ mit einem abwechslungsreichen Programm an und lädt zum Dialog über religiöse Vielfalt und Toleranz ein.

2017 – Jahr der Religionen – Papst Martin V. Verschiedene Ausstellungen beleuchten 2017 unterschiedliche Aspekte der Weltreligionen. Die Ausstellung „Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt“, eine Kooperation des Archäologischen Landesmuseums BadenWürttemberg und des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz, widmet sich noch bis zum 29. Oktober dem Miteinander von Juden und Christen. „Unter der Lupe: Mitren & Tiaren nach van Eyck“ ist in der Dreifaltigkeitskirche vom 22. Oktober bis 17. November 2017 zu sehen. Die Schau bietet den Besucher hochwertige Papierkunst, die einen neuen, zauberhaft detaillierten Einblick in die Welt der Kopfbedeckungen geistlicher Würdenträger um 1400, u. a. zahlreicher Konzilteilnehmer erlaubt. Es folgt die Ausstellung „Was glaubst Du denn?! Muslime in Deutschland“ der Bundeszentrale für politische Bildung im Konstanzer Bügersaal vom 26. Oktober bis 29. November. Zum vierten Mal bringt das Musikfestival „Eu-

ropäische Avantgarde um 1400“ in Kooperation mit SWR2 herausragende Ensembles Alter Musik nach Konstanz. Vom 21. bis 24. September erklingt Musik aus der Zeit des Konstanzer Konzils in der Stadt. Am 5. November verleiht Kardinal Marx als Pate den 2. Konstanzer Konzilspreis für Europäische Begegnungen und Dialog an den von ihm ausgewählten Preisträger. Am 11. November jährt sich dann die Papstwahl in Konstanz zum 600. Mal. Das Festwochenende startet am 10. November mit einem großen Martinsumzug der Konstanzer Kindergärten und anschließenden Martinsspiel rund um das Münster. Am 11. November lädt „Schauplatz Papstwahl“ zu einem breitgefächerten Programm ein

2018 – Jahr der Kultur – Oswald von Wolkenstein 2018 verabschiedet sich das Konstanzer Konziljubiläum mit dem „Jahr der Kulturen“. Oswald von Wolkenstein steht Pate für das kulturelle Line-up. Vom 01. März bis 08. April 2018 zeigt die Ausstellung „Herrliches Paradies, ich finde dich in Konstanz.“ Oswald von Wolkensteins Idealisierung und Ironie. Vom 08. bis 11. März trifft bei „Minne meets Poetry“ Europäische Lyrik aus sechs Jahrhunderten auf Vertreter von Poetry Slam und anderen zeitgenössischen PoetikFormen. Mit der Inszenierung von „La Juive“ kehrt die Konziloper von Jacques F. Halévy und Eugène Scribe Mitte Juni 2018 an den Ort der Handlung zurück. Die für das Konziljubiläum adaptierte Oper zeigt den Konflikt zwischen Juden und Christen zu der Zeit des Konzils und nutzt die Stadt als Kulisse und Klangraum. Am 22. Juli beendet ein ganztägiges Fest für Europa das Konziljubiläum.

bis 29.10.2017 ZU GAST BEI JUDEN. LEBEN IN DER MITTELALTERLICHEN STADT Archäologisches Landesmuseum Konstanz 21.–24.9.2017 EUROPÄISCHE AVANTGARDE UM 1400 21.09.2017, 20 Uhr, Münster ENSEMBLE CINQUECENTO Isaac in Konstanz 22.9.2017, 20 Uhr, Münster SOLLAZZO ENSEMBLE Ars Subtilior – Musik um 1400 23.9.2017, 20 Uhr, Concept Store St. Johann ENSEMBLE TASTO SOLO Instrumentalmusik um 1400 24.9.2017, 18 Uhr, Dreifaltigkeitskirche ORLANDO CONSORT Popes and Antipopes 22.10.–17.11.2017 UNTER DER LUPE: MITREN & TIAREN NACH VAN EYCK Kunstwerke aus Papier von Marieta Bruekers Dreifaltigkeitskirche 26.10.–29.11.2017 WAS GLAUBST DU DENN?! MUSLIME IN DEUTSCHLAND Ausstellung der Zentrale für politischen Bildung Bürgersaal 5.11.2017 2. VERLEIHUNG DES KONSTANZER KONZILSPREISES Konzilgebäude 10.11.2017 600 JAHRE PAPSTWAHL FESTWOCHENENDE Altstadt 1.3.–8.4.2018 „HERRLICHES PARADIES, ICH FINDE DICH IN KONSTANZ. OSWALD VON WOLKENSTEINS IDEALISIERUNG UND IRONIE“ Martin Schneider und das LyrikLabor: Konstanz in Kooperation mit Kulturamt und Konzilstadt Konstanz TURM im Kulturzentrum 8.–11.3.2018 MINNE MEETS POETRY Lyrik Festival Stadtraum Konstanz 22.4.2018 ÖKUMENISCHER GOTTESDIENST ANLÄSSLICH DER ABSCHLUSSSITZUNG Münster 26.5.–8.7.2018 NEUES ALTES EUROPA Ausstellung von Florian Schwarz 14.6.–9.7.2018 LA JUIVE. OPER IM STADTRAUM verschiedene Spielorte 22.7.2018 FEST FÜR EUROPA Abschlussfest zum Konziljubiläum ADRESSE Konzilstadt Konstanz, Marktstätte 1, 78462 Konstanz info@konstanzer-konzil.de, www.konstanzer-konzil.de


22 | Kunsttipps

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Weitere Kunsttipps

Peter Zumthor, 2015 Foto: © Brigitte Lacombe

Bregenz (A)

Peter Zumthor – Dear to Me

Ich und das Dorf, Marc Chagal, 1911, Öl auf Leinwand | © The Museum of Modern Art, New York, Mrs. Simon Guggenheim Fund © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

16.9.2017 – 7.1.2018 | KUB 2017.03 Zum 20. Jubiläum des Kunsthauses Bregenz wird Peter Zumthor mit „Dear to me“ die dritte Ausstellung 2017 einrichten. Peter Zumthor lädt ein, seine Welt kennenzulernen: Was umgibt und erfreut den Architekten, was inspiriert ihn? Der Architekt richtet sich in seinem Werk als Künstler ein und lässt seine Gedanken- und Erlebenswelt Gestalt werden. Im Erdgeschoss laden ein Barbereich und eine Tribüne zu Musik und Lesungen ein, zudem werden Fotos seiner Arbeiten des Ateliers Zumthor gezeigt. Im ersten Obergeschoss können auf ei-

ner großen Holzfläche Gespräche stattfinden, umgeben von Zeichnungen und Aquarellen Zumthors. Im zweiten Obergeschoss entfaltet sich Zumthors literarische Welt als Bibliothek mit etwa 50.000 Bänden. Ein üppiger Garten empfängt den Besucher im dritten Obergeschoss, vielleicht auch ein Teehaus. Wer diese Räume betritt, spürt die Durchdringung von Gelehrsamkeit, Kulturen, Erfahrungsreichtum und Weltwahrnehmung. Kunsthaus Bregenz | www.kunsthaus-bregenz.at

Lyon (F)

La Biennale d’Art Contemporain 20.9. – 31.12.2017 Die 14. Biennale von Lyon steht auch dieses Mal wieder unter dem Motto der „Moderne“ und ist der zweite Teil der Trilogie (2015-2019). Die Biennale der zeitgenössischen Kunst von Lyon vom 20. September 2017 bis 31. Dezember 2017 trägt den Untertitel „Das moderne Leben“. Sie vereint Künstler, die den widersprüchlichen und unvorhergesehenen Charakter des modernen Projektes, des modernen Lebens erforschen. Dabei wird der Blick auf verschiedene Regionen der Welt in Bezug auf deren Ästhetik, Philosophie sowie auf deren soziale Bildung, Subjektivität und Technologie geworfen. Die Biennale der zeitgenössischen Kunst von Lyon wird von dem Team der Biennale von Lyon organisiert und findet im Wech-

sel mit der Internationalen Tanzbiennale von Lyon (gerade Jahre) statt. 2015 erhielt die Biennale auch einen neuen Kurator namens Ralph Rugoff, der ab 2006 Leiter der Hayward Gallery in London war. Aus drei Plattformen setzt sich die Biennale jeweils zusammen. Einerseits aus einer internationalen Ausstellung, die an vier bis sechs verschiedenen Orten, darunter dem macLYON und der Sucrière, stattfindet und andererseits aus der Plattform „Veduta“, die für Amateurkünstler vorgesehen ist. Der dritte Bereich widmet sich der regionalen Kunst aus der Region Rhône-Alpes. Hierbei handelt es sich nicht nur um Ausstellungen, sondern auch um Konzerte, Auftritte etc. www.labiennaledelyon.com

Basel (CH) CHAGALL Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919 16.9.2017–21.1.2018

Frankfurt GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK. Von Otto Dix bis Jeanne Mammen 27.10.2017–25.2.2018

Die Ausstellung widmet sich dem Frühwerk Marc

Soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaft-

Chagalls. Sein künstlerischer Durchbruch vollzog

liche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutio-

sich zwischen zwei gegensätzlichen Polen. Von

nen charakterisieren die Weimarer Republik. In einer

1911–1914 lebte Chagall in Paris. In dieser Zeit

großen Themenausstellung wirft die SCHIRN einen

kombinierte er in seinen Gemälden Erinnerungen

Blick auf die Zeit zwischen 1918 und 1933. Realisti-

aus dem russischen Provinzleben mit ikonischen

sche, ironische und groteske Arbeiten verdeutlichen

Bruchstücken aus dem Leben in der Metropole.

den Kampf um die Demokratie und zeichnen das

Reminiszenzen an die russische Volkskunst wur-

Bild einer Gesellschaft in der Krise und am Übergang.

den ebenso verarbeitet wie neueste stilistische Ex-

Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs in Form von

perimente, denen er durch das Leben im Mittel-

Bildern verkrüppelter Soldaten und „Kriegsgewinn-

punkt der künstlerischen Avantgarde und durch

lern“, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie

die Bekanntschaft mit vielen der progressivsten

und die zunehmende Prostitution, die politischen

Künstler, darunter Picasso, Robert und Sonja De-

Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden sti-

launay sowie Jacques Lipchitz, ausgesetzt war.

listisch ebenso vielfältig interpretiert wie das Rollen-

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte

bild der „Neuen Frau“ oder die Debatten um § 175

Chagall während einer Reise in seine Heimat und

(Homosexualität) und § 218 (Abtreibung). Auch die

zwang ihn zu einem achtjährigen Aufenthalt in

sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung

Russland. Es folgte eine Phase intensiver Selbstrefle-

oder die wachsende Begeisterung für den Sport spie-

xion, von der viele Gemälde und Arbeiten auf Papier

geln sich in der Kunst der Zeit wider.

um 1914 Zeugnis ablegen. In dieser Zeit entstanden

Schirn Kunsthalle | www.schirn.de

zahlreiche Selbstporträts, Darstellungen des jüdischen Lebens und Entwürfe für das Bühnenbild zur Jahresfeier der Oktoberrevolution 1918, die er als Kommissar für Künste und Leiter der Kunstschule von Witebsk ausrichtete. Wir zeigen eine repräsentative Auswahl von Werken aus dieser künstlerisch, biografisch und politisch bewegten Zeit. Kunstmuseum Basel | www.kunstmuseumbasel.ch

Bremen Max Beckmann. Welttheater 30.9.2017 – 4.2.2018 Max Beckmann (1884–1950) war fasziniert von der

NEUENSCHWANDER Rivane, Palavra de ordem : Wauardo Ortega.

Dodo, Logenlogik, für die Zeitschrift ULK, 1929, Gouache über Bleistift auf Karton, 40 x 30 cm, Krümmer fine art

Welt des Theaters, Zirkus und Varietés als metaphorischer Schauplatz der menschlichen Beziehungen

Pierre Bonnard (1867-1947) | Das Fenster, 1925 | Öl auf Leinwand, 108,6 x 88,6 cm | Tate, London © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Tate, London 2017

Hawai i – K nigliche Inseln im Pazifik

sich zahlreiche Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnun-

14.10.2017 – 13.5.2018

sen Themenbereich

Frankfurt MATISSE – BONNARD „Es lebe die Malerei!“ 13.9.2017–14.1.2018

beziehen und seine

Ab dem 13. September zeigt das Städel Museum

Idee von der Welt

zwei herausragende Protagonisten der Klassischen

als Bühne vermit-

Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland:

teln.

Ausstel-

Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard

lung macht erstmals

(1867–1947). Im Mittelpunkt der groß angeleg-

Beckmanns

Welt-

ten Ausstellung steht die über 40 Jahre andauern-

theater visuell und

de Künstlerfreundschaft der beiden französischen

ideengeschichtlich

Maler. Beide setzten sich intensiv mit den gleichen

greifbar und führt

künstlerischen Sujets auseinander: Interieur, Still-

vor Augen, wie der

leben, Landschaft und besonders auch dem weibli-

Maler

Autor

chen Akt. Anhand von über 100 Gemälden, Plasti-

bisher

ken, Zeichnungen und Grafiken eröffnet die Schau

und des Weltgeschehens. In seinem Œuvre finden

Stuttgart

Die Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg rückt erstmals in Deutschland Kunst, Kultur und Geschichte, Gegenwart und Vergangenheit der hawaiischen Inseln in den Fokus. Eindrucksvolle Kunstwerke und Alltagsgeräte geben Einblicke in das Leben auf den Inseln, deren Gesellschaft sich in nicht einmal 150 Jahren von einer polynesischen Adelsgesellschaft zu einem Bundesstaat der USA wandelte. Die Ausstellung spannt den Bogen von den ältesten erhaltenen Objekten aus der Zeit des Entdeckungsreisenden James Cook, der im ausgehenden 18. Jahrhundert auf Hawai'i landete, bis zur lebendigen heutigen Kunstszene. Sie vermittelt ein facettenreiches Bild und stellt die Gesellschaft, Kultur und Geschichte der Native Hawaiians in den Vordergrund. Vielfältige Themen wie die Entwicklung des Wellenreitens, des Hula-Tanzes oder der hawaiischen

gen und Skulpturen, die sich unmittelbar auf die-

Tatauierung lassen die Vergangenheit dieses früheren Königreichs im Pazifik lebendig werden. Auf 1000 m² werden mehr als 250 Objekte von internationalen Leihgebern sowie aus der Sammlung des Linden-Museums präsentiert. Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog. Ein umfangreiches Begleitprogramm vertieft Themen der Ausstellung, und ein Aktionsheft führt Kinder spielerisch durch die Schau. Linden-Museum www.lindenmuseum.de

von kaum

Die

und zwei

beachteten

Dramen sich selbst als

„Theaterdirek-

einen Dialog zwischen Matisse und Bonnard und Max Beckmann, Doppelbildnis Karneval, 1925 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

der europäischen Avantgarde vom Beginn des 20.

tor, Regisseur und

Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Kulissenschieber“ verstand. Ausgangspunkt sind die

Städel Museum | www.staedelmuseum.de

reichen Bestände der Kunsthalle Bremen, die mit

se wird ergänzt durch Leihgaben aus bedeutenden

Münster DIE IMPRESSIONISTEN IN DER NORMANDIE 4.10.2017–21.1.2018

deutschen und internationalen Museen und Privat-

Die Ausstellung lädt zu einem künstlerischen Spa-

sammlungen.

ziergang an die Strände, Dörfer und Küstenstädte

ihren Gemälden und dem fast vollständigen druckgrafischen Œuvre des Künstlers eine der größten Beckmann-Sammlungen Deutschlands besitzt. DieFederfigur ki‘i hulu manu, Hawai‘i, 18. Jh. © Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen, Foto: Michael Tropea

bietet damit neue Perspektiven auf die Entwicklung

www.kunsthalle-bremen.de

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Singapur | 23

Jetzt gibt es eine Kunstmesse und einige Museen Doch als der Reichtum wuchs, kauften die Singapurer nicht mehr nur Häuser und Autos, sondern auch unpragmatische Dinge wie Bilder, Skulpturen und Fotografien. Gleichzeitig erkannte die Regierung, dass Kunst ein echter Standortfaktor ist. Wenn eine Kleinstadt wie Bilbao dank eines Museums plötzlich weltberühmt wird, wenn eine Finanzmacht wie Abu Dhabi Kunstpaläste in den Wüstensand setzen lässt, dann kann auch ein ehrgeiziger Stadtstaat wie Singapur kühn denken. Also verkündete die Regierung 2007 die Gründung einer Nationalgalerie, schrieb einen internationalen Architektenwettbewerb aus und stellte zwei historische Gebäude, den Obersten Gerichtshof und das Rathaus, zum Umbau zur Verfügung. Ein Jahr später nahm die erste Kunsthochschule ihren Betrieb auf. 2013 folgte ein weiterer Masterplan, Millionen von SingapurDollars flossen in Stipendien und Infrastrukturmaßnahmen. Jetzt gibt es eine Kunstmesse, einige Museen und überlebensgroße Auftragswerke auf öffentlichen Plätzen. Das meistfotografierte ist wahrscheinlich das Riesenbaby des Briten Marc Quinn in den Gärten der Marina Bay, die Skulptur „Planet“. An ausgesuchten Wänden im arabischen Viertel dürfen sich StreetArt Künstler austoben, obwohl Graffiti sonst streng verboten sind. Zwei Sprayer aus Leipzig wurden 2014 zu drei Stockschlägen und neun Monaten Haft verurteilt, nachdem sie einen UBahnWaggon bemalt hatten. Den Kunstmarkt stört das nicht. Die nationale Statistikbehörde berechnete seinen Wert zuletzt mit etwa 423 Millionen Euro – fast eine Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren. Man will Hongkong den Platz streitig macht Auch die Gillman Barracks, eine frühere britische Kaserne, die zum Galerienzentrum umgebaut wurde, verdanken ihre Existenz einer Förderung. Diese soll den internationalen Kunstmarkt in die Stadt holen. Neben Arndt aus Berlin sitzen noch zwölf weitere Galerien hier, unter anderem Ota Fine aus Tokio, Massimiliano Mucciaccia aus Rom und Pearl Lam aus Hongkong. In weißen Bungalows oder der umgebauten Messe empfangen sie Sammler aus Indonesien, den Philippinen und Australien.

Art Studio By Nine Years Theatre, Nelson Chia, Yeng Pway Ngon © Singapore International Festival of Arts | Art Festival

Ist Singapur die neue Kunstmetropole Asiens?

Singapur lockt internationale Galeristen mit Geld, Museen und Ausstellungs ächen. Der Stadtstaat setzt alles daran, die Kreativmetropole Südostasiens zu werden. VON ULF LIPPITZ Lisa Polten steht vor einer Installation des indonesischen Künstlers FX Harsono. Darauf sind Bilder seiner chinesischstämmigen Familie zu sehen, die vom schwierigen Verhältnis zwischen Einwanderern und Einheimischen erzählen. „Die Menschen hier in Singapur haben ein anderes Kunstverständnis“, sagt die deutsche Kuratorin. Seit einem Jahr arbeitet Polten für die Galerie Arndt in der südostasiatischen Metropole. Das Publikum am Stammsitz Berlin habe kein Problem mit Konzeptkunst wie dieser, in Singapur müsse alles, jetzt wird die blonde junge Frau vorsichtig, „dekorativer“, etwas fürs Auge sein.

Der Galerist Matthias Arndt gehörte zu den Mitbegründern des MitteBooms in den 90er Jahren, als rund um den Hackeschen Markt ein neues Kunstzentrum entstand. Seit vier Jahren fungiert seine Galerie als Brückenkopf zwischen Europa und Asien, dem alten und neuen Markt, dem alten und neuen Geld. 21 Milliardäre leben auf 719 Quadratkilometern, einer Fläche kleiner als Berlin. Das ProKopfEinkommen der 5,4 Millionen Einwohner ist mit etwa 48 500 Euro im Jahr eines der höchsten der Welt (Deutschland: 43 000 Euro). Die Mittelschicht wendet sich der

Kunst zu, die reiche Oberschicht hat sie bereits als Investition entdeckt. Jahrelang hatte der Stadtstaat nur wenig für unabhängige Kunst übrig. Staatsgründer Lee Kuan Yew hatte das Land von 1959 bis 1990 als Premierminister regiert, zuerst im Verbund mit Malaysia, ab 1965 als souveräne Nation mit faktisch einem Einparteiensystem. Lee verordnete seinen Landsleuten eiserne Disziplin und verhalf ihnen zu Wohlstand. Von ihm stammt der Ausspruch: „Ein Übermaß an Demokratie führt zu disziplin und ordnungslosen Bedingungen, die der Entwicklung schaden.“ Kein Wunder, dass unter seiner Ägide keine alternative Kultur existierte.

Zugegeben, es ist die zweite Garde internationaler Kunsthändler, die in den Barracks Geschäfte macht. Aber auch ein Zeichen der Hoffnung: dass man Hongkong den Platz streitig macht. Die frühere britische Kronkolonie zieht derzeit viel Kapital an. Die weltweit größte Kunstmesse Art Basel hat dort einen Ableger, international renommierte Galerien wie Larry Gagosian aus New York und White Cube aus London eröffneten Zweigstellen. In Hongkong wird keine Steuer auf Kunstkäufe erhoben, wie Lisa Polten erklärt, in Singapur sind es sieben Prozent. Sind diese sieben Prozent schuld daran, dass es bei Arndt und den anderen auf dem Gelände nicht immer voll ist? An einem Werktag können Besucher ganz ohne Zeitdruck mit den Kuratoren sprechen, über das hügelige Gelände spazieren, bei 30 Grad im Schatten und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit leicht ins Schwitzen geraten, die riesigen tropischen Bäume bestaunen und die noch höheren Wohnhäuser dahinter. Die Gillman Barracks wirken wie ein Spielzeugdorf inmitten einer himmelwärts strebenden Gesellschaft. Lisa Polten glaubt, man müsse die Einheimischen dorthin locken. Vor allem mit Veranstaltungen. Ein paar Mal im Jahr gibt es deshalb einen offenen Abend aller Galerien, die „Art After Dark“, mit Häppchen, Wein und Smalltalk über Bilder. Ein Golfkart fährt zwischen den Galerien hin und her, damit die Interessierten sich in der Hitze der Nacht nicht verausgaben. Polten und die anderen Galeristen wissen, dass die Besucher einer Vernissage sich anders als in Europa oder Amerika benehmen. Zuerst scheuen sie sich, hineinzukom-


24 | Singapur

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

men, weil sie glauben, sie müssten etwas kaufen. Danach stehen sie vor großformatigen Gemälden und widmen sich lauten FacetimeTelefonaten. Singapur verfügt auch über ein großes Angebot an traditioneller Kunst. Über 1400 Veranstaltungen, die zum Teil die Communities einbeziehen, finden hier im Jahr statt. Während die alte Kaserne ein piekfein entwickeltes Stück Land ist, besetzt die Fotogalerie The Deck ein 20 Jahre vergessenes Grundstück im Stadtteil Bras Basah, gar nicht weit weg von den Shopping Malls auf der Orchard Road. Gründerin Gwen Lee erzählt, wie das Team fünf Monate mit Generatoren und Wasserkanistern auf dem

Ödland arbeitete, bis endlich die Genehmigungen für Strom und Wasser eintrudelten. Seit 2014 zieht es Freunde der Fotografie in den tarngrün angestrichenen Bau, der aus 19 Schiffscontainern zusammengesetzt wurde und mit seinem steilen Turm wie ein kubistisches Rathaus aussieht.

Die neue National Gallery ist das Prestigeobjekt Gwen Lees Vorbild für die Stapelarchitektur war die Platoon Gallery an der Schönhauser Allee. Lee entdeckte diese, als sie für ein mehrmonatiges Austauschprogramm für Kuratoren in Berlin weilte. „Wir sind die erste Einrichtung dieser Art, die nicht von der Re-

außerdem tende

National Gallery

bedeu-

über

Kunstwerke

gierung erdacht wurde“, sagt die 38jährige Kuratorin über ihre Fotografiegalerie. „Und wir sind nicht kommerziell.“ Ein ungewöhnlicher Satz in dieser Stadt. Studenten mit Basecaps schlendern durch die Ausstellungsblöcke, in den Dunkelkammern geben die Gründer Kurse für Kinder und zeigen ihnen, wie man Fotos entwickelte, bevor es digitale Speicherkarten gab. Fotos des versmogten Himmels, die mit unterschiedlichen Belichtungszeiten aufgenommen wurden, bekommen jedoch schnell Konkurrenz von einer Katze, die sich draußen auf dem ausgelegten Teppich rekelt. Die Aufmerksam-

keit der Besucher schwindet mit einem Mal. Das Prestigeobjekt der neuen Kunstschickeria ist nur eine Viertelstunde mit dem Taxi entfernt: die neue National Gallery. Vor knapp einem Jahr eröffnete sie nach zehn Jahren Bauzeit, jetzt steht sie prominent am Grün des Krickettclubs, auf dem vor 100 Jahren die Engländer ihre Bälle in die Luft warfen. Die Zusammenlegung der zwei historischen Prachtbauten führte zu einer gigantischen Ausstellungsfläche. Auf 6000 Quadratmetern und mehreren Etagen können Besucher zeitgenössische Kunst aus dem südostasiatischen Raum begutachten. Die Gallery ist damit das größte Museum seiner Art in der Region.

internationale

und südostasiatische

berühmter südostasi-

Kunst

atischer Künstler wie

Mieter der Gillman

entwickelt.

Raden Saleh (Indone-

Baracks sind führen-

sien), Latiff Mohidin

de internationale und

(Malaysia), Montien

lokale Galerien, das

Boonma (Thailand),

nationale Forschungs-

U Ba Nyan (Myan-

zentrum NTU Center

mar), Nguyen Gia Tri

for Contemporary Art

nerschaft

(Vietnam), Svay Ken

(CCA) Singapur und

großen

mit Festi-

(Kambodscha) und Fernando Cueto Amor-

Bildungseinrichtun-

vals und Events

www.nationalgallery.sg

solo (Philippinen).

gen wie Art Outreach

veranstaltet, die

Die National Gallery Singapur, die

Neben der Präsentation des einzigartigen

und

Playeums, ein Zentrum

für

aufstrebender Künstler, wie beispiels-

gerade in Singapur

2015 eröffnet wurde, ist der neue

Erbes Singapurs und Südostasiens zeigt die

Kre-

ativität für Kinder. Die Kunstbe-

weise Ai Wei Wei, Gilbert & George, In-

stattfinden. Die größ-

Kunstjuwel Singapurs. Dort sind

National Gallery regelmäßig Sonderausstel-

trie-

be und -organisationen werden er-

dieguerillas, Yayoi Kusama, Jane Lee und

te Art After Dark Veran-

mehr als 8.000 Werke aus Singapurs

lungen, für die sie mit führenden Museen

gänzt durch den Design-Händler Superma-

Sebastiao Salgado. Die Ausstellungen

staltung findet während

weltweit

Hierdurch

ma und eine Reihe von Cafés, Bars und

wechseln ständig und zeigen die Tiefe

der jährlichen Singapore

te öffentliche Sammlung moderner Kunst

kommt es zu einem Kunsttransfer zwi-

Restaurants. Heute ist Gillman Barracks

und Vielfalt zeitgenössischer Kunsttech-

Art Week im Januar statt.

Singapurs und Südostasiens. Das Museum

schen den Kontinenten und zu einer Posi-

ein Ort für Kunstliebhaber, Kunstsammler

niken. Im Areal der Gillman Barracks

wurde in zwei historischen Gebäuden, dem

tionierung von Singapur als internationale

und diejenigen, die neugierig auf Kunst

befinden sich neben den Galerien auch

ehemaligen Obersten Gerichtshof und dem

Drehscheibe der Kunst.

sind. Der Cluster ist ein Brennpunkt der

fünf Restaurants, Cafés und Bars auf dem

Kunstlandschaft Singapurs und verankert

Gelände. Alle zwei Monate findet freitag-

die Entwicklung der visuellen Kunst in

abends der Art After Dark Open statt, bei

Nationalmuseum zu sehen – die größ-

zusammenarbeitet.

wurden aufwendig renoviert und nach den

Gillman Barracks

modernen notwendigen und technischen

www.gillmanbarracks.com

der Region und darüber hinaus. Unter

dem die Mieter der Barracks neue Shows

Institute of Contemporary Art at LaSalle NTU Centre for Contemporary Art Singapore (NTU CCA Singapore)

Erfordernissen eines Museums eingerich-

In einer ehemaligen Militärkaserne aus

anderen präsentiert sich die Sundaram

zeigen und ihre Galerien und Geschäf-

ntu.ccasingapore.org/about/

tet. Die umfangreiche Ausstellung von

dem Jahr 1936 und umgeben von üppigem

Tagore Gallery, und die ARNDT und

te länger geöffnet halten. Ergänzt wird

Das

Kunst aus Singapur zeigt wichtige Gemäl-

tropischem Grün entstanden im Septem-

Mizuma Gallery haben neben lokalen

dies durch Musikveranstaltungen sowie

Kunst Singapur (NTU CCA Singapore) ist

de und Werke berühmter singapurischer

ber 2012 die Gillman Barracks, ein Ort der

Galerien wie der FOST Gallery und der

ein breites kulinarisches Angebot. Jedes

ein nationales Forschungszentrum der Na-

Künstler wie Georgette Chen, Chen Chong

Kunst, wo sich verschiedenste Einrichtun-

Yavuz Gallery eröffnet. Zusammen prä-

Art After Dark steht unter einem ande-

nyang Technological University. Das Zen-

Swee, Chen Wen Hsi, Cheong Soo Pieng

gen unter einem Dach vereinen. Er wurde

sentieren die Galerien eine spektakuläre

ren Motto, wie zum Beispiel Literatur,

trum ist einzigartig in einer Konstellation

und Liu Kang. Die Sammlung umfasst

als Ort für die Präsentation und Diskussion

Bandbreite sowohl etablierter als auch

Design und Musik, oder es wird in Part-

aus Ausstellungen, Artists in Residenz, For-

Rathaus eingerichtet. Die beiden Gebäude

© National Galllery Singapore

© National Gallery Singapore

© Gillman Barracks

NTU-Zentrum

für

zeitgenössische

© Institute of Contemporary Art at LaSalle


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Singapur | 25

auf dem Dachgarten stellt der in Berlin lebende Vietnamese Danh Vo Skulpturen aus. Natürlich lockt die Nationalgalerie mit den landesüblichen Methoden Besucher an: mit Bars, von deren Terrasse aus man einen grandiosen Blick auf die Stadt hat. Auf die drei Türme des Marina Bay Sands Hotel, mit dem langen Swimmingpool auf dem Dach, der alle drei Gebäude verbindet. Auf das Arts Science Museum, das als stählerne Lotusblume errichtet wurde und in dem Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst stattfinden.

Die Räume des ehemaligen Supreme Court sind in Teilen erhalten, darin untergebracht sind auch die großformatigen Tierallegorien von Raden Saleh. Der indonesische Maler kam im 19. Jahrhundert nach Europa, lernte dort malen und gilt als Begründer der modernen indonesischen Malerei. Außerdem zeigt die ständige Sammlung einen Überblick der Kunstproduktion – von Landschaftsmalereien bis zu abstrakten Bildern. Eine Ausstellung widmet sich der modernen chinesischen Kalligrafie, die im Stadtstaat wegen der chinesischstämmigen Einwohner präsent ist,

Die Kunst kommt langsam in der Gesellschaft an. Mit „Wachstumsschmerzen“, wie Galerist

Matthias Arndt in einem Interview zugab. Die westlich geprägte Kunstwelt kann man eben nicht einfach importieren wie eine Flasche Champagner. Einige Galerien in den Gillman Barracks mussten wegen mangelnden Umsatzes schließen. Vermutlich waren die Exponate nicht dekorativ genug.

ULF LIPPITZ Ulf Lippitz schreibt seit mehr als 15 Jahren Reportagen für den Tagesspiegel, Die Zeit und den Standard. Sein Interesse gilt den schönen Dingen des Lebens: Reisen, Kultur und Stil. Er wohnt in Berlin.

Das Singapore Tourism Board (STB) ist zuständig für die wirtschaftliche Weiterentwicklung des Tourismus, eines der wichtigsten Dienstleistungssektoren Singapurs. Ziel des STB ist es, den Tourismus zu einem der Top-Driver für das Wirtschaftswachstum in Singapur zu machen. In enger Zusammenarbeit mit der Industrie setzt sich das STB dafür ein, aufregende und innovative Erlebnisse für seine Besucher zu schaffen, die vermitteln, was für ein einzigartiges und fesselndes Reiseziel Singapur ist. www.visitsingapore.com

Skyline Singapur | © Singapore Tourist Board

Die Kunst kommt langsam in der Gesellschaft an

Plätzen, ist die

es

den

Kunstwis-

senschaftlern Kuratoren umfassenden

und einen

Hauptspielstätte,

turen und Instal-

in der ausnahms-

lationen sowie Videos und Fotos aus-

los das kuratierte

stellen.

Programm

Ergänzt wird dies durch ein umfangrei-

zeigt wird. Der

ches Archiv.

STPI – Creative Workshop & Gallery

Redrum onalen

Kunstgemein-

ge-

(ausge-

sprochen

Red

schaft und präsentiert

Room, inspiriert

sich

den

Sammlern

von

Kubricks

blick in das Ökosys-

www.stpi.com.sg

und

der

Öffentlich-

„The

Shining“)

tem der zeitgenössi-

STPI ist eine 2002 gegründete Galerie für

keit mit dem Ziel, eine

wird neben der

schen Kunst in Singapur und der Region.

zeitgenössische Kunst in Singapur und eine

Wertschätzung für die

Nutzung als Ki-

Seit der Einweihung des Zentrums im

Einrichtung mit einem breiten Workshop-

Druck- und Papierkunst

nosaal auch als

Oktober 2013 hat die NTU CCA Singapo-

Angebot. Die STPI ist der Förderung von

zu erreichen und die Bildende Kunst für die

vielseitiger

re zahlreichen Künstlern aus der ganzen

künstlerischen Experimenten im Medium

vielfältigen Möglichkeiten dieses Materials

anstaltungssaal

Welt erstmalig mit ihrem Werk in Süd-

Druck und Papier verpflichtet und gehört

und dieser Kunstform zu öffnen.

für

ostasien erstmalig ausgestellt und gehört

zu den innovativsten Einrichtungen für

schung und akademischer Bildung. Es be-

damit zu einem der wenigen Räume in

zeitgenössische Kunst in Asien. STPI liegt

schäftigt sich mit der Leere, der Produktion

Singapur, die zeitgenössische Kunst aus

direkt neben der National Gallery Singa-

The Projector Independent Cinema

und der Verbreitung von Kunst. Die NTU

aller Welt präsentieren. Das Residenzen-

pore und dem Singapore Art Museum als

theprojector.sg/about/

CCA Singapur positioniert sich als Raum

Programm des Zentrums ist darauf aus-

Teil eines nationalen Clusters der Bilden-

Das Projector Independent Cinema belebt

für kritischen Diskurs und fördert neue

gerichtet, die Lehre und Forschung zu

den Künste in der Region. STPI unterstützt

und bespielt zwei Kino-Säle und das Foy-

Grey Projects

Denkweisen über neue Kunsträume und

erleichtern, Künstler und Kuratoren und

Singapur in dem Bestreben, einer der füh-

er im 5. Stock des historischen Goldenen

www.greyprojects.org

Ausstellungskonzepte

Südostasien

Wissenschaftler aus Singapur, Südostasi-

renden Akteure in der globalen zeitgenössi-

Theaters als eigenständige und unabhän-

Das Grey Projects ist ein gemeinnütziger

und darüber hinaus. Durch ein vielsei-

en und darüber hinaus in verschiedenen

schen Kunstwelt zu werden. So werden im-

gige Kino- und Kreativ-Plattform. Auf dem

Kunstraum, der neben einem kuratierten

tiges öffentlich zugängliches Bildungs-

Disziplinen zu engagieren und zu ver-

mer wieder internationale Spitzenkünstler

erstklassig kuratierten Programm stehen

Ausstellungsprogramm Publikationen ver-

angebot

mit

Workshops,

knüpfen. Hierfür stehen sieben Studios

für einzigartige, bahnbrechende Projekte

Filme der Genres Indie, International, Kult,

legt und den Austausch von Künstlern ver-

offenen

Studios,

Filmvorführungen,

zu Verfügung. Sie werden auch von den

eingeladen. Durch seine Künstlerkoopera-

Klassiker, Arthouse, Horror sowie die Prä-

schiedenster Bereiche im Fokus hat.

Ausstellungen, Touren und Stags wird

Studenten des privaten Kunstinstituts

tionen, daraus entstehende Kunstwerke,

sentation lokaler Filmemacher aus Singa-

Es werden Ausstellungen, Vorträge, Resi-

der Dialog mit einem breiten Publikum

Lasalle College of the Arts genutzt, die

Ausstellungen und öffentliche Veranstal-

pur, Retrospektiven und spezielle Themen-

denz-Programme, Lesungen und Work-

gesucht. Als Forschungszentrum bietet

dort regelmäßig ihre Abschlussarbeiten,

tungen engagiert sich STPI in der internati-

abende. Der Green Room, ein Saal mit 230

shops veranstaltet. Es gibt eine Bibliothek,

in

Vorträgen,

© STPI – Creative Workshop & Gallery

Ein-

Gemälde, Skulp-

© Grey Projects

© The Projector Independent Cinema

nen,

Ver-

DiskussioLesungen

und begleitende Veranstaltungen genutzt. Die schön gestaltete Golden Bar im Foyer ist DER Treffpunkt für alle Cineasten.

© DECK


26 | Singapur

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

eine Wohnung für die Gastkünstler, ein

Singapore Art Museum

im Red Dot Design Museum ausgestellt

Studio und zwei Galerien. Der Schwer-

www.singaporeartmuseum.sg

werden. Sie bilden die Jury im weltweit

punkt liegt im Bereich Design, Literatur,

Der Schwerpunkt liegt im Singapore

angesehenen Red Dot Wettbewerb für

der kuratorischen Forschung und der Ent-

Art Museum auf der zeitgenössischen

Produkt-Design,

wicklung von neuen Kunstkonzepten.

Kunst aus Singapur und Südostasien. Es

sign und Design-Konzept. Die innovati-

fördert interdisziplinäre zeitgenössische

ve Design-Qualität aller Einreichungen

Kunst und macht diese durch eine for-

wird geprüft, besprochen und bewertet.

deck.sg/about/

schungsgeleitete und sich entwickelnde

Entsprechend ihrer Funktion und ihrer

DECK ist ein unabhängiger Kunstraum,

kuratorische Praxis zugänglich.

Verwendung werden unterschiedliche

der 2014 mit dem Ziel der Förderung,

Das Singapore Art Museum wurde 1996

Kriterien angesetzt. Nur die besten De-

Entwicklung und Pflege von Fotografie

eröffnet und verfügt über eine der be-

signs bestehen den strengen Beurtei-

in Singapur und Südostasien gegründet

deutendsten Sammlungen zeitgenös-

lungsprozess und erhalten dann das be-

wurde. Mit seinen modularen Angebo-

sischer Kunst in der Region.Die Aus-

ten fungiert er als Bindeglied zwischen

stellungen wechseln alle paar Monate

DECK

Kommunikationsde-

gehrte Red Dot Qualitätssiegel. Art Science Museum © Singapore Tourist Board

Singapore Biennale

verschiedenen Kunstinstitutionen und

und decken eine große Bandbreite an

deren Programm und bietet eine Platt-

Kunstformen ab. Dazu gehören Gemäl-

www.singaporebiennale.org

form für fotografieaffine Menschen in

de und Skulpturen, Kunstinstallationen

Eine der größten und wichtigsten zeit-

Singapur. Angetrieben vom Glauben,

sowie bewegte Medien. Das SAM ar-

genössischen

dass die Fotografie für alle ist, werden

beitet auch regelmäßig mit führenden

Singapurs, die Singapore Biennale, fin-

Experten, Profifotografen und Amateu-

internationalen

zusammen,

det alle zwei Jahre statt und wird vom

re zu einem regen Austausch und gegen-

um einheimische und internationale

Singapore Art Museum organisiert. Das

seitiger Inspiration eingeladen. Gegrün-

Kunstpraktiken sowie moderne Kunst-

Thema wechselt in jedem Jahr und

det wurde DECK 2008 von den Machern

Ausdrucksformen zu präsentieren. Das

Künstler, deren Werke und Ausstel-

der Galerie 2902 mit dem Wunsch und

SAM ist in einer restaurierten Missions-

lungsstücke werden darauf abgestimmt.

der Notwendigkeit, der Fotografie und

schule aus dem 19. Jahrhundert unter-

Im Jahr 2013 zum Beispiel stand die Bi-

Fotokünstlern einen Markt zu erschlie-

gebracht, der St. Joseph Institution, und

ennale unter dem Motto „If the World

ßen, der ihnen als Lebensgrundlage

hat mehr zu bieten als nur Kunst. Auch

Changed“ und beschäftigte sich mit

dienen kann. Im selben Jahr startete

für Architekturliebhaber lohnt sich ein

Themen, die zum Nachdenken anregen,

die Galerie 2902 das erste Singapore In-

Besuch, um das wunderschön erhalte-

ternational Photography Festival, eine

ne Gebäude aus dem Jahr 1867 zu er-

Non-Profit-Biennale, die darauf abziel-

kunden. Die ursprünglichen Details des

te, die Bekanntheit und Wertschätzung

Gebäudes wurden soweit möglich erhal-

und seinem Blick auf die Welt, wobei

für die Kunstfotografie zu erhöhen. Sie

ten, einschließlich der Putzarbeiten an

er sich auf die Instrumente des Sehver-

findet bis heute alle zwei Jahre statt. Das

der Fassade am Haupteingang, der Pa-

mögens und der Navigation verlässt.

nächste Mal in 2019. DECK verfügt über

tina des Daches und der Bodenfliesen.

Die Atlanten und deren Karten spiegeln

drei Galerien, eine Ressourcenbiblio-

Dabei wurden gleichzeitig die strengen

unsere Entdeckungsreisen wider und

thek, einen Aktivitätsraum, ein Künst-

Anforderungen eines Kunstmuseums

ermutigen uns, getrieben von unseren

lerstudio und einen Pub.

berücksichtigt.

Bedürfnissen und Wünschen, uns in

Art Science Museum

SAM im 8Q

www.marinabaysands.com/museum

www.singaporeartmuseum.sg

Wie der Name vermuten lässt, ver-

Sam im 8Q ist eine Erweiterung des

schmelzen im ArtScience Museum im

Singapore Art Museum und bietet zeit-

Marina Bay Sands®-Komplex Kunst und

genössische Kunstausstellungen sowie

Wissenschaft auf gelungene Weise und

eine Moving Image Gallery, in der Film-

erzählen

Geschichten.

vorführungen gezeigt werden. SAM at

Dieser hervorragende Veranstaltungsort

8Q ist ein Flügel des Singapore Art Mu-

im Zeichen der Kunst und bietet eine

zeigt regelmäßig wechselnde, interna-

seum.

bunte Mischung aus Theater-, Tanz-

faszinierende

tional bekannte Wanderausstellungen,

Museen

Kunstveranstaltungen

wie u.a. Transgender-Themen. 2017 war © Singapore Art Museum

das Thema „An Atlas of Mirrors“ und beschäftigte sich mit dem Menschen

das Unbekannte zu wagen. Die nächste Biennale findet im Zeitraum Oktober 2018 bis Februar 2019 statt.

Singapore International Festival of Arts www.sifa.sg © SAM im 8Q, Singapore Art Museum

Einen ganzen Monat steht Singapur

und Musikdarbietungen. Das Singapo-

die in Zusammenarbeit mit Organi-

National Design Centre

sationen wie dem American Museum

www.designsingapore.org/national-

ist ein unabhängiges Festival, das vom

of Natural History, dem Smithsonian

design-centre/national-design-centre

Arts House Limited organisiert und

Institute und dem weltberühmten Mö-

Das National Design Center (NDC) ist

veranstaltet wird. Hier treffen sich die

beldesigner Herman Miller realisiert

das Zentrum und Schmelztiegel des

besten einheimischen und internati-

werden. Einige Ausstellungen, die hier

Designs in Singapur. Hier treffen sich

onalen Künstler und zeigen qualitativ

zu Gast waren, sind beispielsweise

Designer und Unternehmen, um Ideen

hochwertige Theater-, Tanz- und Musik-

im Bereich Kunst „Annie Leibovitz: A

auszutauschen, Geschäfte zu machen

darbietungen. Das Festival möchte mit

Photographer’s Life 1990-2005“ und aus

und die Infrastruktur und Beratungs-

großartigen künstlerischen Darbietun-

dem Bereich Wissenschaft „Dinosaurs:

kompetenz der nationalen Agentur für

gen ein heterogenes Publikum anspre-

Dawn to Extinction“. Letztere Ausstel-

Design, dem DesignSingapore Council,

chen.

lung umfasste eine genaue Rekonstruk-

zu nutzen. In zentraler Lage im Kunst-,

tion eines 18 m langen Apatosaurus so-

Kultur-, Lern- und Unterhaltungsviertel

wie mobile Apps zum Download für ein

in der Region Bras Basah-Bugis gelegen,

2014 eine Pause, um das Festival neu

verbessertes

Andere

ist es der perfekte Ort, um die Öffent-

zu konzipieren und die Leitung in die

erwähnenswerte Ausstellungen zeigten

lichkeit einzuladen, mehr über Design

Hände von Künstlern zu geben. Von

historische Artefakte aus der Herrschaft

zu erfahren.

2014 bis 2017 leitete der gefeierte The-

von Dschingis Khan oder die Bühnen-

Das Gebäude ist das ehemalige Kloster

aterregisseur und Cultural Medallion-

bilder und Kostüme aus der Harry-Pot-

St. Anthony (1879-1994), das später

Preisträger Ong Keng Sen das Festival.

ter-Filmreihe.

von der Nanyang Akademie der Bilden-

Er widmete sich Themen wie der Frage,

Das Museum beherbergt außerdem eine

den Künste (1995-2004) und dem Chi-

inwieweit sich Werke des 20. Jahrhun-

Dauerausstellung mit dem Titel „A Jour-

nesischen Operninstitut (1995-2009)

derts auf unsere Zukunft ausgewirkt

ney Through Creativity“ (Eine Reise

genutzt wurde, bevor es 2011 zum Desi-

haben und was „klassisch“ im 21. Jahr-

durch die Kreativität). Diese umfasst die

gnzentrum weiterentwickelt wurde.

hundert bedeutet. Um die Veranstal-

Besuchserlebnis.

drei Galerien Curiosity (Neugier), Ins-

re International Festival of Arts (SIFA)

© National Design Centre

Das 1977 geründete und jährlich stattfindende Festival machte von 2012 bis

tungen und Aufführungen für das Pu-

(Ausdruck) und zeigt Objekte sowie Ar-

Red Dot Design Museum Singapore

tefakte, die die künstlerischen und wis-

www.museum.red-dot.sg

senschaftlichen Errungenschaften der

Eine außergewöhnliche Besonderheit

gerufen, das öffentliche Aufführungen,

Menschheit abbilden. Dazu gehört u.a.

in Singapur – das Red Dot Design Mu-

Filmvorführungen, Ausstellungen und

Leonardo da Vincis Flugmaschine. Das

seum zeigt die neuesten Trends der in-

auch Diskussionen im Rahmen eines

Museum sprengt nicht nur mit seinen

ternationalen Design-Szene mit einer

Kulturfrühstücks zeigte. Das Festival

erstklassigen Ausstellungen Grenzen,

Sammlung von mehr als 1000 Expo-

präsentiert in den letzten Jahren u.a.

sondern auch sein Design und seine Ar-

naten aus den Bereichen Produkt- und

Produktionen von Größen wie Robert

chitektur sind ikonisch. Das Museums-

Kommunikationsdesign aus mehr als

Wilson, Michael Nyman, London Sin-

gebäude symbolisiert die offene Hand

50 Ländern. Alle Ausstellungsstücke

fonietta und dem Berliner Ensemble

Singapurs mit zehn Fingern. Die Spitze

haben den internationalen Red Dot De-

sowie neue, topaktuelle, preisgekrönte

jedes „Fingers“ lässt natürliches Licht

sign Award gewonnen, einer der maß-

Produktionen aus Korea wie The Cho-

ins Innere, sodass die Ausstellungsstü-

geblichen und größten Design-Wettbe-

rus; Oedipus, aus den USA mit Richard

cke in bestem Licht erscheinen. Die

werbe der Welt. Jedes Jahr entscheiden

Moves Martha@. The 1963 Interview

insgesamt 21 Galerien verteilen sich auf

Design-Experten aus aller Welt, welche

oder die iranische Produktion Amid

drei Stockwerke und eine Gesamtfläche

Produkte, Design-Konzepte und Arbei-

von rund 4.600 Quadratmetern.

ten im Bereich Kommunikationsdesign

piration (Inspiration) und Expression

blikum verständlich zu machen, wurde ein Forum namens O.P.E.N (Open, Par© Red Dod Design Museum Singapore

ticipate, Enrich, Negotiate) ins Leben

the Clouds gehören ebenfalls zum Pro© Singapore Biennale

gramm.


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Singapur | 27

© Art Stage Singapore

ART STAGE SINGAPORE 25. – 28.1.2018

Matthias Arndt, Photo © Bernd Borchardt

Die achte Art Stage Singapore, Südostasiens führende Kunstmesse, findet vom 25. bis 28. Januar 2018 im Marina Bay Sands Expo und Convention Center in Singapur statt. Die Art Stage Singapur spielt eine Schlüsselrolle im Ökosystem zeitgenössischer Kunst in Singapur und Südostasien, nicht nur bei der Entwicklung und Verknüpfung einzelner regionaler Kunstmärkte, sondern auch bei der Schaffung eines Forums zu Fragen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen unserer Zeit.

tig ist. So hat er bei seiner ersten Art Stage eine Schau mit den wichtigsten Künstlern Indonesiens organisiert, in der sich die Künstler selbst vertraten und auch die Verkäufe tätigt, um sich ins Gespräch zu bringen, sich zu präsentieren und zum Verständnis und Vertrauen in diesen damals neuen Kunstmarkt beizutragen. Heute werden viele der Künstler von international tätigen Galerien vertreten. Ein Erfolg der Art Stage, die sich über die Jahre einen wichtigen Platz im internationalen Kunstkarussell gesichert hat.

Als Lorenzo Rudolf, ehemaliger Leiter der Art Basel und „Erfinder“ der Art Basel Miami Beach (1991 – 2000) die Art Stage 2010 zum ersten Mal veranstaltete, musste er zuerst einmal einen Markt für Kunst und Kunstmessen in Singapur aufbauen. Künstler gab es genügend, aber keine Galerien. Die Künstler strebten nach internationaler Karriere und Anerkennung. und bestürmten Rudolf. Aber eine Kunstmesse ohne funktionierenden Kunstmarkt? Lorenzo Rudolf musste sich trotz seiner langjährigen Erfahrung nochmals der Grundsatzfrage stellen: „Was ist eigentlich die Aufgabe einer Kunstmesse“ und „Was ist die Aufgabe einer Kunstmesse in Südostasien?“. Herausgekommen ist ein neues Kunstmessen-Konzept, das von Beginn an, neben dem Verkauf von Kunst, auch deren Präsentation in musealem Kontext, deren Vermittlung und die Schaffung eines Ortes der Begegnung, des Austauschs zwischen Händlern und Sammlern, Künstlern und Kuratoren, Einheimischen und internationalem Publikum im Fokus hatte. Seiner Verantwortung gegenüber den Künstlern und dem Kunstmarkt in Singapur und Südostasien, die Kunstszene voranzubringen und international zu positionieren, ohne jedoch die eigene, asiatische Identität zu vernachlässigen, ist Rudolf sich bewusst. So entwickelt er immer wieder Formate, die der Notwendigkeit der Region und dem Moment gerecht werden, und ist neben seiner Funktion als Direktor der Art Stage auch als eine Art Mentor, Entwickler und Visionär tä-

„Wir müssen erkennen, dass wir in sich dramatisch verändernden Zeiten leben. Die Weltwirtschaft ist in der Krise, die Politik ist in der Krise, die Gesellschaft ist in der Krise und all dies hat Einfluss auf den Kunstmarkt. Das bedeutet, dass wir Kunst nicht mehr nur über den Preis verkaufen können. Wir müssen uns vielmehr bewusst sein, dass Kunst nicht mehr nur als bloße Ware oder Gebrauchsgegenstand gesehen werden kann, sondern wir müssen die Kunst als das sehen, was sie wirklich ist. Im Wesentlichen ist Kunst ein Stück Kultur. Alle Protagonisten auf dem Kunstmarkt – Kunsthändler, Galerien, sogar die Künstler und vor allem die Kunstmessen – müssen darüber nachdenken und reflektieren, was das für sie bedeutet. Sie müssen reagieren und neue Wege einschlagen. Sie können nicht so weitermachen wie bisher. Für die Art Stage Singapur ist der Weg ganz klar. Wir müssen uns noch mehr auf die weiterführenden und vertiefenden Inhalte der Kunst und die Kunst im Kontext konzentrieren“, so Lorenzo Rudolf, Gründer und Präsident der Art Stage Singapore anlässlich der Art Stage 2017. Vor diesem Hintergrund wird auch die Art Stage Singapore 2018 stehen und zur Entwicklung eines zusammenhängenden südostasiatischen Kunstmarktes beitragen, der die Region als Ganzes wettbewerbsfähiger gegenüber den anderen weiterentwickelten globalen Kunstmärkten im Westen und China machen wird. www.artstage.com

© Art Stage Singapore

INTERVIEW mit Lisa Polten

Repräsentantin Arndt Fine Art Singapur und Südostasien Seit wie vielen Jahren ist Arndt Fine Art in Singapur präsent? Im Januar 2013 haben wir unsere Räume mit der Ausstellung „Otto Piene, Heinz Mack and ZERO: Light & Reflection“ feierlich eröffnet. Warum Singapur? Was waren Ihre Beweggründe, sich neben Berlin auch in Singapur zu engagieren? Matthias Arndt ist das erste Mal 2010 nach Südostasien gereist und war sofort fasziniert von der vibrierenden Kunstlandschaft. Im Herbst 2011 hat ARNDT in seinen Berliner Räumen die Ausstellung „Asia: Looking South“ eröffnet, welche eine Auswahl der bedeutendsten Künstler der Länder Thailand, Philippinen und Indonesien darstellte. Die folgenden Jahre stellte ARNDT auch Einzelausstellungen der wichtigsten Künstler von Südostasien in Berlin aus und ein reger „Exchange of Culture“ fand statt. Da Singapur der „arthub“ Südostasiens ist, mit all seinen staatlichen Museen (eine Rarität in der Gegend, andere Städte wie Jakarta, Manila haben hauptsächlich private Museen), der Singapur Biennale, der Kunstmesse Art Stage Singapore und den hervorragenden Galerien, entschied sich Matthias Arndt, den Kulturaustausch fortzuführen und europäische Künstler erstmals in Südostasien auszustellen. Wir haben hier erstmalig Gilbert & George nach Singapur gebracht, die berühmte australische Künstlerin Del Kathryn Barton sowie die Deutschen Zero Künstler Heinz Mack und Otto Piene. Ist die asiatische Kunst erklärungsbedürftig und wenn ja, wie bereiten Sie Ihre europäischen Kunden darauf vor, wie vermitteln Sie Ihnen diese?

Die Kunst aus Indonesien und den Philippinen thematisiert stark Bereiche des Individuums, Geschichte, Herkunft, Kolonialismus, aber auch die täglichen Herausforderungen und Probleme, denen die Künstler in ihren Ländern begegnen. Sie ist teilweise stark politisch und teilweise sehr persönlich. Um dem europäischen Publikum einen besseren Einstieg in die Kunstlandschaften von Indonesien und den Philippinen zu geben, haben wir zwei fundierte Kataloge, „Sip!Indonesian Art Now“ sowie „Wasak! Filipino Art Now“, im Distanz Verlag herausgegeben. Diese kann man on-

line kaufen oder auch auf unserer Website als PDF downloaden. Des Weiteren haben wir schon eine Reihe an Kurzporträts der Künstler gefilmt, die auch online einen perfekten Einstieg geben! www.arndtfineart.com Was sind Ihre 10 Kultur Hot Spots in Singapur? National Gallery, Art Science Museum, Gillman Barracks, Center for Contemporary Art, Institute of Contemporary Art at LaSalle, SingaporeTylerPrintInstitute, The Projector Independent Cinema, Grey Projects, DECK. www.arndtfineart.com

Lisa Polten © Arndt Fine Art Singapore LISA POLTEN Lisa Polten (1986 in Frankfurt am Main geboren) ist studierte Kunsthistorikerin und seit Juli 2016 Repräsentantin von Arndt Fine Art und für Singapur und Südostasien verantwortlich. Zuvor war sie Gallery Manager von ARNDT Berlin, 2010-2016 und somit seit siebeneinhalb Jahren Teil von ARNDT.


28 | Kunsttipps

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Oberhausen

FORTSETZUNG VON SEITE 22

SHOOT! SHOOT! SHOOT! Fotografien der 60er- und 70er-Jahre aus der Nicola Erni Collection 21.1.2018 – 27.5.2018 Brigitte Bardot mit blonder Mähne, Yves SaintLaurent nackt und Mick Jagger mit Pelzkapuze: Ikonen der Film-, Mode- und Musikszene, fotografiert von Superstars wie Richard Avedon, Bert Stern oder Helmut Newton, lassen in der LUDWIGGALERIE das Lebensgefühl der 1960er- und 70er-Jahre aufleben. Die schwarzweißen Fotografien entwickeln auf farbigen Museumswänden eine besondere Strahlkraft. Party und Politik, Mode und Musik, Kunst und Körperkult werden unter anderem durch Warhols Factory und die dort vertretene New Yorker Szene ins Bild gesetzt. Die Beatles, ausgelassen bei einer Kissenschlacht, Twiggy als neues androgynes Supermodel und die Stars aus Hollywood spiegeln in eindrucksvollen Porträts bedeutende Momente der Zeit. Über 200 Fotografien aus der Schweizer Nicola Erni Collection versammeln das Who is Who der Celebrity-Gesellschaft. In ihrem Ausdruck von Kult um die eigene Person, Sinnenfreude und Hingabe an den Moment üben die Foto-

Claude Monet, Bateaux sur la plage à l’Etretat, 1883, Öl auf Leinwand, Fondation Bemberg, Toulouse © RMN-Grand Palais, Mathieu Rabeau

der Normandie ein, die im späten 19. Jahrhundert eine der Wiegen des Impressionismus war. Sie beGuarding against The Godfather – Marlon Brando and Ron Galella, the Waldorf Astoria Hotel, New York, November 26, 1974 © Paul Schmulbach/Ron Galella, Ltd.

grafien eine ungebrochene Faszination aus. Konzept der Ausstellung Sammlung Fotografie/Münchner Stadtmuseum. In Zusammenarbeit mit der Nicola Erni Collection und Ira Stehmann. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen www.ludwiggalerie.de

leuchtet die Ursprünge des Impressionismus und stellt sie in einen Dialog mit Werken von Claude

Pieter Bruegel d. Ä. Maler und Käufer, um 1565 Feder in Braun | © Albertina, Wien

Monet, Auguste Renoir und anderen Hauptakteu-

aus internationalen Sammlungen und führt dabei

ren des Impressionismus, die ihre Staffeleien unter

sogar zwei seiner letzten Zeichnungen, den Frühling

freiem Himmel an den Stränden der Normandie

und den Sommer, erstmals seit Langem zusammen.

aufstellten. Elegante Badegäste und windschnittige

Zahlreiche druckgrafische Schätze – in mehrjähriger

Segelschiffe regten auch die Avantgarden des frühen

Forschungsarbeit in der Albertina aufgespürt und

20. Jahrhunderts zu kühnen Farbexperimenten an.

aufwendig restauriert – können außerdem zum ers-

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

ten Mal gezeigt werden.

www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

Albertina | www.albertina.at

Oberhausen

MORDILLO The Very Optimistic Pessimist 24.9.2017 – 7.1.2018 Wer kennt sie nicht, die wortlosen Knollennasen, die durch Mimik, Gestik und Interaktion mit ihrem Umfeld so viel zu erzählen wissen. Guillermo Mordillo, 1932 in Buenos Aires geboren, setzt seine kugeligen Figuren seit Jahrzehnten pointiert ins Bild und fächert ein buntes Spektrum an Themen dabei auf: Menschen mit ihren kleinen Besonderheiten werden liebevoll in Szene gesetzt, die Liebe mit ihren Irrungen und Wirrungen, Tiere mit menschlichen Eigenschaften, Fußball und Golf; ebenso finden politische Motive Einzug in die oft surrealen Welten des Zeichners. Frei nach seinem Ausspruch „Humor ist der Geist, der inmitten des ewigen Lebenstanzes Pirouetten dreht“, verkehrt Mordillo mit eben diesem Humor Weltschmerz und Melancholie in Gegensätzliches und bietet den Betrachtern dadurch die Möglichkeit, dem Pessimismus des Alltags mit Optimismus entgegenzutreten. In seinen oft zugleich tiefgründigen wie lustigen Zeichnungen erzählt er kleine Geschichten aus dem Leben und kommt dabei ganz ohne Worte aus. Über 150 seiner selten gezeigten Originale sind in der Ausstellung vereint. Ergänzt wird die Ausstellung durch hochwertige Druckgrafik.

Meister von Meßkirch, Wildensteiner Altar: Madonna mit den vierzehn Heiligen des Zimmerschen Hauses (Mitteltafel), 1536, Mischtechnik aus Nadelholz, 64 x 60 cm, Staatsgalerie Stuttgart

Stuttgart DER MEISTER VON MESSKIRCH Katholische Pracht in der Reformationszeit 8.12.2017–2.4.2018 © Mordillo Foundation, all rights reserved 2007

Zum ersten Mal seit 25 Jahren zeigt eine umfassende Ausstellung in einem deutschen Museum eine retrospektive Auswahl seiner Originale. Neben frühen Schwarz-Weiß-Zeichnungen halten vor allem zahlreiche aktuelle bunte Bildwelten Einzug in die LUDWIGGALERIE. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen www.ludwiggalerie.de

Gustave Courbet, Brandungswogen mit drei Segelschiffen, um 1870 | Privatsammlung

Wiesbaden DELACROIX – COURBET – RIBOT Aspekte französischer Kunst des 19. Jahrhunderts 10.11.2017–6.5.2018 Das Museum Wiesbaden präsentiert anhand ausgewählter Werke zweier hochkarätiger Privatsammlun-

Erstmals widmet die Staatsgalerie Stuttgart dem Meis-

gen die große Epoche der Französischen Kunst. Für

ter von Meßkirch, einem der bedeutendsten deut-

die europäischen Künstler richteten sich die Blicke

schen Maler der Frühen Neuzeit, eine umfassende

stets nach Frankreich, vor allem nach Paris, wo die je-

monografische Ausstellung, in der ein Großteil seiner

weils neuen Strömungen Vorbild und Maßstab wur-

heute verstreut in Museen und Privatsammlungen

den und sich als „Moderne“ verfestigten. Im Zuge

Europas und der USA befindlichen Tafelbilder und

der enormen gesellschaftlichen Umwälzungen ist

Zeichnungen vereint zu sehen sind.

die Entstehung des Realismus eine bedeutende und

Seine koloristisch außergewöhnlichen Bilder – dar-

nachhaltige Entwicklung in der Kunstgeschichte, die

unter der umfangreiche Altarzyklus aus der Kirche

anhand seines Begründers Gustave Courbet sowie

St. Martin in Meßkirch von 1535/38 – beanspru-

Théodule Ribot und François Bonvin einen Schwer-

chen höchstes historisches Interesse, da sie – im

punkt in der Ausstellung und im Katalog erfährt.

Unterschied zu der sich in Württemberg fast flä-

Museum Wiesbaden | museum-wiesbaden.de

chendeckend durchsetzenden Reformation – das regionale Festhalten am altgläubigen Bekenntnis dokumentieren. Die Große Landesausstellung zielt

Völklingen/Saarbrücken

darauf ab, ein neues Bewusstsein für die entwick-

Inka – Gold. Macht. Gott.

lungsgeschichtliche Bedeutung des Meisters von

6.5. – 26.11.2017

ten Malern der Katholischen Reform zählt, sondern

Meßkirch zu wecken, der nicht nur zu den frühesauch in seinen Bildtafeln all jene Gestaltungsmittel

Für die Inka waren es „Perlen der Sonne“, die Spanier sahen nur den materiellen Wert. Der Mythos des Inka-Goldes hat in dieser Unversöhnlichkeit zweier Wertesysteme ihren Ursprung. Die Ausstellung zeigt mit 220 Exponaten die faszinierenden Hochkulturen der Inka- und Vor-Inka-Zeit und ihr Aufeinandertreffen mit der europäischen Kultur des 16. Jahrhunderts. Der Kern-Bestand der Exponate stammt aus dem Larco Museum, Lima und Cusco, das die größte Privatsammlung altperuanischer Kunst weltweit besitzt. Die Objekte sind bedeutende wissenschaftliche Informationsquellen und meisterhafte Kunstwerke. Neben der Kultur der Inka und der Vor-Inka-Kulturen ist die spanische Eroberung Südamerikas durch Francisco Pizarro ein wichtiges Thema. In der Ausstellung finden sich neben den Exponaten aus dem Larco-Museum Peru daher auch Leihgaben herausragender europäischer Museen und Sammlungen. Gold war im Alten Amerika das Symbol der Sonne, Silber das Symbol des Mondes. Gold stand für das männliche Element und Silber für das weibliche. Während in der Alten Welt Gold

zum Objekt des Handels und zum Macht-Symbol wurde, besaß in den Hochkulturen der Inkaund Vor-Inka-Zeit Gold ausschließlich rituellen Charakter. www.voelklinger-huette.org

vorwegnimmt, die charakteristisch für die spätere gegenreformatorische Kunst im Zeitalter der Konfessionalisierung werden sollten. Staatsgalerie | www.staatsgalerie.de

ländische Zeichner des 16. Jahrhunderts. In einer

Wolfsburg NEVER ENDING STORIES Der Loop in Kunst, Film, Architektur, Musik, Literatur und Kulturgeschichte 29.10.2017–18.2.2018

Epoche der politischen, sozialen und religiösen Um-

Der Loop ist allgegenwärtig – ob in der Musik, der

brüche entwirft Bruegel eine komplexe Bildwelt: Hu-

Videokunst oder in Hotellobbys und Wohnzimmern,

morvoll und volksnah, scharfsinnig und zutiefst kri-

wo auf Monitoren Kaminfeuer endlos flackern oder

tisch reflektiert er die gesellschaftlichen Verhältnisse

Fische im Aquarium vorbeiflirren … Zugleich ist der

und thematisiert die Tragik und Größe, die Lächer-

geschlossene Kreislauf, die Endlosschleife, spätestens

lichkeit und Schwäche des Menschseins. Mit rund

seit der Antike ein Topos der Kulturgeschichte, Al-

100 Werken präsentiert die Albertina das gesamte

chemie und Philosophie. Mit „Never Ending Stories“

Spektrum von Bruegels zeichnerischem und druck-

präsentiert das Kunstmuseum Wolfsburg erstmals

grafischem Schaffen und beleuchtet seine künstle-

eine formal und inhaltlich, räumlich sowie zeitlich

rischen Ursprünge anhand der Gegenüberstellung

breit angelegte, interdisziplinäre Recherche zum Phä-

mit hochkarätigen Werken bedeutender Vorläufer

nomen der Endlosschleife in Kunst, Film, Architek-

wie Bosch oder Dürer. Die Ausstellung zeigt rund 20

tur, Musik, Literatur und Kulturgeschichte.

der schönsten Handzeichnungen des Niederländers

Kunstmuseum Wolfsburg

aus dem hauseigenen, umfangreichen Bestand sowie

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Wien (A) BRUEGEL. Das Zeichnen der Welt 8.9.–3.12.2017 Pieter Bruegel der Ältere ist der bedeutendste nieder-

Goldener Kopfschmuck mit Raubkatze, Schnabel und Vogelfedern Chimú-Kultur, 1.100 bis 1.470 n. Chr. Gold (Gold-Kupfer-Silber-Legierung) Höhe 25cm Larco Museum Peru Copyright: © Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel

Marina Abramovi / Ulay, BREATHING IN, BREATHING OUT, 1977 1-Kanal-Video, S/W, Ton, 10:45 min (Ausschnitt im Loop) LIMA preserves, distributes and researches media art © LIMA, Amsterdam / VG Bild-Kunst, Bonn 2017


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Malta | Valletta | 29

Valletta Waterfront/©viewingmalta

VALLETTA

Europäische Kulturhauptstadt 2018 Maltas Hauptstadt Valletta – eines der wohl einzigartigsten Städtereiseziele Europas!

Ambiente das alte Jahr verabschieden möchte, sollte keinesfalls die beliebte Valletta SilvesterParty im Herzen der Stadt verpassen.

Auf einem mächtigen Felsen oberhalb des imposanten Großhafens errichtete der Malteserorden ab 1566 ein trutziges Bollwerk, das heutzutage die kleinste Kapitale der Europäischen Union ist. Im Jahr 2018 wird Valletta Europäische Kulturhauptstadt sein. www.valletta2018.org

Den Besucher erwarten eine ausgelassene Stimmung, tolle Live-Musik auf verschiedenen Bühnen, kreative Multivisionsshows, die auf die Fassaden historischer Gebäude projiziert werden sowie ein spektakuläres Feuerwerk.

Hier weht an jeder Straßenecke ein Hauch von Geschichte. Die nach dem damaligen Ordensgroßmeister Jean Parisot de Valette benannte Inselhauptstadt verzaubert ihre Besucher mit barocken Palazzi und Kirchen - darunter die prächtige Konventskathedrale des Malteserordens – steilen Straßen, alten Hausfassaden mit bunten Holzbalkonen sowie nostalgischen Geschäften. Dennoch ist die über 450 Jahre alte Stadt lebendiger denn je – im Jahr 2015 wurden umfassende Projekte des berühmten italienischen Architekten Renzo Piano erfolgreich vollendet. Piano gestaltete meisterhaft das Opernhaus und Stadttor von Valletta um und entwarf ein neues Parlamentsgebäude.

Lebhaft und abwechslungsreich zeigt sich auch Vallettas Veranstaltungskalender Kulturfans kommen hier das ganze Jahr über voll auf ihre Kosten. Auch in den Herbst- und Wintermonaten lockt die Mittelmeerinsel mit milden Temperaturen, sonnigem Klima und zahllosen Events. Wer in Vallettas historischem

Ein musikalisches Feuerwerk der Extraklasse verspricht vom 13. bis 27. Januar 2018 wieder das jährlich stattfindende „Valletta International Baroque Festival“. Seit dem Jahr 2013 nehmen führende, internationale Barockmusik-Ensembles ihr Publikum mit auf eine ganz besondere, musikalische Zeitreise. Dass gerade Valletta als Festivalkulisse dient, ist natürlich kein Zufall: Beeindruckende, barocke Sehenswürdigkeiten wie das 1731 erbaute Teatru Manoel – das drittälteste, noch bespielte Theater Europas - der Präsidentenpalast, die berühmte St. John’s Co-Cathedral sowie prächtige Kirchen stellen unter anderem die Kulissen für diese exquisite Musikveranstaltung. www.vallettabaroquefestival.com.mt Am 20. Januar 2018 fällt in Valletta der offizielle Startschuss für das Kulturhauptstadtjahr. Auf zahlreichen öffentlichen Plätzen der Stadt lassen sich im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung verschiedene Vorführungen erleben, die zu einer einzigen großen „Festa“ verschmelzen.

Valletta International Baro ue Festival/©Mario Mintoff Photocity

„Festas“ – die jährlich von Mai bis September überall auf den Inseln stattfindenden Patronatsfeste – spielen seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle und sind in der Kultur und den Kirchengemeinden des zu 97 Prozent katholischen Maltas tief verwurzelt. Das vielfältige Valletta 2018-Kulturprogramm wird sich um die vier Schlüsselthemen Generationen, Routen, Städte und Inseln drehen. Es setzt zudem – wie beim Thema „Festa“ – auf das Verbinden von Menschen und deren persönliches Einbringen in das kulturelle Geschehen. www.valletta2018.org Vallettas einzigartige Atmosphäre, die zahlreichen Sehenswürdigkeiten, Museen, Geschäfte, erstklassigen Hotels, Cafés und Restaurants garantieren einen abwechslungsreichen Aufenthalt – sei es ein Tagesausflug im Rahmen eines MaltaUrlaubs oder ein Städtetrip. Die Stadt, die in ihrer Gesamtheit zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist in weniger als drei Flugstunden bequem und direkt aus Deutschland zu erreichen. www.visitvalletta.de

Casa Rocca Piccola Dieser kleine Stadt-Palazzo stammt aus dem Jahr 1580 und wird noch heute von der Familie des 9. Marquis De Piro bewohnt. Mit seinen antiken Möbeln, Gemälden, Büchern und Alltagsgegenständen gibt der Palazzo einen hervorragenden Einblick in Maltas reiche Geschichte und in das Leben einer maltesischen Aristokratenfamilie. Unter dem Palazzo befinden sich zwei Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. www.casaroccapiccola.com

Valletta/©MTA Leslie Vella

Valletta Waterfront Der Grand Harbour ist einer von zwei Naturhäfen, die Maltas Hauptstadt Valletta flankieren und einer der tiefsten Naturhäfen des gesamten Mittelmeerraums. Regelmäßig legen hier zahlreiche Kreuzfahrtschiffe an. Vor einigen Jahren sanierte man gekonnt ein historisches Pier des Malteserordens, das heute als „Valletta Waterfront“ Kreuzfahrtgästen und auch Einheimischen zahlreiche Cafés, Restaurants und Geschäfte bietet.

Malta Experience und Valletta Living History Besonders als Auftakt zu einem Malta-Urlaub empfiehlt sich ein Besuch der 45-minütigen Multimedia-Show „The Malta Experience“ in Valletta. Die 45-minütige Vorführung verschafft auf äußerst unterhaltsame Weise einen interessanten Überblick zu 7000 Jahren bewegter maltesischer Geschichte – von den prähistorischen Tempelbauern bis zur modernen EU-Republik von heute. www.themaltaexperience.com Wer sich näher mit Maltas über 450 Jahre alten Hauptstadt Valletta befassen möchte, dem sei die Multimedia-Show „Valletta Living History“ in Valletta ans Herz gelegt. In 35 Minuten wird mit hervorragenden Schauspielern die Entstehung und Geschichte Vallettas von der Großen Belagerung 1565 bis zum Zweiten Weltkrieg anschaulich geschildert. www.embassycomplex.com.mt/valletta-living-history/

Casa Rocca Piccola/©viewingmalta


30 | Mannheim | Neue Museen

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Der Neubau der Kunsthalle Mannheim am Friedrichsplatz © gmp – von Gerkan, Marg und Partner, 2016

MANNHEIM

LICHTDURCHFLUTET UND URBAN Kunsthalle Mannheim er ffnet im Dezember 2017 einen spektakulären Neubau Einzigartige ortsspezifische Kunstwerke renommierter Gegenwartskünstler Lichtdurchflutet und urban: Im Herzen Mannheims entsteht der derzeit größte Neubau eines Kunstmuseums in Deutschland. Rund 70 Millionen Euro investieren private Mäzene, die Stadt Mannheim und Stiftungen in eine maßgeschneiderte, innovative Architektur. Konzipiert als offene „Stadt in der Stadt“ reklamiert der spektakuläre Gebäudekomplex an Mannheims schönstem Platz das Museum als großstädtisches Element, zieht mit seiner barrierefreien Weiterführung der Straße das Publikum bis ins zentrale Atrium und ermöglicht ein entspanntes Flanieren auch innerhalb der Kunsthalle: zwischen Galerieräumen, Creative Lab, Restaurant, Shop und Schaudepot. Um das 22 Meter hohe Lichtatrium gruppieren sich sieben Ausstellungshäuser, verbunden über Treppen, Brücken und Terrassen.

KHM Neubau | © Lukac

Entworfen wurde der von einem transparenten, bronzefarbenen Metallgewebe eingehüllte Museumsbau vom größten deutschen Architektenbüro gmp – von Gerkan, Marg und Partner. Einen eigenen Kubus mit autonomer Ausstellungsfläche und hellen Arbeitsräumen mit großen Fensterbändern direkt zum Wasserturm erhält die Kunstvermittlung. Das gesamte Untergeschoss ist für die Kunstdepots und Technikzonen reserviert – ein wahrer Hochsicherheitstrakt. Restaurant, Museumsshop, Garderoben, Toiletten und ein 240 m2 großer Veranstaltungsraum sind leicht zugänglich im Erdgeschoss angesiedelt, wo sich auch Kunstanlieferungszone und der Sonderausstellungsbereich befinden. Der innovative Neubau, der in engster Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftler- und Technikerteam der Kunsthalle Mannheim entsteht, bietet für die Museumsnutzung eine exzellente und wirtschaftlich nachhaltige Infrastruktur, die beispielgebend sein wird.

KHM Neubau | © Lukac

Vogelperspektive auf den Museumskomplex © gmp – von Gerkan, Marg und Partner, 2016

Die Kunsthalle Mannheim ist eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne weltweit. Gegründet vor über 100 Jahren, beherbergt sie eine Sammlung von Weltgeltung mit Schlüsselwerken von Edouard Manet bis Francis Bacon und einem deutschlandweit singulären Skulpturenschwerpunkt. Der Avantgarde zugewandt und den Existenzfragen der Menschen von heute verpflichtet, versteht sich Mannheims Museum für moderne und zeitgenössische Kunst als ein faszinierender Begegnungsort der Generationen und Kulturen. Als demokratische Institution verfolgt die Kunsthalle Mannheim eine innovative digitale Strategie und lädt die Öffentlichkeit zur aktiven Mitgestaltung ein, um sich selbst stetig zu erneuern. Zur Eröffnung des Hauses im Dezember 2017 präsentiert die Kunsthalle Mannheim internationale Künstler wie James Turrell, Dan Graham und William Kentridge mit neuen ortsspezifischen Werken. Die Künstlerräume sind eingebettet in eine Neuinterpretation der renommierten Sammlung mit einzigartigen Schlüsselwerken von Edouard Manet über Francis Bacon bis Thomas Hirschhorn

und einem außerordentlichen Skulpturenschwerpunkt von Wilhelm Lehmbruck über Umberto Boccioni und Alberto Giacometti bis Anselm Kiefer. Die erste große Sonderausstellung 2018 ist dem internationalen Konzept- und Fotokünstler Jeff Wall gewidmet (27.04. bis 19.08.2018). Dabei steht auch die besondere Beziehung des Kanadiers zur Kunst der Moderne und vor allem zum französischen Pionier Edouard Manet im Fokus, dessen monumentales Gemälde „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ (1868-69) ein Leitbild der Kunsthalle Mannheim ist. Die erste große Themenausstellung „Die Konstruktion der Welt. Kunst / Ökonomie“ (Arbeitstitel) zeigt – zehn Jahre nach dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2008 – erstmals in einem weltweiten Vergleich den dramatischen Einfluss der Wirtschaft auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhundert (13.09.2018 bis 06.01.2019). ADRESSE Kunsthalle Mannheim Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim www.kuma.art


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Wuppertal | 31

Edouard Manet, Das Dampfschiff, Seelandschaft mit Tümmlern, 1868, Öl auf Leinwand, 81,4 x 100,3 cm, © Philadelphia Museum of Art

Edouard Manet, Die Reiterin, um 1882 | Öl auf Leinwand | 73 x 52 cm © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

WUPPERTAL

EDOUARD MANET 24.10.2017–25.2.2018 Das Von der Heydt-Museum Wuppertal stellt das Werk des französischen Malers ins Zentrum einer umfassenden Ausstellung. Zeit seines Lebens erzeugte Edouard Manet (1832-1882) mit seinen Bildern Skandale, sei es 1863 mit dem „Déjeuner sur l’herbe“, 1865 mit der „Olympia“, 1867 mit seinem Pavillon an der Place de l’Alma, wo er parallel zur Weltausstellung seine Gemälde vorstellte, sei es 1877 mit seiner „Nana“, die – wie viele Bilder Manets zuvor – von der Jury des „Salon“ als Provokation empfunden und zurückgewiesen wurde. Manets Kunst war immer umstritten, und er selbst sah sich wohl auch als ein „Enfant terrible“ und als singulärer Vorkämpfer für eine neue Kunst und eine andere Sichtweise auf die Welt. Er wollte weder mit der „klassischen“ Historienmalerei noch mit dem Impressionismus etwas zu tun haben. So reichte er zwar seine Werke regelmäßig zu den jährlich stattfindenden SalonAusstellungen ein, nur um dort immer wieder abgewiesen zu werden, andererseits beteiligte er sich an keiner der acht Impressionisten-Ausstellungen, obwohl er mit einigen Protagonisten dieser Gruppe, darunter Monet, Degas und Renoir, befreundet war.

Rochefort) und welche befreundeten Dichter, Philosophen und bildenden Künstler (Proust, Zola, Mallarmé, Monet, Morisot, etc.) Manet in seinen Gemälden verewigte. Es geht hier um den politischen Kosmos seiner Zeit und um Manets persönliche Position als Künstler, – letztlich auch um die Frage, was er selbst mit seinen Gemälden in historisch-ästhetischer Hinsicht über die Verhältnisse seiner Zeit aussagen und inwiefern er diese Verhältnisse in Bewegung bringen wollte.

Die bewundernden und an Manet orientierten Werke seiner Künstlerfreunde und die wütenden Texte seiner Kritiker spiegeln in der Ausstellung die Faszination, die von diesen Heroen der Malerei ausging. Der Überblick über sein Werk umfasst u.a. Bilder seiner spanischen Phase, die bekannten Seestücke sowie seine späten Porträts und Figurenszenen mit ihrer psychologischen Spannung zwischen den Protagonisten; sie scheinen bereits Fragen der modernen Psycho-

analyse in Bildform vorwegzunehmen. Manets frappierenden Bildkompositionen waren wegweisend und machten ihn zu einem Künstler, der Bahnbrechendes für die Malerei geleistet hat und nachfolgende Künstlergenerationen bis heute inspiriert. ADRESSE Von der Heydt-Museum Wuppertal Turmhof 8, 42103 Wuppertal www.von-der-heydt-museum.de

ÖFFNUNGSZEITEN (Ausstellung Edouard Manet) Di+Mi 11-18 Uhr, Do+Fr 11-20 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr Mo geschlossen

Manet war ein Einzelgänger. Vielleicht macht gerade diese Unabhängigkeit seine Sicht auf die Kunst und die Phänomene der Welt so neu und interessant, dass uns seine – oft rätselhaften – Werke bis heute faszinieren. Das Von der Heydt-Museum Wuppertal unternimmt jetzt das Wagnis, das Werk dieses Außenseiters in einer umfassenden Ausstellung (24. Oktober 2017 bis 25. Februar 2018) neuen Publikumsschichten zu eröffnen. Die Schau präsentiert das ganze Oeuvre, beginnend mit den ersten tastenden Versuchen als Schüler von Thomas Couture und endend mit den letzten so strahlenden Gartenbildern aus Rueil von 1882. Insgesamt sind 45 Gemälde Manets zu sehen, dazu kommen zahlreiche Graphiken und Lithographien. 100 Werke von Zeitgenossen ergänzen die Ausstellung. Manets Verhältnis zur Gesellschaft im Frankreich des 19. Jahrhunderts steht im Zentrum der Ausstellung. Dabei interessiert die Frage, welche Skandale (Erschießung Kaiser Maximilians in Mexiko), welche Politiker (Clemenceau,

Edouard Manet, Chez le père Lathuille, 1879, Leinwand, 92 x 112 cm | © Musee des Beaux-Arts, Tournai/ Bridgeman Images


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Fotografie | 33

TAMINA-FLORENTINE ZUCH

BILDER OHNE FURCHT Wir treffen Tamina-Florentine Zuch in der Schrebergartenkolonie Dornröschen in Hannover, wo sie ein kleines Gartenhaus, ein Refugium, einen Rückzugsort und Quell der Inspiration besitzt. Sie kommt direkt aus dem Irak, wo sie auf Reportage war. Heute früh ist sie in Hamburg gelandet. Sie ist müde, erschöpft und doch hellwach. „Ich muss mich noch um eine neue Wohnung kümmern, ich muss da morgen raus“, entschuldigt sie sich, steckt sich eine Zigarette an, greift zum Handy und organisiert.

© Helmuth Scham, www.schampus.com


34 | Fotografie

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

© Helmuth Scham, www.schampus.com

Ihr Leben ist seit dem Abschluss ihres Studiums des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover, dem Gewinn des „ZEISS Photography Award 2016“ und des „STERN Junge Fotografie 2017“ das einer Nomadin. Sie liebt es und sehnt sich doch auch nach Ruhe. Sie ist unerschrocken, furchtlos und reist in der ganzen Welt herum, um den Menschen die Furcht zu nehmen, die viele im Umgang mit dem Fremden umgibt, und ihnen die Schönheit der Welt, in noch so ausweglosen Situationen, zu zeigen. Sie reist und lebt für eine Fotoreportage tagelang in einem Zug in Indien, wo jeden Tag mehr als 20 Millionen Menschen auf den Zug angewiesen sind, beobachtet, kommt ins Gespräch, dringt in die Geschichten ihrer Mitreisenden ein und drückt wie beiläufig auf den Auslöser. Entstanden sind ganz intensive, berührende und ausdrucksstarke Bilder. Tamina-Florentine Zuch hat in den letzten Jahren intensiv Dokumentationen erstellt, die ihren festen Glauben an das Gute in der Menschheit unterstreichen. Dort, wo andere keinen Fuß reinsetzen, stürzt sie sich hinein. Sie reist mit jugendlichen Hobos, Vagabunden und Wanderarbeitern mit dem Zug durch die ganze USA und begleitet sie auf ihrer Arbeit. Sie freundet sich mit Cecilia (8), Wwuga (6) und Juni (3) an, die in SantrokofiBume in der Volta Region von Ghana leben, und hält deren Kindheit fest, die keine ist. Auch hier zeigt ihr feinfühliges Auge wunderbare Bilder, die das Glück hinter dem Leid zeigen, ohne dieses auszublenden. „Das ist das Leben, ein Teil von uns“, sagt Tamina und erzählt, dass auch hier im Dornröschen nicht alles gut ist. Es wir ständig eingebrochen. Sie wird im Schlaf von Einbrechern überrascht und es fehlen immer wieder Sachen, wenn sie nach einer Reise zurückkommt. Sie erzählt das ohne Groll. „Ich lade sie auf eine Tasse Tee ein und rede mit ihnen über ihre Situation.“ Wenn man TaminaFlorentine Zuch begegnet, mit ihr spricht, ihren Erzählungen lauscht und man dann ihre Bilder daneben legt, ist es Eins. Ehrlich, feinfühlsam, authentisch ... eine große Fotografin. www.tamina-florentine.com

INTERVIEW

mit Tamina-Florentine Zuch Fotografin Von wem haben Sie Ihre erste Kamera bekommen? Von meiner Mutter. Ich nutzte schon länger die alte Filmkamera meines Vaters. Ich machte Filmaufnahmen von allerlei Situationen. Wir lebten eine Zeit lang auf dem Land, mit Tieren, Wäldern und einem Bach. Ich lief in meiner Freizeit umher und dokumentierte und kommentierte alles was mir vor die Linse kam. Mit fünfzehn wünschte ich mir eine Kamera und meine Mutter kratze ihr letztes Geld zusammen und schenkte mir eine Canon zu Weihnachten. Ich weiß noch wie ich die ersten Nächte mit der Kamera neben meinem Kopfkissen einschlief.

nach Ghana, als ich wiederkam fing ich an zu arbeiten und verreiste hin und wieder, etwa nach Indien oder durch den Balkan, immer mit Kamera. Ich fing an in Braunschweig Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie zu studieren, merkte jedoch schnell, dass es nicht das Richtige war. Es schien mir so belanglos. Meine Professorin erzählte mir dann von dem Studiengang in Hannover und meinte, das sei vielleicht etwas für mich. Schon als ich mir die Webseite der Hochschule ansah, merkte ich: das ist genau was ich gesucht habe.

Sie studieren Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Wie muss man sich das Studium vorstellen? Das Studium war genau das Richtige für mich. Das Aufnahmeverfahren war hart und langwierig. Die achten wirklich darauf, dass nur die genommen werden, die wirklich wollen. Es geht nicht darum die Technik zu beherrschen oder bereits Berufserfahrung mitzubringen, sondern um die Leidenschaft Geschichten zu erzählen. Ich war eine der Jüngsten in meinem Jahrgang und profitierte sehr von den Erfahrungen der anderen. Die ersten beiden Jahre waren sehr intensiv. Man wird losgeschickt und muss alle zwei Wochen eine Geschichte fotografieren. Nichts Weltbewegendes – einfache Alltagsgeschichten – um die Grundlagen zu erlernen. Später fokus-

siert sich jeder auf seine eigenen Interessengebiete. Die Professoren lassen einem viele Freiheiten und unterstützen einen wo sie können – wenn man nur will. Daran scheitern wohl die meisten angehenden Fotografen: man muss selbst seinen Arsch hochkriegen und einfach machen. Geschichten suchen, recherchieren, fotografieren, scheitern, weiter machen. Das ist nicht immer leicht aber die Unterstützung ist groß; Professoren, Kommilitonen, Bildredakteure und andere Fotografen. Ich hatte bisher fast ausschließlich gute Erfahrungen mit der Fotografengemeinschaft. Sind Sie ein „Kind“ der dialogen Fotografie oder haben Sie noch Stunden in der Dunkelkammer in der Foto-AG ihrer Schule oder im Keller Ihrer Eltern verbracht?

Wissen Sie noch was das für eine war? Eine Canon 500D. Wann und wie entstand die Leidenschaft, der Berufswunsch Fotografin? Mir war nie bewusst, dass man die Fotografie tatsächlich zum Beruf machen konnte, abgesehen von Hochzeitsfotografie oder einem Studio für Passbilder zu haben, was mich nie interessierte. Zu uns kam nur die Leipziger Volkszeitung, von Magazinen wie GEO oder National Geographic erfuhr ich erst spät. Was professionelle Dokumentarfotografie anging, war ich lange eine richtige Hinterweltlerin. Nach dem Abitur ging ich für ein Jahr

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GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Fotografie | 35

Die ist dann nämlich doch am schönsten.

Leider hatte meine Schule keine Foto-AG. Zu Hause hatte ich mir zwar ein Labor in der alten Scheune eingerichtet, aber dort habe ich mich mehr mit der Entwicklung von Stinkbomben als mit Fotografie befasst. (Tote Bienen eignen sich ganz wunderbar!) Ich war und bin bis heute kein Technik-Nerd. Mein liebster Teil ist das Fotografieren an sich und die Begegnungen mit anderen Menschen dadurch. © Helmuth Scham, www.schampus.com

Sie haben bereits mehrere Preise gewonnen (u.a. ZEISS Photography Award 2016 und das stern Junge Fotografie Stipendium 2017). Wie wichtig sind die Preise für eine junge Fotografin? Heutzutage den Beruf eines professionellen Fotografen zu wählen ist keine leichte Entscheidung. Es gibt kaum noch Magazine die Fotografen fest anstellen. Die Selbstständigkeit ist nicht jedermanns Sache, vor allem zu beginn der Karriere kann das sehr frustrierend werden. Meine Eltern waren eine Zeit lang beide selbstständig, ich habe also den ständigen Kampf mitbekommen und mir geschworen: das tue ich mir nicht an. Tja. Die Zeiten haben sich geändert, das bekommt man oft genug von der älteren Generation Fotografen zu hören. Die Magazine geben wesentlich weniger Geld für Produktionen aus und der Markt quillt über mit selbstständigen guten Fotografen. Ein Großteil der Fotografen muss sich ein zweites Standbein zulegen um zu überleben. Manche entscheiden sich für Hochzeiten oder Werbung; Fotografie, die noch angemessen bezahlt wird. Dann leiden aber nicht selten die eigenen Projekte darunter, weil dafür dann die Zeit fehlt. Wettbewerbe und Stipendien sind unbedingt notwendig um große, eigene Projekte zu finanzieren. Aber auch für den eigenen Bekanntheitsgrad. Es ist schwer genug, als freier Fotograf ein Magazin von einer guten Geschichte zu überzeugen und die Finanzierung zu bekommen. Die Magazine gehen mit jeder Produktion ein Risiko ein. Da fühlen sie sich natürlich sicherer, wenn sie wissen, dass man sein Handwerk beherrscht. Was hat sich daraus für Sie ergeben? Durch den Zeiss Award ist mein Bekanntheitsgrad auf jeden Fall gestiegen. Ich wurde oft interviewt und hatte eine schöne Ausstellung in London. Auch jetzt noch – ein Jahr später – unterstützt mich Zeiss bei meinen Projekten. Das Stern Stipendium habe ich gerade erst begonnen, war aber bereits für ein paar Geschichten unterwegs, unter Anderem im Irak. Es ist eine sehr gute Erfahrung bei so einem Magazin fest angestellt zu sein. Man lernt die Strukturen kennen und begreift was sich hinter so einem Magazin verbirgt. Aber vor allem bekomme ich die Möglichkeit gemeinsam mit Schreibern an verschiedenen Geschichten im In- und Ausland zu arbeiten. Jede Woche ist man wo anders, trifft neue Menschen, spannende Geschichten und bekommt eine

Routine im Fotografieren. Eine super Gelegenheit für die ich sehr dankbar bin. Wie funktioniert das „Geschäft“? Gehen Sie mit Themen auf Medienhäuser zu, oder bucht man Sie als Fotografin, im Team mit einem Journalisten für eine Reportage? Beides. Anfangs ist es wohl ausschließlich so, dass man selbst Geschichten recherchiert und auf eigene Kosten umsetzt. Es kommt selten vor, dass man ohne Vorarbeit von einem Magazin oder einer Zeitung gebucht wird. Bei mir war es so, dass ich an meinen ersten drei großen Geschichten selbst gearbeitet habe. Ich habe alles selbst recherchiert, organisiert und finanziert. Dann hatte ich das Glück, die Geschichten verkaufen zu können und mir somit die nächste Geschichte zu finanzieren. Nach einiger Zeit und einem ansehnlichen Portfolio, nachdem man sich immer wieder bei den Redaktionen vorgestellt hat und mit ein bisschen Glück wird man auch für Geschichten gebucht. Oder man entwickelt zusammen mit einem Schreiber eine Geschichte. Das geht auch. Wichtig ist wohl, nicht zu verzweifeln. Ich wurde unzählige Male erfolglos weggeschickt. Manchmal sagen sie „Klingt ja spannend. Mach das mal und zeig uns die Bilder wenn du wieder da bist. Vielleicht ergibt sich dann etwas.“ Dann muss man natürlich abwägen und damit rechnen, dass sich nichts ergibt. Das kann auf Dauer sehr frustrierend sein.

Instagram und anderen Messenger Diensten. Fluch oder Chance? Wohl beides. Das Internet ist eine spannende Sache, bei der gerade Plattformen wie Facebook und Instagram einen unheimlich privaten Einblick in verschiedene Leben ermöglicht. Ich denke allerdings, es ist sehr wichtig für jeden Einzelnen nicht den Bezug zur realen Welt zu verlieren.

Das Thema Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht wurde im letzten Jahr wieder einmal kontrovers diskutiert. Auch für uns Zeitungsmacher wird das Abbilden von Bildern immer schwieriger. Wie wichtig sind Bildrechte, und wie schützt man sich vor Bildrechten, um überhaupt noch ein Motiv vor die Linse zu bekommen? Wir müssen mehr und vor allem ehrlicher kommunizieren. Ich habe bisher immer das Glück gehabt, keine Schwierigkeiten damit zu haben, Protagonisten mit deren Einverständnis fotografieren zu können. Jeder hat das Recht zu entscheiden, ob man ihn fotografiert oder nicht. Ich bin kein Freund der Heimlichtuerei oder des „Bildererschleichens“. Das führte bisher

auch nie zu Problemen. Beim Thema Urheberrecht komme ich wieder zum Thema Ehrlichkeit. Man kann nur stolz auf seine eigene Arbeit sein. Wenn das nicht reicht, dann muss man ehrlich zu sich selbst sein und damit umzugehen wissen. Die Arbeit eines Anderen als die eigene auszugeben ist schlichtweg traurig. Wenn man mit seinem Resultat nicht zufrieden ist, muss man eben härter daran arbeiten. Mich hat letztens ein Bericht über den britischen Fotografen Jonathan Turner aus Leeds fasziniert, der für seine Serie „Street Studio“ mit einer einfachen Plattenkamera unterwegs ist, und jeweils nur ein einziges Bild pro Motiv macht. In welches fotografisches Zeitalter würden Sie gerne zurückgehen? Ich bin mit dem heute recht zufrieden.

Wohin geht Ihre berufliche Reise, wovon träumen Sie? Ich denke ich habe den perfekten Beruf gewählt um mich allen nur möglichen Ängsten zu stellen. Angst ist eine gefährliche Sache, die den Menschen zu den unmöglichsten Dingen treibt. Die Welt ist voll davon und sie wird stetig geschürt. Wenn ich träume, dann von der Möglichkeit, anderen Menschen die Angst zu nehmen. Vor allem die Angst vor anderen Menschen und Kulturen. Was hätte Tamina Florentine Zuch gemacht, wenn Sie nicht so eine ausgezeichnete Fotografin wäre? Ich wäre vermutlich Botanikerin geworden. DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER

Wie kommen und entwickeln Sie Themen, Motive, Serien? Ich bin viel unterwegs, den meisten Geschichten laufe ich zufällig über den Weg. Ansonsten lese ich viel. Bücher sowie auch Zeitschriften. Viele Ideen kommen auch durch Unterhaltungen zustande. Wenn ein Thema mein Interesse weckt, mache ich mir dazu Notizen und schaue sie mir einen Tag später an, ob ich es immer noch interessant finde. Wenn ja, geht die große Recherche los und die Überlegungen, wie man die Geschichte am besten umsetzt. Dann kommt alles ins Rollen und nach und nach kommt man zu seinem Ergebnis. Welche „Bilder“ stehen ganz oben auf Ihrer To-Do-Liste? Momente die Emotionen zeigen und wecken. Noch nie war Fotografie so schnelllebig und beliebig wie im Zeitalter der medialen Verbreitung mit WhatsApp,

© Helmuth Scham, www.schampus.com


36 | Fotografie

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

INDIAN TRAIN JOURNEY INDIA – ASIA Nowhere in the world do you find as many travellers making train journeys as in India. Every day, more than 20,000,000 people make a journey with this most vital method of transport. India has the largest rail network in the world, with connections to every far-flung corner of this vast country; whether to mountain villages in the foothills of the Himalayas, or to Kanyakumari, the southern-most tip of the country. It is possible for everyone in India to reach everywhere and anywhere. People from all regions; every language; all castes; each generation and tradition are mixed up in a human soup, stirred and heated and shaken together for hours, sometimes for days – in a huge, metal cauldron. Friendships develop – sometimes love – sometimes also tension. A journey on an Indian train is never boring. The endless hours are occupied with card games, music, discussion and conversation, or simply the observation of passengers, one by another. For outsiders, such a trip is an exotic, unforgettable experience; for Indians it is simply a part of the daily grind. Every sense is accosted by the extreme conditions: heat, cold, dust, dirt, noise, smells, the lack of space, and most of all by the multitude and multiplicity of it all. A train journey in India can often take several days, necessitating all the daily routines be played out in the intimate, clostrophobic space of the train compartment. Men, women and children, jostled together. They eat, haggle, argue, laugh, and sleep. The changing times can also be noticed during a train journey through India. Bit by bit, the young of India are succumbing to Western influences. Young sikhs take ‘selfies’; teenagers proudly display their branded jeans. India is a many-fasseted jewel, which can be closely observed on a long train journey. Fotos: © Tamina-Florentine Zuch, Deutschland, ZEISS Photography Award 2016 www.tamina- orentine.com


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Fotografie | 37


38 | Fotografie

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

GERMAN SCHREBERGARTEN HANNOVER – GERMANY – EUROPE Since the End of the 19. Century, there is a specific culture developing in Germany. The so called Schrebergarten. In every City there are certain areas existent, that are reservated for gardening purposes. Every Resident of the city has the possibility to rent a garden sector. Since the 1950 Schrebergarten are under the prejudice of being bourgeois and narrow-minded because of their fastidious way of cutting their hedges and landing their beds.But since a few years changes are visible. The old Schrebergarten-owners have to open up to a new generation: young families, hippies, different nationalities, students. The changes visible in German Schrebergärten is giving an insite on the change happening all over Germany. Fotos: © Tamina-Florentine Zuch | www.tamina- orentine.com


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YOUNG HOBO ALONG THE TRACKS – U.S.A. – AMERICA “If you could choose – to live like your parents: to drudge like your parents in some factory, working at day and drinking at night, just making ends meet, or to leave this daily grind behind, breaking off and becoming a vagabond – what would you choose for?” — Toadstool, 22, Hobo Instead of pursuing career, security and possession, hoboes like Toadstool free themselves off all of that. There are hoboes since the American railroad reached the pacific. Vagabonds, in the past mostly migrant workers, illegally riding freight trains across the U.S.A. A true hobo sticks to rules: He leaves when the dogs stop barking, he does not impose on anybody, doesn’t leave trash nor traces behind, and helps fellow travellers. But most importantly: a hobo lives – that is in liberty. Crisscrossing the country on freight trains; a country that is vast enough not that trains travel for days on end without encountering any human, car or even smallest sign of civilization. They love the thrill and the speed, nature and being exposed to the elements, but mostly they enjoy breaking the rules – sometimes law and always the canon of gainful occupation and consumer stress. (Young Hobo is a collaboration with Claudius Schulze) Fotos: © Tamina-Florentine Zuch | www.tamina- orentine.com


40 | ZEISS Photography Award | Anzeige

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

ZEISS PHOTOGRAPHY AWARD Einmal im ahr verleihen der Objektivhersteller ZEISS und die World Photography Organisation den ZEISS Photography Award. Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt haben die Gelegenheit, ihr Können vor einer renommierten ury und internationalem Publikum zu präsentieren. Der Preis wird im Rahmen der Sony World Photography Awards in ondon verliehen. Der Gewinner erhält Foto-Objektive von ZEISS im Gesamtwert von 12.000 Euro und 3.000 Euro für eine Fotoreise. Die nächste Bewerbungsphase beginnt im Herbst 2017. Weitere Informationen im Internet unter: worldphoto.org/zeiss-camera-lenses

alle Fotos: Kevin Faingnaert, Belgien, ZEISS Photography Award 2017

ZEISS PHOTOGRAPHY AWARD

KEVIN FAINGNAERT portraitiert das Leben auf den Färöern Unwirtliche Landschaften, Einsamkeit und magische Geschichten: Für seine Fotostrecke Føroyar lebte der Belgier Kevin Faingnaert einen Monat lang auf den Färöer-Inseln. Hier erzählt er, wie es dazu kam – und was eine Flaschenpost damit zu tun hat. Føroyar ist im Februar 2016 entstanden. Ich wohne in Gent, einer mittelgroßen Stadt in Belgien. Der Winter war hart und ungemütlich. Ich fühlte mich gefangen und wollte der Enge meiner Wohnung entfliehen, wollte möglichst weit weg. Wie ich auf die Färöer-Inseln

gekommen bin, weiß ich nicht mehr genau. Ich entschied mich einfach, dorthin zu fahren, ohne Plan und Ziel. Ich wusste nur, dass ich Fotos machen wollte. Einen ganzen Monat blieb ich dort. Ich machte Couchsurfing

und lebte mit den Menschen in ihren Häusern. Die Färöer haben mich sehr offen und herzlich aufgenommen, sie waren neugierig und interessiert an meiner Arbeit, einige fühlten sich sogar geehrt. Zum Dank kochte ich manchmal für sie, half ihnen beim Schneeschippen und fuhr mit den Fischern hinaus aufs Meer. Früher lebten in den Dörfern Hunderte Menschen. Heute sind es fünf oder zehn. Auf meinen Streifzügen über die Inseln kam ich an kleinen Dörfern vorbei. Vor einigen Jahrzehnten lebten dort hunderte Menschen, heute sind es oft nur noch fünf oder zehn, weil die jungen Leute in die Städte ziehen, wo sie sich bessere Chancen erhoffen. In ihrer Heimat sehen sie keine Zukunft mehr.

Ich klopfte an die Türen, auch wenn es mich Überwindung kostete. Die Kommunikation in den Dörfern funktioniert unglaublich gut: Es verging keine halbe Stunde und das ganze Dorf wusste, dass ich da war. Solche Geschichten sind magisch, man findet sind sie nur an diesen Orten. Die Menschen luden mich zu einem Kaffee ein und erzählten mir von ihrem Leben. Dann fotografierte ich sie. Einmal, auf der Insel Svinoy, traf ich einen pensionierten Seemann, er hieß Simun. Seine Leidenschaft ist es, Flaschenpost zu sammeln. Eine Meeresströmung spült die Flaschen aus Kanada in Massen an einen Strand an der Nordküste der Insel. Beinahe jeden Tag findet

Simun eine. Er hat sogar ein kleines Museum eingerichtet und stellt sie dort aus. Solche Geschichten sind magisch, man findet sind sie nur an diesen Orten. Andere machen BungeeJumping. Mein Abenteuer heißt Fotografie. Ich liebe meine belgische Heimatstadt und würde sie niemals verlassen. Aber ich mag es auch, ihr zu entfliehen und das Gefühl zu haben, auf einem fremden Planeten zu sein. Eine Umgebung, die so anders ist als meine Heimat, ist für mich wie ein Adrenalin-Kick. Andere machen Bungee-Jumping, mein Abenteuer heißt Fotografie. Ich öffne verborgene Türen – und finde besondere Schätze.

KEVIN FAINGNAERT Kevin Faingnaert lebt und arbeitet in Gent, Belgien. ach dem Studium der Soziologie folgte er seinem Traum und wurde Fotograf. Seine Arbeiten wurden unter anderem von Magazinen wie WIRED, VICE, ational Geographic und a Repubblica veröffentlicht. 2017 gewann er den renommierten ZEISS Photography Award. kevinfaingnaert.com lenspire.zeiss.com/en/zeissphotography-award-2017-winner


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Fotografie | Hamburg | Deichtorhallen | 41

HAMBURG

EIN HAUS FÜR DIE

PHOTOGRAPHIE Mit dem Haus der Photographie im südlichen Gebäude der Deichtorhallen erhielt Hamburg 2005 ein Ausstellungshaus mit einer großen fotografischen Sammlung von hohem internationalen Niveau. Das Haus der Photographie zeigt internationale Wechselausstellungen zur Fotografie, von historischen Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zu jungen Fotografen der Gegenwart und Aspekten der digitalen Revolution. Aktuell wird Magum-Fotograf Alec Soth präsentiert.

Alec Soth , Charles, Vasa, Minnesota, 2002 | Aus der Serie: Sleeping by the Mississippi © Alec Soth / Magnum Photos / Agentur Focus


42 | Foto | Hamburg | Deichtorhallen

Deichtorhallen Hamburg Die Deichtorhallen Hamburg sind eines der größten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst und Fotografie in Europa. Die beiden historischen Gebäude von 1911/13 bestechen durch ihre offene Stahlglasarchitektur und bieten heute Raum für spektakuläre internationale Großausstellungen. Seit 2011 werden die beiden Gebäude am Übergang von der Hamburger Kunstmeile zur Hafencity durch eine Dependance in Hamburg-Harburg mit der Sammlung Falckenberg ergänzt. Zwischen 1911 und 1914 wurden die Deichtorhallen auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Bahnhofs, des Hamburger Gegenstücks zum »Hamburger Bahnhof« in Berlin, als Markthallen errichtet. Sie stellen eines der wenigen erhaltenen Beispiele der Industriearchi-

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

tektur der Übergangsperiode vom Jugendstil zu den Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts dar. Die beiden Hallen sind offene Stahlkonstruktionen: die nördliche Halle ein dreischiffiger Langbau mit 3800 qm Grundfläche, die südliche Halle (1800 qm) ein Zentralbau mit Laterne. Nach der ursprünglichen Nutzung als Markthalle übernahm der Architekt Prof. Josef Paul Kleihues die Restaurierung der beiden Hallen zum Ausstellungszentrums für Kunst und die Neugestaltung des Außengeländes. Die Deichtorhallen wurden durch die Körber-Stiftung restauriert und befinden sich im Besitz der Stadt Hamburg. 1989 wurden sie der Deichtorhallen-Ausstellungs GmbH übergeben. Am 9. November 1989 eröffnete mit

der Ausstellung »Einleuchten« von Harald Szeemann das internationale Kunstausstellungsprogramm der Hallen. Im Laufe ihrer Geschichte haben sich die Deichtorhallen Hamburg zu einem Ausstellungshaus für Fotografie und zeitgenössische Kunst mit drei institutionellen Standbeinen − drei Häuser unter einer Dachmarke – entwickelt. Seit 2009 ist Dr. Dirk Luckow Intendant der Deichtorhallen Hamburg, die er gemeinsam mit dem Kaufmännischen Direktor Bert Antonius Kaufmann leitet.

Spannende Ausstellungen in modernem Ambiente In der Halle für aktuelle Kunst − mit rund 3800 qm die größte zusammenhängende Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst in Europa − werden in Großprojekten künstlerische Positionen der Gegenwart vorgestellt. Einzelausstellungen von Malern, Bildhauern und Designern mit internationalem Ruf stehen dabei im Vordergrund. Die Projekte werden dabei zumeist ortsspezifisch in enger Kooperation mit den Künstlern entwickelt. Darüber hinaus werden Themen- und Gruppenausstellungen sowie große internationale Kunstsammlungen gezeigt. Die Halle für aktuelle Kunst beheimatet außerdem eine Buchhandlung sowie das Café Fillet of Soul.

Internationale Fotografie mit höchstem Anspruch

Sammlung Falckenberg © Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg ADRESSE Halle für Aktuelle Kunst Haus der Photographie Deichtorstraße 1-2 20095 Hamburg www.deichtorhallen.de ÖFFNUNGSZEITEN Di–So 11–18 Uhr eden 1. Donnerstag im Monat: 11 21 Uhr (außer an Feiertagen) FEIERTAGSÖFF U GE 11 18 UHR eujahr 13 18 Uhr Mo geschlossen 24. & 31.12.2017 geschlossen

EINTRITTSPREISE ormalpreis EUR 10 Ermäßigt EUR 6 Dienstagskarte: EUR 5 Euro (ab 16 Uhr) Kombitickets (gültig 4 Wochen ab Kaufdatum): EUR 14 (2 Häuser 1 Preis: Halle für aktuelle Kunst/Haus der Photographie), EUR 25 (3 Häuser 1 Preis: Halle für aktuelle Kunst/Haus der Photographie/ Sammlung Falckenberg) KinderPlus (max. 2 Erw. mit Kindern unter 18 ahren): EUR 15 Kinder und ugendliche unter 18 ahren: frei

Mit dem Haus der Photographie im südlichen Gebäude der Deichtorhallen erhielt Hamburg 2005 ein Ausstellungshaus nur für Fotografie von hohem internationalen Niveau. Das Haus der Photographie zeigt internationale

AUSSTELLUNGSVORSCHAU A EC SOTH GATHERED EAVES 8.9.2017 7.1.2018 IM HAUS DER PHOTOGRAPHIE PETER BIA OBRZESKI DIE ZWEITE HEIMAT 8.9.2017 7.1.2018 IM HAUS DER PHOTOGRAPHIE PETER SAU 30.9.2017 28.1.2018 I DER SAMM U G FA CKE BERG A ICE EE

PAI TER OF MODER

IFE

13.10.2017 14.1.2018 I DER HA E FÜR AKTUE E KU ST TRIE

A E DER PHOTOGRAPHIE HAMBURG 2018

uni–September 2018

Wechselausstellungen zur Fotografie, von historischen Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zu jungen Fotografen der Gegenwart und Aspekten der digitalen Revolution. Im Haus der Photographie finden Sie außerdem die Bibliothek F.C. Gundlach mit ihren 9.000 Bänden, die Fotobuchhandlung und das Restaurant Fillet of Soul.

Zeitgenössische Kunst am Puls der Zeit Seit 2011 werden die beiden Gebäude am Übergang von der Hamburger Kunstmeile zur Hafencity durch eine Dependance in Hamburg-Harburg mit der Sammlung Falckenberg ergänzt. Die Sammlung Falckenberg umfasst etwa 2000 Arbeiten der zeitgenössischen Kunst. Ihr Schwerpunkt liegt auf deutscher und amerikanischer Gegenwartskunst der letzten 30 Jahre. Neben Sonderausstellung sind wechselnde Sammlungs- und Themenpräsentationen sowie dauerhafte Installationen von John Bock, General Idea, Thomas Hirschhorn, Mike Kelley, Jon Kessler, Jonathan Meese oder Gregor Schneider zu sehen.

FÜHRUNGEN Öffentliche Führungen Sa, So sowie an den gesetzlichen Feiertagen: Haus der Photographie um 15 Uhr, Halle für aktuelle Kunst um 16 Uhr. Für beide Führungen ist keine Anmeldung erforderlich. eden ersten Donnerstag im Monat: Haus der Photographie um 18 Uhr, Halle für aktuelle Kunst um 19 Uhr. Für beide Führungen ist keine Anmeldung erforderlich. Gruppenführungen Besucherbüro, Persönliche Sprechzeiten: Mo, Mi, Fr, 10 12 Uhr Tel. +49 (0)40 32103 200 besucherbuero@deichtorhallen.de

Haus der Photographie | © Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg


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Foto | Hamburg | Deichtorhallen | 43

© Henning Rogge

INTERVIEW

mit Prof. Dr. Dirk Luckow Intendant Deichtorhallen Hamburg

Was macht für Sie ein gutes Foto aus? Wenn es mich irritiert, in sich schlüssig ist und mir mit Selbstbewusstsein entgegentritt. Ist Fotografie erklärungsbedürftig oder selbsterklärend? Es gibt die allgemein gängige Ansicht, dass eine Fotografie sehr direkt von den meisten Menschen nachempfunden und verstanden wird. Doch die Leute möchten heute auf vielen Ebenen Informationen erhalten. Deshalb sind die Geschichten, die über das, was auf dem Foto zu sehen ist, hinausgehen, immer interessant. Ist bei einer Fotografie etwas vorgetäuscht oder echt? Handelt es sich um einen Schnappschuss oder ist das Bild von langer Hand vorbereitet? Was ist die innere Stringenz eines Bildes? Gegen welche Fotografie wird sich abgegrenzt? In einer guten Fotografie bündelt sich eine Summe subjektiver Sichtweisen zu einer neuen Objektivität. Diese Logik im Bild und die Geschichten rund um eine Fotografie erklären die Haltungen hinter den Bildern, lösen das Bildrätsel und tragen zum Verständnis bei. Wann und wie entstand die Idee zu einem Haus der Photographie in Hamburg? Es gibt eine lange Tradition für Fotografie in Hamburg. Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, holte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Fotografie ins Museum. Fotografie hat die Menschen in der Medienstadt Hamburg immer brennend interessiert. 1999 begeisterte die erste Triennale der Photographie

das Publikum. 2002 beschloss der Hamburger Senat, die südliche Deichtorhalle in ein „Haus der Photographie“ umzuwidmen. F.C. Gundlach hatte der Stadt seine Sammlung als Dauerleihgabe angeboten. Die Deichtorhallen waren der logische Ort dafür, ein lebendiges Haus dem neuen Medium Foto auf der Basis einer hervorragenden FotografieSammlung zu widmen. 2003 wurde mit dem Umbau begonnen. Die Eröffnung folgte 2005 mit einer Martin Munkácsi Ausstellung. Das war bahnbrechend. Heute tragen die Deichtorhallen Entscheidendes dazu bei, dass Hamburg als eine Stadt der Fotografie wahrgenommen wird, in der wichtige Dinge rund um die Fotografie passieren. Gäbe es dieses ohne F.C. Gundlach und seine Sammlung? Nein. F.C. Gundlach ist Gründungsdirektor und als empfindsamer Beobachter fotografischer Entwicklungen großer Fürsprecher für die Fotografie seit Langem weit über Hamburg hinaus. Das begann 1971, als er noch als Modefotograf die Firma Professional Photo Service (PPS) im Bunker auf dem Heiligengeistfeld eröffnete. 1975 ergänzte er dieses Fotolabor durch eine Galerie in einer Zeit, als der Kunstmarkt für Fotografie noch gar nicht richtig existierte. Bis 1992 hatte Gundlach über 100 thematische und monografische Ausstellungen gezeigt, von Richard Avedon über Robert Mapplethorpe bis Wolfgang Tillmans. Als Nächstes wurde die Triennale der Photographie von ihm ins Leben gerufen. Immer wichtiger wurde ihm auch das Sammeln von Fotografien. Was Gundlach nicht über seine Galerie verkaufte, hat er privat

weitergesammelt. Die Sammlung bildete ein Gegengewicht zu seiner eigenen Tätigkeit als Fotograf und Galerist. Sein eigenes fotografisches Werk umfasst 20.000 Fotografien, seine Sammlung rund 15.000 Exponate. Das Thema „Das Bild des Menschen in der Fotografie“ wurde zum Leitfaden seiner Sammlung im Haus der Photographie und nach wie vor wichtiger Orientierungspunkt für unser Programm. Wie ist das Ausstellungskonzept des Hauses der Photographie im Spagat zwischen Sammlungsbestand und Neuem? Und dies als Ergänzung oder Abgrenzung zum Programm in der Halle für aktuelle Kunst? Im Haus der Photographie zeigen wir junge und arrivierte FotoPositionen, immer wieder noch zu entdeckende Berühmtheiten wie Lilian Bassmann, Saul Leiter, Harry Callahan, Guy Bourdin oder Sarah Moon, um nur einige zu nennen. Häufig sind fotografische Positionen aus der Sammlung F.C. Gundlach Ausgangspunkt einer Ausstellung. Die Sammlung lädt immer auch dazu ein, das ganze Spektrum der Fotografie zu erfassen. Darüber hinaus eröffnen wir neue Sichtweisen auf die Fotografie, etwa in dem alljährlichen Projekt „gute aussichten – junge deutsche fotografie“. Darin grenzt sich das Programm des Hauses der Photographie von der Halle für aktuelle Kunst ab, in der wir früher auch Fotografen wie Andreas Gursky, Annie Leibovitz oder Wolfgang Tillmans gezeigt haben. Das war allerdings noch vor der Eröffnung des Hauses der Photographie. Heute werden dort künstlerische Gesamtinszenierungen, Retrospektiven oder Kunstsammlungen

präsentiert. Das Medium Fotografie bleibt dem Haus der Photographie überlassen, wenngleich die Grenzen zwischen den Genres immer fließender werden und wir völlig undogmatisch vorgehen. Sie bespielen mit der Halle für aktuelle Kunst, dem Haus der Photographie und der Sammlung Falkenberg in Hamburg-Harburg drei unterschiedliche Häuser. Wie wichtig ist das Ergebnis jedes einzelnen Hauses für das Gesamterlebnis und die Wirtschaftlichkeit der Deichtorhallen? Und welchen Anteil hat dabei die Photographie? Die drei Häuser stehen wirtschaftlich auf eigenen Füßen, wenn man einmal von der insgesamt prekären wirtschaftlichen Lage unserer Institution absieht. Ausstellungen im Haus der Photographie sind in der Regel deutlich kostengünstiger als Ausstellungen etwa in der fast doppelt so großen Halle für aktuelle Kunst. So finanzieren sich die Ausstellungen im Haus der Photographie schon über die Besucherzahlen, während die Ausstellungen in der Nordhalle stärker durch Sponsoren, Stiftungen, private Geldgeber oder den Förderkreis mitfinanziert werden. Das Budget in der Sammlung Falckenberg ist komplett getrennt von denen der beiden anderen Häuser. In Harburg zeigen wir, um das noch zu ergänzen, sperrigere, eigenwillige Positionen. Das sind häufig Künstler, die für andere Künstler eine wichtige Rolle gespielt haben, aber auch Universal-Künstler wie William Burroughs, Wim Wenders oder Bob Wilson. Auf diese Weise rundet sich das Ausstellungsprogramm in den drei Häusern interessant ab.

Sie haben ein großes und breit aufgestelltes Angebot im Bereich „Kulturelle Bildung, unter anderem sind sie für Ihr Angebot „Kunstlabor“ ausgezeichnet worden. Wie wichtig ist dieses für Ihr Haus? In den Deichtorhallen haben wir Besucher, die kommen, weil sie etwas verstehen wollen. Diese sind oftmals weit entfernt von den reinen Insidern der Kunstwelt. Ein Angebot wie das „Kunstlabor“ erwarten die Leute von uns. Sie wollen hier ihren Horizont erweitern. Deshalb spielt die kulturelle Bildung automatisch und auch immer schon eine wichtige Rolle in den Deichtorhallen – mit über 1200 Führungen und Workshops im Durchschnitt ist das ja auch eindrucksvoll belegt. Wir fragen uns, was können Kunst und Fotografie leisten, um Menschen unterschiedlichster Schichten und kultureller Voraussetzungen anzusprechen, ohne dass die eigenen Ansprüche an die Qualität aufgegeben werden müssen. Wie erreichen wir vor allem auch jüngere Menschen, die einfach mal etwas kennenlernen oder austesten wollen? Besonders bei den von Künstlerinnen und Künstlern geleiteten Workshops mache ich nur gute Erfahrungen. Jetzt haben wir mit „YAP – Young Artists Perspectives“ ein Projekt angeschoben, bei dem Kunststudenten durch die Ausstellungen führen. Wir sind und bleiben ein sehr künstlerisch orientiertes Haus. Wir eröffnen den Künstlern Handlungsspielräume, bieten ihnen ein Forum, auch im Bereich der kulturellen Bildung. Die Kunst ist zugleich in den Deichtorhallen kein elitäres Projekt. Sie ist aber auch kein nettes gutbürgerliches Fortbildungsprojekt. Wir stehen mit unserem Haus mitten drin in der Gesellschaft. Was bieten Sie speziell zum Thema Fotografie und den Ausstellungen im Haus der Photographie an? Bezug nehmend auf das inhaltliche Thema der jeweiligen Ausstellungen erstellen wir ein Rahmenprogramm. Das ist individuell gestrickt und sehr flexibel. Unser Angebot umfasst öffentliche Führungen, Kuratoren- und

© Michael Schipper PROF. DR. DIRK LUCKOW Prof. Dr. Dirk uckow ist seit 2009 Intendant der Deichtorhallen Hamburg. Er promovierte an der FU Berlin im Fach Kunstgeschichte über oseph Beuys und die amerikanische Anti-Form-Kunst und war unter anderem an der Kunstsammlung ordrhein-Westfalen in Düsseldorf, am Solomon R. Guggenheim Museum in ew ork, am Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, als Projektleiter für bildende Kunst beim Siemens Arts Program in München und von 2002 bis 2009 als Direktor der Kunsthalle zu Kiel tätig. Darüber hinaus ist Dirk uckow Intendant der Triennale des internationalen Foto Festivals in Hamburg. Dieses ahr hat er eine Ehrenprofessur der Hochschule für bildende Künste Hamburg erhalten.

Sammlerführungen, Führungen mit besonderen Gästen, Jugendführungen, Künstlergespräche wie zum Beispiel mit Viviane Sassen oder Andreas Mühe, Workshops für Schulklassen, ein „Fotolabor“ mit Workshop zur Fotografie und Nutzung der Dunkelkammer, u.a. mit Einführung in traditionelle Fotografie-Techniken. Die Ergebnisse des Workshops werden auf dem Deichtorplatz in einer Outdoor-Ausstellung präsentiert. Für Schulklassen im Klassenverband haben wir freibuchbare Workshops zu einem Thema. Stark nachgefragt sind auch die Fotokurse für Erwachsene. Unter fotografischer Anleitung wird anlässlich der kommenden Ausstellung zu Alec Soth gearbeitet. Mit dem „Klub der Künste“ planen wir Treffen mit Künstlern und Fotografen wie jetzt mit der Hamburger Künstlerin Annika Kahrs. Ferienkurse sind immer besonders gefragt. Immer wieder bieten wir auch den Blick hinter die Kulissen an oder arbeiten größere Vortragsund Diskussionsprogramme mit Kooperationspartnern aus. Und natürlich haben wir unser Angebot auch zunehmend in die wichtigen sozialen Netzwerke wie Instagram ausgedehnt, wo wir z.B. mit Formaten wie InstaMeets und speziellen Wettbewerben aktiv auf die Communitys zugehen. Im nächsten Jahr findet die 7. Triennale für Photographie statt, die auf eine Initiative des Fotografen und Sammlers Prof. F. C. Gundlach zurückgeht und von Ihrem Haus veranstaltet wird. Was ist geplant? Die Triennale für Photographie ist das älteste kontinuierlich stattfindende Foto-Festival in Deutschland. Wir rechnen für 2018 mit insgesamt 90 Orten, an die 100 Künstlerinnen und Künstler und mit ebenso vielen Events. Dazu gehören immer auch Orte, die man nicht unbedingt mit Fotografie verbindet. Erfreulich ist auch, dass wir den Kurator der sehr erfolgreichen 6. Triennale der Photographie Hamburg 2015, Krzysztof Candrowicz, erneut als künstlerischen Leiter gewinnen konnten. Inhaltlich geht es bei dem Motto „Breaking Point. Searching for a Change“ um die Idee der Fotografie, den Lauf der Zeit für einen Moment zu unterbrechen, potenziell einen Wandel einzuleiten, eine Veränderung anzustoßen. Es geht auch um die Rolle der Fotografie in unruhigen Zeiten. Wie kann sich die Fotografie hierin sinnvoll einbringen, wie dem historischen Druck standhalten und vielleicht sogar die Welt verändern? Das deutet an, dass sie sich durchaus politisch versteht. Wichtiger inhaltlicher Baustein dieser Triennale wird der Hinweis auf das mächtige Keyboard unserer Computer mit den Kategorien Space, Home, Shift, Control, Enter, Return, Delete oder Escape sein: Befehle, die jeden Tag millionenfach ausgelöst werden und zugleich Kapitelüberschriften für das Konzept bilden, welches die Häuser der Hamburger Kunstmeile miteinander verbindet. Das Gespräch führte Kai Geiger.


44 | Fotografie

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FOTOGRAFIE

entstandenen Formate der Fotoreportage und des Fotoessays prägte. Augenstein unterhielt enge Kontakte in die Berliner Künstler- und Intellektuellenszene. Ihr Werk enthält u.a. Porträts vieler bekannter Persönlichkeiten, wie beispielsweise Otto Dix, Renée Sintenis, Hans Albers, Thomas Mann und Max Liebermann. Ihre Fotos zeichnen sich dabei besonders durch ihre Ausdrucksstärke und die Nähe zu den Porträtierten aus. 15.10.2017 – 12.2.2018 | www.liebermann-villa.de

© RAW Photofestival

Worpswede RAW PHOTOFESTIVA Zum zweiten Mal feiert Worpswede die zeitgenössische Fotografie im Rahmen eines großen Fotofestivals. Vom 17. September bis 15. Oktober findet in dem bekannten Künstlerort unter dem Motto LOOK CLOSELY das RAW 17 PHOTOFESTIVAL WORPSWEDE statt. Ein siebenköpfiges Team um die beiden Fotografen Rüdiger Lubricht und Jürgen Strasser organisiert ein ambitioniertes Ausstellungsprogramm sowie ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Vorträgen, Filmen, Workshops, Symposium, Fotomarkt und verschiedenen Publikumsaktionen. Sechs anspruchsvolle Ausstellungen mit international renommierten Fotokünstlern sind zu sehen. 17.9. – 15.10.2017 | www.raw-photofestival.de

Heidelberg | Mannheim | udwigshafen Biennale für aktuelle Fotografie

© ullstein bild

schiedet sich von

Baden-Baden ROD E GRAHAM. IGHTBO ES

der Fotografie, wie

Gezeigt werden rund 20 monumentale Fotoleuchtkästen des kanadischen Konzeptkünstlers Rodney

Berlin DIE ERFI DU G DER PRESSEFOTOGRAFIE AUS DER SAMM U G U 1894-1945

sie bisher bekannt

Graham (*1949) von 2000 bis heute.

Die Fotografie zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts

ist. Unter dem Titel

Die Fotoleuchtkästen nehmen in dem vielfältigen Werk des Multitalents eine besondere Stellung

in die Zeitungswelt ein und veränderte damit die

Farewell Photogra-

ein. Ihre Bildsprache ist opulent sinnlich und tiefsinnig komisch, sie vermitteln Erfrischendes und

Presselandschaft und unsere Wahrnehmung der

phy beleuchtet ein

Verblüffendes, wobei Graham durch seine ironische Vielschichtigkeit und kulturgeschichtlichen Re-

Wirklichkeit. Gleichzeitig entwickelte sich die

sechsköpfiges

Ku-

ferenzen die schöne Oberfläche immer wieder untergräbt. Rodney Graham inszeniert sich in seinen

Pressefotografie zu einem eigenen Genre. Am Bei-

ratorenteam einen

Fotografien gerne selbst als Hauptdarsteller. Er bezieht sich auf Literatur, Musik, Film oder die Ikonen

spiel des Zeitschriften-„Flaggschiffs“ des Ullstein-

sich radikal verän-

der Kunstgeschichte und begibt sich immer mit subtilem Humor in die unterschiedlichsten Rollen

Verlags, der Berliner Illustrierten Zeitung (BIZ),

dernden

hinein.

zeichnet die Ausstellung diesen Prozess nach. Die

bis 26.11.2017 | www.museum-frieder-burda.de

BIZ erschien von 1894 bis 1945 bei Ullstein und

Die erste Biennale für aktuelle Fotografie, die ab dem 9. September 2017 in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg zu sehen sein wird, verab-

mit

Umgang

Bildern

im

Rodney Graham, Paradoxical Western Scene, 2006. Leuchtkasten, 147,3 x 121,9 x 17,8 cm. Courtesy Hauser & Wirth and the artist © Rodney Graham, 2017

digitalen Zeitalter und präsentiert ei-

STEI

war mit einer zeitweiligen Auflage von fast zwei Aktaufnahmen, darunter zahlreiche unveröffent-

nicht zuletzt in Zeiten digitaler Kommunikation?

Millionen Heften die erfolgreichste deutsche Pub-

lichte Studioporträts. Bei dieser Bildauswahl geht

The Hobbyist ist die erste grosse Ausstellung, die

likumszeitschrift. Mit ihrem vielfältigen Themen-

es um die Visualisierung und Materialisierung

das Verhältnis von Fotografie und Hobbykultur in

spektrum und Aufnahmen berühmter Fotografen

des „Ausziehens“, um eine Analyse der Übergän-

den Blick nimmt, und sich dabei sowohl dem Fo-

und bekannter Bildagenturen erreichte sie breite

sieben Kapiteln, in sieben Häusern der Region,

ge von Mode, Erotik und Anatomie, welche uns

tografieren von Hobbys wie auch der Fotografie als

Schichten der Bevölkerung. Der Verlag hatte be-

zeigt die Biennale Arbeiten von mehr als 60 inter-

einen tiefen Einblick in Testinos Archive und

Hobby widmet. In fünf Kapiteln geht die Ausstel-

reits seit den 1890er-Jahren die technische und

nationalen Fotografinnen und Fotografen, Künst-

Arbeitsmethodik gewährt. Von Helmut Newton

lung der Frage nach, was ein Hobby in einer Zeit

stilistische Entwicklung des Fotodrucks und der

lerinnen und Künstlern. Gezeigt werden junge

wurden Originalabzüge unterschiedlicher Forma-

sein könnte, in der sich mit dem Wirkungsgrad des

Pressefotografie in Deutschland vorangetrieben

zeitgenössische Arbeiten, die unsere digitale Bild-

te aus dem Stiftungsarchiv ausgewählt, die bis-

Internets das Verständnis von privaten und sozia-

und gab entscheidende Impulse für die Heraus-

kultur reflektieren, historischen fotografischen

lang überwiegend noch nicht gezeigt wurden. In

len Räumen verschoben hat.

bildung und Professionalisierung des deutschen

Positionen gegenübergestellt. Mehr als sechzig

June's Room zeigt die Stiftung „Pool Party“ von

9.9.2017–28.1.2018 | www.fotomuseum.ch

Fotojournalismus. Im Zentrum der Ausstellung

internationale Künstlerinnen und Künstler zei-

Jean Pigozzi; eine ebenfalls installative Präsenta-

stehen analoge Fotografien aus den Beständen der

gen zum Teil eigens für die Biennale entwickelte

tion von kleinformatigen, schnappschussartigen

fotografischen Sammlung ullstein bild.

Arbeiten. Der Stadtraum wird mit künstlerischen

Aufnahmen rund um Pigozzis Swimming Pool am

bis 31.10.2017 | www.dhm.de

Interventionen und performativen Formaten be-

Cap d’Antibes, wo sich neben Helmut und June

spielt. Eine umfangreiche Website soll die Debat-

Newton auch zahlreiche andere Prominente ent-

ten und Ergebnisse um die Biennale-Ausstellung

spannten oder ausgelassen feierten.

Düsseldorf 100 AHRE IKO

öffentlich zugänglich machen.

bis 19.11.2017 | www.helmut-newton.de

Es war eine Nikon, mit der Steve McCurry 1984

nen anderen Blick auf die Geschichte der Fotografie. In

Andrzej Steinbach, Ohne Titel, 2015, aus: Figur I, Figur II, Inkjet-Print, 90 x 60 cm | © Andrzej Steinbach, courtesy Andrzej Steinbach und Galerie Conradi

das junge afghanische Mädchen mit den grünen

9.9.–5.11.2017 | www.biennalefotografie.de

Augen fotografierte. Auch der unerschütterliche

Berlin Mario Testino. Undressed Helmut ewton. Unseen ean Pigozzi. Pool Party Helmut Newton hatte bei der Gründung seiner Stiftung im Jahr 2003 verfügt, parallel zu seinem eigenen Werk anderen Fotografen hier ebenfalls ein Forum zu bieten. Dieser Wunsch wird auch posthum

umgesetzt,

und diesmal sind es zwei

ungewöhnliche

Projekte ter

Food, ca. 1971-73 (Goodden/Matta-Clark/Girouard/Harris/Lew) © Cosmos Andrew Sarchiapone/Courtesy White Columns, New York

befreunde-

Kollegen:

Mario

Käthe Augenstein: Damenporträt, Berlin, um 1930, Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

Berlin Käthe Augenstein-Fotografien

nos „Undressed“ ist

Winterthur (CH) THE HOBB IST – HOBB S, FOTOGRAFIE U D HOBB -FOTOGRAFIE

eine

ortsspezifische,

Was passiert, wenn Fotografinnen und Künstle-

nigen weiblichen Pressefotografinnen, die Ende

für die Helmut New-

rinnen Hobbys zum Gegenstand ihrer Arbeit ma-

der 1920er-Jahre in Berlin erfolgreich tätig waren.

chen, um etablierte künstlerische Praktiken und

Nach einer Ausbildung im Berliner Lette-Verein

Hierarchien herauszufordern? Wie stellen Hob-

arbeitete die gebürtige Bonnerin für die renom-

byisten ihre Leidenschaft über die Fotografie dar,

mierte Agentur Dephot, die maßgeblich die neu

Testino und Jean Pigozzi.

Mario Testi-

ton Stiftung exklusiv konzipierte

Installa-

tion aus Mode- und

Helmut Newton, Heather looking through a keyhole, Paris, 1994 © Helmut Newton Estate

Käthe Augenstein (1899-1981) zählt zu den we-

Thekla Ehling: „Mädchen auf dem Bett“, aus der Serie „Sommerherz“, 2008 © Thekla Ehling


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Fotografie | 45

„Tank Man“ von Charlie Cole oder zahlreiche

Fotografen unserer Zeit. Araki eignet sich die ihn

Weltraum-Aufnahmen der Nasa entstanden mit

umgebende Welt seit den 1960er-Jahren tagtäglich

Kameras und Objektiven der Firma Nikon. Fo-

und obsessiv mithilfe des Mediums Fotografie an,

tografen und Fotojournalisten sind dabei, wenn

eine Aneignung, die mittlerweile in fast 400 Bü-

Weltgeschichte geschrieben wird, sie haben große

chern Niederschlag gefunden hat. Sein künstleri-

Ikonen geschaffen, kleine Momente festgehalten

sches Werk umspannt ein vielfältiges Spektrum an

und die unterschiedlichsten Facetten des mensch-

Themen, von hocherotischen Frauendarstellun-

lichen Lebens dokumentiert. Seit hundert Jahren

gen, die international großes Aufsehen erregten,

begleitet Nikon Fotografen in ihrem Alltag und

über artifizielle Stillleben, Pflanzenfotografien, re-

gibt ihnen ein Werkzeug für ihre Arbeit, jeden

portagehaft anmutende Alltagsdarstellungen und

Tag und zu jeder Zeit. Die Ausstellung „leben 24/7

Architekturaufnahmen bis hin zu sehr persönli-

– 100 Jahre Nikon“ präsentiert ab dem 22. Sep-

chen, fast tagebuchartigen Fotografien von sich

tember 2017 eine Auswahl an Nikon-Fotografien

und seiner früh verstorbenen Frau Yoko.

aus den letzten Jahrzehnten und zeigt, wie eine

26.10.2017–4.3.2018 | www.pinakothek.de

Kamera dabei selbst zur Legende wurde. 22.9.–5.11.2017 | www.nrw-forum.de

Adolphe Braun: Ohne Titel (Schafherde, Dornach) Albuminpapier, um 1858 © Münchner Stadtmuseum

München Adolphe Braun. Ein europäisches Photographie-Unternehmen und die Bildkünste im 19. ahrhundert Der Franzose Adolphe Braun (1812-1877) zählt zu den erfolgreichsten Fotografen im Europa des 19. Jahrhunderts. Mit einer mehr als 300 Aufnahmen umfassenden Serie von Blumenstillleben gelang ihm 1855 auf der Pariser Weltausstellung © Nobuyoshi Araki_GV162-01

München ARAKI.TOK O Pinakothek der Moderne Sammlung Moderne Kunst

der künstlerische Durchbruch. Von 1860 an fotografierte Braun mit seiner großformatigen Kamera die alpinen Landschaften und Städte der Schweiz, die gelegentlich von Gustave Courbet als Vorlagen für Gemälde verwendet wurden. Nicht nur in

2004 konnte mit Unterstützung von PIN die Ori-

der französischen und deutschen Kunst von Clau-

Jean-Christophe Ammann o. T. (USA, 1972), 1972 Silbergelatineabzug auf DIN-A4-Blatt aufgezogen 21 x 29,7 cm

ginalvorlage von Arakis Buch Tokyo erworben

de Monet, Rosa Bonheur, Eugène Fromentin, Er-

Estate Balthasar Burkhard © Estate Jean-Christophe Ammann, 2017

werden, bestehend aus 28 kleinformatigen foto-

nest Meissonier oder Anselm Feuerbach waren die

grafischen Diptychen. 1973 erschienen, gehört

Fotografien von Braun als Studien beliebt, auch

Tokyo zu den ersten Künstlerbüchern, die Araki

die amerikanische Stilllebenmalerei von William

Das Werk des Schweizer Künstlers Balthasar Burkhard (1944–2010) reflektiert die künstlerische Selbst-

veröffentlichte, denen in den kommenden vier

Harnett verdankt dem Elsässer wesentliche Im-

erfindung eines Fotografen und mehr noch, die künstlerische Karriere des Mediums Fotografie in der

Jahrzehnten mehrere Hundert folgen sollten.

pulse. Neben fotografischen Stillleben, Tierstu-

zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Arbeiten verbindet sich der Anspruch, den Körper

Die Ausstellung stellt die Tokyo-Serie vor, ergänzt

dien, Architektur- und Landschaftsdarstellungen

als Skulptur und das fotografische Bild als Leinwand zu erfassen – damit war Burkhard einer der

durch weitere frühe Fotografien von Araki sowie

konzentrierte sich Braun auf die Kunstreproduk-

Ersten, welche die Fotografie als monumentales „Tableau“ in die zeitgenössische Kunst überführten.

Künstlerbüchern aus den 1960er- und 70er-Jah-

tion. Das Unternehmen Braun galt als führend in

Die Retrospektive zeichnet die vielfältigen Aspekte des Werkes nach: Burkhards Anfänge als Reporta-

ren. Es erscheint eine exklusive Werk-Monografie

der präzisen Wiedergabe von Werken der Malerei,

gefotograf, seine Rolle als Chronist der Gegenwartskunst seiner Zeit ebenso wie seine Emanzipation

in limitierter Auflage.

Skulptur und Grafik.

als Fotokünstler.

Der Japaner Nobuyoshi Araki (*1940) zählt zu den

6.10.2017–21.1.2018

20.10.2017 – 14.1.2018 | www.museum-folkwang.de

wohl produktivsten, aber auch provokativsten

www.muenchner-stadtmuseum.de

Essen Balthasar Burkhard

München Ellen von Unwerth: Heimat Nach in

einem

Los

furiosen

Angeles

Auftakt

eröffnet

die

Münchner Galerie IMMAGIS am 14. September 2017 die Ausstellung HEIMAT mit über 30 Werken der deutschen Starfotografin Ellen von Unwerth (*1954). Pünktlich zum Oktoberfest lädt von Unwerth den Betrachter zu ihrer fotografischen

Lustreise

durch

ihr Heimatland Bayern ein und verzückt mit einer erotisch aufgeladenen, nostalgisch angehauchten und üppig inszenierten Serie voller Lebenslust. In ihrem gleichnamigen Fotoband, aus dem diese Ausstellung kuratiert wurde, fächert die gebürtige Süddeutsche ihr durch Helmut Newton inspiriertes Repertoire auf und erzählt mit zumeist weiblichem Personal humoristisch-ironische, lebendige und freche Kurzgeschichten. 15.9.–11.11.2017 www.immagis.de

Ellen von Unwerth, Tête à Tête , Bavaria, 2015 © + courtesy Ellen von Unwerth


46 | Fotografie | arttourist.com

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Making Of Tamina-Florentine Zuch & Helmuth Scham | © Foto: Daniel Etter | www.danieletter.com

„DER“ FOTOGRAF Seit der ersten Ausgabe arbeitet arttourist. com mit dem Konstanzer Fotografen Helmuth Scham zusammen, der von Beginn an begeistert von der Idee war, seitdem für die Zeitung mit den wechselnden Namen brennt und jede Ausgabe mit seinem Titelfoto zu einem ganz besonderen Exemplar macht. Helmuth Scham ist Autodidakt, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und inzwischen ein viel gefragter

PABLO. Erich Schütt, Bauer, Pfaffenhofen an der Roth

FRIDA. Zemra Accarli, Modedesignerin, Zürich & Istanbul

Fotograf ist. In der nunmehr zwölften Ausgabe, die zudem einen Fotoschwerpunkt hat, war es an der Zeit, unseren Lesern eine der wichtigen Personen hinter der Zeitung vorzustellen und die 11 Titel (bis auf JULES, das in Nantes von dem französischen Fotografen Olivier Metzger fotografiert wurde) nochmals Revue passieren zu lassen. www.schampus.com | www.arttourist.com

THOMAS. Otto Katzameier, Bassbariton, München


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Fotografie | arttourist.com | 47

GRET. Garance Hurfin, Tänzerin Ballet de l'Opéra National de Bordeaux, Bordeaux

INTERVIEW

mit Helmuth Scham (BFF) SCHAMPUS PHOTOGRAPHY KONSTANZ Was fasziniert Sie an der Fotografie? Es ist die Dokumentation von Alltag und Sein auf dem Schnellzug des Wandels und der Vergänglichkeit. Und die Begegnung mit den Menschen vor der Kamera – jedes Mal eine Bereicherung! Ihr erstes Foto, an das Sie sich bewusst erinnern können? Ich habe ein Flusstal aus verschiedenen Perspektiven fotografiert, kurz bevor es mit einem gigantischen (und ebenso wichtigen) Brückenbauwerk nachhaltig entstellt wurde. Persönlich ein wichtiges Projekt, aus heutiger Sicht jedoch waren es miserable Bilder ... Welche Fotografen und Fotografinnen inspirieren Sie in Ihrer Arbeit? Heute sind das Annie Leibovitz, Martin Schoeller, die beiden Bechers und Richard Avedon. Früher, als Einstieg, natürlich Ansel Adams und Henry Cartier-Bresson, Eberhard Grames und Max-Otto Kraus. Wann wurde aus einem Hobby mehr? Wie kamen Sie zur Fotografie und dem Beruf dem Fotografen? Ich habe keine fotospezifische Ausbildung, stattdessen Ver-

waltungswissenschaften studiert. Weit vor und v.a. während des Studiums war immer unglaubliche Lust aufs Fotografieren und Dokumentieren da. Der Point of no return war meine erste Begegnung mit einer Dunkelkammer, späte 1980er, ich hatte endlich die Basis, mich aus der Abhängigkeit der klassischen Industrielabore befreien zu können. 10 Jahre später, mit Mac, Scanner und Photoshop, potenzierten sich die Möglichkeiten. Der Rest ist Geschichte - ganz viel Mut zur Selbständigkeit und: ohne Fleiß kein Preis!

KURT. Dieter Richter, Bühnenbildner, Köln

den wechselnden Personen, Charakteren, Berufen und Geschichten, die sich in jedem Titelgesicht vereinen, und wie bereiten Sie sich vor? So eine Produktion ist für alle Beteiligten immer ein Sprung in eiskaltes Wasser, allen Vorbereitungen und Abstimmungen zum Trotz. Meist sieht man Model und Location bei der Produktion zum ersten Mal – dann gilt es Ängste abzubauen, sich möglichst schnell über die Details der Location zu orientieren, daraufhin die Settings zu konzipieren und – wichtig – die Technik im Griff zu haben.

Mit dem ersten Schuss vergisst man dann alles um sich herum und ruft die Produktionsroutine ab, manchmal einen ganzen Tag lang, je nachdem, wie viel Zeit das Model mitbringt. Eine gute Vorbereitung ist Pflicht: Über Recherchen versucht man möglichst viel über Model und Location herauszufinden, um daraus Ideen und Konzeptionen zu entwickeln. Und manchmal überrascht einen das Model am Set mit einem Accessoire, welches nochmals einen ganz neuen Kosmos eröffnet. Die Shootings waren ausnahmslos spannend und inspirierend.

BILLIE. Rahmée Wetterich, Designerin, Kamerun & München

Gibt es ein Lieblingsshooting, ein Lieblingsgesicht, eine Lieblingsbegegnung? Das Lieblingsshooting war in der Semperoper mit Garance Hurfin – ich durfte einen sehr tiefen Blick in die Oper und ihre Dance Division werfen, die Betreuung durch die Oper war perfekt und Dresden gehört sowieso zu meinen Lieblingsstädten. Das Lieblingsgesicht war eindeutig Werner Bärtschi aus Schaffhausen, während die Lieblingsbegegnung mit Fotografin Tamina-Florentine Zuch – dem aktuellen CoverGesicht – war.

Wie war es für Sie, eine Kollegin, Tamina-Florentine Zuch, für GABRIELE zu fotografieren? Nun, fotografisch gesehen war das eher unspektakulär, denn wir haben beide professionell unseren Job gemacht. Produktionsroutine unter Profis! Darüberhinaus ein tolles Kennenlernen, da sie die Fotografie komplett anders (er-)lebt als ich. Wir haben gegenseitig viel Wissen und Erfahrungen ausgetauscht, fast schon wie auf einem Symposium.

Was sind die Schwerpunkte, das Portfolio Ihrer Arbeit? Corporate, People, Editorials. Und Architektur. Was war Ihr erster Gedanke, als Kai Geiger Ihnen die Idee von einer Zeitung mit wechselnden Namen und Gesichtern vorstellte? Verrückte Sache. Hochinteressant. Und ich mittendrin? Das will ich ausprobieren! Sie haben 11 von 12 Titeln das Gesicht gegeben, die „Modelle“ inszeniert und festgehalten. Was ist die größte Herausforderung mit EMILE. Werner Bärtschi, Pianist und Komponist, Schaffhausen

KATE. Fiona Dietz, Studentin, Ensemblemitglied Theater Hochschule Konstanz & Felix Strasser, Theaterleiter, Konstanz

ASTRID. Nicole Reinhardt, Erzieherin, Konstanz

CARL. Bernhard Gander, Komponist, Wien


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eue Musik | Ulm

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

ULM

NEUE MUSIK IM STADTHAUS ULM 7.–15.4.2018 1996 wurde die Reihe neue musik im stadthaus ulm aus der Taufe gehoben. Hier hat die Musik des 20. und des 21. Jahrhunderts ihre Präsenz. Zwischen Technik, Wissenschaft und Kunst bestehen vielerlei Wechselwirkungen. Für eine Stadt wie Ulm, die sich mit Attributen wie „Science Park“ und „Wissenschaftsstadt“ identifiziert, ist es unerlässlich, ein kulturelles Umfeld um Wissenschaften und High Tech zu bilden.

Architektur wirkt inspirierend auf die Musikerinnen und Musiker wie auf das Publikum. Der ungewöhnlichen, wohlbedachten Programmplanung des Projektleiters Jürgen Grözinger sind der breite Zuspruch und die Beachtung weit über Ulm hinaus zu verdanken. Neue Musik bleibt im Stadthaus Ulm nicht einem kleinen fachkundigen und somit elitären Kreis vorbehalten, sondern wird für viele erfahrbar.

Zunächst ist es das Stadthaus selbst, das mit seiner zeitgenössischen und dennoch deutlich der Tradition der Klassischen Moderne verbundenen Architektur Richard Meiers ein ideales Forum für neue Musik ist. Die

ADRESSE Stadthaus Ulm Münsterplatz 50, 89073 Ulm www.stadthaus.ulm.de

Nicholas Isherwood in Karl-Heinz Stockhausens "Capricorn", Festival "SPACES" 2014 I © Stadthaus Ulm

Late Night beim Festival "Sternennacht" 2009 I Foto: Rainer Zimmermann I © Stadthaus Ulm

Miako Klein (Bassblock

te), Festival BEAUTYbroken 2016 I © Stadthaus Ulm

Mathis Mayr (Cello) und Christian Vogel (Bassklarinette), in Clara Ianottas "The people here go mad. They blow the wind", "BEAUTYbroken" 2016 I © Stadthaus Ulm


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

eue Musik | Ulm | 49

ich mir vorstellen könnte, für das neugebaute Ulmer Stadthaus ein Konzept mit zeitgenössischer Musik zu entwerfen. Mich faszinierte die Idee, die besondere Architektur des Hauses mit Klang, mit Musik zu verknüpfen. Auch die Lage des Hauses, direkt im Herzen der Stadt und gegenüber einer bedeutenden gotischen Kathedrale, dem Ulmer Münster, war für mich von Beginn an Inspiration und Ansporn.

Foto: Martin Duckek © Stadthaus Ulm

INTERVIEW

mit Jürgen Grözinger Festivalgründer und Künstlerischer Leiter Wie kamen Sie zur zeitgenössischen Musik? Ich glaube, ich war 14, als ich Stravinskys „Sacre“ entdeckte. Es war eine der ersten LPs, die ich in meinem Leben erstand. Von da an ging es los: Für mich war es ein großes Abenteuer, all jene Werke der klassischen Moderne und bald auch der Neuzeit zu entdecken. Schon damals ging das einher mit meinem Interesse an anderen künstlerischen Entwicklungen der Gegenwart. Später lernte und studierte ich klassisches Schlagzeug – und da liegt der Schwerpunkt in der Literatur naturgemäß viel mehr im Zeitgenössischen als bei anderen Instrumenten. Gleichbedeutend war für mich schon immer die Beschäftigung mit diversen Strömungen der Pop-Musik, Jazz und ethnischen Musik-Traditionen. Wie steht es um das Interesse für zeitgenössische Musik, die Moderne in Ulm? Ulm hat keine Musikhochschule oder andere musikalische Institutionen, die von sich aus zeitgenössische Musik fördern – und somit auch kein Fachpublikum für zeitgenössische Musik. An der naturwissenschaftlich orientierten Universität Ulm gibt es erfreulicherweise die Gruppe „Experimentelle Musik Uni Ulm“ EMU. Darüber hinaus ist die Moderne in Ulm grundsätzlich jedoch ein wichtiges und in der Stadtbevölkerung verankertes Thema, basierend auf der ehema-

ligen, international bedeutenden „Hochschule für Gestaltung“, einem Nachfolgeprojekt des Bauhauses, mehreren wichtigen Privatsammlungen sowie seit den 90er-Jahren dem von Richard Meier gebauten Stadthaus Ulm mit seinen wechselnden und oft vielbeachteten Ausstellungen. Aus diesem Fundament heraus bildet sich auch das Grundinteresse für eine musikalische Moderne. Von Beginn an versuche ich deshalb, in meinen ProgrammKonzeptionen Verbindungen zu anderen ästhetischen und gesellschaftlichen Fragestellungen zu kreieren.

Spielt der Geist der HfG Hochschule für Gestaltung in Ulm dabei noch eine Rolle? Siehe oben. An die Geschichte der HfG wurde und wird in Ulm vonseiten einer kulturell interessierten Bürgerschaft immer wieder erinnert, auch im Zusammenhang mit unserem Festival. Sie haben 1996 eine Reihe für Neue Musik im Stadthaus Ulm ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Schon während meines Musikstudiums in München und Stuttgart initiierte ich einzelne musikalische Projekte in meiner Heimatstadt Ulm, oftmals mit Bezug zu Bildender Kunst und in besonderen Räumlichkeiten. Nach meinem KulturmanagementStudium in Hamburg wurde ich von der Stadtspitze gefragt, ob

Nächstes Jahr findet das nunmehr alle zwei Jahre stattfindende, als Biennale konzipierte Festival für Neue Musik Ulm statt. Was ist geplant? Nach meinem letzten Thema „BEAUTYbroken“ möchte ich auch das nächste Festival mit einem Begriff überschreiben, der zwar vielfache Entsprechung in der Musik findet, aber gleichzeitig in ganz andere Bereiche verweist: STIMMUNG. So werde ich um den gleichnamigen Klassiker von Karlheinz Stockhausen von 1968 sowohl einzelne Werke platzieren als auch Konstellationen aus unterschiedlichen Stücken setzen, die der Idee der „Stimmung“ vom eigentlich musikalischen Parameter bis zum psychologisch-emotionalen Phänomen Rechnung tragen. Was verbirgt sich hinter dem European Music Project, das von Ihnen gegründet wurde, und das Bestandteil des Festivals ist? Das EMP sollte von Beginn an „Ensemble in Residence“ der Ulmer Reihe werden, da ich mir nur so vorstellen konnte, einem neuen Festival ein einzigartiges Profil geben zu können, welches zudem meiner Idee der lokalen, nämlich architektonischen und stadtgesellschaftlichen Verankerung gerecht wird und sich dennoch in der Szene sehen lassen kann. Durch Musikpreise in meiner Jugend mit den entsprechenden Folgen internationaler Tätigkeiten wollte ich junge MusikerInnen verschiedenster Länder zu diesen Anlässen nach Ulm bringen, die, ähnlich wie ich, Lust am musikalischen Abenteuer haben, die sich instrumentaltechnisch auf höchstem Niveau bewegen und gleichsam offen sind für unterschiedlichste Musik und Formen

Jürgen Grözinger am DJ Pult | Foto: Pharea Nutello JÜRGEN GRÖZINGER ürgen Grözinger wurde in Ulm geboren. ach zwei Bundespreisen im Wettbewerb „ ugend Musiziert“ wurde er noch während seiner Schulzeit ungstudent an der Musikhochschule in München, wo er nach dem Abitur ein klassisches Musikstudium mit Hauptfach Schlagzeug begann. Dieses führte er an der Stuttgarter Musikhochschule fort. An der Hochschule für Musik und Theater Hamburg absolvierte er ein Aufbaustudium im Fach Kulturmanagement. Seitdem arbeitet er als Solist sowie in Orchesterprojekten und verschiedenen Ensembles für zeitgenössische Musik im In- und Ausland. Schon früh beschritt er eigene, neue Wege der Konzert-Gestaltung und der Präsentation von Musik. Dahinter stand der Wunsch, Grenzen zwischen Gattungen der Kunst und der Musik selbst zu öffnen und gegebenenfalls zu überwinden. Verpflichtet fühlte er sich dabei seinem hohen Anspruch an ualität und dem Wunsch, auch ungewöhnliche zeitgenössische Musik ein jedes Mal neu zum Erlebnis werden zu lassen. www.groezinger-music.de/ www.stadthaus.ulm.de soundcloud.com/juergen groezinger

des Musizierens. Nicht zuletzt sollte so auch der Gedanke einer europäischen Kultur darin seine Form finden. Das Ensemble besteht aus einem festen Kern von MusikerInnen und formiert sich darüberhinaus, entsprechend der Vorgaben der Werke, auch immer wieder neu. Wichtig sind neben profundem Umgang mit klassischem und zeitgenössischem Repertoire improvisatorische Fähigkeiten und Verständnis für aktuelle Pop- sowie Club-Musik. Das Ensemble möchte in seinen Programmen Spiegel aktueller ästhetischer und gesellschaftlicher Fragestellungen sein. Sie sind ein gefragter Musiker, Ideengeber und Kurator verschiedener Formate. Spannend finde ich Ihre Tätigkeit als Klassik DJ, Organisator von Opera und Concert Lounges und als Partner im WDR Klassik Club. Wie kamen Sie auf das Format und was ist Ihre Mission? Wahrscheinlich hatte ich schon immer eine Art „inneres Bedürfnis“, meinen Freunden und Bekannten gute und, wie ich meinte, „relevante“ Musik näherzubringen. Ich sage das nicht ohne eine gewisse selbstkritische Ironie im Rückblick. Ohne dass ich mich DJ nannte, stellte ich Tapes her oder legte ab und zu in Bars auf. Schon lange vor den ersten sogenannten „Klassik-Lounges“ verband ich klassische Live-Auftritte mit DJParts. Die Kategorisierung von „E und U“ war mir dabei längst ein Gräuel. Ich verstand meine Veranstaltungen, die sich zuerst meist in ziemlich überschaubarem Rahmen abspielten, gleichsam als anspruchsvolles Konzert – und als Party. Ich lud Freunde und Bekannte aus unterschiedlichsten Szenen zu diesem „grenzenlosen Musik-Erleben“ ein. Mit meinem Umzug nach Berlin im Jahre 2000 eröffnete sich mir für diese Idee ein größeres Podium: Als Per Hauber, heute bei Sony und damals Mitbegründer des mittlerweile legendären „Yellow Lounge“-Projekts des Deutsche Grammophon-Labels, eine meiner Mix-CDs in die Hand bekam und ich eingeladen wurde, mein Können in einem der angesagtesten Berliner Clubs unter Beweis zu stellen, war mein offizieller Grundstein für die „Klassik-DJ-

Karriere“ gelegt. Nach wie vor interessiert mich dabei die Idee des „Abenteuers der Sinne“, in dem Fall vor allem des Hörens. Ich wünsche mir unvoreingenommenes und unverkrampftes Hören oder noch weiter gefasst – Erleben von Musik. Der Respekt im Umgang mit den Werken, die ich auflege, ist für mich dabei elementar, auch wenn es einem orthodoxen Klassik-Hörer vielleicht zuwider läuft, wenn das Ende eines Stücks unmerklich in den Beginn des nächsten übergeht, wenn ich Stücke des frühen Barock mit Klangflächen Ligetis mixe oder elektronischer Clubmusik entnommene Klänge dynamisch einwebe. Ist zeitgenössische Musik DJtauglich oder welche Vermittlungsformate taugen für die zeitgenössische Musik? Als „DJ-tauglich“ würde ich sie nur begrenzt bezeichnen. Wobei es natürlich ganz unterschiedliche „zeitgenössische Musik“ gibt. Sicher lässt sich patternorientierte Minimal-Music von Steve Reich, Terry Riley oder Philipp Glass besser in ein Set integrieren als die komplexen Werke von Komponisten wie Wolfgang Rihm oder Brian Ferneyhough. Grundsätzlich verlangt klassische Musik im DJ-Kontext umfangreiche Repertoire-Kenntnis und ein hohes Maß an musikalischem Gespür. Im Rahmen meiner diversen Klassik-Lounges und auch des Radio-Klassik-Klubs auf WDR 3 spiele ich selbstverständlich nicht nur zeitgenössische Musik. Jedoch gelang es mir oftmals gerade bei diesen für viele unbekannten Stücken, Neugier bei den Hörern zu wecken, die sich in Fragen nach Urhebern äußerten. Klassik-Lounges sind jedoch keine Selbstläufer: Sie bedürfen ausgeklügelter Konzeption, Vorbereitung und präziser Durchführung. Dann jedoch sehe ich sie als ideales Format in der Vermittlung zeitgenössischer Musik. Ich lerne viel für meine Konzert-Konzeptionen durch die Wahrnehmung des Publikums in den diversen Klassik-Klubs – ebenso wie meine vorbereitenden Gedanken zu Festival- und Konzert-Programmationen auch im DJ-Set ihre Entsprechung finden. Das Gespräch führte Kai Geiger.


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eue Musik

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Salzburg (A)

DIALOGE – MUSIK VON HEUTE 30.11. – 3.12.2017

DAD?

Musik von Heute ist zentraler Bestandteil des zeitgenössischen Musikfestivals DIALOGE der Stiftung Mozarteum Salzburg. 2017 kuratiert der junge tschechische Komponist Miroslav Srnka – u.a. bekannt für seine Oper „South Pole“ – das Festival. Seine Werke werden spannungsreich kombiniert mit Klassik, zeitgenössischer und moderner elektronischer Musik sowie Kino und Kabarett, und unkompliziert für ein neugieriges und offenes Publikum. Miroslav Srnkas Musik wird u.a. in Bezug zu Landsmännern wie Leoš Janácek und Antonín Dvorˇák gesetzt. Diese beiden Komponisten sind für sein Schaffen von großer Bedeutung, ebenso wie sein Faible für Naturphänomene aller Art. Ein eindrucksvolles Konzerterlebnis verspricht das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Clemens Schuldt: Werke von Srnka, Antonín Dvorˇák und Felix Mendelssohn Bartholdy übersetzen beeindruckende Naturphänomene und wilde Landschaften in Klänge und Musik. Srnkas Monodram „My Life without me“ wird mit dem oenm . österreichisches ensemble für neue musik unter der Leitung von Johannes Kalitzke und der Solistin Laura Aikin aufgeführt – inspiriert von Isabelle Coixets gleichnamigen Film aus dem Jahr 2003, der im Anschluss gezeigt wird. Weiterhin stehen Werke von Srnka und Leoš Janácek, Mozart, Cornelius Cardew und Johann Sebastian mit Künstlern wie dem Quatuor Diotima, dem jungen Cembalisten Mahan Eshfahani, Schauspieler Markus Meyer, Sopranistin Deniz Uzun oder dem Pianisten Tobias Truniger auf dem Programm. Das kreative Elektro-Klangtüftler-Duo Erol Sarp (Kla-

NEIN! ABER SCHON BALD.

SIND WIR SCHON DA?

DAD? WIE LANGE BEHÄLT DAS GEDÄCHTNIS EINEN TON UND ERWARTET SEINE WIEDERHOLUNG!

WIE LANGE IST EIN ZEITABSCHNITT NOCH RHYTHMUS?

ICH HABE HUNGER.

DAD?

DAD?

WIE LANGE NOCH?

WANN VERGISST DAS GEDÄCHTNIS EINEN TON, SO DASS ER ALS ÜBERRASCHUNG ZURÜCKKEHRT?

Miroslav Srnka © Vojt ch Havlík

vier) und Lukas Vogel (Elektronik), bekannt als die Grandbrothers, schlägt im Republic die Soundbrücke ins Heute, und die Wissenschaftskabarett-Truppe Science Busters wird für die DIALOGE ein eigenes Stück unter dem Motto „Science Busters meets cool“ kreieren. Martin Puntigam, Dr. Florian Freistetter und Univ.-Prof. Dr. Helmut Jungwirth analysieren und erklären die von Miroslav Srnka oft thematisierten Naturgewalten auf ihre ganz spezielle schräg-unterhaltsame Art und Weise.

KINDER, WIR SIND DA!

RIGHT AT THE EDGE OF REDUNDANCY! OH NEIN, NICHT SCHON WIEDER, DAD!!!! SOUTHPOLE

Die DIALOGE enden traditionell am Sonntag vor Mozarts Todestag mit der Aufführung des Mozart-Requiems, hochkarätig besetzt mit Dirigent Pablo Heras-Casado, dem Salzburger Bachchor und den SolistInnen Mari Eriksmoen, Michaela Selinger, Peter Sonn und Matthias Winckhler. Im kontrastreichen Dialog dazu werden zwei Werke von Miroslav Snrka treten, die ebenfalls gefühlvoll von Tod und Abschied erzählen. www.mozarteum.at

MY LIFE WITHOUT ME NO NIGHT NO LAND NO SKY

Helikopterquartett © Forum Wallis

Wallis (CH)

Forum Wallis

© Forum Wallis

Das Forum Wallis ist eines der grossen schweizer Festivals für Neue Musik und findet jährlich an Pfingsten auf Schloss Leuk an der deutsch-französischen Sprachgrenze inmitten der Walliser Alpen statt. Es steht unter der Leitung der IGNM-VS, der Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM (ISCM), und hat seit 2006 über 300 Uraufführungen mitproduziert. Karlheinz Stockhausens Helikopterstreichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet, André Richard und Air Glaciers 2015 und Cod.Acts Pendulum Choir 2016 gehören zu den glanzvollen Höhepunkten der Festivalgeschichte. 2018 stehen, neben einer international besetzten Ensembleakademie, interdisziplinäre, kammermusikalische und experimentelle Formate, Klangspaziergänge, Kunstausstellungen und Neue Elektronische Musik an - letztere in Zusammenhang mit

dem Wettbewerb für akusmatische Musik 'Ars Electronica Forum Wallis', der 2018 zum vierten Mal ausgetragen wird. Insgesamt sind etwa 50 zeitgenössische Werke von Komponisten aus 25 Ländern zu hören. Unter den Musikern ragen mit dem Ensemble Modern, Klangforum Wien, Contrechamps, UMS 'n JIP und Wolfgang Mitterer eine Vielzahl der bedeutendsten europäischen Ensembles und Komponisten hervor. Allesamt werden sie vom 17.-21. Mai 2018 im mittelalterlichen Städtchen Leuk zu Gast sein und einen spannenden Einblick in das vielfältige Schaffen der Musikavantgarde gewähren. www.forumwallis.ch www.ignm-vs.ch


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

eue Musik | Donaueschingen | 51

Klanginstallation 5 Sistermanns © Ralf Brunner

Klanginstallation 3 Makino © Ralf Brunner

DONAUESCHINGEN

Donaueschinger Musiktage 2017 Komponisten untersuchen die neue digitale Wirklichkeit 20 Uraufführungen an einem Wochenende Diskussionen über Musik, Medien und Gender Das Diktat der Maschine hat unseren Alltag erfasst – und das älteste deutsche Festival für Neue Musik reagiert darauf. Im Rahmen der Donaueschinger Musiktage vom 19. bis 22. Oktober 2017 erörtern Komponisten die vielen technischen Erweiterungen, die unsere Umwelt und uns selbst verändern. Große Musik wird verkleinert, neue Musik maskiert.

Eine zentrale Frage des diesjährigen Festivals Die erste Uraufführung der Donaueschinger Musiktage gilt einem Klassiker: Kurz vor seinem Tod 2012 gab Emmanuel Nunes sein Stück „Un calendrier révolu“ aus dem Jahr 1968

frei. Das Remix- Ensemble wird diese raue Musik spielen. Am gleichen Abend sind bereits vier weitere Uraufführungen in der Baar-Sporthalle zu hören. Das Experimentalstudio und das SWR Symphonieorchester reißen in Werken von Bernhard Lang, Øyvind Torvund, Thomas Meadowcroft und Andreas Dohmen eine zentrale Frage des diesjährigen Festivals an: Wie sehr ist Musik heute durch technische Erweiterungen vom vermeintlich autonomen Schöpfer abgekoppelt? Vor Klanghorizonten wie Hip-Hop und Radiojingles wird dies wiederholt zum Thema. 19.–22.10.2017 | www.swr.de/swr-classic/donaueschinger-musiktage

INTERVIEW

anderen heben die Künstlerinnen und Künstler die Grenzen zwischen den Sparten immer mehr auf. Auch das ist ein Ergebnis der Digitalisierung, dass beispielsweise ein Komponist einen Film drehen und schneiden kann. Deshalb bin ich wahnsinnig glücklich, dass mit Adam Szymczyk eine Person in Donaueschingen zu Gast ist, der von einer Außenperspektive auf die Musik schaut.

mit Björn Gottstein Leiter der Donaueschinger Musiktage Wie viele Komponistinnen stehen dieses Jahr im Programm der Donaueschinger Musiktage? Es werden Werke von insgesamt 30 Komponisten und Komponistinnen, Klangkünstlern und Klangkünstlerinnen aufgeführt, darunter neun Frauen. Der Anteil von Komponistinnen im Programm hat also gegenüber den Vorjahren deutlich zugenommen. Die Podiumsdiskussion „(K) eine Männersache: Neue Musik“ eröffnen die diesjährigen Donaueschinger Musiktage. Wie kam es zu dazu? Wir sind mit der Diskussion um die Gleichberechtigung im Musikleben ja nicht allein. Als im vergangenen Jahr Statistiken einen eklatanten Gendergap belegten, war der Aufschrei im gesamten Kulturbereich groß. Auch in der Neuen Musik gab es Proteste gegen die Versäumnisse bei der Gleichbehandlung der Geschlechter, zum Beispiel die international agierende Gruppe „Gender Research in New Music“. Ich bin froh, dass wir in Donaueschingen konstruktiv zu diesem Thema beitragen können und gleich zu

Beginn eine Frage erörtern, die nicht nur das Festival sondern den ganzen Kulturbereich betrifft. „Komponisten untersuchen die neue digitale Wirklichkeit“ ist neben der GenderDebatte eine zentrale Frage, die während des Festivals behandelt wird. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher und was verbirgt sich hinter diesem Thema? Die „digitale Wirklichkeit“ ist nicht als Festivalmotto gesetzt. Es ist eher ein Befund: die jungen Komponistinnen und Komponisten beschäftigen sich intensiv mit den Widersprüchen, die von der Digitalisierung des Lebens ausgehen. Manchmal findet diese Auseinandersetzung eine eher metaphorische Ausprägung, wie bei Alexander Schubert, der das Artifizielle, das Avatareske im Klang sucht. Toll finde ich auch die Verschränkung von Natur und Technologie in den präparierten Vogeleiern von Serge Baghdassarian und Boris Baltschun, dass also die Grenzen zwischen dem Natürlichen und dem Technischen verschwimmen.

Klanginstallation 3 Makino © Ralf Brunner PROGRAMM UND KARTEN Das detaillierte Programm der Donaueschinger Musiktage gibt es online unter SWR.de/donaueschingen, Karten unter reservix.de oder über die Tickethotline 01806-700 733.

Björn Gottstein © SWR

Die Donaueschinger Musiktage öffnen sich, erkunden und erforschen immer mehr Kunstformen und „sperren“ erstmalig Musikerinnen und Musiker in einen Container? Was passiert dort? Der Komponist Martin Schüttler nutzt mit dem Container einen Gegenstand, der vielfache Assoziationen weckt, die von der globalisierten Güterwirtschaft bis zum Menschenhandel reichen. Dass er die Musikerinnen und Musiker in Containern musizieren lässt, ist aber auch als Versuch zu verstehen, einen Rückzug zu inszenieren. Letztlich soll in der kalten, rein ökonomischen Architektur des Containers eine ganz persönliche Musik entstehen. Um die Idee Schüttlers nicht nur musikalisch, sondern auch physisch umzusetzen, bauen wir fast schon eine kleine Containerstadt in die Donauhallen.

Mit der Einladung von Adam Szymczyk, dem Künstlerischen Leiter der Documenta 14, schlagen Sie u.a. bei den Donaueschingen Lecture die Brücke zur Bildenden Kunst. Wird das Festival zukünftig auch Künstlerinnen und Künstlern anderer Kultursparten Aufträge zur Überwindung von Grenzen, der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik erteilen? Das ist mein großer Wunsch. Donaueschingen ist ein Musikfestival, und der Bezug zur Musik, zum Klang und zum Ohr muss bei jeder Produktion im Mittelpunkt stehen. Wir in der Musik können aber von den anderen Disziplinen viel lernen; vor allem in der bildenden Kunst und im Theater werden politische Themen ganz anders, viel expliziter verhandelt. Zum

Das Rahmenprogramm wurde unter Ihrer Leitung deutlich ausgebaut. Seit einigen Jahren gibt es das Studierendenprogramm „Next Generation“. Wie hat sich dieses entwickelt, und sind bereits erste Teilnehmer der Next Generation mit Eigenkompositionen für das Festival ausgewählt und eingeladen worden? Im Juni hat eine Jury die Werke für die Next-Generation-Konzerte ausgewählt. Es ist faszinierend, wie viele Einsendungen wir aus der gesamten Welt bekommen. Natürlich sind es Werke von Studierenden, also von jungen Komponisten und Komponistinnen, die ihre Sprache noch suchen, aber hier und da tut sich doch auch ein Fenster auf, bei dem man merkt, dass die jüngste Generation ganz anders denkt, ganz anders mit dem Kanon, mit der Bühnensituation und mit der Technologie umgeht. Next Ge-

neration wurde ja bereits unter meinem Vorgänger eingeführt; es ist ein wichtiger Grundstein für den Generationendialog in Donaueschingen. Und mit der Basler Musikhochschule haben wir einen kompetenten Partner für dieses Programm gefunden. Trägt die Fort- und Weiterbildung, die Impulse aus Donaueschingen Früchte, hat das Verständnis für und die Vermittlung von neuer Musik in den Schulen und Musikschulen zugenommen? Ich würde es anders herum formulieren: die Angst vor der Neuen Musik hat abgenommen. Wir müssen uns heute, anders als noch vor 15 Jahren, nicht mehr rechtfertigen für eine Dissonanz oder einen Geräuschklang. Auch die Musiklehrer haben, soweit ich das beurteilen kann, ein offeneres Ohr. Ich habe selbst zwei Töchter im Schulkindalter und bekomme ja mit, wie unter den Kindern und den Jugendlichen Musik verhandelt wird. Und da ist etwas Außergewöhnliches erst einmal nicht verboten. Auch wenn meine beiden Töchter die Neue Musik immer noch mit ein wenig Argwohn betrachten und die Wise Guys irgendwie cooler finden als Helmut Lachenmann. (lacht) DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.


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eue Musik

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Frankfurt am Main

CRESC... 2017 – TRANSIT Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main 22.–26.11.2017

Transit ist das Wort der Zeit. Eine Vokabel, die schreckliche Assoziationen weckt und brutale Tatsachen benennt: die Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung. Transit ist aber auch ein Wort, das schlagartig den Kern von Musik freisetzt als einer Kunst der klingenden Bewegung, einer Kunst, die die Zeit durchmisst, einer Kunst des stetigen Durchgangs. Diesem Spannungsfeld des Begriffs „Transit“ widmet sich das internationale Musikfestival „cresc… Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main“.   Unter dem Thema „Zwischen Kunst und Politik“ präsentieren die Klangkörper Ensemble Modern und hr-Sinfonieorchester vom 22. bis 26. November in 14 Veranstaltungen an sieben Spielorten Ensemble- und Orchestermusik, Avantgarde-Jazz,

Musiktheater, TanzMusikPerformances sowie ein Podiumsgespräch und einen Roundtable. cresc… 2017 zeigt aktuelle musikalische Stellungnahmen zu den Themen Flucht, Verfolgung, Migration, Identität und Freiheit. Damit nimmt die Biennale pointiert Stellung zu den Aspekten des gegenwärtigen globalen Transits, des politischen wie ästhetischen. cresc... Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main ist ein Festival von Ensemble Modern und hr-Sinfonieorchester in Kooperation mit Alte Oper Frankfurt, Institut für zeitgenössische Musik der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, Internationale Ensemble Modern Akademie und Hessisches Staatstheater Wiesbaden. www.cresc-biennale.de

ECLAT 2017 Muntendorf iScreen YouScream ©Martin Sigmund

Stuttgart EC AT Festival neue Musik 2018

Isang Yun, Foto: Hans Pölkow Boosey & Hawkes, Bote & Bock Berlin

Karlsruhe ZeitGenuss 2017 Das Festival für Musik unserer Zeit widmet sich dem koreanisch-deutschen Komponisten Isang Yun, der 2017 seinen 100. Geburtstag feiern würde. Yun entwickelte durch die Verbindung von traditionellen östlichen und avantgardistischen westlichen Musikstilen seinen Personalstil. Vom 12. bis 15. Oktober 2017 sind Kammer- und Solowerke sowie Gesänge Yuns, Kompositionen von Toshio Hosokawa und neue Werke junger Koreanerinnen zu erleben. Eine Podiumsdiskussion mit internationalen Gästen beleuchtet Yuns Engagement für ein friedliches und geeintes Korea. 12.–15.10.2017 | www.karlsruhe.de/zeitgenuss

© Ensemble_LUX NM

Potsdam intersonanzen ZWISCHE .TÖ E 27.–29.10.2017 in Potsdam und dann im and In der traditionellen Musik unterscheidet man zwischen Konsonanz und Dissonanz. Aber gibt es nicht auch etwas dazwischen? Vielleicht sind ja die Klänge und Töne in diesem Zwischenbereich sogar besonders interessant? Diesem aktuellen ästhetischen Thema möchte das jährliche >intersonanzen<Festival des BVNM e.V. 2017 nachgehen und den Hörern mit Neuer Musik und Klangkunst ein ungewöhnliches und vielfältig berührendes musikalisches Ereignis präsentieren. 27.–29.10.2017 | www.neue-musik-brandenburg.de

ECLAT wächst: An fünf Tagen mit über 30 Uraufführungen werden poetische, dramatische und auch utopische Reisen unternommen und die Konsequenzen menschlichen Handelns künstlerisch befragt – aus der Perspektive eines Wetterballons oder der existenziellen Enge eines Kühlschrankinneren. Von Rebecca Saunders bis Johannes Kreidler, von Tristan Murail bis Juliana Hodkinson prägen singuläre Positionen das Programm mit Musiktheater, Soloperformances und Begegnungen großartiger Interpreten: Quatuor Diotima trifft auf das Klavierduo Sugawara/Hemmi, Calefax auf die Neuen Vocalsolisten, das SWR Vokalensemble auf das Trio Catch. Aus Gegensätzen entsteht eine spannungsreiche Dramaturgie. 31.1.-4.2.2018 | Theaterhaus Stuttgart | www.eclat.org

Berlin KO TAKTE 17 Biennale für Elektroakustische Musik und Klangkunst In seiner zweiten Ausgabe macht das Festival KONTAKTE die Akademie der Künste am Standort Hanseatenweg vom 28. September bis zum 1. Oktober als großes Experimentallabor zum Zentrum für elektroakustische Musik. Konzerte, Klanginstallationen, Künstlergespräche und Workshops mit mehr als 100 Künstlern aus 27 Ländern präsentieren 28 Ur- und Erstaufführungen und stellen die experimentelle Musikszene in den Brennpunkt. Historischer Programmschwerpunkt von KONTAKTE ‚17 ist Hermann Scherchens Elektroakustisches Experimentalstudio in Gravesano. Zu den Höhepunkten gehören drei Auftragsproduktionen von Wolfgang Heiniger, Kirsten Reese und José María SánchezVerdú, die unter Einbeziehung von Hermann Scherchens rotierender Lautsprecherkugel in zwei Konzerten mit dem Ensemble ascolta und den Neuen Vocalsolisten uraufgeführt werden. Weiterer Schwerpunkt sind Neuproduktionen elektronischer Klangadk17 KONTAKTE Scherchen kunst, die den Schaf©Hermann-Scherchen-Archiv fensprozess und die Interferenzen von Musik und Forschung als treibende Kräfte aufspüren, mit Werken von José Manuel Berenguer, Christina Kubisch, Hans Peter Kuhn und Gerriet K. Sharma. 28.9.–1.10.2017 | www.adk.de

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Wien Wien Modern 30 – Bilder im Kopf Erfrischt und gestärkt durch einen neuen Besucherrekord geht Wien Modern 2017 mit hohem Tempo in die 30. Festivalausgabe. „Bilder im Kopf“ verspricht das Thema, und auch wenn dabei viel zu sehen sein wird, steht eins im Mittelpunkt – die erstaunliche Fähigkeit der Musik, Vorstellungen zu erzeugen, Orte zu beschwören und die Fantasie in Gang zu setzen. Und ganz unbescheiden ausgedrückt, sind einige der Produktionen des Jubiläumsjahrs schlicht ganz großes Kino: Olga Neuwirths Venedig-Hommage „Le encantadas“, Hans Werner Henzes Skandalstück „Das Floß der Medusa“ von 1968, „J'accuse“, der auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gedrehte bildgewaltige Film von Abel Gance (1919) mit Musik von Philippe Schoeller (2014), „Les espaces acoustiques“ von Gérard Grisey, die „Chinese Opera“ von Peter Eötvös, „Le passage du Styx d'après Patinir“ von Hugues Dufourt u.v.a. Mit Ur- und Erstaufführungen von Christof Dienz, Katharina Klement/Marlene Streeruwitz, Iris Ter Schiphorst, Wolfram Schurig, Jennifer Walshe, Gerhard E. Winkler u.v.a. 31.10.–1.12.2017 | www.wienmodern.at

Basel (CH) CU TURESCAPES Griechenland CULTURESCAPES macht sich seit 2003 immer wieder auf, unbekanntes Gebiet – ein Land, eine Stadt oder eine Region – mit Fokus auf die Kulturszene zu erforschen. Als multidisziplinäres Kulturfestival hat sich CULTURESCAPES der Förderung des interkulturellen Dialogs, der Zusammenarbeit und der Vernetzung zwischen verschiedenen Kulturen verschrieben und stößt damit Türen zu neuen „culture-scapes“, also kulturellen Landschaften auf. Die 14. Festivalausgabe 2017 legt den Fokus auf Griechenland. Mit Lesungen, Theaterabenden, Konzerten, Filmvorführungen, Clean City © Christina Georgiadou Ausstellungen, Vorträgen und vielem mehr widmet sich das Festival vom 5. Oktober bis 3. Dezember 2017 mit über 50 Projekten dem zeitgenössischen griechischen Kunstschaffen. Die eingeladenen Produktionen beschäftigen sich mit drei Spannungsfeldern der griechischen Gesellschaft: Krise, Identität und das Spannungsfeld zwischen zivilisationsbegründender Kulturgeschichte und Gegenwart. Die vielfältigen Produktionen werde im Festivalzentrum Basel und in über 40 Partnerinstitutionen schweizweit zu sehen sein. 5.10.–3.12.2017 | www.culturescapes.ch


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

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JAZZ

Richard Bona & Mandekan Cubano 2 © Rebecca Meek p. tyshawn sorey © camille blake

Berlin azzfest Berlin 2017 Das 54. Jazzfest Berlin wird von den Berliner Festspielen vom 31. Oktober bis 5. November veranstaltet. In den sechs Tagen des Festivals werden weit über 150 Musiker*innen unter anderem aus den USA, Brasilien, Norwegen, Frankreich, London und Berlin auftreten. Seine dritte und letzte Festivalausgabe überschreibt der britische Publizist Richard Williams mit einem Zitat von Ornette Coleman: „In all languages”. Richard Williams: „In einer Welt, in der tagtäglich Mauern errichtet und Grenzen befestigt werden, ruft uns der Jazz eine ganz simple Tatsache in Erinnerung: Menschen und Gesellschaften haben die beste Basis, wenn sie im Geiste von Offenheit und Inklusion zusammenarbeiten. Die ersten Jazzplatten wurden im Jahr 1917 aufgenommen. Seitdem hat dieses Musikgenre beispielhaft gezeigt, wie Weiterentwicklung vor allem durch Zusammenarbeit entsteht, nicht nur zwischen einzelnen Musiker*innen, sondern auch zwischen scheinbar grundverschiedenen Kulturen. Das Jazzfest Berlin 2017 wird erneut veranschaulichen, dass der Jazz, während er seinen kostbaren afroamerikanischen Kern bewahrt, ganz ungeachtet ihrer Herkunft alle diejenigen willkommen heißt, die auf ihrem Recht bestehen, anders zu sein, Orthodoxie zu hinterfragen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen zu finden.” Zum ersten Mal in den 54 Jahren  seines Bestehens wird das Festival einen Artist-in-Residence haben: Der in New York ansässige Komponist, Schlagzeuger und Bandleader Tyshawn Sorey, der sowohl mit seinem Trio als auch in neuen Formationen mit Berliner Musiker*innen zu erleben ist. 31.10.–5.11.2017 | www.berlinerfestspiele.de/jazzfest

© Stefan Malzkorn

Salzburg (A) azz & The City „Österreichs lässigstes Jazz Festival“. Wenn das Jazz, Word & Electronic Music Festival „Jazz & The City“ Stars aus aller Welt zu Gast hat, herrscht in der Salzburger Altstadt Ausnahmezustand. Rund 25.000 Musikfans wandeln durch die Stadt, ziehen von Lokal zu Lokal und lernen neue Menschen und neue Musiksphären kennen. Sie sind auf der Suche nach einem einzigartigen Lebensgefühl, toller Atmosphäre, kulinarischen Hochgenüssen, interessanten Persönlichkeiten und musikalischen Höhenflügen! Wer „Jazz & The City“ und die Salzburger Altstadt einmal erlebt hat, gehört schnell zum Stammpublikum. Mitreißend, begeisternd und unvergleichlich! Festival für Jazz, World & Electronic Music, Jazz&The City 25.–29.10.2017 | www.salzburgjazz.com

ganz großen Weltstars, die spannendsten Newcomer und die abgefahrensten Avantgardisten – bei Enjoy Jazz treffen sie sich alle! Den theoretischen Über- und praktischen Unterbau zum Konzertgeschehen liefern Workshops, Matineen und Vorträge. Das Festival startet am 02.10. mit Somi. Die 1979 in Illinois geborene Jazzsängerin, deren Eltern aus Ruanda und Uganda stammen, hat einen Teil ihrer Kindheit in Sambia verbracht. Keine Frage, dass afrikanische Musiktraditionen für die Sängerin immer ebenso bedeutsam waren wie amerikanischer Jazz. Inzwischen lebt sie in New York, genauer in Harlem. Die Gegend um die 116. Straße wird „Little Africa“ genannt, wo man – trotz der unaufhaltsamen Gentrifizierung – noch viele Elemente afrikanischer Kulturen entdecken kann. „Petite Afrique“, Somis jüngstes Album, folgt diesen Spuren – und bewahrt sie zugleich. Ihre Songs, schrieb die New York Times, „verschmelzen anmutig afrikanisch gefärbte Grooves, geschmeidigen Jazzgesang und ein mitfühlendes soziales Bewusstsein; auf ernsthafte und verführerische Weise“. Eines der weiteren zahlreichen Highlights in diesem Jahr ist die aus Südkorea stammende Sängerin Youn Sun Nah, die ihr neues Album „She Moves On“ vorstellen wird. Sehr stimmig interpretiert die Sängerin sorgfältig ausgewählte Songs von Jimi Hendrix, Lou Reed, Paul Simon und Joni Mitchell. Am 21.10. greift der Multiinstrumentalist Richard Bona mit der Band Mandekan Cubano im BASF-Feierabendhaus karibische Klänge auf und vermischt leichthändig afrikanische Einflüsse, Soul, Funk und Jazz! Der Gitarrist Stochelo Rosenberg kommt am 11.11. zum Abschluss des Enjoy Jazz Festivals zusammen mit einem Who-is-Who der Swing-Manouche-Szene, um dem verehrten Vorbild Django Reinhardt die Ehre zu erweisen. Die Besetzung entspricht genau dem klassischen Quintette du Hot Club de France: drei Gitarristen, Kontrabass und Violine. Freuen darf man sich besonders auf Biréli Lagrène, der aus der Reinhardt-Schule stammt und einer der vielseitigsten, kreativsten Gitarristen unserer Zeit ist. Weitere Infos finden Sie unter 2.10.–11.11.2017 | www.enjoyjazz.de

Zürich (CH) Zweimal jazz, dazwischen ein neckisches no, das ist jazznojazz ! 19th ZURICH AZZ O AZZ FESTIVA 2017 Chick Corea Steve Gadd Kulturpalast ©C. Taylor Crother

Dresden WOR D & VISIO - AZZTAGE DRESDE 2017 © Festivalsujet Leipziger Jazztage

eipzig Gitarrengipfel in eipzig eipziger azztage 2017 In ihrer 41. Ausgabe präsentieren die Leipziger Jazztage vom 12. bis 21. Oktober 2017 ein Programm mit über 20 Konzerten, die um den vielseitigen Gitarrensound im zeitgenössischen Jazz kreisen. Ein Jahr nach dem großen Festivaljubiläum präsentiert der Jazzclub Leipzig e.V. 2017 ein Programm rund um jenes Instrument, das wie kein anderes unser heutiges Verständnis von zeitgenössischer und populärer Musik geprägt hat: die Gitarre. Von den Anfängen des Jazz im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Aufkommen des Rock fünfzig Jahre später steuerte die Musik auf eine ‚Gitarrenexplosion‘ zu, die der englische Melody Maker in den 60ern erkannte, als innerhalb weniger Jahre die Gitarre alles dominierte: B. B. King und Elvis, The Beatles und The Doors, Wes Montgomery und Jimi Hendrix – Blues, Rock’n’Roll, Jazz und Pop hingen an sechs Saiten. Im Jazz ist die Gitarre einen weiten Weg gegangen, vom Banjo aus Afrika zum elektrisch verstärkten und verfremdeten ‚Riffbrett‘. Viele der großen Jazzgitarristen waren in den letzten 40 Jahren (zum Teil mehrfach) bei den Leipziger Jazztagen zu Gast: Bill Frisell, John Scofield, Wayne Krantz, Ngyên Lê, Marc Ribot und viele mehr. Doch nie zuvor wurden die unterschiedlichen Stilistiken und Techniken der Jazzgitarre in so einer Bandbreite innerhalb nur eines Festivals vorgestellt. 12.–21.10.2017 | www.jazzclub-leipzig.de/jazztage/

In ihrem 17. Jahrgang erweitern die Jazztage Dresden das Angebot deutlich und laden erstmals an 25, statt bisher 10, Festivaltagen Stars der internationalen Musikszene, nationale und europäische Größen zum größten Jazzfestival Mitteldeutschlands ein und bieten auch aufstrebenden Talenten und jungen Formationen ein Podium. In rund 60 Konzerten präsentiert das Festival in diesem Jahr Stars wie Ute Lemper, Chick Corea, Estas Tonnè, Take 6, Curtis Stigers, Al Di Meola, Nils Landgren, Chris Barber, Rebekka Bakken, Klaus Doldinger & Friends oder Marcus Miller. Weiterhin werden Stacey Kent, Silje Nergaard, das Barcelona Gypsi Balkan Orchestra, Dominic Miller, Wolfgang Haffner, Barbara Dennerlein, Tom Gaebel, Cristin Claas, Nina Attal, Klazz Brothers und viele weitere Künstler erwartet. Unter dem Motto WORLD & VISION wird das Programm in diesem Jahr insbesondere auch in den Bereich der Weltmusik führen mit Ensembles wie Dikanda, Grainne Holland, Kroke und Huun-Huur-Tu. Auch von zu diesem Genre ist der Übergang von Haus aus fließend – wie in vielen, dem Jazz nahestehenden Genres - und wird im Festival auf unterschiedliche Arten beleuchtet und bearbeitet. 2.-26.11.2017 | www.jazztage-dresden.de

Heidelberg, Mannheim, udwigshafen Enjoy azz Enjoy Jazz, das Internationale Festival für Jazz und Anderes, präsentiert 2017 seine 19. Festivalzeit vom 02. Oktober bis 11. November. Sechs Wochen lang verwandelt das Festival die Rhein-Neckar Region in ein Eldorado der Musik-Aficionados. Von Jazz, Soul und Hip-Hop über Klassik, Pop und Electro - die

Seit 1998 setzt das ZURICH JAZZNOJAZZ FESTIVAL  auf Stars und Newcomers aus Jazz und jazzverwandten Genres. Frische Sounds und nahezu 20 Konzerte auf drei Bühnen vom 1.- 4. November 2017 im Herzen von Zürich machen den Reiz dieses urbanen Jazzfestivals aus, das von der Hauptsponsorin  Zürcher Kantonalbank  sowie Co-Partner  Migros Kulturprozent  unterstützt wird. In der GessBLOOD, SWEAT & TEARS nerallee sind Koryphäen ABDULLAH IBRAHIM BILLY COBHAM wie Abdullah Ibrahim, CECILE MCLORIN SALVANT • MULATU ASTATKE DEE DEE BRIDGEWATER Dee Dee Bridgewater, CANDY DULFER • NILS LANDGREN FUNK UNIT KAMASI WASHINGTON Marcus Miller, Stanley GABRIEL GARZÓN-MONTANO • THE YELLOWJACKETS MARCUS MILLER Clarke und Billy CobNIK WEST • CORY HENRY STANLEY CLARKE ham angesagt, dazu BROTHER STRUT • HORNDOGZ ROM/SCHAERER/EBERLE • DISTRICT FIVE die Heavy-Funker Nils Landgren, Candy Dulfer und Blood, Sweat 1.–4.11.17 & Tears sowie die Lon© allblues.ch doner Brother Strut im Rahmen der Late-Night-Sessions im Stall 6.  Das Programm im ZKB Club im nahen Theater der Künste eröffnet der weltweit gefeierte Kamasi Washington, gefolgt von Newcomers wie Cecile McLorin Salvant, Gabriel Garzón-Montano, Cory Henry und Nik West, dazu die Legenden Mulatu Astatke und The Yellowjackets.  Und schliesslich findet auch das von Migros-Kulturprozent-Jazz initiierte Vermittlungsprojekt für Schulklassen aus dem Kanton Zürich seine Fortsetzung, diesmal mit dem Trio Rom/Schaerer/Eberle. 1.–4.11.2017 | www.jazznojazz.ch | www.allblues.ch CECILE MCLORIN SALVANT

19th FESTIVAL ZURICH 19th JAZZNOJAZZ ZURICH JAZZNOJAZZ FESTIVAL Gessnerallee Zürich Zürich Gessnerallee ZKB Club Club im im Theater Theater der der Künste Künste ZKB

www.jazznojazz.ch

www.ticketcorner.ch


GABRIELE | arttourist.com 2|2017 © Nonnenbroich/Ziegler GbR

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Jazz & More Collective

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SUPPORTS

Ein Jazz Nachwuchsprojekt benötigt Ihre Unterstützung Das Jazz&More Collective ist eine Band, besetzt mit namhaften Künstlerpersönlichkeiten der europäischen Jazzszene, die seit über 10 Jahren Mitglieder im Dozententeam des Jazz and More Sommer – Jazz – Workshops der Landesmusikakademie Ochsenhausen sind. Die Musiker spielen mit ihren eigenen Formationen über das Jahr verteilt in vielen Clubs und auf vielen Festivals. Als Professoren und Lehrbeauftragte unterrichten die acht Künstlerpersönlichkeiten an verschiedenen Jazzdepartments der europäischen Musikhochschulen. Seit einigen Jahren bietet das Jazz&More Colective zweimal im Jahr für eine Woche in verschiedenen allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg Tagesworkshops an, die jeweils mit einem Konzert am Abend enden. Das Ziel der Arbeit ist in allererster Linie, ein Feuer für die Musik, den Jazz und das Erlernen eines Instruments zu entfachen, die Schüler für die Improvisation zu begeistern und ihnen erste Schritte dahin aufzuzeigen. Die Schulen stehen Schlange, und die Kurse begeistern Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Besucher der Konzerte gleichermaßen. Doch jetzt droht das Projekt zu scheitern, da es an Unterstützung, an finanziellen Mitteln fehlt. In MILES arttourist.com Jazz & Neue Musik 2016 haben wir das Projekt vorgestellt. Ich war selbst an drei Konzerten der Jazz&More Schulprojekte in Konstanz und Ulm und war von der Spielfreude, der Begeisterung, dem engagierten Miteinander und dem schier unmöglich Möglichen am Ende eines Workshoptages, dem Konzert, der Präsentation des an diesem Tag Erlernten und mit den Dozenten Erarbeiteten, fasziniert. Es ist ein wichtiges und notwendiges Nachwuchsprojekt für Musik an den Schulen. Und solch ein engagiertes Projekt darf nicht scheitern und wegen fehlender Mittel eingestellt werden. Ich habe bei Veit Hübner, dem Ideengeber und Leiter des Jazz&More Projektes nachgefragt: Die Zukunft des Nachwuchsprojektes von Jazz&More Collective steht in den Sternen. Was ist passiert? Unser Jazz&More Projekt wurde die letzten Jahre von der Bauder

Stiftung, zweimal von der Baden Württemberg Stiftung und einmal von der L-Bank unterstützt. Trotzdem die L-Bank eine längerfristige Unterstützung zugesagt hatte, haben sie sich für andere Projekte in der Zukunft entschieden. Da wir immer mit acht Dozenten in den jeweiligen Schulen einfallen, um unsere Tagesworkshops zu machen, ist es uns unmöglich, dieses Projekt ohne finanzielle Unterstützung durchzuführen. Über was für ein Projektvolumen sprechen wir? Wie haben Kosten von EUR 5.000 pro Tageskurs. Wir sind 2 x 5 Tage im Jahr unterwegs, d. h., wir sprechen über EUR 50.000 im Jahr. Da wir Dozenten z. T. auch aus Schweden und Österreich stammen, machen die Workshops nur Sinn, wenn wir eine Woche am Stück unterwegs sein können. Die Kosten fallen für Transport und Reisekosten, Honorare, Miete, Lehrmittel und Werbung für die Konzerte an. Wie kann man helfen und unterstützen? Einige Schulen versuchen schon vor Ort Sponsoren zu gewinnen, welche einen Tagesworkshop bezahlen würden. Ein guter und dankenswerter Anfang, der jedoch nicht das Gesamtvolumen, das wir auch für die Planungssicherheit im Vorfeld benötigen, decken wird. Hierfür benötigen wir verstärkt private Investoren und Sponsoren! Oder es finden sich weitere Stiftungen, wie zum Beispiel die Bauder Stiftung, die sich für das Jazz&More Projekt engagieren möchten. Gerne auch über einen längeren Zeitraum. Eine weitere Idee ist es, einen Verein, z. B. Freundeskreis des Jazz&More Collective, zu gründen, um Spenden zu sammeln! Sobald eine gewisse Summe zusammen ist, könnten wir wieder loslegen! Wie geht es weiter? Wir glauben, dass unser Tun in den Schulen überaus nachhaltig für die Schüler ist, daher wollen wir auch alles versuchen, um diese Workshops am Leben zu erhalten! Wir werden dafür weiter kämpfen und sind für jeden Tipp, jede Idee und „Partnervermittlung“ dankbar. Aber zum heutigen Tag ist leider alles offen. Weitere Informationen unter www.arttourist.com Kontakt Veit Hübner Bergstr. 30 D-70825 Korntal-Münchingen  +49 (0)177 7582430 info@veithuebner.de

jazzahead Clubnight Theater Bremen Diazpora © Nikolai Wolff Messe Bremen

BREMEN

JAZZMETROPOLE UND PUBLIKUMSMAGNET 12. jazzahead! mit erneutem Besucher- und Teilnehmerrekord Mit 17.600 Besuchern war die diesjährige jazzahead! in Bremen, die zwölfte insgesamt, erneut ein großer Erfolg für den Veranstalter und die Stadt Bremen und bescherte dem Jazz eine breite Öffentlichkeit. An der Fachmesse nahmen 1.356 ausstellende Firmen und 3.169 Fachteilnehmer teil. Schon am ersten Abend der Messe führten die gestiegenen Teilnehmerzahlen zu vollen Konzertsälen bei der Finnischen Nacht. „Der Donnerstag wurde als Messetag stärker angenommen als bisher, bereits kurz nach Messebeginn füllten sich Stände und Gänge merklich“, so der Geschäftsführer der MESSE BREMEN & ÖVB-Arena Hans Peter Schneider. Die Showcase-Konzerte am Freitag- und Samstagabend waren komplett ausverkauft, selbst die Konzerte am jeweiligen Nachmittag ließen zum Teil nur ein paar wenige Sitzplätze frei. Uli Beckerhoff, aus dem künstlerischen Leitungsteam der jazzahead! hatte Gelegenheit, sich mit Bands des ShowcaseFestivals auszutauschen und sagt: „Alle Bands der Showcase Konzerte, mit denen ich gesprochen habe, waren überwältigt vom Publikumszuspruch, sowohl mengenmäßig als auch von der ungeheuer positiven Resonanz auf ihre Musik.“ ART CITIES IN EUROPE/arttourist.com war mit dem Netzwerkprojekt JAZZ ACROSS EUROPE mit einem Stand auf der jazzahead! vertreten. Wir haben die Messe zu vielen Gesprächen mit Festivals und Promotern aus dem Inund Ausland genutzt, um ein Gefühl für die Notwendigkeit einer gemeinsamen Plattform für Jazzfestivals in Europa zu bekommen. Die Idee und Vision wurde begeistert aufgenommen und zum 1.1.2018 soll das Jazzportal an den Start gehen. Wir trafen und sprachen aber auch mit motivierten, leidenschaftlichen und hoffnungsvollen „Newcomern“, Erstbesuchern der jazzahead!. Mit Oxana Voytenko, Kerstin Haberecht und Jo Beyer hat sich Kai Geiger ein paar Monate nach der Messe verabredet, um über ihren Besuch, ihre Erwartungen und dass was sich aus der jazzahead! für sie ergeben hat, zu sprechen.

arttourist.com

JAZZ ACROSS EUR OPE WWW.JAZZAC ROSSEUROPE

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GABRIELE | arttourist.com 2|2017

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Poland jazzahead 2017 © Jan Rathke Messe Bremen

© Jo Beyer

JO BEYER

© Oxana Voytenko

© Kerstin Haberecht

KERSTIN HABERECHT Wie haben Sie Ihre erste jazzahead! erlebt? Ich konnte dieses Jahr leider nur freitags die jazzahead! besuchen und kann daher nur für diesen Tag sprechen. Ich empfand die Planung und Organisation im Vorfeld als etwas undurchsichtig und kompliziert in Bezug auf die Abwicklung mit Eintrittskarten und Anmeldungen etc., war mit der Organisation vor Ort aber sehr zufrieden und habe mich wohlgefühlt. Die Anzahl der Messestände war überschaubar und mit meiner Selektion vorab an einem Tag gut machbar. Die Showcases empfand ich als sehr beeindruckend und es herrschte eine tolle Auftrittsatmosphäre. Ebenso war ich von der großen Internationalität der Messebesucher im Verhältnis zur Messegröße überrascht. Wie haben Sie sich auf die jazzahead! vorbereitet? Ich habe mir in der Infobroschüre die für mich relevanten Businesskontakte vorsortiert und mit jazzahead-erprobten Musikern gesprochen, was man sich wann unbedingt anschauen sollte, weil man natürlich

nicht alles schaffen kann - vor allem nicht an einem Tag wie in meinem Fall.   Was hat sich aus Ihrer Teilnahme für Sie ergeben? Ihr persönliches Fazit? Auch wenn sich für mich nach dem ersten Besuch bis jetzt nichts Konkretes ergeben hat, hat die Jazzahead meinen eigenen Horizont auf musikalischer, menschlicher, ökonomischer und räumlicher Ebene erweitert. Ich möchte nächstes Jahr wiederkommen und hoffe, diesmal auch den Samstag miterleben und dort neu entstandene Kontakt vertiefen zu können. Es bringt mich auf meinem Weg effektiver voran, einmal im Jahr mit Gleichgesinnten innezuhalten, zu reflektieren und anschließend besser sortiert weiterzumachen.

www.haberecht4.com

OXANA VOYTENKO Wie haben Sie Ihre erste jazzahead! erlebt? So viele Kollegen und Musikliebhaber an einem Ort habe ich selten erlebt. Intensive drei Tage: Austausch, Konzerte, Geschäftsgespräche u.v.a. Was mich an der jazzahead! fasziniert hat, war die Möglichkeit, mit allen Teilnehmern direkt zu sprechen – von einfachen Besuchern und Kollegen bis hin zu Geschäftsführern von Lables, Festivalbetreibern oder meinen Mentoren.  Wie haben Sie sich auf die jazzahead! vorbereitet? Die jazzahead! ist eine wunderbare Möglichkeit, viele neue Kontakte an einem Ort zu knüpfen und mich mit Kollegen auszutauschen und neue Ideen zu generieren. Mit den Vorbereitungen habe ich lange davor angefangen. Mein Debut-Album „Amber light‘‘ war Anfang des Jahres frisch aufgenommen und gemischt worden. Deshalb war ich auf der Suche nach einem Label für mein Album und die jazzahead! war dafür die optimale Plattform.  Außerdem konnte ich mich über Wege und Ablauf

der Promotion und dafür benötigtes Material, Zeitplan und Kontakte informieren. Dazu habe ich ein EPK/Promo-Video aufgenommen und Infomaterial gedruckt.    Was hat sich aus Ihrer Teilnahme für Sie ergeben? Ihr persönliches Fazit? Die jazzahead! ist für mich in erster Linie ein besonderer Treffpunkt. Das waren sehr informative drei Tage, wo ich unglaublich nette und engagierte Kollegen und Besucher kennengelernt habe.  Für mich hat  es sich gelohnt. Bald kommt mein Debut-Album raus und ich gehe auf eine Release-Tour – worauf ich mich unheimlich freue! 

www.oxanavoytenko.com

Wie haben Sie Ihre erste jazzahead! erlebt? Ich war von meinem ersten Besuch auf der jazzahead! sehr positiv überrascht. Es war nicht übermäßig voll und die Veranstalter und Aussteller waren zum größten Teil sehr freundlich, offen und haben sich Zeit genommen, damit ich ihnen meine Musik vorstellen konnte. Vereinzelt sind sogar sehr ausführliche Gespräche entstanden – somit hatte ich nicht das Gefühl, „abgefertigt“ zu werden, sondern wirklich mit den Leuten in persönlichen Kontakt zu treten. Konkret bin ich zu jedem vorhandenen Stand gegangen, der mir irgendwie passend für meine Musik erschien, und habe dem jeweiligen Aussteller von meiner Musik erzählt und ihm eine CD gegeben. Nach einigen Stunden hatte ich alle Stände abgeklappert. Es war unglaublich anstrengend, aber gleichzeitig auch ein gutes Gefühl, ganz konkret etwas für meine Musik zu tun und verschiedenste Leute damit in Kontakt zu bringen. Wie haben Sie sich auf die jazzahead! vorbereitet? Ich habe mir im Vorhinein genau überlegt, was ich eigentlich mit meinem Besuch auf der jazzahead! erreichen möchte. Ich möchte mit Veranstaltern und Festivalmachern in Kontakt kommen, um Konzertmöglichkeiten für meine Band „JO“ zu organisieren. Im Hinblick auf die nächste CDProduktion möchte ich Labels kennenlernen, die evtl. für die Veröffentlichung passend sein könnten. Außerdem möchte ich Journalisten verschiedener Zeitschriften meine CD geben, damit evtl. über diese geschrieben wird. Und schließlich möchte ich ganz einfach Präsenz zeigen und Kontakte knüpfen, um auf diese zu einem evtl. späteren Zeitpunkt aufbauen zu können. Ich wollte mich ausschließlich darauf konzentrieren und habe deshalb keine Konzerte im Rahmen der fazzahead! besucht.

Einige Wochen vor Beginn habe ich mit einigen Festivalmachern, Managements und Labelchefs Termine vereinbart. Ich glaube, dass es hilft, wenn man vor dem ersten Gespräch schon einmal Kontakt hatte. Außerdem hilft der Termin dabei, dass der jeweilige Aussteller sich ein bisschen mehr Zeit nimmt, um sich mit einem zu unterhalten. Was hat sich aus Ihrer Teilnahme für Sie ergeben? Ihr persönliches Fazit? Ich habe zwar durch die jazzahead! eine sehr ausführliche Rezension für die CD meiner Band bekommen – das ist allerdings das Einzige, was bisher wirklich konkret passiert ist. Das war für mich nicht enttäuschend, da ich mich vorher schon von dem Gedanken verabschiedet habe, dass man durch einen Besuch bei der jazzahead! wirklich viele Gigs, Rezensionen, Plattenverträge usw. bekommt. Ich glaube eher, dass es eine Art von „Sträuungsprozess“ ist, den man betreiben muss und der vermutlich viele Jahre dauert. Was ich damit meine, ist, dass es wichtig ist, Präsenz zu zeigen, die jeweiligen Veranstalter über viele Jahre hinweg immer wieder zu kontaktieren, jedes Jahr auf der jazzahead! anzusprechen und seine Musik so viel wie nur irgendwie möglich zu „streuen“, bis der Name wirklich hängengeblieben ist. Dazu gehört und hilft ein Besuch auf der jazzahead! mit Sicherheit. Allerdings glaube ich nicht, dass er der ausschlaggebende Punkt für Erfolg ist. Es ist eher das „konsequente Durchziehen“, was irgendwann Ergebnisse bringt.

www.jobeyer.com


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Saisonstart | Klassik | 57

REUTLINGEN

SAISONSTART Fawzi Haimor startet als neuer Chefdirigent der Württembergischen Philharmonie Reutlingen Im September ist es so weit: Fawzi Haimor tritt sein Amt als Chefdirigent der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR) an. Weil sein Vater in Saudi-Arabien für die Vereinten Nationen arbeitete, lebte der 1983 in Chicago geborene Dirigent mit Wurzeln im Nahen Osten und den Philippinen selbst die ersten elf Jahre seines Lebens dort, bevor er zurück in die USA nach San Francisco zog. Arabisch spricht er also als zweite Muttersprache. Neben seinem Musikstudium hat er auch noch einen Abschluss in Neurobiologie und interessiert sich bis heute für die Wissenschaft – vor allem dafür, was Musik in neurobiologischer Hinsicht beim Menschen bewirkt.

Fawzi Haimor © Jürgen Lippert


58 | Saisonstart | Klassik | Oper

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

So ist der Musikvermittlungsbereich für ihn besonders wichtig, große Erfahrungen bringt er darin aus seiner Zeit als Resident Conductor in Pittsburgh mit. Mit dieser Vielseitigkeit und Offenheit ist Fawzi Haimor prädestiniert, dem breit aufgestellten Reutlinger Orchester künstlerisch vorzustehen. Dieses pflegt schließlich seit immerhin über siebzig Jahren parallel zu den Sinfoniekonzerten eine eigene Konzertreihe (Kaleidoskop-Konzerte) mit Inhalten jenseits des großen sinfonischen Repertoires, in der längst auch Jazz oder Weltmusik ihren Platz haben und Solisten wie James Morrison, Klaus Doldinger und Till Brönner sowie Weltmusiksängerinnen Yasmin Levy, Burhan Öcal oder Natasha Atlas auftraten. Auch im Bereich der Musikvermittlung ist der Klangkörper ungewöhnlich aktiv und legte beispielsweise 2015 eine eigene Konzertreihe für Menschen mit Demenz auf. Neue Musikvermittlungsprojekte mit Fawzi Haimor sind in Planung.

Fawzi Haimor © Jürgen Lippert

WPR mit Fawzi Haimor © Jürgen Lippert

Dem WPR-Publikum möchte Haimor in Zukunft neben dem bekannten Orchesterrepertoire vermehrt bislang unbekannte Werke vorstellen. Das können wenig beachtete Werke bekannter Komponisten sein, aber zuallererst denkt er dabei an Werke, die er durch seinen amerikanisch-nahöstlichen Hintergrund kennen und schätzen gelernt hat, die hierzulande aber noch nie gespielt wurden: Musik junger amerikanischer Komponisten ebenso wie die von Komponisten aus Syrien, Jordanien oder dem Iran beispielsweise. Da die kommende Saison größtenteils schon vor seiner Ernennung zum Chefdirigenten geplant war, werden sich diese Pläne dort noch kaum niederschlagen. Zum Einstand hat er auf das Programm des vom SWR mitgeschnittenen 1. Sinfoniekonzerts neben Tschaikowskis Vierter, die seine Liebe zur russischen Sinfonik dokumentiert, aber doch auch zwei Werke aus seiner Heimat aufs Programm gesetzt: Da darf

HIGHLIGHTS SINFONIEKONZERTE Montag, 18.9.2017, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

1. SINFONIEKONZERT

John Adams, Short Ride in a Fast Machine. Fanfare für Orchester Aaron Copland, Appalachian Spring. Orchestersuite Peter I. Tschaikowski, Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36 Fawzi Haimor, Leitung Fawzi Haimor stellt sich als neuer WPRChefdirigent vor: Selbstverständlich darf der Nestor der amerikanischen Sinfonik des 20. Jahrhunderts, Aaron Copland, dabei nicht fehlen, während für den „Drive“ im fast wörtlichen Sinne John Adams' von einer Sportwagen-Spritztour inspirierte atemlose Orchesterfanfare sorgt. Das Konzert wird vom SWR mitgeschnitten. Montag, 13.11.2017, 20 Uhr Stadthalle Reutlingen

3. SINFONIEKONZERT

Richard Wagner, Vorspiel zu Parsifal Franz Liszt, Fantasie über ungarische Volksmelodien für Klavier und Orchester Franz Liszt, Danse macabre für Klavier und Orchester Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 (Reformation) Joseph Moog, Klavier Fawzi Haimor, Leitung Joseph Moog gehört zu den Künstlern, die schon mit der WPR musizierten, bevor sie groß herauskamen: Der Totentanz von Franz Liszt ist nichts anderes als eine hochvirtuose Paraphrase über das gregorianische Dies irae, für die Joseph Moog erstmals seit 2006 wieder zur WPR zurückkehrt, inzwischen ausgezeichnet mit einer GrammyNominierung (2016) und mit bedeutenden internationalen Preisen wie dem Gramophone Classical Music Award (2015), dem International Classical Music Award (2012, 2014). Montag, 15.11.2017, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

NEUJAHRSKONZERT

Paul Dukas, Der Zauberlehrling. Scherzo für Orchester nach Goethes Ballade Francis Poulenc, Konzert für 2 Klaviere und Orchester d-Moll Darius Milhaud, Le bœuf sur le toit. Orchesterfantasie George Gershwin, Ein Amerikaner in Paris Andreas Grau/Götz Schumacher, Klavierduo Fawzi Haimor, Leitung

der Nestor der amerikanischen Sinfonik, Aaron Copland, nicht fehlen, der der nordamerikanischen Kunstmusik zur Blüte verhalf. Er ist mit seiner Suite aus dem Ballett Appalachian Spring vertreten. John Adams' von einer rasanten Sportwagenspritztour inspirierte Orchesterfanfare Short Ride in a Fast Machine symbolisiert hingegen die dynamische, vorwärts gerichtete und der Welt zugewandte Einstellung des jungen Chefdirigenten, der sich auf seinen Start freut und in der kalifornischen Heimat bereits intensiv Deutsch paukt. Damit das WPR-Publikum den neuen „Stabschef“ seines Orchesters auch adäquat willkommen heißen kann, hat das Orchester ein sympathisches Video produzieren lassen, das Aufschluss über die richtige Aussprache seines Namens gibt und auf der Homepage des Orchesters zu sehen ist: Willkommen Fawzi Haimor! www.wuerttembergische-philharmonie.de

HIGHLIGHTS KALEIDOSKOP-KONZERTE Gegen die metaphysische Bedeutungsschwere eines Richard Wagner und den Klangnebel des Impressionismus lehnten sich im Paris der 1920er-Jahre Komponisten wie Francis Poulenc und Darius Milhaud auf. Sie wollten keine „Musik, die man sich mit dem Kopf in den Händen anhört“ (Cocteau), begaben sich stattdessen auf die Straße und schöpften aus Alltags- und Varietémusik. Für das „poetische Spiel mit dem Portrait Mozarts“, das Poulenc zudem in seinem Doppelkonzert trieb, kommt mit dem aus Reutlingen stammenden, weltweit gerühmten Klavierduo GrauSchumacher eine ganz besondere Spitzenformation zur WPR auf Heimatbesuch: Kritiker überschlagen sich in ihrer Begeisterung ob ihrer hellwachen Interpretationen, feiern die „Telepathie des Zusammenspiels“ (Die Zeit) und schwärmen gar vom „Hörerlebnis der ‚dritten Art‘“ (Neue Musikzeitung). Konsequenterweise wurden GrauSchumacher vom FonoForum „endgültig als das führende Klavierduo“ geadelt.

Donnerstag, 5.10.2017, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

Montag, 29.1.2018, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

Musik aus Videospielen wie z.B. Great Giana Sisters, Blue Dragon, Final Fantasy oder Clash of Clans

4. SINFONIEKONZERT

Michael Haydn, Sinfonie Nr. 39 C-Dur P 31 Robert Schumann, Fantasie für Violine und Orchester C-Dur op. 131 Paul Hindemith, Kammermusik Nr. 4 op. 36/3 für Violine und Orchester Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 Frank Peter Zimmermann, Violine Fawzi Haimor, Leitung In Abgrenzung zur volltönenden romantischen Sinfonieorchesterbesetzung setzte Paul Hindemith bei seinen sieben „Kammermusiken“ auf flexible, durchsichtige Instrumentierungen und entsprechend kleinere Ensembles: Die höchst virtuos geführte Solovioline konzertiert hier als Prima inter pares mit ungewöhnlichen Partnern wie zum Beispiel dem Kornett, vier „Jazztrommeln“ oder der Basstuba. Frank Peter Zimmermann ist fraglos einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen unserer Zeit. Er erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der Premio del Accademia Musicale Chigiana in Siena (1990), der Rheinische Kulturpreis (1994), der Musikpreis der Stadt Duisburg (2002), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008) und der Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau (2010).

BRAVO BROADWAY (1. KALEIDOSKOP)

Titel aus u.a. My Fair Lady, West Side Story, Frozen, Hairspray, Cabaret, Les Misérables, Wicked, Phantom der Oper Alli Mauzey, Sopran Doug LaBrecque, Tenor Fawzi Haimor, Leitung Ein Querschnitt durch siegreiche Blockbuster-BroadwayMusicals bildet den Auftakt der diesjährigen Kaleidoskopreihe! Natürlich haben wir jeweils die Hits für Sie ausgesucht und unser Chefdirigent Fawzi Haimor bringt erstklassige Solisten direkt vom Broadway nach Reutlingen: Alli Mauzey wurde dort beispielsweise zuletzt in Wicked, Cry-Baby und Hairspray gefeiert, Doug aBrec ue unter anderem als Titelfigur in Phantom of the Opera. Donnerstag, 26.10.2017, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

VIDEO GAME MUSIC IN CONCERT (2. KALEIDOSKOP)

Andreas Korn, Moderation Mischa Cheung, Klavier Fawzi Haimor, Leitung Musik von Videospielen im Konzert? Videospiele haben sich längst als eigene Kunstform etabliert und inzwischen sind nicht nur im Hinblick auf Grafik, Technik und Dramaturgie Meisterwerke entstanden, sondern auch in puncto Musik! Die Zeiten, in denen der Programmierer selbst dem Spiel nebenbei ein paar Geräusche beifügte, sind Geschichte. Jetzt greifen wahre Könner zur Feder, komponieren für großes Orchester und schaffen gleichermaßen anspruchsvolle, unterhaltsame und abwechslungsreiche Werke, die ihre Wirkung auch auf Menschen ohne Spielekonsole nicht verfehlen. Donnerstag, 8.3.2018, 20 Uhr Reutlingen, Stadthalle

VOICE OF HOPE (5. KALEIDOSKOP)

Arien von Mozart und Puccini sowie traditionelle afrikanische Lieder Pumeza Matshikiza, Sopran Johannes Klumpp, Leitung Aus der Township auf die Opernbühnen der Welt führte der ungewöhnliche Weg von Pumeza Matshikiza. Die Karriere der sympathischen Südafrikanerin begeisterte weltweit so viele Menschen, dass es neben einer CNN-Dokumentation bereits etliche Auftritte an prominenter Stelle, wie zum Beispiel bei der Hochzeit von Charlène und Albert von Monaco gab. In ihrem Programm Voice of Hope ist sie mit Arien, für die sie von ihrem Opernpublikum geliebt wird, ebenso zu hören wie mit traditionellen afrikanischen Liedern in der Sprache ihrer Heimat.

Portikus © Christian von Steffelin

BERLIN

Wiederer ffnung Staatsoper Unter den Linden Die Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden beginnt mit dem PRÄLUDIUM vom 30. September bis 8. Oktober. Mit einem Konzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper Unter den Linden am Tag des Jubiläums (7. Dezember) und einem anschließenden Premierenwochenende mit Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (8. Dezember) und Claudio Monteverdis „L'incoronazione di Poppea“ (9. Dezember) wird die Spielzeit fortgesetzt. Den Auftakt des neuntägigen PRÄLUDIUM bildet das OpenAir-Konzert STAATSOPER FÜR ALLE mit Daniel Barenboim, der Staatskapelle Berlin und dem Staatsopernchor am 30. September um 17 Uhr unter freiem Himmel auf dem Bebelplatz, dank BMW Berlin bei freiem Eintritt. Am folgenden Tag, dem 1. Oktober, haben Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste aus aller Welt die Möglichkeit, das Haus bei musikalischen Führungen zu erkunden. Das Herzstück der Wiedereröffnung ist die Premiere „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“ mit Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ am 3. Oktober, einer gemeinsamen Neuproduktion von Intendant Jürgen Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim. Mit Roman Trekel (Faust), Elsa Dreisig (Gretchen), René Pape (Mephistopheles), Katharina Kammerloher, Stephan Rügamer, Evelin Novak, Adriane Queiroz, Natalia Skrycka, Gyula Orendt, Narine Yeghiyan, Florian Hoffmann und Jan Martiník, allesamt Solisten aus dem Ensemble der Staatsoper oder Mitglieder des Internationalen Opernstudios, sowie mit den Schauspielern Meike Droste (Gretchen), André Jung (Faust) und Sven-Eric Bechtolf (Mephistopheles), dem Staatsopernchor und der Staatskapelle Berlin (weitere Termine: 6. Oktober, 14., 17. Dezember 2017). Am 4. Oktober gibt die Staatskapelle Berlin ihr erstes Abonnementkonzert der Saison unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim im Opernhaus Unter den Linden. Als Solist des Abends tritt Pianist Maurizio Pollini auf. Das Programm wird am 5. Oktober in der Philharmonie noch einmal erklingen. Am 7. Oktober sind die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta in der Staatsoper Unter den Linden zu Gast. Am 8. Oktober wird die Neue Werkstatt mit „Rivale“, einer Uraufführung von Lucia Ronchetti als Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden, in der Regie von Isabel Ostermann und unter der musikalischen Leitung von Max Renne eingeweiht (weitere Termine: 11., 14., 15., 17., 19., 20. und 22. Oktober 2017). Im Rahmen des PRÄLUDIUM wird es eine Kooperation mit arte in Zusammenarbeit mit dem ZDF und Unitel sowie eine Kooperation mit dem rbb Kulturradio geben. Außerdem wird das Programm des PRÄLUDIUM umfangreich für alle live auf den Bebelplatz übertragen. Der Vorverkauf für das Präludium startet am 8. Juli um 10.00 Uhr. www.staatsoper-berlin.de


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Saisonstart | Klassik | Oper | 59

Michael Kraus (Alberich), Cornel Frey (Mime), Statisterie

DÜSSELDORF

Der neue „Ring“ am Rhein

INTERVIEW

Dietrich W. Hilsdorf inszeniert Richard Wagners

mit Dietrich W. Hilsdorf

Tetralogie in Düsseldorf und Duisburg

Regisseur

wollen. Die Deutsche Oper am Rhein Düssel„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, mit dorf Duisburg setzt ihre große Wagner-Tradidiesem berühmten „Loreley“-Zitat von Heintion mit ihrer vierten „Ring“-Neuproduktion rich Heine eröffnet Regisseur Dietrich W. seit 1956 in besonderer Weise fort: GeneralHilsdorf seine Inszenierung des „Rheingolds“ musikdirektor Axel Kober und Regisseur Dietund damit den gesamten vierteiligen „Ring rich W. Hilsdorf erarbeiten alle vier Werke des Nibelungen“ von Richard Wagner. Ein in beiden Städten mit jeweils einer eigenen tiefer Es-Dur-Dreiklang ist die musikalische hochkarätigen Sängerbesetzung und beiden Urzelle dieses Zyklus – alles andere als eine Orchestern, den Düsseldorfer Symphonikern aus den Tiefen des Rheins aufschimmernde und den Duisburger Philharmonikern. heile Ur-Natur. Die Welt hat bereits Brüche, bevor die Rheintöchter den lüsternen Alberich verhöhnen, dieser die Liebe verflucht und so alle Konflikte um den Ring ins Rollen kommen. Das wusste schon Wagner, der in seinem „Ring“-Mythos die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit spiegeln wollte. In diesem 19. Jahrhundert setzen auch Dietrich W. Hilsdorf und sein Team mit ihrer Inszenierung an, ohne den Raub des Rheingoldes und dessen Folgen als eine lückenlose Kette von UrMaria Kataeva (Wellgunde), Anke Krabbe (Woglinde), Michael Kraus (Alberich) sache und Wirkung aufzeigen zu FOTO: Hans Jörg Michel

Sitzt Richard gerade mit am Tisch in Ihrer Datscha nahe der polnischen Grenze, wo Sie mit dem Bühnenbildner Dieter Richter die nächsten Ring-Inszenierungen besprechen? Richard sitzt nicht nur mit am Tisch, er hat Fotos von Dieter Richter und mir im Garten gemacht und würde am liebsten nachts bei mir unter die Decke kriechen.

Richard Wagner: DER RING DES NIBELUNGEN Axel Kober – Musikalische Leitung Dietrich W. Hilsdorf – Inszenierung Dieter Richter – Bühne Renate Schmitzer – Kostüme Volker Weinhart – Licht Bernhard F. Loges – Dramaturgie

PREMIEREN:

Infos & Tickets: ringamrhein.de Tel. +49 (0)211 89 25 211

SIEGFRIED Sa 7.4.2018 – Opernhaus Düsseldorf Sa 26.1.2019 – Theater Duisburg

DAS RHEINGOLD Sa 4.11.2017 – Theater Duisburg DIE WALKÜRE So 28.1.2018 – Opernhaus Düsseldorf Do 31.5.2018 – Theater Duisburg

GÖTTERDÄMMERUNG Sa 27.10.2018 – Opernhaus Düsseldorf So 5.5.2019 – Theater Duisburg ZYKLEN: 23.5.–2.6.2019 – Theater Duisburg 13.6.–23.6.2019 – Opernhaus Düsseldorf www.operamrhein.de

Umschmeichelt oder verfolgt er Sie? Er verfolgt mich! Schmeicheln muss er nicht, weil er ohnehin in der ganzen Welt gespielt wird. Die Kritiken für DAS RHEINGOLD waren durch die Bank positiv. Sind Sie zufrieden, baut es Druck auf, und was nehmen Sie damit mit in die nächsten Inszenierungen? Die Kritiken (auch die guten) waren durch die Bank weg oft sehr ungenau, aber die Herrschaften kriegen ja noch die eine oder andere Chance.  Jedenfalls ist es mit dem RHEINGOLD noch nicht gelungen,

ven in jedem Takt hergestellt. Und unser unbedingter Wille zur Genauigkeit nimmt uns ja nicht die Lust an der Ungenauigkeit. Also, WALKÜRE ist TOSCA.

unsere Kritiker wesentlich zu fördern. Aber auch wir haben ja noch Chancen. Haben Sie bei den Vorbereitungen zu DIE WALKÜRE, die am 28.1.2018 in Düsseldorf Premiere hat, schon den SIEGFRIED und die GÖTTERDÄMMERUNG im Blick oder ist die Walküre die Walküre, wie Tosca die Tosca? Wir haben uns vom Zwang der Querverweise zwischen den Stücken per Absprache befreit. Diese Bezüge hat ja schon Richard mit seinen Leitmoti-

Wie wichtig ist bei einem Projekt wie dem Ring die langjährige Zusammenarbeit mit Dieter Richter? Unsere Zusammenarbeit währt schon über zwanzig Jahre und war somit auch die Vorbereitung auf den RING. Diese Zeit war nötig und wichtig und wunderbar. (Das gilt genauso für das längere oder kürzere gemeinsame Arbeiten mit der Kostümbildnerin Renate Schmitzer, dem Dirigenten Axel Kober und dem Dramaturgen Bernhard F. Loges.) DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.

Dieter Richter und Dietrich Hilsdorf © Dieter Richter


60 | Saisonstart | Theater

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

München

Im Anfang war die Tat Das Faust-Festival München 2018 Das Faust-Festival München 2018 ist eine Initiative der Kunsthalle München und des Gasteig und findet vom 23. Februar bis 29. Juli 2018 statt. Die Idee für das Festival entstand bei den Planungen zur Ausstellung „DU BIST FAUST – Goethes Drama in der Kunst“, die zeitgleich in der Kunsthalle München zu sehen sein wird. Ihr Direktor, Roger Diederen, ist überzeugt von der Strahlkraft des FAUST: „Ich glaube an das Thema. Ich glaube, wenn wir alle zusammenarbeiten, werden wir alle profitieren.“ Der Gasteig, Europas größtes Kulturzentrum, ist Festivalzentrum des fünfmonatigen Events. Das Faust-Festival München 2018 richtet sich nicht nur an die Flaggschiffe der Münchner Kulturinstitutionen, die das Thema überwiegend in ihre Spielpläne integriert haben. Sondern es möchte explizit auch die kleinen Häuser, Künstler aller Genres, Off-Szene, Profis und Laien ansprechen, um FAUST fünf Monate lang im Zentrum wie in den Stadtteilen präsent zu machen. „Ein Festival, bei dem auch die Kleinen ihren Platz haben“, fasst Projektleiterin Anna Kleeblatt diesen Anspruch zusammen. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein – FAUST von allen für alle.

Vielfältig, bunt und mit Spaß für jedermann – unter diesem Credo wendet sich das Faust- Festival an Kulturfans sowie neugierige Seiteneinsteiger, an Alt und Jung, Einheimische sowie Auswärtige, Münchner und Touristen. Im Programm wird es für jeden etwas zu entdecken geben: Sei es Ausstellung, Konzert, Workshop, Theatervorstellung, Vortrag, Film, Performance etc. oder sei es inhaltlich, wenn es darum geht, die allgegenwärtigen Themen aufzuschließen, neue Facetten zu entdecken und nicht zuletzt Berührungsängste mit dem großen Stoff abzubauen. „Es ist schön, dass diesmal keiner sagt, was gut ist und was nicht gut ist“, unterstreicht Max Wagner, der Geschäftsführer des Gasteig, diesen Anspruch. www.faustfestival.com

Hamburg

Hamburger Theater Festival 2017 Zum 9. Mal findet in diesem Herbst das Hamburger Theater Festival statt. Die eingeladenen Produktionen sind herausragende Arbeiten aus deutschsprachigen Theatern. Die Hamburger sehen die diesjährige Auswahl an Stücken in einigen der schönsten Kulturstätten der Hansestadt – Deutsches Schauspielhaus, Thalia Theater, Kampnagel, St. Pauli Theater, Hamburgische Staatsoper und erstmalig in der Laeiszhalle. Auf der Bühne erlebt das Publikum berühmte Charakterköpfe – u.a. Corinna Harfouch, Fritzi Haberlandt, Birgit Minichmayr, Nicole Heesters, Caroline Peters, Meret und Ben Becker, Sebastian Koch, Burghart Klaußner, Jörg Hartmann, Martin Wuttke, Joachim Meyerhoff und Ha-

rald Schmidt, um nur einige zu nennen. Sie alle können auf unterschiedlichste Arten eines hervorragend: Das Publikum bei seinen Emotionen packen. Freude und Leid, Liebe und Hass, Mitleid und Verachtung sind Pole auf der emotionalen Skala, an denen sich Theater orientiert, denn Theater will emotional berühren. Tragödien und Komödien, Soloabend und großes Ensemble, symphonisch-szenische Lesung und moderierter Theater-Talk – das Festival bietet Ihnen vom 11. September bis zum 6. November 2017 wieder ein vielseitiges Programm. 11.9.–6.11.2017 www.hamburgertheaterfestival.de

Wien

Auftakt zur Spielzeit 2017/2018 im Burgtheater „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – mit einem Zitat aus Ferdinand Schmalz' neuem „jedermann (stirbt)“ geht das Burgtheater unter der Direktion von Karin Bergmann in die Spielzeit 2017/2018 – und legt damit den Fokus auf die immer wieder überraschenden, erhellenden, oftmals aber auch beängstigenden Perspektivenwechsel in Politik, Geschichte und Gesellschaft. Elf der angekündigten 21 Premieren sind Uroder Erstaufführungen, Ferdinand Schmalz und Josef Winkler schrieben ihre neuen

Stücke im Auftrag des Burgtheaters. Gefeiert wird der Fund eines lange verschollen geglaubten Stücks von Wolfgang Bauer. Zu entdecken gilt es Autor*innen wie Thomas Köck, Yade Yasemin Önder, Noah Haidle sowie Neues von Ewald Palmetshofer und Ayad Akhtar. Die Regiegrößen Johan Simons und Luk Perceval werden erstmals am Burgtheater arbeiten. Neben dem Schwerpunkt Österreichische Dramatik gibt es eine Renaissance der Autoren der klassischen Moderne. www.burgtheater.at

„Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, Wiederaufnahme Saison 2017/2018, Burgtheater Wien © Georg Soulek/Burgtheater

Boris Charmatz 10000 Gesten MIF17 © Tristram Kenton 1

BERLIN

Der Neuanfang Nach 25 Jahren Intendanz und intensiver, leidenschaftlicher Theaterarbeit ist Ende Juli die Ära Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zu Ende gegangen. Begleitet von viel Lärm, Protesten und emotionalen Anfeindungen, die dabei oft das sachliche Maß an Diskussion und Kritik überschritten haben. Vieles ist nachvollziehbar. Eine Institution soll nicht mehr da sein, der Theaterbetrieb in seiner bisherigen Form nicht mehr aufrechterhalten bleiben, die Moderne in das Traditionshaus einziehen. Aber sich deswegen dem Neuen verschließen und Chris Dercon, einem ausgewiesenen, international erfolgreichen und Branchen übergreifend anerkannten Kulturmanager und seinem Team keine Chance geben? Deswegen sich der Vision eines modernen, Sparten übergreifenden, zeitgemäßen Kulturbetriebs verschließen? In einer weltoffenen, multikulturellen Stadt wie Berlin? www.volksbuehne1718.berlin

PARTIKEL

Eine Gesprächsaufzeichnung von Timo Feldhaus, Berlin, im Gespräch mit Chris Dercon und Marietta Piekenbrock Für was öffnen, vor was verschließen wir uns? Die Volksbühne ist das Theater einer Stadt mit geteilter Geschichte. Die Temperatur von Freiheit und Unfreiheit wurde hier schon immer anders gemessen. Angetrieben von der Vision einer offenen, kosmopolitischen Gemeinschaft fühlen wir uns der emphatischen Gründungsformel verpflichtet, mit der die Volksbühne seit Beginn des 20. Jahrhunderts den Wandel des Theaters vorantreibt: Die Kunst dem Volke. Erleben wir uns als Deutsche, als Europäer oder als Kosmopoliten – das ist die Frage, der wir uns stellen wollen. Zukunft versus Vergangenheit, Avantgarde versus Tradition, Sprechtheater versus Performance und Tanz. In Oppositionen und Feindbildern zu denken – uns ist das fremd. Die Volksbühne ist ein STADTTHEATER OHNE GRENZEN: Vertraut mit historischen und ästhetischen Umbrüchen stellt es sich neuen Herausforderungen. Es soll wie eine Membran funktionieren – unter einem Dach Theater, Tanz, Performance, Musik, Kino, Bildende Kunst und digitale Kulturen versammeln. Gleichzeitig sehen wir unsere Aufgabe darin, die humanistische Kultur und die institutionelle Kraft des Theaters

zu feiern, anstatt sie als etwas zu betrachten, das veraltet oder aus der Mode gekommen wäre. Es ist an der Zeit, das Theater wieder für situative Kunstformen zu öffnen und die Fragilität ihrer Existenz zum Kulturgut zu erklären. Daraus werden neue Kräfte erwachsen. Das Museum tanzt, der Tanz spricht, das Schauspiel verdoppelt sein Bild auf der Leinwand, das Kino betritt den Bühnenraum. Ist es langfristig überhaupt noch sinnvoll, die Welt der Kunst in separaten Spartenhäusern zu denken? DIE KÜNSTLER*INNEN WEISEN UNS EINEN ANDEREN WEG. Sie machen die Bühne zum Ausstellungsraum oder das

Theater zum Lichtspielhaus. Sie betrachten ihre Disziplinen nicht mehr als einzelne, getrennte Sparten, sondern sind elektrisiert von ihrem zeitlichen und räumlichen Neben- und Miteinander. Tino Sehgal arbeitet für einen Museumskontext, aber genauso für ein Opernhaus. Susanne Kennedy macht Theater, in dem sich die Schauspieler*innen wie Skulpturen dem Stillstand nähern. Kate Tempests Songtexte haben eine starke szenische Qualität, eigentlich rappt sie Rollenprosa. Filmemacher wie Apichatpong Weerasethakul und Albert Serra halten auf der Bühne ihre Bilder an. Gerade in dieser Auflösung von festen Präsentationsformen liegt ein großes Potenzial. Wir haben Künstler*innen eingeladen, die neue Definitionen erfin-

Flugvorfeld Blick West nach Ost © Tempelhof Projekt GmbH


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Saisonstart | Theater | 61

Mette Ingvartsen To come (extended) © Jens Sethzman

den, und zwar zuerst für sich, dann für alle: Muss ein Schauspieler mit seiner eigenen Stimme sprechen? Welche Qualitäten hat eine Architektur aus Körpern? Was ist eine Ausstellung? Welche Bindungskräfte kann eine Institution entfalten? Die Bühne des Sprechtheaters basiert ihrer Natur nach auf einem Weltgefühl, das bewusst den Menschen in die Mitte der Welt rückt. Susanne Kennedy ist fasziniert von dem Vorschlag eines neuen Epochenbeginns, dem des Anthropozäns. Auf ihrer Bühne finden wir veränderte KRÄFTEVERHÄLTNISSE vor, eine neue Dynamik von Wesen, Maschinen und Objekten. Das Subjekt, sagt sie, sei heute kein Thema mehr. Die Dinge, die wir einmal erfunden haben, um Identität auf der Bühne entstehen zu lassen, sie greifen nicht mehr. Ihr Theater aus Replikanten und Doppelgängern ist wie ein Gruß aus der Zukunft. Das verbindet sie mit den gesichtslosen Gestalten in Mette Ingvartsens Choreografie. Doch die eigentliche Magie all dieser Szenen liegt in

Marietta Piekenbrock © Thomas Dashuber

der Form eines archaischen Rituals: Schauspieler*innen, Tänzer *innen und Zuschauer*innen atmen im selben Raum zur gleichen Zeit. Die ganze Schönheit des Theaters, seine Essenz, sie liegt in der Einfachheit dieses Moments. Zu erzählen, zu wiederholen, was erzählenswert ist, das macht den Eigensinn des Theaters aus. Repertoire bedeutet Fundstätte oder Verzeichnis und meint die Gesamtheit aller Werke, die ein Theater zeitnah auffächern kann.

Hangar 5 Blick Überdachtes Vorfeld © Tempelhof Projekt GmbH

Inspiriert von der wörtlichen Bedeutung wird die Volksbühne in loser Folge Wiederaufnahmen, Fortschreibungen oder Faksimiles ikonischer Stücke der Theater-, Tanz-, Film- und Musikgeschichte zeigen. Bei ihrer Uraufführung brachen sie mit Konventionen und sprengten Rezeptionsriten. Als Vermittler für den Aufbruch einer nächsten Moderne werden sie häufig erst retrospektiv lesbar. Aspekte des Archivs, Formen des flüchtigen Denkmals und der performativen Geschichtsschreibung können in unserem REPERTOIRE DER MODERNE eine Rolle spielen. Oder ganz einfach die Affinität der Künstler*innen zur Geschichte ihres eigenen Werks oder zur Geschichte ihrer Meister. Was passiert zum Beispiel, wenn Samuel Becketts entriegelte Sprache aus „Not I – Nicht Ich“ auf Tino Sehgals Gesprächsminiaturen trifft? Die Körper-Bilder, die uns erreichen, veranschaulichen, wie exponiert und wie verwundbar

der Körper und wie verletzlich unsere Städte sind. Occupy, Pegida, die Zeltcamps an den Grenzen, terroristische Attacken im öffentlichen Raum – der Körper, der geflüchtete, der versehrte, der protestierende Körper ist wieder in den Mittelpunkt des politischen Feldes geraten. Über alle Sprachgrenzen hinweg sind seine Botschaften universell verständlich. Wie reagieren Künstler*innen auf diese Entwicklungen? Judith Butler hat in ihrem neuen Buch eine THEORIE DER VERSAMMLUNG entwickelt und stellt uns die Frage: Welche Formen von Öffentlichkeit können der Verwirklichung von Demokratie, von Gerechtigkeits- und Gleichheitsidealen dienen? So gibt es Situationen und Länder, in denen es angebracht sein kann, die Exponiertheit des Körpers zu minimieren. Plötzlich liegt seine Kraft in der unerwarteten Flüchtigkeit. In Boris Charmatz’ Stück „danse de nuit“ (Tanz bei Nacht) weiß man nie genau, was man gerade erlebt: einen Straßenkampf, eine Guerillaaktion, eine Performance? Nirgendwo war in Berlin das Wunder überwiegend friedlichen menschlichen Zusammenlebens größer als auf dem historischen Flughafen TEMPELHOF. Tausende Menschen haben hier in den letzten Monaten Zuflucht gefunden und auf engem Raum nebeneinander existiert, kollaboriert oder sind einander ausgewichen. Für diesen Ort hat der Architekt Francis Kéré die UTOPIE eines mobilen Theaters entworfen, das den Dialog mit der kolossalen Größe, wechselvollen Geschichte und Gegenwart dieses in Euro-

pa einmaligen Areals sucht. Im September legen wir gemeinsam den Grundstein für diesen neuen Spielort mit einem babylonischen Chaos an Sprachen, Gesten und Formen. Wo sind wir in Berlin gelandet? Ist es eine ideale Stadt, oder ist es ein neues Krisengebiet? Wie kann das Theater von hier aus mit einer neuen Dynamik in die Stadtgesellschaft hineinwirken? Was passiert, wenn digitale Erzählformen Raum, Zeit, Handlung und Identitäten entgrenzen und der Bildschirm zur Bühne wird? VOLKSBÜHNE FULLSCREEN, die neue digitale Spielstätte, versteht sich als Laboratorium, Aufführungsort und Archiv. Sie lädt Künstler*innen ein, mit den Konventionen und Erzählformen des Theaters zu experimentieren. Zur Eröffnung zeigt Volksbühne Fullscreen Arbeiten von Künstler*innen, die sich originär

und einflussreich mit dem Dialog zwischen digital und analog beschäftigt haben: Die Choreografin Alexandra Bachzetsis, der Regisseur und Autor Tim Etchells, die junge Künstlerin Jesse Darling. Oder Alexander Kluge, der die Volksbühne als Echoraum benutzen wird, indem er filmische Feuilletons über die Stücke und Motive macht, die hier stattfinden. Sein Programm wird IM AUGE DER LIBELLE heißen. Die Libelle hat 30.000 Augen und dadurch die Möglichkeit, die Welt auf 30.000 verschiedene Arten wahrzunehmen. Welches Bild entsteht, wenn die Libelle ihre Facettenaugen auf die Volksbühne richtet? Vielleicht eine Momentaufnahme, in der Chaos und Ordnung zu einer neuen Balance finden. PARTIKEL BASIERT AUF EINEM GESPRÄCH MIT TIMO FELDHAUS, BERLIN, APRIL 2017.

Chris Dercon © Tobias Kruse


62 | Saisonstart | Tanz & Ballett

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Stuttgart

50 Jahre Onegin Ein eigenes Repertoire zu kreieren, mit dem man überall identifiziert wird, ist eines der größten Herausforderungen beim Aufbau einer Ballettkompanie. Indes grandios, wenn es vollendet ist. John Cranko, der Erneuerer des Handlungsballetts, der sich gern literarischer Vorlagen bediente und es auf geniale Weise verstand, seine Charaktere glaubhaft, menschlich und zutiefst berührend darzustellen, kreierte solch ein Repertoire. Onegin, eines seiner Herzstücke feiert am 27. Oktober

Duato, Foto © Yan Revazov

BERLIN

Literaturschwerpunkt und Sonderveranstaltungen wie Gala und Ballettwoche

In der Spielzeit 2017/2018 des Staatsballetts Berlin sind 88 Ballettvorstellungen auf den Bühnen der Deutschen Oper Berlin, der Komischen Oper Berlin sowie der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden geplant. Neu ins Repertoire gelangen die drei Premieren „Don Quixote“ (16. Februar 2018), „Romeo und Julia“ (29. April 2018) und „Doda | Goecke | Duato“ (24. Mai 2018). Thematisch sind die Premieren der Saison 2017/2018 stark von der Literatur geprägt, wobei es Intendant Nacho Duato besonders am Herzen liegt, das Publikum zu berühren: „Choreografien regen zum Nachdenken an, sie begeistern, verstören, verwirren, bezaubern. Bleiben Sie neugierig!“ Mit „Don Quixote“ wird ein spanisches Stück Weltliteratur und gleichzeitig ein Ballett-Klassiker Premiere in der Deutschen Oper Berlin haben. Víctor Ullate, seit Ende der 70er-Jahre und bis heute einer der wichtigsten Protagonisten für klassisches Ballett in Spanien, präsentiert seine choreografische Lesart. „Romeo und Julia“, ein weiterer Literatur- und Ballett-Klassiker in einer Neubearbeitung von Nacho Duato wird die

Heidelberg

Tanzbiennale Heidelberg 24.2. – 4.3.2018

Nacho Duatos Abschiedsspielzeit beim Staatsballett Berlin Drei Premieren, ein Gastspiel der Ballets de Monte-Carlo, die Gala „Polina & Friends“ sowie eine Ballettwoche mit geballtem Programm stellen die Höhepunkte der Saison dar.

2017 sein 50-jähriges Jubiläum. John Cranko war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Meisterwerks auf dem Gipfel seines Könnens: Sei es die in ihrer Klarheit bestechende Dramaturgie, die treffende Musikauswahl, die gefühlvolle Gestaltung der Charaktere oder die atemberaubenden Pas de deux. Cranko setzte in diesem weltweit gefeierten Ballett mit seiner Erzählkunst zu wahren Höhenflügen an. www.stuttgarter-ballett.de

erste Premiere des Staatsballetts in der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden sein. Mit „Doda | Goecke | Duato“ feiert schließlich ein zeitgenössischer dreiteiliger Abend Premiere, in dessen Rahmen Gentian Doda, Erster Ballettmeister beim Staatballett Berlin, erstmals eine Kreation auf einer Berliner Bühne vorstellt. Marco Goecke, Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett und international gefeiert, studiert seine Arbeit „Pierrot Lunaire“ ein, auf Musik Arnold Schönbergs, inspiriert von Gedichttexten Albert Girauds. Nacho Duatos Werk „Por vos muero“ rundet den Abend ab und taucht ein in Dichtung und Musik des spanischen 15. und 16. Jahrhunderts. Neben den Premieren sind auch verschiedene Sonderveranstaltungen geplant. Das Staatsballett präsentiert die Gala „Polina & Friends“ mit der Berliner Kammertänzerin Polina Semionova sowie internationalen Stars, Freunden und Wegbegleitern am 17. Mai 2018 in der Staatsoper Unter den Linden. Als Gastspiel sind die Ballets de Monte-Carlo mit „Cinderella“ im Januar 2018 in der Deutschen Oper Berlin eingeladen. Zum Ende der Saison präsentiert das Staatsballett außerdem erstmalig in einer Ballettwoche vom 15. bis 21. Juni 2018 mit sechs Produktionen in sieben Tagen die ganze Bandbreite seines Könnens. www.staatsballett-berlin.de

Im Februar und März 2018 präsentiert die TANZallianz, bestehend aus dem Theater und Orchester Heidelberg sowie dem UnterwegsTheater die 3. Tanzbiennale Heidelberg! Über neun Tage bietet das umfangreiche Programm aus Gastspielen und Eigenproduktionen vielfältige Einblicke in aktuelle Entwicklungen der nationalen wie internationalen Tanzszene. Den Auftakt bildet die Uraufführung des Jugendtanzprojektes unter der Leitung von Gary Joplin. Auf den Bühnen des MarguerreSaals, des Alten Saals, der HebelHalle sowie des Zwingers präsentieren in den Folgetagen international renommierte Kompagnien und Choreografen aus der Region ihre richtungs-

weisenden Arbeiten. Der Kinder- und Jugendtanztag richtet sich, ebenfalls bestimmt von Gastspielen innovativer nationaler sowie internationaler Gruppen, an die ganze Familie. Zum Abschluss des Tanzfestivals gehört die Bühne noch einmal ganz der lokalen Tanzszene: Die Baden-Württemberg-Gala bringt die wichtigsten Tanzkompanien der Stadt- und Staatstheater sowie der Freien Szene des Bundeslands nach Heidelberg. Das Programm zur Tanzbiennale Heidelberg 2018 erscheint im November 2017. www.theaterheidelberg.de

Köln

Berliner Secession und Russisches Ballett: Ernst Oppler Eine Ausstellung des Deutschen Tanzarchivs Köln im Tanzmuseum bis 28. Januar 2018 Anlässlich des 150. Geburtstags des „Tanzmalers“ Ernst Oppler (1867-1929) zeigt das Deutsche Tanzarchiv Köln erstmals eine umfassende Retrospektive der Arbeiten mit Tanzbezug aus dem in Köln bewahrten bedeutenden Nachlassbestand Opplers. Die Ausstellung lädt den Besucher ein, anhand von über 120 Exponaten die bildkünstlerische Auseinandersetzung Ernst Opplers mit dem Tanz kennenzulernen. Sechs thematische Kabinette präsentieren mit Gemälden, Druckgrafiken, Zeichnungen und Skizzen die Vielgestaltigkeit seines künstlerischen Ansatzes. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem nie zuvor gezeigten zeichnerischen Werk. Gleich einem Besuch im Atelier ermöglicht die Ausstellung dem Betrachter damit auch eine Ahnung von Prozessen und Stadien der Entwicklung eines Bildes vom Tanz, das bei Oppler in vielerlei Hinsicht der Fotografie näherkam, als dies zuvor in der Malerei der Fall war. www.sk-kultur.de/tanz

Ernst Oppler: Les Sylphides (Hinter den Kulissen) Öl auf Leinwand. Um 1915

Wuppertal

Neue Intendantin des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch

Nacho Duato, Foto © Costas Cut

Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch geht mit der Intendanz und Künstlerischen Leitung von Adolphe Binder in seine 44. Saison. In der Geschichte des international besetzten Ensembles beginnt damit eine Neuausrichtung, bei der das umfassende Oeuvre Pina Bauschs mit neuen zeitgenössischen Kreationen, Formaten und Prozessen bereichert wird. Eine große Neueinstudierung in neuer Besetzung und diverse Wiederaufnahmen aus unterschiedlichen Schaffensphasen Pina Bauschs bilden den Kern der Spielzeit. Das Tanztheater zeigt zehn Produktionen, davon erstmalig in seiner Geschichte zwei abendfüllende Uraufführungen internationaler Gastchoreografen. Dreißig Vorstellungen im Opernhaus sowie partizipative Projekte, die Beteiligung und Teilhabe ins Zentrum stellen, werden in Wuppertal gezeigt. Eine Entwicklung, die bereits jetzt auf die programmatische Gestaltung des geplanten Pina Bausch Zentrums ausgerichtet ist.

Pina Bauschs Werk steht für Neugierde und Mut zur Expedition und Entgrenzung. Dies ist der neuen Intendantin und Künstlerischen Leiterin Adolph Binder Inspiration und Ansporn, auch in der Zukunft fremde Wege zu beschreiten, neue Resonanzräume zu schaffen und künstlerische Wagnisse einzugehen. Den wertvollen Schatz stark und dynamisch zu halten und gleichzeitig mit spannenden Künstler*innen Neues zu erfinden, diese große Herausforderung ist Adolphe Binder Ehre und Verpflichtung zugleich. www.pina-bausch.de

Adolphe Binder © Anne Schwartz


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Film | 63

FILM

© Film Festival Cologne

Im Gartenbaukino Foyer © Alexi Pelekanos

Köln Film Festival Cologne Publikumsfestival und Fachkongress

ist Österreichs größtes internationales Filmevent

Das Film Festival Cologne findet in diesem Jahr

sowohl ein Publikumsfestival für eine breite, ki-

vom 29. September bis 6. Oktober zum 27. Mal

nointeressierte Öffentlichkeit zu sein als auch den

statt. Seit seiner Gründung im Jahr 1991 hat das

Stand der internationalen Filmkultur auf hohem

Film Festival Cologne sich als eine der wichtigs-

ästhetischem und politischem Niveau zu vermit-

ten deutschen Medienveranstaltungen und als

teln und zur Diskussion zu stellen. Es ist diese

führendes Festival für herausragendes Fernsehen

Kombination, die die Einmaligkeit der Viennale

und unabhängige Filmkultur etabliert. Im Zent-

ausmacht.

rum stehen hochrangige Festivalpräsentationen,

19.10.–2.11.2017 | www.viennale.at

und zugleich eines der akzentuiertesten und qualitätsvollsten Filmfestivals im europäischen Zusammenhang. Die Viennale ist der Versuch,

Preisverleihungen sowie erstklassig besetzte internationale Branchen-Events. In der Verbindung Film Festival Cologne eine zentrale Kommunika-

Berlin POOL 17 – INTERNATIONALES TanzFilmFestival BERLIN

tionsplattform im deutschen Film- und Fernseh-

Die 11. Edition von POOL präsentiert vom 4. bis 7.10.2017 im DOCK 11 in Berlin eine Auswahl

markt und rückt wichtige neue Entwicklungen in

faszinierender Tanzfilmproduktionen aus aller Welt und wird zum Treffpunkt Kreativschaffender aus

den Blick.

Tanz, Film sowie der Fashion- und Werbeszene. Der Fokus liegt auf Filmen, die Tanz nicht dokumen-

29.9. – 6.10.2017 | www.filmfestival.cologne

tieren, sondern mittels Kamerabewegung, Schnitt etc. eigene Filmchoreografien entstehen lassen. An

von Publikumsfestival und Fachkonferenz ist das

vier Abenden präsentiert POOL einerseits zeitgenössische Tanzfilmproduktionen aus einem Wettbewerb und beleuchtet darüber hinaus unter dem Label POOL SHINE künstlerische Einzelpositionen, © KFFK/Kurzfilmfestival K ln

Köln KFFK / Kurzfilmfestival Köln N°11

die wesentlich zur Entwicklung des Kunstformats beigetragen haben. Im Anschluss an die vergangene Ausgabe eröffnet SHINE das Festival mit Filmchoreografien, die im Austausch zwischen

Seit 2006 bietet das KFFK/Kurzfilmfestival NRWs

Künstler*innen des postmodernen Tanzes und

Medienmetropole ein lebendiges und dauerhaf-

der Experimentalfilmszene im New York der 60er-

tes Forum für den unabhängigen Kurzfilm. Das

und 70er-Jahre entstanden sind. Gezeigt werden

Kurzfilmfestival Köln verfolgt aktuelle Tendenzen

Filme von Elaine Summers, Joan Jonas und der

des ästhetischen und narrativen Schaffens junger

Choreografin und Filmemacherin Yoshiko Chu-

Talente und versteht sich als Präsentations- und

ma, die gleichzeitig in das Programm einführt.

Diskussionsplattform für junge Filmemacher, ein

4.–7.10.2017 | www.pool-festival.de

debattierfreudiges Publikum und Branchenvertreter. Im Filmforum NRW und anderen Kinos der

© FrauenWelten Tübingen

Tübingen | Rottenburg | Herrenberg 17. Filmfest FrauenWelten von TERRE DES FEMMES

Stadt zeigt das KFFK in diesem Jahr mehr als 100

ten. In der internationalen Filmreihe und seinem

Filme in den Programmen Deutscher Wettbewerb,

Begleitprogramm ging es um die zutiefst mensch-

Kölner Fenster, Best of Festivals und New Aesthe-

liche Suche nach der einen Wahrheit sowie um

tic. Darüber hinaus gibt es mit „Kurzes für Kurze“

die allgegenwärtigen Versuche von Populisten,

zwei Kinderprogramme und eine Ausstellung mit

Wahrheiten zu verdrehen und zu verschleiern.

Virtual Reality-Arbeiten.

LICHTER hat seine Wurzeln in der Film- und Kul-

15.–19.11.2017 | www.kffk.de

turszene der Region: Das LICHTER Filmfest Frank-

Frankfurt LICHTER Filmfest Frankfurt International

furt International begann als Werkschau des regionalen Films in einem selbstgebauten Atelierkino und hat sich in den letzten neun Jahren zu einem mehrtägigen, internationalen Festival entwickelt.

Das LICHTER Filmfest ist die zentrale Plattform

LICHTER findet seit 2008 jedes Jahr im Frühling

des Filmschaffens der Rhein-Main-Region und

an verschiedenen Spielstätten in Frankfurt und in

Das Filmfest FrauenWelten von TERRE DES

mit seiner Auswahl an Filmen aus allen Regio-

anderen Städten der Rhein-Main-Region statt. Ein

FEMMES wird seit 2001 jährlich eine Woche in

nen der Welt das einzige wirklich internationale

Team aus rund 40 hauptsächlich ehrenamtlich

Tübingen, Rottenburg und Herrenberg beglei-

Festival an einem wachsenden Standort der Film-

engagierten Filmemachern, Medienexperten und

tend zum 25. November, dem internationalen

branche. Im Jubiläumsjahr 2017 beleuchtete das

Filmliebhabern richtet das Festival alljährlich aus.

Gedenktag „NEIN zu Gewalt an Frauen!“, durch-

Festival das Thema „Wahrheit“ in all seinen Facet-

10.–15.4.2018 | www.lichter-filmfest.de

© Avi Dehlinger

geführt. Gezeigt werden aktuelle Spiel- und Dokumentarfilme aus über 30 Ländern, die sich mit den Lebenslagen von Frauen weltweit auseinandersetzen. Wiederkehrende Themen sind Ehrverbrechen, Frauenhandel, Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt und soziale Rechte von Arbeiterinnen. Das Filmfest bietet mit rund 35 Spiel- und Dokumentarfilmen eindrucksvolle Einblicke in andere Lebenswelten

und

Menschenrechtsthematiken

von Frauenleben weltweit. Das spannende und vielseitige Filmprogramm wird von einem Rahmenprogramm begleitet, welches aus Publikumsgesprächen, Vorträgen, Schulaufführungen und einer Ausstellung besteht. 22.–29.11.2017 | www.frauenrechte.de/filmfest © Solothurner Filmtage

Wien (A) VIENNALE

Solothurn (CH) Solothurner Filmtage

Jedes Jahr Ende Oktober findet in der Wiener In-

Seit über 50 Jahren präsentieren die Solothurner

65.000 Eintritten zählt der Anlass zu den renom-

schaffenden. Das Filmprogramm widerspiegelt

nenstadt mit ihren schönen, komfortablen Kinos

Filmtage jeweils im Januar eine Auswahl Schwei-

mierten Kulturveranstaltungen der Schweiz. Das

die Vielfalt des heimischen Filmschaffens. Podi-

ein Festival mit urbanem Flair und internationa-

zer Filme. Der Anlass ist Motor der Schweizer

Herz des Festivalprogramms ist das „Panorama

en und moderierte Gespräche bieten die Gele-

ler Ausrichtung statt, mit zahlreichen Gästen aus

Filmkultur und Ort der Begegnung zwischen Pu-

Schweiz“, die Werkschau des Schweizer Films.

genheit zum Dialog und zur vertieften Ausein-

dem In- und Ausland und unter Beteiligung von

blikum und Filmschaffenden. Die Werkschau des

Präsentiert werden aktuelle Produktionen aller

andersetzung.

mehr als 92.000 Besucherinnen und Besuchern.

Schweizer Films wurde 1966 gegründet. Mit über

Genres und Längen in Anwesenheit der Film-

25.1.–1.2.2018 | www.solothurnerfilmtage.ch

Die Viennale, die 2017 zum 55. Mal stattfindet,


64 | Literatur | Kunstbuch

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

DIE KUNSTBUCHHANDLUNG – EIN GROSSES MUSEUM Wo kann man an einem Tag, an einem Ort sowohl im Centre Pompidou in Paris, im Prado in Madrid, an der Kunstbiennale Venedig oder im Guggenheim Museum New York zugleich sein? In einer gut sortierten Kunstbuchhandlung! Sie sind Orte des Stöberns und Entdeckens. Räume, in denen sich einem Künstler, Kunststile und Zusammenhänge erschließen. Ein Platz, an welchem man Verpasstes durch einen Blick in den Katalog nachreist, durch die Ausstellung geht und das Buch nicht mehr aus der Hand legt, kauft und es in seinen eigenen „Kunstschatz“ aufnimmt. Kunstbuchhandlungen sind wie ein einziges großes Museum. Man erfreut sich an Entdeckungen wie „Treffen sich zwei Künstler“ von Milen Till & Martin Engel, erklärt „My Name ist Charles Saatchi and I am an artoho-

INTERVIEW mit Franz König Kunstbuchhändler An welchem Buch sind Sie heute beim Gang durch Ihren Buchladen mit Begeisterung hängen geblieben? Gerhard Richters Atlas, die Folioausgabe in vier Bänden. Ein einzigartiger Kosmos von einem der großen Maler unserer Zeit, an dem er mehr als 50 Jahre gearbeitet hat, und in dem ich seit Monaten täglich neue Details finde. Was sind Ihre persönlichen Kriterien für ein perfektes Kunstbuch? Das wichtigste Kriterium ist der Inhalt. Darüberhinaus muss das Gesamtpaket stimmen, also Inhalt, Gestaltung und Haptik. Feste Regeln gibt es nicht. Ein kleines, fotokopiertes Heft kann so schön sein wie ein luxuriös veredeltes Buch. Gibt es Lieblingsbücher, Lieblingskünstler? Immer das letzte Buch, das ich mit nach Hause genommen habe. Aktuell ist es die dreibändige Monografie des Brüs-

seler Architekturbüros OFFICE Kersten Geers und David van Severen. Mit denen haben wir auch unsere neue Buchhandlung im Pariser Palais de Tokyo geplant. Mein Evergreen ist ein Text von William Copley, Porträt des Künstlers als junger Händler. Humorvoll beschreibt er die kurze Karriere seiner surrealistischen Galerie in Los Angeles nach dem 2. Weltkrieg und Begegnungen mit großen Künstlern wie Max Ernst, Duchamp, Jospeh Cornell und Yves Tanguy. Haben Sie bei so vielen Büchern und Neuerscheinungen noch Lust und Zeit zum Selberlesen? Wenn ja, was lesen Sie gerade? Ich schaue mir jeden Morgen alle Neuerscheinungen an, das ist die schönste Zeit meiner täglichen Routine. Privat lese ich fast jeden Abend vor dem Einschlafen im Bett, ganz aktuell lese ich den neusten Ross Thomas Krimi aus dem Alexander Verlag. Tolle Romane in

lic“ zu seinem ständigen Begleiter oder erinnert sich daran, wo man auf Thea Herolds wunderbares Buch „Auf meine Art“ gestoßen ist. Entdeckungen, Lieblingsbücher, Wegbegleiter. Eine Konstante in der Kunstbuchwelt ist die Buchhandlung König aus Köln, die neben ihrem Stammhaus in Köln in vielen Museen in Europa die Kunstbuchhandlung und den Museumsshop betreibt. Andere lieb gewonnenen wie die Kunstund Architektur Buchhandlung von Orell Füssli im Zürcher Niederdorf oder die Kunstbuchhandlung Goltz in München mussten schließen oder wurden aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst. Goltz nach 150 Jahren Familientradition. Wir haben mit Franz König über das Kunstbuch und das Kunstbuchgeschäft gesprochen.

sehr schönen Taschenbuchausgaben. Wie viele verschiedene Bücher haben Sie im Sortiment? Wir müssen die Bücher einmal im Jahr zur Inventur zählen, aber ich habe noch nie nach der Anzahl gefragt. Wichtiger sind für uns die Themen, zu denen wir Bücher vorrätig haben: Kunst, Architektur, Fotografie, Ästhetische Theorie, Kunstgeschichte, Design, Grafikdesign und Innenarchitektur. Zu diesen Themen versuchen wir in unseren Läden dem Platzangebot entsprechend ein aktuelles und abwechslungsreiches Angebot anzubieten. Neben Ihrem Stammhaus in der Kölner Ehrenstraße sind Sie in 43 Museen von Amsterdam bis Wien mit eigenen Buchhandlungen vertreten. Wie wichtig sind Shops für die Museen und gewinnt das Museum dadurch an Attraktivität? Ein guter Shop ist eine Visitenkarte für das Museum. Es verlängert und unterstützt den Museumsbesuch. Ein guter Shop sollte die unterschiedlichen Aktivitäten des Museums mit Büchern, aber auch Pro-

dukten unterfüttern, um die Erfahrungen und Erinnerungen zu verstärken und zu verlängern – und zwar von ganz allgemeinen bis hin zu den speziellsten Interessen. Nach welchen Überlegungen stellen Sie das Sortiment zusammen? Sind Sie im Sortiment komplett frei oder gibt es Einflussnahme, Notwendigkeiten seitens des Museums und/oder Sponsoren, z.B. bei Blockbuster Ausstellungen? Das Sortiment wird immer im Dialog erstellt. Gemeinsam mit den Kuratoren und unserer Erfahrung als Buchhändler bemühen wir uns, die richtige Auswahl zu finden. Die Bücher sollen die Themen und Inhalte der Ausstellung über den Katalog hinaus vermitteln. Es können theoretische Schlüsselwerke sein, allgemeine Einführungen, Biografien oder passende Kinderbücher. Als Besonderheit bieten wir auch immer seltene oder vergriffene Bücher an. Was sind die Bestseller im Museumsshop? Sind es die Ausstellungskataloge, Postkarten, Dekorationsgegenstände oder der Nippes? Es ist die Addition aller Ver-

Franz König

käufe und Produktarten – kaufmännischer und inhaltlicher Kern sind aber die Bücher. Bevor Sie in die Geschäftsleitung des Familienunternehmens König eingetreten sind, haben Sie in London gelebt, studiert und in der Tate und der Serpentine Gallery gearbeitet. In Letzterer wurde Ihnen die Neugestaltung des Museumshops übertragen. Was haben Sie aus Ihrer Zeit in England mit nach Köln genommen? Ich war genau zur Zeit der Labourregierung in England. In London herrschte großer Optimismus und Aufbruchsstim-

mung. Das hat sich besonders in der bildenden Kunst manifestiert. Als Buchhändler habe ich die Eröffnung der Tate Modern im Jahr 2000 miterlebt. Allein im ersten Jahr gab es fast 8 Mio. Besucher und diese Erfahrungen und der Enthusiasmus von Besuchern und Buchhändlern prägen mich bis heute. Dort habe ich auch eine alternative Art des Buchhandels kennengelernt, als ich von zu Hause gewohnt war. Der daran anschließende Erfolg in der Serpentine Gallery hat mir das Selbstvertrauen gegeben, mich der Arbeit in der Kölner Buchhandlung zu stellen, neue Erfahrungen einzubringen und zu verteidigen.

Sie betrei Online-Sho Verhältnis und klassi delsgeschäf sich dieses reitet Ihne lose Nächte Der OnlineBedarfserfül kaum wirkl wecken. Die werden eine komfortabel richtiges Stö handlung Shopping ni Attraktivitä von dem Ne terschiedlich innerhalb d es ein Angeb der ganzen und Großve und allgeme Überraschun ten können, gen machen

Und die d lungen? Der Haush Bundestages 2016 die F jektes „Mus Strategien fü Zukunft“ be


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

e betreiben auch einen nline-Shop. Wie ist das rhältnis zwischen Onlinend klassischem Buchhanlsgeschäft und wie wird ch dieses entwickeln? Beitet Ihnen Amazon schlafse Nächte? er Online-Shop ist die perfekte darfserfüllung, aber er kann um wirklich neue Interessen cken. Die eigenen Wünsche rden einem sehr effektiv und mfortabel vorgesetzt. Aber htiges Stöbern in einer Buchndlung ist durch Onlineopping nicht zu ersetzen. Die traktivität unserer Läden lebt n dem Nebeneinander der unschiedlichen Themen. Auch nerhalb der Abteilungen gibt ein Angebot von Büchern aus r ganzen Welt, von Kleinstd Großverlagen, hochspeziell d allgemein. Sollten wir diese berraschungen nicht mehr bien können, werde ich mir Sorn machen.

nd die digitalen Entwickngen? er Haushaltsausschuss des ndestages hat im Herbst 16 die Förderung des Proktes „Museum 4.0 – Digitale ategien für das Museum der ukunft“ beschlossen. Es ist ein

Literatur | Kunstbuch | 65

MICHAEL WIENAND

HOLGER LIEBS

KLAUS KEHRER

Verleger, Wienand Verlag

Programmdirektor, Hatje Cantz Verlag

Verleger, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin

Seit wann machen Sie Kunstbücher? Schon als Jugendlicher durfte ich meinem Vater, der den Wienand Verlag gründete, über die Schulter schauen und aktiv mithelfen. Nach meiner Ausbildung habe ich den Verlag, dessen Programm bis dahin regional und historisch geprägt war, 1978 übernommen und systematisch zum Kunstbuchverlag ausgebaut.

Seit wann machen Sie Kunstbücher? Als Programmleiter seit 2016, als ich beim Hatje Cantz Verlag angefangen habe, seit Juli 2017 als Verlagsleiter.

Seit wann machen Sie Kunstbücher? Im eigenen Verlag seit 1995. Und schon vorher in meinem ersten Job nach dem Studium – bei einem deutschen Kunst- und Fotobuchverlag mit eigener Druckerei – und danach in der eigenen Designagentur für Kunstbücher und Kulturkommunikation.

Ihr erstes verlegtes Kunstbuch? Daran erinnere ich mich natürlich sehr gerne. Mein Kunstbuchengagement begann 1978 mit einem Band zum Werk von Alexander Rodtschenko. Ihr erfolgreichstes Kunstbuch? Das war 2012 der Band „Mission Moderne“ zur Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln. 31 Jahre zuvor habe ich bereits den Faksimile Nachdruck des Originalkatalogs von 1912 zur SonderbundAusstellung verlegt. Ihr liebstes Kunstbuch? Das ist eine schwere Entscheidung, denn Lieblingstitel gibt es viele. Ein wunderbarer Titel aus unserem derzeitigen Programm ist der Band „KUSS. Von Rodin bis Bob Dylan“. Es zeigt eine äußerst vielfältige Auswahl an Kunstwerken und der Band ist poppig modern mit blauem Farbschnitt gestaltet.

visionär ausgerichtetes Pilotprojekt, in dem innovative Anwendungsmöglichkeiten digitaler Technologien für Museumsarbeit in einem gemeinsamen virtuellen Raum entwickelt und erprobt werden. Ist das das Ende des Buches? Wie macht sich die Buchhandlung König fit für die Zukunft? Den Beschluss des Bundestages finde ich eine sehr gute Initiative. Noch weiß keiner, wie diese Digitalisierungen aussehen werden, und ich bin gespannt, was dort entstehen wird. Aber die Qualität von Kunst und Büchern ist ja nicht zuletzt ihre Physikalität und Haptik. Bücher symbolisieren eine große Zeitinvestition, und so lange eine intensive Beschäftigung mit der Kunst gefördert wird, nutzt dies auch der Kraft von Büchern. Wo und wobei finden Sie Abstand und Ruhe vom Buch? Ich habe zwei kleine Töchter, die mich nach Feierabend sofort auf andere Gedanken bringen, von Ruhe ist da aber keine Rede. www.buchhandlung-walther-koenig.de

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.

Welcher Büchertraum ist noch nicht realisiert? In diesem Bereich habe ich nie ausgeträumt, denn Büchermachen, insbesondere Kunstbücher, ist meine Leidenschaft. Für mich gibt es nichts Schöneres, als mit Künstlern im persönlichen Gespräch Bücher zu konzipieren und zu realisieren. Kunst in Büchern sichtbar und erfahrbar zu machen ist ein Traumberuf. Ein Band mit den bedeutendsten Kunstwerken aus Köln, von der Antike bis heute, ist ein lang gehegter Wunsch als Kölner Verleger. Wann ist für Sie ein Kunstbuch perfekt? Ein Kunstbuch ist dann perfekt, wenn Inhalt und Form eine Einheit bilden. Das richtige Papier, eine zum Inhalt passende Typografie, originalgetreue Reproduktionen und ein sorgfältiges Lektorat machen ein Kunstbuch zu einem Kulturgut, das sich aufzubewahren lohnt. Wie sieht der Kunstbuchmarkt im Jahr 2040 aus? Die Bücherwelt ist mitten im Umbruch, neue Techniken fordern heraus und bieten zusätzliche Möglichkeiten der Vermittlung. Das Kunstbuch wird auf längere Sicht von der Digitalisierung nicht ausgenommen werden, was z.B. im universitären Bereich sicherlich auch Vorzüge hat. Allerdings wird auch die Printversion weiterhin ihre Berechtigung haben. Abbildungen von Kunstwerken sieht sich der Leser doch am liebsten in einem gut gedruckten, farbverbindlichen Kunstbuch an. Die Ästhetik des Inhalts wird dabei von der Ästhetik des Bandes aufgegriffen. Das wird vielen Kunstliebhabern auch im Jahr 2040 noch wichtig sein. www.wienand-koeln.de

Ihr erstes verlegtes Kunstbuch? 1989, als ganz junger Student, habe ich mit anderen ein Buch über die Architektur der Postmoderne in Köln herausgegeben – bei Bouvier in Bonn. Ihr erfolgreichstes Kunstbuch? Der Katalog zur Ausstellung von Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler in Riehen verkauft sich ganz hervorragend. Ihr liebstes Kunstbuch? Kunsthistorisch: Werner Hofmann, Das irdische Paradies (Prestel) Künstlerisch: Olaf Nicolai, Rewind/Forward (bei Hatje Cantz) Welcher Büchertraum ist noch nicht realisiert? Es gibt so viele ... Wann ist für Sie ein Kunstbuch perfekt? Wenn Inhalt und Form perfekt zusammenpassen, wenn man es immer wieder zur Hand nehmen will, wenn es ein ästhetisches Gesamtkunstwerk ist. Wie sieht der Kunstbuchmarkt im Jahr 2040 aus? Die Kunsterfahrung lässt sich nicht digitalisieren. Nichts ersetzt die haptische Erfahrung eines Kunstwerks im Museum oder im Buch. Es wird freilich weniger, aber kostbarere Bücher geben. www.hatjecantz.de

Ihr erstes verlegtes Kunstbuch? Das war ein Buch über die fotografische Sammlung von Renate und L. Fritz Gruber in Zusammenarbeit mit dem Museum Ludwig in Köln: „Celebrities – Celebrities“. Auf dem Cover übrigens Marilyn Monroe, fotografiert von Cecil Beaton. Ihr erfolgreichstes Kunstbuch? Charles Frégers „Wilder Mann“, eine fotografische Untersuchung der mythologischen Figur des Wilden Mannes in 18 europäischen Ländern, seit seinem Erscheinen 2012 mehrfach und in mehreren Sprachausgaben neu aufgelegt. Sehr erfolgreich auch „Saul Leiter“, ein aufwendig gestaltetes Buch über das Lebenswerk eines der ganz großen amerikanischen Fotografen. Ihr liebstes Kunstbuch? Diese Frage darf man einem Verleger und leidenschaftlichen Büchersammler eigentlich nicht stellen. Da könnten Sie auch fragen „Welches Ihrer Kinder haben Sie am liebsten?“. Welcher Büchertraum ist noch nicht realisiert? Träume wird es immer geben. Etwa mit Künstlern ein Buch zu machen, die man sehr bewundert und mit denen es bisher nicht zu einer Zusammenarbeit kam. Oder davon, mit einem Fototitel auf der Liste der „meistverkauften Bücher aller Zeiten“ zu landen (am besten noch vor Joanne K. Rowling). Im Grunde jedoch ist jedes spannende Projekt, das auf unseren Tisch kommt, ein Büchertraum, den es zu realisieren gilt. Wann ist für Sie ein Kunstbuch perfekt? Wenn das Thema interessant ist, Inhalt und Form des Buchs bestens harmonieren und die Qualität perfekt ist; wenn man davon ausgehen darf, dass dieses Buch auch in 20 Jahren noch Relevanz haben wird. Kurz: Wenn Künstler, Kuratoren, Rezensenten, Käufer und natürlich der Verlag selbst auch nach Jahren Freude an diesem Buch haben. Wie sieht der Kunstbuchmarkt im Jahr 2040 aus? Ich gehe davon aus, dass bis dahin eine Marktbereinigung stattgefunden haben wird. Das enorme Wachstum des Fotobuchmarkts in den letzten Jahren wird wohl irgendwann stagnieren, jedoch immer noch auf relativ hohem Niveau. Das breite Interesse ist da und sollte fortbestehen. Ich glaube fest daran, dass es auch 2040 noch Menschen geben wird, die gut gemachte Kunst- und Fotografiebücher lieben und auch besitzen wollen. Der Hang zu schönen und beständigen Dingen ist etwas zutiefst Menschliches. www.kehrerverlag.com


66 | Literatur | Deutscher Jugendliteraturpreis

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

KEIN LEBEN OHNE BÜCHER „Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen, und laufen. Doch erst, wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.“ – Helen Hayes

© AKJ/Anton van Hertbruggen

BILDERBUCH

KINDERBUCH

JUGENDBUCH

JUGENDJURY

Nachdem wir uns für die Ausgabe ASTRID arttourist.com 2/2016 intensiv mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis auseinandergesetzt und diesen dann erstmalig in arttourist.com vorgestellt haben, war es schnell klar, dass wir diese wichtige Initiative fest in unserer Herbst / Winter Ausgabe verankern werden. Uns sind Bücher und das Lesen eine Herzensangelegenheit. Meine Tochter Emma hat sich auf eigenen Wunsch und aus Leidenschaft der Herausforderung gestellt, alle nominierten Jugendbücher bis zur Buchmesse zu lesen, um sich ihre ganz eigene Meinung zu den Büchern zu bilden und ihren persönlichen Favoriten herauszufühlen. Sie hat die Bücher geradezu verschlungen, sich mit Ihrer Cousine Jette und Ihrer Klassenkameradin Jule, welche die Bücher reihum gelesen haben, ausgetauscht und es war schön sich von ihr die Geschichten erzählen zu lassen, mit ihr über die Bücher zu sprechen und zu „fachsimpeln“. Wir reisen zur Preisverleihung nach Frankfurt und sind sehr gespannt.

Deutscher Jugendliteraturpreis Jedes Jahr erscheinen über 9.000 Titel auf dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt. Hilfe bei der Orientierung bietet der Deutsche Jugendliteraturpreis. Seit 1956 zeichnet der Preis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus. Er ist mit insgesamt 72.000 Euro dotiert, wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und vom Arbeitskreis für Jugendliteratur ausgerichtet. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit zu stärken. Der Staatspreis will die Entwicklung der Kinderund Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. 600 Neuerscheinungen wurden für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 eingereicht. Drei ehrenamtliche Jurys – die Kritikerjury, die Jugendjury und die Sonderpreisjury – sind für die Auswahl verantwortlich. Ihre Nominierun-


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

SONDERPREIS

l e H e i d e ..... ....

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KAI GEIGER.

Literaturprogramm der Französischen Woche Heidelberg 21.10.2017 – 29.10.2017

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DAS GESPRÄCH FÜHRTE

Der 3. Literaturherbst Heidelberg vom 21. bis 24. September 2017 versteht sich als Lesefest, das Stadt, Leser und Literatur auf eine offene, kommunikative und unkomplizierte Art zusammenbringt – daher auch das Motto „Lesen erleben“. Heidelberg als City of Literature wird zum Erlebnisraum für Literatur in ihren vielfältigen Formen. Schüler, Studenten, Theatergruppen, Gästeführer, Autoren, Verleger, Karikaturisten und Musiker gestalten ein viertägiges Programm mit über 25 Einzelveranstaltungen. Das Besondere am Literaturherbst Heidelberg: Alle Akteure kommen aus Heidelberg und Umgebung. www.literaturnetz-heidelberg.de ...

Was macht ein gutes Kinder- und Jugendbuch mit Ihnen? Im besten Falle das, was auch ein gutes Erwachsenenbuch bewirkt: Es lässt es mich nicht mehr los – beim Lesen nicht und auch danach nicht mehr.

3. Literaturherbst Heidelberg 21.9.2017 – 24.9.2017

g

levanten Themen anzuregen. Gerade mit der Nominierungsliste möchten wir auch eine gewisse Bandbreite zeigen, die es in der Kinder- und Jugendliteratur gibt. Ganz konkret bewerten wir die Bücher nach ihrer Erzählweise, nach der Sprache und der Thematik.

....

Was sind die Kriterien nach denen Sie beurteilen und schlussendlich jurieren? Wir orientieren uns dabei an der Zielsetzung des Deutschen Jugendliteraturpreises, nämlich die Leseförderung zu unterstützen, Orientierung für gute Lektüre zu geben und Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit re-

© AKJ / José Poblete BIRGIT MÜLLER-BARDORFF Birgit Müller-Bardorff ist Vorsitzende der Kritikerjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie studierte Neuere Deutsche Literatur, Theaterund Politikwissenschaft und arbeitet als Kulturredakteurin bei der Augsburger Allgemeinen.

Allerorts: Literatur!, die entdeckungsfreudige Literaturreihe des Karlstorbahnhofs, bringt im September und Oktober gleich drei hochkarätige Lesungen nach Heidelberg. Zsuzsa Bánk liest am 8.9. im Völkerkundemuseum aus ihrem aktuellen Roman „Schlafen werden wir später“. Am 5.10. stellt Ingo Schulze im Heidelberger Kunstverein sein neues Werk „Peter Holtz“ vor. Und am 24.10. präsentieren Annika Brockschmidt und Dennis Schulz im Karlstorbahnhof Ausschnitte aus ihrem Duell der Wissenschaften „Goethes Faust und Einsteins Haken“. Karten und weitere Informationen Zsuzsa Bánk, unter www.karlstorbahnhof.de Foto © Gaby Gerster

er

Welche Hürden muss ein Buch nach seinem Erscheinen nehmen, bis es mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wird? Zum Beispiel das Buch „Das Mädchen Wadjda“ (cbt) von Hayfa Al Mansour, das 2016 in der Kategorie Kinderbuch gewonnen hat?

Die größte Hürde ist bestimmt die, aus den rund 600 von den Verlagen eingereichten Titeln herauszustechen. Aus denen wählen die Juroren der vier Sparten nämlich jeweils eine Liste mit rund 20 Vorschlägen aus. In der ersten Jurysitzung legen wir uns auf etwa zehn bis 12 Bücher fest. Sechs von diesen Titeln schaffen es auf die Nominierungsliste. Kurz vor der Preisverleihung entscheiden wir dann über die vier Preisbücher. Natürlich ist jede dieser Etappen von lebhaften Diskussionen begleitet. Bei „Das Mädchen Wadjda“ im Speziellen standen wir vor der Frage, welche spezifisch literarischen Qualitäten das Buch hat, denn zunächst war es ja ein Filmstoff.

n ... Fra ... ...

SACHBUCH

Wer entscheidet, wer (welches) das beste Jugendbuch 2017 wird? Das beste Jugendbuch gibt es gleich zweimal, denn darüber entscheiden zwei Jurys, die unabhängig voneinander beraten: die Kritikerjury und die Jugendjury, die sich aus sechs Leseclubs in ganz Deutschland zusammensetzt. Mit Einführung einer Jugendjury im Jahre 2003 wollte man die eigentliche Zielgruppe der Bücher in die Entscheidung einbinden. Interessant ist, dass es immer wieder Doppelnominierungen gab, wie in diesem Jahr „Eins“ von Sarah Crossan und „Vierzehn“ von Tamara Bach. Wer weiß, vielleicht erleben wir es dieses Jahr zum ersten Mal, dass ein Jugendbuch von beiden Jurys prämiert wird.

........

Jurybegründungen, Altersangaben und bibliografische Informationen unter www.jugendliteratur.org

Allerorts: Literatur! Literaturreihe des Karlstorbahnhofs Heidelberg

Vorsitzende der Kritikerjury 2017/2018

...

Der Sonderpreis „Neue Talente“ nimmt gezielt die Werke von Nachwuchskünstlern in den Blick, um ihre Leistungen im besonderen Maße sichtbar und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wie der mit 12.000 Euro dotierte Sonderpreis für das Gesamtwerk wird auch der Sonderpreis „Neue Talente“ künftig im jährlichen Wechsel an Autoren, Übersetzer und Illustratoren vergeben. Beide Sonderpreise verstehen sich als Personenpreise und fokussieren ausschließlich auf nationale Künstler. Damit flankieren sie die international offenen Auszeichnungen der Kritiker- und Jugendjury.

UNESCO City of Literature

mit Birgit Müller-Bardorff

..

2017 wird im Rahmen des Deutschen Jugendliteraturpreises erstmals der mit 10.000 Euro dotierte Sonderpreis „Neue Talente“ verliehen. Dafür nominiert sind drei deutsche Autoren, die am Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn stehen und 2016 ein erstes herausragendes literarisches Werk vorgelegt haben: Mario Fesler mit Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer (Magellan), Ulla Scheler mit Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen (Heyne fliegt) und Verena Reinhardt mit Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul (Beltz & Gelberg).

Literaturstadt Heidelberg

b

Sonderpreis „Neue Talente“ Zur Erweiterung des Deutschen Jugendliteraturpreises

INTERVIEW

..

gen wurden am 23. März 2017 auf der Leipziger Buchmesse bekanntgegeben. Die Preisträger werden am 13. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet.

Literatur | Deutscher Jugendliteraturpreis | Heidelberg | 67

w w ws c h e isc h Im Rahmen von Frankfurt auf Franzö.französ sisch – Frankreich Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017 – widmet sich auch die Französische Woche vor allem französischer Literatur. Das Literaturprogramm bewegt sich zwischen Abenteuerroman und politischer Literatur. Zu Lesungen eingeladen sind etwa Isabelle Autissier, der vor allem in Frankreich berühmten ersten Weltumseglerin, die mit „Soudain, seuls“/„Herz auf Eis“ eine großartige Robinsonade vorgelegt hat, oder Tanguy Viel, der in seinem vieldiskutierten Roman „Article 353 du Code pénal“ / „Selbstjustiz“ die Frage nach der Legitimität von Gewalt stellt. e

Veranstaltungsreihe LUTHER 500 der UNESCO City of Literature Heidelberg Bis 26.4.2018

Mario Fesler © Maria Himmel

TIERE, FLEISCH & ICH Verena Reinhardt © Andrea Schombora

Ulla Scheler © blende 11 Fotografen

„LUTHER 500“ ist der Titel einer interdisziplinären Reihe der UNESCO City of Literature Heidelberg zum 500. Reformationsjubiläum. Bis zum Jahrestag der Heidelberger Disputation am 26. April 2018 widmet sie sich in loser Folge dem Wirken Luthers und dessen Wirkung auf die deutsche Sprache. Auf dem Programm stehen Lesungen, Vorträge, Führungen u.v.m., so findet beispielsweise am Sonntag, den 22.10. eine exklusive Stadtführung zu „Heidelberg im Zeitalter der Glaubenspaltungen“ statt, am 24.10 liest die Kinderbuchautorin Géraldine Elschner in der Stadtbücherei aus „Martin Luther. Hier stehe ich …“ und der Historiker Professor Dr. Kozma Ahacic aus der UNESCO City of Literature Ljubljana hält am 30. Januar in der Friedrich-EbertGedenkstätte den Vortrag „Reformation as the beginning of Slovenian literary language“ zum Einfluss des slowenischen Reformators Primož Trubar auf die slowenische Literatursprache. Weitere Informationen unter www.literaturstadt-heidelberg.de

Heidelberger Literaturtage im Aufbruch 13.6.2017 – 17.6.2018 Jetzt schon vormerken: 2018 finden die Heidelberger Literaturtage mit deutschsprachigen und internationalen Lesungen, Podiumsdiskussionen, Konzerten und einem umfangreichen © Foto Konrad Gös Kinder- und Jugendprogramm vom 13. bis 17. Juni statt. Wie gewohnt und beliebt im und um das Spiegelzelt auf dem Universitätsplatz. Das Festival zählt zu den 15 Top-Festivals der Metropolregion Rhein-Neckar. www.heidelberger-literaturtage.de


68 | Hörspieltage

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Foto: Stephanie Schweikert

ARD HÖRSPIELTAGE Ein Festival für das Hörspiel 8.–12. November, ZKM Karlsruhe Fünf Tage für die Königsdisziplin des Radios, das Hörspiel. Geboten wird neben den Hörspielen alles, was sich Liebhaber der akustischen Kunst sonst noch wünschen: Konzerte, Live-Hörspiele und ein Mitmachprogramm für Kinder. Kern des Festivals ist der »Deutsche Hörspielpreis der ARD«. In diesen Wettbewerb schicken die Sender ihre Top-Produktionen. Die Hörspiele werden gemeinsam mit dem Publikum angehört und von der prominent besetzten Fachjury öffentlich diskutiert. In der »Nacht der Gewinner« am 11. November werden die Preisträger von insgesamt sechs Wettbewerben geehrt.

DIE ILLUSION DES IM AUGENBLICK DES HÖRENS ENTSTEHENDEN GESCHEHENS INTERVIEW mit Ekkehard Skoruppa Festivalleiter ARD Hörspieltage Was ist ein Hörspiel? In den meisten Fällen: in Szenenform erzählte Geschichten mit verteilten Sprecherrollen. Die Mittel der Darstellung sind Dialog oder Monolog, hinzu kommen Musik, Sounds, Geräusche. Das Hörspiel ist eine rein auditive Kunst. Auf der Grenze zur (neuen) Musik stehen die Werke der ars acustica, die sich musikalischer Erzähl- und Kompositionsformen bedienen. Das Hörspiel ist einzige originäre Kunstform des Radios, die sich schon bald nach der Erfindung des Mediums in den 1920er Jahren entwickelt hat. Es gilt als literarisches Genre, genauer müsste man sagen: Es ist eine dramatische Gattung, dem Theater oder dem Kino eher vergleichbar als dem Buch.

... und in Abgrenzung zu dem oftmals in einen Topf geworfenen Hörbuch? Hörbücher sind in aller Regel deutlich einfacher gestrickte Lesungen eines Buchtextes. Oft nur von einem Sprecher vorgetragen, gibt es keine Szenen, keine hörbare Räumlichkeit, keine Musik und illustrierenden Geräusche. Die Illusion des im Augenblick des Hörens entstehenden Geschehens, bei dem der Hörer unmittelbar dabei ist, fehlt. Was gehört für Sie zu einem richtig guten Hörspiel? Was muss es mit ihnen machen? Es muss mir nahe kommen und mich bewegen – von der Story, den Stimmen bzw. Figuren her; es muss einen Rhythmus und

eine Musikalität haben, die mich mitziehen. Oft entscheiden die ersten Minuten: Entwickeln sie Spannung, will ich wissen, wie es weitergeht, interessieren mich die Figuren und das, was mit ihnen passiert? Wie muss man sich ein Hörspiel Festival, die ARD Hörspieltage vorstellen? Was passiert zwischen dem 8. und 12. November im ZKM in Karlsruhe? Im Zentrum steht der Wettbewerb um den „Deutschen Hörspielpreis der ARD“. Zwölf der besten Hörspiele aus der ARD, vom Deutschlandradio, aus der Schweiz und Österreich werden öffentlich vorgeführt und im Anschluss in offener Debatte

von einer Jury diskutiert. Anschließend hat das Publikum Gelegenheit, mit den Machern und der Jury eigene Eindrücke auszutauschen. Unabhängig vom Wettbewerb gibt es LiveHörspiele auf der Bühne, ein Impro-Hörspiel-Theater, Diskussionen, die ARD Hörspielbox, in der man selbst vors Mikro kann, Kurzhörspiele unter der Trockenhaube und und und. Ein Riesenprogramm mit über 50 Einzelveranstaltungen. Ich kann mich noch gut an meine Jugendzeit erinnern, wo ich unter der Bettdecke im SDR spannende Krimis gehört habe. Wenn ich meine Kinder und deren Medienverhalten anschaue, frage ich mich, wer hört heute eigentlich noch Hörspiele? Wie haben sich die Hörgewohnheiten, die Verbreitung von Hörspielen im Zeitalter von Internet und Streamingdiensten verändert? Was sind heute die größten Herausforderungen für das Hörspiel? Weiterhin Aufmerksamkeit zu finden im immer größer werdenden Medienbombardement, das nicht mehr vergleichbar ist mit den früheren Zeiten. Am Internet kommen wir nicht vorbei: Selbstverständlich sind dort schon viele unserer Hörspiele zu finden. Man kann sie jederzeit und überall abrufen. Auch unter der Bettdecke – nur muss man nicht mehr warten bis es wieder Montag, 21 Uhr, ist. Da liefen die Krimis „Aus Studio 13“, die ich übrigens jahrelang betreuen durfte. Heute laden sich monatlich über 500.000 Hörer die Folgen des ARD Radio Tatorts aus dem Netz herunter. Nicht eingerechnet die, die uns weiterhin klassisch am Radio hören. Natürlich ha-

ben sich die Hörgewohnheiten durch die neuen Medien verändert. Aber der Reiz, sich im Hörspiel Geschichten erzählen zu lassen, ist nicht kleiner geworden. Weil gerade das Hören den Gehirnkasten und die eigene Phantasie belebt. Inzwischen produzieren Amazon und Audible auch in Deutschland eigene Hörspielreihen. Würden sie es tun ohne Erfolgsaussichten? Wohl kaum. Ich bin gar nicht bang um die Zukunft des Hörspiels. Allerdings werden wir noch stärker an neue Erzählformate für neue Verbreitungswege denken müssen. Wenn man im Programm der ARD Hörspieltage blättert und die verschiedenen Wettbewerbe vor Augen hat, liest es sich wie das Programm eines Filmfestivals und seinen Kategorien. Wer sitzt in der Jury und nach welchen Kriterien wird juriert, gehört? Thomas Böhm, ehemaliger Leiter des Literaturhauses Köln, ist Vorsitzender der Fünfer-Jury.

© Frank Halbig EKKEHARD SKORUPPA Ekkehard Skoruppa ist Hörspieldramaturg und Leiter der Abteilung „SWR2 Künstlerisches Wort“ (Hörspiel, Literatur und Feature, Kinderprogramme, Künstlerische Produktion) beim Südwestrundfunk. Festivalleitung der „ARD Hörspieltage“, Sekretär des „Karl-SczukaPreises“. Mitglied der „Deutschen Akademie der Darstellende Künste“, Leiter und Moderator im „LiteraturAtelier”, Köln. Auszeichnungen: Kurt-Magnus-Preis der ARD 1989, Prix Italia 1998.

An seiner Seite: die Theaterregisseurin und Professorin für Regie und Schauspiel, Amélie Niermeyer, der Leiter des Studios für Musik und Akustik am ZKM, Ludger Brümmer, und der Hörspielkritiker Jochen Meißner. Den fünften Platz nimmt eine herausragende Schauspielerin ein. Sie entscheidet auch über den Zusatzpreis für die beste schauspielerische Leistung. Allgemeingültige Kriterien wird auch diese Jury nicht haben. In den Debatten dürfte es wieder um die Qualität der Story, den Inszenierungsstil und die Gesamtkomposition gehen, um die Glaubwürdigkeit der Figuren und vor allem um die Frage: Ist das Hörspiel relevant für unsere Gegenwart? Was passiert mit dem Hörspiel vor und nach den ARD Hörspieltagen? Welchen Stellenwert hat das Hörspiel in den beteiligten Rundfunkanstalten? Nach wie vor einen hohen. Das Radio ist mehr als ein Nachrichtenmedium, mit dem Hörspiel erfüllt der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Teil seines Bildungs- und Kulturauftrags und zeigt seine Kompetenz, mit Qualität zu unterhalten. Und nach wie vor kann das Genre mit seinen verschiedenen Sparten vom Kinderstück über das literarische Hörspiel bis zum experimentellen Hörwerk ein Labor sein für viele Innovationen im Medienangebot. Die ARD produziert über 300 Stücke pro Jahr. Nur die BBC liegt darüber. Auch wenn aufgrund von Sparnotwendigkeiten die Zahl der Produktionen etwas zurückgehen sollte, Hörspiele wird es weiterhin in vielfältiger Form geben. Das Gespräch führte Kai Geiger.


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Hörspieltage | 69

KARLSRUHE

Im Rahmen der ARD-Hörspieltage 2017…

UNERHÖRT SPONTAN

Lauter Likes? Symposium zur Hörfunk- und Fernsehkritik

Improvisiertes Hörspiel von HIDDEN SHAKESPEARE bei den ARD Hörspieltagen Seit 25 Jahren gilt hidden shakespeare als eines der renommiertesten und erfahrensten Improvisationstheater Deutschlands. Inspiriert von den Vorschlägen der Zuschauer entwickeln die fünf Schauspieler Mignon Remé, Kirsten Sprick,

INTERVIEW mit Frank Thomé

Sprecher, Schauspieler und Mitglied von hidden shakespeare Wie kommt bei hidden shakespeare eigentlich das Publikum ins Spiel? Wir fragen das Publikum und die Vorgaben, die aus dem Publikum kommen, setzen wir dann um. Und ich glaube, für das Publikum ist es immer interessant zu sehen, wie schnell das passiert. Also, dass uns irgendetwas zugerufen wird und dass das wirklich sofort stattfindet. Wenn die Leute uns nicht kennen, dann merkt man immer, am Anfang ist die Furcht da, dass sie auf die Bühne müssen. Das ist die größte Angst. Deshalb haben wir das ganz am Anfang auf unsere Plakate und Flyer geschrieben: Das Publikum darf alles, nur nicht auf die Bühne! Wir machen auch immer ein Warm-up, um ihnen eben diese Angst zu nehmen.

Und wie spielen Sie mit den Elementen des Hörspiels? Der Unterschied ist ja, dass wir keine stummen Handlungen zeigen können. Also wenn wir einen Krimi auf der Bühne machen, dann kann es sein, dass ein Verdächtiger stumm etwas versteckt – solche Sachen sind hier nicht möglich und deshalb werden wir wohl auch mit einem Erzähler arbeiten. Es kann aber auch gut sein, dass das eine Figur ist, die mitspielt und aus ihrer Sicht erzählt. Wollen Sie auch mit Geräuschen arbeiten? Vorbereiten können Sie die ja nicht. Im Moment gibt es dazu zwei Ideen. Wir haben einen Musiker dabei, der solche Effekte mit Computer oder Keyboard blitzschnell herstellen kann.

Thorsten Neelmeyer, Rolf Claussen und Frank Thomé spontan ganze Dramen. Jetzt ist das Ensemble in Karlsruhe mit einem exklusiven Programm zu Gast. Gemeinsam mit dem Publikum werden sie u. a. ein Kriminalhörspiel improvisieren!

Und die andere Idee ist, dass jemand von uns alle Geräusche mit dem Mund macht. Das kann sehr witzig sein, denn ich kann mir vorstellen, dass er vom Publikum auch gefordert wird. Werden Sie Requisiten einsetzen? Darauf verzichten wir immer. Wir haben zwar schon mal damit experimentiert, aber das Schöne ist ja, dass wir, eben dadurch, dass wir kein Bühnenbild haben, weder an Ort noch an Zeit gebunden sind, wir können in der Zeit hin und her gehen. Wie beim Hörspiel. Ja, und das soll natürlich auch bei dem Krimi so sein. Da wird es sicher auch Rückblenden geben. Dass man dann vielleicht auch „sieht“ wie die Beteiligten als Kinder aufgewachsen sind, oder so etwas. Und deshalb verzichten wir konsequent auf Requisiten und Kostüme. Denn auch wenn man einen Krimi macht und eine Pistole und eine Giftampulle dabei hat –

der Fall wird sich erfahrungsgemäß immer so entwickeln, dass das, was man braucht, fehlt. Und ich bin da auch immer sehr erstaunt, dass sich das Publikum davon nicht gestört fühlt. Das ist die Leistung des Publikums, ähnlich wie beim Hörspiel, dass sich die Leute das alles vorstellen. Und welche Erwartungen haben Sie an den Abend in Karlsruhe? Ich bin neugierig auf das hörspiel-affine Publikum und sehr gespannt, wie das ankommt, dass wir kein Skript haben. Und ich kann mir vorstellen, dass die Konzentration des Publikums noch höher ist als im Theater. Hörspielhörer sind ja geschult darin, sich auf eine Geschichte einzulassen und eben ihre eigenen Bilder entstehen zu lassen. Und das zu bedienen, das ist die Herausforderung für uns.

10.11.2017, 21.00 Uhr 18 € / 14 € (erm.) ZKM Karlsruhe Tickets: www.swr2kulturservice.de

Das offene Symposium versucht eine Bestandsaufnahme gegenwärtiger Hörfunk- und Fernsehkritik und fragt nach ihren Zukunftsperspektiven. Vorträge und Diskussionsrunden gehen der Frage nach, wie sich in Zeiten von Internet und sozialen Medien die Diskurskultur verändert. Teilnehmer: u.a. Kathrin Röggla, Stefan Niggemeier, Jochen Hörisch und Silke Burmeister 8.11.2017, 10-17.30 Uhr | ZKM Karlsruhe

Zeichnung: Klaus Harth, Foto: Astrid Karger

DER FALL SOLA – Live-Hörspiel mit dem Liquid Penguin Ensemble Performance für Instrumentalensemble, Sprecherin, Live-Zeichner und Chor Um 1530 rollt das lateinische Wörtchen „sola“ aufs Spielfeld einer hitzigen theologischen Disputation. Um textverfälschende Bibelübersetzung geht es dabei, um unerlaubte Zusätze beim Übertragen von Gottes Wort ins Deutsche. Inspiriert von Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ entwickelt das Liquid Penguin Ensemble ein Übersetzungsspiel, das den Bogen von der Zeit der Reformation bis in unsere vielsprachige europäische Gegenwart schlägt. 9.11.2017, 21 Uhr | Dauer: ca. 80’, keine Pause | ZKM Karlsruhe

ARD Online Award – Der Publikumspreis der ARD-Hörspieltage Neben anderen Preisen bei den Hörspieltagen wird in Karlsruhe auch der ARD Online Award verliehen. Ab dem 24. Oktober stehen alle zwölf Wettbewerbsstücke online zum Hören und Abstimmen im Netz. Ihre Stimme für das Hörspiel ist dabei noch anders gefragt. Unter allen, die für den Publikumspreis ihre Stimme abgeben, wird ein exklusiver Preis verlost. Der Gewinner erhält mit seiner Stimme eine Gastrolle in einer ARD Radio Tatort-Produktion des Südwestrundfunks. Teilnehmen und Gewinnen: hoerspieltage.ard.de

Live-Kinderhörspiel „Eine Woche voller Samstage“ nach Paul Maar Am Kinderhörspieltag dürfen sich die jüngsten Hörer neben einem bunten Angebot zum ZuhöFoto: Peter A. Schmidt ren und Mitmachen auf das Live-Musikhörspiel mit Schauspielern, Musikern und einem Geräuschemacher auf der großen Bühne in der HfG freuen: „Eine Woche voller Samstage“ nach dem berühmten Kinderbuch von Paul Maar. Kinderhörspieltag: 12.11.2017, 10 Uhr bis 17 Uhr „Eine Woche voller Samstage“: 14 Uhr | HfG | Eintritt frei

Foto: Stephanie Schweikert

Hörspiel-Installation Salon Helga „Ohren frei!“ im Treffpunkt Trockenhaube bei Kaffee, Klatsch und Kurzhörspielen. Wo hingehen, um gemütlich eine Tasse Kaffee zu trinken? Wo bekommt man die neusten Gerüchte zum Festivalgeschehen als Kurzhörspiel geboten? Wo entspannen und sich die Haare schön machen lassen? Im Salon Helga wird der Gast von Fachkräften bedient, die Besucherin liebevoll umsorgt. 8.-11.11.2017, 15–21 Uhr | ZKM Karlsruhe Foto: Lutz Jäkel

Mehr Informationen: hoerspieltage.ard.de


70 | Design

GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Charles und Ray Eames posieren mit Stuhluntergestellen An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Alex Matter auf einem Plywood Elephant An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

An Eames Celebration Vitra Design Museum, 2017 © Eames O ce LLC. Fotomontage Boros, Berlin

WEIL AM RHEIN

AN EAMES CELEBRATION

Cover von Arts & Architecture, Juli 1943, entworfen von Ray Eames An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Charles und Ray Eames zählen zu den bedeutendsten Designern des 20. Jahrhun- derts. Mit ihren Möbeln, Filmen, Büchern, Ausstellungen und Medieninstallationen beeinflussten sie Generationen von Gestaltern und prägen auch heute noch unsere Alltagskultur. Kein anderer Designername steht so sehr für technische Perfektion und Zeitlosigkeit, aber auch für die spielerische Start-Up-Kultur der amerikanischen Westküste, die die Eames’ maßgeblich prägten. Vom 30. September 2017 bis zum 25. Februar 2018 präsentiert das Vitra Design Museum unter dem Titel »An Eames Celebration« parallel vier Ausstellungen, die das Werk des legendären Designerpaares so umfassend wie nie zuvor vorstellen. Im Zentrum des Ausstellungsparcours steht die große Retrospektive »Charles & Ray Eames. The Power of Design«, die im Hauptgebäude des Vitra Design Museums gezeigt wird. In der Fire Station wird unter dem Titel »Ideas and Information. Die Eames-Filme« eine Auswahl der über 100 Filme der Eames’ präsentiert, während in der Vitra Design Museum Gallery die Ausstellung »Play Parade. Eine Eames- Ausstellung für Kinder« dazu einlädt, die vielen Spielobjekte des Designerpaares zu entdecken und auszuprobieren. Im Vitra Schaudepot wiederum ist die Ausstellung »Kazam! Die Möbelexperimente von Charles & Ray Eames« zu sehen. Pünktlich zum 110. Geburtstag von Charles Eames wird auch der Objektnachlass in seiner ganzen Breite vorgestellt. Dieser befindet sich seit 1988 im Vitra Design Museum und umfasst sämtliche Prototypen und Entwicklungsmodelle der Eames’.

Ausstellungsansicht von Think, I.B.M Pavillon, Weltausstellung New York, 1964–1965 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Wire Chairs mit Eames House Bird, 1953 Foto: Charles Eames An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Charles und Ray Eames wählen Dias aus An Eames Celebration, Ausstellung im Vitra Design Museum | © Eames O ce LLC.

Charles Eames auf dem Lounge Chair & Ottoman, Foto für eine Werbeanzeige, 1956 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.


GABRIELE | arttourist.com 2|2017

Design | 71

Kulisse eines Fotoshootings für die Aluminium Group An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Charles und Ray Eames, Spielzeugmasken, Prototypen, 1950, An Eames Celebration, Ausstellung im Vitra Design Museum © 2017 Eames O ce, LLC. Charles Eames spielt mit dem House of Cards, Pattern Deck, 1952 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © 2017 Eames O ce, LLC.

CHARLES & RAY EAMES. THE POWER OF DESIGN

DSS/Stacking Chairs, 1957 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Vitra Design Museum 30.9.2017–25.2.2018 Die Ausstellung im Hauptgebäude des Vitra Design Museums gibt eine umfassende Übersicht über das Gesamtwerk und das Leben des Designerpaares. Mit einer großen Auswahl von Originalwerken – darunter Filme, Fotografien, Möbel, Zeichnungen, Skulpturen, Malerei, Textilien, Grafikdesign, Modelle und Requisiten – veranschaulicht die Retrospektive das kongeniale Zusammenspiel der Charaktere von Charles und Ray Eames, das die Grundlage für das kreative Schaffen des wohl erfolgreichsten Designerduos der Geschichte bildete.

Filmstill aus Powers of Ten: A Film Dealing with the Relative Size of Things in the Universe and the Effect of Adding Another Zero, 1977 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Eames O ce-Mitarbeiter An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Ausstellungsansicht von Glimpses of the U.S.A., American National Exhibition, Moskau, 1959 An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

Der erste Teil der Ausstellung dokumentiert den Beginn der Zusammenarbeit von Charles und Ray Eames. Als studierter Architekt war Charles Eames ein begnadeter Techniker, während Ray Eames, geborene Kaiser, in ihrem Studium der Malerei ein unfehlbares Gespür für Farbe, Komposition und Form entwickelt hatte. Die beiden lernten sich 1940 an der Cranbrook Academy of Art in Michigan kennen, heirateten ein Jahr später und eröffneten 1947 das Eames Office auf dem Washington Boulevard 901 in Venice/Kalifornien. Hier entstanden bis 1988 Hunderte von Auftragsarbeiten und eigene, oft experimentelle Projekte – von den frühen Arbeiten für das amerikanische Militär bis hin zu Filmen, Ausstellungen und Interieurs. Charles und Ray Eames bewegten sich mühelos zwischen den Disziplinen und arbeiteten mit führenden Persönlichkeiten der Zeit zusammen, darunter Saul Steinberg, Alexander Girard, Billy Wilder, George Nelson, Richard Buckminster Fuller, Eero Saarinen und Isamu Noguchi. International bekannt wurden Charles und Ray Eames durch ihre Möbelentwürfe, die im zweiten Ausstellungsbereich präsentiert werden. Zunächst setzten sie sich mit dem Material Sperrholz auseinander, dessen Verformungsmöglichkeiten sie bis an die Grenzen ausloteten. Gegen Ende der 1940er Jahre wandten sie sich den immer populärer werdenden Kunststoffen zu und schufen die legendären Fiberglas-Möbel, die sich schon bald in vielen Haushalten und öffentlichen Einrichtungen

ADRESSE Vitra Design Museum Charles-Eames-Str. 2 D-79576 Weil am Rhein www.design-museum.de #EamesCelebration #vitradesignmuseum

Eames House, Außenansicht An Eames Celebration Ausstellung im Vitra Design Museum © Eames O ce LLC.

ÖFFNUNGSZEITEN täglich von 10 – 18 Uhr

fanden. In den Folgejahren entstanden Möbel wie der Lounge Chair, die Aluminium-GroupMöbel und die sogenannte Wire Series aus Drahtgitter, die heute als Meilensteine im Möbeldesign des 20. Jahrhunderts gelten. Bei der Entwicklung und Vermarktung ihrer Entwürfe kümmerten die Eames sich um jedes noch so kleine Detail – von der oft jahrelangen Entwicklungsarbeit, bei der sie eng mit der Firma Herman Miller zusammenarbeiteten, bis hin zur Gestaltung von Werbefotos, Drucksachen und Schau- räumen. Ein anderer Teil der Ausstellung ist den Interieurs und Bauten der Eames’ gewidmet. Das Designerpaar war fasziniert von Objekten der Volkskunst, die sie auf vielen Reisen zusammentrugen und in zahlreichen Interieurs mit ihren eigenen Entwürfen zu vielschichtigen Arrangements zusammenfügten. Beispielhaft hierfür ist das eigene Wohnhaus von Charles und Ray Eames, das 1949 als Teil einer Reihe von Case Study Houses entstand, mit denen neue Bau- und Wohnformen veranschaulicht werden sollten. Im Eames House inszenierten Charles und Ray Eames eine enge Verbindung von Arbeit und Privatleben, hier wurden eigene Entwürfe fotografiert, Filme gedreht, Kunden empfangen – hier also wurde der Mythos gestaltet, der das Werk der Eames’ schon bald umgab. Weitere Wohnhäuser entwarfen sie für John Entenza, den Herausgeber von Arts and Architecture und Initiator der Case Study Houses, für Max de Pree und für den Filmemacher Billy Wilder. Die Möbel und Bauten, die zu den bekanntesten Werken von Charles und Ray Eames gehören, entstanden in einem Zeitraum von nur etwa 15 Jahren. Ab den späten 1950er Jahren befassten sich die beiden vor allem mit Ausstellungen, Filmen und multimedialen Installationen und wurden damit zu Pionieren des Informationszeitalters. Mit den Werken aus dieser Zeit befasst sich ein weiterer Teil der Ausstellung. So schufen die Eames’ einige der ersten multimedialen Film-Ton-Installationen, etwa den Film »Glimpses of the USA«, der 1959 auf sieben Großleinwänden auf der

EINTRITTSPREISE Vitra Design Museum + Schaudepot EUR 17 / EUR 15 Vitra Design Museum EUR 11 / EUR 9 Schaudepot EUR 8 / EUR 6 Architekturführung 2h EUR 14 / EUR 10 Führungen 1h (Ausstellung, Produktion oder Blick hinter die Kulissen) EUR 7 / EUR 5

FÜHRUNGEN Die Ausstellungen im Vitra Design Museum, Vitra Schaudepot und in der Vitra Design Museum Gallery können selbständig besucht werden, im Vitra Design Museum und im Schaudepot bietet das Vitra Design Museum außerdem Führungen an.

American National Exhibition in Moskau gezeigt wurde, oder die 22-teilige Diashow »Think« in dem von ihnen in Zusammenarbeit mit Eero Saarinen für IBM entworfenen Pavillon für die New Yorker Weltausstellung 1964. Im Jahr 1971 konzipierten und gestalteten die beiden »A Computer Perspective«, eine Ausstellung über die Geschichte des Computers, in der sie die bahnbrechenden Auswirkungen der Digitalisierung weit- sichtig vorwegnahmen. Insgesamt umfasst die Ausstellung über 500 Exponate, darunter »Glimpses of the USA« oder »G.E.M«. Library of Congress, Washington D.C., das Museum of Modern Art, New York, das Eames Office und viele andere Museen und Privatsammlungen.

WEITERE AUSSTELLUNGEN Ideas and Information. Die Eames-Filme Fire Station, 30.9.2017 – 25.2.2018 Play Parade. Eine Eames-Ausstellung für Kinder Vitra Design Museum Gallery, 9.9.2017 – 11.2.2018 Kazam! Die Möbelexperimente von Charles & Ray Eames Vitra Schaudepot, 30.9.2017 – 25.2.2018

WEITERE PRÄSENTATIONEN & RAHMENPROGRAMM Neben den vier Ausstellungen sind an den verschiedenen Spielstätten des Vitra Design Museums weitere Einblicke in das Werk von Charles und Ray Eames zu sehen. Dazu zählen die originalgetreue Rekonstruktion des Büros von Charles Eames sowie Einblicke in die agerregale des Eames-O ce- achlasses im Schaudepot. Begleitet werden die Ausstellungen durch ein umfangreiches Programm an Vorträgen, Diskussionen und Workshops, die Einblicke in die Ideenwelt der Eames’ geben und zeigen, wie stark ihr Einfluss auf Design, Architektur, Film und Alltagskultur auch heute noch ist. Als Gäste begrüßen wir Eames Demetrios, Ross Lovegrove, Arno Brandlhuber, Margit J. Mayer, Christ & Gantenbein und viele andere.

Zudem haben Sie die Möglichkeit, bei einer Architekturführung oder einer Führung durch die Produktion den Vitra Campus kennenzulernen. Weitere Informationen finden Sie unter info@design-museum.de oder Tel. +49.7621.702.3200

KATALOG Begleitend zu »An Eames Celebration« publiziert das Vitra Design Museum ein Buch - Das »Eames Furniture Sourcebook«-, in dem die Möbelentwürfe von Charles & Ray Eames erstmals fundiert und in übersichtlicher Form aufgearbeitet werden. Mit Texten von Pat Kirkham, Jolanthe Kugler, Amy Auscherman, Matthias Pühl sowie einem Interview mit Eames Demetrios.


DAS WANDERNDE KUNST- UND KULTURPROJEKT IN DER REGION RHEIN-NECKAR WWW.MATCHBOX-RHEIN-NECKAR.DE WWW.FACEBOOK.COM/MATCHBOX.RHEINNECKAR

Seit 2015 lädt das Kulturbüro der Metropolregion Rhein-Neckar international renommierte Künstlerinnen und Künstler aller Sparten ein, ungewöhnliche, eigensinnige und ortsspezifische Kunstprojekte im ländlichen Raum abseits der urbanen Zentren zu entwickeln – gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern.

Im Mittelpunkt dieses einzigartigen Kunst- und Kulturprogramms stehen der künstlerische Prozess, die unmittelbare Teilhabe und das Erleben von Kunst direkt vor der eigenen Haustür, in Gemeinden in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz.

GABRIELE  

GABRIELE is culture, art, music, theatre, design, travel, food, celebrities - published in Konstanz.

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