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Madeleine zwischen Liebe, Kariere und Youtube-Erpresser Kapitel eins ‚Youtube-Erpresser wird immer dreister’, las Madeleine die Schlagzeile ihrer Morgenzeitung und ging die Stufen aus der U-Bahnstation hinauf auf die Strasse. ‚Der Firmengründer des SaWei Toilettenpapiers wurde mit seiner Sekretärin in einer eindeutigen Situation gefilmt. Er lehnte es ab, den Youtube-Erpresser zu bezahlen und so war er das Highlight auf youtube am gestrigen Abend...’ „Oh verdammt.“, stieß Madeleine aus. Abgelenkt durch den interessanten Artikel war Madeleine in etwas Klebriges getreten. Den nächsten Schritt hatte sie ohne Schuh gemacht, da dieser am Boden haften geblieben war. Der Asphalt war kalt unter ihren Nylonstrümpfen und sie hatte sich vor Schreck ihren Kaffee über den Rock geschüttet. Madeleine blieb stehen, drehte sich um und kniete sich neben ihren Schuh. Sie stellte den leeren Kaffeebecher ab und auch den Stapel Akten, den sie locker im Arm getragen hatte. Die Menschenmassen, die aus der U-Bahn strömten, schlängelten um sie herum, wie die Ameisen um ein Hindernis. Madeleine zerrte an ihrem Schuh der sich von einem ekligen grünen Kaugummi nur schwerlich lösen ließ. Er haftete fest an der Sohle und ein Faden spann sich zwischen Strasse und Schuh. „Iih, so ein Mist.“ Mit dem leeren Kaffeebecher kratzte Madeleine den Kaugummi von der Sohle, zog den Schuh wieder an, hob die Akten auf und warf den Pappbecher in den nächsten Mülleimer. Mit einem Blick zur Uhr tippelte sie mit ihren acht Zentimeter Absätzen hektisch los. Die Kaffeereste auf ihrem beigefarbenen Rock wischte sie mit einem Taschentuch während des Laufens ab, aber es blieb ein riesiger brauner unansehnlicher Fleck. Mist, jetzt komm ich schon wie ein Ferkel zur Arbeit. Dachte Madeleine. Im Laufschritt erreichte sie die Glastür zum zwanzigstöckigen Gebäude, in dem sie arbeitete. Sie drückte die Glastür auf und betrat den großen, marmornen Eingangsbereich und spähte augenblicklich zum Fahrstuhl. Ein Mann war eingestiegen und drehte sich in Richtung Tür. Als er Madeleine anhetzen sah, drückte er im Inneren des Fahrstuhls auf einen Knopf. Der wird doch nicht, wehe! „Nein, warten Sie!“, rief Madeleine in seine Richtung und versuchte schneller zu laufen. Gleichzeitig wickelte sie ihre Strickjacke, die sie schon vor dem Gebäude unter ihrer weißen Daunenjacke ausgezogen hatte, um ihren Rock. Mit einem Satz sprang sie in den kleinen Fahrstuhl, dabei rutschten ihr einige Blätter aus dem Aktenstapel heraus und fielen zu Boden. Sie bückte sich, dabei sah sie, dass der Mann den Halteknopf gedrückt hatte und ihn erst jetzt wieder los ließ. „Vielen Dank.“, keuchte Madeleine. „Gerne. Kann ich Ihnen hierbei auch helfen?“, fragte der Mann und bückte sich ebenfalls, um nach den einzelnen Blättern zu greifen. Während sie die Akten gemeinsam vervollständigten hörte Madeleine eine bekannte Stimme rufen: „Wartet, wartet, wehe ihr fahrt ohne mich!“ Madeleine stoppte das Schließen der Türen mit dem Halteknopf und grinste, als sie ihre Freundin Annie auf sich zustürmen sah. „Gott sei Dank, Mady, ich hasse es, wenn ich auf den Fahrstuhl warten muss.“ „Hi Annie. Du hasst es grundsätzlich, zu warten.“ „Welches Stockwerk möchten die Damen?“, fragte der Mann mit sanfter tiefer Stimme. „Neunzehntes bitte.“, Madeleine lächelte und Annie, die sich hinter ihn gestellt hatte, sah zu Madeleine und formulierte tonlos die Wort: „Echt scharf!“. Madeleine warf einen Blick auf den schlanken Mann, zu dem sie, trotz ihrer eigenen Größe von 1,75m und den hohen Absätzen noch aufschauen konnte. Seine kurz geschnittenen, dunklen Haare zierten einen wohlgeformten Kopf, soweit sie das von hinten beurteilen konnte. Als er von der Etagenknopfanzeige zu ihr hinüber sah, zuckte Madeleine kurz zusammen. Sein Blick mit den dunkelgrünen funkelnden Augen durchführ sie wie ein Blitzschlag. Neugierig erforschte sie mit ihren Augen sein Gesicht, seine gerade schmale Nase, seine auffällig wohlgeformten Lippen, sein markantes Kinn ... Wow, was für ein Mann, der ist bestimmt Model…ein Model für ein After Shave.. oder Duschgel.. was für ein Gesicht ...Gott ... Nervös blickte sie zu Boden. Ein Blick zu Annie, hätte wieder eine ihrer zweideutigen Gesten zur Folge gehabt oder schlimmer noch, eine peinliche Frage, die Madeleine nicht hätte beantworten können. Endlich im neunzehnten Stock angekommen stiegen Madeleine und Annie aus. Der Mann verließ ebenfalls den Fahrstuhl und folgte den Frauen. Madeleine öffnete die Glastür zur Werbeagentur Wesser & Holt und der Mann, in seinem perfekt sitzenden schwarzen Anzug, hielt ihnen die Tür auf.

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„Vielen Dank.“, zwitscherte Annie. „Gerne.“ Mit tippelnden Schritten lief Madeleine um das dunkelblaue, halbkreisförmige Empfangspult herum, während Annie ohne ein Wort den breiten Gang entlang tänzelte, der zu ihrem Büro führte. Madeleine stand nun dem Mann aus dem Fahrstuhl gegenüber und sprach mit freundlicher Stimme: „Willkommen bei Wesser & Holt, was kann ich für Sie tun?“ Madeleine war die Empfangsdame Schrägstrich Assistentin Schrägstrich Mädchen für alles hier in der kleinen Werbeagentur von „Wesser und Holt“. Vor etwa fünf Jahren hatte sie sich hier beworben, weil sie nach ihrer zweiten Ausbildung Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 2 zur Grafikerin auch in diesem Beruf arbeiten wollte. Nach den enttäuschenden Absagen der großen und renommiertesten Agenturen, sprach sie bei den mittleren und kleinen Agenturen vor. Herr Wesser suchte dringend nach einer Empfangsdame und versprach Madeleine, sofern sie sich vergrößern würden, würde er sie auf jeden Fall als Grafikerin einsetzen. Doch leider war sie in ihrem Job als Empfangsdame zu gut und sie entwickelte auch hervorragende Fähigkeiten als Assistentin Schrägstrich Mädchen für Alles. Herr Wesser bezahlte sie wie eine Fachangestellte, doch Anzeigen entwerfen durfte sie nicht. „Guten Morgen, mein Name ist Michael Schneider, ich habe einen Termin mit Herrn Wesser.“, erklärte er. Madeleine hörte seine Worte, wurde aber abgelenkt durch die leuchtend grünen Augen, die unsichtbare elektrische Impulse auf sie zu feuern schienen. „Ist alles in Ordnung?“, fragte Michael Schneider sie. „Äh, ja. Alles ok. Entschuldigen Sie bitte. Ich, ähm, ich informiere Herrn Wesser. Bitte nehmen Sie doch dort drüben Platz.“, stammelte Madeleine und zeigte auf eine kleine blaue Ledersitzecke, die neben der Eingangstür eingerichtet worden war. „Danke, gern.“ Madeleine setzte sich, nahm den Hörer des Telefons an ihr Ohr und drückte die Ruftaste zu Herrn Wesser Büro. Nimm ab, nimm ab, nimm ab...ging es Madeleine durch den Kopf. „Ja?“, antwortete ihr Chef. „Guten Morgen Herr Wesser, ein Herr Schneider wartet hier auf Sie.“ „Guten Morgen Madeleine. Sagen Sie ihm, ich bin sofort da.“ „Ja, gern.“ Madeleine legte auf, erhob sich von ihrem Stuhl und rief zu Herrn Schneider hinüber: „Herr Wesser wird gleich bei Ihnen sein.“ „Vielen Dank.“ Herr Wesser kam wenige Sekunden später, mit schnellen Schritten den Gang entlang gelaufen. Er begrüßte Michael Schneider und führte ihn in den Konferenzraum, der sich neben dem Wartebereich mit der blauen Ledersitzecke befand. „Madeleine könnten Sie uns bitte Kaffee bringen? Danke.“, warf Herr Wesser Madeleine entgegen und schloss dann die Tür hinter sich. Christian Wesser war ein intelligenter Mann Anfang fünfzig, mit graumeliertem Haar, leicht gebräunter Haut und immer frisch rasiertem Gesicht. Er legte viel Wert auf seine Figur und sein Äußeres, trieb regelmäßig Sport und kleidete sich elegant und modern. Er verstand es, die Menschen mit seinem Charme und seiner geschickten Rhetorik für sich zu gewinnen. Seine Geschäftspolitik basierte auf Respekt, Ehrlichkeit und Loyalität seinen Kunden und Mitarbeitern gegenüber. Christian Wesser und sein Partner Kay Holt gründeten die Werbeagentur in den achtziger Jahren jedoch musste Christian Wesser schnell feststellen, dass Kay Holt geniale Ideen hatte, aber menschlich nicht vorzeigbar war. So trennten sie sich nach wenigen Jahren der Partnerschaft. Sie einigten sich darauf, den Namen der Agentur für einen gewissen Betrag an Kay Holt so zu belassen und Herr Wesser ersparte sich die Umschreibung und den damit verbundenen Papier- und Behördenkrieg. Madeleine lief in die kleine Küche gleich neben dem Empfang. Sie holte aus dem oberen Schrank der weiß glänzenden Küchenzeile drei Tassen und zwei Wassergläser heraus und stellte diese auf eines der drei runden Tabletts, die übereinander gestapelt neben der Spüle standen. Das oberste Tablett trug sie neben den Kaffeeautomaten, stellte es ab und platzierte die erste Kaffeetassen auf die dafür vorgesehene Fläche des Kaffeeautomaten. Sie drückte im Menu des Automaten die Zeichen für Kaffee schwarz, dann hämmerte sie mit der Faust an die linke Seite des Gerätes und drückte erneut die Menutaste. Nach zweimaliger Wiederholung dieser Prozedur begann der Automat zu glucksen, zu

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brodeln und die gewünschte schwarze dampfende Flüssigkeit strömte in die Kaffeetasse. Zwischendurch lief Madeleine zu ihrem Arbeitsplatz am Empfangspult und startete ihren Computer. Als der Kaffee durchgelaufen war, befüllte sie ein Keramikkännchen mit Milch, stellte einen Zuckertopf und zwei kleine Flaschen Wasser auf das Tablett und balancierte dies zum Konferenzraum. Dort klopfte sie unbeholfen an die Tür. „Ja bitte.“, rief Herr Wesser von Innen. Madeleine schob die rechte Schiebetür mit einem Fuß auf und betrat den minimalistisch eingerichteten Raum. Eine Wand wurde von einem kirschholzfarbenen, hüfthohem Schrank gesäumt. Die andere Wand bestand aus mehreren weißen Teiltüren, die an der Decke in einer Schiene hingen und diesen Konferenzraum von dem zweiten auf der anderen Seite trennten. Durch die Fensterfront gegenüber der Tür war die Glasfront des Gebäudes auf der anderen Straßenseite zu sehen. Herr Wesser und Herr Schneider hatten ihr Gespräch bei Madeleines Eintreten unterbrochen. Sie saßen sich an dem ovalen, kirschholzfarbenen Tisch in Türnähe gegenüber. Madeleine setzte das Tablett auf einem farblich passenden Beistelltisch ab. Mit leicht zittrigen Händen, aber mit einem Lächeln platzierte sie lautlos eine Kaffeetasse vor Michael Schneider und eine vor ihrem Chef. Michael Schneider lehnte bequem, aber aufrecht auf dem schwarzen Lederstuhl und beobachtete Madeleine Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 3 aufmerksam. Sie bemerkte, wie die kurzen Elektroschocks durch seine Augen auf sie übertragen wurden. Ein einziges Mal wagte sie einen Blick in Michael Schneiders Gesicht. Seine aktiven Augen waren weit offen und sie strahlten etwas Forderndes und zu gleich Geheimnisvolles aus. Sein Gesicht im Ganzen schien perfekt aber regungslos. Sie folgte seinem Blick, der über ihren Körper wanderte und an ihrem Rock inne hielt. Ihre Stickjacke war verrutscht und der hässliche Kaffeefleck zeigte sich in einer ocker bis dunkelbraunen Farbe. Madeleine errötete und sagte kurz: „Das ist Kaffee.“ „Ja, das war auch meine erste Vermutung.“, antwortete Michael Schneider mit seichtem Lächeln. Bizzzz, dachte Madeleine noch ein Elektrostoß und diese Stimme, ich kipp bestimmt gleich um. „Danke Madeleine.“, mischte sich Herr Wesser in ihre Gedanken ein. „Gern.“ Madeleine lächelte weiter und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Zurück an ihrem Pult rückte sie ihre Stickjacke zurecht und sie setzte sich auf ihren Bürostuhl. Ihr Computerbildschirm wurde ganz von der Tresenfront bedeckt und war von der Vorderseite nicht sichtbar. Vor ihr auf dem Tisch lag, neben der Tastatur und der Mouse, ein Schreibblock mit einem Bleistift. Auf dem Tresen stand eine Halterung mit Broschüren der Werbeagentur und den Visitenkarten der Mitarbeiter. Gleich daneben hatte Madeleines Namensschild seinen Platz. Madeleine überflog alles und bemerkte, dass ihr Namensschild quer neben den Broschüren stand. Welcher Depp verschiebt denn das immer. Ich werd hier bald mal ne Kamera installieren, langsam reicht’s, dachte Madeleine und rückte alles an seinen üblichen Platz. Wie jeden Morgen öffnete sie Outlook auf ihrem PC. Dann nahm sie die Blätter des Terminkalenders, die sie am Vorabend ausgedruckt hatte, aus ihrem Schrank hinter sich und legte sie vor sich auf den Tisch. Sie hatte sich angewöhnt, den nächsten Tag schon am Vorabend vorzubereiten um über die bevorstehenden Termine informiert zu sein. Hm, laut Plan hat Michael Schneider keinen Termin. Merkwürdig. Herr Wesser macht nie Termine ohne mir Bescheid zu sagen. Der Postbote Karl betrat die Agentur. Er begrüßte Madeleine freundlich und sie gab ihm eine Tasse Kaffee, die sie für ihn, wie jeden Morgen vorbereitet hatte. Karl, ein kleiner, schmächtiger Mann, der kurz vor seine Pensionierung stand, und Madeleine hielten immer einen kleinen Plausch und tauschten den neusten Klatsch und Tratsch aus. Das Thema des heutigen Tages war wieder einmal der Youtube-Erpresser, der seit einigen Monaten in Hamburg die Polizei und seine Opfer auf Trapp hielt. Karl legte Madeleine eine andere Morgenzeitung, als die ihre, hin und dort stand: ‚YoutubeErpresser hat wieder zugeschlagen.’ „Unglaublich, in meiner Jugend wäre das nicht möglich gewesen.“, bewerkte Karl. „Ja, die Technik macht’s möglich Karl. So stellt ein Irrer schlüpfrige Filmchen ins Internet, wenn die Beteiligten nicht bereit sind, ihn zu bezahlen. Nun ja, bei den kleinen Schweinerein, die sie so anstellen, sollten sie sich nicht filmen lassen. Ich denke mal, die Scheidungsrate wird in diesem Jahr wieder steigen.“ Karl und Madeleine lachten. „Sawei, Sawei,“ begann Karl, „den Namen hab ich doch auch schon in eurer Post gelesen.“ „Ja, erst vor kurzem haben wir eine Plakatreihe für diese Firma fertig gestellt. Ist schon komisch, wenn man jemanden persönlich kennt, dem so etwas passiert ist.“, erklärte Madeleine.

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„Hast du dir denn den Film im Internet angesehen? Ich habe ja nicht einmal einen Computer. Frida und ich sind zu alt für so einen Hokuspokus.“ „Nein noch nicht. Ich hadere noch mit mir, ob ich den leicht fülligen Günther Böhm mit seiner Sekretärin zusammen sehen will.“, Madeleine verzog das Gesicht. „Aber wenn du mal schauen willst?“ „Ich dachte, die Polizei hat das schon entfernt?“, fragte Karl verwundert. „Der Erpresser findet immer einen Weg das wieder einzustellen.“ „Dann zeig mal her.“, forderte Karl Madeleine auf und sie klickte sich mit wenigen Griffen auf die Internetseite und gab Sawei in die Suchzeile ein. „Schau nur Karl, schon über eine Millionen Klicks.“ „Das heißt?“ „Das sich schon eine Millionen Leute das Video angesehen haben.“ „Jetzt sind es gleich zwei mehr, spiel es ruhig ab. Du kannst dir ja die Augen zuhalten.“, kicherte Karl und setzte vorbereitend seine Brille auf die Nase Madeleine klickte auf play und das Video wurde abgespielt. „Oh mein Gott.“, gab Madeleine entsetzt von sich. „Die Sekretärin ist ja fast nackt und sitzt auf dem Kopierer.“ „Das werden doch mal scharfe Kopien.“, erklärte Karl, der amüsiert den Bildschirm guckte. Madeleine hielt die Hände vorsorglich seitlich an die Augen um sie sich notfalls zu verdecken. Das Video dauerte nicht ganz fünf Minuten und Karl erklärte abschießend, als er seinen letzten Schluck Kaffee getrunken hatte:“ Ich weiß ja nicht, ob diese fünf Minuten Spaß, die Schmach und Schande wert waren.“ „Meiner Meinung nach nicht, ich würde alles Geld der Welt bezahlen um nicht so im Internet aufzutauchen. Und das Schlimme ist, ich kann Günther Böhm doch nie wieder ansehen ohne diese Kopiererszene vor Augen zu haben.“, Madeleine schüttelte angewidert den Kopf. „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.“ Karl lachte. „Die Rache der Ehefrau wird fürchterlich sein. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 4 Wenn seine Frau nur annähernd so temperamentvoll ist wie meine Frida, wird nur ein Häufchen Elend am Ende übrig bleiben. So, jetzt muss ich aber los. Danke für den Kaffee Madeleine. Bis Morgen.“ „Gerne, bis Morgen Karl.“ Als Herr Wesser und Michael Schneider aus dem Konferenzraum kamen, lächelte Madeleine wieder, während sie die letzten Briefe in den Eingangskorb für Christian Wesser legte. „Auf Wiedersehen, Herr Schneider.“ „Auf Wiedersehen.“, antwortete Michael Schneider, lächelte geheimnisvoll und verließ die Agentur. Wenige Sekunden später lief Annie den Gang entlang und kam zu Madeleines Pult. Annemarie Bargsten, kurz Annie leitete die Buchhaltung, was man ihr im ersten Moment nie zutrauen würde. Sie war die geborene Entertainerin und Partyqueen. Offiziell war sie 28 Jahre alt auch wenn in ihrem Pass ein Alter von 35 geschrieben stand. Anzusehen war ihr das wahre Alter keineswegs. Sie wusste um ihre Attraktivität und setzte ihren schlanken, wohlgeformten Körper gern zu ihrem Vorteil ein. Durch ihre scharmante und witzige Art, stand sie schnell im Mittelpunkt und verzauberte ihre Mitmenschen. Madeleine hingegen zog die Zurückhaltung vor. Die beiden Freundinnen ergänzten sich in dieser Hinsicht doch wenn sie an den Wochenenden um die Häuser zogen, fielen die rothaarige Madeleine und die blonde Annie mit ihren Traummaßen immer auf. „Was wollte denn das Sahneschnittchen?“, platzte es aus Annie heraus. „Keine Ahnung, Herr Wesser hatte mir nicht Bescheid gesagt, dass er einen Termin mit Herrn Schneider hat.“ „Mmmh, Herr Schneider.“; rollte Annie das R übertrieben. “Vorname?“ “Michael.” Madeleine lächelte, sie kannte ihre Kollegin und Freundin zu gut und wusste, was gleich passieren würde. Annie war eine moderne Singlefrau, die gerne flirtete und wilde kurze Affären hatte. Ihre wahre Liebe galt Matt Goss, dem Sänger der ehemaligen Band aus den Achtzigern, Bros. Und so lange sie Matt noch nicht davon überzeugt hatte, dass sie die zukünftige Frau Goss war, bestand ihr Liebesleben aus einer Aneinanderreihung von wilden und spektakulären Affären. Annie war eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie hatte in den vergangenen Jahren eine eigenwillige Sprache entwickelt, die nur Insider verstanden. Dazu unterschied sie sich im Umgang mit ihren Mitmenschen von den anderen, indem sie sie in einfaches Schubladensystem steckte. Bei den Frauen gab es die, die sie mochte und mit Namen ansprach und die, die sie „Inge“ nannte. Die gleiche Unterteilung pflegte sie bei den Männern mit leichten Abweichungen: Männer, mit denen sie nie etwas anfangen

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würde, bezeichnete sie als ‚Horst’. Alle Männer die sie interessant fand, bekamen den Titel ‚Storch’. Bei einem Storch gab es noch diverse Zusätze. Ein Storch für den Vorgarten war nicht so viel Wert wie einer fürs Haus. „Michael, o la la..“, kommentierte Annie, “eindeutig ein Storch.” „Vorgarten oder Haus?“, fragte Madeleine nach, die Michael Schneider definitiv mit ins Haus nehmen würde. „Bett meine Liebe, gleich ins Bette…“, antwortete Annie aufgeregt und griff nach dem Stapel Briefe, den Madeleine zuvor in den Buchhaltungs-Ablagekorb getan hatte. Kichernd und mit einem übertrieben aufreizenden Gang machte sich Annie auf in ihr Büro. Madeleine blieb grinsend zurück und die Glastür zur Agentur öffnete sich erneut. „Guten Morgen, Kleines.“, begrüßte sie Jörg Hansen, einer der Kundenberater der Agentur. „Gut geschlafen?“ „Guten Morgen, Herr Hansen.“, antwortete Madeleine freundlich aber kurz. Ihr Lächeln war aufgesetzt, denn sie war die billige Anmache und die dummen Sprüche von Jörg Hansen leid. Seit seinem ersten Tag in der Agentur, vor zwei Monaten, überschüttete er sie mit anzüglichen Bemerkungen und eindeutigen Angeboten. Jörg Hansen mutierte hier schnell zum Obermacho der jedem Rock nachjagte, trotz seines Eherings. Seine äußere Erscheinung glich dem eines Profiboxers im Schwergewicht. Mit seinen fast 1.90 m und dem muskulösen Oberkörper mochte er viele Damen beeindrucken, nur Madeleine nicht. Seine dunklen Haare, die braunen Augen und seine immer leicht gebräunte Haut unterstrichen sein gutes Aussehen. Die Negativität der übertriebenen Schmeicheleien und sexistischen Annäherungsversuche hatten bei Madeleine aber mehr Gewicht und sie verabscheute ihn regelrecht. „Und, hast du von mir geträumt?“, fragte er mit lüsternem Blick. Ella, eine der Werbetexterinnen, die seit knapp einem halben Jahr hier arbeitete, kam in die Agentur und Madeleine seufzte erleichtert. Dann hörten sie Annie laut und begeistert kreischen. Sie kam den Gang zurück gelaufen: „Mady, Mady!“ „Was ist denn los?“, lief Madeleine ihr entgegen, allein schon aus dem Grund, um Jörg Hansen zu entkommen. „Sieh mal, hier, ich hab zwei Einladungen bekommen, für das H1.“, jubelte Annie aufgeregt und hielt Madeleine einen Umschlag hin. „Woher das denn?“, freute sich Madeleine mit ihr. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 5 „Ich denke mal, von dem süßen Fußballstorch.“ „Fußballstorch?“ „Ja, du weißt schon, der vom Spiel neulich, der Hübsche.“ „Welches Spiel?“, fragte Madeleine noch einmal nach, denn sie hatte für Fußball nicht wirklich was übrig. „Nicht so wichtig. Wir können ins H1, das ist der Hammer.“, trällerte Annie. „Da bin ich ja mal gespannt, ob das dort wirklich so toll ist, wie alle sagen?“ erklärte Madeleine. „Bestimmt. Mit uns beiden auf jeden Fall.“, kicherte Annie und hüpfte vor Begeisterung auf und ab. „Worüber freut ihr euch denn, ihr Hübschen?“, unterbrach sie Jörg Hansen, der auf sie zugegangen war. „Nichts für einen Horst mit Ehering.“, antwortete Annie herablassend und lief schwungvoll den Gang entlang, zurück zu ihrem Büro. Auch Ella hatte sich zu den Kolleginnen gesellt und hatte gegrinste, als sie Annies ablehnende Worte gehörte hatte. Mit einem Kopfschütteln lief sie an Jörg Hansen vorbei, bis ans Ende des Flurs, dort bog sie in einen weiterer Gang ein, der zu ihrem Büro führte. Auch Madeleine amüsierte Annies Bemerkung. Sie drehte sich elegant auf ihrem Absatz um und begab sich zurück an ihren Arbeitsplatz. Jörg Hansen stand hilflos herum, dann räusperte er sich verlegen und verschwand schnellen Schrittes in sein Büro. Die Arbeit am Empfang machte Madeleine viel Freude. Jeden Tag lernte sie neue Menschen kennen und damit kamen jede Menge Herausforderungen auf sie zu, die sie fast immer mit Bravour meisterte. Auch mit ihren Kollegen in der Agentur pflegte sie ein gutes Verhältnis. Madeleine wusste, dass es für sie nur eine Übergangslösung sein würde, denn mit ihren 27 Jahren fühlte sie, dass sie noch etwas mehr erreichen konnte, als die Arbeit am Empfang einer kleinen Agentur. Aber bis es soweit war, lächelte sie 90 Prozent des Tages und versuchte es jedem Recht zu machen.

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Aber heute war etwas anders, als an anderen Tagen. Zwischendurch, wenn für eine Sekunde nicht das Telefon klingelte oder jemand zur Tür herein kam oder das Briefchen für eingehende E-Mails im Posteingang aufpoppten, dann drängte sich ein Bild in ihre Gedanken, ein Bild von Michael Schneider. Ihr Herz begann dann unweigerlich schneller zu schlagen und sie lächelte. Am Freitagabend lief Madeleine hektisch durch ihre kleine Dachgeschosswohnung, die aus zwei Zimmern bestand, einem Miniaturbad, mit einer Dusche, einem Waschbecken und einer Toilette. Nur ein winziges Fenster diente der Luftzirkulation. Im Schlafzimmer hatte sie sich aus einem Regal und einer Kleiderstangen einen Schrank gebaut, der von einem beigefarbenen Vorhang verdeckt wurde. Bei ihrem Einzug vor fünf Jahren hatte sie hier provisorischen ihre Kleider untergebracht und bis heute keinen passenden Ersatz gefunden. Die Dachschräge verkomplizierte die Suche immens. Wohnzimmer und Küche wurden nur durch die Einbauschränke getrennt. Die Hängeschränke waren von beiden Seiten zu öffnen. Die Küche schien optisch eher unauffällig, aber sehr funktional. Das Wohnzimmer hatte Madeleine nach ihren eigenen Vorstellungen eingerichtet, sodass anstelle von Bildern deckenhohe Regale mit Videokassetten und DVD’s aufgestellt waren, dazu ein überdimensionaler 81 Zoll LCD-Fernseher und ein DVD Recorder. Zwischen Schlafzimmertür und Fernseher stand eine rote Samtcouch und davor ein kleiner Glastisch. Vor den unteren Schränken der Küche stand ein Holztische in Höhe der Schränke mit drei buchefarbenen Hochstühlen darum. Auf der Suche nach dem perfekten Outfit, probierte sie die Oberteile aus ihrem selbstgebauten Kleiderschrank durch und versuchte, jedes dieser Kleidungsstücke über ihren Kopf mit den Lockenwicklern zu zwängen. Von Natur aus hatte Madeleine rote lockige Haare und mit den Lockenwicklern wollte sie sich die Haare ein wenig glätten. Sie entschied sich für ein schwarzes Top, schlicht mit einem dezenten Ausschnitt, dazu Bluejeans, die ihren wohlgeformten Po hervorragend zur Geltung brachte. Es klingelte an der Tür. „Verdammt.“, stieß Madeleine aus, lief vom Schlafzimmer, durch das Wohnzimmer, in den kleinen schmalen Flur und drückte auf die Gegensprechanlage an der Tür. „Ja?“ „Ich bin’s.“, jodelte Annie. Madeleine drückte den Summer zur Haustür und öffnete auch ihre Wohnungstür. Ihre Wohnung lag im vierten Stock und Annie musste eine Reihe schmaler Holzstufen erklimmen, bevor sie die Wohnungstür unterm Dach erreicht hatte. In der Zeit war Madeleine ins Badezimmer gelaufen um sich die Lockenwickler aus den Haaren zu ziehen. „Huhu, wo bist du denn?“, keuchte Annie an der Tür. „Im Badezimmer.“ „Von wegen. Duschkabine meinst du wohl.“ Annie stand in der offenen Tür und betrachtete ihre Freundin. „Schicki, meine Hübsche.“ „Danke Annie. Zu dir muss ich nix sagen, du weißt, wie toll du aussiehst, oder?“ „Du musst nicht, kannst es aber..“, grinste Annie verführerisch. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 6 „Du siehst wie immer super sexy aus.“, sprach Madeleine übertrieben. „Dankeschön.“ Annie verbeugte sich kurz und fragte dann: „Soll ich dir helfen, bei den Wicklern?“ „Magst du auf der anderen Seite anfangen, dann bin ich auch gleich fertig.“ „Nur keinen Stress, wir brauchen nicht anstehen und der Abend hat auch erst begonnen, also entspann dich, sonst kriegst du noch hektische Flecken.“ Mit einem Taxi fuhren sie beim H1 vor, stiegen aus und Annie stürmte mit ihrer Einladung direkt auf den Türsteher zu. Der große breitschultrige Mann, mit der Lederjacke und kurz geschorenen Haaren, warf einen Blick auf Madeleine und Annie, dann auf die Einladung. Nach dem Vergleich mit der Gästeliste, nickte er zustimmend und forderte die beiden auf, hinein zu gehen. „Wow, der Wahnsinn.“, staunte Annie laut als sie den Club betraten. Sie sahen sich um. Es war nicht einzuschätzen, wie groß der Club in Wirklichkeit war. Überall waren Verwinkelungen und kleine Sitzecken. Verschieden große Bars umringt von durstigen Gästen. Von der Decke hingen Krohnleuchter und glitzernde rot und silberne Taler die an Fäden aufgehängt waren. Durch die milchigen Fenster leuchtete es in verschiedenen Farben, aber dennoch die einzige konstante Lichtquelle. Der Club hatte den Scharm der Siebziger und die Technik von heute. Die Sitzecken waren imposant aus schwarzem oder dunkelrotem Leder, die einen kleine Tisch halb umrundeten. Alle Tische waren besetzt und auch die Tanzfläche trug viele bewegliche Tänzer.

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„Zur Bar?“, fragte Annie. „Ja.“ Sie bestellten sich ein Glas Sekt. „Sieh dir die Störche an?“, schwärmte Annie und beobachtete die Männer in ihrer nahen Umgebung. „Wir sind im Paradies.“ Madeleine lachte. Es war immer wieder erfrischend und amüsant, wie sich Annie begeistern konnte. Im Gegensatz zu Annie fühlte sich Madeleine ein wenig unwohl. Das Publikum in diesem Club schien nach Madeleines Empfinden aus einer anderen Sphäre zu sein. Die jungen Mädchen und Frauen waren übermäßig geschminkt, aufwendig frisiert und zum größten Teil nur leicht bekleidet. Dazu das aufgesetztes Verhalten, dass Madeleine als abstoßend empfand. Sie versuchte sich unsichtbar zu machen, doch in ihrer langen Jeans, ihrem schwarzen Top fiel sie hier eher auf und der Ausdruck ‚Overdressed’ bekam eine ganz neue Bedeutung. Annie hatte das fabelhafte Talent, sich ihrer Umgebung anzupassen. Eine glamouröse Erscheinung wie sie, mit ihrem kurzen roten Kleid, stand sofort im Rampenlicht. Es dauerte auch nicht lange, da wurde Annie von einem dunkelhaarigen, jungen Mann, südländischer Abstammung angesprochen. Hinter ihm stand sein Freund, der langsam zu Madeleine hinüberging, als er feststellte, dass Annie seinen Freund nicht abwies. Nach Annies Körperhaltung zu urteilen, war sie nicht abgeneigt und ließ sich sogar zu einem Tanz überreden. Madeleine setzte sich auf einen gerade frei gewordenen Barhocker und schaute ihrer Freundin zu. „Sie ist sehr attraktiv.“, sprach sie der Freund von der Seite an. Madeleine drehte ihren Kopf und sah in zwei sanfte braune Augen. „Ja, das ist sie. Aber dein Freund ist dir zuvor gekommen.“, antwortete Madeleine dem nicht minder attraktiven jungen Mann mit den dunklen Haaren. „Mir? Nein, bestimmt nicht. Sie ist ne Wildkatze, richtig?“ „Ja, das ist sie. Du stehst also nicht auf Katzen?“ „Nein, jedenfalls nicht diese Sorte. Ich bin Julian.“, stellte sich der Mann neben ihr vor. „Madeleine.“ „Darf ich dich auf nen Drink einladen, Madeleine?“ „Ich hab noch, danke.“ Kaum ausgesprochen, ärgerte sie sich über diese Antwort. Man, wie blöd bin ich denn? Jetzt lädt er mich schon ein und ich lehne ab. Verdammt. Dachte sie. „Ok.“, antwortete Julian mit enttäuschtem Unterton und bestellte sich ein Bier. Er blieb dennoch bei Madeleine stehen und beobachtete wie sie, die tanzenden Freunde. Madeleine hatte ihr ganzes Leben mit Vorurteilen zu kämpfen. Vom Schulalter bis hin zum Abiturabschluss litt sie unter ihrem Äußeren, den roten leuchtenden Haaren, der blassen hellen Haut mit den Sommersprossen die sich ihrer Meinung nach, glücklicherweise, auf ihrer Nase beschränkten. Sie war schon immer sehr groß und sehr schlank, nah an der Grenze zum Untergewicht. In der Schulzeit musste sie oft Titel wie: „Duracell“, „Pipi Langstrumpf“ oder „Die rote Zorra“ über sich ergehen lassen. Nach der Pubertät sahen sie die Menschen mit anderen Augen. Mit ihren roten Haaren assoziierten viele, sie sei wild und unberechenbar. Ihre hochragende Körpergröße inklusive hoher Absätze schränkte den Kreis der Menschen ein, die mit ihr auf Augenhöhe standen. Ihr hübsches Gesicht mit den dunklen braunen Rehaugen zog viele Blicke auf sich. Ihre schlanke Figur mit den langen Beinen und den leichten Rundungen an den richtigen Stellen ließ das schnelle Urteil zu, sie sei ein Model, eingebildet und wählerisch. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 7 Das Lied klang aus und Annie kam mit ihrem Begleiter zurück zur Bar. „Hu, was für ein Song. Du kannst ja richtig gut tanzen.“, lobte Annie die Musik und ihren Tanzpartner. „Ich bin Italiener, wir können so was eben.“, erklärte ihr Begleiter stolz. „Neben vielen anderen Sachen natürlich.“ „Wenn nur ansatzweise stimmt, was ich so gehört habe, bin ich sehr gespannt auf den Rest des Abends.“, gab Annie zur Antwort und führte das Glas Sekt langsam an ihre rot geschminkten Lippen. Sie ließ das prickelnde Getränk in ihren Mund fließen und sah ihren Tanzpartner mit einem, für ihn viel versprechenden, Blick an. „Das ist Rico, Freund und Arbeitskollege.“, übernahm Julian das Vorstellen, denn Rico schien zur Zeit nicht in der Lage zu sein, Madeleine seine Aufmerksamkeit zu schenken.

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„Und das ist Annie, ebenfalls Freundin und Arbeitskollegin.“, erklärte Madeleine. „Da die zwei so miteinander beschäftigt sind, könnten wir vielleicht auch ein kleines Tänzchen wagen, was meinst du?���, fragte Julian. „Gern.“, antwortete Madeleine knapp, sprang von ihrem Barhocker und ging Richtung Tanzfläche. Julian ließ ihr den Vortritt und Madeleine kämpfte sich durch die hüpfenden Leute. Wenn sie eins nicht mochte, dann am Rand tanzen wo den Blicken Anderer ausgesetzt war. Als sie endlich den perfekten Platz gefunden hatte, begann gerade „You’re All I Want“ von Lifehouse. Ein langsamer Song und Madeleine sah Julian verunsichert an. Julian ging vorsichtig einen Schritt auf sie zu und bot ihr mit ausgebreiteten Armen an, diesen Tanz gemeinsam zu tanzen. Madeleine legte ihre eine Hand in die Seine und die andere auf seine Schulter. Julian zog sie sanft an sich heran und begann sich mit ihr im Takt zu bewegen. Nachdem sie sich in den Tanz eingefunden hatte, fühlte sie, wie er sie ansah. Da er sie um einige angenehme Zentimeter überragte, hob sie ihren Kopf und blickte ihn ebenfalls an. Julian lächelte sanft. Sie erwiderte ein verunsichertes Lächeln und zog es dann vor, über seine Schulter hinweg in den Raum zu sehen. Insgeheim freute sie sich, denn auf den ersten Blick konnte sie nichts erkennen, was ihr an ihm missfiel. Sein Duft stieg ihr in die Nase: Bvlgari vermutete sie, es roch frisch und ein wenig nach Tabak. „Willst du zurück zur Bar?“, fragte Julian, als der nächste Song begann. „Ja, gern.“, antwortete Madeleine. Wenn Annie und Madeleine in die Große Freiheit 36 oder Tanznagel auf Kampnagel an den Wochenenden besuchten, fühlte sich Madeleine wohl. Die Türsteher begrüßten sie mit Vornamen und sie kannten sich im Inneres gut aus. Sie passten immer aufeinander auf und bezahlten ihre Drinks fast immer selbst . Annie flirtete heftig mit Rico und warf Madeleine einen unauffälligen Blick zu, mit dem sie fragte, ob bei ihr alles ok sei. Madeleine nickte ebenso unauffällig. „Wollen wir uns setzen?“, fragte Julian. „Gern. Nur hier sind nicht genug Hocker.“, gab Madeleine zurück. „Ich besorg uns einen freien Tisch.“, erklärte Julian und verschwand. Wenig später winkte er wild mit den Armen und Annie, Rico und Madeleine liefen zu ihm hinüber. Eine Kellnerin in einem kurzen engen Kleid stand lächelnd vor einer freien Sitzecke. Annie und Madeleine rutschten über das weiche Leder. Rico nahm neben Annie Platz und Julian auf der Seite bei Madeleine. „Eine Flasche Champagner, bitte.“, orderte Rico bei der Kellnerin. „Kommt sofort.“, antwortete sie überfreundlich. Madeleine saß steif neben Julian, ihr war die ganze Sache nicht geheuer. Champagner?, fragte sie sich. Der gibt ja ganz schön an. „Alles gut Süße, mach dir keine Sorgen, uns tut schon keiner was. Genieße es.“, flüsterte Annie ihr ins Ohr, der die Panik in den Augen ihrer Freunde aufgefallen war. „Was machen wir hier?“, flüsterte Madeleine zurück. „Nur ein Glas Champagner trinken uns ein wenig unterhalten, das ist alles.“ „Versprochen?“ „Ja, versprochen. Wenn es dir nicht gefällt, sag Bescheid, dann gehen wir sofort.“, erklärte Annie. Die Kellnerin brachte den Champagner in einem Kühlbehälter. Sie befüllte die Gläser und reichte jedem einzelnen eins. „Was machst du beruflich Madeleine?“, fragte Julian, tickte vorsichtig mit seinem Glas gegen das ihre und prostete ihr zu. Madeleine nahm einen Schluck und antwortete: „Ich arbeite in einer Werbeagentur.“ „Grafikerin oder Werbetexterin?“ „Ich würde gern als Grafikerin arbeiten, nur leider liegen meine Aufgaben in einem anderen Bereich.“,. Schlagartig wurde ihr wieder einmal bewusst, dass sie ihr Talent vergeudete und dringend mit Herrn Wesser reden sollte. „Und wo?“ „Organisation, Datenpflege, Gesprächsvorbereitung etc.“, versuchte sie ihren Job zu umschreiben. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 8 „Assistentin oder Empfang?“, riet Julian. „Beides irgendwie. Ich habe Grafikerin gelernt, aber es ist schwer einen Job zu finden.“ „Ja, das stimmt. Der Markt ist hart umkämpft und wer sich einen Namen gemacht hat, sahnt die dicke

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Kohle ab und wer noch unbekannt ist, aber sehr talentiert, hat das Nachsehen.“ Madeleine freute sich, dass Julian ihre Ansichten teilte. „Woher kennst du dich denn so gut aus?“ „Ich bin Fotograf, ich habe viel mit Agenturen zu tun.“ „Und mit welchen? „Adams & Gold, oder Martens zum größten Teil.“ “Oh mein Gott, das sind ja die Topagenturen überhaupt. Du bist aber nicht Julian Lang oder?“ „Doch das bin ich. Du kennst meinen Namen?“ „Ja sicher, Herr Wesser redet oft von dir und dass er dich gern mal engagieren würde, nur leider hast du nie Zeit.“ „Du arbeitest bei Wesser & Holt?“ „Ja, du kennst die Agentur?“ „Ja, durch einen Freund, der hatte sie neulich im Gespräch erwähnt. Das ist eher eine kleine Agentur, richtig?“ „Ja, sehr klein. Daher auch mein Job als Empfangsdame und nicht als Grafikerin.“ „Hast du eine Mappe? Ich könnte sie ja mal rumzeigen, wenn du magst?“ Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, er will meine Arbeiten in einer großen Agentur vorzeigen. Und weil sie Julian dort gut kennen, sehen sie sich vermutlich auch mal an. Dachte sie oller Begeisterung. Dann stockten sie. Und wo ist der Haken? „Ja natürlich habe ich eine Mappe. Vielen Dank für das Angebot.“ „Ok, dann musst du auch was für mich tun.“, antwortete Julian. Wusste ich’s doch, da ist ein Haken dran. „Und was?“, fragte sie skeptisch. „Ein Tanz, ist der für mich drin? Und vielleicht mal ein Abendessen, nicht als Bedingung, ich begnüge mich auch mit dem Tanz.“, Julian lächelte charmant und Madeleine konnte nicht ablehnen. „Der Tanz geht klar und zu einem Essen lass ich mich auch überreden.“, antwortet Madeleine erleichtert. „Abgemacht.“ Die beiden erhoben sich von ihrer äußerst bequemen Sitzgelegenheit und gingen zur Tanzfläche. Sie vergnügten sich nur zu den Langsamen Rhythmen, da sich Julian eher als schlechter Tänzer entpuppte. Madeleine machte das nichts aus, sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft. Zudem erwies sich Julian als vollkommener Gentlemen und bot an, sie spät in der Nacht bis nach Hause zu begleiten. Annie versicherte sich, ob Madeleine damit einverstanden war und verschwand nach einer emotionalen Annieabschiedsvorstellung, die herzliche Umarmungen, Küsse auf die Wange und Liebesbekundungen beinhalteten, mit Rico in einem Taxi. Julian und Madeleine stiegen in ein anderes Taxi. Julian hielt ihr die Tür auf und nahm dann neben ihr Platz. Oh man, er ist wundervoll, so aufmerksam und nett und er sieht verdammt gut aus. Da muss doch irgendwas mit ihm nicht stimmen. Dachte Madeleine, denn egal wen sie bis jetzt kennen gelernt hatte, erwies sich immer als Nervensäge, Schwindler, Idiot oder einfach nur als Blödmann. Vor ihrem Haus angekommen, bat er den Fahrer kurz zu warten und begleitete Madeleine zu ihrer Haustür. „Ich ruf dich an, ja?“, sagte er leise und kam mit seinem Gesicht ihrem immer näher. Madeleine schloss die Augen in Erwartung auf einen spektakulären Abschiedskuss, doch sie fühlte seine Lippen plötzlich auf ihrer Wange. „Ok.“, antwortete sie enttäuscht. „Gute Nacht.“ „Gute Nacht, Prinzessin.“ Mit diesen Worten ging der attraktive, schlanke und auch noch nette Julian zum Taxi zurück. Merkwürdig. Dachte Madeleine, vielleicht war ich auch nur die Begleitung für die Begleitung, weil Rico Annie abschleppen wollte. Oh mein Gott, er hat ja gar nicht nach meiner Telefonnummer gefragt? Na toll, nix mit Mappe in Spitzenagentur rumzeigen und endlich reich und berühmt werden, weil neuer Job und super Angebote...Ins H1 geh ich bestimmt nicht mehr, das ist absolut nicht meine Welt. Dachte Madeleine bös, schloss ihre Wohnungstür auf, entledige sich im Gehen ihrer Sachen und warf sich auf ihr Bett. Um ihre bösen Gedanken zu vertreiben, holte sie sich das Bild von Michael Schneider ins Gedächtnis zurück. Sie lächelte unbewusst, kuschelte sich in ihre Bettdecke ein und schloss die Augen. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera?

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9 Kapitel 2 Am Montagmorgen tippelte Madeleine mit ihren hochhackigen Stiefeln über den Asphalt hinein ins Glasgebäude und mit dem Fahrstuhl in den neunzehnten Stock. Sie dachte wieder an Michael Schneider und drückte mit einem Lächeln die Glastür zur Agentur auf. Gedankenversunken öffnete sie im Gehen ihre Jacke. „Guten Morgen Frau Stein.“, sagte jemand mit einer sanften rauen Stimme, die Madeleine schon einmal gehört hatte. Sie drehte sich noch vor ihrem Pult um und schaute in die Sitzecke. „Guten .. guten.. Morgen Herr Schneider.“, antwortete Madeleine überrascht. Wow, er sieht noch besser aus als beim letzten Mal. Dachte sie und fühlte die elektrischen Blitze durch ihren Körper zischen. Sie starrte ihn an, wie er in seinem eleganten anthrazitfarbenen Anzug vor der kuscheligen Sitzreihe stand. „Ist Herr. ... eh ...na... Herr Wesser informiert, das Sie hier sind?“, stotterte sie weiter. „Nein, ich wollte nicht unhöfflich sein und einfach klopfen, die Tür zur Agentur war offen und ich bin auch erst um neun Uhr mit ihm verabredet.“ „Dann werd ich mal gucken, ob er da ist. Darf ich Ihnen etwas bringen, Tee, Kaffee, mich?“, fragte Madeleine höflich mit leicht zittriger Stimme. „Nein, vielen Dank, ich möchte nichts.“, antwortete er. Du weißt es nur noch nicht, so was wie mich gibt’s es nicht noch einmal. Ging es ihr durch den Kopf. Sie errötete bei diesem Gedanken, überrascht, dass Michael Schneider so etwas bei ihr auslöste. Sie tippelte den Gang entlang und klopfte dann an Herrn Wesser Bürotür. „Herein.“, rief er. Madeleine öffnete die Tür und sagte: „Guten Morgen Herr Wesser, Herr Schneider ist hier.“ „Danke Madeleine, könnten Sie in ihn mein Büro führen.“ „Natürlich.“ Madeleine tippelte wieder zurück. „Herr Wesser erwartet Sie, würden Sie mir bitte folgen?“, bat sie Michael Schneider, als sie kurz vor ihm stand. „Gern.“ Geht doch, dachte Madeleine, wir könnten auch zum Kopierraum abbiegen. „Bitte.“, wies sie Michael Schneider den Weg in Herrn Wesser Büro. Oh mein Gott und er riecht auch noch so lecker, ich dreh gleich durch. „Vielen Dank.“ „Tee oder Kaffee für Sie?“, fragte Madeleine ins Büro hinein. „Für mich nicht Madeleine, aber Herr Schneider vielleicht.“ „Nein, danke für mich auch nicht.“, lehnte er erneut ab. Madeleine schloss daraufhin die Tür und begab sich wieder auf ihren Platz am Empfang. In Gedanken schweiften sofort ab und sie sah sich mit Michael Schneider in einer Filmszene, wie sie auf einander zustürmten, sich küssten und sich dann die Klamotten vom Leib rissen... Das Telefon klingelte und riss sie aus ihrem wundervollen Tagtraum. „Agentur Wesser & Holt, Sie sprechen mit Madeleine Stein, was kann ich für sie tun?“ „Mir sagen wann wir uns zum Abendessen treffen, wie du es versprochen hast.“, antwortete eine männliche Stimme. „Bitte?“, fragte Madeleine ungläubig nach. „Hier ist Julian Lang, wir haben uns Freitag im H1 kennen gelernt.“ „Julian, ja, hi...“ Madeleine lächelte augenblicklich und ein leichtes Kribbeln durchfuhr sie. Der Abend mit Julian hatte ihr gut gefallen und sie freute sich darüber, dass er Wort gehalten hatte. „Hi, Prinzessin. Wie sieht’s nun aus mit unserem Date?“ „Wir müssen uns nur auf einen Tag einigen. Wie wäre es am Freitag?“, bot Madeleine an. „Wie wäre es mit heute, Freitag ist nicht gut.“ „Ach nicht? Ja, du bist ein viel beschäftigter Mann.. dann heute..“, stammelte Madeleine. „Das hat nichts mit dem Job zu tun, Madeleine, ich möchte dich einfach so schnell wie möglich wieder sehen.“, erklärte Julian. „Ich fand unseren gemeinsamen Abend ganz wundervoll und freue mich auf einen weiteren, ruhigeren Abend, nur mit dir.“ Madeleine fühlte sich von Julians verführerischen Worten geschmeichelt. Dann hörte sie die Bürotür von Herr Wesser klappen.

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„Julian, könntest du einen Moment dran bleiben?“, fragte sie. „Ja, sicher.“ Michael Schneider kam den Gang entlang. John Wayne, der Vater aller Coolness und Männlichkeit ist ein Scheißdreck gegen ihn. Dachte Madeleine. Wie kann man nur so den Gang lang gehen? Ihr wurde augenblicklich heiß und ihr Puls schlug schneller. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 10 „Auf Wiedersehen, Frau Stein.“, sagte er, sah sie wieder mit diesem geheimnisvollen Blick an und verließ die Agentur. „Auf Wiedersehen Herr Schneider.“, antwortete sie und hielt dabei den Hörer des Telefons zu. Sie musste ihm hinterher sehen und beobachtete, wie er am Fahrstuhl stand und den Knopf drückte. Dass er es merken und sie ebenfalls ansehen könnte, hatte sie nicht bedacht. Madeleine lief knall rot an, als er es tat und traute sich nicht wieder wegzugucken. Oh mein Gott, wie er guckt, diese Augen. Ging es ihr durch den Kopf, als sie einander ansahen. Dann lächelte er kurz und stieg in den Fahrstuhl ein. Madeleine schluckte und schüttelte ihren Kopf um ihre Gedanken wegzuschütteln. Das hatte sie von ihrer Großmutter, die ihr immer sagte, dass man mit einem Schütteln alle bösen Gedanken verscheuchen würde. Damals war sie noch ein Kind, ihre Großmutter meinte sicher die Gedanken an böse Geister oder nächtliche Alpträume. Sicher nicht wilde Fantasien mit einem fremden Mann. „Bist du noch dran?“, fragte Madeleine nachdem sie tief durchgeatmet hatte. „Natürlich Prinzessin. Also, heute Abend. Ich hol dich ab. Acht Uhr, ist dir das recht?“ „Ja, acht Uhr ist perfekt.“ Dann verabschiedeten sie sich und Madeleine legte den Hörer auf. „Oh mein Gott, war er schon wieder hier, das Sahneschnittchen Michael? Ich bin ihm unten vor dem Fahrstuhl begegnet.“, stürmte Annie in die Agentur. „Ja, wieder ein Termin mit Herrn Wesser. Sehr ungewöhnlich, weil er sonst nie Termine alleine macht.“ „Vielleicht verkauft Herr Wesser ja an das Schnuggelchen und dann ist der unser Chef?“, schwärmte Annie. „Oder er ist von der Steuer.“ „Wenn der von der Steuer ist, will ich unbedingt eine Überprüfung.“ „Oder ein Agent, geheime Ermittlungen und so.“ „Du brauchst dringend einen Kerl, du verbringst zu viel Zeit vor dem Fernseher.“, ermahnte Annie Madeleine, die sich dann mit warnendem Zeigefinger auf den Weg zu ihrem Büro machte. Am späten Nachmittag kam Ella auf Madeleine zu, guckte sich mehrfach um und sagte dann ganz leise: „Ich hab gehört, Annie hat mit einem Typen aus einer anderen Agentur rumgemacht?“ „Wo hast du denn das her?“, fragte Madeleine überrascht. „Das erzählt man sich so.“ „Wer Ella?“ „Weiß nicht mehr?“ „Alles Quatsch Ella.“, entgegnete ihr Madeleine „Bei Annie sieht man ja auch kaum noch durch oder?“ „Du kennst sie doch, sie tut was sie will.“ Sie kicherten und dann schlich Ella wieder zurück in ihr Büro. Annie’s Bezeichnung für Ella lautete: Freak. Ella hatte nicht unbedingt viele weibliche Vorzüge, was sie durch weite Hosen und Männerhemden zu vertuschen versuchte. Ihre kurzen schwarz gefärbten Haare unterstützten das Gesamtbild noch. Aber das aller schrecklichste an ihr war der Pony. Annies Kommentar hierzu war, ‚die ist die Treppe runter gefallen, eindeutig. Das muss ein Unfall sein, so was schneidet kein Friseur.’ Die gesamte Agentur umfasste 25 Mitarbeiter. Grafiker, Werbetexter, Art Directoren, und ein Creativ Director. Der wiederum betreute mehrere Teams. Eigentlich zu viel für ihn, aber Herr Wesser ließ ihm keine Wahl. Die Auftragslage und die Einnahmen ließen keine weiteren Mitarbeiter in solchen Positionen zu. Viertel vor Acht, Madeleine hüpft in Unterwäsche durch ihre Wohnung, die sie mit weniger als fünf Sprüngen durchquert hatte. Ein riesiges Poster von Steve McQueen prangt an der Wand im Flur, gegenüber dem zwei Meter hohen Spiegel, den sie mit Annie auf dem Flohmarkt ergattert hatte.

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Wenn Madeleine nun vor dem Spiegel stand, schaute sie Steve bewundernd von hinten an, das gefiel ihr. So lief sie nun vom Schlafzimmer durch das Wohnzimmer in den Flur und probierte verschiedene Kleidungsstücke an. Auf dem Weg zog sie sich um, begutachtete sich von allen Seiten, ein Blick zu Steve, der wohl auch ablehnte, dann zurück ins Schlafzimmer. Es klingelte an der Wohnungstür. „Verdammt.“, rief Madeleine und stürmte an die Tür. „Ja?“, fragte sie, als sie die Gegensprechanlage gedrückt hatte. „Ich bin’s Julian.“ „Komm doch rauf, ich bin gleich fertig.“, sie öffnete die Tür einen Spalt und lief ins Badezimmer. Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 11 Schnell zog sie die helle Bluse an, die sie noch in der Hand hielt, sie passte perfekt zur schwarzen Jeans. Mit einem letzten Blick in den Spiegel lief sie ins Bad und da hörte sie auch schon Julian, wie er die Wohnungstür hinter sich schloss. „Madeleine?“ „Bin sofort da, setz dich doch irgendwo hin.“ Julian setzte sich auf das kleine rote Sofa und blickte sich neugierig um. Beim Fernseher blieb er hängen. Ein Musiksender zeigte ein Video von Toni Braxton, die sich erotisch auf einer Sitzbank rekelte. Madeleine sprühte sich ihr teueres Parfüm von A&F an Hals und Arme, nickte sich selbst zufrieden zu und ging hinaus zu Julian. „Hi.“, begrüßte sie ihn und mit diesem Wort entriss sie seinen Blick von Toni Braxtons perfektem Körper. „Hi.“, antwortete er, stand auf und ging auf sie zu. „Wow, du siehst toll aus, Prinzessin.“ „Vielen Dank.“ Madeleine errötete. Julian zauberte eine Rose hinter seinem Rücken hervor und überreichte sie ihr. „Oh Julian, das ist ja süß von dir.“, antwortete sie verlegen, nahm die Blume und lief damit in ihre Miniküche. Dort steckte sie sie in eine leere Coca Cola Flasche, denn eine Vase besaß Madeleine nicht. Sie stellte die Flasche auf ihren Glastisch. Julian musste grinsen, kommentierte das aber nicht. „Wollen wir los?“, fragte er. „Ja, gern.“ Madeleine zog ihre Jacke an, schaltete Fernseher und Licht aus und die beiden verließen ihre Wohnung. Julian brauste mit Madeleine in einem Aston Martin durch die Strassen von Hamburg. Madeleine hatte noch nie in so einem teueren Auto gesessen. Es schien brand neu zu sein und Madeleine bewunderte das perfekte Design. Nicht zu vergleichen mit ihrem Mini erster Generation, bei dem nur das Radio spielte, wenn die Heizung auf volle Pulle lief und wo sie die Tür immer noch ein zweites Mal zudrücken musste, damit sie abschließen konnte. Aber sie liebte ihre kleine rote Rennmaus, wie sie ihn nannte. Der Aston Martin fuhr fast geräuschlos und Julian hielt auf einem Parkplatz am Holstenkamp. Madeleine stieg aus und schloss vorsichtig die Tür. Julian ging um den Wagen herum und griff nach ihrer Hand, während er den Wagen mit einem Knopfdruck verriegelte. Überrascht, aber nicht abgeneigt, schlenderten sie Hand in Hand ins Restaurant mit dem Namen „Das kleine Rote“. Julian hatte reserviert und sie wurden augenblicklich zu ihrem Tisch geführt. Während Madeleine den Gasse durch die voll besetzten Tische hindurch ging, hatte sie das Gefühl, von allen angestarrt zu werden. Sie in die Gesichter der Gäste, die sie von oben bis unten musterten. Sie nahmen an einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen in der Ecke Platz. Eine wunderschöne Stofftischdecke, eine aufwendige Dekoration, eine zu einer Rose geformte Serviette und mehrere verschiedene Bestecke auf dem Tisch verrieten, dass es sich hier nicht um eine einfache Pizzastube handelte. Der Kellner kam augenblicklich, nachdem der Platzanweiser gegangen war. „Guten Abend, meine Name ist Oliver und ich bin ihr Kellner.“, stellte er sich mit leicht französischen Akzent vor und gleichzeitig überreichte er Madeleine und Julian die Speisekarten. Ach du guter Gott, dass sind ja Dokumentenmappen und keine Speisekarten. Dachte Madeleine, als sie die schwere in Leder gebundene Karte in der Hand hielt. „Darf ich Ihnen unsere Spezialitäten empfehlen?“, fragte Oliver.

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„Ja gern.“, antwortete Julian, der sich hier offensichtlich gut auskannte. Oliver erzählte in ausschweifenden Einzelheiten die Zusammenstellung von ‚getauchten Jacobsmuscheln mit Kräuterkruste, Fenchel, Orangen und Oliven’.Oder ‚Rahmsuppe von Pastinaken mit Wachtel’. Als Nachspeise: ‚Munster im Brickteig mit Spinatsalat, Beete und Pinienkernen’. Dazu empfahl Oliver einen ‚Domaine Bernard Métrat 2006 Fleurie "La Roilette" Vielles Vignes’. „Magst du Muscheln?“. fragte Julian. „Eher nicht.“ Allein bei dem Gedanken, so was zu essen, wurde Madeleine übel und beim Zuhören all der anderen merkwürdigen Speisen, die sie nicht als Essbares identifizieren konnte, verzog sie angewidert das Gesicht. „Fangen wir langsam an. Fleisch oder Fisch, Meeresfrüchte wohl eher nicht?“, tastete sich Julian heran. „Fleisch.“, antwortete Madeleine und hoffte, hier etwas zu finden was sie essen konnte. „Ok, welches Tier?“ „Huhn?“ „Wir hätten da Wachtel, das kommt dem sehr nahe.“, erklärte Oliver. Madeleine nickte dem jungen, sehr attraktiven Mann in seinem perfekt gebügelten Hemd zu. „Ja, dann die Wachtel für sie und den Zander für mich.“, gab Julian die Bestellung auf. „Welches Getränk wünschen Sie dazu?“ Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 12 „Madeleine, Wein, Bier, Champagner oder was anderes?“ „Weißwein bitte.“ Oliver notierte alles und lächelte Madeleine verständnisvoll an. Madeleine sah sich um, das ungute Gefühl, wie im H1, hatte sich wieder in ihr breit gemacht. Sie kannte sich in dieser Welt einfach nicht aus. Ein Big Mac und eine Cola wären ihr jetzt viel lieber gewesen. Außerdem kam sie sich in ihrer Jeans absolut underdressed vor. „Geht’s dir gut?“, wollte Julian wissen. „Ja, alles ok.“ „Du guckst aber schon wieder so ängstlich, wie im H1.“ „Nun ja, ich hab’s nicht so mit Pastinaken und Munster im Brickteig.“, erklärte Madeleine. Julian lachte. „Und ich dachte, es würde dir gefallen. Da bin ich ja total auf dem Holzweg. Wir können auch gern gehen, bestimm du ein Restaurant, ganz egal wo, ich fühl mich da wohl, wo du dich wohl fühlst.“ „Entschuldigung, was kann ich tun, damit Sie sich wohl fühlen Madame?“, mischte sich Oliver ein. „Es ist alles bestens, danke, Oliver.“, besänftigte Madeleine den Kellner, der Angst hatte, seine Gäste zu verlieren. „Das freut mich, entschuldigen Sie, dass ich mich ins Gespräch gedrängt habe.“ Oliver entkorkte die Weisweinflasche und reichte Julian den Korken. Der roch kurz dran und nickte einfach. Dann wurde sein Glas mit einem klitzekleine Schluck gefüllt und Julian probierte den Wein. Nach seinem weiteren Nicken füllte Oliver Madeleines Glas zu einem Drittel voll. Madeleine war das alles zu suspekt und aufgesetzt. Oliver lächelte wieder verständnisvoll und verschwand, nachdem er auch Julian eingeschenkt hatte. „Möchtest du gehen?“, fragte Julian ernst. „Nein, es ist nur nicht die Location, in der ich sonst verkehre, ich gewöhn mich schon dran.“, erklärte Madeleine. Julian versuchte alles, damit sich Madeleine besser fühlte. Auch Oliver bezirzte sie auf eine Art und Weise, die Madeleine schmeichelte und sie den Abend doch noch entspannt genießen konnte. Als Julian sich kurz entschuldigt hatte, beobachtete Madeleine wie am Nebentisch Schnecken serviert wurden. Sie musste an den Film „Pretty Woman“ mit Julia Roberts denken, die dort auch versuchte die gepanzerten Tierchen mit einer Schneckenzange und einer Schneckengabel zu essen. Leider entglitt ihr die Schnecke und schoss durch den Raum. Ein Kellner fing sie glücklicherweise auf und Julia kommentierte dies mit den Worten: ‚Schlüpfriges Scheißerchen.’ Madeleine lächelte vor sich hin und beobachtete die ältere, stark geschminkte Dame, wie sie mit viel mehr Geschick und Routine als Julia die Schnecke aß. Madeleine und Julian hatten einen guten Draht zueinander, es gab keine peinlichen Gesprächspausen und Madeleine fühlte sich in seiner Gesellschaft sicher. Sie unterhielten sich über

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das Thema, in dem sie sich auskannten: Die Werbung. Julian hatte sich als Fotograf einen Namen gemacht und er war in der Branche deutschlandweit anerkannt. Viele berühmte Werbefotos, aber auch Bilderdokumentationen hatte er veröffentlich. Das hinter diesem Namen ein so attraktiver Mann steckte, hätte Madeleine nicht gedacht. Er erwies sich auch weiterhin als Gentlemen, der ihr Komplimente machte, die sie mit unter wieder einmal erröten ließen. Die Flasche Wein war geleert, Madeleine spürte, wie die Natur ihr Recht fordert und entschuldige sich. Sie folgte den kleinen Hinweisschildern und fand schnell den gesuchten Raum, der ebenso edel und geschmackvoll eingerichtet war, wie das gesamte Restaurant. Auf dem Rückweg stieß sie fast gegen Oliver. „Darf ich Sie was fragen?“, sprach Madeleine ihn an. „Ja, natürlich.“ „Haben sie all die Sachen probiert, die hier angeboten werden?“ „Nein, wir Kellner dürfen das nicht. Wenn wir einen Geschmack nicht erklären können, fragen wir den Koch.“ „Burger servieren wäre einfacher, was?“ „Ja und wesentlich ruhiger.“ „Wie meinen Sie das?“ „Na, Sie und ihr Begleiter sind ja sehr nette Gäste, sie haben keine Extrawünsche, bedanken sich und nörgeln nicht an allem rum, was Ihnen vorgesetzt wird.“ „Ach herrje, so was passiert hier wohl häufiger?“ „Ja, leider und dann die Ruhe zu bewahren ist schon eine Herausforderung.“ „Warum arbeiten sie denn hier?“ „Das Trinkgeld ist unglaublich. Als Model verdiene ich noch nicht viel, also muss ich meinen Lebensunterhalt hiermit verdienen.“, erklärte Oliver. „Model, hab ich Sie schon irgendwo gesehen?“ „Vielleicht. Die Kaffeewerbung in der das Mädchen für ihren Freund Kaffee am Morgen danach macht und er fragt, darf ich morgen wiederkommen.“ Diane Krüger – Lieber vor oder hinter der Kamera? 13 Madeleine musste lachen. „Autsch, das klingt ja ziemlich zweideutig. Aber ich erinnere mich, ja das warst du, äh, Sie...nur mit der Boxershorts.“ „Du ist schon ok. Ja, aber keiner erinnert sich an die Marke des Kaffees.“ “Stimmt, Werbewirksamkeit verfehlt. Aber du müsstest doch dadurch neue Angebote bekommen haben, oder nicht?“ „Ja, sicher, für Kondome, Gleitmittel sogar für’n Porno wollten sie mich. Da musste ich aber dankend ablehnen.“ „Uuh, man glaubt gar nicht, wie sich das Leben durch so eine Kleinigkeit verändern kann.“ „Ja, da hast du Recht. Sag mal, dass ist doch Julian Lang mit dem du hier bist, richtig?“ „Ja, wieso?“ „Ich will nicht aufdringlich sein, der Chef sieht es nicht gern, wenn wir die Gäste anquatschen.“ „Ist schon ok. Wolltest du ihm deine Mappe geben.“, fragte Madeleine, die fast täglich erlebte, wie ein Möchtegern-Model mit übertriebenem Selbstbewusstsein vor ihrem Empfangstisch auftauchte und Herrn Wesser die eigenen Fotos präsentieren will, um dann entdeckt und eine 2. Heidi Klum oder Claudia Schiffer zu werden. In diesem Fall dachte Madeleine, dass sie Oliver helfen sollte, er schien sehr nett zu sein. „Ja, liebend gern.“, sagte Oliver ehrfürchtig. „Kennst du Wesser & Holt?“ „Klar.“ „Bring mir deine Mappe dort hin. Madeleine Stein, ich sitze am Empfang. Ich versuche sie Julian zu geben. Versprechen kann ich aber nichts.“ „Nein natürlich nicht. Vielen, vielen Dank Madeleine, das wäre ja der Wahnsinn.“ „Oliver!“, rief der Platzanweiser im Befehlston. „Ja, bin schon weg.“ Oliver nickte Madeleine noch einmal zu und verschwand dann augenblicklich in der Küche. Madeleine ging zu ihrem Tisch zurück. Julian wartete schon ungeduldig auf sie. „Ich hab kurz mit Oliver geredet, die Welt ist klein, ich wusste doch, dass ich ihn schon mal gesehen

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hab.“ „Und woher kennst du ihn?“, wollte Julian wissen. „Die Kaffeewerbung, mit dem Mädchen, die für ihren Freund Kaffee am Morgen danach kocht und er fragt, darf ich morgen wiederkommen?“ „Verdammt, ja, die kenn ich. Für welchen Kaffee war die noch?“ „Keine Ahnung...das weiß wohl keiner mehr.“ „Dann haben die Werbeleute ihren Job mal wieder nicht richtig gemacht. Wenn sie meinen besten Freund gefragt hätten, wäre das nicht passiert.“ „Und wer ist dein bester Freund?“, fragte Madeleine neugierig nach, war das doch ein Thema was sie interessierte. Doch ehe Julian antworten konnte kam Oliver an den Tisch und fragte: „Alles zu Ihrer Zufriedenheit, darf ich Ihnen noch etwas bringen, Kaffee, Espresso?“ „Madeleine, einen Kaffee?“, gab Julian die Frage weiter. „Nein danke, sonst spring ich die ganze Nacht im Bett herum.“ „Ein schöner Gedanke.“, sagte Julian, drehte sich dann zu Oliver. „Nur die Rechnung bitte.“ „Gerne.“ Madeleine war indes wieder einmal rot angelaufen, den Kommentar mit dem Bettenspringen hätte sie besser nicht gemacht. Sie wollte Julian ja nicht auffordern oder doch? Er ist wundervoll und so aufmerksam, nett. Und, er ist sehr groß. Er hat schöne Hände, liebe braune Augen, ein tolles Lächeln und er ist verdammt sexy. Ich weiß nicht, warum er gerade mit mir den Abend verbringt, aber wieso sollte ich nicht auch mal Glück haben. Wir versuchen es erstmal mit einem Kuss, dann entscheide ich weiter, dachte Madeleine, was ein Kribbeln in ihr auslöste. Julian und Madeleine bedankten sich bei Oliver und verließen das Restaurant. Oliver nickte Madeleine noch einmal zu, so wusste sie, dass er seine Mappe auf jeden Fall bei ihr vorbei bringen würde. Nach der Fahrt mit dem Aston Martin durch das künstlich erleuchtete Hamburg, standen sie vor Madeleines Haustür. „Vielen Dank für den wundervollen Abend.“, bedankte sich Madeleine. „Nächstes Mal suchst du ein Restaurant aus, ja?“ „Ja, gern.“, antwortete Madeleine leise während Julian näher kam und sie sanft auf ihren Mund küsste. Eine einfache leichte Berührung ihrer Lippen und Madeleine lächelte Julian auffordernd an. „Ich ruf dich an.“, sprach Julian stattdessen und ging zurück zum Auto. „Ok.“ „Schlaf schön, Prinzessin.“

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