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2 den Deckel. Oben auf liegt das Foto, das ich als letztes angesehen hatte. Das DIN A 4 große Bild ist übersäht mit unzähligen Finger- und Lippenabdrücken und es wirkt ein wenig abgegriffen. Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen beginnenden Erinnerungen. Ich stehe auf und hebe den Hörer ab: „Gürtler?“ „Hallo Anna, bleibt es bei heute Abend?“, fragt meine Freundin Claire. „Ja, natürlich. Den Rose´ hab ich schon kalt gestellt?“ „Ich freu mich.“, Claire kichert am anderen Ende. „Einfach mal wieder nur quatschen bei lecker Wein.“ „Genau. Du Claire?“ „Ja?“ „Ich hab eine Einladung zur Hochzeit bekommen.“ „Von wem?“ “Rita-Sue Hudgenson.“ „Rita-Sue? Die Rita-Sue aus Carmel?“ „Ja, ganz genau die.“ „Warum lädt die dich ein?“ „Keine Ahnung, es liegt zwar ein Brief bei, aber erklären tut sie nicht viel. Flugtickets schickt sie auch schon mit.“ „Cool, dann flieg hin, billiger kommst du nicht nach Kalifornien. Brachst du noch eine Begleitung?“ „Ja, unbedingt. Hast du am 8. August schon was vor?“ „So ein Mist, da bin ich doch in Schottland, mit meiner Mutter.“ „Ach ja, verdammt. Was mach ich denn jetzt?“ „Nimm Jürgen mit.“ „Ich weiß nicht, ob seine Frau das so witzig findet.“ „Warum musst du auch unbedingt was mit einem verheirateten Mann anfangen.“ „Das ist doch schon lange vorbei.“ „Aber ihr habt immer noch Kontakt.“ „Was soll ich sagen, er tut mir gut.“ „Nun ja, wenn du meinst. Vielleicht ist es besser, wenn du allein nach Kalifornien fliegst. Wer weiß, was sie mit der Einladung bezweckt und wenn du mit einem Alibifreund fährst, Chris aus der IT zum Beispiel, dann erlebt er dort ein Horrorszenario.“ „Chris aus der IT, tja, lass mich mal überlegen… “ „Nein, auf keinen Fall, flieg besser allein. Besuche die Larsons und all die anderen, die du so lange nicht mehr gesehen hast.“ „Ok, ich denk noch mal drüber nach, aber im Grunde hast du recht.“ „Ja, ich weiß. Dann bis heute Abend.“ „Ja, bis nachher.“ Ich lege den Hörer auf und setze mich wieder vor den großen Pappkarton mit meinen Erinnerungen. An der Seite steckt das Flugticket, Hamburg - Los Angeles. Claire und ich flogen damals zusammen im Rahmen eines Schüleraustausches in die USA. Schon Wochen vorher konnten wir vor Aufregung nicht schlafen. Als es endlich soweit war und unsere Eltern uns schweren Herzens am Flughafen Hamburg verabschiedeten, stiegen wir ins Flugzeug nach Los Angeles. Claire’s Gastfamilie lebte in Monterey und auf mich wartete die Familie Larson in Carmel. Es war ein elend langer Flug und damit wir nicht umsteigen mussten, wurden wir vom Flughafen in LA abgeholt. Aufgeregt, voller Erwartungen, Hoffnungen und Träume verließen wir die Gepäckausgabe des Flughafens. Als ich Jamie und Glen Larson mit einem Schild in der Hand, auf dem mein Name stand, am Ausgang des Flughafens entdeckte, verabschiedete ich mich von Claire. Schüchtern ging ich auf meine Gasteltern zu und Ein Sommer in Carmel

von Diane Krüger

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