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Ein Sommer in Carmel

1. Die Einladung Ich stehe im Badezimmer und singe „She Bop“ von Cindy Lauper in meine Haarbürste. Schrille Geräusche stören die nostalgischen Klänge meines Webradio und ich stelle es leiser um den Übeltäter auszumachen. Die Türklingel schellt und im Laufen ziehe ich mir meinen flauschigen Bademantel über, der an der Badezimmertür hing. Mit einem Blick durch den Spion sehe ich den Postboten, wie er genervt ein Päckchen von einer Hand in die andere wirft. „Morgen.“, öffne ich die Tür und stecke nur meinen Kopf hindurch. „Guten Morgen Frau Gürtler.“, begrüßt mich der Mann in seiner unverkennbaren blau-gelben Dienstbekleidung und lächelt mich freundlich an. „Würden Sie vielleicht ein Päckchen für Herrn Werner annehmen?“ „Ja, kann ich machen. Frau von Fritschrikowski war wohl nicht zu Hause?“ „Doch, doch, aber sie hat einen bösen Streit mit dem Herrn Werner und will das Päckchen nicht annehmen.“ „Och nicht schon wieder?“, stöhne ich über die Information meiner Mitmieter. „Herr Werner hatte vergessen, die Treppe zu wischen, schon wieder und nun gibt es Krieg, wie sie mir gerade in allen Einzelheiten erzählt hat.“ „Tja, wenn sie das so will.“, sage ich und seufze leise. „Das will sie. Ach, hier ist noch ihre Post, ein besonders großer Brief aus Amerika.“ „Vielen Dank.“, ich lächle kurz, verabschiede mich und schließe dann die Tür. Post aus Kalifornien, Absender R.S. Hudgenson. Lese ich und öffne den großen beigefarbenen Umschlag. Einladung zur Hochzeit. Übersetze ich ins deutsche, mein zukünftiger Mann und ich laden Dich recht herzlich zu unserer Hochzeit am 8. August um 12.00 Uhr in Carmel ein. Steht im offiziellen Teil des Schreibens. Auf einem weiteren Blatt steht: Hallo Anna, ich weiß, es ist schon eine Ewigkeit her und ich hoffe, du erinnerst dich an mich. Ein wirklich entscheidender Schritt in meinem Leben steht mir bevor und ich möchte, dass Du an diesem Tag dabei bist. Flugtickets liegen dem Brief bei und es wird jemand am Flughafen stehen um Dich abzuholen. Bitte komme, es ist mir persönlich sehr, sehr wichtig. Deine Rita-Sue Mir drängen sich unweigerlich Bilder der Vergangenheit auf und mit ihnen ein ungutes Gefühl. Ich starre auf die Einladung und lese sie noch einmal. Rita-Sue lädt mich zu ihrer Hochzeit ein? Warum? Denke ich und schüttle ungläubig den Kopf. Ich gehe zurück ins Bad und drehe das Webradio wieder lauter. „Changing Faces“ von Bros dröhnt aus den Lautsprechern und ich denke: Wie passend... Über meiner weiß gebeizten Kommode im Wohnzimmer hängt ein DIN A3 großes gerahmtes Bild von Carmel, die schönste Stadt in Kalifornien, mit dem Haus der Larsons und einem Teil der Strasse, in der ich eine so wundervolle Zeit verbracht hatte. Die Sonne strahlt auf diesem Bild und beim Betrachten kann ich die unerträgliche Hitze dieses Tages fast spüren. Ich knie mich nieder und öffne die Tür der Kommode. Mit Mühe ziehe ich den großen braunen Pappkarton hervor, der dort schon eine so lange Zeit verschlossen steht. Mit großen schwarzen Buchstaben hatte ich Carmel auf den Deckel geschrieben und nach kurzem Innehalten öffne ich Ein Sommer in Carmel

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2 den Deckel. Oben auf liegt das Foto, das ich als letztes angesehen hatte. Das DIN A 4 große Bild ist übersäht mit unzähligen Finger- und Lippenabdrücken und es wirkt ein wenig abgegriffen. Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen beginnenden Erinnerungen. Ich stehe auf und hebe den Hörer ab: „Gürtler?“ „Hallo Anna, bleibt es bei heute Abend?“, fragt meine Freundin Claire. „Ja, natürlich. Den Rose´ hab ich schon kalt gestellt?“ „Ich freu mich.“, Claire kichert am anderen Ende. „Einfach mal wieder nur quatschen bei lecker Wein.“ „Genau. Du Claire?“ „Ja?“ „Ich hab eine Einladung zur Hochzeit bekommen.“ „Von wem?“ “Rita-Sue Hudgenson.“ „Rita-Sue? Die Rita-Sue aus Carmel?“ „Ja, ganz genau die.“ „Warum lädt die dich ein?“ „Keine Ahnung, es liegt zwar ein Brief bei, aber erklären tut sie nicht viel. Flugtickets schickt sie auch schon mit.“ „Cool, dann flieg hin, billiger kommst du nicht nach Kalifornien. Brachst du noch eine Begleitung?“ „Ja, unbedingt. Hast du am 8. August schon was vor?“ „So ein Mist, da bin ich doch in Schottland, mit meiner Mutter.“ „Ach ja, verdammt. Was mach ich denn jetzt?“ „Nimm Jürgen mit.“ „Ich weiß nicht, ob seine Frau das so witzig findet.“ „Warum musst du auch unbedingt was mit einem verheirateten Mann anfangen.“ „Das ist doch schon lange vorbei.“ „Aber ihr habt immer noch Kontakt.“ „Was soll ich sagen, er tut mir gut.“ „Nun ja, wenn du meinst. Vielleicht ist es besser, wenn du allein nach Kalifornien fliegst. Wer weiß, was sie mit der Einladung bezweckt und wenn du mit einem Alibifreund fährst, Chris aus der IT zum Beispiel, dann erlebt er dort ein Horrorszenario.“ „Chris aus der IT, tja, lass mich mal überlegen… “ „Nein, auf keinen Fall, flieg besser allein. Besuche die Larsons und all die anderen, die du so lange nicht mehr gesehen hast.“ „Ok, ich denk noch mal drüber nach, aber im Grunde hast du recht.“ „Ja, ich weiß. Dann bis heute Abend.“ „Ja, bis nachher.“ Ich lege den Hörer auf und setze mich wieder vor den großen Pappkarton mit meinen Erinnerungen. An der Seite steckt das Flugticket, Hamburg - Los Angeles. Claire und ich flogen damals zusammen im Rahmen eines Schüleraustausches in die USA. Schon Wochen vorher konnten wir vor Aufregung nicht schlafen. Als es endlich soweit war und unsere Eltern uns schweren Herzens am Flughafen Hamburg verabschiedeten, stiegen wir ins Flugzeug nach Los Angeles. Claire’s Gastfamilie lebte in Monterey und auf mich wartete die Familie Larson in Carmel. Es war ein elend langer Flug und damit wir nicht umsteigen mussten, wurden wir vom Flughafen in LA abgeholt. Aufgeregt, voller Erwartungen, Hoffnungen und Träume verließen wir die Gepäckausgabe des Flughafens. Als ich Jamie und Glen Larson mit einem Schild in der Hand, auf dem mein Name stand, am Ausgang des Flughafens entdeckte, verabschiedete ich mich von Claire. Schüchtern ging ich auf meine Gasteltern zu und Ein Sommer in Carmel

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3 begrüßte sie mit ausgestreckter Hand. Jamie war eine kleine, hübsche, dunkelhaarige Frau und Glen ein stattlicher sportlicher Mann mit blonden dünnen Haaren. Beide waren braungebrannt und strahlten Wärme und Herzlichkeit aus. Ich war erleichtert und mochte beide auf Anhieb. Ich war sehr nervös, weil ich das erste Mal allein so weit von zu Hause weg war und das für ein ganzes Jahr. Der einzige Trost war Claire, die nur wenige Kilometer von mir entfernt wohnte, wir uns schreiben und telefonieren konnten. Beim Verlassen des Flughafengebäudes, fühlte ich gleich nach dem ersten Schritt, die trockene Luft und die heißen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Da stand ich nun, ganz ohne meine Familie und ohne meine Freundin, auf einem anderen Kontinent, in einem fremden Land, in einer gigantischen Stadt. Ich, Anna Gürtler aus Hamburg, betrat amerikanischen Boden, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Stadt der Engel. Normalerweise hätte ich nach dem langen Flug müde sein müssen, weil ich wegen der anhaltenden Vorfreude auch im Flugzeug nicht geschlafen hatte, aber das Adrenalin in meinem Körper hielt mich wach. Angespannt saß ich in dem kolossalen Chevrolet Caprice Kombi auf der Rückbank. Jamie Larson beschrieb und erklärte mir, was ich auf der Fahrt vom Fenster aus sehen konnte und ich saugte jedes Bild und jeden Ton in mich auf. Der Wind blies mir durch das offene Fenster ins Gesicht und ich bestaunte die holprigen Strassen, die fremden Verkehrs- und Hinweisschilder, die großen Autos, die Häuser und die Menschen. Als wir in Carmel einfuhren, hängte ich meinen Kopf aus dem Fenster um mir meine neue Stadt ganz genau anzuschauen. Ich sah kleine Holzhäuser, große Backsteinhäuser, kleine Cottages und große Villen. Ich war sofort verzaubert von den kleinen Geschäften, den Restaurants, den Blumenrabatten und den Alleen. Es wirkte wie eine Märchenstadt auf mich. Wir hielten vor einem wunderschönen weiß angestrichenen, doppelstöckigen Holzhaus und sogleich sprang ein dunkelhaariges schlankes Mädchen aus der Haustür. Sie riss die Tür des Caprice auf und rief: „Hallo Anna, ich bin Amy, es freut mich, dich endlich kennen zu lernen.“, sagte sie langsam und deutlich. „Hallo, es freut mich ebenfalls sehr dich kennen zu lernen, Amy.“, begrüßte ich sie. Im Gegensatz zu mir war sie offensichtlich ein Mensch ohne große Berührungsängste, denn sie umarmte mich überschwänglich und herzlich. Ein wenig überrumpelt von der flippigen Amy stand ich regungslos vor ihr. Dennoch spürte ich eins sofort, dass die Chemie zwischen uns stimmte und darüber war ich mehr als froh. Amy griff nach meiner Hand und zog mich ins Haus. Wir liefen eine Treppe unweit der Tür hinauf, die ins obere Stockwerk führte. Über einen kleinen schmalen Flur kamen wir geradewegs in ein hübsches helles Zimmer, in dem ein großes Metallbett, ein Kleiderschrank und dazu passend ein Stuhl und ein Schreibtisch in hellem Kiefernholz standen. Amy ließ mir kaum Zeit, mir alles anzusehen und zog mich in den Nebenraum, dem Badezimmer. Sie redete teilweise so schnell, dass ich nur einige Brocken verstand, die mir verrieten, dass das mein Zimmer und unser gemeinsames Badezimmer war. Dann zeigte sie mir ihr Zimmer, dass sie von der anderen Seite des Bades beteten konnte. Ein Bett mit Moskitonetzen umhüllt füllte den Raum, dazu eine Frisierkommode, an dessen Spiegel Rahmen verzierend Bilder aufgeklebt waren. Es hingen Poster an den Wänden, von Personen, die ich nicht kannte, der Holzfußboden knarrte bei jedem Schritt und ein kleines Zimmer nebenan, entpuppte sich als Amys begehbarer Kleiderschrank. Ich bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Ein Traum. Dachte ich. Ein unsagbar und unfassbarer wundervoller Traum. Wir verließen den ersten Stock und Amy führte mich in die Küche. Ich bremste ab und blieb stehen. Dieser Raum umfasste mehr als WohnEin Sommer in Carmel

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4 Schlaf- und Kinderzimmer in meinem Zuhause. In der Mitte standen der Herd und eine ihm angestellte meterbreite Arbeitsfläche. Darüber eine Abzugshaube und der Größe nach geordnete Kellen und Pfannenwender hingen daran. Die weißen Schränke unten und die gläsernen Fronten der Hängeschränke mussten Platz für eine Menge Geschirr bieten, wie ich es mir in Gedanken ausmalte. Das Fenster zeigte zur Strasse und kleine Kräutertöpfe zierten die Fensterbank. Die Durchgänge zum Flur und zum Wohnzimmer waren breit und ohne Türen. Das nebenan gelegene Wohnzimmer erschien mir beim ersten Betreten doppelt so groß wie die Küche. Die Front zum Hof hinaus bestand aus Zimmer hohen Fenstern und einer Tür. Eine überdachte Terrasse vor dem Wohnzimmer hielt die Sonnenstrahlen ab. Ein Esstisch für 12 Personen stand auf der einen Seite, mehrere dunkelbraune Sofas mit einem Glastisch und eine Anbauwand standen auf der anderen Seite. Familienbilder hingen an den Wänden, Babyfotos, Familienfotos, Glen und Jamies Hochzeit und schwarz weiß Fotos von vermutlich den Vorfahren der Familie Larson. Ich sah mich überwältigt um. Die trockene Hitze durchströmte trotz Klimaanlage jeden Raum und ich zog mir im Gehen die Strickjacke aus, als Amy mit mir in den Flur zurück kehrte und die Haustür anpeilte. „Amy, nicht so hastig. Lass Anna doch erst einmal richtig ankommen. Jeden Tag ein bisschen, ja?“ „Ok, dann bleiben wir hier.“, sagte Amy enttäuscht und zog mich an der Hand die Treppe wieder hinauf in mein neues Zimmer. Wir setzten uns auf die kleine Sitzbank vor dem Fenster, das zur Strasse hin zeigte. Von hier aus betrachtete ich mein neues Refugium genauer. Das Doppelbett war mit einer bunten Patchwork-Decke überzogen und mit vielen verschiedenen Kissen verziert. Auf dem kiefernhölzernen Nachtschrank stand ein großer Wecker und an den Wänden hingen Bilder mit Sonnenuntergangmotiven. Neben dem Kleiderschrank stand ein Mannshoher Spiegel, den ich beliebig verstellen konnte. Glen betrat das Zimmer und hievte meinen schweren Koffer auf das Bett. Ich bedankte mich und er verließ wortlos, aber mit einem freundlichen Nicken das Zimmer. „Darf ich dir beim auspacken helfen?“, fragte Amy höflich. „Ja, gern.“ „Ist deine Familie sehr traurig, dass du jetzt hier bist?“ fragte Amy weiter, während wir meine Sachen in den Kleiderschrank einsortierten. „Nein, sie freuen sich mit mir. Meine Mutter ist ein wenig besorgt und sie vermisst mich schrecklich, aber im Grunde ist sie sehr stolz, dass ich diese Chance bekommen habe.“, erklärte ich. „Und deine Freunde, was denken die?“ „Meine beste Freundin Claire ist jetzt in Monterrey und die anderen sind eher neidisch und wären gern selbst geflogen.“ „Hast du einen Freund in Hamburg?“ „Nein. Hast du einen?“ „Zur Zeit nicht. Aber es gehen viele tolle Jungs auf unsere Schule, es wird dir sicher gefallen.“ „Ist die Schule groß?“ „Nein, vierhundert Schüler glaube ich. Alles ganz überschaubar. So wie unsere Stadt.“ Ich atmete tief durch und lächelte Amy an. „Keine Angst Anna, ich werde dir alles zeigen und auf dich aufpassen.“ „Ich danke dir.“ Nach und nach fand ich mich in die Sprache und den Akzent ein. Ich verstand nicht immer jedes Wort, doch Amy gab sich alle Mühe, mir alles zu erklären. Ein Sommer in Carmel

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5 Die Sonne war längst untergegangen und mein erster Tag in Carmel ging zu Ende. Der lange Flug und der fehlende Schlaf machten sich bemerkbar. Meine Augen konnte ich nur schwerlich offen halten, als ich gemeinsam mit Amy im Badezimmer vor dem Spiegel stand und Zähne putze. Wir kicherten leise, spuckten gemeinsam ins Waschbecken und Amy umarmte mich, bevor sie in ihn Zimmer ging. „Schlaf schön Anna. Ich bin sehr froh, dass du endlich da bist.“ „Das finde ich auch. Gute Nacht Amy.“ Wir lächelten einander an, Amy löschte das Licht und ich stapelte in meinem Zimmer die kleinen Kissen auf der Fensterbank. Dann zog ich die Patchworkdecke ab, legte sie zu Seite und schlüpfte unter die Bettdecke. Ich schlief sofort ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, halten Bildes des undurchsichtigen Traums nach, den ich in der Nacht hatte. Mir war in diesem Traum ein alter Mann vor einem rostigen, klapprigen Auto erschienen. Neben ihm hatte ein junger Mann gestanden, mit dunklen Haaren und dunklen Augen. Die beiden Männer hatten mich mit bösen Blicken und bedrohlichen Gebärden verfolgt. Ich hatte versucht, vor ihnen weg zu laufen. Als ich vor einer großen unüberwindbaren Mauer gestanden hatte und in keine Richtung mehr fliehen konnte, wachte ich auf. Amy ließ mir keine Zeit, mich noch weiter mit dem Traum zu befassen. Sie begleitete mich in jeder Minute des Tages. Beginnend mit dem Zähneputzen im unserem gemeinsamen Bad, über das erste Frühstück in meiner neuen Familie, einer Stadtrundfahrt mit dem Fahrrad und das Abendessen bei untergehender Sonne auf der Terrasse. Ich genoss die Wärme, auch wenn sie mir ganz schön zusetzte. Ich wurde im Norden Deutschlands geboren, ich war Kälte, Nässe und Wind gewohnt, aber nicht Hitze über 35°C. Ungeachtet dessen den g anzen Tag in Flip Flips herum zu laufen, war einfach das Größte. An meinem ersten Schultag an der Highschool, zu dem wir mit einem gelben Schulbusse fuhren, die ich aus dem Fernsehen kannte, folgte ich Amy überall hin, denn ich fühlte mich völlig hilflos. Das Schulsystem kannte ich nur aus dem Fernsehen oder von den Erzählungen meiner Englischlehrerin. Amy brachte mich zuerst ins Schulbüro, wo ich vom Direktor Harper herzlich begrüßt wurde. Ich bekam einen Plan von der Schule und einen weiteren Plan, welche Kurse ich besuchen würde. Amy wich mir auch hier keinen Zentimeter von der Seite und wenn ich etwas nicht verstand, versuchte sie es mir zu erklären. Ich hatte an einem intensiven Englischkurs an meiner Schule in Hamburg teilgenommen und einen Test absolviert um an diesem Programm teilzunehmen, aber die Aussprache hier vor Ort, war eine andere, als ich es gelernt hatte. Dazu kamen die vielen fremden Gesichter, in die ich blickte und die mich alle mit ihren Augen musterten und verfolgten. Die Flure der Schule waren endlos und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich mich hier ohne Amy verlaufen würde. Bevor ich meine erste Unterrichtsstunde antrat, zeigte Amy mir mein Schließfach, in dem ich meine Schulsachen verstauen konnte. „So, hier, das ist dein Schrank und das ist die Kombination für das Schloss.“, sagte Amy und begann das Zahlenschloss zu drehen. Ich stand neben ihr und versuchte ihr aufmerksam zu zuhören. Die Geräusche und Bewegungen auf dem Flur der Highschool lenkten mich dennoch ab. Als ich kurz aufblickte, weil ich das Gefühl hatte, ich würde schon wieder intensiv beobachtet werden, kamen vier Jungs den Gang entlang. Ihr Auftreten strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und Überlegenheit. Die anderen traten beiseite, machten ihnen Platz und schauten ihnen beeindruckt Ein Sommer in Carmel

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6 hinterher. Ein dunkelhaariger, durchtrainierter Junge erzählte und die anderen hörten ihm gespannt zu. Drei von ihnen starrten mich an, der Vierte blätterte in einem Buch ohne aufzublicken. In Hamburg hatte ich nie das Gefühl, ich würde die Welt zum Erliegen bringen, wenn ich einen Raum betreten hatte, aber den einen oder anderen Blick eines Jungen konnte ich schon auf mich ziehen. Ich hatte mich immer wohl gefühlt in meiner Haut und war selbstbewusst und sicher aufgetreten. Hier in Carmel verlor ich an meinem ersten Tag an Selbstbewusstsein und fühlte mich äußerst unwohl. Mein Herz schlug schneller als normal und meine Augen überflogen den Raum um mich herum, um alle Flure, Wände, Zeichen, Schließfächer, Lehrer und Schüler in meinem Kopf abzuspeichern. „Anna, Anna...“, rief Amy. „Ja?“ “Hast du dir die Kombination gemerkt?“ „Ich ähm, ich...“, stotterte ich verlegen. „Hey, alles ok?“, fragte Amy. “Ja, alles ok.“ Amy drehte sich um und bemerkte den Grund meiner Unaufmerksamkeit. Sie lehnte sich neben mich an die Schließfächer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das sind die Basketballspieler aus der Abschlussklasse.“, erklärte sie lächelnd. „Der, der da gerade erzählt, ist Scott. Er ist der Kapitän der Basketballmannschaft und alle beten ihn an.“ „Du auch?“ „Nein, er ist mir zu polarisierend. Ich steh mehr auf den Hübschen neben ihm, Peter.“ „Rechts oder links?“, fragte ich. „Der Rechte. Der Junge auf der linken Seite heißt Marc. Er ist so was wie Scotts Schatten, er macht das was Scott macht, er sagt was Scott sagt und er benimmt sich so, wie Scott sich benimmt. Total nervig. Der Junge ganz außen, das ist Alex. Er ist irgendwie anders.“ „Was meinst du mit anders?“ „Na ja, er ist eher der ruhige Typ, spielt zwar auch Basketball, ist aber viel zu schlau um sich auf eine Zukunft im Sport zu verlassen.“ „Aha.“, antwortete ich, meine Augen musterten an Alex von den Füßen bis hoch zum Kopf. Er war der Größte in der vierer Gruppe, sehr schlank, braun gebrannt, wie fast jeder hier und hatte schwarze, kurz gelockte Haare. Marc war der kräftigste mit braunen kuren Haaren. Scotts muskulöser Körper blieb nicht ungesehen und Peter blonden Haare ebenso wenig. Während die drei Amy und mich noch im Vorbeigehen musterten, ruhten meine Augen weiter auf Alex, der unbeirrt in seinem Buch las. Ich fragte mich, ob er auch mal her guckt?, Nein, das tat er nicht, stattdessen betrat er mit seinen Freunden einen nahegelegenen Raum und verschwand aus meinem Sichtfeld. Amy erklärte mir dann noch einmal meine Schlosskombination und ich legte meine Bücher ins Fach. Dann schlug sie die Spinnttür zu und zog mich hinter sich her, in den Englischraum. Der Englischlehrer, Mr. Black begrüßte mich freundlich und bat mich, neben ihm zu warten, bis sich alle Schüler gesetzt hatten. Dann forderte er mich auf, mich vorzustellen. Mit weichen Knien und zittriger Stimme sagte ich: „Hallo, mein Name ist Anna Gürtler, ich komme aus Hamburg und bin 17 Jahre alt.“ Alle Augen richteten sich auf mich. Mr. Black bedankte sich und wies mir den Platz neben Amy zu. Erleichtert sank ich zwischen Tisch und Stuhl und verharrte dort in dieser Haltung. Den Unterricht zu verfolgen fiel mir ein wenig schwer, ich versuchte so viel wie möglich mitzuschreiben. Mr. Black tätschelte mir im Vorbeigehen Ein Sommer in Carmel

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7 beruhigend die Schulter und sagte leise: „Lass dir Zeit, das wird schon.“ Ich lächelte dankbar. Der nächste Kurs, Biologie, verlief ähnlich. Ebenso der darauf folgende. Die Flut von Informationen verursachten bei mir Kopfschmerzen. In der Mittagspause führte mich Amy in die Cafeteria und wir kauften uns ein Sandwich und eine Flasche Orangensaft. Es war einer der 300 Tage in Carmel, an dem die Sonne schien und so verbrachten wir unsere Essenszeit im Freien. Die Sonne blendete mich und ich kniff die Augen zusammen. Fast blind folgte ich Amy an einen Tisch. Beim Absetzen des Tabletts rollte mir die Flasche Orangensaft hinunter und fiel auf den Boden. Ich bückte mich, um nach dem Getränk zu tasten. Mit dem Kopf unter dem Tisch hörte ich jemanden sagen: „Was soll der Aufstand wegen der Neuen?“ „Sie heißt Anna. Hast du sie heute Morgen nicht gesehen?“ „Nein. Mit Sicherheit ein Mädchen wie jedes andere, nur aus einem anderen Land, mit begrenztem Aufenthalt in den Saaten.“ „Aber sie sieht toll aus.“ Ich setzte mich wieder aufrecht hin. Die Basketballspieler vom Vormittag machten sich gerade am Nachbartisch breit und alle um sie herum, konnten ihr Gespräch mitverfolgen. „Es gibt hier viele hübsche Mädchen.“, sah ich Alex sagen, als er sein Tablett absetzte. Ungewollt schaute er mich das erste Mal an. Er zeigte sich unbeeindruckt von mir und meinem entsetzten Gesichtsausdruck und widmete sich seinem Sandwich. Ich wandte mich zu Amy und schüttelte ratlos den Kopf. „Was hat er?“ „Keine Ahnung. Sonst ist er nicht so.“, erklärte Amy ebenfalls ratlos. Die offene Ablehnung, die ich unweigerlich mit anhören musste, konnte ich nicht verstehen. Trotz Aufregung, neuen Schülern, neuen Lehrern, neuem Unterricht war dies das Einzige, was mich fortan als intensives Gefühl begleitete. Nach Schulschluss fuhren Amy und ich mit dem Bus zurück. Das erste Mal an diesem Tag, dass ich mich etwas entspannt zurück lehnen konnte. Amy bemerkte offensichtlich, dass ich den Moment der Ruhe genoss und saß still neben mir. Der Bus hielt unweit vom Haus der Larsons und Jamie erwartete uns bereits mit dem Essen. Kaum schloss sich die Haustür hinter uns erzählten Amy und ich von meinem ersten aufregenden Tag. Unsere Worte überschlugen sich und wir redeten wild durch einander. Jamie stand in der Küche und hörte uns aufmerksam und begeistert zu. Geschickt und all ihre Aufmerksamkeit auf uns gerichtet, lenkte sie uns ins Esszimmer wo Schweinesteaks mit Erbsen und Kartoffelpüree auf uns warteten. Als ich am Abend in meinem Bett lag, schrieb ich einen Brief an Claire: Liebste Claire, ist bei Dir auch alles so wie im Film? Die Häuser, die Autos, die Leute, einfach alles. Und das dann mal drei, denn es ist alles dreimal so groß, wie bei uns. Meine Gasteltern sind super. Glen Larson ist der Sheriff hier in Carmel und Jamie ist Hausfrau. Amy, meine Gastschwester ist spitze, nicht das sie Dir je das Wasser reichen könnte, aber wir verstehen uns prima und ich fühle mich hier sehr wohl. Der erste Tag in der Schule war total aufregend. Alle haben mich angestarrt und mich neugierig ausgefragt. Ging es Dir auch so? Das einzig merkwürdige war, dass ein son Typ, ohne dass ich ihm je was getan hätte oder mich auch nur eines Blickes gewürdigt hätte, abstempelt als wäre ich irgend eine Tussi aus dem Ausland und ich wäre eh nicht lange hier. Ja, glaube mir, dass hat er ganz laut beim Essen gesagt. Der spinnt total. Ein Sommer in Carmel

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8 Wie geht es so bei Dir? Ich vermisse Dich! Sonnige Grüße Anna 2. Vorbereitungen für die Reise nach Carmel Claire steht wie verabredet um acht Uhr vor meiner Tür. Wie setzen uns auf den Balkon, denn es ist herrlich warm draußen. Jeder von uns kuschelt sich auf einen der Polyrattansessel, mit den dick gepolsterten beigefarbenen Kissen. Ich gieße uns ein Glas Wein ein und Claire fragt mich: „Und, hast du dich schon entschieden?“ „Was entschieden?“ “Wegen Carmel. Fliegst du allein?“ „Ich denke schon. Am liebsten wäre mir natürlich, du würdest mitkommen.“ “Meine Mutter killt mich, wenn wir nicht nach Schottland fliegen. Aber ich werde via Handy immer bei dir sein, versprochen.“ „Ok. Dann lass uns mal überlegen, was ich alles noch mitnehmen muss. Vier Wochen sind schnell um und nachher steh ich da und mir fehlt die Hälfte.“ „Du brauchst ein Traumhaftes Kleid, eins, wo selbst die Braut neidisch wird. Dazu passende Schuhe und besser noch ein Reservekleid oder zwei. Mann weiß ja nie. Denkst du, dass Alex auch da sein wird?“ „Keine Ahnung. Ich denke eher nicht. Damals hat es keine Verbindung zwischen ihm und Rita-Sue gegeben.“ „Hat Rita-Sue geschrieben, wen sie heiratet?“ „Nein.“ Ich stehe auf und hole Claire den Brief, den ich von Rita-Sue erhalten habe. Sie liest ihn aufmerksam. „Das soll einer verstehen. Vielleicht heiratet sie ja Alex und will dir nun zeigen, dass sie ihn am Ende doch bekommen hat.“ „Dann werde ich ganz sicher nicht bis zur Hochzeit bleiben.“, erkläre ich. „Wie hatte das mit dir und Alex noch mal angefangen?“, fragt Claire und ich erzähle ihr, wie es damals weiter ging, nachdem ich die ersten Tage überstanden hatte: Als sich meine neuen Mitschüler an der Carmel High School und auch ich, nach einigen Tagen an die Situation gewöhnt hatten, konnte ich den Flur durchqueren ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Mit jedem Tag fühlte ich mich sicherer und fand die Kursräume auch ohne Amys Hilfe. Alle waren sehr freundlich und hilfsbreit, bis auf Alex. Seine Ignoranz spornte mich an, ihn zu beobachten und nichts unversucht zu lassen, je nach meinen Möglichkeiten, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Jede zufällige oder auch beabsichtigte Begegnung nutzte ich, um einen Blick von ihm zu erhaschen, was mir aber nicht gelang. Wenn es auf die Mittagpause zuging, erhöhte sich mein Puls. Ich schob es auf die geballte Menschenansammlung, aber im Inneren wusste ich, dass der Hauptgrund Alex war. Beim Essen konnte ich ihn mindesten 45 Minuten lang heimlich beobachten und hoffte darauf, dass er mich doch noch eines Blickes würdigen würde. „Was findest du nur an ihm?“, flüsterte mir Amy ins Ohr. „An wen?“, flüsterte ich zurück. „Alex, du starrst ihn die ganze Zeit an.“ „Mach ich gar nicht.“ „Doch, natürlich.“ „Sieht man das?“ Ein Sommer in Carmel

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9 „Na ja, ein wenig.“ „Er hasst mich.“, erklärte ich, weil mir kein passendes Wort für „Abneigung“ einfiel. „Nein, wieso sollte er?“ „Das weiß ich auch nicht.“ „Hey, Amy? Kommt ihr heute zum Spiel?“, brüllte Scott vom Nachbartisch. „Ja, natürlich.“ Scott war aufgestanden und zu Amy und mir an den Tisch herangetreten: „Auch zur Party, danach?“ „Ja, gern. Ich frage meinen Dad, ob er uns hinfährt.“ „Das ist keine gute Idee.“, erklärte Scott, während er sich zwischen Amy und mich niederkniete. „Ich organisiere euch eine Mitfahrgelegenheit, ok?“ Scott grinste mich auffordernd an. „Ok. Dann warten wir vor der Halle.“, antwortete Amy für uns, während ich Scott nur anlächelte. „Prima. Dann bis nachher, ihr Hübschen.“ Scott stand auf und ging zurück an seinen Platz. Ich folgte ihm mit meinen Augen und traf auf Alex. Zu meiner Überraschung ignorierte er mich in diesem Moment nicht. Mir wurde plötzlich ganz heiß und mein Herz begann heftig zu schlagen. Alex wich mir zum ersten Mal nicht aus, auch nicht als Scott ihm etwas ins Ohr flüsterte. Fasziniert und mit hoch rotem Gesicht starrte ich in seine dunklen Augen. Kurz vor dem Spiel, als ich mich umgezogen hatte, fiel mir Claires Brief in die Hände, der auf meinem Bett lag. Liebste Anna, hier ist auch alles riesig und das meine ich nicht nur im Sinne von gut sondern auch von grooooß. Meine Gasteltern wohnen in einem Palast, so fühlt es sich zumindest an, nicht zu vergleichen mit unserer 3 Zimmerwohnung in Barmbek. Betty, meine Gastschwester ist total süß, etwas pummelig aber sonst wirklich klasse. In der Schule sind alle total nett, nichts Auffälliges bis jetzt. Was meinst Du denn mit ignorieren? Du redest mit ihm und er sagt nix, oder wie? Ignorier ihn halt auch, der weiß ja nicht, was er verpasst. Ich vermisse Dich auch. Sonnige Grüße Claire Ich nahm schnell meinen Block und schrieb an Claire: Liebste Claire, heute ist Freitag und wir gehen wie alle zum Basketballspiel. Ich bin ja nicht so der Ballspielfan, aber es gehört hier nun mal dazu. Vielleicht wird es ja ganz aufregend, denn ich habe herausgefunden, dass der Junge, der mich nun schon ganze fünf Tage ignoriert, Alex heißt und er spielt auch im Basketballteam. Und mit ignorieren meine ich, dass er mich nie ansieht, ( bis auf einmal) nicht mit mir spricht, wie die anderen, und zu seinem Freund gesagt hat, ich bin ein Mädchen wie jedes andere, nur mit ner begrenzten Aufenthaltsgenehmigung. Frech oder? Nach dem Spiel fahren Amy und ich mit zur Party in Scotts Haus. Mal sehen, was da alles so passiert. Sei froh, dass alle nett zu Dir sind und mollig ist nicht schlimm, Hauptsache ihr versteht euch. Bis bald. Deine Anna

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10 Amy schritt im Minirock und Top die Treppe hinunter und ihre langen schwarzen Haare überdeckten ihre braungebrannten Schultern. Glen sah seine Tochter misstrauisch an. „Deine Mutter sagte, ihr werdet von Scott Seavers wieder nach Hause gebracht?“ „Ja Dad, mach dir keine Sorgen, wenn wir bis Mitternacht nicht wieder da sind, darfst du ihn verhaften.“, beruhigte Amy ihren Vater. “Ich bezweifle, dass sich auch nur irgendeiner an uns beiden vergreifen wird.“, erklärte Amy als wir vor der Sporthalle den Polizeiwagen verließen. „Das hoffe ich doch.“, sagte Glen und zog ein ernstes Gesicht. In der Sporthalle herrschte bereits helle Aufregung. Die Spieler wärmten sich mit Korbwürfen auf und die Zuschauer riefen wild durcheinander. Ich suchte automatisch das Spielfeld nach Alex ab. Als ich ihn erblickte unterdrückte ich ein Lächeln der Freude. Er trug eine blauweiße Sportbekleidung, wie seine Teamkollegen. Ich verfolgte jeden seiner Schritte auf dem Spielfeld, auch wenn ich nicht viel von Basketball verstand. Ich begriff aber schnell, dass Alex die Vorarbeit für Scott leistete und ihm die Bälle für den Wurf auf den Korb zuspielte. Amy hatte Recht, Scott war der Star und die Halle bebte, wenn er einen Treffer gelandet hatte. Das Carmel High School Team spielte gegen ein Team aus Salinas, einem Nachbarort und gewann mit 3 Punkten Vorsprung. Wie verabredet warteten Amy und ich nach dem Spiel vor der Halle und Scott kam mit einem Dodge Pickup vorgefahren, hintendrauf, die halbe Basketballmannschaft und einige der Cheerleader. Für Amy und mich hatte er Plätze neben sich in der Fahrerkabine freigehalten. Ich überflog vor dem Einsteigen die Menschen auf dem Pickup, konnte Alex aber nicht finden. „Hüpf rein, Kleines.“, forderte Scott mich auf. Enttäuscht von Alex Abwesenheit und verwundert über Scotts Äußerung stieg ich ein und Scott gab Gas. Wir fuhren durch die Stadt, hinunter zur Küstenstrasse. Nach ein paar Kilometern bog Scott rechts ein und hielt vor einem wenig spektakulär aussehenden Strandhaus. Eine weiße Bretterwand mit einer Tür zeigte zur Straßenseite. Als wir das Haus betraten, erblickte ich die durchgehende Glasfront zur Strandseite, die mich dann doch beeindruckte. In Windeseile wurden Getränke hervorgeholt, die Musik laut aufgedreht und alle redeten wild durcheinander. Ich bekam von Scott einen Plastikbecher mit Bier gereicht und er fragt: „Magst du Bier?“ „Ja, wieso nicht.“ „Amy, hast du was dagegen, wenn ich mit Anna ein wenig an den Strand gehe?“, fragte er höflich. „Wenn Anna das auch möchte?“ “Ja, Anna möchte.“, sagte ich und lachte. „Sei lieb zu ihr Scott.“, befahl Amy. „Natürlich, keine Angst, ich bring sie heil zurück.“, antwortete Scott und dann sagte er zu mir: „Wollen wir?“ „Ja, gern.“ Scott nahm meine Hand und führte mich hinaus auf die Terrasse. Wir liefen über einen Holzsteg direkt zum Strand hinunter. Auf dem Weg dort hin sah ich mich um und erblickte Alex in einer Ecke der Terrasse. Mein Herz pochte wieder. Zu meinem Erstaunen beobachtete er uns. Ich schluckte und meine Hand in der von Scott war mir nun sehr unangenehm. Ich bedauerte meine Entscheidung, mit Scott mitgegangen zu sein, lief aber stillschweigend den Weg bis zum Strand. Nach nur wenigen Metern im Sand füllten sich meine Schuhe blitzartig mit den feinen Körner und ich stoppte Scott: „Warte bitte, ich muss mir die Schuhe ausziehen.“ „Moment, ich nehme dir das Bier ab.“, bot Scott hilfsbreit an. Ein Sommer in Carmel

von Diane Krüger


11 Mit den Schuhen in der Hand nahm ich Scott den Becher wieder ab und wir spazierten weiter. Am Wasser angekommen fragte Scott, ob wir gehen oder uns setzen wollten. Ich entschied mich fürs gehen und so schlenderten wir zwei am Wasser entlang. „Du kommst aus Deutschland, richtig?“ „Ja, aus Hamburg.“ „Die Stadt kennt wohl jeder oder?“ „Ich denke schon. Warst du schon mal da?“ „Nein, ich mag Amerika, wieso soll ich woanders hin fahren.“, erklärte Scott. „Um vielleicht mal etwas anderes zu sehen?“ „Wieso? Ist es in Deutschland so viel anders als hier?“ „Ja, alles ist anders, die Menschen, die Strassen, die Häuser, die Autos, die Sprachen, das Klima.“, zählte ich auf. „Und wie sind die Menschen so? Sehen sie auch alle so hübsch aus wie du?“ „Ähm, ganz normal würde ich sagen, ich denke es gibt dort hübsche und auch hässliche Menschen, wie hier.“, gab ich an und lächelte verlegen. „Wo siehst du hier hässliche Menschen?“, erkundigte sich Scott schelmisch. „Nein, so war das nicht gemeint.“, versuchte ich mich zu entschuldigen. „Ich weiß. Das war nur ein Spaß. Anna würdest du mit mir ausgehen?“, überfiel er mich mit seiner Frage. „Ausgehen?“, wiederholte ich. „Ja, ein Date. Verabredet ihr euch in Hamburg nicht?“ „Doch, doch.“ „Na dann, geh mit mir aus.“ „Ok.“, gab ich klein bei, weil mir nichts anderes einfiel. „Super. Wie wäre es mit morgen?“ „Ja, ok.“. So ein Mist, dachte ich und lächelte ein wenig gequält. Als wir vom Strand zurück zum Haus kamen, grölten einige der Basketballspieler, die auf der Terrasse standen: „Hey Scott! Respekt, nach nur einer Woche…“ „Was meinen die?“, fragte ich verwirrt und sah dabei zu Alex, der immer noch auf dem breiten Holzgeländer der Terrasse saß. Er hielt einen Becher Bier in der Hand und linste nur hin und wieder in meine Richtung. „Jungs hört auf.“, bat Scott mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht und wandte sich dann mir zu: „Die sind nur neidisch.“ Ich lächelte verlegen und begab mich auf die Suche nach Amy. Ich ging durch die offenen Terrassentüren hinein in den Wohnbereich vorbei an weißen Leinensofas, dem kleinen Glastisch und den edlen weißen Schränken und Regalen, die den Weg zur Essecke säumten. Ich schlängelte mich durch die Leute hindurch und durchquerte die Pendeltür zur Küche, aber auch hier war Amy nicht zu finden. Der zweite Ausgang aus der Küche führte mich in einen Flur, von dem aus die Tür zur Toilette und zum Wohnzimmer abgingen. Ich betrat erneut das Wohnzimmer und hörte Amy rufen: „Anna, hier!“, Amy winkte mir von einer Korbsitzecke zu, die an einer der Glasscheiben zur Terrasse stand. Ich setzte mich zu ihr und Amy fragte: „Und, was habt ihr gemacht? Geknutscht?“ „Nein, natürlich nicht. Wir sind nur spazieren gegangen und haben geredet.“, rechtfertigte ich mich. „Scott und reden? Na das ist ja eine ganz neue Seite an ihm.“, Amy kicherte leise. „Wieso?“ „Na die anderen Mädels hier, würden sonst was drum geben, wenn sie mit Scott an den Strand könnten um zu ‚reden’.“ Ein Sommer in Carmel

von Diane Krüger


12 „Deshalb haben die Jungs ihm zugejubelt als wir wieder kamen.“ „Ja, du bist seine neuste Errungenschaft.“ „Was? Wir hatten doch aber noch kein Date.“ „Hat er dich denn gefragt?“, fragte Amy überrascht. „Ja, wir sind morgen verabredet.“ „Das geht ja fix. Und du gehst mit ihm aus, auch wenn du Deine Aufmerksamkeit jemand anderem widmen möchtest?“ „Stimmt ja gar nicht“, zischte ich leise. „Natürlich. Du bist total fasziniert von ihm und beobachtest ihn die ganze Zeit.“ „Bin ich nicht.“ „Dann sieh nicht mehr hin.“ „Mach ich.“ In dem Moment sah ich Alex durch das Wohnzimmer gehen und ertappte mich dabei, wie ich ihm nachsah. „Siehste, du bist total auf ihn fixiert.“, kicherte Amy. Ich seufzte. Alex kam wieder zurück und wurde von einem Mädchen aufgehalten. „Ach der Arme, Rita-Sue hat ihn jetzt in ihren Klauen.“, erklärte Amy. „Rita-Sue?“ „Ja, sie ist der Co-Kapitän der Chearleader und denkt, sie kann hier jeden haben, voll die Schlampe.“, schimpfte Amy. „Und jetzt ist Alex dran?“, fragte ich nervös. „Ja schon eine ganze Weile, aber Alex hat sie bisher immer abblitzen lassen.“ „Aha, also hat er im Moment keine Freundin, richtig?“ „Richtig. Freie Bahn für dich.“, Amy grinste mich an. „Genau, weil ich exakt das bin, was er immer haben wollte.“, spottete ich. „Ja, nur er weiß es noch nicht.“ Wir kicherten. „Noch etwas zu trinken, Anna?“, fragte Scott. „Gern. Aber Cola wäre mir lieber.“ „Dein Wunsch sei mir Befehl.“, säuselte Scott und verschwand mit meinem Becher. Im ganzen Haus dröhnte die Musik. Der Großteil tanzte, einige andere unterhielten sich oder standen in der Ecke und beobachteten die Leute. Zwei der Chearleaderinnen waren offensichtlich angetrunken und sie begannen sich auf dem runden Esstisch auszuziehen. Die betrunken Jungs klatschten und feuerten sie lautstark an. Scott brachte mir einen Becher Cola und er setzte sich zu mir und Amy. Nach und nach gesellten sich Marc, Peter und andere Basketballspieler dazu. Die neugierigen Jungs fragten mich über meine Heimat aus und ich beantwortete alle Fragen, so gut ich konnte. Kurz vor Mitternacht bat Amy Scott, uns nach Hause zu fahren, was er anstandslos tat. Auf dem Weg zum Pickup sah ich mich genau um, aber ich konnte Alex nirgends finden. Enttäuscht setzte ich mich in den Wagen und wir ließen uns zum Haus der Larsons fahren, wo der Sheriff mit verschränkten Armen auf der Veranda stand. „Hallo Dad.“ „Guten Abend Glen.“, begrüßte ich Amys Vater. „Sheriff.“, kam von Scott, der gleich wieder losfuhr, als wir ausgestiegen waren und die Tür des Wagens geschlossen hatte. Mit einem Blick zu Uhr und einem bestätigenden Nicken ging Sheriff Glen Larson wieder ins Haus. Nachtrag im Brief an Claire: Ein Sommer in Carmel

von Diane Krüger


13 Scott, der Kapitän der Basketballmannschaft hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe. Dummerweise ist mir keine Ausrede eingefallen und ich bin nun morgen mit ihm verabredet. Alex war auch bei der Party, er hat mich sogar angesehen, natürlich genau dann, als ich mit Scott Hand in Hand zum Strand runter gegangen bin. Verdammt. Amy meint, ich wäre von Alex fasziniert. Ich weiß nicht, was ich bin Claire, hilf mir. Ach Claire, wärst Du nur auch hier. Ganz liebe Grüße Anna

Ein Sommer in Carmel

von Diane Krüger


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