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Bruchstücke aus meinem Leben – 13.07.2010 Es passiert nichts. Gar nichts. Nein, das stimmt nicht ganz. Das ist überspitzt und unfair. Immerhin haben wir jetzt den strikten Nichtraucherschutz. Amerika lässt grüßen, wie so häufig. Ein weiteres Stück Amerikanisierung erreicht Europa. Ich finde es beruhigend, dass man von nun an nicht mehr in Eck-Kneipen rauchen darf. Das gibt mir Hoffnung. Ehrlich. Vor allem, weil das so unendlich viele Nichtraucher betrifft. Die treiben sich schließlich ständig in Eck-Kneipen herum. Die wohnen da quasi. Und endlich sind auch Bierzelte sicher. Klar darf auch weiterhin gesoffen werden, bis der sprichwörtliche (Not-)Arzt kommt, aber man muss den Qualm nicht mehr ertragen. Dann doch lieber den saueren Geruch von Magensäure und kaltem Schweiß. Aber darum geht es nicht. Es geht um die tödliche Komponente. Ich finde das immer wieder so witzig. Wie oft habe ich schon gehört, dass Alkohol nur dem Trinker selbst schadet und nicht den Menschen in seiner Umgebung. Das sollte man vielleicht den Kindern und Frauen erzählen, die im Weg standen, als die eine oder andere Faust geflogen kam. Und man könnte es auf die Grabsteine derer schreiben, die leider um dieselbe Uhrzeit dieselbe Straße benutzt haben. Im Grunde ist es doch so. Die AlkoholLobby ist einfach noch stärker als die Tabak-Industrie. Das ist der einzige Grund, warum Alkohol keinen Aufkleber hat, auf dem steht ‚Trinken kann tödlich sein’. Aber es geht ja nicht um Alkohol, sondern um die Zigarette. Also zurück zum Thema. Auf einem Wahlplakat stand, ‚Kinder würden rauchfreie Bierzelte wählen’. Das hat mich stutzig gemacht. Was haben Kinder denn bitte in Bierzelten verloren? Jetzt mal ehrlich. Ich kann mir kaum einen kinder-unfreundlicheren Platz vorstellen, als ein Bierzelt. Warum nicht gleich ‚Kinder fordern rauchfreie Eck-Kneipen’? So ein Quatsch. Ich finde es ja richtig, dass das Volk entscheiden konnte. Blöd nur, dass die einzigen die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu jeder Wahl rennen (entschuldigen Sie den unpassenden Ausdruck), Rentner sind. Also die, die es am wenigsten betrifft. Und die militante Riege der Nichtraucher natürlich. Die sehen sich jetzt in ihrem Streben bestätigt. Und der Rentner sei Dank, haben sie gewonnen. Ob das wirklich die Meinung der gesamten Bevölkerung widerspiegelt, bleibt allerdings fraglich. Denn die Beteiligung lag bei nur 40 Prozent. Immerhin konnte ich Forschungen anstellen. Im Wahllokal war sofort zu erkennen, wer welchem Lager angehört. Da waren viele ältere Herrschaften mit Gehhilfen und viele umweltbewusste Fahrradfahrer. Und zwischendrin drei verschreckte Raucher. (Sie gingen


mit gesenktem Haupt, so als wollten sie möglichst nicht auffallen. Die Nichtraucher hatten sie natürlich längst gerochen.) Ich hatte ja tatsächlich überlegt, ob ich mir direkt vor der Tür eine Zigarette anstecken soll. So ganz demonstrativ. Nach dem Motto ‚noch habt ihr nicht gewonnen’. Doch ich habe befürchtet, dass eine Horde Rentner mit ihren Gehstöcken auf mich losgehen und mich tot prügeln könnte. Und wenn nicht die, dann hätten eben die Nichtraucher ihre Fahrradpumpen geschnappt und am Ende auf ‚Notwehr’ plädiert, weil ich sie mit meinem Glimmstängel bedroht habe. Und dann hätten sie sich alle gegenseitig ein Alibi gegeben. Also habe ich mich dagegen entschieden. Ich war nicht rebellisch. Ich habe mich kleinlaut aus dem Staub gemacht und nach Hause getrollt. Ich frage mich, ob es vielleicht irgendwann einmal einen Volks-Entscheid für eine Geschwindigkeits-Begrenzung auf deutschen Autobahnen geben wird. Oder für ein BankenRegulierungs-Gesetz. Wenn man da die Bevölkerung fragen würde, hätten wir relativ schnell eine enorme Banken-Wanderung ins Ausland zu verzeichnen. Das würde den WirtschaftsStandort Deutschland gefährden. Und das geht die Spur zu weit. Und was die Geschwindigkeits-Begrenzung angeht. Diese Frage wird nicht weiter diskutiert, weil die AutoLobby das nicht will. Punkt. 2010 wird in Bierzelten noch geraucht. Die Wiesn hat schließlich 200. Geburtstag. Da kann man schon mal eine Ausnahme machen. Ich bin ja gespannt, was sie sich für 2011 einfallen lassen. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich nicht, dass die Tabak-Industrie das einfach so auf sich sitzen lassen wird. Da geht es nämlich um Geld. Ziemlich viel Geld. Wer dabei verreckt, ist denen völlig egal. Kurz nach dem Kampf gegen die Raucher geht es jetzt der Homöopathie an den Kragen. Find’ ich irgendwie auch lustig. Klingt fast ein wenig wie Rache. Rache der Raucher an den Ökos. Wäre gut möglich, dass diese Idee unbewusst an den Volks-Entscheid geknüpft ist. Wer vertraut denn hauptsächlich auf die kleinen Kügelchen? Die Raucher sind es nicht. Die haben ihr Kraut ja immer bei sich. Das Leben ist gefährlich und ich finde, es ist die Aufgabe des Staates, uns vor diesen Gefahren zu schützen. Darum fordere ich die Abschaffung von Autos, von Alkohol, von Computer-Spielen, Schützenvereinen, der Börse, des Internets, von HIV und allen anderen Krankheiten. Und das ist nur der Anfang. Sie Spitze des Eisbergs. Autos sind besonders gefährlich. Da wären die Geschwindigkeit, die Fahrweise mancher Fahrer, die Luftverschmutzung, die krebserregenden Abgase und der Lärm. Lärm macht bekanntlich auch krank. Man denke nur an das satte Geräusch eines Porsche. Ich finde es


eine Schädigung der Allgemeinheit und eine Zumutung, dass man sich das mangelnde Selbstwertgefühl mancher Menschen durch zwei verchromte Auspuffe anhören muss. Alkohol ist gefährlich. Ganz gleich, wie man es auslegt. Er führt zu Unfällen, ungeschütztem Geschlechtsverkehr und der wiederum zu unheilbaren Krankheiten. Ich finde, man sollte Alkohol verbieten. Und zwar flächendeckend. Vor allem in Eck-Kneipen und Bierzelten. Und wenn wir schon bei Verboten sind: Vielleicht könnte man Geschlechtsverkehr auch gleich abschaffen und zu den kirchlichen Werten zurückgehen. Wenn ein Paar glaubhaft machen kann, dass es ausschließlich zu Fortpflanzungszwecken Sex haben möchte, ist es erlaubt. Andernfalls ist es strikt untersagt. Bei der Befragung empfehlen sich Lügen-Detektoren und Messungen der Gehirnströme. Computer-Spiele führen zu Hinrichtungen an Schulen. Das weiß doch jeder. Deswegen sind sie augenblicklich zu verbieten. Realität und Spiel sind nicht mehr auseinanderzuhalten. Diese Industrie züchtet quasi die Mörder von Morgen heran. Und weil Hinrichtungen ohne Waffen schwieriger sind, plädiere ich für ein Verbot von Schützen-Vereinen. Sicher ist sicher. Und das ist es doch, was wir wollen. Sicherheit. Und weil es nichts Unsichereres als die Börse gibt, muss auch sie weg. Spekulationen zerstören Wirtschaften und Existenzen. Sie bereichern die, die schon reich sind und das auf die Kosten anderer. Börsen generieren nichts. Sie sind böse und unberechenbar. Also, weg damit. Und so praktisch das Internet auch sein mag, es ist eine Daten-Sammelstelle geworden. Ein riesiger Pool an Informationen, Adressen und privaten Auskünften. Die Privatsphäre geht den Bach runter und Freundschaften existieren nur noch digital. Das Sozialverhalten wird nachhaltig zerstört. Und dann wären da auch noch die Kinderpornos und die Terroristen, die übers Internet weltweit kommunizieren können. Das Internet ist gefährlich. Und warum wird nicht endlich auch HIV verboten. Ich meine, jeder weiß doch, wie gefährlich diese Krankheit ist. Ich finde übrigens jede Krankheit sollte verboten werden. Viele sind schließlich tödlich. Wie kann der Staat nur so nachlässig sein? Das Volk hat entschieden. Rauchen ist verboten. Es ist verboten, weil es gefährlich sein kann. Und das stimmt. Es kann gefährlich sein. Es kann tödlich sein. Und es kann Menschen in meiner Umgebung umbringen. Dasselbe gilt für Alkohol und Autofahren und fliegen und viele andere Dinge. Das Leben ist (teilweise) gefährlich. Und daran kann auch ein noch so striktes Rauchverbot nichts ändern. Das sollten sich die Nichtraucher einmal klar machen.


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