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Bruchstücke aus meinem Leben – 09.05.2010 Griechenland. Vor einigen Monaten assoziierte man mit diesem Wort noch Sandstrände, schönes Wetter, Gyros, Ouzo und Lebensfreude. Vielleicht auch noch Philosophie und Demokratie. Und heute? Alles dahin. Heute steht Griechenland für eine Krise, die sich wie ein heimtückischer Virus auf den gesamten Euro-Raum ausbreiten und uns alle in den Ruin treiben könnte. Große Debatten über mögliche Hilfspakete gehen nur schleppend voran. Erst als der Virus auszubrechen droht, wird dann doch gehandelt. Und das wird dann so verpackt, als wäre es eigentlich schon immer klar gewesen, dass man helfen muss. Denn Griechenland ist ein Partner, ein Verbündeter der Gemeinschaft, ein Freund. (Vor ein paar Wochen hat sich das irgendwie noch anders angehört…) Die griechische Bevölkerung karikiert unterdessen Angela Merkel und geht auf die Straße. Sparmaßnahmen sind schön und gut, solange man auf nichts verzichten muss. Der Unmut der einen nimmt drei anderen das Leben. Kollateralschaden. Mitten in der Nacht, während die CDU trauert und Rüttgers sich klammheimlich aus dem Staub macht, feiern die Linken und die Grünen ihr Zünglein an der Waage Dasein. Die Finanzchefs der Euro-Länder kreieren unterdessen einen Plan um den bösen Spekulanten ein Schnippchen zu schlagen. Die Kritiker tun einstweilen das, was sie am besten können und machen ihrem Namen alle Ehre. Sie kritisieren die Unentschlossenheit der Kanzlerin, die Unfähigkeit der FDP und die Nervosität der Märkte. Und nicht nur die Märkte sind nervös. Die Euro-Krise hat es geschafft, selbst die NRW-Wahl in den Schatten zu stellen, über die in den letzten Monaten so viel gesprochen wurde, dass mancher sich gewünscht hätte, Nordrheinwestfalen würde über Nacht von den Franzosen annektiert. Alles Schnee von gestern. Plötzlich wünschte man sich wieder die NRW-Wahl wäre unser größtes Problem. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wen kümmern Rüttgers, Kraft und Pinkwart, wenn der Kapitalismus schon bald zu einem Relikt aus alten Tagen werden könnte? Und wie kann es sein, dass Staaten durch das kurzsichtige Verhalten von Spekulanten in Zugzwang geraten können? Wie kann es sein, dass in einer Nacht und Nebel Aktion ein Rücklagen-Topf geschaffen werden muss, um sich vor einer Katastrophe zu schützen, die von einigen wenigen mit zu viel Macht und vor allem zu viel Geld hervorgebracht werden könnte?


Ist das alles reine Panikmache? Handelt es sich auch dieses Mal um ein Thema, das medienwirksam breitgetreten wird und sich am Ende als etwas zu pikant gewürzte und aufgebauschte Geschichte entlarvt? Oder ist es dieses Mal wirklich ernst? Wenn selbst Merkel sagt, es sei ernst, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Ich vermisse den sonst so vagen Beigeschmack in den Aussagen der Regierungschefin. Ist es denn wahr? Steht Europa kurz vor dem Flächenbrand? Und ist es vielleicht schon viel schlimmer, als wir denken? Behalten unsere Politiker die schmutzigen kleinen oder größeren Geheimnisse vorsorglich für sich? Und wenn da ein Flächenbrand wartet, wie wird er gelöscht? Mit noch mehr Schulden? Griechenland ist ja bei Weitem nicht das einzige unartige Problemkind in der Union. Und ich meine nicht die Christlich Demokratische Union, die auch so manches Problemkind beherbergt. Das ist wieder ein ganz anderes Thema. Ich rede von Portugal und Spanien. Und Irland und Großbritannien. Und auch Deutschland ist nicht brav gewesen. Leben auf Pump, Staatsdefizite und ratlose Politiker, die nun von ihren Wählern reihenweise die Quittung erhalten. Ob nun in NRW oder England. Ich bin kein Experte, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht so weiter gehen kann. Wenn ich nervöse Nervenleiden habe, ist das eine Sache. Wenn ganze Märkte nervös werden, könnte das peinliche Folgen haben. Denn die Angst der Amerikaner ist unberechenbar. Da wandert der Finger schon mal schnell zum Abzug. Für Krieg ist man gerüstet, fallende Aktienkurse kann man aber leider nicht erschießen. Während wir in Europa bangen und mit nervösen Nervenleiden darauf warten, dass die Börsen im amerikanischen und asiatischen Raum wieder öffnen, lautet die neue Divise, erst retten wir Griechenland und dann schnüren wir noch schnell ein Vertrauens-Hilfs-Paket für den Euro, der es uns dann ermöglicht andere wackelige Kandidaten aus der Galgenschlinge zu ziehen, während die Spekulanten richtig dicke Kohle machen. Wenn Sie jetzt einen gewissen Hass verspüren, denken Sie bitte daran: Spekulanten sind auch nur Menschen. Es ist ein Geschäft und nichts Persönliches. Solche Leute interessiert es nicht, welchen Preis andere für ihre Gewinne zu zahlen haben. Während die einen zur Kasse gebeten werden, planen die anderen ihren nächsten Urlaub auf St. Bart. Wie kann es eigentlich sein, dass seit Jahren kein Geld für Bildung da ist, aber in so einem Fall plötzlich die Milliarden wie von Zauberhand aus dem Hut gezaubert werden? Na ganz einfach, weil es eilt. Es geht um den Finanzmarkt. Um die Staatsfeinde Kinderkrippen, Altenheime, Arbeitslosigkeit und den ganzen Unsinn kann man sich auch noch wann anders


kümmern. Und das Rentenproblem ist ja auch noch nicht wirklich da. Das schauen wir dann an, wenn es brennt. Das kleine Lodern kann man einstweilen ruhig noch ignorieren. Die Tatsache, dass unter anderem die Renten Griechenland in den Ruin getrieben haben, muss ja nicht unbedingt im engeren Zusammengang mit dem Kernproblem gesehen werden. Außerdem ist das ja schließlich Griechenland. Ein Land gezeichnet von Korruption. Wir sind da ganz anders. In Deutschland gibt es gesittet zu. Außerdem hat es ja auch seine Vorteile, wenn der Euro schwächelt. Der Export wird billiger. Und das ist doch ein positiver Aspekt. Zumindest für die, die viel exportieren. Die anderen haben halt Pech gehabt. Hätten sich ja auch auf den Export konzentrieren können. Das Prinzip ist eigentlich denkbar einfach. Große Firmen werden gerettet, kleine gehen pleite. Die, mit viel Geld spekulieren auf den Untergang einer Währung und kommen vermutlich mit einem erhobenen Zeigefinger davon. Warum sollte es auch dieses Mal anders laufen? Meiner Meinung nach gehören solche Leute ins Gefängnis. Weggesperrt für den Rest ihres Lebens. Doch sogar wenn drakonische Strafen drohen würden – solche Leute haben eine Armee von Anwälten, die ihre wohl betuchten Klienten verbal versiert in die Freiheit argumentieren. Vielleicht gibt es eine kleine Geldstrafe. Und wenn schon – Geld ist das kleinste Problem. Griechenland ist nur der Anfang. Zwischendurch spuckt der böse isländische Vulkan noch ein paar Aschewolken. Anwohner der Landshuter Allee in München verstehen die ganze Aufregung vermutlich nicht. Sie leben schließlich tagein tagaus in einer solchen Aschewolke. Alles gerät aus den Fugen. Staaten gehen pleite (obwohl das ja eigentlich gar nicht möglich ist), der Vulkan legt den Flugverkehr lahm, Rüttgers ist Vergangenheit und die Zukunft in NRW noch ungewiss, England tüftelt an einem Regierungskonzept, in Griechenland randalieren die Massen und die Märkte sind nervös. Es ist 23:58. In einer Stunde und zwei Minuten erwacht die Wallstreet zu neuem Leben. Ich bin kein argwöhnischer Mensch. Ich denke nicht, dass das schlimmste eintreffen muss. Und doch bleibe ich wach. Denn ich will sehen, ob es wirklich so ernst ist, wie es sich anfühlt. Ich will sehen, wer gewinnt. Die Spekulanten, oder die Staaten. Mein Favorit steht fest.

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