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ERBERINNERUNGEN Wir wohnten in einer Ebene, deren Weite nur bei klarem Wetter von den säumenden Bergketten unterbrochen wurde. Aber in meinen Kindergefühlen empfand ich sie als unendlich und unfassbar. Im Sommer konnte man es in der Ferne luftspiegeln und flimmern sehen, und der Boden war so glatt und plan, dass er wie Wasser schien, hätten nicht hie und da einige Kiesel gelegen oder ein ausgeblichenes Bein. Am Tag setzte die Sonne die Grenzen der Sicht, in der Nacht war es unser Feuer. Neben dem Meisten, das mir nicht überliefert ist, erinnere ich mich doch an meinen Vater. Ein Mal im Jahr brach er vor der Morgendämmerung auf und kehrte erst nach einigen Tagen wieder zurück. Ich muss es so oft erlebt haben, dass mir das Bild wie eingebrannt vor Augen steht. Es ist später Abend und Mutter trägt ein festliches Kleid und hat uns Kinder geschmückt. Und wir sitzen am Feuer, welches das dunkle Tuch zurückdrängt. In der Nähe hören wir Schritte und die Zeit scheint den Atem anzuhalten, alles verlangsamt sich, dem Stillstand nahe, das Licht schleicht wolkengleich über die Gesichter, die Farben verdichten sich ins Scharfe und eine knisternde Spannung geht durch die Dinge. Aus dem Dunkel außerhalb des Lichtkreises taucht langsam wie aus einem schwarzen See die Nasenspitze des Vaters auf und darauf die vorgeschobene Stirn, welche rot erstrahlt, mit ihren Zornesfalten, die kein Licht je ausleuchten kann und seinen angstvollen Augen. Der Rest seines Körpers wird allmählich sichtbar und es scheint als befände er sich in wildem Lauf unter schwerem Wasser und er habe die Arme vor Anstrengung und Krämpfen abgewinkelt. In dem Augenblick in dem sein ganzer Körper vor uns steht, erscheint die andere Nasenspitze und es wölbt sich die bleiche Stirn einer alten Frau in den Kreis, und zwei dürre fahle Hände gehen der gebeugten Gestalt voran. Und wie sich der Feuerschein über des Vaters Gesicht gezogen hatte und es kupfern erhellte so ziehen sich bei der Großmutter Rillen in das

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zerfurchte Antlitz, als ränne ihr Tinte vom Kopf und überströme die dürren Flussläufe der Öde. Doch sie geht ans Feuer und träufelt Schein in die Augen und wäscht sich mit der Helle. ‡ Vielleicht erinnere ich mich besser an Wüsten, Steppen und den Schnee, einfache, wenig farbige Bilder, da diese Landschaften auf ihre Grundformen zurückgeführt sind und wenig Speicher beanspruchen. Zur Zeit des tiefsten Winters, wenn die Nächte lang und schneeglimmend sind, war es Brauch, sich schwarz zu kleiden und in den Schnee zu gehen. Alsbald wir hinausgegangen waren – jeder für sich – und keine Behausung mehr zu sehen war, die Feuchte alle Gerüche eisig übertönte, wurde wieder eine Empfindung geweckt, die ich das Jahr über vergessen hatte. Sobald ich durch den Schnee trat und das eintönige Knarzen unter den Sohlen hörte, das sich mit dem Herzschlag in den Ohren zu einem sonderbaren Takt verband, war das Gefühl wieder in einer Stärke anwesend, dass ich nicht verstand, wie ich es vergessen haben konnte. Nach kurzer Zeit strömte das Blut in Kreisen durch Ballen und Fersen, dass zwar die Schritte im Schnee noch hörbar, aber nicht mehr fühlbar waren. Je weiter ich ging, desto heftiger floss das Blut, schließlich wie siedendes Fett und es war mir, als schmölze ich mit meinem Gang in eisenglühenden Schuhen durchs Eis. Auch das Schwarz der Kleider begann seine Wirkung zu entfalten und mir fiel der Satz eines Altvorderen ein, welcher behauptete, dass man sich dergestalt mit dem Dunkel des Himmels verbünde und ihn überliste, so dass er vergäße den Menschen zu Boden zu drücken. So war es mir als trüge ich mich nicht mehr und als seien alle Lasten von mir genommen. Ich unterbrach meinen regelmäßigen Schritt und schlitterte fortwährend und tiefer ins Weiß bis ich zu einem zugefrorenen See kam, dessen vereiste Oberfläche bläulich schimmerte. Stehengeblieben staute sich eine gewaltige Kraft in den Beinen auf – keine Kraft der Muskeln – eine leichte körperlose Macht, die sich ihren Weg bis in meinen Hals

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bahnte und ich sprang einige Meter in die Höhe und blieb dort stehen. Von hier aus sah ich die Sträucher finster ihre Klauen durch die Eisplatten strecken, die Bäume um den See starrten vor Kälte. Und es ging ein Hitzesprühen durch meine Füße, das mich in der Luft stehen ließ. Ich streckte vorsichtig die Arme aus, aber Fliegen wie ein Vogel, das ist dem Menschen nicht vergönnt. ‡ Vater schnarcht, die Pferde scharren leis' im Grund, das Dach wölbt sich in ruhigem Puls. Die Nacht hat das letzte Drittel überschritten, der Morgenwind kommt schon kalt von den Bergen. Mit dem Licht stehen wir auf, wenn die Nacht einbricht schlafen wir. Wir schlafen zusammen, wir essen zusammen, die Pferde folgten unserem Beispiel und scheißen gleichmütig. Auf dem Abort hocken wir Rücken an Rücken, Vater und ich. Unsere Finger streifen sich, und ich habe Kot am Finger, und es ist sein Kot. Jetzt, da ich erwachsen bin, scheint das Licht so blau in der Kindheit und mein Finger riecht metallisch. Hier endet schon die Geschichte von der Scheiße am Finger. ‡ Meine Mutter weckt mich und hebt meinen verklebten Kopf vom Kissen. Ich blute wieder aus der Nase und das Bett ist vollgesogen. Auch die Handtücher verschmiert. Sie fürchtet sich davor, dass ich verblute und ich merke wie sie es überspielt, um mir keine Angst zu machen. Ich habe Angst. Ich kann nicht weinen, als habe ich meine Tränen ausgeblutet. Andere Kinder haben morgens Schlaf in den Augen, ich kann meine verschorften Lider kaum öffnen. Andere Kinder trinken Kakao zum Frühstück, ich muss Fleischbrühe trinken, um wieder zu Kräften zu kommen. Andere Kinder beten, bevor sie das Haus verlassen, ich verlasse das Haus nicht. Andere Kinder gehen spielen, ich bilde Blut. Immer bevor ich ohnmächtig werde, verschwimmen die Bilder und werden zu grauen Tönen, die schließlich verblassen. Werde ich nicht ohnmächtig so sehe ich alles in einer Überschärfe, jede Kontur, jeden Schatten, jede Holzfaser hebt sich ab zu riesenhaften Reliefs. Mein Mutter sagt, ich schlafe zu tief

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und sei deswegen zu wach. Meine Mutter fragt, warum ich nicht wie die anderen Kinder sein kann und weint und meint damit, dass sie nicht wie die anderen MĂźtter sein kann. Meine Mutter legt mir kalte Lappen auf die weiĂ&#x;e Stirn. Meine Haare sind schwarz und das rote Blut rinnt mir in die Ohren. Meine Mutter sagt, dass mich der liebe Gott holen kommt. Meine Mutter will ihm entgegengehen. Meine Mutter wird zum Teufel gehen. ‥

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http://www.artphoria.de/Work/B2F2AC48-6A61-4BE7-946B-EB6C1AF0C4F0/4ACAF2CE-C38F-46DD-BB7B-A976BCA836