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9. Ich schlage die Augen auf. Alles ist unscharf. Alles schimmert und glitzert. Ich fühle mich sicher und geborgen. Die panische Angst ist weg, so als hätte es sie nie gegeben. Ein paar Meter über mir erkenne ich verschwommene Holzbalken. Sanfte Musik füllt meine Ohren. Langsam setze ich mich auf und schaue an mir herunter. Ich sitze im lauwarmen Wasser. Meine Jeans klebt an mir wie eine zweite Haut, meine Turnschuhe sind schwer wie Blei. Wäre ich nackt, wäre ich mir sicher, ich hätte all das nur geträumt. Doch ich bin nicht nackt. Ich bin vollständig angezogen. Und ich habe sogar noch das Weinglas in der Hand. Ich war am See. Ein paar Minuten bewege ich mich nicht. Ich starre nur vor mich hin und versuche zu begreifen, wie ich hierher gekommen bin. In mein Badezimmer. Ich versuche zu verstehen, was passiert ist. Und dann ganz plötzlich sind alle Gedanken verschwunden. Als hätte mein Gehirn beschlossen, dass das alles zu viel ist. Ich kann nicht sagen, wie lange ich einfach nur dagesessen habe. Ich kann nicht sagen, warum mich die Tatsache, dass ich plötzlich vollständig angezogen in meiner Badewanne lag nicht einmal wirklich beunruhigt. Ich bin durchaus verwundert, aber verstört oder ängstlich? Nein. Nur irritiert. Ich stütze mich am Wannenrand ab und hieve mich langsam hoch. Meine Beine sind nicht mehr taub, nur erschöpft, so als wäre ich entsetzlich weit gelaufen. Ich bücke mich nach meinen Turnschuhen und ziehe sie aus. Dann kämpfe ich mich aus meiner klatschnassen Jeans und ziehe mir das Oberteil über den Kopf. Nachdem ich mich unbeholfen aus meiner Unterwäsche gepellt habe, steige ich nackt aus der Wanne und ziehe den Stöpsel. Ich bin so müde, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Meine Muskeln brennen. Während das Wasser abläuft, betrachte ich meine Augen im Spiegel. Was haben sie gemeint? Was ist an meinen Augen anders? Und überhaupt – anders als was? In Gedanken versunken wringe ich meine Kleidung aus und lege sie über die Heizung. Die Schuhe lasse ich wo sie sind. Meine Haut und meine Haare sind wieder trocken. Vereinzelte Wellen sind noch zu sehen, aber der Großteil ist wieder glatt. Wenig später schlüpfe ich in mein Nachthemd und lege mich ins Bett. Bevor ich einschlafe, schreibe ich Elfi eine SMS, dass ich zu Hause bin, dann drehe ich mich zur Seite, schalte das Licht aus und schlafe innerhalb von Sekunden völlig erschöpft ein.


Ich falle in einen traumlosen Schlaf. Zumindest kann ich mich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern.

Als ich die Augen öffne, blendet mich die Sonne. Sie scheint durch einen Spalt im Vorhang direkt in mein Gesicht. Einen kurzen Augenblick versuche ich mich daran zu erinnern, wann ich die Vorhänge zugemacht habe, nach einer Weile gebe ich dann auf. Ich drehe mich auf die Seite und greife nach meinem Handy. Es ist zwanzig nach zwölf. Die sommerliche Mittagshitze liegt bleiern in meinem Zimmer. Ich schalte mein Handy an, gebe die Pin ein und warte. Elodad. Das ist ein seltsamer Name. Genauso wie Kaftian. Ich setze mich auf und schreibe die beiden Namen auf einen alten Kassenzettel, der auf meinem Nachtisch liegt. Wie der dritte Typ hieß, weiß ich nicht mehr. Irgendwas mit E. Mit geschlossenen Augen denke ich nach. Und während ich regungslos auf dem Bett sitze und grüble, dämmert es mir. Dieser Typ mit E, dessen Name mir nicht mehr einfallen will, ist der Kerl von der Corneliusbrücke. Sie haben gesagt, ich hätte gemerkt, dass er anders ist. Und dieser Kaftian meinte, dass er mich lesen kann. Deswegen auch das Schulterzucken. Wie hieß er? Und warum scheint es mir auf eine seltsame Art natürlich, Stimmen zu hören, wenn weit und breit niemand zu sehen ist? Sollte mir das nicht Angst machen? Sollte ich nicht völlig panisch sein und mich in einer geschlossenen Anstalt sehen? Und was haben sie gemeint, mit ich wäre keine von ihnen? Wer sind die? Und warum höre ich sie? Und vor allem, warum habe ich sie vorher nie gehört?


10. Am Nachmittag klingelt es. Ich liege im Garten und gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach: Grübeln. Es klingelt ein zweites Mal. Und gerade, als ich aufstehen will, höre ich, wie Holzbeine über Fliesenboden schrammen und schlurfende Schritte, die leiser werden und sich langsam entfernen. Wenig später höre ich Stimmen. Es ist Elfi. „Lola…“ Ich öffne die Augen und setze mich auf. „Wieso zum Teufel bist du einfach…“ „Nicht hier…“, unterbreche ich sie. „Lass uns nach oben gehen.“

„Was ist passiert?“ So streng habe ich Elfi selten gesehen. „Wie bist du nach Hause gekommen und wieso hast du nicht Bescheid gegeben?“ „Weil ich keine Zeit hatte…“ „Wie, du hattest keine Zeit?“ Sie setzt sich im Schneidersitz auf mein Bett. „Eben sehe ich noch, wie du zum Ufer gehst und auf einmal bist du spurlos verschwunden…“ „Ich bin nicht nach Hause gegangen…“ Ich seufze. „Ich war plötzlich hier.“ „Du warst also plötzlich hier?“, fragt Elfi ungläubig. „Ja.“ „Wie hier?“ „Ich lag in der Badewanne.“ Elfi sagt nichts. Sie schaut mich lediglich skeptisch an. Und ich kann es ihr nicht einmal verdenken. „Es war wie neulich…“ „Was meinst du, wie neulich?“ „Wie bei dem Schwächeanfall…“ „Noch mal von vorne. Du bist zum Ufer… und dann?“


„Ich habe Stimmen gehört.“ „Was für Stimmen?“ „Ich weiß, dass das völlig verrückt klingt, aber ich habe eine Unterhaltung zwischen zwei Männern gehört… ich habe sie so klar gehört, als stünden sie neben mir, aber da war niemand…“ Ich greife nach einer Flasche Wasser und trinke, dann halte ich sie Elfi entgegen. „Sie haben über jemanden geredet und nach und nach wurde mir klar, dass sie über mich gesprochen haben.“ „Was haben sie gesagt?“ „Dass ich keine von ihnen bin, was das auch immer heißen mag, und irgendwas wegen meinen Augen und dass ich aber auch kein normaler Mensch bin, und dann hat der eine gesagt, dass das nicht möglich ist…“ „Moment mal. Eins nach dem anderen. Was haben sie wegen deinen Augen gesagt?“ „Nichts Genaues, nur dass man an meinen Augen wohl erkennt, dass ich keine von ihnen bin.“ „Eine von ihnen?“ „Ja, ich weiß auch nicht, was das bedeuten soll, oder wer die sind.“ „Okay, und dann?“ „Dann hat Elodad gesagt, dass sie mich fragen könnten und der andere meinte, dass sie nichts machen werden, nur beobachten…“ „Elodad?“ „Ja. Elodad.“ Elfi scheint irritiert. „Kaftian meinte dann, dass sie auf einen Dritten warten würden, weil der mich lesen kann und Elodad hat dann gesagt, dass ich bemerkt hätte, dass dieser Dritte anders ist.“ „Moment mal, welcher Dritte?“ „Den Namen hab’ ich vergessen. Auf jeden Fall glaube ich, dass damit der Typ von der Corneliusbrücke gemeint ist…“ „Wie kommst du darauf?“


„Kaftian ist der Saab-Typ.“ „Der Saab-Typ? Woher weißt du das?“, fragt Elfi. „Elodad hat es erwähnt.“ „Elodad.“ „Ja, er hat gemeint, dass Kaftians Saab mich misstrauisch gemacht hat.“ „Und dann warst du plötzlich in deiner Badewanne?“ „Kaftian hat bemerkt, dass ich sie höre. Oder zumindest hat er es vermutet, und dann hatte ich nur noch den Wunsch weg zu sein und dann habe ich verschwommene Holzbalken gesehen und dann bin ich gefallen.“ „In die Badewanne…“, sagt Elfi ungläubig. „Glaubst du mir nicht?“, frage ich fassungslos. Elfi schaut mich an. „Du glaubst mir doch, oder?“ „Das ist schwer zu glauben…“ „Aber genauso war es.“ „Also, Kaftian, der Saab-Fahrer, und Elodad kennen den namenlosen Dritten von der Brücke, dessen Namen du vergessen hast und der dich lesen kann und du bist keine von ihnen…“ „Ja, so ungefähr.“ „Und dann wolltest du weg.“ „Ja.“ „Und dann warst du hier.“ „Ja, nebenan. „Aber wie bist du hierher gekommen?“ „Das weiß ich nicht. Ich war einfach plötzlich voll angezogen und mit meinem Weinglas in der Hand in der Wanne gelegen.“ „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du hast völlig den Verstand verloren.“


„Ja, ich auch.“ „Okay, nehmen wir einmal an, du hast nicht den Verstand verloren, dann wäre davon auszugehen, dass die jetzt wissen, dass du sie hören kannst.“ „Vermutlich.“ „Und sie wissen wahrscheinlich auch wie du nach Hause gekommen bist.“ „Warum?“ „Na, dieser Saab-Typ…“ „Kaftian…“, unterbreche ich sie. „Ja, dann eben Kaftian, der war doch auch ganz plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, und dieser Dritte, dessen Namen du vergessen hast, auch.“ „Efrail!“, platzt es aus mir heraus. „Wer ist denn Efrail?“ „Na, der Dritte.“ „Ich dachte, den Namen weißt du nicht mehr?“ „Er ist mir eben wieder eingefallen.“ „Na, wie auch immer, die können das ja vielleicht auch.“ „Was? Verschwinden?“ „Ja, oder fliegen, oder fallen, oder was es auch ist, was du kannst, sie scheinen es auch zu können.“ „Ja, das gibt Sinn…“, sage ich nachdenklich. „Kaftian hat gesagt, dass er nichts dafür kann, dass Menschen sich so albern fortbewegen.“ Eine Weile sagen wir beide nichts. Dann frage ich, „Und? Wie war es bei euch noch so?“ „Was?“ „Na, wie war es noch am See?“ „Hm, na ja, es war ganz in Ordnung, zumindest, bis ich dich verzweifelt gesucht habe…“


„Tut mir leid…“ „Kannst ja nichts dafür, dass du plötzlich in der Badewanne warst.“ Ich muss lachen. „Ach ja, und Hanno ist mit Yvonne zusammen.“ „Das ging schnell…“ „Zumindest denkt sie das. Ich weiß nicht, ob er es genauso sieht.“ Ich lege mich aufs Bett und Elfi legt sich neben mich. „Hast du sie denn gesehen?“ „Yvonne und Hanno? Er lag auf ihr drauf, das war ziemlich offensichtlich…“ Elfi verdreht die Augen und sagt, „Nein, ich meine die anderen…“ „Ach so, nein hab’ ich nicht.“ „Na ja… Es ist nur eine Frage der Zeit bis einer von ihnen wieder auftaucht…“


11. Ich stehe im A-Bau und studiere die Änderungen des Stundenplans. Deutsch entfällt. Als ich mich umdrehe, entdecke ich Elfi, die mit wehenden Haaren auf mich zukommt. „Hab’ verschlafen, tut mir leid…“ „Keine Eile, Deutsch fällt aus.“ „Na toll und ich habe auf dem Weg hierher fast einen Radfahrer über den Haufen gefahren, um es noch rechtzeitig zu schaffen.“ „Wo ist Ben?“ „Der ist krank…“, sagt Elfi noch immer außer Puste. „… ich bin mit seinem Auto da.“ „Aber zum Frühstücken war noch Zeit, was?“ Ich zeige auf ihr Kinn. „Du hast da Nutella.“ „Ich habe im Auto gegessen.“ Sie wischt sich übers Kinn. „Dann wundert mich das mit dem Radfahrer nicht.“ „Das hatte nichts damit zu tun…“ Wir gehen in Richtung neuer Turnhalle. Die Gänge sind leer, alles ist still. Zumindest bis auf uns und ein paar Zuspätkommer. Manche von ihnen scheinen immer spät dran zu sein, denn sie schlendern den Flur entlang als wären sie sich der Tatsache nicht bewusst, dass der Unterricht bereits vor zwölf Minuten begonnen hat. „Hast du Zigaretten?“ „Klar…“ Ich krame in meiner Tasche und reiche ihr eine. „Danke… Hab’ meine vergessen.“ Während wir schweigend auf dem Gehweg stehen, schaue ich mich vorsichtig um. Ich scheine darauf zu warten, dass jeden Augenblick ein grauer Saab neben uns anhält und Kaftian aussteigt, um mich dann anzustarren. Doch nichts dergleichen passiert. Als ich mich gerade in Sicherheit wiege, kommt ein Kerl auf uns zu. Er lächelt. „Hat eine von euch eine Zigarette für mich? Ich hab’ meine vergessen…“


„Ähm, ja, hier…“ Ich strecke ihm die Schachtel entgegen. Er nimmt eine heraus, bedankt sich und zündet sie an. Dann reicht der mir die Schachtel. Ich warte darauf, dass er geht, doch er bleibt stehen, so als würden wir uns ewig kennen. Ich spüre Elfis Blick. „Wie unhöflich von mir…“, sagt er plötzlich und streckt mir seine Hand entgegen. „Ich heiße Lorian.“ „Lorian?“ Ich versuche nicht skeptisch zu klingen, dich scheitere kläglich. „Ja, meine Eltern waren sehr kreativ… Florian war ihnen wohl zu langweilig.“ „Ich bin Lola, und das ist Elfi.“ „Und? Macht ihr auch dieses Jahr Abi?“ Elfi und ich nicken wie artige Schulkinder. „Du auch?“, fragt Elfi. „Ja, aber ich bin am LSG…“ „Und was machst du dann hier?“ „Ich warte auf einen Freund.“ Sein Herz schlägt gleichmäßig und ruhig. Er scheint einen schönen Tag zu haben, denn er ist völlig sorgenfrei und heiter, so wie das Wetter. Ganz im Gegensatz zu Elfi, die krampfhaft nach einem Gesprächsthema zu suchen scheint und sich dann schließlich für eine weitere Frage aus dem Bereich Schule entscheidet. „Und, was sind deine Leistungskurse?“ „Biologie und Geschichte…“, sagt er und zieht an der Zigarette. „Und eure?“ Gerade, als ich antworten will, sehe ich einen Typ, der auf uns zu kommt. Lorian dreht sich um. „Hey, da bist du ja…“ Mir stockt der Atem. Und in diesem Augenblick versuche ich an nichts zu denken. Zumindest an nichts, das mich verraten könnte. „Und, wo findet man dich? Bei den hübschesten Mädchen, wie immer…“ Im ersten Moment bin ich nicht sicher, ob er es wirklich ist, weil ich an jenem Abend seine Augen nicht sehen konnte, doch dann bin ich mir sicher. „Willst du mich nicht vorstellen?“ „Du kennst die beiden nicht?“, fragt Lorian grinsend.


„Nein, ich kenne sie nicht.“ Da ist kein Herzschlag, keine Gefühlsregung, nichts. „Das sind Lola und Elfi…“ „Hallo, ich bin Kristian.“ „Tatsächlich?“, frage ich erstaunt. „Ja, tatsächlich.“, entgegnet er lächelnd. „Warum?“ „Ich muss dich verwechseln…“, sage ich gespielt irritiert. „Ich dachte du heißt Efrail.“ Und siehe da, sein Gesicht erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde. Keiner außer mir bemerkt es. Ich spüre Elfis Herzschlag. Sie weiß, was das bedeutet. Lorian nicht. Und wenn doch, dann kann er es gut kaschieren. „Nein, da verwechselst du mich…“ „Komisch, ich war mir sicher…“ „Efrail? Was ist denn das für ein Name?“, fragt Lorian lachend. „Na ja, Lorian ist ja auch nicht besser…“, sagt Elfi kalt, so als hätte man sich über sie und ihren Namen lustig gemacht. „Ich warte im Auto.“, sagt Lorian eingeschnappt, dreht sich um und geht. Als er außer hörweite ist, kommt Efrail näher. „Du hast sie also gehört, sonst wüsstest du meinen Namen nicht.“ Ich antworte nicht, ich schaue ihn nur an. „Du bist keine von uns.“ Er scheint das nicht wirklich zu mir zu sagen, sondern es einfach festzustellen. „Die Augen, oder?“ „Lola, das ist nicht lustig…“, flüstert er beschwörend. „Was bist du?“ „Ich dachte, du kannst mich lesen?“ „Ja, und?“ „Ja, dann brauchst du mich ja nicht fragen.“ „Die wollen wissen, ob du gefährlich bist.“ „Und, was denkst du? Bin ich es?“


„Kann es deine Mutter auch?“, ignoriert er meine Frage. „Was meinst du?“, frage ich unwissend und frage mich zu selben Zeit, ob es möglich wäre, dass meine Mutter ihre Eigenarten seit Jahren vor mir verheimlicht, was ich mir irgendwie nicht vorstellen kann. „Gut, das ist ein Anfang.“ „Was ist ein Anfang?“, fragt Elfi irritiert. „Na, dass sie es anscheinend nicht kann.“, antwortet Efrail knapp. „Und dein Vater?“ „Ich kenne ihn nicht, keine Ahnung was er kann oder nicht kann…“ Efrail schaut mich lange und skeptisch an. „Weißt du, wo … nein, schon okay, du weißt es nicht.“ „Kannst das mal lassen?“, frage ich verärgert. „Ich glaube, du verstehst nicht ganz, worum es hier geht.“, flüstert er schroff. „Ja, worum geht es denn?“ „Je weniger du weißt, desto besser.“ Er atmet tief durch. „Ich denke, du bist nicht gefährlich.“ „Das ist ja beruhigend…“, sage ich sarkastisch. „Dann ist damit zu rechnen, dass Kaftian mir von nun an nicht mehr auflauern wird.“ „Wohl eher nicht.“ „Was ist mit meinen Augen?“ „Hör’ auf Fragen zu stellen…“ Er kommt ein Stück näher. „Mach’ einfach weiter wie bisher und verhalte dich möglichst menschlich.“ „Das hatte ich vor.“ „Ach ja, eins noch…“, er legt seine Hände auf meine Schultern. „Wie bist du vom See nach Hause gekommen?“ „Mit uns. Wir haben sie nach Hause gefahren.“, antwortet Elfi mit fester Stimme.


„Stimmt das?“ Er schaut mich eindringlich an. Und auf einmal sehe ich, was an meinen Augen falsch ist. Es ist nicht nur die Farbe, es ist das Muster. Normale Augen haben nicht so ein gleichmäßiges Muster. Zumindest keine, die ich je gesehen habe. „Wirst du wohl das Thema mit den Augen lassen…“ „Ich kann denken, was ich will, es hat dich niemand darum gebeten zuzuhören.“ Ich nehme seine Hände von meinen Schultern und wundere mich, wie warm sie sind. Und noch während es mich wundert, frage ich mich, was ich mir erwartet habe. Bei diesem Gedanken lächelt er. „Lola, ob du es glaubst oder nicht, ich will wirklich nicht, dass dir etwas passiert.“


12. Ich liege in Unterwäsche auf dem Bett und denke nach. Die Fenster sind weit geöffnet, doch die Nacht ist windstill und es ist unerträglich heiß. Wie kann es sein, dass er meine Gedanken lesen kann? Ich meine, ich kann fühlen, was andere fühlen, aber ich weiß nicht, was sie denken. Zugegeben, oft liegt das recht nah beisammen, doch ich lese keine Gedanken. Und warum konnten es die anderen nicht? Und warum kann ich es nicht? Diese Augen. Diese unbeschreiblichen Augen. Haben sie alle solche Augen? Erkennen sie sich daran? Und wenn ich doch eine von ihnen bin, warum habe ich dann nicht auch diese Augen? Und wenn ich keine von ihnen bin, was bin ich dann? Ein Unfall? Nein, ich bin kein Unfall. Aber wieso kann ich dann all diese seltsamen Dinge? Ich stehe auf und setze mich aufs Fensterbrett. Der Mond ist zur Hälfte durchgeschnitten. Er erinnert mich an eine halbe Paracetamol. Vom Garten höre ich ein knackendes Geräusch, doch ich sehe nichts. Dann höre ich es noch einmal. „Lola?“ Es ist ein tragendes Flüstern. „Wer ist da?“, flüstere ich zurück. „Kein Grund sich zu fürchten…“ „Ich fürchte mich nicht.“, lüge ich und denke an Kaftian. „Nein, nicht Kaftian. Und ich weiß, dass du dich fürchtest.“ „Efrail?“ Während er hochklettert, schaue ich an mir hinunter. „Gut, ich warte…“ Ich bewege mich nicht. „Los, zieh’ dir schon was über…“ Ich greife nach einem T-Shirt, stülpe es mir über den Kopf und setze mich aufs Bett. „Was willst du hier?“ „Du denkst zu viel nach.“ „Wie, ich denke zu viel nach?“, frage ich verständnislos.


„Ich hatte dir doch gesagt, du sollst nicht mehr über uns nachdenken. Und? Hörst du auf mich? Nein.“ „Die anderen wissen ja nichts davon, und wenn du es ihnen nicht erzählst, werden sie auch nichts davon erfahren.“ „Es geht nicht um die anderen.“ „Sondern, worum dann?“ „Lola, solange du nichts weißt, haben sie keinen Grund, dir etwas zu tun…“ Efrails Stimme ist sanft. Sie erinnert mich ein wenig an die von Elodad. „Ja, das habe ich schon öfter gehört.“ „Was?“, frage ich irritiert. „Dass unsere Stimmen sich ähneln.“ „Lass das.“ Er lächelt. „Und was meinst du damit, sie haben keinen Grund mir etwas zu tun?“ „Gut, du hast zugehört…“ Sein Gesicht ist plötzlich ernst. „Ich bin hier, um dich zu warnen.“ „Zu warnen? Wovor? Sie wissen doch nichts…“ „Das ist nur eine Frage der Zeit.“ Sein Blick wandert über meine Beine. Einen kurzen Augenblick weiß ich nicht, was ich mit diesem Ausdruck in seinem Gesicht anfangen soll, doch dann gefällt es mir. Und plötzlich ist die Situation anders. Das Federleichte von eben ist auf einmal bleiern und schwer. „Ich muss gehen.“ „Was ist los?“, frage ich erstaunt und stehe auf. „Nichts. Ich muss einfach gehen.“, sagt er schroff. „Aber warum?“ „Hör’ auf Fragen zu stellen und vor allem hör’ auf über uns nachzudenken.“ „Kommst du wieder?“ Er wirft mir einen kurzen Blick zu, den ich wieder nicht deuten kann, dann verschwindet er in der Dunkelheit. Eine Weile schaue ich noch in den pechschwarzen Garten. Ich suche nach Bewegung oder Geräuschen. Doch Efrail ist weg. Oder er kauert lautlos in einem Gebüsch und rührt sich


nicht. Ich versuche mir vorzustellen, wie Efrail in einem Gebüsch sitzt und muss lachen, denn er ist so gar nicht der Typ, der in meiner Fantasie in Gebüschen herumsitzen würde. Noch immer schmunzelnd lege ich mich aufs Bett und frage mich, ob er diesen Gedanken auch gehört hat. Es ist stockfinster und wird endlich etwas kühler. Der Sommer macht eine kleine Verschnaufpause. Ich denke an Efrail und im selben Augenblick versuche ich nicht an ihn zu denken, doch ich schaffe es nicht.


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