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Bruchstücke aus meinem Leben – 07.04.2010 Es gibt Zeiten, da plätschert das Leben vor sich hin. In solchen Zeiten geschieht nicht viel, alles läuft einfach. Oder wie Esoteriker sagen würden, es ist im Fluss. Dann gibt es Zeiten, in denen passiert alles und das rasend schnell. Es ist, als würde ein Ereignis das nächste bedingen und eine Kettenreaktion jagt das Leben in eine völlig neue Richtung und man jagt mit, weil man keine andere Wahl hat. Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen es sich anfühlt, als schwämme man in Gelee. Oder als säße man in einem Nussschalen-ähnlichen kleinen Dings mit gehissten Segeln auf einer spiegelglatten Meeresoberfläche und es weht kein Lüftchen. Man steht, man kommt nicht weiter. Man wartet auf den Wind oder einen Motor, doch weder Wind noch Motor kommen. Es kommt gar nichts. Ich weiß nicht, wie Esoteriker so etwas nennen, aber Ärzte sprechen soweit ich weiß von den Anfängen einer Depression. Anfangs redet man sich noch ein, dass es solche Phasen eben auch geben muss. Das ist sicher richtig. Das Blöde ist nur, dass einem diese Phasen so unendlich lang vorkommen. Man wartet und wartet und wartet. Und nach einer Weile fragt man sich, worauf man denn eigentlich wartet. Man wartet so lange, dass man sich schließlich nicht einmal mehr erinnern kann. Weder an den Wind noch den Motor. Man sieht nur, dass nichts passiert. Ich beispielsweise warte auf Reaktionen auf meine Bewerbungen. (Oder wie mein pessimistisches Selbst sagen würde, ich warte darauf, meine Bewerbungsmappen wieder im Briefkasten zu finden – wieder so ein Anzeichen für eine bevorstehende Depression.) Und ich warte darauf, dass ein Verlag erkennt, dass meine Romane vielleicht doch das Potential haben, ein paar mehr Menschen gefallen zu können, als meinem nahen Verwandtschaftsund Freundeskreis. Und ich warte darauf, dass Artphoria-Anwender ENDLICH anfangen ihren Teil eines – zugegebenermaßen nicht schriftlich festgehaltenen – Abkommens einzuhalten und zwar Artphoria bekannt zu machen. Wir haben nämlich unseren Teil getan. Die Seite ist da. Sie funktioniert wie ein schweizer Uhrwerk und sie ist wunderschön. Puristisch und schlicht. Alle Nase lang lassen wir uns neue geniale Funktionen einfallen. Wir schreiben Newsletter wie die Geisteskranken. Wir haben unseren Teil des Abkommens erfüllt. Eine wunderbare und kostenlose Seite für Kreative, die es so kein zweites Mal gibt. Und was passiert? Zu wenig. Abgesehen davon warte ich auf den Tag, an dem mein Kontostand mich in Gedanken nicht laut schreiend die Balkontür aufreißen und Anlauf nehmen lässt (das ist natürlich bildhaft gemeint). Und irgendwie warte ich darauf, dass noch etwas anderes passiert, von dem ich oft nicht einmal wirklich weiß, was es sein soll. (Es ist wie mit dem Wind und dem Motor.)


Ich muss zugeben, auch wenn ich es überaus ärgerlich finde, dass mein pessimistisches Selbst meistens recht behält. Denn meistens finde ich tatsächlich große Briefumschläge zwischen meinen Rechnungen. (Und jeder, der sich schon einmal beworben hat, weiß, dass es ein ganz schlechtes Zeichen ist, die großen Umschläge zu bekommen…) Und in solchen Augenblicken frage ich mich, ob an diesem Quatsch etwas dran ist, dass die Einstellung der entscheidende Faktor ist. Ob in Wahrheit mein pessimistisches Selbst daran Schuld ist, dass ich die ganzen großen Briefumschläge bekomme, anstelle der kleinen, netten. Vielleicht ist nämlich in all meinen Bewerbungen ein kleiner Hauch meines pessimistischen Selbst zu finden, den ich nicht sehen kann, all die Personaler aber schon. Vielleicht ist es ja eine dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiungen? Oder aber, meine Bewerbungsmappen liegen einfach ganz weit unten in einem Stapel, der so hoch ist, dass die kleinen Bearbeitungsmenschen dahinter einfach verschwinden. Sie sind hinter einer Mauer an Bewerbungsmappen in allen Farben und Materialien gefangen. Vielleicht wurden die meisten meiner Mappen nicht einmal geöffnet. Vielleicht kommen sie jungfräulich wieder zu mir zurück. (Hätte ich die technische Ausstattung und Expertise, würde ich meine Unterlagen auf Fingerabdrücke untersuchen lassen. Da ich aber weder das eine noch das andere habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu mutmaßen.) Ein sehr weiser Mensch hat mir den perfekten bildhaften Vergleich gegeben. Ich bin wie eine Fliege, die immer und immer wieder gegen eine Glasscheibe fliegt und sich fragt, warum sie nicht raus kommt. Das ist so treffend. Ich bin diese Fliege. Und ich versuche es und versuche es und wundere mich, warum ich es nicht schaffe und warum ich nicht voran komme. Ein paar Millimeter trennen mich von meinem Ziel. Ich weiß, was ich will, ich kann es sogar sehen, fast schon schmecken und riechen, aber ich komme nicht hin. In solchen Momenten ist es am besten das zu tun, was ich am schlechtesten kann, nämlich damit aufzuhören es zu versuchen. Zu warten. Geduldig zu sein. Die Fliege muss sich hinsetzen, kurz verschnaufen und dann die Richtung ändern. Sie muss einen anderen Weg finden. Vielleicht ist es ein Umweg, vielleicht ist es nicht der Weg, den die Fliege gehen will, aber vielleicht führt dieser Weg letzten Endes nach draußen, und da will sie doch hin. Vielleicht hören Sie es heraus. (Wenn nicht, dann ist Ihr Feingefühl vielleicht einen Hauch zu wenig weit ausgebildet). Es geht mir zur Zeit nicht gut. Und ja, ich weiß, dass solche Phasen zum Leben dazu gehören. Und mir ist auch klar, dass es (sehr viele) Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als mir und die sich solche luxuriösen, süßen kleinen Probleme wünschen würden. Doch in meiner beschränkten Weisheit reichen sie mir völlig. Es kann ja nicht jeder ein Ghandi sein. Ich will nicht die Welt verändern, ich will nur mein Leben in den Griff bekommen. (Obwohl mir einige Dinge einfallen würden, die ich doch sehr gerne


verändern würde, aber mein Wirkungskreis ist so erschreckend klein, dass es mich einer Depression noch näher bringen würde, dächte ich weiter darüber nach. Wenn ich einen Hungerstreik starten würde, würde das kaum einer mitbekommen. Das wäre ein sehr kleiner und intimer Hungerstreik. Aber wie schon gesagt. Ich bin kein Ghandi. Ich bin eine Fliege. Eine Fliege mag klein sein, doch sie ist auch zäh. (Wenn es nicht gerade eine Eintagsfliege ist und mein Selbstwert ist momentan vielleicht nicht in der besten Verfassung, vielleicht sogar schwerverletzt, aber ich bin keine Eintagsfliege …) Und auch, wenn es mir zur Zeit nicht wirklich gut geht und ich nicht tanzend und pfeifend durchs Leben springe, wenigstens meinen Humor habe ich mir erhalten können. Ohne Humor wäre es auf dem Nussschalen-ähnlichen Ding auch kaum auszuhalten. Es geht also wieder ein Tag zu Ende. Ein Tag ohne Kopfschmerzen und ohne Augenzucken. Zwar mir schweren Verspannungen, aber ansonsten ziemlich schmerzfrei. Ein gewöhnlicher Tag mit viel Sonnenschein und einem Vorgeschmack auf den Sommer. Diesen Tag widme ich allen Fliegen da draußen, die, genau wie ich, gegen Glasscheiben fliegen und sich anschließend über die Kopfschmerzen wundern. Ich wünsche all den Fliegen, dass sie sich hinsetzen, verschnaufen und einen anderen Weg finden werden. Einen Weg, der sie vielleicht überrascht und den sie vielleicht nicht gehen möchten, der sie aber letzten Endes dort hin bringt, wo sie hin wollen. Und ich wünsche mir, dass ich eine von den Fliegen sein werde.


http://www.artphoria.de/Work/6EB43581-4B42-40C3-8239-BA88260E2BB0/FF723E1C-48A6-446A-830F-B38EA142DE