Issuu on Google+

Bruchstücke aus meinem Leben – 29.03.2010 Ein neuer Tag. Anfangs ohne Kopfschmerzen. Das Augenlid zuckt (aber nur das linke…).Die Zeit umgestellt, doch das Leben fühlt sich irgendwie genauso an. (Aber mein Abendessen war außergewöhnlich gut – das sollte ich nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen.) Vor ein paar Tagen schien ein neuer Abschnitt eingeläutet, doch so neu scheint er dann doch nicht zu sein. Mein Twingo ist zurück. Das ist schön. Am selben Tag habe ich die Kündigung für den Tiefgaragenstellplatz im Briefkasten gefunden. Das ist nicht so schön. Ich also los und einen Anwohnerausweis beantragt. Es ging tatsächlich recht schnell und unkompliziert. Am selben Abend stelle ich dann fest, dass mein Ausweis nur für den Bereich St. Vinzenz Viertel gilt (von diesem Viertel habe ich nebenbei bemerkt noch nie etwas gehört). Auf der anderen Straßenseite darf man nur mit einem Ausweis für das St. Benno Viertel parken (das ich auch nicht kannte – ich dachte doch tatsächlich, ich wohne in Neuhausen?), obwohl das direkt gegenüber von meinem Wohnhaus ist. Ich frage mich, wer sich diese Raffinesse wieder hat einfallen lassen. Wer es auch war, er muss einen wirklich schlechten Tag gehabt haben. Oder kein Gehirn. Oder einen perversen Sinn für Humor. Anders kann ich mir so eine schwachsinnige Regelung nicht erklären. Dann parke ich eben 200 Meter weit entfernt, obwohl direkt gegenüber vier Parkplätze frei sind. Toll. Das ist nicht tragisch, aber irgendwie unnötig. So wie Fußpilz. Es gibt Menschen, die verdienen 16000 Euro pro Monat. Gewusst habe ich das schon, aber so richtig überrissen habe ich es nicht. Seit gestern weiß ich es besser. Es gibt also Leute (in meinem Alter – und wenn man es genau nimmt, noch jünger als ich), die tatsächlich jeden Monat einen solchen Betrag überwiesen bekommen. Und dann gibt es welche, die sind um einiges älter als ich, die arbeiten (auch Vollzeit) und verdienen 1600 Euro (beides brutto). Manchmal frage ich mich, wer den Wert für Arbeit festlegt. Warum ist die Arbeit eines Paketzustellers oder Müllmanns oder einer Nachtschwester so wenig wert? Warum verdienen Menschen im Verkauf so miserabel? Und was ist mit Altenpflegern? Oder Schichtarbeitern und Automechanikern? Ist denn das, was die machen nicht wichtig? Manche Menschen stehen den ganzen Tag in Fabriken. Sie ertragen den Lärm und das künstliche Licht von Leuchtstoffröhren. Sie fertigen ab. Man sieht sie nie. Man würde erst merken, dass es sie gibt, wenn sie die Arbeit niederlegen. Erst, wenn Städte im Müll ersticken, oder die Lastwagenfahrer aufhören würden, die Lebensmittel heranzuschaffen, oder die Sanitäter nicht mehr ausrücken, oder die Regale im


Rewe leer blieben, würden wir bemerken, auf wessen Schultern das System lastet. Wenn der Winterdienst kein Salz mehr streut, die Putzkolonnen den Wischmopp nicht mehr schwingen, oder die Nachtschwestern zu Hause bleiben, werden wir feststellen, dass viele der richtig gut bezahlten Stellen völlig überflüssig sind. Werbeleute braucht eigentlich kein Mensch. Ja, sogar ganze Marketing-Abteilungen, könnte man eigentlich dicht machen. Modezeitschriften, PR-Agenturen, all diese angesagten Berufe sind im Grunde genommen absolut überflüssig. Und all die Berater, die den ganzen Tag nur schwafeln, auf die könnte man doch auch verzichten, oder braucht man die wirklich so dringend? Die beraten vor sich hin und streichen tausend Euro pro Tag ein. In der Uni hat man uns erzählt, dass die Höhe des Einkommens meist direkt Proportional zur Verantwortung ist. Je mehr Verantwortung, desto mehr Geld. Das klingt irgendwie einleuchtend. Das verstehe ich. Was ich aber nicht verstehe, ist diese seltsame Definition von Verantwortung. Als die Banken Milliarden an die Wand gefahren haben, wo waren da die Verantwortlichen? Die haben verdient, wie Verantwortliche, und dann will es plötzlich niemand gewesen sein. Wie im Kindergarten. ‚Ich war’s nicht! Er war’s!’ Ja, wer war es denn nun? Eigentlich müsste man nur die Einkommens-Leiter hoch genug hinaufsteigen und dann doch logischerweise die Verantwortlichen finden. Die Berater haben faule Geschäfte angepriesen und illusorische Renditen versprochen, die sie dann leider nicht halten konnten. Und dann? Ja, dann haben viele Menschen viel Geld verloren. Das kann passieren. Risiko eben. Doch was waren die Folgen? Sitzen diese Berater und Manager im Gefängnis? Mussten sie mit ihrem Privatvermögen haften? Nein. Manch einer wurde der Menge zum Fraß vorgeworfen und ist dann (mit einer dicken Abfindung im Säckel) vom Platz gegangen, um dann woanders zu beraten. Sind das etwa die Folgen für massives Missmanagement? Der Staat springt ein, weil man es sich nicht leisten kann, die ganz großen pleite gehen zu lassen? Wenn ein kleines Unternehmen bankrott ist, dann interessiert das keine Sau. Dieses Unternehmen geht eben in eine Statistik ein. Der Index ändert sich. Und das ist alles. Ich glaube, das ist mein Problem. Man dürfte nicht zulassen, dass einzelne Unternehmen so groß werden, dass man es sich nicht leisten kann, sie pleite gehen zu lassen. Denn sonst können sich solche Riesen eigentlich alles erlauben. Der Staat wird’s schon richten, wenn’s richtig eklig wird. Und was machen sie Banken? Zahlen weiter eifrig Boni an ihre Mitarbeiter, während anderswo die Leute Hartz IV beantragen und ihre Existenz verlieren; während wieder andere


sich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass Unternehmen auf Kurzarbeit umstellen und andere einen Einstellungsstopp verkünden, weil sie haushalten müssen. Ich glaube ja nicht, dass diese Art von Verantwortung eine Änderung zur Folge hat. Und ich kann irgendwie verstehen, dass diese drei Rentner ihren Anlageberater entführt haben. Sicher ist das nicht legal, aber war denn das, was er gemacht hat, legal? Der wird sich von nun an wenigstens zwei Mal überlegen, was er Leuten empfiehlt. Der hat bestimmt mehr daraus gelernt, als die paar Hanseln, die einen sanften Klapps auf die Finger bekommen haben und ansonsten so weiter machen, als wäre nichts gewesen. Manchmal frage ich mich einfach, warum eine Stunde eines Menschen weniger wert ist, wenn er U-Bahnen fährt oder Semmeln verkauft. Ich wüsste gerne, warum meine Zeit weniger kostbar ist, als die der Bankangestellten? Und ich würde zu gerne verstehen, warum jede Art der sozialen Arbeit fast damit gleichbedeutend ist, Sozialhilfe beantragen zu müssen. Alle reden immer davon, wie der Westen die Entwicklungs- und Schwellenländer ausbeutet. Das ist sicher richtig. Aber man muss ja noch nicht einmal so weit gehen. Was ist mit der Ausbeute des Westens im Westen? In den eigenen Reihen? Was ist mit all den Menschen, die all die Arbeiten machen, die zwar wichtig, aber nicht besonders prestigeträchtig sind? Man bedankt sich nie bei seinem Briefträger für all die pünktlich gebrachten Zustellungen, man regt sich nur auf, wenn der ersehnte Brief mal nicht schnell genug kommt. Niemand lächelt, alle haben es eilig. Und wenn man jemanden anlächelt, kommt es nicht selten vor, dass das Gegenüber nur irritiert ist. Die meisten Menschen fühlen sich eher belächelt, als angelächelt. Es heißt, der Mensch sei ein soziales Wesen. Wenn ich mich so umschaue, sehe ich relativ wenig davon. Ich sehe nur viele BMWs und Audis und Mercedes Benz. Ich sehe Krawatten und teure Anzüge. Ich sehe Rindsleder-Aktentaschen und Blackberrys. Eine Masse an Egozentrikern, die sich die Finger nicht schmutzig machen will, sondern lieber in Banken arbeitet. Um den Müll und die Senioren soll sich doch jemand anders kümmern. Irgendein Ausländer oder ein Gastarbeiter, der irgendwie hier hängen geblieben ist. Ich werde in Zukunft immer mal wieder leicht wehmütig an einen Artikel im Spiegel zurückdenken, in dem von britischen Bankmanagern berichtet wurde, die sich nicht mehr aus ihren Villen trauten, weil sie um ihr Leben fürchteten. Das ist der Preis, den man zahlt. Das sind Folgen nach meinem Geschmack.


Es gibt Menschen, die verdienen 16000 Euro im Monat. Und es gibt welche, die verdienen noch mehr. (Und damit meine ich nicht die ganzen Hollywood-Schauspieler, denen man wenigstens noch zu Gute halten muss, dass es ziemlich stressig sein kann, ein HollywoodSchauspieler zu sein. Denn da sind all die garstigen Zeitungsartikel und die Nahaufnahmen von Orangenhaut und die Paparazzi, die für ein gelungenes Foto wirklich alles tun würden… Die ‚verdienen’ sich ihr Geld in meinen Augen eher, als all die Bank-Futzis, die alle kein Gesicht und oft auch keine Seele haben.) Manchmal stelle ich mir eine Welt vor ohne Busfahrer, ohne Mechaniker, ohne Briefträger und Paketzusteller, ohne Nachtschwestern und ohne Pflegepersonal. Ohne Putzkräfte und Verkäufer, ohne Müllmänner und den Winterdienst, ohne soziale Wesen. Übrig wären Chaos und natürlich eine schimpfende Schicht ‚zu-viel-Verdiener’. Wie kann es denn sein, dass sich niemand daran stört? Wie kann es sein, dass alles genauso weitergeht, wie davor? Hat denn niemand aus den Fehlern gelernt? Und waren da nicht ein paar Leute, die vor den Auswirkungen der Finanz-Tricks gewarnt haben? Die paar wirklich guten Berater, denen keiner zuhören wollte? Ich gehöre eigentlich nicht zu den Menschen, die regelmäßig solche Sätze sagen, wie ‚Das ist so unfair!’ (Zugegeben, manchmal denke ich so was schon, weil ich einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe, doch mit der Zeit habe ich eingesehen, dass wirklich nichts gerecht ist. Und jeder, der sich anschaut, was so alles passiert, wird mir recht geben. Das alles hat mit Fairness nicht viel zu tun.) Um Unklarheiten zu vermeiden, möchte ich kurz erwähnen, dass mir klar ist, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der die Höhe des Einkommens den Wert eines Menschen zu definieren scheint, und obwohl mir im tiefsten Inneren klar ist, dass das nicht wirklich stimmt, komme ich manchmal nicht umhin, mich genauso klein zu fühlen, wie ich gesellschaftlich gesehen nun einmal bin. Und ich wünschte, ich wäre gefeit gegen solche Gefühle. Fakt ist: Ich verdiene keine 16000 Euro pro Monat und das werde ich vermutlich auch nie. Fakt ist: Ich finde es erschreckend, wie sehr Geld die Welt regiert. Und Fakt ist: Es ärgert mich, wie wichtig (mir) Geld ist. Doch, wenn ich ganz ehrlich bin (vor allem zu mir selbst), gibt es doch Wichtigeres. Und damit will ich nicht sagen, dass Geld nicht wichtig ist. Doch meine Träume sind mir mehr wert, als 16000 Euro im Monat. Und ja, das ist vielleicht ziemlich naiv. Doch dann bin ich eben naiv und warte darauf, dass etwas passiert. Wer weiß, vielleicht kommt der Tag wieder, an dem sich Finanzberater nicht mehr aus ihren Villen trauen. Ich würde mich freuen. Wenn man es genau nimmt, wird dieser Tag sicher kommen, wenn sich nichts ändert, und das wird es ja nicht. Vielleicht schneller, als man denkt…


Und deswegen lehne ich mich zurück. Nach wie vor erfolglos. Und warte. Und während ich das tue, danke ich all den ‚unsichtbaren’ Menschen, die die wirklich wichtigen Dinge machen. Die Dinge, die einem Großteil der Menschen das Leben so sehr erleichtern und bereichern. Ich danke Ihnen vielmals. In meinen Augen ist Ihre Arbeit (und damit auch Ihre Zeit) mindestens genauso viel wert, wie die eines Bank-Managers.


http://www.artphoria.de/Work/6EB43581-4B42-40C3-8239-BA88260E2BB0/FF723E1C-48A6-446A-830F-B38EA142DE