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Ihr Gesicht erhellte sich, als es draußen dunkel wurde und es anfing zu regnen. Die alte Frau liebte schlechtes Wetter. Da gab es keine kleinen, nervigen Kinder, die sie an der Tür wegen Süßigkeiten belästigten, oder stinkende, ekelhafte Obdachlose, die um Geld bettelten. War es denn ihre Schuld, dass diese Leute zu dumm waren, um sich einen Job zu besorgen? Oder um ihren Herd auszustellen, damit ihr Haus nicht abbrennt? Ganz gewiss nicht! Die sollten ihr bloß vom Hals bleiben! Als sie sich mit ihrer Tasse Tee auf ihre Veranda setzte, um den Regen zu beobachten, fiel ihr ein Vogel auf, der immer wieder im Sturzflug auf den Boden sank, immer auf dieselbe Stelle. Da freute sie sich noch mehr und zog die Tür auf, um dem elenden Schicksal eines klebrigen Wurm oder einer nervig piepsenden Maus zuzugucken. Sie konnte die Viecher sowieso nicht leiden, sollten sie doch sterben. Als sie näher hinsah, erkannte sie eine fette, hässliche Kanalratte. Doch auf einmal verspürte sie den Drang, diesem Geschöpf zu helfen. Sie glaubte sogar an eine Verbindung zwischen sich und der Ratte. Also lief sie zu der Ratte, verscheuchte den Vogel und nahm die Ratte in einem Handtuch mit in ihr Haus. Die alte Frau fühlte sich gut. Wenn ihre Tochter mit ihrem aufgeblasenen Ehemann am Samstag kommen würde, würden die staunen. Ja, auch sie war fähig, freundlich zu sein, würde ihre Tochter dann denken. Wenn sie dann um mehr Geld bitten würde, dass sie jeden Monat von ihnen zum Leben erhält, wäre das dann kein Problem. Außerdem war das auch viel zu wenig. Sie hatte in ihrem Leben nicht gearbeitet und hatte deswegen auch keine Versorgung fürs Alter. Als ob ihre Tochter mit diesem winzigen Betrag an Geld überleben könnte! Sie stellte der Ratte eine Schale Milch vor die Nase, doch die wollte davon nichts wissen und wollte nur wieder nach draußen. „Wie dumm kann man eigentlich sein?“ denkt sich die Frau. Als sie die Ratte packt und mit dem Kopf in die Milch drückt, beißt diese sie in den Finger. „Undankbares Viech!“ bricht es aus der alten Frau zornig heraus, geht zur Tür und wirft die Ratte auf die Wiese, wo der Vogel noch wartet. Ruhig nimmt sie ihre Tasse und schaut dem Vogel beim Fressen zu.

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